29. Januar, Spanien (Schluss)

Der Rest unserer Reise besteht aus einigen zusammengewürfelten Bildern.

Wir landen in einem weiteren Dorf, diesmal einige Kilometer von der Küste entfernt. Der Regen fängt uns wieder ein, auch wenn er sich nicht mehr zu einem Unwetter auswachsen will. Stattdessen fällt er und fällt, wir übernachten unter einer Brücke und kommen zum ersten Mal mit einer sogenannten Brückenentwässerung in Berührung. Unter einem unsichtbaren Rohr schlagen wir nichts ahnend das Zelt auf und werden in der Nacht von einem wahren Wasserfall geweckt.

Unser Klamotten sind nun kontinuierlich klamm und verströmen einen abgestandenen, modrigen Geruch. Tagsüber ist es warm, doch die Sonne bricht kaum noch durch die dichte Wolkendecke und ihre müden Strahlen reichen einfach nicht aus, um unsere Sachen zu trocknen. Schließlich beginnen meine weißen Baumwollshirts nach Schimmel zu stinken und ich werfe einen Großteil von ihnen weg.

Wir schwimmen in einem Fluss, trinken Bier im Wasser, es ist ein ruhiger, schöner Tag. Später schlafen wir am Ufer und weigern uns mit Nachdruck, das Zelt schon wieder aufzubauen. Die Sterne über uns wirken unglaublich, sie strahlen mit einer scharfen Intensität, als versuchten sie etwas unter Beweis zu stellen, als ginge es in gewisser Weise um ihr Leben und Simon und ich liegen unter diesem Sternenhimmel und sprechen über das Ende der Schulzeit, klagen einander unser Leid, unsere Hilflosigkeit, die so groß ist, unsere Schüchternheit, die Mädchen, die nichts von uns wollen, die Schwere des Daseins natürlich, der endlose Spuk der Gedanken, Unsicherheiten, diese wahnsinnige Orientierungslosigkeit. All die Versuche! Wie vergeblich doch so vieles ist!

Und über uns das Pulsieren der Sterne. In meiner Kindheit, sagt Simon, gab es einen ähnlichen Himmel in meinem Zimmer, direkt über meinem Bett. Kleine sternförmige Aufkleber, die sich mit dem künstlichen Deckenlicht vollsogen wie ein Schwamm mit Wasser, um dann in der Dunkelheit grün zu leuchten. Solche Aufkleber hatte ich auch, sage ich. Aber sie erinnern mich nicht an diesen Himmel über uns. Bist du dir da sicher?, fragt Simon. Ich denke schon, erwidere ich.

In den folgenden Tagen regnet es pausenlos. Wir verbrauchen unser letztes Geld für Zugfahrten, die uns an der Mittelmeerküste entlang in Richtung Norden führen. Hin und wieder halten wir uns für einige Stunden in den Bahnhofsgebäuden auf, kaufen in namenlosen Dorfläden und Supermärkten ein, doch bald schon müssen wir weiter, um uns einen Schlafplatz zu sichern. Mittlerweile sind wir seit etwa drei Wochen unterwegs, obwohl wir doch am Beginn unserer Reise von Monaten ausgegangen waren. Aber diese Verschiebung sprechen wir nicht an.

Endlich fällt der Beschluss, in Richtung Straßburg weiterzufahren und damit rückt das Ende unserer Reise ins Bild. Ich erinnere mich noch gut an einen der letzten Streckenabschnitte. Wir fahren mit dem Zug für Stunden nach Nordosten und irgendwann taucht vor den Fenstern unseres Abteils eine wirklich atemberaubende Seenlandschaft auf. Das Wasser spiegelt sich im Licht und je weiter wir kommen, um so mehr verlieren sich auch die Wolken. Die zu uns zurückkehrende Sonne verwandelt das baumlose Fachland in spiegelnde Flächen, in mit Silber ausgegossene Archipele, eine wirkliche Flut an Schönheit strömt von draußen auf mich ein und obwohl ich sie nur schwer ertrage, bleibt das Wegsehen doch unmöglich.

Als wir durch diese Landschaft fahren, spüre ich den heftigen Drang, am nächsten Bahnhof einfach auszusteigen und zurückzuwandern, bis ich diese Traumzone erneut erreiche. Ich möchte hinein in diese Wasserlandschaft, um mich in ihr zu verlieren, ein neues Leben zu führen als Bewohner zwischen den Seen. Dort draußen, glaube ich mit einem Mal fest, liegt das Abenteuer und das Ziel unserer Reise. Doch ich unterdrücke meinen Impuls mit aller Kraft und rede mir ein, dass wir nicht einfach an der nächsten Station aussteigen können, schließlich haben wir unser Ticket bereits bezahlt und kaum noch Geld. Erst später beginne ich zu verstehen, dass unser Ausstieg immer möglich war, die Landschaft war möglich, diese Seen waren möglich, die Vorstellung von mir und Simon und unserem Aufenthalt inmitten des Bildes war eine Möglichkeit, die auf ihre Umsetzung wartete. Nur ein Wort des Aufbruchs hätte fallen müssen, ein kurzer Widerstand gegen die beschlossene Route, mehr nicht.

Wir kommen in Straßburg an und verbringen zwei weitere Tage in der Stadt. Jetzt regnet es wieder, das Wetter hat uns eingeholt und trotz der minutiösen Vorplanungen haben wir doch keine richtigen Regenklamotten eingepackt. Wir laufen ziellos durch die Stadt, sehen uns das Münster an, staunen über diese Riesenhaftigkeit, die ja auch etwas übertrieben wirkt und endlich beschließen wir erschöpft, zurückzukehren nach Deutschland.

Mit dem Zug fahren wir über die Grenze nach Kehl und dann immer weiter in Richtung Berlin. Nach einer endlosen Fahrt und mehreren Umstiegen in ganz Deutschland erreichen wir gegen Mittag meine Wohnung im Wedding. Ein paar Tage später macht sich Simon wieder auf den Weg, denn er muss zurück nach Gera, hat noch andere Verabredungen für den Sommer. Wir verabschieden uns voneinander. Das war doch eine schöne Reise, oder nicht? Ja, eine wirklich schöne Reise. Jetzt haben wir etwas erlebt und davon können wir später erzählen. Mach’s gut, wir sehen uns ja hoffentlich noch einmal in diesem Sommer, oder? Na klar, auf jeden Fall. Der Sommer hat doch gerade erst begonnen.

28. Januar, Spanien (3)

Ich erwachte in den Geräuschen eines schweren Gewitters. Der Regen peitschte von außen gegen das Zelt und der Donner krachte so unwahrscheinlich laut, als stünde der Sturm direkt über dem Hügel, als schwebe das Zentrum dieser Gewalt nur wenige Meter über unseren Köpfen. Mit klopfendem Herzen lag ich in der Dunkelheit, einer wirklich eindeutigen Dunkelheit, dickflüssig und träge, während sich das Unwetter wie ein Wahnsinniger gegen die Außenhaut unseres Zeltes warf. Mit jeder neuen Böe glaubte ich, die Zeltplane werde zerreißen oder zumindest die Ankerhaken, mit denen ich das Zelt auf dem Hügel befestigt hatte, würden aus dem Boden gehebelt werden. Noch nie hatte ich mich der Natur derart ausgeliefert gefühlt, wobei die undurchdringliche Dunkelheit meine Angst noch steigerte.

