Samstag, 3. Juli

Es ist Juli und damit ist die Hälfte des Jahres erreicht. Wir werden heute in den Park fahren, um Ks Geburtstag mit einigen Freunden zu feiern, das Wetter ist glücklicherweise gut und die Sonne scheint, schon morgen aber soll es wieder gewittern. K hat den gestrigen Abend in der Küche mit einigen Vorbereitungen für das Essen verbracht und auch jetzt steht sie am Herd und rührt irgendetwas an. Ich höre das Klappern des Geschirrs, die rumpelnde Spülmaschine, unseren Wasserkocher und kurze Zeit später steht sie plötzlich im Schlafzimmer neben dem Bett.

„Ich habe mich geschnitten“, flüstert sie.

„Ist es schlimm?“, frage ich.

Sie nickt.

Ich sage ihr, sie solle mit mir ins Bad kommen und sage das wie immer ein wenig unwirsch und kurz angebunden, was mich sofort an meinen Vater erinnert. Ich schäme mich gleich für diese Grobheit, die meine Fürsorge kaschiert. Ich weiß nicht, warum ich nicht einfach mit nervösem Mitleid reagieren kann, warum ich nicht sage, tut es weh?, kein Problem, wir machen das schnell, es ist nicht der Rede wert. Stattdessen sage ich mit ernstem, kühlen Gesicht und einem mir ansonsten völlig unbekannten Befehlston, ab ins Bad, als hätte sie etwas falsch gemacht und würde mich darüber hinaus noch aus irgendeinem Grund stören. 

Während ich in unserem chaotischen Arzneischränkchen, das eigentlich nur ein kleiner, überfüllter Korb voll abgelaufener Medikamente ist, nach einer Wundkompresse und einem Verband suche, steht K wortlos neben mir und betrachtet das Geschehen. Sie hat sich Küchenrolle um den linken Zeigefinger gewickelt und wartet ab. Wie ein kleines Kind muss ich sie anhalten, die Wunde unter dem Wasserhahn zu waschen, was sie auch sofort macht. Unter dem durchsichtigen Strahl ist der Schnitt kaum zu erkennen, das Wasser spült das Blut augenblicklich fort, doch sobald sie ihren Finger aus dem Wasserstrahl zieht, wird der Schnitt an der Kuppe ihres Fingers erkennbar. Das Blut tritt an die Oberfläche, taucht aus dem Inneren des Körpers auf, es bildet zunächst noch einen Hintergrund oder einen Rahmen, der um den Schnitt herum verläuft und dann bilden sich tropfen und diese Tropfen sammeln sich und fließen schließlich an der Haut in feinen Adern entlang, um in das weiße Waschbecken zu fallen.

K hält ihren Finger noch einmal unter das Wasser, danach sprühe ich Desinfektionsmittel auf die Wunde. Ich lege die Kompresse um ihren Finger, schneide mit einer Schere die überstehenden Enden auf und fixiere das Ganze mit einer langen Mullbinde, die ich einige Male um ihren kompletten Finger wickele, wobei ich mir sofort wie ein Krankenpfleger in einem Feldlazarett vorkomme, dabei weiß ich nicht einmal, ob ich diesen Verband richtig anlege oder ob man heutzutage überhaupt noch von Lazaretten spricht. 

Wahrscheinlich schon, denke ich dann. Das Militär hält ja stets am längsten an einmal eingespielten Begriffen fest.

Als ich fertig bin, suche ich vergeblich nach unserem Heftpflaster, um meine Mullbindenkonstruktion, die den Umfang von Ks Zeigefinger verdreifacht hat, zu fixieren. Aber natürlich ist das Pflaster nirgends zu finden. Deshalb laufe ich den Flur, greife mir das gelbe Malerband von unserem Schränkchen, auf dem sich stapelweise ungeöffnete Post mit Keramikschalen voller Münzen, Batteriepackungen, Sonnencremetuben und Ks Schminkutensilien vermischen, und verklebe damit den Verband.

Ich frage K, ob sie ihren Finger noch bewegen und anwinkeln kann. Sie wackelt ein wenig mit dem weißen Mumienfinger und wir beschließen gemeinsam, dass dieses Ergebnis fürs Erste ausreichen muss.

