Berlin (letztes Zimmer), 14. Mai

Über das Wochenende fahren wir zu Ks Eltern und schlafen in einem Teil des Wohnzimmers, der sich mit einem Vorhang abtrennen lässt. Die Wohnung liegt in der ersten Etage, besitzt allerdings einen Garten auf der von der Straße abgewandten Seite, einen Garten, der höher liegt als das Erdgeschoss und auch über einige Treppenstufen gleich neben der Haustür zu erreichen ist. Man nimmt die wenigen Stufen, biegt in einen schmalen Gang, den das Wohnhaus auf der rechten und der Zaun des Nachbargrundstücks auf der linken Seite begrenzen, und landet schließlich vor einem blauen Tor. Dieses Tor ist immer abgeschlossen, denn nur Ks Eltern haben Zutritt zum Garten, an dessen Rändern hohe Hecken wachsen. Allerdings betritt man das Grundstück normalerweise nicht auf diesem Weg, sondern über eine mannshohe Schiebetür, ein großes Quadrat aus Glas, welches das Wohnzimmer mit dem Garten verbindet.

Der Garten muss ein Neidobjekt für alle anderen Mieter sein, denke ich. Die übrigen Wohnungen in der zweiten und dritten Etage besitzen ausladende Balkone, aber ein Balkon ist mit einem Garten natürlich überhaupt nicht zu vergleichen. Egal wie aufwändig man einen Balkon auch herzurichten versucht, egal wie viele Blumentöpfe und exotische Pflanzen man zusammenträgt, am Ende bleibt doch alles eine eher traurige Angelegenheit und reicht an das, was man nachbilden möchte, nicht heran, einen Garten nämlich.

Es gibt Beete voller Tulpen mit roten Kelchen, die Wiese ist von Gänseblümchen übersät, die Erde in den hohen Blumenkübeln mit Brennnesseln bedeckt, die gegen Schädlinge schützen. Vergissmeinnicht wächst in der Sonne und an einem Erdbeerstrauch hängen die ersten Früchte, die eigentlich Nüsse sind, aber wer denkt im Alltagsverkehr schon an eine Nuss, wenn er an eine Erdbeere denkt.

Ich darf eine der Beeren pflücken und halte sie fachmännisch unter meine Nase, als würde ich die Güte des Naturprodukts prüfen.

„Die riecht ja richtig nach Erdbeere“, sage ich.

Ich beiße die Hälfte der ziemlich großen Beere ab und stelle fest, dass sie auch ausgesprochen intensiv nach Erdbeere schmeckt. Hat man sich erst einmal an Supermarktfrüchte gewöhnt, stellt die Begegnung mit einer tatsächlichen Frucht stets so etwas wie ein religiöses Erlebnis dar, das einem blitzartig das falsche Bewusstsein offenbart, mit dem man sich jahrelang der Welt der Früchte angenähert hat.

Ich laufe über die Wiese, sehe mir das Trampolin an, das Ks Eltern für die Enkelkinder aufgestellt haben, sehe die alte Zwetschge, den Apfelbaum und schließlich jene Skulptur aus Speckstein, die K vor fünfzehn Jahren im Kunstunterricht angefertigt hat – das unverwechselbare Gesicht aus Munchs Der Schrei mit dem Titel Exclamatio auf der Plinthe, der mich etwas irritiert, denn ich frage mich, ob Ks Kunstlehrerin vor fast zwei Jahrzehnten möglicherweise eine Verbindung zwischen Lessing und den norwegischen Maler herzustellen versuchte. Dann beobachte ich ein paar Bienen, die torkelnd das Vergissmeinnicht umschwirren und, sobald sie ihre pollenbeschwerten Körper auf den blauen Landezonen niederlassen, die gesamte Pflanze in Richtung Boden drücken.

Heute ist ein schöner Tag. Die Luft ist mild und die wenigen Wolken über uns lösen sich sehr schnell auf. Man läuft im Garten herum, schaut nach oben, da ist eine Wolke, dann setzt man sich auf einen der Gartenstühle und schon ist die Wolke über dir spurlos verschwunden.

Ein unsichtbarer Rasensprenger läuft in einem der angrenzenden Gärten und füllt mit seinem abgehackten Staccato den Nachmittag aus. Ich frage mich, wie viel Wasser dieser unsichtbare Garten verträgt und ob seine ebenso unsichtbaren Besitzer möglicherweise einen Wüstenabschnitt bewässern, ein Grundstück, in dem ein einzigartiges Mikroklima herrscht, das besondere Aufmerksamkeit verdient.

Hin und wieder setzt sich auch das hölzerne Windspiel in Gang und schlägt einige Takte. Dumpf, hell, ein träger Wechsel der Töne, die Klangfarben sind dabei ganz unterschiedlich, doch es entsteht keine Melodie. Eher eine verlorene Abfolge unverbundener Klopfgeräusche. Das Spiel dreht sich im Wind um sich selbst, der Klöppel führt ein Eigenleben und die verschieden langen Röhren aus Holz pendeln schwerelos, schlagen aneinander, schwingen von einer zur anderen Seite, immer im Wechsel, bis der Wind an Kraft verliert.

Vom Wohnzimmer aus bekommt man den Großteil des Gartens in den Blick und sieht den Apfelbaum.

Von einem Zimmer aus einen Baum betrachten zu können, besonders einen Baum, der sehr nah an der Hauswand wächst und sich aus diesem Grund gut beobachten lässt, ist ein nicht zu unterschätzendes Glück. 

Als ich unsere WG in der Danziger Straße am Ende meines Studiums verließ, um in meine erste, eigene Wohnung in der Heinz-Kapelle-Straße zu ziehen, war es ein solcher Baum, den ich gleich beim Eintreten in die Dachgeschosswohnung hinter den Fenstern entdeckte, ein riesiger, alter Ahorn, der vor der Brandmauer des gegenüberliegenden Gebäudes wuchs. 

Ich unterbrach den Vortrag der Maklerin, die mich an eine Exfreundin meines Onkels erinnerte, eine füllige Frau Mitte dreißig mit blonden Haaren und undefinierbarer Kleidung und sagte, dass ich die Wohnung nehmen würde.

„Aber sie haben doch erst den Flur gesehen“, antwortete sie.

„Die Tür zum Zimmer steht offen“, erklärte ich, fühlte mich aber dennoch ertappt und meine Befähigung zur Bewertung von Mietwohnungen klar in Frage gestellt. Bis heute geben mir Makler das Gefühl, stets die wirklich wichtigen Details zu übersehen, die über die Güte eine Wohnung entscheiden und mich damit als hilfloser Amateur zu erkennen zu geben, den man am Ende spielend über den Tisch ziehen kann. 

Ein paar Minuten später standen wir in der Küche, einem quadratischen Raum mit einem Fenster, einer Spüle und einem Herd.

„Einer unserer Mieter hat sich einen Flachbildschirm in die Küche montiert“, sagte sie und zeigte auf die dem Fenster gegenüberliegende Wand.

Irgendetwas Trostloses lag in dieser Bemerkung, die mir wahrscheinlich die Vorzüge der Wohnung vor Augen führen sollte, in mir aber nur das Bild eines Mannes jenseits der Vierzig wachrief, der allein in einer winzigen Einraumwohnung lebte und, da er unter Platzmangel litt, seinen Fernseher in der Küche unterbringen musste. Dort starrte er auf den Bildschirm, den durch das Fenster fallenden Hinterhof im Rücken, ohne von der Außenwelt etwas mitzubekommen.

„Ich habe keinen Fernseher“, sagte ich, was eine dumme Antwort war, denn wie sollte ein anderer schon auf einen solchen Satz reagieren? Damals dachte ich wahrscheinlich, mein Anderssein durch eine derartige Bemerkung herauszustellen, doch vom verwunderten Blick der Frau las ich nichts weiter ab als die Irritation über einen verschrobenen Fünfundzwanzigjährigen, der vielleicht noch ein Student war, vielleicht aber auch nicht.

Ohne die Bürgschaft meiner Eltern hätte ich die Wohnung damals nicht bekommen. Sie war bezahlbar, ich konnte sie mit meinem Nebenjob im Buchladen finanzieren, aber die Kaution blieb dennoch zu hoch.

Als ich die Zusage schließlich erhielt, war ich gerade auf der Greifswalder Straße unterwegs, brachte eine Kreuzung hinter mich und bog auf die Danziger Straße in Richtung meiner alten Wohnung ein.

Zum zweiten Mal in meinem Leben erfasste mich eine alles Maß sprengende Euphorie. Das erste Mal hatte mich diese Euphorie in Wien überrascht, als ich mich in ein Mädchen verliebte. Plötzlich schien sich die Welt, die ich bis dahin eher distanziert beobachtet hatte, ohne wirklich an ihr teilzunehmen, vor mir zu öffnen und ich, ich hatte keine Bedenken mehr. Meine Ängste lösten sich mit einem Mal auf, sie verschwanden mit schockierender Geschwindigkeit und gaben mir dadurch zu verstehen, wie unerheblich die Angst am Ende war, die ich für so unüberwindlich gehalten hatte, für eine Macht, gegen die man nicht ankam, vor der man sich verstecken, vor der man kapitulieren musste. Damals, in meinem Austauschsemester in Wien, begann ich sogar zu verstehen, dass von einem bestimmten Standpunkt aus überhaupt keine Angst existierte, dass man hinter der Angst einen Bereich betreten konnte, der Unbeschwertheit hieß, einen ungewohnten, aber wunderbaren Bereich, den ich nicht für möglich gehalten hatte.

Und noch etwas anderes wurde mir schlagartig klar.

Ich wollte hinein in die Welt.

Zum ersten Mal dachte ich damals diesen Gedanken. Ich wollte hinein in die Welt, das Reisen erschien mir plötzlich nicht mehr unmöglich und fremd, es wurde vielmehr zu einer Notwendigkeit. Fernweh tauchte in mir auf. Hatten meine Freunde früher über dieses Fernweh gesprochen, verstand ich nie ganz, was sie mit ihren Sätzen meinten. Jetzt aber begriff ich ganz unerwartet, wovon sie damals mit großen Augen erzählt hatten. Ich wollte mit dem Mädchen verreisen, ich würde alles aufgeben, ich würde zum Nomaden werden und meinetwegen auch zum Beduinen, ich würde Rancher sein in Argentinien, ich würde einfach alles sein, denn das Leben, das ich plötzlich in mir fühlte, war kein Bruchstück, es war ein Ganzes und deshalb musste derjenige, der ein Leben lebte, auch alles erleben, er musste alles sein, alles fühlen, nicht einfach nur die moderaten, geglätteten Wogen des Alltags, nein, er musste brennen wie im Fieber, ein Zustand, von dem ich immer nur gelesen hatte, um gleichzeitig zu glauben, dass alles wäre bloße Fiktion, eine solche Leidenschaft sei im Leben kaum möglich.

Mit einem Mal schreckte mich nichts mehr ab. Ich musste hinaus, einfach nur hinaus, die Freiheit war greifbar, sie stand mir offen, hatte mir sogar immer offen gestanden, obwohl ich für sie keinen Blick besessen hatte. Ich war blind, ja, am Ende war ich unter all meiner Unsicherheit und Ängstlichkeit blind für die Welt.

Jetzt lief ich über den breiten Bürgersteig in Berlin, der dem Bürgersteig in Wien ein wenig ähnlicher sah also zuvor, lief vorbei an der Praxis des Zahnarztes, der sich einmal kaum noch eingekriegt hatte, als ich ihm erzählte, ich würde Literaturwissenschaften studieren, ein Lachen, das er nur schwer unter Kontrolle brachte, derart absurd kam ihm dieses Studium vor, obwohl seine Praxis ganz und gar nicht danach aussah, als gehörte er zu jener Klasse Zahnärzte, die sich mit allen möglichen Prothesen eine goldene Nase verdienten, und während ich die leicht ansteigende Danziger Straße in Richtung Prenzlauer Allee hinauflief, überstürzte sich alles mir, plötzlich gab es dieses unfassbare Drängen wieder wie damals in Wien, eine richtungslose Energie, eine Leidenschaft ohne Namen, mein ganzer Körper stand unter Strom.

In diesem Augenblick, mit der Zusage für meine erste eigene Wohnung in der Tasche, fühlte ich mich frei. Einer der wenigen Momente in meinem Leben, in dem die Freiheit nicht ein ungefährer Begriff blieb, dessen Bedeutung man dunkel erahnte, sondern eine unleugbare Präsenz, die das Verständnis für die Dimensionen echter Freiheit enthielt, für das, was Freiheit in manchen Momenten bedeuten kann. 

Einige Wochen später zog ich aus der WG aus, in der ich fast fünf Jahre gelebt hatte. Ich ließ Chris und Hannes, der erst vor wenigen Monaten zu uns gezogen war, nachdem Melli die Wohnung verlassen hatte, zurück. Mara, die an der Freien Universität ihren Master in Soziologie beendete, lebte mit uns zusammen, aber wer meinen Platz in der alten Wohnung einnahm, kann ich heute nicht mehr sagen. 