Bist du wach?, fragte ich in den Lärm des Gewitters hinein. Na klar, erwiderte Simon. Das ist ja wirklich ein ganz unglaublicher Sturm. Hält das Zelt das aus? Diesen Sturm, meine ich. Ich denke schon, erwiderte er, ohne sonderlich überzeugt zu klingen. Draußen rannte eine weitere Böe mit aller Gewalt gegen unser Zelt. Es tat einen heftigen Schlag, der irgendwie metallisch klang, fast blechern. Die Außenhaut des Zelts entspannte sich für eine Sekunde, nur um im gleichen Augenblick von einem weiteren Windstoß erfasst zu werden. Alles hörte sich an, als existierte zwischen uns und dem Unwetter keine Grenze, kein scheidender Bereich. Wir lagen mitten im Sturm.

Vielleicht sollten wir runter ins Dorf, sagte ich und fühlte meine Panik immer heller in mir werden. Der Donner hörte sich jetzt noch gefährlicher an. Ins Dorf?, fragte Simon. Wie sollen wir in der Dunkelheit den Weg finden? Aber was ist, wenn der Blitz hier oben einschlägt?, gab ich zurück. Wir sind hier schließlich auf einem Hügel. Das ist doch ganz egal, erwiderte Simon bestimmt. Sind dir nicht die riesigen Bäume aufgefallen? Wenn der Blitz tatsächlich einschlagen sollte, trifft es die Bäume zuerst und wir sind in Sicherheit. Es sei denn natürlich, so eine Mittelmeertanne fällt direkt auf unser Zelt, wandte ich ein. Dann ist es auch egal, erwiderte Simon.

An Schlaf war nicht mehr zu denken. Das Gewitter wütete unverändert draußen weiter. Meine Angst nahm nicht ab, aber ich begann mich ein wenig an die Situation zu gewöhnen. Mit jeder verstreichenden Minute, die unseren plötzlichen Tod auf diesem malerischen südfranzösischen Hügel hinausschob, trat das krachende Unwetter stückweise in den Hintergrund. Die Gewohnheit schlug auch an dieser Stelle gnadenlos zu. Gedankengänge wurden wieder möglich, meine Panik allerdings kehrte unter jedem neuerlichen Donnerschlag mit aller Macht zurück.

Simon bewegte sich unruhig neben mir in seinem Schlafsack. Was machst du?, wollte ich wissen. Ich suche nach unserer Scheißtaschenlampe, was denn sonst?, sagte er. Wo hast du das Ding hingelegt? Ich habe die Lampe doch gar nicht gehabt, antwortete ich. Na klar, sagte er, du warst doch gestern nochmal zum Pinkeln damit draußen. 

Da fiel es mir wieder ein. Ich erinnerte mich an den hellen, kreisrunden Ausschnitt, der das wilde Gras des Hügels stellenweise erleuchtete, aber wo ich die Taschenlampe nach meiner Rückkehr ins Zelt wieder abgelegt hatte, wollte mir einfach nicht einfallen. Ich tastete neben meinem Schlafsack herum, bekam aber nichts zwischen die Finger. Simon schien dasselbe zu tun. Ich hörte in den kurzen Pausen, in denen Sturm und Donner so taten, als beruhigten sie sich, seine Hände auf dem knisternden Kunststoffboden.

Scheiße!, rief er plötzlich. Ich schreckte auf, saß mit einem Mal kerzengerade im Zelt. Was ist los?, rief ich. Hier ist alles nass!, erwiderte Simon aufgeregt. Der ganze Kackboden ist nass! In mir überschlugen sich die Bilder. Ich sah uns kopflos in das Gewitter laufen, völlig durchnässt den Hügel hinunterrennen, unsere Klamotten und die Rucksäcke irgendwo in der Nacht verstreut. Alles war eine einzige Katastrophe, wer rechnete in Südfrankreich schon mit einem solchen Jahrhundertsturm! 

Ich dachte, dein Zelt ist wasserdicht, rief ich zurück. War es auch, sagte Simon fieberhaft und rutschte zu mir herüber. Ist dein Schlafsack nass?, wollte ich in der Hoffnung wissen, alles wäre vielleicht nur halb so schlimm. Ich glaube, mein ganzer Arsch ist nass!, rief er entgeistert. Dein Arsch?, fragte ich perplex und begann meinen eigenen Schlafsack fahrig abzutasten. Warum hast du das nicht früher bemerkt?, schob ich nach. Das Wasser breitet sich hier gerade erst aus, antwortete Simon. Wir haben ein verdammtes Leck!

Fast zeitgleich befreiten wir uns von den Schlafsäcken und tasteten im Zelt nach der Taschenlampe. Es dauerte eine ganze Weile, dann aber fand ich sie endlich am Boden meines Rucksacks, ohne zu begreifen, welche absurde Abfolge ganz haltloser Zufälle sie ausgerechnet in diesen Winkel getragen hatte.

Ich schaltete die Lampe an und leuchtete in Simons Richtung. Er kniete mitten im Zelt, der Schlafsack war ihm bis zur Hüfte gerutscht und sein nackter Oberkörper verwandelte sich in einen hellen, fast weißlichen Fleck. Mit den Händen tastete er weiter den Boden ab, um gleichzeitig zentimeterweise in meine Richtung zu rutschen. Ich assistierte ihm mit der Taschenlampe, wies sozusagen den Weg.

Während wir das Leck im Zelt suchten, um Simons Schlafsack mit unseren Handtüchern trocken zu legen, tobte draußen der Sturm mit unverminderter Kraft. Irgendwann aber ließ der Regen langsam nach. Die heftige Gischt, die vom Wind gegen unser Zelt gespült wurde, verwandelte sich in ein erschöpftes Tröpfeln und auch die Ruhepausen zwischen den einzelnen Windstößen dehnten sich irgendwann aus. Nach etwa zwanzig Minuten machte sich draußen nur noch hin und wieder eine Böe bemerkbar, die in die Wipfel der Bäume fuhr, ansonsten aber legten sich Sturm und Gewitter und die Stille kehrte zurück. Eine Stille, die immer unter allem Chaos wie ein unbeweglicher Grund existierte.

Als wir am nächsten Tag unser Zelt verließen, wirkte der Hügel merkwürdigerweise unverändert. Nirgends war auch nur das kleinste Zeichen des Unwetters zu erkennen, bis auf das Gras vielleicht, das an einigen Stellen etwas eingedrückt wirkte und die Nässe selbst, die in Tropfen an den Nadelspitzen der Bäume hing und auf der Wiese ringsum. Die bereits hochstehende Sonne brach sich in diesen Tropfen und lag als silberne Folie auf dem glänzenden nassen Gras. Wir begutachteten unser Zelt, das frisch gewaschen und nicht einmal ansatzweise beschädigt auf dem Hügel stand und so wirkte, als hätte es die vergangene Nacht überhaupt nicht gegeben.

Wahrscheinlich war die Wassersäule einfach zu hoch, sagte Simon fachmännisch, während er sich um den Morgenkaffee kümmerte. Die Wassersäule?, wollte ich wissen. Die Stärke des Regens sozusagen, erklärte er. Ich bin mir nicht sicher, wie viel Niederschlag das Zelt überhaupt aushalten kann. Das war ja ein fast schon irrealer Wolkenbruch.

Ich stimmte zu, suchte aus meinem Rucksack einen Pullover hervor, der sich klamm anfühlte und zog ihn schaudernd an. Dann lief ich über den Hügel durch das plattgedrückte, feuchte Gras bis zum Abhang und sah hinunter in das Dorf. Die ockerfarbenen Häuser standen wie eine Schafherde dicht zusammengerückt und das aus roten Schindeln zusammengesetzte Dächermeer strahlte im Licht. Auf der Gasse, die ich von hier oben aus in den Blick bekam, zeigte sich kein Mensch, der Ort schien noch zu schlafen. Nur die in der Sonne trocknenden Überbleibsel des nächtlichen Regens erinnerten mich als dunkle Silhouetten an zweidimensionale Spaziergänger.