Kurz vor zwei klingelt es an unserer Wohnungstür und Augenblicke später steht Ks Schwester in unserem Flur. Tanja hat sich bereit erklärt, uns beim Transport der vielen Dinge helfen, die K gestern und heute zusammengestellt hat und ist deshalb mit ihrem Auto gekommen. Es gibt eine graue Kühltausche voller Bier, eine IKEA-Tüte mit selbst gebackenem Foccacia, verschiedene Tupperdosen, darunter auch eine größere Schüssel mit einem Nudelsalat nach dem Rezept meiner Mutter, was mein einziger Beitrag zum Picknick bleibt. K hat auch eine neue Campingdecke über Amazon gekauft, dazu Geschirr aus Maisstärke, das natürlich besser ist als Plastik. Wir haben eine Flasche Sekt und einige Flaschen Wasser dabei und unsere Wohnung befindet sich aufgrund der Vorbereitungen in heillosem Durcheinander, was mich wahnsinnig macht, doch ich weiß, dass eine Bemerkung, die auf das Chaos hinweisen würde, nur zu Streit führte und deshalb lasse ich es bleiben und greife stattdessen nach der Kühltasche, die sicher fünfzehn Kilo wiegt.

Wir laden alles in das Auto und ich setze mich auf den Beifahrersitz, um Tanja den Weg in Richtung Park zu zeigen. Als sie den Motor startet, springt das Radio in ohrenbetäubender Lautstärke an. Wie immer läuft bei Tanja jene Sorte Metal, die ich hasse, Dudelsäcke zwischen Gitarren, Falsettstimmen, es ist nicht zum Aushalten und da ich mich lautstark beschwere, beginnt sich Tanja zu verteidigen.

„Das ist ein neues Album mit Weltmusikeinflüssen“, ruft sie über ein nervtötendes Gitarrensolo hinweg. „Das ist totale Klasse!“

„Das ist der absolute Müll!“, sage ich genervt, drehe das Radio leiser und der Schmerz lässt augenblicklich nach.

Zehn Minuten später halten wir vor einem der Parkeingänge. Während Tanja nach einem besseren Parkplatz sucht, tragen K und ich die tonnenschweren Beutel zur vereinbarten Stelle im Ruhebereich. K feiert mit Tim, der heute Geburtstag hat und wir haben uns über GoogleMaps eine gut zu erreichende Stelle im Luisenpark ausgesucht und sie an alle Freunde geschickt. 

Als wir ankommen, steht die Sonne hoch und es ist heiß. Viele Familien sitzen im Schatten der Bäume, was sicher auch am Spielplatz liegt, der sich in unmittelbarer Nähe befindet. Wir breiten die mitgebrachten Decken aus und ich spüre, wie ich allmählich ruhiger werde. Den ganzen Vormittag über habe ich versucht, mir meine Anspannung nicht anmerken zu lassen, denn normalerweise meide ich jede Party, ich mag es nicht unter vielen Leuten zu sein, auch wenn das dumm ist, wie ich weiß, und niemals annähernd so schlimm wird, wie ich es mir im Vorfeld ausmale.

Ich ziehe meine Crocs aus, laufe durch das warme Gras und schaue mir einen Baum mit merkwürdigen Früchten an, in dessen Schatten wir uns ausgebreitet haben. Ein schmales Messingschild macht darauf aufmerksam, dass es sich hier um einen Taschentuchbaum handelt, was wahrscheinlich der unpoetischste Name für eine Pflanze ist. Esche, Ulme und Eiche klingen nach Jahrhunderten, vielleicht sogar nach Jahrtausenden, die Zeit hat sich in diese Bezeichnungen eingegraben, die nicht einmal richtig deutsch klingen, sondern weitaus älter und mich an indogermanische Wurzeln denken lassen und diese ganze Geschichte einer im Fluss befindlichen Sprache, die immer auch Elemente in sich trägt, die sich der Veränderung störrisch widersetzen. Im Vergleich mit diesen abgründigen Namen ist der Taschentuchbaum zu bemitleiden und ich denke an einen Botaniker, der sich da einen kleinen Scherz erlaubt hat, der am Ende einfach haften geblieben ist. So etwas gibt es ja immer wieder.

