Dienstag, 30. März

Traum: wir liegen am Strand. Ich bin mir nicht sicher, wo sich dieser Strand befindet, aber um uns herum gibt es nur wenige Menschen. Ich betrachte das Meer, das an einer Stelle ganz in unserer Nähe sehr ruhig wirkt, als brandeten dort keine Wellen ans Land. Mit einem Mal wird diese Stelle dunkler und färbt sich tiefblau. Ich sehe auf. Die nächsten Wellen, die an den Strand spülen, wirken ungewöhnlich hoch, es sind zwei oder drei in kurzer Folge und schon machen sich die ersten Leute aufgeregt davon. Noch weiß keiner, was passiert, aber diese größeren Wellen samt den ersten Fluchtbewegungen der Menschen machen auch mich nervös. Wir stehen deshalb auf und wollen so schnell wie möglich mit den anderen fort und in diesem Augenblick, als wir uns aufgerappelt haben und umdrehen, stößt mir die Gefahr mit einem heftigen Schlag gegen die Brust, denn ich weiß, dort hinten rollt ein Tsunami auf uns zu. Wir laufen jetzt, laufen einen Hang hinauf, eine riesige Düne, die uns schützen muss, weil sie so hoch ist. Auf dem Scheitel der Düne, die wie ein heller, ockerfarbener Berghang wirkt, kann ich Ferienwohnungen oder die Dachgeschosse eines Hotels erkennen. Als ich diese Dächer in den Blick bekomme, taucht hinter ihnen eine riesenhafte vierte Welle auf, hundertmal höher als das, was ich eben am Strand gesehen habe. Das Meer stürzt also von zwei Seiten auf uns ein, was mich für eine Sekunde irritiert, eine Sekunde, in der die Riesenwelle aufgrund ihrer monumentalen Größe gefroren erscheint, unbeweglich, als wäre sie aus dunklem Glas. Dann aber neigt sich ihr weißer und im Sonnenlicht wunderschön glitzernder Kamm und ich begreife, dass es keine Rettung für uns gibt. Alle Seiten sind vom Wasser verstellt. Die Welle bricht und noch bevor sie mich berührt und von den Füßen reißt, wache ich auf und lache leise vor mich hin. Es ist Nacht und K schläft, hat von allem nichts mitbekommen.

Es sind zwanzig Grad, als ich das Haus verlasse. Ich spaziere am Ufer entlang, hier sind viele Leute unterwegs, obwohl es Montag ist, vor allem Jüngere, Studenten, wie ich denke. Sie sitzen auf der Wiese und am Wasser und sie spielen Frisbee oder Federball oder machen irgendeinen anderen unsinnigen Sport. Zwei Frauen in meinen Alter kommen mir mit Sportsonnenbrillen und Yogamatten bewaffnet entgegen und wirken total entspannt, aber das nehme ich ihnen natürlich nicht ab, diese Grundgelassenheit ist nichts anderes als der blasierte Ausdruck eines mit allen Mitteln erzwungenen Halbgleichgewichts.

Als ich weitergehe, jagen Hunde an mir vorbei, stürzen über das Ufer und verkeilen sich spielend zwischen den sitzenden Gruppen. Anfangs wirken diese Hunde immer herrenlos, doch dann höre ich die Rufe ihrer Besitzer und versuche, die unglaublich kreativen Tiernamen zu ignorieren. Der Einheitsbrei, fällt mir dann auf, wird natürlich auch auf den unschuldigen Hund übertragen, der sich schließlich genauso wenig wie die eigenen Kinder wehren kann, die auch alle nur Leonard, Lasse, Lukas und Charlotte heißen, ohne dass sich die Eltern dafür schämen.

Später sitze ich auf einer treppenartigen Struktur und sehe in Richtung Fluss. Die Sonne brennt auf mein Gesicht, zum ersten Mal in diesem Jahr trage ich ein T-Shirt. Ich lese im Weißen Buch, das mir C empfohlen hat und fühle mich gleichzeitig unterhalten und komplett genervt. Das ist so richtige Yuppie-Literatur, denke ich, ganz klassisch vor Zweitausendundeins mit seiner neuen Terrorwirklichkeit, der die Generation Golf ja wirklich überhaupt nichts entgegenzusetzen hatte. An dieser Stelle versagte sie total, wie bei allem anderen eigentlich auch. Aber das ist natürlich kein Wunder und ein Vorwurf soll es genauso wenig sein. Mit Helden wie Marusha und Stuckrad-Barre, den ich am Rosenthaler Platz mal fast vom Fahrrad gegen einen Bus der BVG gestoßen hätte, macht man eben keine großen Schritte, sondern nur die eine oder andere Tanzveranstaltung. Aber das ist vielleicht ein bisschen zu viel und unfair ist es sicher auch.

Kurz nach drei mache ich mich auf den Rückweg. Über mir im wolkenlosen Himmel verjagt eine Krähe gerade einen der grünen Papageien, die den nahe gelegenen Park fast vollständig bevölkert haben. Ich gehe in den Lidl, kaufe Biobananen, Tiefkühlgemüse und ein paar vegetarische Burgerpatties und dann lege ich mich zu Hause ins Bett und höre nur die Stimmen aus dem Hinterhof. Ein Kind schreit draußen wie am Spieß. Es ist ein ganz normaler Tag, sage ich mir. Und auch an einem dieser ganz normalen Tage schreien die Kinder ohne ersichtlichen Grund und ich bin mir sicher, dass nicht viel fehlte und auch ein paar Erwachsene stimmten ein in das Geschrei. Es fehlte nicht viel und sie riefen sich die Stimmbänder wund, krakeelten irgendwelche halb garen Forderungen, die natürlich niemals in Erfüllung gingen, weil sie nur in einem Hinterhof existierten. Und die in einem Hinterhof formulierten Forderungen wiegen am Ende natürlich genauso viel wie der an jedem Tagesende in den eigenen Zimmern vorgebrachte Satz, man mache morgen mit allem Schluss, man habe das Ganze ein und für alle Mal satt.