Am Nachmittag brachen wir auf und fuhren mit dem Bus zurück in Richtung Küste. Wir hielten in einer kleinen Stadt am Mittelmeer, die nur aus einigen, um eine Bucht herum verteilten Häusern bestand. 

Vielleicht sind wir in einem Fischerdorf gelandet, sagte ich und Simon stimmte mir zu. Ein paar Felsen ragten bis ins Meer hinein und es gab einen echten Sandstrand, den ersten auf unserer Reise. Einige verstreute Boote leuchteten blau und rot im hinteren Teil der Bucht. Man hatte sie weit bis auf den Strand gezogen, um sie vor dem ausgreifenden Meer, wie ich annahm, zu schützen.

Wir liefen durch den Ort, trafen aber nur selten auf Bewohner, die uns darüber hinaus meist ignorierten, als hätten sie für Touristen absolut nichts übrig. Eine Betontreppe führte von der Straße hinab zum Strand, der für einige hundert Meter der Bucht in einem sanften Halbkreis folgte. Von weitem konnte ich einige Leute im Wasser erkennen, doch der wirklich schöne Strandabschnitt, den wir durch Zufall gefunden hatten, war ansonsten ganz leer.

Hier könnten wir doch eine Weile bleiben, sagte Simon, der sich ebenso wie ich selbst über das Ausbleiben der Touristen wunderte. Wir besorgten uns Kekse und Bier in einem Kiosk, der so etwas wie den Dorfladen darstellte, lächelten in das freundliche Gesicht einer braun gebrannten älteren Frau, die sich nur müde für uns interessierte und stattdessen mit verträumten Augen durch die offene Tür nach draußen sah, als würde sie dort auf der Straße ein verschollenes Kind erwarten oder die Rückkehr einer alten, halb vergessenen Liebe. Zurück am Strand tranken wir das erste Bier und ich fühlte mich plötzlich ausgezeichnet nach dem Chaos der Nacht, ganz ausgezeichnet sogar. Ich griff nach den Keksen und spülte sie mit dem Bier herunter und dann aß ich einfach weiter, mit einem Mal befriedigt und irgendwie wach, sehr wach sogar, als hätte mich das Unwetter aufgerüttelt, was mir gleichzeitig ein wenig merkwürdig erschien, denn warum ausgerechnet sollte mich dieser Sturm geweckt haben, da gab es doch keinen wirklichen Zusammenhang.

Mit der einsetzenden Dämmerung trafen junge Leute an unserem Strandabschnitt ein, zuerst zwei Mädchen, die an ihren gigantischen Rucksäcken schon von Weitem zu erkennen waren und dann eine Gruppe Jugendlicher, die wahrscheinlich aus dem Ort stammte und sich gegen Abend, wenn die Temperaturen ein wenig milder wurden, in Richtung Strand getraute.

Die Jugendlichen lärmten herum. Sie stießen einander ins Meer, rannten wie angestochen durch die sanften Wellen und bespritzten sich johlend mit Wasser. Sie grölten auch ganz ausgezeichnet auf Französisch, so dass es durch die gesamte Bucht hallte und natürlich verstand ich kein einziges Wort.

Die beiden Mädchen hatten in der Zwischenzeit in unserer Nähe ihr Zelt aufgebaut (unseres stand da bereits) und betrachteten die Jugendlichen aus der Entfernung. Sie mussten in unserem Alter sein, nahm ich an, achtzehn oder neunzehn und die Jugendlichen, die jetzt im Meer badeten, waren nicht älter als sechzehn, vielleicht sogar noch jünger, was natürlich einen riesigen Unterschied ausmachte. Halbe Kinder, sagte ich mir, sie gingen noch zur Schule, büffelten, erledigten irgendwelche Hausaufgaben und trauten sich an die Mädchen nicht ran, während die Mädchen sich sicher schon heran trauten, die waren schließlich stets ein bisschen weiter, aus welchen Gründen auch immer. Simon und ich hingegen, wir waren achtzehn und neunzehn Jahre alt und hatten die Schule bereits verlassen. Wir standen im Leben, ja, das ließ sich wirklich nicht anders beschreiben, wir hatten so vieles vor, wir fingen gerade erst an, wir machten uns auf den Weg und eine Reise und jetzt plötzlich hatte es uns also hier an einen französischen Mittelmeerstrand gespült. Wir hörten die Rufe der pubertierenden Kinder und sahen dabei hin und wieder auf diese beiden Mädchen in unserem Alter, die ab und zu auch zu uns hinüber sahen. Die Kinder im Meer hatten ja keinerlei Ahnung.

Sollen wir sie ansprechen?, fragte Simon, der sein zweites Bier bereits zur Hälfte geleert hatte. Ich bin mir nicht so ganz sicher, erwiderte ich. Sind das Franzosen? Woher soll ich das wissen?, antwortete er. Vielleicht sind es ja Schweizer? Schweizer?, gab ich zurück. Warum denn ausgerechnet Schweizer? Keine Ahnung!, rief Simon genervt.

Ich trank einen Schluck aus meinem Bier und fühlte meine Nervosität in Blasen in mir aufsteigen. Die Luft bahnte sich einen Weg in meinem Inneren und zappelte aufgeregt an meiner Magenwand entlang, die sich dadurch ein wenig zusammenkrampfte. Ich schluckte und fühlte den Schweiß auf meiner Stirn. 

Lass uns zu ihnen gehen, sagte Simon, der jetzt nur noch ein einziges Ziel vor Augen hatte. Ich wusste, dass keines meiner Worte ihn am Fleck halten würde. Er hatte sich in einen Windhund verwandelt und witterte eine Chance. 

Sollten wir nicht erst einmal unser Bier austrinken?, gab ich dennoch zu bedenken, um etwas Zeit zu schinden. Aber Simon schüttelte nur seinen Kopf und setzte sich in Bewegung. Mit letzter Kraft durchbrach auch ich die Starre meines Körpers und folgte meinem Freund.

Simon stellte uns den beiden zuerst auf Englisch, dann auf Französisch vor, doch noch mitten im Satz unterbrach ihn eines der Mädchen, das Jana hieß, und fragte, ob wir zufällig Deutsche wären. Ja natürlich!, rief Simon ganz begeistert, als hätten wir auf einem verlassenen Planeten gerade die einzigen Überlebenden getroffen. Natürlich, wir kommen doch auch aus Deutschland, wir sind doch auch auf einer Reise wie ihr! Die Mädchen lachten, ganz angesteckt von Simons sich überschlagender Euphorie. 

Jana war eindeutig die schönere der beiden. Sie hatte lange braune Haare, die sich über ihrem Nacken in Locken verwandelten, war schlank und braun gebrannt und trug ein weißes Oberteil mit schmalen Trägern. Mit verschränkten Armen stand sie vor uns und sah in Richtung Meer, während sie ihrer Freundin Maria das Reden überließ. Maria hing zu diesem Zeitpunkt bereits an Simons Lippen und hatte offensichtlich tiefstes Vertrauen gefasst.

Klasse, dachte ich, jetzt stehst du hier wieder als Anhängsel herum. Ich trank einen Schluck Bier und lauerte auf eine Gesprächspause, in die ich mich möglichst gelassen einschalten würde, ganz abgeklärt und desinteressiert, aber doch auf einmal vollkommen da und nicht zu ignorieren.

Die Mädchen begannen von ihrer Interrail-Reise zu erzählen. Sie waren schon durch ganz Südfrankreich gefahren und wollten jetzt nach Spanien und von Spanien aus mit einer Fähre nach Marokko übersetzen. 

Marokko?, sagte ich begeistert. Das ist ja total irre! Jana funkelte mich eigenartig an. Was soll denn daran so irre sein?, fragte sie kühl. Ich meine ja nur, stammelte ich mit hochrotem Kopf, dass sich das super anhört. Eine Reise nach Marokko eben.