Die Freunde kommen nach und nach. Sie alle bringen eigene Decken mit und wir stellen schnell fest, dass wir das gleiche Modell über Amazon gekauft haben. Nur die Muster auf der Oberseite variieren. Anna braucht eine Dreiviertelstunde, bis sie unseren Standort findet, den wir ihr zugeschickt haben und erklärt, verträumt und in sich gekehrt wie stets, sie habe noch einen Spaziergang gemacht und sich den Park angesehen, der wirklich klasse sei.

Vögel fliegen über uns, darunter ein großer Reiher, der hinter den Bäumen verschwindet, die Krähen allerdings warten in gehörigem Abstand, während wir uns über das Essen hermachen. Wir sprechen über die Arbeit, über anstehende Hochzeiten, über Filme und unsere Impfungen. Ulrike und Sarah fragen mich, ob ich noch schreibe, was ich zurückhaltend bejahe, um dabei zu hoffen, die anderen bekämen es nicht mit, denn mir fällt es weiterhin schwer, über mein Buch zu sprechen. Ich komme mir jedesmal vor, als würde ich etwas behaupten, statt auf eine Realität hinzuweisen, obwohl ich insgeheim weiß, dass es sich hier um eine Realität handelt. Ich behaupte nichts mehr, ich male mir nichts mehr aus, das alles passiert ja wirklich, aber diese Rolle anzunehmen, fühlt sich noch immer falsch und wenn nicht falsch, dann doch zumindest fremd und eigenartig an, als machte ich mir etwas vor.

Ich erzähle vom Roman, den beide spannend finden, was ich insgeheim für eine freundschaftliche Lüge halte, denn was ich erzähle, ist völlig konfus und trifft nicht im Ansatz den Kern des Buches. Aber Ulrike und Sarah erklären sofort, sie würden den Roman vorbestellen und ich antworte, dass ich ihnen einen Link schicken werde, obwohl ich mir in diesem Augenblick nicht sicher bin, das auch wirklich zu tun. Was will ich damit erreichen? Die Freunde mit Links bombardieren, damit sie etwas bestellen, das sie doch eigentlich auch so erhalten müssten? Als Autorenexemplar zum Beispiel?

Nachdem ich mir ein weiteres Bier geholt habe, setze ich mich wieder auf die Decke und betrachte den Park. Am Spielplatz herrscht ein wildes Durcheinander, die aufgeregten Stimmen der Kinder und die mahnenden Stimmen der Erwachsenen dringen von dort bis zu uns hinüber. Im übrigen Park dösen die Leute auf blauen Liegestühlen aus Metall, einige lesen, andere scheinen zu schlafen oder beobachten die Gänse, die in kleinen, ziemlich bedrohlich wirkenden Gruppen über die Wiese patrouillieren und dabei so tun, als würden sie sich durch niemanden einschüchtern lassen. Meine Freunde unterhalten sich miteinander und ich kann nicht glauben, was wir alles tun, dass wir verschiedene Salate und Dips, Kuchen und Cupcakes für einen gemeinsamen Nachmittag bereits zwei Tage im Voraus zubereiten, während wir uns vor zehn Jahren völlig unvorbereitet trafen, jeder mit einigen Flaschen Bier im Rucksack und natürlich ohne jede Decke und dann saßen wir bis in die Nacht beinander und sprachen über alles mögliche, über die Bücher, über die Filme, über die unmögliche Zukunft und während wir über das alles redeten, zog die Dunkelheit auf, die Nacht brach herein, die Sonne verschwand und mit der Sonne das Licht, so weit, bis die Laternen im Volkspark plötzlich mit einem leisen Knistern aufleuchteten und die am Tag wie eine Steppe wirkende, ausgezehrte Wiese im Zwielicht verschwand. 