Die Zeit unserer kleinen Gemeinschaft schien ohnehin gezählt und ich hatte mich, ohne das zu bemerken, in den letzten Überlebenden einer ursprünglichen Besatzung verwandelt. Micha lebte seit gut zwei Jahren mit seiner Frau in Wien, André seit Monaten in Marseille, um sich für die Aufnahmeprüfung in Stanford vorzubereiten. Melli hatte erst vor Kurzem die WG verlassen und wohnte nun außerhalb des Rings in einer Einraumwohnung. Und jetzt machte auch ich mich also auf den Weg und spürte, dass ich damit ein Kapitel beendete, eine Geschichte zum Abschluss brachte, die mein Studium enthielt und alles, was sich in den Jahren meines Studiums abgespielt hatte. 

Selten gab es diese klaren Schnitte im Leben, ein deutliches Gefühl für einen Anfang und ein Ende und das, was zwischen beiden lag. Ein Gefühl für die durchlebten Episoden gewann man häufig erst später, sobald man zurückblickte, um die groben Linien auszumachen, denen man bewusst oder, ohne davon zu ahnen, gefolgt war, die einen bewegt hatten, in eine unbestimmte Richtung gespült. Als ich auszog, verstand ich, was passierte. Ich fühlte das Ende jenes Zeitabschnitts, der sich von mir unaufhaltsam entfernte, doch meine Euphorie ließ damals keine sentimentale Traurigkeit zu. Ich spürte das Ende, doch der Neubeginn besaß eine weitaus größere Macht.

Gemeinsam mit meinem Vater und meiner Schwester richtete ich die neue Wohnung ein. Wir verlegten einen Teppich in meinem Zimmer, denn alle Böden waren mit scheußlichem Linoleum versehen, das ich, zumindest dort, wo ich schlafen und schreiben wollte, nicht ertrug. Wir kauften einige Möbel bei IKEA und ich platzierte meine Einzelmatratze ohne Bettgestell und Rost unter den Fenstern. Davon hatte ich immer geträumt. Kein Bettgestell, sondern die Matratze direkt auf dem Boden, wie in einem französischen Film, wie in Permanent Vacation von Jim Jarmusch und dazu Bücherstapel überall, kleine Büchertürme vor den Wänden.

Als mein Vater und meine Schwester sich wieder auf den Weg machten, begann ich, die Kartons auszupacken und Bilder aufzuhängen. 

Ich schlug einen Nagel in die Wand und hängte die gerahmte Collage von Katharina daran auf, die sie mir zum Geburtstag geschenkt hatte. Dann verteilte ich die Fotos und die aus Zeitungen ausgeschnittenen Bildern, die ich mit Klebestreifen befestigte. Ich packte meine Bücher aus, räumte sie in die weißen Billy-Regale, darunter das tonnenschwere zehnbändige Kunstlexikon, in das ich für meine Abschlussprüfung in Kunstgeschichte einmal geschaut hatte und das ansonsten nichts weiter war als ein unnötiges Gewicht, das Staubflusen magisch an sich zog. Ich holte meinen alten Marantz-Plattenspieler aus einer der Umzugskisten, positionierte ihn am Ende meiner Matratze und schob die Platten in ihren durchsichtigen Plastikkästen an seine Seite. 

Den neu gekauften, runden Tisch aus dunklem Holz platzierte ich in der Mitte des Zimmers. Ich hatte viel Wert auf diesen Tisch gelegt und mich von meiner Entscheidung auch nicht abbringen lassen, als mein Vater erklärte, der Tisch sei zu wuchtig und außerdem kein Schreibtisch, sondern ein Esstisch.

Jetzt, im montierten Zustand und in der Mitte meines nicht allzu großen Zimmers, versuchte ich mir immer noch einzureden, ich hätte die richtige Wahl getroffen und dieser Tisch aus dunklem Holz sei nicht einmal ansatzweise wuchtig oder sperrig, sondern füge sich wunderbar in meine neue Wohnung ein. Doch je öfter ich mein Zimmer betrat, umso nachdrücklicher musste ich mich gegen den in mir aufsteigenden Zweifel wehren, wahrscheinlich doch ein viel zu klobiges Möbelstück gekauft zu haben, während ich mich an dem dunkelbraunen Ungetüm vorbeizwängte. Im Möbelladen hatte alles gepasst, ich hatte mir ein geglücktes Arrangement vorgestellt, doch jetzt, in meinem tatsächlichen Zimmer, wurde ich den Zweifel nicht mehr los. Warum hatte ich überhaupt einen runden Holztisch ausgesucht? Warum ausgerechnet dunkles Holz?

Obwohl meine Prüfungen und die Magisterarbeit hinter mir lagen, blieb ich für das laufende Semester eingeschrieben. Deshalb konnte ich mein Studententicket für die Öffentlichen weiter nutzen und auch im Buchladen arbeiten, denn die Stelle, die mir etwas mehr als zehn Euro in der Stunde einbrachte, was damals ziemlich ungewöhnlich war, knüpfte sich an meinen Studentenstatus.

Es dauerte einige Wochen, bis ich mich an die Stille in meinem Zimmer gewöhnte. Niemand wartete auf mich, wenn ich die Wohnung betrat. Ich konnte sogar ganze Tage in ihr verbringen, ohne mit einem anderen Menschen ein Wort zu wechseln und begann allmählich zu begreifen, was es hieß, allein zu sein in diesen Zimmern.

Ich saß am Tisch und begann eine längere Erzählung über einen Jungen zu schreiben, der glaubt, etwas verloren zu haben, das er nicht benennen kann. Er irrt durch die Nacht, trifft den Besitzer eines Kiosks, danach einen Straßenkehrer und später ein Mädchen, kann aber niemandem erklären, was er verloren hat. Nur dass er auf der Suche ist, macht er den anderen begreiflich. 

Die Leute sehen ihn verwundert an. Wer kann schon etwas suchen, das sich nicht in Worte fassen lässt?

Ich schrieb immer weiter an dieser Erzählung, ohne recht zu wissen, was ich eigentlich mit dem Schreiben bezweckte. Schrieb ich an einem ersten Buch oder versuchte ich bloß die leere Zeit zu füllen, die es seit meinem Umzug überall gab? Lebte man allein, musste man sich mit seinen Freunden verabreden, man musste sie anrufen oder ihnen schreiben, man traf sie nicht mehr wie früher in der Wohnung oder der Gemeinschaftsküche an. 

Ein simpler Kinobesuch erforderte Planung, da wir in unterschiedlichen Vierteln lebten und einige von uns bereits eine Arbeit gefunden hatten. Erzählten sie von ihren Stellen, von der plötzlichen Veränderung ihrer Tage, die nun hauptsächlich durch die Anwesenheit in einem Büro geprägt wurden, fiel es mir schwer, in einer anderen Weise als völligem Unglauben auf diese Berichte zu reagieren.

In wenigen Monaten würde ich offiziell die Uni verlassen und danach ebenfalls eine Arbeit benötigen, irgendeinen Job, der mich über Wasser hielte. Allerdings war ich nicht im Ansatz in der Lage, mir einen solchen Job vorzustellen. Allein die Beschäftigung mit dieser Frage machte mich nervös und schien die eben erst erkämpfte Freiheit wieder einzuzäunen. Meine Freiheit, wurde mir plötzlich klar, stand auf kraftlosen Füßen, sie war der Begeisterung eines Augenblicks geschuldet, doch ob ich die Kraft besitzen würde, sie zu verteidigen, stand in den Sternen. 

Die Arbeit und das Geld klopften zum ersten Mal an meine Tür, sie besaßen ein eigenes Recht, von dem ich noch nichts ahnte, das ich sogar versuchte zu ignorieren, doch mit der Arbeit und dem Geld tauchte ein Meer aus Unsicherheit vor mir auf, dem ich nichts entgegenzusetzen hatte.

Ratlos saß ich vor meinem Rechner und schrieb an meiner Erzählung. Ich wusste nichts, hatte weder einen Plan noch den Hauch einer Idee. Mit jedem Tag kamen mir die Antworten abhanden, meine Sicherheit verlor sich wie ein Sandkorn bei starkem Wind und ließ nichts weiter als Verwirrung zurück. Ich hatte nie einen Gedanken an irgendeine Arbeit verschwendet und jetzt plötzlich lief alles auf eine solche Arbeit hinaus.

Während ich schrieb, gingen über der Stadt schwere Sommergewitter nieder. In meiner Dachgeschosswohnung wirkte es so, als berührten die dunklen Wolken die Dächer der Gebäude, als zögen sich Himmel und Erde gegenseitig an, suchten die Nähe des jeweils anderen. Der Regen peitschte gegen meine Fenster, der Wind wühlte den Ahorn vor der Brandmauer auf, der sich wie ein Tier schüttelte und am nächsten Morgen fiel mein Blick auf einen nassen Fleck an der Decke.

Das Dach war undicht und hatte dem Wolkenbruch deshalb nicht stand gehalten. Ich machte ein Foto und schickte es mit einer Nachricht an meinen Vermieter, der sich ohne jede Erklärung erst Monate später darum kümmerte. 

In der Zwischenzeit wuchs der Fleck mit jedem neuen Gewitter. Ich stellte einen Topf unter die feuchte Stelle und hörte den auf dem Metall aufschlagenden Tropfen zu. Nach einiger Zeit bedeckte das Wasser den Boden des Topfes und das Klopfen verwandelte sich in ein Plätschern.

Es war Herbst, als ich Melli fragte, ob sie mit mir nach Leipzig ziehen würde. Die Universität lag endgültig hinter mir und meine unbeholfenen Versuche einen Job zu finden, hatten mir nichts als Absagen eingebracht. Das Jobcenter steckte mich schließlich in eine achtwöchige Schulung, in der ich lernte, einen Computer anzuschalten, Microsoft Word zu öffnen, zwischen den Befehlen Laden und Speichern zu unterscheiden. 

In dieser Zeit verschwand das Gefühl für die Freiheit komplett. Der Leiter des Kurses sah aus, als hätte er erst vor wenigen Tagen einen Rave in Amsterdam organisiert und beim Bund dreißig Zentimeter Körpergröße eingebüßt – künstliche Sonnenbräune Ende Oktober, kurze, blondierte Haare und Hosen, die vorn aus Cord und hinten aus Jeans bestanden. 

Er sprach wie ein Unteroffizier, war gnadenlos überheblich und nahm die Kursteilnehmer als Unterlegene wahr, obwohl er keinen halben Satz zustande brachte. Durch seine beispielhaften Bewerbungsszenarien, die er wie Schlachtbeschreibungen zwischen uns streute, verriet er darüber hinaus, selbst niemals an einem Vorstellungsgespräch teilgenommen zu haben. In seinem Kopf gab es keinerlei Substanz oder brauchbaren Rat, alles lief auf die bloße Vortäuschung unbegründeter Dominanz hinaus. 

Er faselte etwas von power poses, stolzierte wie ein Hirnamputierter mit hinter dem Kopf verschränkten Armen im Seminarraum herum und zeigte später, wie man richtig saß, um Eindruck auf den Chef zu machen. 

„Brust raus“, sagte er. „Das gilt nicht nur für den weiblichen Teil der Bevölkerung.“

Wie er es geschafft hatte, dem Jobcenter die Tauglichkeit seines Schulungszentrums vorzulügen, blieb mir bis zum Ende des Kurses ein Rätsel. Doch ganz offensichtlich stellte dieser umfassende Betrug für ihn die einzige Möglichkeit dar, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Keine Sau würde einen solchen Volldeppen einstellen, das war von Beginn an klar, und deshalb gab es für den penetranten Zwerg auch keine andere Lösung, als sich selbst zum Coach zu erklären.

Die anderen Teilnehmer schienen genauso konsterniert wie ich selbst. Bis auf zwei Handwerker bestand der gesamte Kurs aus Akademikern. Eine Opernsängerin war darunter, ein studierter Saxophonist, ein paar Geisteswissenschaftler und zwei Informatiker.

Ich hielt mich von den anderen fern und brachte diese acht Wochen wie eine Freiheitsstrafe hinter mich, fuhr morgens mit dem Rad hinaus nach Pankow, formatierte ein paar Adresszeilen, und fuhr am Nachmittag wieder zurück.

Nach dem Kurs hatte ich alles satt und die Freiheit vergessen.

„Warum fangen wir nicht in Leipzig etwas an?“, sagte ich zu Melli. „Du hast Kontakte zum Theater. Vielleicht können wir da etwas auf die Beine stellen.“

„Du meinst als freie Mitarbeiter?“

„Zum Beispiel.“

Ich überzeugte sie schließlich und wir begannen im folgenden Jahr, uns an den Wochenenden in Leipzig umzusehen. Irgendwann fanden wir tatsächlich eine großzügige Wohnung in Stötteritz mit riesiger Wohnküche und drei Zimmern. Im Vergleich zu Berlin war der Mietpreis ein Witz, anfangs dachten wir sogar, die Makler machten sich über uns lustig, führten uns aus irgendeinem Grund hinters Licht.