Meine Bemerkung glitt an ihr ab und noch im selben Augenblick versiegte in mir der Wunsch, über Canettis Stimmen von Marrakesh zu sprechen und damit so etwas wie eine Literaturunterhaltung anzufangen, die mich in ein besseres Licht rücken musste. Aber daran war nach dieser ersten Abfuhr natürlich nicht mehr zu denken. Ich hielt die Bierdose zitternd an meine Lippen und betete in Richtung Himmel, die Röte auf meinem Gesicht möge schnellstens unbemerkt verschwinden.

Simon und Maria unterhielten sich noch immer miteinander und auch Jana versuchte gerade wieder in die Unterhaltung einzusteigen, als ein Schrei aus Richtung des Meeres das Gespräch unterbrach. Die Stimmung der Jugendlichen erreichte gerade so etwas wie einen Höhepunkt, die Lautstärke ihrer Rufe hatte kontinuierlich zugenommen und jetzt lärmte die Gruppe im Wasser herum und schrie sich von Gelächter unterbrochen wildgeworden an.

Was dort wohl los ist?, fragte Simon. Jemand hat einem anderen in den Schwanz getreten, antwortete Jana. Und der beschwert sich jetzt. Wir sahen einander ungläubig an, um dann in lautes Lachen auszubrechen.

Jana und Maria hatten vor kurzem in Bayern ihr Fremdsprachenabitur in Französisch und Englisch hinter sich gebracht und begannen ein wenig zu erzählen, während wir die letzten Bierdosen untereinander verteilten. Hinter dem Meer ging die Sonne langsam unter, der Himmel färbte sich blau und orange und gelb, er lief knapp über dem Horizont auch ins Rot. Kurz bevor die Sonne das Wasser berührte, das sich da bereits in eine ganz dunkle, nahezu schwarze Fläche verwandelt hatte, zog Jana ein Buch aus ihrem Rucksack. Sie las gerade Dostojevski in französischer Übersetzung, um sich damit auf das Komparatistikstudium vorzubereiten, das sie nach der Reise in München beginnen würde und ich konnte einfach nicht fassen, wie jemand, der ja so alt war ich, nicht nur Dostojevski las, an den ich mich damals nur voller Ehrfurcht heran traute, sondern ihn auch noch auf Französisch zu lesen verstand. 

Unglaublich!, dachte ich. Ich habe mich drei Monate durch das Original von Brave New World gequält und nur die Hälfte verstanden und hier sitzt mir ein wunderschönes Mädchen gegenüber, das Dostojevski auf Französisch lesen kann! Ich war vollkommen hin und weg.

Während wir uns weiter unterhielten, leerten wir unser Bier und meine Betrunkenheit nahm langsam zu. Simon leistete glücklicherweise den Großteil der Gesprächsarbeit und ich saß einfach neben ihm im Sand wie angespültes Treibholz und betrachtete das Meer, aus dem die Jugendlichen bereits vor einer ganzen Weile verschwunden waren. Als Maria schließlich erklärte, sie sei von der Busfahrt noch etwas müde und würde gern schon ins Zelt zum Schlafen gehen, überfiel unseren kleinen Kreis ein merkwürdiges Schweigen, das mir damals melancholisch erschien, ein fast schon melodramatisches Schweigen, in dem sich unsere Sehnsüchte und Erwartungen mit der Wirklichkeit vermischten, mit unserer Müdigkeit, mit dem Tag. 

Jana schien mir in diesem Augenblick unerreichbar. Sie interessierte sich für Simon, zeigte ihre Zuneigung aber nicht offen. Von mir blieb sie getrennt und der nahende Abschied – schließlich würden wir die Reise in entgegengesetzte Richtungen fortsetzen – stellte diese Trennung noch weiter aus. Wie merkwürdig die zufälligen Bekanntschaften am Ende doch blieben. Ich witterte damals hinter jeder Ecke eine Begegnung, die mein Leben verändern musste, ich lauerte wie ein Herzkranker auf die Ankunft der großen Liebe und hier, an diesem Strand, tauchte eine solche Möglichkeit mit Jana und Maria plötzlich auf, nur um sich im Handumdrehen in eine Unmöglichkeit zu verwandeln. In eine zufällige Begegnung, die man bald schon wieder vergaß, die das Leben davon tragen und unter sich begraben würde, bis bloß verschwommene Bilder übrig blieben, rund und weich wie Kiesel, deren ursprüngliche Gestalt die Arbeit des Meeres gelöscht hatte. Was blieb von diesem Abend wohl übrig? Nur die Sehnsucht vielleicht, die nicht einmal ausschließlich mit Jana und Maria, sondern mit unserer Jugend und dem Leben, auf das wir warteten, zusammenhing. Eine unbeschreibliche Sehnsucht, die auf das Größte wartete, um vom Kleinen enttäuscht zu werden. Eine Sehnsucht, die weder Fokus noch Gleichmaß besaß und deshalb unermesslich war, sagenhaft, wunderbar pathetisch.

Wir schliefen lang und wurden am nächsten Morgen von Geräuschen in unserer Nähe geweckt. Als wir das Zelt verließen, hatten Jana und Maria bereits zusammengepackt und saßen auf ihren Rucksäcken. Wir wollten uns noch von euch verabschieden, bevor wir weiterfahren, erklärten sie.

Simon und ich stammelten eine unverständliche Antwort zusammen, beide geblendet von der strahlenden Sonne und den Mädchen, die mir an diesem Morgen ganz anders erschienen als noch in der zurückliegenden Nacht. Eigentlich sah ich Jana erst richtig in diesem Morgenlicht. Sie wirkte unnahbar, trug wunderbare Kleider, ein paar Turnschuhe, eine weite Leinenhose und ein T-Shirt und wirkte so selbstsicher, dass ich mich in meiner deplatzierten Tropenmontur am liebsten versteckt hätte. Jana bewegte sich durch den Tag, als sei das Leben ihr eigentliches Element, während ich unbeholfen nach einem Zugang suchte, um mich in lächerlichen Rollen zu verlieren. Als wir uns schließlich voneinander verabschiedet hatten und die Mädchen verschwunden waren, musste ich Simon nur einen kurzen Blick zuwerfen, um zu verstehen, dass auch wir die Bucht noch am gleichen Tag verlassen würden.

25. Januar, Spanien (2)

Noch am gleichen Tag landeten wir in Portbou, einer kleiner Küstenstadt am Mittelmeer. Wir liefen durch die schmalen Gassen, folgten einer Allee mit knochigen alten Bäumen, die nicht sehr hoch gewachsen waren, dafür aber einen schattigen Tunnel bildeten und trafen zum zweiten Mal auf die auf ihren Bänken sitzenden Alten. Der Ort wirkte entspannt, auch wenn es überall Touristen gab, es wehte ein leichter Wind und das Meer tauchte immer wieder unerwartet hinter den Gebäuden am Ende der Straßen auf, ein blaues Gebiet im Hintergrund, das unbeweglich in der Nachmittagssonne lag, als würde es unter einem groben Tuch stecken, unter einer schweren Plane.

Wir liefen hinunter zum Strand, der sich als steiniger Bereich entpuppte und folgten der Küste, um etwas Abstand zwischen uns und den Ort zu bringen. Mit der einsetzenden Dämmerung schlugen wir unser Zelt auf. Der Strandabschnitt, an dem wir uns befanden, lag verlassen und wir waren allein. Nur die Brandung des Meeres blieb in ihrem verlässlichen Rhythmus zu hören, ein Hintergrundrauschen, das, je länger man darauf achtete, bald schon nicht mehr mit dem Wasser zusammenzuhängen schien, sondern mit der Nacht, mit dem Himmel, mit der Landschaft ringsum. Die Wellen brachen sich und spülten über den Kies mit rasselnden, knisternden Lauten und je dunkler der Himmel wurde, um so kräftiger wurden auch die Wellen, bis es mir vorkam, als knüpften sich die Geräusche an die Dunkelheit selbst, als bestünde hier eine unsichtbare Verbindung.