Sobald das Bier ausgetrunken war, standen wir auf, griffen nach unseren Fahrrädern und liefen gemeinsam zu einem Kiosk, um aus den großen Kühlschränken mit Glasfront weitere Bierflaschen zu ziehen und in einer solchen Nacht schien in gewisser Weise alles möglich zu sein und damit meine ich alles, nicht nur ein Teil, nicht eine Handlung, eine Form von Beweis, sondern wirklich alles. Doch das fiel mir damals nur selten auf. Meist fiel es mir auf, nachdem ich längst zu Hause angekommen war und allein in meinem Bett lag. Dann dachte ich an diese riesige, alles unsichtbar überziehende Möglichkeit, deren Existenz ich somit erst im Nachgang verstand, eine Möglichkeit, die bereits hinter mir lag, die ich überlebt hatte und diese Möglichkeit ging in einer ungewissen, schwer zu beschreibenden Nähe auf, die sich heute, zehn Jahre später, nicht mehr einstellen will, vielleicht, weil man für eine solche Nähe einen jüngeren Kopf braucht, jüngere Sinne, jüngere Gefühle. 

In jenen Nächten damals, kurz bevor das Warten auf das Unvorstellbare (denn es brauchte ja gerade die Nacht für ein unvorstellbares Ereignis, für das unerwartete Auftauchen eines anderen, eines Mädchens zum Beispiel, deren plötzlichem Erscheinen ich regelrecht entgegen fieberte, als läge darin eine Rettung), kurz bevor das Warten auf das Unvorstellbare endlich in Enttäuschung umschlug, steigerte sich die Sehnsucht bis zum Schmerz und das Leben wirkte mit einem Mal unfassbar nah, als ließe es sich mit Händen berühren, als genügte ein simples, vielleicht sogar alltägliches Wort, um alles zu verwandeln, jeden Zentimeter des Gewohnten neu, aufregend und unbeschreiblich tief pulsieren zu lassen und ich näherte mich diesem Punkt, an dem das Neue begann, das neue Leben, ich näherte mich ihm in meinen Nächten und dachte später über das Näherrücken nach, dann, als alles längst vergangen war und ich nur noch die Erschöpfung und Müdigkeit spürte, die der Tag und die Nacht übrig gelassen hatten.

Kurz nach acht sind die meisten Freunde verschwunden und wir sammeln die Reste ein, schütteln die Decken aus, transportieren die leeren Bierflaschen zu einem der Müllkörbe, um sie auf dem Boden in einem Halbkreis abzustellen. Wir packen unsere Rucksäcke und Taschen, die Kühlaggregate strahlen noch ein wenig Kälte ab, nur die Hälfte der vorbereiteten Salate und gebackenen Brote wurden gegessen, aber das macht nichts. Wir laufen gemeinsam los, unterhalten uns weiter. Das sind Gespräche, die Erwachsene führen, denke ich, Gespräche, die in Tagen denken und in Urlauben rechnen, genau eingeteilte Leben mit einem bestimmten Horizont, der nicht unbedingt eng ist, aber ganz sicher auch nicht weit, und wir laufen nebeneinander her und während wir so laufen, frage ich mich, wie ich diese Gruppe damals, vor zehn Jahren, betrachtet haben würde. Was wäre mir durch den Kopf gegangen, damals, als ich vierundzwanzig, fünfundzwanzig, sechsundzwanzig Jahre alt war und ich drehe mich mit dieser Frage im Kopf zu jener Stelle auf der Parkwiese um, auf der eben noch unsere neuen Picknickdecken lagen und entdecke drei Krähen im Landeanflug, die sich im nächsten Augenblick auf dem plattgedrückten Gras niederlassen und dann sofort damit beginnen, unsere Hinterlassenschaften begeistert zu plündern, aber ich, ich sehe in diesem Moment nur das Gras und nicht das, was die Krähen dort voller Euphorie entdecken.

Sonntag, 27. Juni

K und ich laufen am Ufer entlang. Wir sind beide noch schwach nach unserer zweiten Impfung, mich fröstelt es den ganzen Weg über. Die Sonne steht hoch, es ist kurz vor zwölf, aber da die Luft sich bereits wieder aufheizt und es noch wärmer werden soll, sind nur wenige Leute unterwegs. In den vergangenen Tagen hat es häufig gewittert und dann fiel der Regen in den Abendstunden, ohne sich zu erschöpfen, ein wirklich maßloser Regen, der mal stärker wurde und dann wieder schwächer, allerdings nie ganz versiegte.

