Altbau, 21. Februar

Wir stehen im Hochparterre eines Altbaus in der Innenstadt, ein richtiges Paradebeispiel eines Altbauhochparterres, denke ich, dunkel, schlauchartig, endlose Zimmerfluchten, eine Küche zum Fürchten, in der es mir vorkommt, als wären hier ein paar Dutzend Leute gestorben und dann so ein winziges Fenster, das natürlich auf einen Hinterhof zeigt, beziehungsweise auf eine niederschmetternde Ziegelwand. Die Wohnung wirkt insgesamt total düster und muffig, eine richtige Beerdigungsangelegenheit. Schon nach fünf Minuten glaube ich, mich unter Wasser zu befinden, in einem Sumpfgebiet, auf Grund gelaufen. Draußen ist es hell und die Sonne scheint, hier drinnen aber herrscht eine Halbdunkelheit, die mich an Berlin erinnert, diese Halbdunkelheit, die nach einigen Wochen sofort auch von den Menschen Besitz ergreift, um sie in komplizierte, übersensible Dauerprojektemacher zu verwandeln. 

Nur in einem Zimmer sehen wir geschliffene Dielen, überall sonst liegt PVC oder einfach ein Teppich aus einer biologisch abbaubaren Ökofaser, wie uns die aktuelle Mieterin erklärt, eine wirklich unglaubliche Faser, die besser ist, als alles, was man sonst so auf dem Teppichmarkt bekommt und während sie weiter die Vorteile dieser unschlagbaren, mundgezwirbelten Ökofaser auflistet, beginnen meine vom Fairtrade-Teppich geschundenen Fußsohlen wilde Schmerzsignale auszusenden. Ich trage dicke Puma-Socken, so richtig scheußliche Sportexemplare, schwarz, aber mit grauen Abteilungen für Ferse und Zehen und obwohl diese dicken Baumwollsocken gegen alles mögliche schützen, kommen sie nicht im Ansatz gegen das zerstörerische Profil der sagenhaften Friedensfaser an, die natürlich nicht ganz billig war, nein, dreitausend Euro hat die Verbrüderungsfaser gekostet und auch aus diesem Grund bat uns das Mädchen, das ich auf Anfang dreißig schätze, beim Betreten der Wohnung unsere Schuhe auszuziehen.

So was finde ich natürlich total bescheuert, richtig provinziell, wer zum Teufel fordert denn zum Ausziehen der Schuhen auf, sind wir unsere Eltern oder vielleicht sogar noch Großeltern? Aber ich lasse mir natürlich nichts anmerken, ich möchte ja eigentlich keinen Streit und deshalb lächle ich bezaubernd und finde die Zimmerhöhe ein paar Augenblicke später wunderbar und auch das Bad hat ja Fenster! Wirklich toll!, rufe ich und das Duschwasser wird auch wirklich heiß? Ja, das wird es. Toll! Fernwärme? Ja. Das ist ja klasse! 

Ich bekomme mich gar nicht mehr ein, obwohl ich sofort weiß, in diesen Sarg unter keinen Umständen zu ziehen, hier schleifen mich keine zehn Pferde rein, lieber campiere ich unter einer Brücke oder wandere aus. Die armen Leute, die hier früher leben mussten, stets im Wissen, über ihnen sei die eigentliche bel étage und damit das wahre, echte, komfortable Leben, hier unten dagegen herrsche bloß so eine Art Bergwerksatmosphäre, der man höchstens tagsüber entkam. Morgens beim Verlassen der Wohnung verließ man auch den Schacht, um seine zehn oder zwölf Stunden in der Fabrik abzusitzen und dann kehrte man abends wieder zurück in diesen Schacht, die Hoffnung im Hirn, alles wäre vielleicht doch endlich eingestürzt, die Balken hätten nicht mehr standgehalten gegen das Erdreich, die so sanfte Mutter, und man selbst sei somit endgültig aus dem Schneider, könne sich ein und für alle Mal aus dem Staub machen. Welt ade, ich verschwinde, danke und viel Glück!

Mein positives Wohnungsfeedback allerdings reizt natürlich auch das Mädchen und sie beginnt zu erzählen. Früher sei das hier die Wohnung ihres Vaters gewesen, der aber sei gestorben und nun –. Sie bricht ab. Für eine Sekunde sieht es ganz danach aus, als würde sie jeden Moment anfangen zu weinen und K und ich stehen nur stumm in der Gegend rum, während ich auch das noch denke. Das darf doch alles nicht wahr sein, wir möchten doch gar nicht wirklich umziehen, sind nur neugierig und ehe man sich versieht, bauen sich Psychotherapiekulissen um einen herum auf. 