Am Morgen weckten uns Stimmen ganz in der Nähe. Ich sah Simon unschlüssig an, ob wir das Zelt verlassen sollten, um damit möglicherweise einem Dorfpolizisten in die Arme zu laufen. So weit wir wussten, war das Wildzelten in Spanien verboten, aber darum kümmerten wir uns nicht. In solchen kleinen Übertritten bestand ja schließlich das Abenteuer und außerdem wollten wir das wenige Geld, das wir besaßen, auch nicht für irgendwelche Hostelzimmer verschwenden.

Simon öffnete schließlich den Reißverschluss und wir krochen aus der verbrauchten Nachtluft ins Freie. Die Sonne stand blendend am Himmel, so dass ich meine Hände erst einmal schützend vor die Augen legen musste. Die aufziehende Mittagshitze machte sich bereits bemerkbar und der Wechsel zwischen unserem stickigen Zelt und der warmen Morgenluft fühlte sich eigenartig an. Ich begann sofort zu schwitzen und wollte nichts anderes, als hinunter ins Meer, von dem die Stimmen zu uns drangen. Der Strand fiel sanft zum Wasser hin ab und der Übergang zwischen Strand und Meer ließ sich von unserem Standpunkt aus nicht erkennen.

Ich stellte unseren Campingkocher auf eine kleine Erhöhung aus aufgeschichteten Kieseln und bereitete den Kaffee vor (die natürlich völlig überteuerten Gaskartuschen hatten wir uns mit knirschenden Zähnen in Figueres zugelegt). Als das Wasser zu köcheln begann, kamen die Stimmen näher, Gelächter, kurze Sätze, Rufe auf Französisch. Eine kleine Gruppe von jungen Leuten tauchte langsam auf, dunkle Schatten, die sich aus dem Licht schälten, allmählich an Größe gewannen, erst Köpfe, dann nackte Schultern und Arme, schließlich ganze Körper. Als die Gruppe uns entdeckte, verlangsamte sie ihren Schritt, die Stimmen setzten kurz aus, um sich aber gleich wieder, wenn auch ein wenig gedämpfter, bemerkbar zu machen und obwohl die kleine Gruppe nun nicht mehr ganz so überschwänglich in unsere Richtung lief, hallte doch noch immer die Euphorie ihrer Rufe nach, so eine richtige Morgeneuphorie, die mit dem kühlen Meer in Verbindung stand und natürlich auch mit dem Leben und dieser eigenartigen Unbeschwertheit, die es in einigen Augenblicken besaß, eine richtige Schwerelosigkeit, um die ich andere häufig beneidete, weil sie mir manchmal so schön und gleichzeitig so unerreichbar erschien.

Die Gruppe bestand aus vier Leuten, zwei Männern und zwei Frauen, alle in unserem Alter. Sie bewegten sich auf einen größeren Felsen zu, auf dem ich jetzt zwei Handtücher im Licht bemerkte und ein paar Rucksäcke und Klamottenbündel an der Flanke des Felsens im Schatten. Wahrscheinlich hatte die Gruppe bei ihrer Ankunft unser Zelt zwar entdeckt, sich aber nicht weiter darum gekümmert. Sicher stammten sie hier aus der Gegend, dachte ich und waren an Touristen gewöhnt.

Nachdem die Gruppe sich abgetrocknet hatte, legte sie sich in die Sonne und setzte ihr Gespräch weiter fort. Simon und ich tranken unseren Kaffee und taten dabei so, als würden wir die anderen nicht bemerken, um doch unablässig in Richtung der Mädchen zu sehen. Immer im Wechsel sah ich zum Meer, das sanft im Licht glitzerte und dann wieder hinüber zu den Mädchen in ihren Badeanzügen, die sich in der Sonne ausstreckten und keinen müden Gedanken an mich und Simon verschwendeten.

Wir wollten noch heute über die nah gelegene Grenze nach Frankreich aufbrechen und begannen bald, unser Zelt abzubauen und unsere Sachen zu packen, während wir weiter an unserem Instantkaffee nippten. Als ich mein T-Shirt auszog, um hinunter in Richtung Meer zu laufen, löste sich ein Pärchen aus der Gruppe und kam auf uns zu. Schnell zog ich mich wieder an, um dabei so zu tun, als wäre der Ausziehvorgang ein Versehen gewesen, als hätte ich irgendetwas vergessen.

Simon knüpfte ganz ungezwungen ein Gespräch mit den beiden an. Sie wollten wissen, woher wir kamen und wie lange wir in Portbou blieben. Simon sprach viel besser Französisch als ich und deshalb hielt ich mich im Hintergrund, wobei mir mein Schweigen mit jeder verstreichenden Minute immer heftiger zusetzte. Was mochte das Pärchen von mir denken, von diesem stillen Deutschen mit rotem Kopf, der sich sichtlich unwohl fühlte? Ich betrachtete die beiden Franzosen aufmerksam, zwei geradezu beleidigende Schönheiten, die sich vollkommen selbstsicher bewegten, um doch ohne jeden überheblichen Zug mit Simon zu sprechen. Keine Scheu lag auf ihren makellosen Gesichtern, keine Schüchternheit ließ sich an ihnen ausmachen. Er war groß und durchtrainiert, mit kurzen schwarzen Locken und einem dunklen Bart und sie war schlank und hatte ein weiches Gesicht und hohen Wangenknochen, blonden Dreadlocks und einem Ring in der Nase. Mit ihren perfekten Körpern gehörten sie auf ebenso perfekte Weise zueinander und machten mich in ihrer selbstgewissen Ruhe unendlich nervös. Sowohl ihre Schönheit als auch ihre Ruhe schienen unerreichbar, regelrecht beneidenswert.

Warum hast du nichts gesagt?, fragte Simon, als das Pärchen schließlich wieder verschwunden war. Was hätte ich denn sagen sollen?, fragte ich ihn. Er schüttelte seinen Kopf und pfiff leise vor sich hin, um sich weiter an seinem Rucksack zu schaffen machen. Du könntest ruhig ein wenig sozialer agieren, sagte er dann. Ich meine, wir sind doch schließlich alle gehemmt, da nützt es doch nichts, so eine Globalschüchternheit zu kultivieren! Die waren einfach zu schön, gab ich zurück. Zu schön? Bist du völlig bescheuert? Wir sehen doch auch nicht gerade schlecht aus, möchte ich meinen. Ich deutete auf unsere Multifunktionshosen und schmächtigen Oberkörper. Aber Simon, der schon damals mit seinem kantigen Intellektuellenschädel und dem breiten Kinn die Frauen auf seiner Seite hatte, wollte davon nichts wissen. Jetzt komm schon, sagte er, mach dich endlich locker, wir befinden uns hier auf einer Entdeckungsreise, da ist jede Schüchternheit verboten!

Wir brachten an diesem Tag die französische Grenze hinter uns und landeten in Perpignan. Auf der Suche nach einem Schlafplatz klopften wir irrigerweise an eine kleine Kirche, konnten uns dem völlig entgeisterten Pfarrer aber überhaupt nicht verständlich machen, der, zumindest glaubte ich das an seinen Zügen abzulesen, von einer Art fremdländischen Überfall ausging und nur wild mit den Armen fuchtelte, als versuche er ein paar Motten zu verscheuchen. Anschließend irrten wir noch eine ganze Zeit durch die Stadt in der Hoffnung, vielleicht in einem Park unser Zelt aufschlagen zu können, aber das war ganz unmöglich. Zu viele Leute liefen bis spät in die Nacht durch die Gegend, in den Parks herrschte sommerliche Ausgehstimmung und anstatt eine geschützte Ecke zu finden, liefen wir bloß lärmenden, meist betrunkenen Gruppen in die Arme. Am Ende machten wir auf einer Bank halt, aber da brach der Morgen bereits an. Wahrscheinlich schliefen wir in dieser Nacht nicht mehr als zwei oder drei Stunden.