Wir laufen durch kniehohes Gras, das an dieser Stelle des Flussufers noch nicht gemäht worden ist, und die Hitze treibt aus der durch die Regengüsse noch feuchten und jetzt trocknenden Wiese einen muffigen Geruch. Obwohl ich mich so fühle, als würde ich gerade eine Grippe ausbrüten, tut die Wärme nicht gut. Auch K ist zwiegespalten. Einerseits, sagt sie, fühlten sich die Sonnenstrahlen, nach dem langen Herumliegen gestern, wie ein Wärmepflaster an, andererseits aber sei das alles auch zu viel und ich gebe ihr recht.

Den kompletten Freitag haben wir im Bett verbracht, ohne jede Möglichkeit, uns zu bewegen. Ich habe weiter im Idioten gelesen, der mich wieder einmal völlig umhaut und zur gleichen Zeit verzweifeln lässt, wie ich jetzt K gegenüber am Flussufer erkläre, denn ein solcher Roman, wie überhaupt alle Romane Dostojewskis, sind ja wirkliche Wunder und das habe ich damals mit Anfang zwanzig natürlich überhaupt nicht begriffen. Zur gleichen Zeit haben neben Dostojewski Hunderte andere Russen geschrieben und sogar sehr erfolgreich geschrieben und was ist von ihnen geblieben? Nichts, nichts, als ein zweizeiliger Eintrag in einem verstaubten Literaturlexikon, das sich um die Figuren des neunzehnten Jahrhunderts bemüht. Alles vergessen, selbst die den Zeitgenossen so wichtigen, überaus bedeutend erscheinenden Köpfe, die jetzt niemandem mehr etwas sagen und von denen man damals doch zweifellos angenommen hat, sie würden die Jahrhunderte überdauern. Dass überhaupt etwas überlebt, ist das Verrückte. Und das liegt nur daran, dass Dostojewski seine Analyse des zeitgenössischen Russlands (der Nihilismus und Sozialismus, die soziale Frage, das Leibeigentum, die Revolte der Jugend und so weiter), auf das Allgemein-Menschliche erweitern konnte und zwar in jedem seiner Romane, egal ob im Idioten oder den Brüdern Karamasow, in den Dämonen oder Schuld und Sühne. Und das Irre an der ganzen Sache ist, dass Dostojewski diese Erweiterung auf das Allgemein-Menschliche, die allen nachfolgenden Epochen zum wesentlichen Kern seiner Romane geworden ist, weil sie die Aktualität des Geschehens nicht oder nur unvollständig begreifen, gerade aufgrund seine Religiosität gelang. Nur weil Dostojewski diesen irren Christusglauben hatte, ist ihm das, was der Mensch ist oder sein kann, niemals abhanden gekommen. Und deshalb macht seine Betrachtung des Mitleids, der Menschlichkeit, der Schuld, Unschuld und der Gnade bis heute einen Eindruck, denn diese menschlichen Eigenschaften stehen über der Zeit, sie sind zeitlos, auch wenn sich ihre Gestalt verändern kann, ihr Kern oder ihre Existenz im Menschen aber ist ganz einfach gegeben. Ohne ihre verwirrende Anwesenheit gibt es den Menschen nicht und das hat Dostojewski sehr genau gewusst, er hat es nicht einmal geahnt oder nur angenommen, sondern tatsächlich gewusst und das kann wahrscheinlich nur jemand, der glaubt, tief glaubt an die letztlich doch sinnvolle Einrichtung einer Welt, in der die Menschen schuldig werden, aber immer die Möglichkeit zur Sühne besitzen, zur Rückkehr in den Zustand der Gnade. 

So zumindest, erkläre ich K mit schweißnasser Stirn auf der Uferwiese, müsse man sich das ja wohl mit Dostojewski vorstellen, anders könne es gar nicht sein.

K schweigt wie stets, wenn einer meiner leidenschaftlichen Monologe unerwartet über sie hereinbricht.

„Ich kann nur einen Russen im Jahr lesen“, sagt sie dann. „Das ist ein richtiges Projekt. Nicht allein, weil die immer diese Wälzer schreiben mussten.“

„Klar“, sage ich. „Dabei kommt man so schnell durch Dostojewskis Romane durch. Auch das konnte er, richtiggehende Pageturner schreiben, es ist wirklich zum Verrücktwerden!“

Wir erreichen eine der Brücken, die über den Neckar führen und einen Abzweig der Stadtautobahn auf hohen Pfeilern über den Fluss leiten. Unter der Fahrbahn liegt eine vielleicht zwanzig Meter breite Schattenzone, in der wir für wenige Augenblicke verschnaufen. 