Als ich Berlin verließ, spürte ich nichts. Keine Wehmut, keine Erleichterung, nur die zweideutige Freude, eine Stadt gegen eine andere zu tauschen. Vielleicht lag darin bereits ein Neuanfang, sagte ich mir. In einer fremden Stadt von vorn zu beginnen, sich etwas Neues aufzubauen. In Leipzig würde es neue Menschen und neue Möglichkeiten geben. Während ich am Ende meiner Berliner Zeit das Gefühl hatte, stillzustehen und mich in einer stumpfsinnigen Unmöglichkeit zu verlaufen, dachte ich an Leipzig, als dächte ich an ein neues Dokument auf meinem Rechner.

Ich würde mich an den Schreibtisch setzen und von vorn beginnen. Ich würde die Worte laufen lassen und die Worte liefen irgendwohin, denn sie fanden am Ende doch immer ihren Weg. Ich würde mich an eine neue Erzählung machen und die Frage ignorieren, wohin es mit mir gehen sollte. Alles hatte seine Zeit, sagte ich mir, man musste nichts überstürzen. Nur weg musste man, zuerst einmal weg, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Die Welt auf Abstand halten, so gut es eben ging, die Welt samt ihren sinnlosen Forderungen. Und über die Jahre musste man hinaus, über diese sieben Jahre in Berlin, die sich mit einem Mal in etwas verwandelten, das hinter einem lag wie eine Landschaft, die draußen vor den Fenstern des Transporters in den Abendfarben verlöschte, eine Landschaft, die weder bedrohlich noch geheimnisvoll wirkte, sondern eher vertraut. Eine Landschaft, die man sogar ein wenig satt hatte, die man gern gegen eine neue Landschaft tauschte, um endlich aufzuatmen. Eine siebenjährige Landschaft, die bereits aus den Blicken verschwand.

Danziger Straße (4. Zimmer), 5. Mai

Man hatte den gewölbeartigen Saal im Untergeschoss durch Stellwände in zwei abgetrennte Bereiche geteilt. Melli verschwand mit den Frauen nach links, während André und ich mit den Männern den rechten Teil des Saales betraten.

Aufwändig gedeckte Tische nahmen fast die gesamte Fläche des Raums ein. Es gab keine Sitzordnung, jeder setzte sich dort an einen Tisch, wo er sich gerade befand und auf diese Weise kam man schnell miteinander ins Gespräch. 

Ich griff mir neben André einen Stuhl, nahm die Papierserviette von meinem Teller und faltete sie auf. Wenn ich nervös bin oder mich in einer ungewohnten Situation befinde, muss ich meine Hände bewegen, am besten bekomme ich etwas zwischen meine Finger und lenke mich dadurch ab, während ich die anderen betrachte.

Der Saal füllte sich stetig, der Strom der Hochzeitsgäste riss nicht ab. Viele Plätze waren mittlerweile belegt, aber es hatten sich auch kleinere Gruppen gebildet, die am Rand oder zwischen den wie Inseln wirkenden Tischen standen und sich miteinander unterhielten. Viele der Anwesenden schienen sich zu kennen. Sie trafen sich wieder, vielleicht nach längerer Zeit zum ersten Mal, die Gesichter wirkten fröhlich, manche strahlten, es gab Umarmungen und erstaunte Ausrufe des Wiedererkennens.

„Wo sind Micha und Menucha?“, fragte ich André.

Auch er musterte nun mit einer für ihn typischen Gelassenheit den Saal. 

André war von nichts aus der Ruhe zu bringen. Er ertrug selbst die ungewohntesten Situationen, ohne sich in irgendeiner Weise beeindrucken zu lassen. 

„Wahrscheinlich sind sie noch nicht hier“, antwortete er.

Im hinteren Teil des Saals fiel mir ein Gesicht auf. Ein junger Mann, wahrscheinlich in meinem Alter, der mir bekannt erschien.

„Siehst du den Typen dort hinten?“

„Wen meinst du?“

„In der Nähe der Stellwand, an einem der hintersten Tische. Der mit der Glatze.“

„Ist das nicht Ari?“

Als hätte Ari unser Gespräch aus der Entfernung aufgeschnappt, richtete er in diesem Moment seinen Blick auf unseren Tisch, schien kurz zu überlegen und setzte sich dann mit einem nachdenklichen Lächeln in Bewegung.

Ari gehörte zu Michas Freunden aus Berlin. Er war ein paar Mal bei uns in der Wohnung gewesen und besuchte dieselbe Gemeinde wie Micha.

„Ihr seid also auch hier“, sagte er und gab uns die Hand.

Ari war nicht besonders groß, hatte einen kleinen Bauch, der ihn älter erscheinen ließ, als er eigentlich war und ein auffallend ovales Gesicht. Kein Bart, kaum Haare, helle Augenbrauen und Myriaden von Sommersprossen, die sich auf seinen Wangen und seiner Stirn verteilten.

„Wir haben uns wahrscheinlich vorhin in der Menge übersehen“, antwortete André.

„Ich bin auch erst später angekommen und habe nur die letzten Minuten der Zeremonie erwischt“, entgegnete Ari.

„Kommst du aus Berlin?“, fragte ich.

„Ja.“

Ein oder zwei Jahre später, Micha lebte mit seiner Frau bereits seit längerem in Wien, traf ich Ari zufällig auf der Lychener Straße in Berlin.

„Lange nicht gesehen“, sagte ich zur Begrüßung.

„Stimmt“, erwiderte er knapp.

„Wir haben uns seit Michas Hochzeit nicht mehr getroffen, oder?“

„Das kann gut sein.“

„Was hast du in der Zwischenzeit gemacht?“

Er druckste etwas herum, gab mir aber keine Antwort.

„Studierst du noch?“, hakte ich nach.

„Ich war bei der Armee“, sagte er.

Ari, der pummelige, kleine Glatzkopf bei der Armee? Ich konnte es kaum glauben.

„Warum gehst du jetzt noch zum Bund?“, fragte ich. „Aus dem Alter bist du doch längst raus!“

„Ich war bei der Luftwaffe“, erklärte er. „In Israel.“

Ich sah ihn an.

„Ist das dein Ernst?“

Ari nickte.

„Ich muss schließlich mein Land verteidigen.“

Plötzlich war ich unfähig, eine Antwort zu formulieren. Ari sprach ganz offensichtlich ungern über die Armee, er tat das aber nicht, weil er sich für seine Zeit als Soldat schämte, so wie ich es an seiner Stelle getan hätte. Mir wäre niemals in den Sinn gekommen, zur Armee zu gehen und da meine beiden Halbbrüder ihren Dienst in der NVA und der Bundeswehr geleistet hatten, kam ich um die Wehrpflicht glücklicherweise auch ohne größere Probleme herum. Irgendein Gesetz befreite den dritten Sohn einer Familie vom Dienst an der Waffe, damit am Ende jemand übrig blieb, um die Brüder im Kriegsfall zu betrauern und die Familie weiterzuführen. Wahrscheinlich steckte hinter diesem Gesetz eine lange preußische Tradition.

In der Armee verkörperte sich für mich alles, was ich hasste; Korpsgeist, stumpfte Disziplin, Gewalt und Brutalität und der unumschränkte Versuch, den wesentlichen Kern einer Armee – Krieg, Leid und Tod – hinter fadenscheinigen Begriffen zu verschleiern. Hinter den Floskeln der humanitären Einsätze, der Verteidigung der Demokratie oder hinter den fast schon perversen Werbeslogans der Bundeswehr, die von Abenteuer statt von Kriegseinsatz sprachen, von Freundschaft statt von Kollateralschaden, von Entwicklungshilfe statt von Kriegsopfern

Wikileaks hatte damals gerade Collateral Murder veröffentlicht, das Video einer US-amerikanischen Kampfhubschrauberbesatzung, die unter Jubelrufen in eine Gruppe von Irakis, darunter Journalisten und Kinder, feuerte, um sich gegenseitig zu guten Schüssen und toten Bastarden zu gratulieren. 

Das war die Armee. 

Kein Abenteuer, keine glorreiche Schar gutmütiger Helden, die Frieden und Stabilität brachten, sondern hirnamputierte Zwanzigjährige, denen lächelnde alte Herren ein unvorstellbares Waffenarsenal zur Verfügung stellten. Die ganz genau wussten, was sie taten.

Ich spürte deutlich, dass Ari so wortkarg blieb, weil er Kritik von mir erwartete. Weil er wusste, dass Leute wie ich, Studenten, die in Literaturvorlesungen an deutschen Universitäten saßen, um sich abends dreistündige Arthouse-Dokumentationen über die unfassbare Artenvielfalt am Nordpol anzusehen, niemals in ihrem Leben in die Verlegenheit geraten waren, ihre Sicherheit verteidigen zu müssen, ihr Land in einen an den Grenzen tobenden kriegerischen Konflikt verwickelt zu sehen, in Anbetracht einer echten Bedrohung somit vor der Wahl zu stehen, eine Waffe in die Hand zu nehmen oder nicht. 

Ari betrachtete mich damals auf der Lychener Straße mit einer Mischung unterdrückter Verachtung und verbissener Entschlossenheit. Er würde keine Kritik an seiner Entscheidung dulden. Und er tat es deshalb nicht, weil er wusste, dass ich von den Realitäten, in denen er sich bewegt und womöglich gekämpft hatte, nicht das Geringste verstand.

„Da sind endlich Micha und Menucha“, sagte André und wir drehten uns in Richtung der Treppe um, die vom Erdgeschoss in den Saal hinab führte.

Das Brautpaar tauchte auf und wirkte gelöst und fröhlich. Beide lächelten, Micha etwas verschämt aufgrund der umfassenden Aufmerksamkeit, die er auf sich gerichtet fühlte und nicht mochte, Menucha hingegen glücklich und befreit.

Den restlichen Abend habe ich nur in Bruchstücken in Erinnerung. Ich sehe Micha auf einem Stuhl, der von zahllosen Armen und Händen in die Höhe gehoben wird, so dass er über die Trennwand hinweg in den Bereich der Frauen sehen kann, was er verschmitzt und mit komödiantischen Gesten tut. Ich sehe einen Kreis von tanzenden Männern, die Arme auf den Schultern des jeweils Nächsten, die singen und tanzen und ich glaube, mich ihnen irgendwann angeschlossen zu haben und somit selbst ein Teil dieses Kreises geworden zu sein. Ich sehe das Essen, das fantastisch schmeckte und aus mehreren Gängen bestand und dass ich damals wusste, noch nie so gut gegessen zu haben. Ich sehe die schwarz gekleideten Männer aus Kanada und den USA, aus Israel und Deutschland, Männer und Familien, die von Leuten in meinem Alter erst vor wenigen Jahrzehnten aus ihrer Heimat vertrieben worden waren, die dem Tod knapp entkommen waren, die Verwandte besaßen, die es nicht geschafft hatten, die man in die Lager überall in Europa verfrachtet hatte, ohne dass die Welt dabei zugrunde gegangen war, und jetzt plötzlich saß ich untern ihnen und legte meine Arme um sie und sie ließen das ohne jedes Widerstreben zu, um einfach weiter ihre Lieder zu singen, deren Texte ich nicht verstand und während ich zumindest die Melodie ihrer Lieder zu imitieren versuchte, konnte ich nicht glauben, zwischen ihnen zu sein, in diesem Saal in Wien, in dieser Nacht im Sommer, auf der Hochzeit von Micha, den ich am Beginn meines Studiums kennengelernt hatte und dessen Zeit in Berlin nun zu einem Ende kam, der eine Familie gründen würde, der auf der Schwelle eines fremden Lebens stand, das sich für ihn am Ende genauso fremd und doch verheißungsvoll anfühlte wie für mich, ein Leben, dessen Pfade, Brüche und Kurven ich nicht ansatzweise erahnte, ein Leben, von dem ich in den folgenden Jahren niemals etwas erfuhr.

Nach der Hochzeit verließ Micha Berlin. Er schrieb an seiner Diplomarbeit und konnte das Studium auch außerhalb Deutschlands zu einem Abschluss bringen. Alle mündlichen Prüfungen hatte er bereits abgelegt.

Mittlerweile lebte ich mit André und Melli seit über vier Jahren zusammen. Auch wir bereiteten uns auf unsere Magisterarbeiten vor, belegten die letzten Seminare und Vorlesungen und überlegten, was wir nach dem Studium anfangen sollten.