Mittlerweile war ich mit Simon seit gut einer Woche unterwegs. Wir hatten das meiste Geld für Zugtickets ausgegeben und beschlossen nach einem neuerlichen Kassensturz, die Reise von jetzt an anders anzugehen. Deshalb fuhren wir am nächsten Morgen mit dem Bus zum Stadtrand von Perpignan, folgten noch ein Stück der Landstraße und hielten die Faust mit dem nach oben gestreckten Zeigefinger in den südfranzösischen Wind.

Ich glaube, in diesem Moment zum ersten Mal unser Unterwegssein begriffen zu haben, als wäre mein Empfinden die ganze Zeit lang unserer Reisebewegung hinterher gelaufen, ohne zu ihr aufzuschließen. Erst in der Nachahmung dieser merkwürdigen Geste, die wir ja nur aus Filmen kannten und aus Büchern, die uns eigentlich auch ganz fremd war und Überwindung kostete, fiel ich sozusagen in die Reise hinein. Zum ersten Mal am Straßenrand außerhalb Perpignans tauchte es plötzlich auf, das Abenteuer und ich dachte, ja, verdammt, das ist doch jetzt wirklich wie in On the Road, jetzt besteht ja überhaupt kein Zweifel mehr an uns und unserem Mut, wir fahren per Anhalter durch ein unbekanntes Land!

Es dauerte nicht lang und ein alter VW-Bus hielt am Straßenrand. Wir stiegen ein, Simon hinten und ich vorn auf dem Beifahrersitz. Obwohl ich gar nicht fassen konnte, dass uns jemand nach so kurzer Zeit bereits aufsammelte, schien sich der junge Hippie am Steuer darüber nicht im Ansatz zu wundern. Er mochte Mitte zwanzig sein und nahm offenbar ständig fremde Menschen mit, denn für die ersten Minuten richtete er keine einzige Frage an uns, fast so, als habe er sich an den Wechsel seiner Mitreisenden längst gewöhnt und müsse erst einmal so etwas wie eine unplanmäßige Verspätung aufholen.

Die schnurgerade Straße, der wir eine Zeitlang folgten, verwandelte sich nach und nach in eine weiche Serpentine. Wir krochen langsam einen Hügel hinauf, ich erinnere mich an Nadelbäume links und rechts der Fahrbahn, durch die das Meer hin und wieder blitzte, bin mir aber nicht sicher, ob ich die Erinnerungen möglicherweise durcheinanderbringe. Ließ sich das Mittelmeer von unserem Standort aus überhaupt erkennen?

Wo wollt ihr hin?, fragte uns der Hippie in gebrochenem Englisch. Er war ganz offensichtlich Franzose, legte aber glücklicherweise keinen besonderen Wert darauf, in seiner Landessprache zu kommunizieren. Simon gab ihm zu verstehen, dass er uns in einem der nächsten Dörfer wieder absetzen konnte. Ihr seid einfach so unterwegs?, fragte er. Genau, erwiderte ich. Wir haben eigentlich überhaupt keinen Plan. Sehr gut, sagte er und starrte weiter ausdruckslos wie ein Taxifahrer auf die sich durch den Wald schlängelnde Fahrbahn. Wie heißt ihr eigentlich?, wollte er dann wissen. Wir antworteten ihm und er stellte sich ziemlich abgeklärt als Marcel vor. Die seltsame Gleichgültigkeit, mit der er uns durch die Landschaft transportierte, kam mir eigenartig vor. Für ihn schien diese Fahrt und unsere Anwesenheit derart alltäglich zu sein, dass mir mein inneres Hochgefühl geradezu naiv und übertrieben erschien, der Kontrast zwischen beiden Zuständen war ganz einfach zu groß. Doch irgendwann beachtete ich unseren schweigsamen Fahrer nicht mehr und sah in die Landschaft hinaus.

Und was war das für eine Landschaft! Als wir den Wald hinter uns ließen und wieder langsam hinab in das Tal fuhren, entdeckte ich linker Hand riesige Lavendelfelder, die sich bis zu einer Bergkette im Hintergrund erstreckten. Die Pflanzen überzogen in violetten Wellen die Erde, dazwischen tauchten hin und wieder kleinere Gebäude und Höfe auf, aber die Farben spielten hier ein Rolle, dieses Violett, das ich nur von Abbildungen kannte und das tatsächlich in dieser schneidenden Intensität existierte, gleich hier neben der Straße, auf der wir fuhren. Ich wollte Simon auf die Felder aufmerksam machen, aber der hatte das alles natürlich schon lange entdeckt und staunte ebenso wie ich hinaus. Und während wir uns gar nicht mehr einbekamen, drückte Marcel nur weiter ungerührt auf das Gaspedal. Er kannte diese Landschaft zur Genüge, für ihn befand sich dort draußen weder das Unbekannte noch irgendein Reiz, er sah nur die Straße und daneben gab es eigentlich bloß ein weitläufiges Nichts, einen Bereich, der ihm kaum etwas bedeutete.

Gegen Abend hielten wir in einem kleinen Dorf, dessen Namen ich vergessen habe. Auf den Gassen war niemand zu sehen, nicht einmal ein Tabakgeschäft oder Zeitungsladen hatte noch geöffnet, dafür aber war die Luft frisch und mild und Simon und ich beschlossen, unser Lager außerhalb des Örtchens aufzuschlagen. 

Wir liefen für etwa eine halbe Stunde, folgten bald einem Pfad, der sich als weitaus weniger gefährlich entpuppte als der verminte Feldweg in Spanien, bestiegen kurze Zeit später einen bewaldeten Hügel und kamen schließlich auf einer Lichtung an. Hier ist es doch ganz gut, sagte Simon und ich nickte. Ein paar hohe Bäume gaben uns Schutz, das Dorf lag weiter unten im Tal. Keiner der Bewohner würde uns hier oben entdecken, wir blieben den Blicken entzogen. Während wir das Zelt aufbauten und ich mit dem Metallgestänge hantierte, begann der Wind aufzufrischen. Am Himmel zeigte sich keine Wolke und bald schon ließen sich die Zikaden schwerlich ignorieren, die mit der anbrechenden Dämmerung ihr Zirpen aufnahmen, als folgten sie dem Taktstock eines Dirigenten. Auf diesem Hügel irgendwo in Südfrankreich ist eines der wenigen Fotos entstanden, die ich noch immer von unserer Reise besitze. Ich stehe in der Nähe unseres Zelts mit einer Wasserflasche und schaue seltsam unbeteiligt aus dem Bildausschnitt, fast so, als wüsste ich nicht, dass Simon gerade auf den Auslöser drückt. Mein Gesicht ist nicht gut zu erkennen, aber meine langen Haare lassen sich erahnen. Ich wirke etwas abgespannt und erschöpft und bin erst achtzehn Jahre alt, halb so alt wie heute, was ich kaum glauben kann, was ein ganz eigenartiger Gedanke ist.

24. Januar, Spanien (1)

Vor ziemlich genau achtzehn Jahren war ich mit Simon unterwegs in Spanien auf einer wirklich ersten und echten Reise. Damals bin ich halb so alt wie heute gewesen, Simon nur ein oder zwei Jahre älter und wir machten uns zum ersten Mal allein auf den Weg. Wir hatten uns wie Tropenreisende ausgestattet, sandfarbene Cargohosen, Leinenhemden, schwere Wanderschuhe und natürlich auch eine Art Expeditionshut, wie ihn Archäologen in der Wüste tragen, um eine weitere Mumie aus dem Sand zu ziehen. Doch die Lächerlichkeit unserer Garderobe fiel mir erst später in Spanien und Südfrankreich richtig auf und dann schlagartig, wie eine Explosion.