Die Brückenpfeiler sind von Graffiti überzogen, auf dem Boden unter uns wächst kein Gras, stattdessen ist alles voller Staub und Dreck. Wir umlaufen den breiten Pfeiler in Richtung Fluss und als wir um das Eck biegen, entdecke ich eine Frau. Sie ist sicher etwas älter als wir, trägt ein schwarzes Kleid, das einem Abendkleid gleicht, eine dunkle Sonnenbrille und sitzt auf einem Stein. In diesem Aufzug wirkt sie völlig deplatziert und vielleicht spürt sie das auch, denn sie sieht weder K noch mich an, obwohl sie unser plötzliches Erscheinen wahrgenommen haben muss. Doch sie bleibt einfach regungslos sitzen, den Kopf geradeaus gerichtet auf den Fluss, der durch den Regen angeschwollen ist.

K und ich treten nah an das Wasser heran, das schmutzig und wenig einladend wirkt, selbst jetzt in der Hitze nicht. Ich spüre, dass ich langsam Kopfschmerzen bekomme und schaue zur anderen Flussseite hinüber, auf der gerade ein Lastschiff mit Containern beladen wird. Die riesigen weißen und roten Beschriftungen an den Flanken der Metallcontainer segeln in Großbuchstaben durch das Bild, nur gehalten von einer phantastischen Konstruktion, die so etwas wie ein Kran auf Schienen ist. Ein dumpfes Beben dringt zu uns herüber, sobald die Container auf die Ladefläche des Lastschiffs stoßen.

EVERGREEN, lese ich,

HAMBURG SÜD

MAI LING

MAERSK

Die Frau blickt weiterhin neben uns auf den Fluss. Sie trägt ihre Sonnenbrille, obwohl wir uns im Schatten befinden, scheint aber keine Containerschiffliebhaberin zu sein, sondern nur zufällig hier in Abendkleidung zu sitzen, ein Zufall, der sofort mein Mitleid weckt, denn die Frau macht auf mich einen niedergeschlagenen Eindruck, ich weiß nicht warum. Vielleicht liegt es an ihrer Einsamkeit. Hat sie sich schließlich nicht in den Schutz dieses Brückenpfeilers zurückgezogen, um den Blicken möglicher Spaziergänger auf der Uferwiese zu entgehen? Sie wollte ja verschwinden, um allein zu sein und dazu noch in diesen Klamotten, in diesem Kleid, das mich an eine vergebliche Nacht denken lässt, die mit großen Erwartungen begann, aber nur in Enttäuschungen endete, in dieser grundlegenden, tiefen Enttäuschung, wie es sie nur am Ende einer Party gibt, die ja jetzt auch wieder in kleinerem Kreis möglich sind, eine Party, von der man sich alles Mögliche erhoffte, das Unglaubliche sogar, den Umschlag des Lebens, etwas unbedingt Neues, das in den Augen eines anderen seinen Anfang nimmt und das dann schließlich nirgendwo zu finden ist, weil man alle Gesichter kennt und auch die Gespräche und der Rausch, in den man sich sofort trinkt, nicht ewig anhält, sondern nur bis zu diesem Flussufer, an das es einen aus wer weiß welchen Gründen am nächsten Morgen zieht, als würde dort die Antwort auf eine Frage warten, die man selbst nicht formulieren kann, deren genauer Wortlaut schon eine Art Erlösung wäre.

Als wir wieder zu Hause sind, lege ich mich gleich ins Bett und klappe den Rechner auf, um nach meinen Mails zu sehen. Ich warte auf eine Antwort vom Verlag, denn ich habe in der letzten Woche die Fahnenkorrektur an meinem Roman abgeschlossen und wieder einmal zahllose Veränderungen in das Dokument eingearbeitet. Am Ende waren es fast eintausenddreihundert, was vor allem daran liegt, dass die Formatierungen beim Satz durcheinander gekommen sind und jetzt viele Zeilenumbrüche fehlen, was mich natürlich rasend macht. Aber ich finde auch weitere Tippfehler, die mich wiederum daran denken lassen, wie viele weitere Fehler ich übersehen habe, obwohl ich diesen Roman mit Sicherheit das sechste oder siebente Mal kontrolliere und ihn langsam wirklich nicht mehr ertragen kann.