Michas Zimmer stand leer. Er hatte im drittgrößten unserer WG gewohnt, einem Raum von etwa zwanzig Quadratmetern, der in Richtung Straße lag. Ich war die Größe meines eigenen Zimmers mittlerweile leid, auch suchte ich nach einer Veränderung und glaubte, diese Veränderung im Austausch der Räumlichkeiten zu finden. Und deshalb wechselte ich in Michas Zimmer, während Chris in mein altes Zimmer zog.

Chris stammte aus Hamburg und hatte sich beim ersten Kennenlernen als Musiker vorgestellt.

„Wir waren mal im Fernsehen“, hatte er gesagt.

„Wie heißt eure Band?“, wollte André wissen.

Mister Jupiter“, sagte Chris.

„Nie gehört“, antwortete ich.

„Vielleicht erinnert ihr euch nicht mehr so genau. Wir haben immer rote Pollunder angehabt und klingen wie Mando Diao.“

Chris zog bei uns ein. Er war zwei Meter groß und schlacksig und stotterte ein bisschen, aber das bemerkte man nicht sofort.

Bald tauchte seine Freundin, Ulrike, bei uns auf. Chris nannte sie Ulli und ich ging auch bald dazu über. 

Ulli war ziemlich hübsch und hatte eine kleine Lücke zwischen ihren Schneidezähnen, was sie in meinen Augen noch attraktiver machte. Ihre grünen Augen standen ein wenig schräg und ähnelten dadurch den Augen einer Katze.

Hin und wieder begleitete ich Chris und Ulli in eine Kneipe auf der Schönhauser Allee, kurz hinter dem U-Bahnhof Senefelder Platz.

In der Bar hingen eigenartige Gestalten ab. Die Männer trugen hautenge schwarze Jeans und Lederjacken, waren aber keine muskelbepackten Biker, sondern schmächtige Indierocker. Alle hatten sich knöchelhohe, schwarze Stiefel mit überlangen, spitzen Vorderkappen zugelegt und damit eine Einheitskluft geschaffen, die ihnen selber nicht mehr aufzufallen schien. Sie rauchten ständig Zigaretten, schwafelten von irgendwelchen Parties und unterhielten sich in einem affektierten Gemisch aus Englisch und Deutsch. Kein Satz, ohne ein englisches Einsprengsel, ohne ein whatever oder actually, was mich wahnsinnig machte. Alle versuchten, möglichst abgeklärt und cool zu wirken, als wären sie gestern noch bei Velvet Underground dabei gewesen und hätten ein paar Siebdrucke in der Factory hinterlassen. Dabei stammte die Hälfte dieser Leute aus namenlosen Dörfern in der Uckermark, die man vergessen hatte, an eine asphaltierte Straße anzuschließen.

In meinen Augen passten weder Chris noch Ulrike in diese blasierte Gruppe modischer Wichtigtuer. Allerdings legte besonders Chris einigen Wert darauf zu den anderen zu gehören, die in erster Linie Ulrikes Freunde gewesen sind. Er tat das nicht auf anbiedernde Weise, er tat es auch nicht so wie jene, die ihre angestammten Freunde vergessen, sobald sie interessantere Leute kennenlernen. Er tat es eher nervös und schüchtern, wollte einfach dazugehören.

An der Theke saß er unruhig auf einem schwarzen Hocker und befingerte unablässig seine lockige, schwarze Haartolle, um sie in Form zu bringen. Auch sein übergeschlagenes Bein wippte unablässig. Chris war die ganze Zeit angespannt, als versuchte er, bloß keine Dummheit zu begehen, die ihn in den Augen der anderen bloßstellen würde.

Einige Monate später saßen wir in unserer Küche und sprachen aus irgendeinem Grund über unsere Kindheit. Und von der Kindheit, die für uns ganz verschieden ausgefallen war, er in Hamburg und ich in Thüringen, kamen wir auf unsere Jugend zu sprechen.

„Damals habe ich angefangen, Bass zu spielen“, sagte Chris.

„Ich habe nie ein Instrument gelernt“, erklärte ich.

„Aber du spielst doch jetzt Schlagzeug bei Me, Ship!

„Ich habe das Schlagzeugspielen trotzdem nie richtig gelernt. Ich dilettiere nur total herum.“

„Das ist nicht wichtig. Hauptsache ihr spielt.“

Die Kaffeekanne stand auf dem Tisch und Chris tauchte kurz in unsere Speisekammer ab, um seine Hafermilch herauszuholen. 

Er legte auf eine bestimmte Marke ausgesprochen viel Wert und hatte elaborierte Studien durchgeführt, bis er endlich die perfekte geschmackliche Ausrichtung im immer breiter werdenden Angebot gefunden hatte. Nun war er in der Lage, ganze Abende mit den Vorzügen des von ihm erwählten Haferprodukts zu füllen, sofern sich jemand breitschlagen ließ, ihm zuzuhören.

„Eigentlich habe ich meine Jugend gehasst“, sagte er, als er sich mit der Hafermilchpackung zurück an den Küchentisch setzte.

„Wieso das denn?“, wollte ich wissen.

„Fandest du die Schulzeit und das alles gut?“

Ich schüttelte meinen Kopf.

„Das war totale Scheiße.“

„Siehst du. Mir ging das genauso. Die Idioten in meiner Klasse haben mich in einer Tour malträtiert.“

„Wirklich?“

Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. 

„Das lag daran, dass ich damals total fett gewesen bin.“

„Du?“

Er nickte.

„Ich war sogar saufett und das macht dich natürlich zur Zielscheibe. Die Fetten dürfen sich nicht wehren, die erdulden bloß, denn sie sind für ihr eigenes Unglück verantwortlich. Ich habe mich damals gehasst.“

„Wofür?“, fragte ich konsterniert.

„Dafür, dass ich so fett gewesen bin.“

Dieser Satz traf mich wie ein Schlag. Chris hatte nicht berechtigterweise seine Peiniger für die aufgezwungenen Qualen gehasst, sondern sich selbst zu hassen begonnen. Er hatte die grundlose Verachtung der anderen übernommen, um sich damit auf verquere Weise auf ihre Seite zu schlagen. Mir war klar, dass er das nur getan hatte, um sich zu schützen, gleichzeitig aber jagte mir die Annäherung an die Täter einen Schauer über den Rücken. Am Ende hatte Chris seinen eigenen Körper mit denselben verachtungsvollen Blicken gestraft, den seine Peiniger ihm aufgezwungen hatten. Darin, und nicht etwa in den verletzenden Worten, lag die eigentliche Abscheulichkeit.

Hin und wieder kam er am Frühstückstisch auf das Essen zu sprechen.

„Ist dir klar, wie langweilig das alles eigentlich ist?“

„Was meinst du?“

„Mich ödet das alles an. Jeden Tag die gleiche Frage, was man am Abend kochen soll und immer gibt es nur dieselben Optionen.“

„Du kannst doch kochen, was du willst“, sagte ich. „Es gibt doch tonnenweise Rezepte.“

„Ich rede von unseren Grundnahrungsmitteln“, gab er zurück.

Ich sah ihn verdutzt an.

„Nudeln, Reis, Kartoffeln“, begann er zu erklären, „und das alles in endloser Kombination. Gut, vielleicht noch Bulgur oder so etwas, aber das ist doch total öde. Es gibt einfach keine Variation!“

Mit seiner Band ging es damals nicht richtig voran. Sie hatten einen Plattenvertrag, aber das Label kümmerte sich kaum noch um sie. Die Indierockwelle ebbte gerade ab und deutscher Indierock mit englischen Texten kam einfach nicht gut an. Nur Tocotronic, Kettcar und Blumfeld mischten vorne mit, aber für das alles interessierte ich mich nicht. Ich hörte stattdessen französischen Black-Metal, Brian Enos Ambient-Alben und Four Tet.

Chris war hin- und hergerissen, wie es für ihn weitergehen sollte. Er hatte die Schule vor dem Abitur verlassen und holte seinen Abschluss nun per Fernstudium nach. Danach wollte er vielleicht studieren, sicher aber war er sich nicht. Womöglich nahm die Band ja wieder Fahrt auf, vielleicht brachte man ein neues Album heraus und dann ging alles wieder los. Erfolg, Plattenverkäufe, eine Tour. Man wusste am Ende nie, was passieren würde, was das Leben in seiner ganzen Unergründlichkeit für einen bereit hielt.

Im Sommer legte ich die letzten mündlichen Prüfungen ab, um mich auf meine Magisterarbeit zu konzentrieren. An einem Nachmittag tauchte Chris in meinem Zimmer auf.

„Willst du mit zum Teufelssee?“, fragt er. „Ulli und ich fahren mit den Rädern hin.“

„Klar, ich könnte ein bisschen Ablenkung gebrauchen.“

Ich war noch nie mit dem Rad zum Teufelssee im Grunwald gefahren. Die Strecke zog sich in die Länge, es war heiß und bereits später Nachmittag. 

Als wir den Wald endlich erreichten, fuhren wir nebeneinander auf der Straße. Sobald wir die Geräusche eines Autos in unserem Rücken hörten, lösten wir unsere Formation auf und fuhren als vorbildliche Kette weiter, aber der Verkehr hielt sich in Grenzen. Die meisten Leute waren wie wir auf Rädern unterwegs und fuhren in die entgegengesetzte Richtung. Der Badetag fand für sie bereits ein Ende.

Wir suchten uns einen Fleck auf der Wiese, legten die Fahrräder ins Gras und ich packte meinen Rucksack aus, zog das große Handtuch hervor und eine Wasserflasche.

Als ich mich gerade bis auf meine Badehose ausziehen wollte, fiel mir plötzlich auf, dass mich Ulrike noch nie mit freiem Oberkörper gesehen hatte. Natürlich war sie die Freundin von Chris, aber sie war auch attraktiv und eine Frau und das wurde mir damals am Teufelssee schlagartig bewusst. Schließlich standen wir uns nun in so etwas wie Unterwäsche gegenüber. Zumindest glaubte ich, das wir das tun würden.

Denn Chris und Ulrike hatten keine Badesachen dabei. Sie hatten sie nicht etwa vergessen, sondern ganz einfach nicht eingepackt. Sie wollten nackt ins Wasser, was an sich auch kein Problem darstellte, denn der Wiesenabschnitt hatte sich fast vollständig geleert.

Die beiden taten so, als wäre es das Normalste der Welt, sich vor mir komplett auszuziehen und dann ins Wasser zu springen. Von ihren Blicken las ich damals allerdings auch eine gewisse Verlegenheit ab, als fiele ihnen mit einem Mal auf, dass wir zwar miteinander befreundet waren, unsere Freundschaft aber noch lange nicht bedeutete, man springe nun einfach nackt voreinander herum. 

Ich überspielte die peinliche Situation, indem ich vorgab, mich erst einmal auf die Wiese zu legen und zu sonnen, obwohl ich nichts lieber getan hätte, als ins Wasser zu rennen.

Chris und Ulli zogen sich aus und ich sah wie eine Betschwester des achtzehnten Jahrhunderts ganz zufällig in eine andere Richtung. Dann stürmten die beiden ins Wasser.

Augenblicke später hörte ich ihre erleichterten Schreie und sah in Richtung See.

Einige Meter vom Ufer entfernt schwamm eine Badeinsel auf dem Wasser, auf die sich Chris und Ulli gerade hievten. Doch obwohl sie noch eben auf der Wiese so getan hatten, als würde sie ihre Nacktheit überhaupt nicht interessieren, bedeckte Ulrike nun ihre Brüste mit einem Arm und Chris hielt seinen Sack verschämt zwischen beiden Händen, sobald er von der Insel aus ins Wasser sprang. 

Eigentlich war das alles lächerlich. Wir taten so, als wären wir unendlich befreit, besaßen aber noch die gleichen Komplexe wie unsere Eltern. Ja, vielleicht hätten sich unsere Eltern an diesem See nicht einmal ansatzweise für ihre Nacktheit geschämt.

Bis zur Dämmerung wechselten wir zwischen Wasser und Wiese und zogen uns schließlich wieder an. 

Die Sonne verschwand langsam hinter den Bäumen, der Himmel färbte sich rot und die wenigen Badegäste, die neben uns am Ufer gelegen hatten, packten ihre Sachen allmählich ein.

Ich starrte in den Himmel und spürte mit einem Mal eine heftige Traurigkeit, die mit dem Ende des Sommertags zusammenhing. Es fühlte sich an, als stieße jemand mit voller Wucht gegen meine Brust. Nur ein Abend im Sommer kann derart melancholisch sein, im Frühling, Herbst und Winter ist das alles unmöglich. Wahrscheinlich lag es an der Schönheit der Farben und des Wassers, an der ganzen Vergänglichkeit um uns herum, am Verschwinden der Leute, am Verhallen ihrer Rufe, ihres Gelächters. Jeder Sommertag stellt eine Möglichkeit dar, alles scheint im Sommer greifbar und leicht, nichts steht einem Neuanfang im Wege. Und dann, am Abend, wenn die Sonne und das Licht verschwinden und nur noch ein letzter Schein übrig bleibt, der für Minuten schwerelos auf dem glänzenden Wasser liegt, holt einen das Bedauern über den ungenutzt verstrichenen Tag endlich ein. Doch was hatte man eigentlich vor? Womit hätte man den Tag füllen sollen, damit er nicht nutzlos vergeht?