Wir haben auf dieser Reise, die nur ein paar Wochen dauerte, obwohl wir zu Beginn in Monaten rechneten, das Paradebeispiel jenes Touristen abgegeben, der sich zum ersten Mal vom angestammten Platz bewegt und deshalb vollgepackt ist mit allen möglichen unnützen Utensilien. Selbst von Europa besaßen wir nur einen windschiefen Begriff. Vielleicht sind wir um die Bilder, mit denen wir vor so vielen Jahren hantierten, auch zu beneiden. Hinter unserer längst vergessenen Naivität liegt schließlich eine unbeschreibliche Sehnsucht ebenso greifbar wie jene Kurzsichtigkeit, die man mit achtzehn oder neunzehn Jahren in der vollen Überzeugung besitzt, ziemlich genau über so ziemlich alles Bescheid zu wissen.

Simon wohnte damals noch in Gera, ich aber bereits seit einem halben Jahr in Berlin. Ich hatte die Fristen verpasst, um mich an der Universität einzuschreiben und schlug nun die Zeit tot, fremd und allein in einer viel zu großen Stadt, in der ich immer einsamer wurde. Natürlich haben sich Simon und ich im Hochsommer auf den Weg in Richtung Barcelona gemacht, ohne auch nur einen müden Gedanken an die spanische Hitze zu verschwenden. Die riesigen Reiserucksäcke auf den Rücken kamen wir morgens am Flughafen Schönefeld an und stachen wunderbar aus der Menge heraus in unserer Tropenkluft und den durchgeschwitzten Hemden. Die Leute liefen mit einem wissenden, aber auch irgendwie verständnisvollen Lächeln an uns vorbei.

Als wir die Rucksäcke absetzten, spürte ich meinen zusammengestauchten Rücken und bekam ernste Zweifel, auf welche Weise wir dieses Zwanzigkilogepäck durch ganz Spanien schleppen sollten. Simon ging noch einmal unsere Ausrüstung durch. Zelt für vier Personen? Eingepackt. 35mm-Kamera plus Objektive (Weitwinkel und Tele natürlich, man musste schließlich auf alles vorbereitet sein)? Anwesend. Landkarte in völlig unbrauchbarem Maßstab, um damit zu Fuß durch die Gegend zu marschieren? Ja. Kompass? Vorhanden. Ersatzkartuschen für den Campingkocher? Sogar zwei! Die nette Dame am Schalter machte uns eine halbe Stunde später darauf aufmerksam, leicht entflammbare Materialien seien leider verboten und das nicht erst seit dem elften September. Wir haben die Kartuschen dann vor einem Mülleimer außerhalb des Flughafens abgestellt und die zwanzig Euro verflucht, die auf diese Weise ungenutzt aus unserem Reisebudget verschwanden.

Ich erinnere mich noch gut an die wirklich atemberaubende Hitze in Barcelona. Wir kamen am frühen Nachmittag an und liefen beim Verlassen des Flugzeugs gegen eine Wand aus stickiger Luft. Draußen brannte die Sonne auf die Parkplätze, die Menschen liefen in fließenden Klamotten herum und wir arbeiteten uns als Zinnsoldaten in abwegiger Montur verbissen durch die Menge. Keiner von uns wollte sich zu diesem Zeitpunkt bereits eingestehen, dass wir aussahen wie Idioten und zwar offen und für jeden sichtbar.

In Barcelona verbrachten wir die ersten Nacht im Mehrbettzimmer eines Hostels, die Hände ängstlich an den Brustbeuteln, in denen sich unser gesamtes Geld befand. Da ich meine Wanderstiefel in Deutschland nicht eingelaufen hatte, brannten meine Füße unerträglich, ich konnte sie kaum unter der dünnen Decke halten. Die wenigen Kilometer, die wir durch die Stadt gewandert waren, über La Rambla bis zum Hafen und zurück, hatten bereits ausgereicht, um ein Muster weißlicher Blasen auf meinen Fersen zu hinterlassen. Der kleinste Druck genügte und ich zuckte vor Schmerz zusammen. Glücklicherweise gab es in unserer penibel zusammengestellten Reiseapotheke alle nur erdenklichen Wundpflaster, mit denen ich meine Füße in den nächsten Tagen behandeln sollte.

Bis auf diesen Weg über eine der stark frequentierten Hauptstraßen Barcelonas und den von Touristen und Einheimischen überlaufenen Hafenabschnitt habe ich kaum etwas anderes behalten. Ich erinnere mich an meine Überforderung inmitten der Menschenmenge und der Hitze. Eigentlich wollte ich nach dem Flug und der verspäteten Ankunft im Hostel, das nicht ohne Weiteres zu finden gewesen war, nicht mehr, als mich ausruhen, aber natürlich mussten wir auch etwas von der Stadt sehen, dafür waren wir ja schließlich unterwegs. Wir befanden uns auf einer Reise und auf einer Reise war ein Rückzug in ein Zimmer natürlich völlig unvorstellbar, man musste hinaus, direkt hinein in das Unbekannte. Erschöpft und verloren liefen Simon und ich am Strand entlang und versuchten etwas aufleben zu lassen, das nicht wirklich existierte, eine Art Rausch oder Begeisterung, nun endlich unterwegs zu sein, es hinausgeschafft zu haben aus allem, endlich am Anfang zu stehen, endlich im Fremden zu stecken, wie man es in so vielen Büchern gelesen hatte.

Während unserer ersten Nacht im Hostel machte ich kein Auge zu. Wir kehrten noch vor Sonnenuntergang in das Mehrbettzimmer zurück, ohne uns in eine der zahllosen Bars und Touristenkneipen getraut zu haben, was mir insgeheim als nicht unwesentliche Niederlage erschien. Jetzt kam es doch darauf an, Mut zu haben und Dinge zu tun, die man sonst niemals tat! Doch ebenso sehr freute ich mich auch auf das Bett und jenen Moment, der mich von meinen Stiefeln befreite. Auf unserem Hochbett unterhielten wir uns über das sagenhafte Glück, ein Sechzehnmannzimmer ganz für uns allein zu haben. So was kommt eigentlich niemals vor, sagte Simon, der so tat, als wüsste er darüber ziemlich genau Bescheid. Wahrscheinlich haben wir einfach Glück gehabt, echtes Glück!

Gegen zwei Uhr fiel eine Meute völlig betrunkener Zwanzigjähriger in das Zimmer ein. Das Licht ging plötzlich an, der Schlafsaal lag sofort in tagheller Beleuchtung und grölend machten sich die Betrunkenen über die freien Betten her. Mein erster Griff ging automatisch in Richtung Brustbeutel, noch bevor ich richtig verstand, was um uns herum eigentlich geschah. Erst, als ich mich halbwegs beruhigt hatte, versuchte ich die Sprache zu verstehen, in der die Gruppe sich unterhielt. Es mussten Briten sein, sagte ich mir, gemischt mit Franzosen. Wo zum Teufel hatten sich diese Leute kennengelernt? Als das Licht endlich ausging und die Ruhe zurückkehrte aus ihren Verstecken, fühlte ich mich merkwürdig bedrückt. Während Simon und ich wie Rentner kurz nach Sonnenuntergang bereits in unseren Betten lagen, zogen Leute in unserem Alter durch die Stadt, betranken sich, feierten, führten ein Leben, wie wir es führen wollten. Und kein einziger aus dieser Gruppe sah auch nur ansatzweise wie ein Tropenforscher aus.