„Ich habe die Schnauze voll“, erkläre ich K. „Es reicht!“

„Aber es ist doch dein erster Roman!“, erwidert sie. „Wie kann man da die Schnauze voll haben?“

„Was heißt hier erster Roman?“, rufe ich. „Ich will mich endlich um die anderen Bücher kümmern, die genauso abgeschlossen sind und die ich endlich rumschicken muss. Ich halte das Warten nicht mehr aus!“

Es gibt keine Antwort vom Verlag und ich beschließe, am Sonntag einmal nachzufragen, wie man meinen Änderungskatalog aufgenommen hat. Das dreitägige Schweigen scheint mir jedenfalls ein schlechtes Zeichen zu sein.

K hat sich in der Zwischenzeit in unser Wohnzimmer zurückgezogen und ich schaue mir Quer durch den Olivenhain von Abbas Kiarostami an, den ich ganz gut finde, der mich aber auch nicht wirklich umhaut. Die letzte Szene, in der Hossein seiner Liebe Tahereh durch den Olivenhain folgt, um endlich eine Antwort auf seine Frage, ob sie ihn heiraten wolle oder nicht, zu erzwingen, ist schön, weil die Einstellung super ist. Die Verfolgungsszene wird von einem Hügel aus gefilmt, der Olivenhain (silbernes Laub) liegt im Tal, links daneben ein grünes Feld, auf dem vielleicht Getreide wächst, und diagonal durch das Getreide zieht sich ein kaum zu erkennender Pfad. Tahereh läuft zunächst senkrecht, von unten nach oben, durch das Bild, sie läuft direkt durch den Olivenhain, der etwa im unteren Drittel eine schmale Lichtung besitzt. Zuerst verschwindet ihr Körper, dann taucht er auf dieser Licht wieder auf, Tahereh wendet sich nach links, verschwindet erneut hinter den alten Olivenbäumen, um dann den diagonalen Pfad im Feld zu erreichen. Hossein hat jetzt bereits die Verfolgung aufgenommen, die Kameraeinstellung ändert sich nicht mehr, die ganze Szene spielt sich ungeschnitten ab. Er holt Tahereh nach zwei oder drei Minuten ein, kurz bevor beide aus dem Bild verschwinden müssten (sie sind jetzt am oberen, linken Bildrand angelangt), und nun endlich dreht sich die ewig schweigende, stolze Tahereh zu Hossein um und scheint ihm ihre Antwort entgegenzurufen, auch wenn man diese Antwort natürlich nicht verstehen kann, denn die beiden sind viel zu weit von der Kamera entfernt. Hossein bleibt stehen und macht dann sofort kehrt, folgt nun nicht mehr dem diagonalen Pfad, sondern arbeitet sich quer durch das Getreidefeld hindurch, während Tahereh ihren Weg wieder fortsetzt, und damit endet der Film in einem etwas zu geplanten Kunstgriff. Denn natürlich kommt er auf diese Weise um die Auflösung seiner Kernfrage herum: was wird Tahereh, die den gesamten Film über kein einziges Wort an Hossein gerichtet hat, schlussendlich antworten? Wäre es ein einfaches Nein, verlöre der Film sofort seinen Reiz, da seine Spannung auf der widerspenstigen Stummheit Taherehs gründet. Sagte sie Ja, müsste der Film eine komplizierte Erklärung für ihr langes Schweigen bieten, die am Ende vielleicht ebenso unbefriedigend wie ein Nein bleiben muss. So nutzt der Film einen planvollen Kunstgriff und überlässt die Entscheidung der Frage dem Publikum, was ich trotz der genialen Kameraeinstellung nicht leiden kann, denn ich will es von den Figuren hören und nicht von mir, ich will etwas anderes hören, als das, was ich ohnehin schon weiß oder mir zusammenreimen kann.