Ich wusste es nicht.

Plötzlich machte sich eine Bewegung in unserem Rücken bemerkbar und ich drehte mich um. Aus dem Wald tauchte eine Wildschweinfamilie auf. Die Tiere wirkten völlig irreal, ihre Anwesenheit ergab keinen Sinn.

Die Bache lief am Kopf der kleinen Gruppe und hinter ihr folgten vier oder fünf winzige Frischlinge, die sich kaum auf den Beinen halten konnten. 

„Ach du Scheiße“, sagte ich leise, blieb ansonsten aber wie angewurzelt stehen. Mein Herz schlug heftig und ich rechnete jeden Augenblick mit dem blutrünstigen Angriff des wildgewordenen Mutterschweins.

Doch die Wildschweinfamilie kümmerte sich nicht im Ansatz um uns. Die Tiere schienen an Menschen und Badegäste gewöhnt, trippelten hintereinander die Wiese in Richtung Wasser hinab, wobei die kleinen Schweine ziemlich unbeholfen und überstürzt mit ihrer flinken Mutter Schritt zu halten versuchten. Am See angekommen, hielten sie ihre Schnauzen ins Wasser.

„Mein Gott sind die süß“, sagte Ulli.

„Ich wusste gar nicht, dass es im Grunewald Wildschweine gibt“, erwiderte Chris. „Die wirken ja überhaupt nicht gefährlich.“

Die Frischlinge tobten am Wasser herum, liefen das Ufer auf und wieder ab. Wahrscheinlich hatten sie den ganzen Tag auf das Verschwinden der Leute gewartet, um sich endlich abzukühlen.

Auch die Luft fühlte sich jetzt frischer an. Sobald die Sonne verschwand, musste man sich ein Hemd überwerfen.

„Wir sollten langsam wieder zurück“, sagte ich, während die Wildschweine damit begannen, die Hinterlassenschaften der Badegäste unter die Lupe zu nehmen. „Wir brauchen sicher eine Dreiviertelstunde, bis wir wieder in der Stadt sind.“

Chris und Ulrike nickten und wir griffen nach unseren Rädern. Hinter uns wühlten die Wildschweine weiter unbeeindruckt im Gras.

Danziger Straße (3. Zimmer), 3. Mai

Gemeinsam mit André, Melli und Micha zog ich aus dem Wedding in eine Vierraumwohnung in der Danziger Straße. Ich hatte André in einem Seminar an der Uni kennengelernt. Wir hatten beide keinen größeren Kontakt zu den anderen Studierenden und waren irgendwann im Treppenhaus eines aus der DDR stammenden Seminargebäudes ins Gespräch gekommen. 

André trug knöchellange Anzughosen aus dem Second-Hand, Basketballschuhe von Nike und einen blauen Windbreaker mit dem Aufdruck eines Müllentsorgungsunternehmens aus dem Spreewald. Er wohnte mit Melli und Micha am Ende der Schönhauser Allee in einer wunderbaren Wohnung mit rotgestrichenem Flur, in den das Licht aus der Küche und den Zimmern fiel und die Farbe zum Glühen brachte. Nach einigen Monaten hatte ich die anderen so weit, dass sie bereit waren, mich in ihre WG aufzunehmen. Allerdings benötigten wir dafür ein weiteres Zimmer und ein Umzug stand an. 

Wir schauten uns Wohnungen im Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg an, um schließlich im Hochparterre eines Altbaus auf der Danziger Straße, gleich gegenüber dem Theater unterm Dach, einzuziehen. Teilten wir uns die Miete, sparte ich am Ende sogar etwas Geld im Vergleich zu meinem Zimmer im Wedding.

Die Wohnung war großzügig geschnitten. Sie hatte vier Zimmer, eine schmale Küche, ein Bad mit Badewanne und sogar eine Gästetoilette. All das stellte für mich eine ganz unglaubliche Verbesserung nach meiner Zeit am Gesundbrunnencenter dar. 

Diesmal sicherte ich mir eines der größeren Zimmer, das einzige mit Balkon und einer breiten Fensterfront. Die Fenster nahmen die gesamte zur Straße liegende Wand ein und das einfallende Licht reflektierte auf den weiß gestrichenen Wänden und machte den Raum noch heller, als er an sich bereits war. Plötzlich fiel mir auf, in welchem Loch ich gemeinsam mit Roland gehaust hatte, ein richtiges Hinterhausloch, das nicht für menschliche Bewohner ausgelegt worden war und in dem selbst bei strahlendem Sonnenschein eine Art Dämmerzustand geherrscht hatte.

André und ich studierten Literatur in Potsdam, Melli Theaterwissenschaften an der Freien Universität und Micha studierte Mathematik, was mich anfangs ziemlich überraschte, da er orthodoxer Jude war. Naturwissenschaften und der Glaube an Gott, das passte für mich einfach nicht zusammen, schloss einander sogar aus. Wie konnte man einerseits an Gott und die Schöpfungsgeschichte glauben, während man andererseits mathematische Gesetzmäßigkeiten zur Anwendung brachte und sich damit auf eine wissenschaftliche Rationalität berief, die der Religion stets suspekt, wenn nicht gar verderblich erschienen war? Stand beides einander nicht feindlich gegenüber?

Micha sah darin allerdings kein Problem. Sein Studium berührte seine Religiosität in keiner Weise, beide existierten in ihm, aber sie taten es, ohne das jeweils andere in Zweifel zu ziehen. Und irgendwann war auch ich mir nicht mehr sicher, ob sich diese beiden Spähren so kategorisch ausschlossen, wie ich es anfangs angenommen hatte. Konnte jemand, der an Gott glaubte, sich nicht gleichzeitig auch mit der Mathematik beschäftigen? Worin genau sollte hier eigentlich der Widerspruch bestehen?

Eines Morgens stand ich am Herd unserer Küche, um mir ein paar Spiegeleier und Würstchen zu braten, als Micha den Raum betrat.

Er hielt auf der Schwelle an – unsere Küche besaß merkwürdigerweise keine Tür, wobei wir den Grund für dieses Fehlen niemals bei den Vermietern in Erfahrung brachten – und sah mich merkwürdig an.

„Was ist das für eine Pfanne?“, fragte er.

Ich musterte die Pfanne, ohne zu begreifen, was er mit seiner Frage bezweckte.

„Eine der Pfannen, die wir unter der Spüle aufbewahren, wenn mich nicht alles täuscht“, antwortete ich.

„Stand die Pfanne auf einem kleinen Topf?“

„Ich glaube ja.“

„Scheiße, das ist meine koschere Pfanne!“

Erschreckt sah ich ihn an.

„Ich wasch dir das Ding gleich ab“, sagte ich.

Micha wirkte eher betroffen, als verärgert. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck, der ungefähr besagte, ich hätte es ja wissen müssen.

„Das wird nicht ausreichen“, erwiderte er dann.

„Warum nicht?“

Er schüttelte seinen Kopf.

„Ich muss damit zum Westhafen fahren.“

„Was willst du denn mit der Pfanne am Westhafen?“

„Sie muss rituell gereinigt werden. Unsere Spüle reicht dafür nicht aus.“

Ich sah ihn mit großen Augen an, als Melli die Küche betrat.

„Hat Thomas wieder deine Pfanne benutzt?“, fragte sie nach einem kurzen Blick auf den Herd.

„Hört mal“, wandte ich ein, „ich bin mir keiner Schuld bewusst. Man hätte mich einweihen müssen!“

„Ist auch nicht so wild“, sagte Micha. „Jetzt weißt du ja Bescheid.“

Freitagnachmittag verschwand er in seine Gemeinde und tauchte erst nach Sonnenuntergang wieder bei uns auf. Er hatte sich eine Kochplatte mit Zeitschaltuhr zugelegt, die ihm sein Essen aufwärmte, obwohl er als gläubiger Jude während des Shabbats eigentlich keine Elektrogeräte benutzen durfte. Es gab viele solcher Tricks, um die orthodoxen Verhaltensregeln zu umgehen, ohne sie dabei zu brechen, was mich ziemlich irritierte, eine Irritation, die niemals komplett verschwand. 

Objektiv betrachtet, benutzte Micha während des Shabbats natürlich keine elektronische Kochplatte, er schaltete sie ja nicht ein, drückte auf keinen Knopf. Aber diese vorausschauende Programmierung der Platte, die ihren Dienst während des Ruhetags und damit des Verbots jeglicher Form von Arbeit leistete – lag darin nicht so etwas wie eine kreative Spitzfindigkeit, die das Verbot aufzuweichen wusste, um sich etwas zu gönnen, das eigentlich verboten war, das von der Arbeit der Flamme erwärmte Essen nämlich? Vielleicht nahm ich es aber einfach zu genau. Schließlich verstand ich nichts von den jahrtausendealten Bräuchen, die für Micha eine zwingende Verbindlichkeit besaßen. Und genauso wenig gab es einen Grund, ihn dafür ins Kreuzverhör zu nehmen. Jeder sollte tun und lassen, wonach ihm die Lust stand, sagte ich mir, solange kein anderer in Mitleidenschaft geriet. Und Michas Pfanne rührte ich nach diesem Spiegeleizwischenfall natürlich nicht mehr an.

Zwei Jahre später verabschiedete sich Micha für ein Austauschsemester nach Israel. Wir schalteten im Internet eine Anzeige, in der wir nach einem Zwischenmieter suchten, und wurden schnell fündig. 

Zwei Monate lang wohnte Georg aus Georgien bei uns ein, was nach einer wirklich verrückten Verbindung klang, wie ich fand. Georg aus Georgien? Hatten seine Eltern ihn aus patriotischem Stolz so genannt oder war das alles ein bloßer Zufall? So richtig bekamen wir es nie aus ihm heraus.

Georg zog bei uns ein, allerdings wurde uns nicht ganz klar, was er in Berlin eigentlich tat. Er schien nicht zu studieren und sobald wir ihn darauf ansprachen, sagte er nur, er sei in den Ferien, würde Urlaub machen. Georg war ruhig, groß gewachsen und ziemlich dünn und er war zwei oder drei Jahre jünger als André, Melli und ich. Wir bekamen ziemlich schnell mit, dass seine Familie vermögend war, denn er lief in teuren Designerklamotten durch die Gegend und verschwand abends auf irgendwelche Parties, auf die er uns nie einlud. Er schien genügend Kontakte in der Stadt zu besitzen.

Während Georg bei uns wohnte, brach der Krieg in Georgien aus. Im August 2008 war davon überall zu lesen, Georg allerdings wirkte vollkommen unberührt, als handelte es sich nicht um sein eigenes Land, das gerade in einem bewaffneten Konflikt zu versank.

„Everything is okay“, antwortete er, sobald wir ihn fragten, was er jetzt machen würde und wie es um seine Familie stünde. „Everything is fine.“ Dann lächelte er und zog am Abend wieder ab in Richtung eines Clubs oder einer Bar.

Georgs Gelassenheit kam uns eigenartig vor. Im Anblick eines waschechten Krieges und damit der größten Katastrophe, wie man uns seit unserer Kindheit eingebleut hatte, blieb er ungerührt, fast gleichgültig. Er verlor nicht den Kopf, er reagierte nicht panisch, brach nicht in Tränen aus. Er wusste vom Krieg, der in seinem Heimatland tobte und ging dennoch weiter auf Partys und in Bars und an diesem sturen Festhalten einer vergleichsweise vollkommen sinnlos erscheinenden Normalität lag für ihn womöglich so etwas wie die Rettung.

Kurz bevor Georg uns verließ, um weiter durch Europa zu reisen, bekamen wir heraus, dass seine Eltern zur herrschenden Klasse in Georgien gehörten. Seine Brüder und Schwestern, Onkel und Cousins saßen auf hohen Posten im Staatsapparat und sein Vater verdiente angeblich eine Menge Geld. Am Ende war sich Georg einfach sicher, selbst ein Krieg würde die Verhältnisse im Land nicht derart in Unordnung bringen, dass seine Familie darunter in einer Weise leiden musste, die seine eigene Europareise gefährdete. Für ihn schien alles nur ein schlechter Scherz zu sein, eine unangenehme Sache eben, um die man sich am besten durch Nichtachtung kümmerte.

Bald verschwand André für ein Auslandssemester nach Glasgow und in sein Zimmer zog übergangsweise Adrien. Adrien stammte aus Paris, sah ziemlich gut aus mit seinem Dreitagebart und den langen, dunkelblonden Locken. Er spielte Rugby und studierte für ein Semester Jura an der Humboldt Universität, obwohl er das Fach innerlich verabscheute. Er hatte sich nur deshalb eingeschrieben, weil sein Vater, der selbst Anwalt war, das von ihm verlangte und nach seiner Rückkehr aus Berlin gab er das Studium schließlich auf, um eine Laufbahn beim Film einzuschlagen.