Wir brachen früh am nächsten Morgen auf und packten unsere Sachen. Ich schlich schüchtern durch die noch unbelebten Gänge des Hostels in Richtung Bad und fühlte mich eigenartig deplatziert. Alles kostete mich Mut, eine wirklich unsägliche Überwindung, denn auf den Gängen war es natürlich ständig möglich, einem anderen in die Arme zu laufen. Simon schien damit überhaupt kein Problem zu haben, lief mit einem Handtuch bewaffnet einfach los, während mir das Herz bis zum Hals schlug. Ich versuchte mich zu erinnern, wo sich das Bad auf unserer Etage befand, denn schon allein die Vorstellung, über den Flur zu irren und möglicherweise doch jemanden nach dem Abzweig fragen zu müssen, versetzte mich regelrecht in Panik. Ich fühlte mich einfach allem und jedem unterlegen. 

Nur noch raus aus dieser Stadt, sagte ich mir, endlich raus aus Barcelona und von den Leuten und Touristenmassen weg. Raus und rein in diese unbekannte Landschaft, ich will auf selten benutzten, vielleicht sogar noch nie beschrittenen Pfade gehen! 

Wir fuhren mit dem Zug nach Figueres, stiegen aus und spazierten durch das Zentrum der überschaubaren Stadt. Alles wirkte wunderbar gepflegt und sauber, die Alten saßen auf den Bänken und unterhielten sich entspannt, so etwas kannte ich aus Deutschland nicht. In Spanien verbrachten die Mütterchen und Väterchen ihren Mittag im Schatten der Bäume und wechselten ungezwungene Sätze, man traf sich ohne Verabredung, so zumindest schien es mir, die Alten gingen einfach hinaus, um sich ein wenig die Beine zu vertreten und kamen spielend miteinander ins Gespräch. Das Leben fand irgendwie auf der Straße statt und nicht, wie ich es gewohnt war, in Zimmern mit Vorhängen und Gardinen. 

Wir liefen weiter durch die Gassen, um irgendwann an eine Art Burg oder Schloss zu gelangen, vor dessen Eingang sich eine ziemlich umfangreiche Schlange gebildet hatte. Auf dem Dach des Schlosses sah ich riesige goldene Eier, das Gebäude selbst hatte man in einem tiefen Rot gestrichen. Alles wirkte wie ein übertriebener Scherz. Hast du eine Ahnung, was das hier ist?, fragte ich Simon. Er schüttelte seinen Kopf. Ein Museum vielleicht?, gab er zurück. Wir reihten uns in der prallen Hitze ein und kamen nur langsam voran. Erst am Ticketschalter wurde uns klar, wo wir uns befanden. Salvador Dalís Kastell, erklärte Simon, der Malerei studieren wollte, später aber Dramaturg an der Oper geworden ist, ich wusste gar nicht, dass sich das Museum hier in Figueres befindet. 

Für ein oder zwei Stunden liefen wir stumm durch das Gebäude, sahen uns Gemälde und Skulpturen an und im Innenhof eine riesige Installation, in der ein Auto eine Rolle spielte, in dessen Innerem es unablässig regnete. Simon und ich liefen völlig benommen durch das weitläufige Schloss, das Dalí bis in die letzten Winkel mit allem möglichen Krempel vollgestopft hatte. Wie konnte ein einzelner Mensch nur so viel Energie besitzen?, dachte ich, eine solche unvorstellbare Kraft, mit der er jeden Alltagsgegenstand in so etwas wie Kunst verwandelte? Es war ganz unglaublich, auch wenn mir nicht alles gefiel. Einige Sachen machten auf mich weniger den Eindruck von Kunst als einer Laune oder einem Scherz, aber natürlich gestand ich das Simon gegenüber nicht ein. Ich wollte auf keinen Fall den Eindruck erwecken, als verstünde ich nichts von Kunst. Schließlich befanden wir uns ganz eindeutig in einem Museum, es gab somit keinen Zweifel am Status der Gegenstände. Jeder, der sich anders äußerte, fühlte ich damals instinktiv, gestand in gewisser Weise sein Unverständnis ein, seine eigene Kurzsichtigkeit.

Wir gaben unseren Plan, durch halb Spanien zu wandern, ziemlich schnell auf, eigentlich noch in den ersten Tagen unserer Reise und beschlossen stattdessen, mit dem Zug in Richtung der französischen Grenze zu fahren. Ich erinnere mich noch gut an jenen späten Nachmittag, als uns plötzlich aufging, wie undurchführbar unser Vorhaben tatsächlich war. Außerhalb von Figueres (es hatte eine halbe Ewigkeit gedauert, um die äußeren Viertel der Stadt zu Fuß zu erreichen), begannen wir unsere Wanderschaft, liefen an einer Straße entlang und nahmen den ersten sich bietenden Abzweig. Der Feldweg führte in eine Hügellandschaft hinein mit staubbedecktem Gras und Hartlaubgewächsen. Die Natur um uns herum wirkte ausgetrocknet und abweisend, es gab keine Bäume, sondern nur Büsche und Pflanzen am Boden und alles, was am Boden wuchs, wirkte fahl und grau, bedeckt vom Staub des Wegs. Niemand war zu sehen. Die Geräusche der Straße in unserem Rücken ebbten allmählich ab und wir liefen in eine unbestimmte Richtung.

Nach etwa einer Stunde tauchten Schilder am Wegrand auf. Die Piktogramme stellten so etwas wie eine Explosion dar. Um einen schwarzen Kreis herum schossen Splitter in alle möglichen Richtungen. Ich sah Simon an. Was soll das heißen?, fragte ich. Keine Ahnung, erwiderte er, aber gut sieht das nicht aus. 

Unschlüssig, ob wir weiterlaufen sollten, um uns damit der Gefahr auszusetzen, ziemlich dramatisch von einer Mine zerrissen zu werden (das zumindest bezogen wir in unsere Berechnungen ein) oder ob wir einfach umkehren sollten, blieben wir für einige Minuten regungslos in der spanischen Steppe stehen. Die Hügel wirkten verlassen und die Sonne brannte auf uns herab. Liefen wir zurück, war es aus mit unserer phantastischen Wanderung durch ein unbekanntes Land. Gingen wir weiter, wäre ein solches Schild am Rand des Weges wahrscheinlich unser kleinstes Problem. Ich glaube, dass wir in diesem Moment zu verstehen begannen, welcher Abgrund zwischen Vorstellung und Wirklichkeit liegen kann. In mir hatte die spanische Landschaft nie so trocken und abweisend ausgesehen, die Pfade führten geradezu zwanglos und einladend in das Innere des Landes hinein, sie boten sich sozusagen jedem, der nur wollte, widerstandslos an. Und jetzt standen wir hier an so etwas wie einer Kreuzung, nachdem wir gerade einmal eine Stunde gewandert waren und wussten nicht weiter. Vielleicht ist es besser, sagte einer von uns irgendwann, wenn wir mit dem Zug noch etwas an der Küste entlang fahren. In Südfrankreich soll es super sein, viel besser als in diesem Steppenmist. Es ist doch auch viel zu heiß! 

Wir drehten uns um und liefen wortlos zurück. Mein Magen krampfte sich bei jedem Schritt zusammen, denn was in unserem Rücken verschwand, war der Plan, die Idee unserer Reise. Doch das getraute ich mich nicht auszusprechen und auch Simon schwieg an meiner Seite. Nur hin und wieder fummelte er an den Gurten seines überdimensionierten Expeditionsrucksacks herum, der bei jedem Schritt laut klapperte, als schleppte er eine Altglassammlung durch die Gegend. Eine Dreiviertelstunde später tauchte die Straße wieder vor uns auf und wir kehrten nach Figueres zurück.