Nach dem Ende des Films stehe ich auf, doch mein Kreislauf macht nicht richtig mit und die Kopfschmerzen kehren stechend zurück. Deshalb laufe ich ins Bad, werfe eine Ipuprofen ein und gehe anschließend ins Wohnzimmer, um nach K zu sehen. 

Sie sitzt auf der Couch und schreibt in ihr Notizbuch, während irgendeine Serie neben ihr auf dem Laptop läuft.

„Was machst du?“, frage ich.

„Ich gehe noch einmal über die Gästeliste für meine Geburtstagsfeier im Park“, erklärt sie freudestrahlend. 

K hat nicht einfach nur Geburtstag. Sie feiert eine ganze Woche lang, aber daran habe ich mich mittlerweile längst gewöhnt, obwohl Geburtstage für mich komplette Nebensächlichkeiten sind.

Erst neulich beim Abendessen fiel mir plötzlich auf, dass ich in diesem Jahr erst siebenunddreißig werde und nicht achtunddreißig, wie ich die ganze Zeit über angenommen hatte.

„Ich werde ja erst siebenunddreißig!“, sagte ich perplex. „Ich dachte, ich bin schon ein Jahr älter.“

K schaute mich verständnislos an.

„Wie kann man denn so etwas vergessen?“, wollte sie wissen.

„Keine Ahnung“, erwiderte ich und war gleichzeitig froh, nicht achtunddreißig zu werden und damit ein ganzes, falsch gezähltes Jahr zurückzugewinnen.

Am Abend taucht das Krähenpaar wieder in der Buche im Hinterhof auf. Wir beäugen uns jetzt seit einigen Wochen, auch wenn ich natürlich nicht genau sagen kann, ob es wirklich auch dasselbe Krähenpaar ist, das seine Stellung auf den wippenden Zweigen bezieht. Vielleicht ist es auch kein Paar und das sind nur Freunde, eine Art Krähenduo, dass Unfug im Hof anstellt, kleinere Zweige von den Ästen bricht, um diese dann zum Spaß in den Hinterhof fallen zu lassen.

Ist es heiß, sperren die Krähen ihre Schnäbel auf und hocken regungslos auf ihrem Platz. Manchmal putzen sie ihr Gefieder oder hüpfen auf der angrenzenden Mauer herum oder sie jagen eine dicke Straßentaube davon, die sich unvorsichtigerweise in ihren Baum verirrt.

Durch einen Zufall stoße ich später – die Krähen sind zu diesem Zeitpunkt längst verschwunden – auf eine Liste berühmter Hunde, die jemand auf Wikipedia eingestellt hat. 

Belka und Strelka lese ich, waren die ersten Hunde, die lebendig von einem Weltraumflug zurückgekehrt sind. Zwei Hunde, die, was den Weltraum anbelangte, der gesamten Menschheit zu diesem Zeitpunkt etwas ganz gewaltig voraus hatten und im Nachgang mit allerhand Orden beehrt worden sind.

In San Francisco machte in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ein berühmtes Straßenköterpärchen die Innenstadt unsicher, zwei Berühmtheiten mit den Namen Bummer und Lazarus, auf die selbst Mark Twain einen Nachruf geschrieben hat und die angeblich meisterhafte Rattenfänger gewesen sind. Ihr Rekord lag in einer zwanzigminütigen Jagd, bei der fünfundsechzig Ratten den Tod gefunden haben, was für die damaligen Verhältnisse wohl eine ganz außerordentliche Leistung gewesen sein muss. Bummer und Lazarus hatten wohl allerdings auch eine etwas düstere Seite und haben sich gemeinsam an kleineren Raubüberfällen auf Fleischereien beteiligt, um ziemlich aggressiv auf menschliche Gegenwehr zu reagieren. Lazarus starb an den Folgen eines Fußtritts durch einen Betrunkenen, den die Stadt San Francisco zu fünfundzwanzig Dollar Strafe verurteilte, Bummer war irgendwann einfach zu alt. Angeblich hat ein langer Trauerzug, der sich durch halb San Francisco schlängelte, Bummer zu Grabe betragen, aber das scheint wohl nur eine Legende zu sein, die sich jetzt nicht mehr überprüfen lässt.