Adrien sprach ziemlich gut Deutsch und wir freundeten uns schnell miteinander an. Manchmal kam er am Abend in mein Zimmer, klopfte an den Türrahmen und lächelte.

„Möchtest du mitkommen auf die Party?“, fragte er mit seinem umwerfenden französischen Akzent, aus dem er sich allerdings nichts machte. Adrien war nicht im Ansatz eingebildet oder gar schüchtern.

Er trug seine hellbraune Motorradlederjacke und ausgewaschene Jeans und hätte perfekt in einem Film von Truffaut oder Rohmer gepasst.

„Ich glaube, ich bleibe heute lieber hier“, antwortete ich.

„Keine Lust?“

„Nicht so richtig.“

„Warum du hast niemals Lust auf Party, Thomas?“

„Manchmal hab ich Lust, heute aber schaue ich lieber einen Film.“

„Na gut, dann vielleicht morgen?“

„Genau, vielleicht morgen.“

„Alles klar. Tschüssi.“

Tschüssi, das hatte ich ihm beigebracht. Adrien hatte sich vor Lachen überhaupt nicht mehr einbekommen, als ich mich das erste Mal so von ihm verabschiedet hatte.

„Was hast du da gesagt?“, wollte er mit Tränen in den Augen von mir wissen.

„Tschüssi?“

„Ha ha ha!“

Wenn jemand mit vollen Händen nach dem Leben griff, dann er. Adrien war ständig unterwegs, traf sich mit anderen Franzosen, die für ein oder zwei Semester in Berlin studierten, lernte Deutsche kennen, lernte Mädchen kennen und bildete sich auf seine offensichtlichen Erfolge dennoch in keiner Weise etwas ein. Obwohl er spüren musste, dass bei mir überhaupt nichts lief, behandelte er mich, als stünde ich mit ihm auf einer Stufe und kam häufig in mein Zimmer, sobald er in Begriff stand, das Haus in Richtung einer Feier zu verlassen. Vielleicht tat ich ihm damals leid. Allerdings bin ich mir auch sicher, dass er mich mochte.

Als ich die Haustür in das Schloss fallen hörte, stand ich von meinem Schreibtisch auf und lief in Mellis Zimmer hinüber. Sie wohnte im größten, allerdings auch dunkelsten Raum unserer Altbauwohnung, ein Zimmer mit nur einem Fenster, das in den Hinterhof zeigte.

„Hast du Lust auf einen Film?“, fragte ich.

Melli saß auf ihrer schwarzen Ledercouch unter dem Hochbett und las. 

„Was willst du ausleihen?“, fragte sie.

„Keine Ahnung. Am besten gehen wir einfach ins 451.“

Das 451 war eine Arthouse-Videothek auf der Schönhauser Allee. André und Melli sind die ersten Cineasten gewesen, denen ich begegnete und sie waren es auch, die mich in das 451 und später in das Negativeland einführten, nachdem diese berüchtigte Videothek aufgrund steigender Mieten vom Helmoltzplatz auf die Danziger Straße verdrängt worden war.

Im Negativeland arbeitete ein alter Österreicher, der total erfolglose Experimentalfilme gedreht hatte und alle Leute, die ahnungsloserweise in seinem Laden Blockbuster verlangten, unter wüsten Verwünschungen rausschmiss oder einfach nur in seinem Wiener Schmäh beschimpfte. Stand man in der Schlange, konnte man die Nervosität der Leute vor einem regelrecht spüren. Keiner wollte etwas Falsches sagen, um dadurch seine Unkenntnis preiszugeben.

Einmal stand ich mit André in der Videothek. Neben dem Österreicher waren wir die einzigen im Laden und er wusste davon, wandte sich uns trotz allem aber erst nach fünf geschlagenen Minuten zu, die er damit verbrachte, eine irrsinnige Ansammlung von DVDs im Hintergrund zu sortieren.

Als er uns endlich ansprach, betraten weitere Leute die Videothek, was der Klang einer an der Tür angebrachten Glocke signalisierte.

„Habts ihr eure Karten dabei?“, fragte er.

André schob seinen Mitgliedsausweis über den Tresen.

„Was wollts ihr haben?“

„Habt ihr was von Kurosawa?“, fragte ich.

Die Augen des Irren leuchteten wie von der Tarantel gestochen auf.

„Kurosawa!“, brüllte er.

Ich sah die Szene vor mir. Der Österreicher zerriss Andrés Ausweis, verteilte Hausverbot und warf uns unter unflätigsten antijapanischen Beschimpfungen auf die Straße hinaus.

„Endlich!“, stöhnte er dann und ich sah ihn halb verängstigt, halb verwundert an.

„Hört ihr das dahinten?“, rief der Experimentalfilmer den eben eingetretenen Leuten zu. „Endlich leiht hier einmal jemand einen ANSTÄNDIGEN FILM AUS UND NICHT DIESE SCHEISSE, DIE IHR TROTTEL STÄNDIG VON MIR HABEN WOLLT!“

Schweissnass verließ ich mit André fünf Minuten nach dieser Tirade das Negativland, das ein paar Jahre später, nach der großen On-Demand-Revolution im Netz, natürlich eingegangen ist.

Gemeinsam mit Melli betrat ich das 451, blieb vor dem Regal mit den Aki Kaurismäki-Filmen stehen und wollte Ariel ausleihen. Melli dagegen plädierte für Mike Leigh. Am Ende einigten wir uns auf Tarkowski.

Nach zweieinhalb Stunden Stalker war ich bereit, mein Studium an den Nagel zu hängen und zum russischen Film zu gehen.

„Stalker!“, rief ich begeistert. „Das ist ja wohl das größte Meisterwerk, das jemals hier unten auf dieser unfassbar öden Erdkruste geschaffen worden ist!“ 

Ich kriegte mich kaum ein und fieberte noch, als ich Adrien am nächsten Morgen begegnete.

„Ist alles gut?“, fragte er.

„Und ob alles gut ist“, sagte ich. „Hast du jemals Stalker gesehen?“

„Nein“, erwiderte er knapp.

„Dann haben wir beide heute Abend etwas vor!“

André und ich besuchten Adrien nach dem Ende seines Austauschsemesters in Paris. Er wohnte mit seiner Freundin im 15. Arrondissement, die uns ihre winzige Einzimmerwohnung für die Dauer unseres Aufenthalts zur Verfügung stellte. Sie schlief bei Adrien und so hatten André und ich eine Wohnung für uns allein.

Das Fenster der Küche zeigte auf einen Fußballplatz hinaus. Hinter diesem Platz ragten Hochhäuser in den grauen Himmel. Es war Februar oder März und ziemlich kalt, dennoch aber spielten die Jugendlichen des Viertels dort unten bis in die Nachtstunden hinein. Gegen zehn erloschen die riesigen Flutlichter automatisch mit einem lauten Knall, aus dem die Stille stieg, eine Stille, die den ganzen Abend über nicht da gewesen war, obwohl man geglaubt hatte, sie zu hören. Das tiefe Summen der Scheinwerfer hatte sie verdeckt und mit dem Verlöschen der Lichter verstummten nun plötzlich auch die Rufe der Spieler, als hätte jemand ein Handtuch über einen Vogelkäfig gezogen.

Wir verbrachten ein verlängertes Wochenende bei Adrien, kochten gemeinsam in der Wohnung, tranken Bier und sahen uns Filme an. 

Am Tag unseres Rückflugs holte er uns mit seinem Auto gegen drei Uhr in der Nacht ab. Wir fuhren durch dichten Nebel, die Stadt wirkte um diese Zeit wie ausgestorben, alle schien voller Gespenster zu sein. Eine Dreiviertelstunde später verabschiedeten wir uns vor dem Flughafen voneinander. Es war so kalt, das wir die ganze Prozedur abkürzen mussten. 

Damals habe ich Adrien das letzte Mal gesehen. André besuchte ihn später hin und wieder, André, der plötzlich zum Globetrotter wurde, nachdem er ein Mädchen in Glasgow gefunden hatte. Der nach seinem Abschluss an der Uni nach Marseille zog und später nach Palermo, der an der Stanford University in San Francisco seinen Doktortitel machte und heute in den USA lebt. Doch Adrien und ich, wir verabschiedeten uns für immer voneinander, ohne davon etwas zu ahnen. Der Kontakt zwischen uns schlief nach einem kurzen Mailwechsel einfach ein. Warum, kann ich bis heute nicht wirklich sagen.

Einige Semester, bevor wir unseren Abschluss machten, heiratete Micha und zog mit seiner neuen Frau nach Wien. Er lud André, Melli und mich zu seiner Hochzeit ein, zu unserer ersten jüdischen Hochzeit. 

Ich kaufte mir ein dunkelgraues Jackett und ein brandneues weißen Hemd und dann setzten wir uns gemeinsam in den Zug und fuhren nach Österreich.

Micha feierte mit seiner Frau im alten jüdischen Viertel. Wir kamen zu früh am vereinbarten Treffpunkt an, betraten ein Gebäude, das bereits vor Hochzeitsgästen überlief und ich entdeckte Michas Frau, Menucha, am anderen Ende des Raums. Sie saß in ihrem Hochzeitskleid etwas verloren auf einer Art Thron, den man mit weißen Stoffen verziert hatte.

Ich lief auf sie zu und war dabei, ihr die Hand zu geben, als sie etwas erschreckt zurückwich.

„Ich kann dir nicht die Hand geben, Thomas.“

„Wieso denn nicht?“, fragte ich.

„Das ist verboten.“

Ich lief rot an.

„Entschuldige“, sagte ich.

„Kein Problem. Micha ist sicher auch bald hier. Seid ihr gut angekommen?“

„Ja, wir sind seit gestern Abend in Wien.“

André, Melli und ich unterhielten uns noch eine Weile mit ihr, bis Micha hinter uns auftauchte. Er trug einen schwarzen Anzug mit weißem Hemd und einen breitkrempigen, schwarzen Hut. Er wirkte ziemlich entkräftet, freute sich aber uns zu sehen.

„Da seid ihr ja!“, rief er.

Wir umarmten uns.

„Ihr müsst übrigens gleich mit mir kommen“, sagte er dann und richtete sich an André und mich. Jetzt fiel mir seine graue Gesichtsfarbe auf. Micha sah so aus, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen.

„Wo sollen wir denn hin?“, wollte André wissen.

„Das werdet ihr schon sehen“, erwiderte Micha.

Zehn Minuten später strömte eine Männergruppe in das Gebäude. Alte und Junge, wild durcheinander. Sie alle trugen schwarz, einige begannen ein Lied anzustimmen, dessen Text ich nicht verstand. Es kam Bewegung in die Menge.

Micha winkte André und mir zu.

„Es geht los, kommt einfach mit.“

Die Männer setzten sich mit Micha in ihrer Mitte in Bewegung und ziemlich aufgeregt schlossen auch wir uns der wandernden Gruppe an. 

„Hast du eine Ahnung, was hier los ist?“, flüsterte ich André zu.

„Nicht die geringste“, erwiderte er.

Wir gelangten in einen Saal, in dem man drei lange Tische, die Tafeln glichen, in Form eines Hufeisens aneinander gerückt hatte. An der Stirnseite saßen einige Männer mit langen grauen Bärten und sprachen leise miteinander. Sie waren wie Micha gekleidet und trugen breitkrempige, schwarze Hüte. Nur einer der Männer trug keinen Hut, sondern bloß eine Kippa. In ihm erkannte ich Michas Vater.

Michas Eltern stammten als Lettland, waren aber keine orthodoxen Juden. Hin und wieder hatte Micha uns vom Unmut seines Vaters erzählt, der den orthodoxen Glauben seines Sohnes nicht verstand oder nicht verstehen wollte. Und auch jetzt, inmitten der Rabbiner, die Hebräisch sprachen, wirkte er wie ein Fremdkörper.

Der Raum war mittlerweile voller Leute, alles ausschließlich Männer. Einige flüsterten auf Hebräisch, einige auf Englisch, ein paar auch auf Deutsch. 

Es gehe nun darum, den Ehevertrag zwischen den Vätern auszuhandeln, erklärte irgendjemand in unserer Nähe, vielleicht weil er bemerkte, dass sich einige Gois der Gemeinschaft angeschlossen hatten. Wahrscheinlich stellten wir so etwas wie die Zeugen für die Rechtmäßigkeit dieser Unterhandlung dar.

Alles ging sehr schnell und lief weitestgehend ohne die Beteiligung der Väter ab, die überaus ernst wirkten, fast unbeteiligt sogar. Erst später begann mir klar zu werden, dass Michas Vater kein Hebräisch verstand und deshalb auch nicht wusste, was die Rabbiner an seiner Seite eigentlich sagten. 