Das Mädchen ist sehr hippiemäßig angezogen, sie trägt mehrere durchlöcherte Wollpullover in gedeckten, erdverbundenen Farben und ein paar selbstgehäkelte Rockschichten. Bald möchte sie wissen, ob die Stimmung der Wohnung für uns in Ordnung sei oder ob wir noch Zeit bräuchten, um diese Stimmung auf uns weiter wirken zu lassen. Sehr gern könnten wir auch eine Nacht hier schlafen, um ein besseres Gefühl für das Quantenbewusstsein der Räume zu bekommen und als dieser Vorschlag fällt, schrillen in mir natürlich alle möglichen Alarmglocken. Es ist ja ganz klar, dass in diesem Hochparterre eine richtige Poe-Nacht auf uns wartet, mit schlagenden Herzen unter den Dielen und komplettem Wahnsinn am nächsten Morgen.

„Ich glaube, das wird nicht nötig sein, auch wenn das ein wunderbares Angebot ist“, sage ich, während ich überlege, wie wir aus dieser Sache so schnell wie möglich wieder herauskommen.

„Können wir uns noch einmal die anderen Zimmer ansehen?“, frage ich deshalb. Wir befinden uns mittlerweile in einer Art Werkstatt. Hier wird wahrscheinlich Schmuck fabriziert, sicher bin ich mir allerdings nicht, denn die ganzen Gerätschaften sind mir fremd. 

„Natürlich“, erklärt das Mädchen. „Ihr könnt euch alles so lange ansehen, wie ihr wollt.“

Super, denke ich und steuere durch das Bad voller Grünpflanzen zurück in die Zimmer. K folgt mir nach und ich gebe hier Zeichen, die sie nicht versteht. Also gibt es nur einen Ausweg. Wir kehren zurück und ich führe eine letzte Interessentenunterhaltung, da ich nicht fähig bin, einem anderen Menschen ins Gesicht zu sagen, diese Wohnung wäre nichts für uns. Schließlich hat der andere ja Unannehmlichkeiten mit unserem Besuch und ein so klares Urteil käme damit einer unhöflichen Zeitverschwendung gleich. Das ist natürlich Unsinn, aber so denke ich nun einmal und mache die mir verabreichte Erziehung für alles verantwortlich.

„Gut, wir melden uns dann also am Freitag wieder bei dir.“

„Ja, macht das. Ich möchte den Vermietern bald Bescheid geben.“

„Klar, das wäre gut.“

„Die sind immer etwas langsam, wenn es um Ausbesserungen hier in der Wohnung geht, aber bei einem Mieterwechsel geht es natürlich um die Wurst.“

„Typisch.“

„Genau. Denkt als an die Schufa-Auskunft und natürlich die drei Gehaltsauszüge und an euren Arbeitsvertrag und an die Mieterselbstauskunft und bitte auch an die Mietfreiheitsbescheinigung eures jetzigen Vermieters.“

„Natürlich, das ist doch selbstverständlich. Wir haben ja überhaupt nichts zu verbergen.“

„Ja und ihr habt ja unbefristete Arbeitsverträge.“

„Na klar, ansonsten würden wir uns doch lächerlich machen!“

Als wir endlich draußen sind, atme ich auf.

„Du weißt, wie das mit der Wohnungssuche abläuft, oder?“, frage ich K, während wir nach Hause laufen.

„Wie denn?“, antwortet sie.

„Bei Wohnungen gibt es keine Kompromisse. Ein Veto und die Wohnung wird nicht genommen, egal wer sich dagegen ausspricht.“

„Echt jetzt?“

„Natürlich! Das gehört zum allgemeinverbindlichen Ü30-Wohnungsleitfaden!“

K sagt nichts.

„Und?“, fragt sie dann. „Was denkst du?“

„Auf gar keinen Fall!“, rufe ich und mache mir Luft.

Sie wirkt konsterniert.

„Warum hast du dann die ganze Zeit so getan, als würden wir gleich morgen einziehen? Ich dachte, dir gefällt die Wohnung.“

„Ich konnte doch nicht unhöflich sein!“, gebe ich zurück. „Das Mädchen hat uns schließlich eine halbe Stunde geopfert.“

„Aber jetzt denkt sie, dass sie schon einen Nachmieter hat.“

„Sie bekommt die Wohnung auch ohne uns los. Es herrscht ja nun wirklich kein Mangel an mietwilligen Gutverdienern. Diese ganzen BASF-Leute schwimmen doch im Geld.“

„Ja, aber wir hätten uns die halbe Stunde auch sparen können.“

„Ich weiß. Tut mir leid.“

„Ich fand die Wohnung übrigens ganz schön.“

„Was?“

„Ja, aber du hast dein Veto ja schon gegeben.“

„Mea culpa!“, rufe ich. „Mea culpa!“