Ein Schriftstück wurde bald unterzeichnet, im Raum herrschte Stille und plötzlich, als der Rabbiner, der die Verhandlungen zu führen schien, sich mit einem Satz an den gesamten Saal wandte, brach alles um uns herum in Jubel aus.

Fast gleichzeitig erhob sich aus einem der angrenzenden Räume Gesang. Der Gesang wurde lauter, hier sangen Frauen, das war den Stimmen ohne Probleme anzuhören und nur wenige Augenblicke später strömten die Frauen in unseren Saal.

Sie sangen laut und wirkten über alle Maßen glücklich. Eine ältere Frau lief an der Spitze des Zugs und trug ein in Stoff gehülltes Etwas in ihren Händen. Sie lief in die Mitte des Saals und stand nun den verhandlungsführenden Männern gegenüber.

„Hast du eine Ahnung, was jetzt passiert?“, fragte ich André.

„Woher soll ich das wissen?“, erwiderte er. „Aber wenn mich nicht alles täuscht, ist das Michas Mutter.“

„Die Frau an der Spitze?“

„Ich glaube, ja.“

Ich sah, wie die Frau das, was sie bislang in ein Tuch gehüllt in ihren Händen gehalten hatte, zu Boden warf. 

Die Stimmen im Saal verstummten für eine Sekunde, auch der Gesang setzte aus.

Dann trat Michas Mutter auf das Tuch, man hörte das Brechen von Glas, dieses laute, knirschende Knacken und mit dem Brechen des Glases wurde die versammelte Menge von einem wahren Freudensturm erfasst. 

Männer und Frauen riefen Mazel tov in voller Lautstärke, sie wünschten sich und dem Brautpaar viel Glück und diese Glückwunschrufe hörten überhaupt nicht mehr auf und schließlich stimmten auch André und ich in das glückliche Chaos ein.

Unser Zug setzte sich wieder in Bewegung. Wir kehrten unter ausgelassenen Rufen und Gesängen zurück in den Eingangsbereich, eine Woge schwarz gekleideter Menschen, die unentwegt ihre Glückwünsche unter Lachen herausposaunten und ehe ich begriff, was eigentlich geschah, verließen wir das Gebäude und strömten auf den Vorplatz des alten jüdischen Viertels hinaus.

In der Zwischenzeit hatte man etwa in der Mitte des Vorplatzes einen Baldachin aufgebaut, ein hohes Zelt auf quadratischem Grundriss und mit offenen Seiten und unter diesem Baldachin entdeckte ich Micha und Menucha. 

Beide wirkten kreidebleich.

Die Menge verteilte sich, die lautstarken Rufe ebbten ab. Als schließlich so etwas wie Stille einkehrte, sah ich mich um, entdeckte Melli und winkte sie zu uns herüber.

„Wo seid ihr die ganze Zeit gewesen?“, fragte sie, als sie uns erreichte.

Sie wirkte ziemlich erleichtert, uns wieder gefunden zu haben.

„Wir haben den Ehevertrag ausgehandelt.“

„Ihr habt was?“

„Nicht wirklich ausgehandelt. Ich glaube, wir sind so etwas wie Zeugen gewesen. Aber alles lief auf Hebräisch ab.“

Eine lange Schar von Rabbinern trat nun an ein Mikrofon, das unter dem Baldachin stand. Micha und  Menucha blieben weiterhin unbeweglich auf ihrem Fleck und starrten ins Nichts.

Zuerst sprach ein Rabbiner aus Israel, danach ein Rabbiner aus den USA. Es sprachen Rabbiner aus Kanada und aus Österreich. Die ganze Welt schien dieser Hochzeit beizuwohnen, selbst zufällige Touristen, die in Richtung der Wiener Altstadt spazierten, hielten an und betrachteten verblüfft das Treiben. Ich nahm die Menge der Hochzeitsgäste in den Blick und schätzte, dass mehr als zweihundert Menschen an diesem Fest teilnehmen mussten.

Die Reden zogen sich währenddessen in die Länge.

„Die beiden sehen irgendwie ziemlich geschafft aus“, sagte ich.

„Das wäre ich auch, wenn ich seit Stunden nichts gegessen hätte“, erwiderte Melli.

„Sie haben nichts gegessen?“

„Seit gestern nicht.“

Als der letzte Rabbiner gesprochen hatte, traten die Mütter des Brautpaars unter den Baldachin. Sie hielten jeweils eine Kerze in ihren Händen und umkreisten ihre Kinder dreimal, bevor sie ihnen die Kerzen überreichten. Die Mütter wirkten glücklich. Sie lächelten.

Ich bin mir heute nicht mehr sicher, auf welche Weise die Zeremonie ihr Ende fand. Ich glaube mich noch an einen Kuss des Brautpaars zu erinnern, einen eher verschämten, zügigen Kuss und dann waren sie bereits unterwegs. 

Micha und Menucha stiegen eine Treppe hinab und dann sah ich sie auf einer Gasse. Sie drehten sich immer wieder zu uns um und lachten und dann liefen sie weiter, endlich allein, wie ich dachte, endlich erlöst von der Menge, die zurückgeblieben war und weiterhin in voller Lautstärke jubelte, die voller Glückwünsche war, völlig ausgelassen und fröhlich. Ich hatte niemals eine solch euphorische, ganz und gar in sich ruhende Gemeinschaft erlebt. Nichts trübte die Stimmung, was wahrscheinlich daran lag, dass noch kein Alkohol geflossen war.

„Wohin gehen sie jetzt?“, wollte André wissen.

„Sie essen erst einmal was“, erklärte Melli. „Die große Feier beginnt am Abend.“

Berlin (2. Zimmer), 30. April

Als ich mit achtzehn bei meinen Eltern auszog, um gemeinsam mit Roland nach Berlin zu gehen, gab es dafür eigentlich keinen Grund. Ich hatte nie einen Gedanken an Berlin verschwendet, ich wusste nichts über die Hauptstadt, Berlin interessierte mich nicht. Mein Onkel wohnte dort, wir hatten ihn ein oder zweimal während der Sommerferien für einen Nachmittag besucht, aber diese Besuche hatten keinerlei Begeisterung in mir ausgelöst. Berlin hatte sich damals wie jede andere Stadt angefühlt, sie war nur größer und unübersichtlicher und das war bereits alles. 

In diesem Sommer, der mit dem Auszug bei meinen Eltern endete, kam ich häufiger mit Roland ins Gespräch. Das erste Jahrzehnt der Zweitausender ging in sein drittes Jahr und unsere kleine Gruppe traf sich in der Bardzki-Villa in Gera, einer verfallenen, aber wunderschönen Fabrikantenvilla aus der Gründerzeit, in der wir Veranstaltungen und Clubnächte organisierten. Wir gründeten einen Verein unter dem Namen Loge du soleil, wir versuchten eine Art deutsch-französischen Kulturaustausch auf die Beine zu stellen, Pit steuerte sogar ein Logo bei und entwarf Visitenkarten, aber das alles verlief sich schon nach kurzer Zeit. 

Wir nahmen die Villa für unsere Veranstaltungen in Beschlag, ein Gebäude, das überhaupt nicht in diese Stadt im Osten passte, da es von riesigen Plattenbauten mit knallbunten Balkonen umgeben war. Die Balkone hatte man wahrscheinlich kurz nach der Wende gestrichen, als die Plattenbauwohnungen schlagartig ihre Anziehungskraft verloren. Die grellen Farben sollten die himmelschreiende Monotonie der Fassaden vergessen machen, betonten sie aber dadurch nur und passten in ihrer Tristesse zu den Alkoholikern vor dem Supermarkt, der jährlich seinen Besitzer wechselte. 

Die Villa blieb ein außerhalb des Zentrums gelegener Fremdkörper, der von einer Zeit sprach, als die Stadt vom Geld der ansässigen Textilindustrie regelrecht überschwemmt worden war. Selbst Henry van de Velde hatte ein Wohnhaus in der Nähe des Waldklinikums hinterlassen, aber davon wussten Jahrzehnte später unsere Kunstlehrer natürlich nichts, so wie unsere Lehrer im Allgemeinen recht wenig wussten, aber das habe ich erst später während meines Studiums begriffen. 

Selbst in ihrem heruntergekommenen Zustand deutete die Villa Bardzki, in der sich nach dem Zweiten Weltkrieg angeblich ein hoher russischer Militär samt Entourage eingerichtet hatte, einen Reichtum an, der mir die Sprache verschlug. Dieser Reichtum stammte aus einer anderen Welt, ein Überfluss, der mir märchenhaft erschien, für den mir die Bezugsgrößen fehlten und der mir manchmal in den Romanen der vorletzten Jahrhundertwende begegnete. Sobald Proust in seiner Suche nach der verlorenen Zeit eine Abendgesellschaft beschrieb, der sich ein verspäteter Nachzügler näherte, wobei das Licht aus dem Inneren des herrschaftlichen Gebäudes durch die hohen Fenster hinaus auf eine Freitreppe fiel, um die in den Garten führenden Stufen zu beleuchten, habe ich mir stets den Treppenaufgang der Villa Bardzki vorgestellt. 

In dem riesigen, mehrstöckigen Gebäude befand sich ein Salon, den man das Muschelzimmer nannte, ein mittelgroßer Raum, dessen Wände über und über mit Jakobsmuscheln besetzt gewesen sind, wobei sich dieses Relief zur Decke hin in eine aufwändige Stuckatur verwandelte. Hinter der Villa lag ein breiter, von hohen Mauern umschlossener Garten, in dem alte Kastanien wuchsen. Niemand kümmerte sich um diesen Garten, genauso wenig wie sich jemand um die Villa kümmerte. Die Stadt hatte kein Geld und sollte wenige Jahre nach meinem Umzug bankrott gehen, kurz nachdem sie auf einige von der Autobahn aus gut sichtbare Öltanks den Namen des berühmtesten Sohnes der Stadt – Otto Dix – völlig hilflos hatte pinseln lassen. 

Unsere kleine Gruppe stand im Garten der Villa, die Sonne fiel durch die Kronen der Kastanien und verwandelte das Gras in einen dunkelgrünen Flickenteppich. Überall lag das Licht in beweglichen Mustern, nahm an Stärke zu und wurde dann schwächer, als spielte jemand an einem dimmbaren Lichtschalter. Dieser stetige Wechsel hatte etwas Beruhigendes, machte aber auch benommen, sobald man sich für längere Zeit intensiv auf ihn konzentrierte.

Wir tranken Bier und sprachen über unsere Pläne, jetzt, nachdem die Schule endlich hinter uns lag. Ich konnte noch immer nicht glauben, diese zwölf Jahre überlebt zu haben. Zwölf Jahre! Eine Ewigkeit hatte ihren Abschluss gefunden, ein Zeitabschnitt, dessen Ende sich jahrelang derart fern angefühlt hatte und dann so plötzlich über uns gekommen war. 

Keiner von uns wusste, was er machen sollte. Dieser Sommer, kurz nach dem Abitur, wirkte wie ein See, auf dem unsere Boote kraftlos trieben, der Strömung und dem Wetter ausgesetzt. Niemand hatte einen wirklichen Plan, es gab nur Ideen. Für Pit war es eine Ausbildung zum Mediengestalter, für Steve ein Scharfschützentraining beim Bund. Stephan wollte bei einem Fotografen in die Lehre gehen. Simon und ich sahen uns mit großen Augen an. Er musste die zwölfte Klasse wiederholen und ich konnte nicht auf ihn warten. Ich musste weg.

Damals steigerte sich meine Unruhe in manchen Augenblicken derart, dass ich glaubte, den Verstand zu verlieren. 

Ich muss weg, dachte ich in einem solchen Moment. Ich muss weg, bloß weg. Nur wo sollte ich hin?

Roland brachte Berlin ins Spiel. Er hatte seine Zusage für die Freie Universität bereits in der Tasche und würde sich im Wintersemester in Ethnologie und Islamwissenschaften immatrikulieren. Außerdem suchte er nach einem Mitbewohner. Ohne darüber nachzudenken, sagte ich sofort zu.

„Was wirst du in Berlin machen?“, fragte er.

„Ich studiere natürlich“, antwortete ich.

„Ist dir klar, dass die Einschreibefristen abgelaufen sind?“

„Dann fange ich eben im nächsten Semester an. Das ist doch egal.“

Wir zogen in eine Zweiraumwohnung im Berliner Wedding, ganz in der Nähe vom Gesundbrunnencenter. Die Zimmergrößen waren nicht ideal für eine WG, aber das störte uns nicht, denn der Preis blieb unschlagbar. Bereitwillig drängte ich Roland das größere Zimmer auf, das sogar einen winzigen Balkon besaß, um mich mit dem weitaus kleineren Zimmer zufrieden zu geben.

In den ersten Monaten schlief ich auf der von meinen Eltern mitgebrachten Couch, die bereits in meinem alten Kinderzimmer gestanden hatte. Später gab es riesigen Streit, als ich diese Couch während meines nächsten Umzugs entsorgte. Meine Eltern wollten einfach nicht verstehen, dass ich kein Sofa in meinem Berliner Zimmer dulden konnte, das aus meiner Kindheit stammte und noch schlimmer, aus meinem Kinderzimmer. Wie hörte sich das denn an? Die blaue Couch mit ihrem Neunzigerjahremuster war sofort als stilistischer Totalausfall zu identifizieren und stellte mich vollständig bloß. Genauso gut hätte ich ein paar Stofftiere auf der Lehne dieser Couch platzieren können, um dadurch allen zu signalisieren, seht her, ich richte mich weiter ein, als sei ich zwölf. Diese Couch passte ganz einfach nicht zu meinem unangepassten, schwer zu umreißenden Stil, den ich damals ziemlich hilflos und wechselhaft kultivierte. Meine Eltern warfen mir die Geldverschwendung vor, doch für mich ging es um mehr, hier ging es darum, sich ein eigenes Leben einzurichten und zu einem eigenen Leben gehörten nicht nur Klamotten, die man sich kaufte, weil man durch sie in eine Rolle schlüpfte, in einen Charakter, den man imitierte, ohne sich das allerdings einzugestehen, zu diesem Leben gehörten auch Möbel, die einer solchen Rolle entsprachen und die sich natürlich absetzen mussten von den Möbeln, die man als Kind besessen hatte.

Den ersten Winter in Berlin hatte ich nichts zu tun. Roland verschwand in der Universität und tauchte nur selten, eigentlich nur in der Nacht, in unserer Wohnung auf. Er fand schnell Anschluss, denn im Gegensatz zu meinem eigenbrötlerischen Selbst war er offen, ging auf andere zu und suchte das Miteinander. 

Dieser erste Winter in Berlin war hart. Ich kann mich nicht mehr richtig erinnern, was ich damals eigentlich tat, denn ich hatte ja nichts zu tun, ich musste nirgendwo hin, es gab keine Vorlesungen und keine Seminare, die ich zu besuchen hatte. 

Ich lief durch das Viertel, lief durch die Eulerstraße, über die Pankstraße, lief in den Humboldthain und alles in diesem Viertel erschien mir fremd. Viele Türken und Araber wohnten in der Gegend und das war ich aus Thüringen natürlich nicht gewohnt, das war eine komplett andere Welt. In Gera hatte es in den Außenbezirken Zuwanderer aus Russland gegeben, aber mit diesen Zuwanderern kamen wir kaum in Kontakt, als lebten wir in unterschiedlichen Welten, als sei die Stadt in unsichtbare Hemisphären getrennt und der Wechsel zwischen diesen Zonen unmöglich. Und auch jetzt in Berlin sahen wir uns auf der Straße an und durch den jeweils anderen hindurch. Hin und wieder gab es ein paar aggressive Sprüche, aber das gehörte dazu.

Eines Morgens stand ich auf, kletterte vom Hochbett, das ich gemeinsam mit meinem Vater aus Kanthölzern zusammengebaut hatte und blieb an der Zimmertür stehen.

In der Mitte des Raums, direkt vor der Couch, lag ein Keks und ich starrte diesen Keks an, als hätte ich den unantastbaren Beweis paranormaler Aktivitäten vor Augen. Die Kekspackung lag auf der Couch und ich hatte diese Gebäckstück mit Schokofüllung auf dem Boden weder vergessen noch unachtsam fallen gelassen, so viel stand fest.

Ich trat näher und sah mir das Ganze genauer an. Der runde Keksrand war abgenagt. Viele kleine Zähne hatten sich an dieser Schokobackware zu schaffen gemacht und ein klares Muster hinterlassen.

Als Roland am Abend nach Hause kam, saß ich in der Küche. Schmutziges Geschirr türmte sich in der Spüle, wir kamen nicht richtig mit Haushalt und Saubermachen zurecht. Ein paar Monate später würde uns Simon besuchen und gemeinsam mit ihm und vor unsere Gesichter gebundenen Geschirrtüchern entsorgten wir Töpfe, in denen Nudelreste zentimeterdicke Schimmelpilzvariationen hervorgebracht hatten. Das Geschirr war nicht mehr zu retten.

„Alles gut?“, fragte Roland.

„In meinem Zimmer sind Mäuse.“

„Was?“

„Ich habe einen abgenagten Keks in meinem Zimmer gefunden.“

„Einen Keks?“

Ich nickte.

„Einen Keks mit Nagespuren?“

„Ja.“

„Wo sollen die Mäuse herkommen?“

„Keine Ahnung. Aber sie sind da.“

„Kacke.“

In der folgenden Nacht fand ich keinen Schlaf. Jedes noch so kleine Geräusch schreckte mich auf. 

Vielleicht sind es auch keine Mäuse, sondern Ratten, dachte ich und der Gedanke, diese Viecher mit ihren langen, nackten Schwänzen würden durch mein Zimmer wetzen, bereitete mir wahre Angstzustände.

Am Morgen kaufte ich in einem Baumarkt zwei Mausefallen und kehrte in unsere Wohnung zurück. Ich bestückte die Fallen mit großen Keksbrocken, spannte die Metallbügel und legte sie auf dem Zimmerboden aus. 

In der Nacht glaubte ich ein Rascheln zu hören, dann so etwas wie ein dumpfes, sehr leises Klopfen. Ich dachte an die Maus, die in einigen Sekunden unschuldigerweise ihren Tod in meinem Zimmer finden würde, einen kleinen, von mir verschuldeten Mäusetod. Dann dachte ich an die winzige Leiche, die auf eine Handfläche passte. An den leblosen Körper eines Tieres, das nichts verbrochen hatte.

Ich schaltete die Leselampe an und stieg vom Hochbett hinab, um die Fallen zu inspizieren. 

Die Keksstücke waren verschwunden. Beide Fallen wirkten, als hätte ich sie eben erst aus der Verpackung geholt. Offensichtlich waren diese Großstadtmäuse einiges gewohnt, man führte sie nicht so leicht hinters Licht.

Am nächsten Morgen nahm ich mein Zimmer gründlich unter die Lupe und bemerkte, dass an jener Stelle, an der eines der Heizungsrohre in die benachbarte Wohnung führte, genügend Spielraum für ein kleines Tier existierte. Ich holte aus der Küche Zeitungspapier und begann den Hohlraum auszustopfen, bis alles eine kompakte, feste Masse ergab.

In der Nacht weckte mich ein kaum hörbares Geräusch. Es klang, als zerrisse jemand Papier in winzige Stücke. Irgendwann verschwand das Geräusch und ich schlief ein.

Am anderen Morgen sah ich winzige Zeitungsschnipsel vor dem Heizungsrohr. Die Maus hatte ganze Arbeit geleistet. Wahrscheinlich hatte sie auf befreundete Mäuse zurückgegriffen und eine Art Schichtbetrieb unter Tage aufgebaut. 

„Es reicht. Wir holen den Kammerjäger“, sagte Roland, als ich ihm die Überreste des nächtlichen Baubetriebs zeigte.

Der Mann tauchte auf, sah uns an, als hätte er Außerirdische vor Augen und schmierte irgendeine Paste auf das Rohr, nachdem er mich gefragt hatte, was die Zeitung dort zu tun habe, das ganze Rohr sei damit voll. Ich habe versucht, die Zugänge dicht zu machen, erklärte ich. Der Mann betrachtete mich, als wäre ich schwachsinnig und schüttelte seinen Kopf. Wahrscheinlich konnte er nicht fassen, wie grenzenlos die menschliche Naivität am Ende doch war, unendlich, man hatte doch niemals alles gesehen.

Von da an ließen uns die Mäuse in Ruhe. Ich lag auf meinem Hochbett, das leise Klopfen und Rascheln setzte aus und die Stille kehrte zurück. Ein paar Wochen später begann mein erstes Semester und nach diesem Semester zog ich aus dem Wedding in den Prenzlauer Berg. Roland zog in eine WG nach Kreuzberg, irgendwo am Kotti, wie er sagte und damit verschwand mein erstes Zimmer, das nicht mit dem Haus meiner Eltern in Verbindung stand. Es lag in Richtung Hinterhof, ich hatte eine Mauer vor Augen und der bleigraue Himmel war nur in einem engen Ausschnitt über mir, über uns, über allen, die im Viertel lebten, zu erkennen.

Gera (1. Zimmer), 28. April

Früher gab es ein Zimmer im Haus meiner Eltern, dessen einziges Fenster auf den Giebel des Nachbargebäudes und auf eine Eibe zeigte. Lag ich im Bett, war nur die Eibe vor einem Stück Himmel zu erkennen, einem blauen Quadrat, das im Sommer häufig wolkenlos blieb, und vor diesem Quadrat wuchs die Eibe ins Nichts, sie wuchs in eine aquamarinfarbene Unverständlichkeit hinein, denn der Fensterausschnitt machte es unmöglich, sich Boden und Erde vorzustellen, es gab nur den Himmel in seiner Stofflosigkeit und Immaterialität und dieser Himmel leuchtete blau, es war ein richtiger Sommerhimmel, der die Hitze erahnen ließ, ohne dass man sie fühlte, eine Hitze, die draußen, außerhalb des Zimmers und des Hauses, träge und stickig auf etwas zu warten schien und in die sich die Geräusche der Küche mischten, in der meine Mutter das Mittagessen vorbereitete, das Rauschen des Dunstabzugs über dem Herd war zu hören und drang durch die geschlossene Küchentür bis zu mir in den ersten Stock hinauf, um mich gespannt auf den Ruf meiner Mutter warten zu lassen, es gebe bald Essen und wir, das heißt, meine Schwester und ich, sollten nach unten kommen, um den Tisch zu decken, was wir immer etwas widerwillig taten, machmal kam es auch zum Streit, wer das Besteck und wer die Teller hinüber ins Esszimmer schaffen sollte und vielleicht stand dieser Streit mit der Jahreszeit in Verbindung und dem blauen Rechteck in seiner Makellosigkeit sowie der schwerelosen Spitze des Baums, die so unbeweglich in der Windstille blieb, ein Baum, der entfernt an eine Rakete erinnerte, die niemals abhob, um eigensinnig an derselben Stelle zu verharren, ein dunkler Baum, der etwas mit den Kelten zu tun hatte, wenn ich mich richtig erinnerte, wahrscheinlich ein Totenbaum wie die Zypresse in Südeuropa und von diesem Baum ging eine merkwürdige Stille aus, keine Grabesstille, sondern eine Sommerstille, in dieser Stille potenzierte sich die Hitze, sie kugelte sich wie ein Tier in einer Höhle zusammen, fest geborgen in der Eibendunkelheit, die Hitze, sie knisterte und knackte, es waren nicht nur die Geräusche trockenen Holzes wie im Wald, die sich an sie knüpften, sondern auch die Geräusche aus der Küche, die erschöpft wirkten und schwer, matt wie die von der Sommerhitze überrumpelten Körper, die man im Park oder in den Schwimmbädern fand und auf meinem Bett, das blaue Quadrat mit dem moosgrünen Dreieck vor Augen, schien das Abflauen der Temperatur manchmal ganz unmöglich zu sein, die Hitze würde bleiben, die Hitze dehnte die Zeit, sie verwandelte den Mittag in eine Ewigkeit, die alte Uhr im Wohnzimmer, die man täglich mit einem Messingschlüssel aufziehen musste, setzte plötzlich aus, man fiel aus der Zeit, betrat einen zweiten Raum, als fahre man in den Nebenarm eines breiten Flusses hinein, einer dieser Flüsse im Weiß leerer Landkarten, und mit einem Mal machte nichts mehr Sinn, weder das Mittagessen noch das Bett oder das Haus und das Zimmer, nur das blaue Quadrat und die Eibe bestanden den Test, sie ruhten ineinander, sie glichen die Gegenwart des anderen aus, zwei Puzzleteile, die eine Einheit bildeten und für diese Einheit ergab der Begriff der Zeit keinen Sinn und dann, wie aus einem Traum heraus, kam endlich der Ruf, ein Ruf, dessen Worte man anfangs nicht verstand, eine weitere Reihe von ausgehöhlten Begriffen, nur Geräusche und keine echten Wort, doch beim zweiten Mal tauchte man langsam aus der Schwere wieder auf, die Kraft kehrte lethargisch in den Körper zurück, das Quadrat kippte und auch das Dreieck schien zu fallen, man stand auf, da war der Giebel des Nachbarhauses und da waren die ersten Wolken, weiß und bauchig, an den Unterseiten grau, vielleicht, dachte ich, während ich das Zimmer verließ, gibt es später Regen, vielleicht sogar ein Gewitter und dann legte ich meine Hand auf das Treppengeländer, das hinab in diesen dunklen Tunnel führte, der unseren Flur mit der Küche verband.