Gärten in der Wildnis, 14. Februar

Vor ein paar Tagen hat mich der Probedruck meines Romans erreicht und als ich das Buch aus der Luftpolstertasche ziehe, spüre ich echtes, ungetrübtes Glück. Ich kann nicht glauben, jetzt endlich dieses Buch in den Händen zu halten, das im Sommer erscheinen soll. Nun passiert es also, denke ich aufgeregt, jetzt geht es wirklich los.

Ich mache einige Fotos mit dem Roman in meinen Händen und schicke sie C, der nach wenigen Minuten begeistert antwortet. Wow!, schreibt er, voll der Wels! Er schreibt Wels, nicht Wälzer, was ein kleiner Scherz ist und natürlich hat er recht. Gärten in der Wildnis ist kein kurzer Roman, aber dafür hat der Verlag alles sehr lesbar gesetzt. Man kommt gut hindurch, braucht für eine Seite nur wenige Minuten. Zu klein gesetzte Bücher machen mich wahnsinnig. Ich verstehe natürlich die wirtschaftlichen Aspekte, die geringeren Herstellungskosten und so weiter, aber für den Leser ist eine winzige Schrift nichts weiter als Qual. Wer will schon eine Viertelstunde für zwei Seiten brauchen, die so eng gesetzt sind, dass man als Notfall in der Augenklinik landet. Mir ging das damals mit Goethes Dichtung und Wahrheit so. Nach dem dritten Band war ich brillenreif und das nur, weil dtv die Herstellungskosten windschief kalkulierte.

Nachdem ich den Probedruck zur Seite gelegt habe, mache ich mich wieder an die Arbeit. Ich gehe ein weiteres Mal über den zweiten Roman, schreibe drei Kapitel um, was mir gut von der Hand geht, auch wenn ich in der letzten Nacht richtige Panik hatte vor dieser neuerlichen Schreibarbeit. Ich weiß nie, ob mir die Korrekturen gelingen, ich steuere im Blindflug durch meinen Text, anfangs fühle ich stets eine immense Abneigung gegen diese Neubehandlung und meine Abneigung lässt mich wie ein Tier um den Schreibtisch schleichen. 

Sobald ich aber die Trägheit überwinde, geht alles von allein. Lese ich die erste Zeile im Typoskript, stecke ich drin und beginne zu arbeiten. Ich lege ein Kopie des Kapitels an (natürlich nur zur Sicherheit, denn ich weiß, dass ich diese Kopie nicht mehr brauchen werde), stoße zur besagten Stelle vor, an der mein Erzähler auf den Galeristen trifft, um mit ihm aus der Bar in die Nacht und damit in das Chaos zu verschwinden und schon knüpfen sich die Verbindungen wie von selbst, die Gespräche spulen sich fast automatisch ab und mir kommen neue Einfälle, die ich gut finde, sehr gut sogar. Dieser Fluss der Worte und Zeilen beruhigt mich, die Sprache, die von sich aus zu fließen beginnt. Vielleicht ist das blinde Arbeiten meine einzige Beruhigung, ein Arbeiten, in dem ich mich vergessen darf, untergehe, verschwinde. 

Sobald K das Zimmer betritt, wedele ich sie weg und fühle mich erstaunlicherweise wie Thomas Mann, von dem ich einmal gelesen habe, dass ihn Klaus und die restlichen Kinder niemals im Schreibzimmer stören durften. In der Nachahmung einer solch peinlichen Geste fühle ich mich merkwürdigerweise sehr bedeutungsvoll, auch wenn ich ahne, K damit zu verletzen.

Später entschuldige ich mich bei ihr. Das ist nichts weiter als meine Eitelkeit, erkläre ich, wenn es einmal gut läuft, kann jede Unterbrechung alles zerstören, man spürt den Sätzen ja nur nach, hat sie erst wirklich erwischt, wenn sie auf dem Bildschirm leuchten. Davor bleibt das meiste undeutlich und formlos und jeder Versuch aus dieser Formlosigkeit etwas ans Licht zu holen, steht auf wackeligen Füßen, ist ganz unbeholfen sogar. Eine falsche Unterbrechung und schon stürzt das Kartenhaus ein und man findet nicht oder nur unter wirklich barbarischen Schwierigkeiten zurück.

Ich glaube, dass K meine Erklärungsversuche akzeptiert und setze mich, nachdem ich die Tür zum Schlafzimmer hinter mir ins Schloss gezogen habe, wieder an den Schreibtisch. Ich starte den Livestream von WFMU, bevor ich weitermache, obwohl ich natürlich weiß, mit Musik im Hintergrund nicht schreiben zu können. In New Jersey spielt gerade eine elektronische Dronekomposition, die mich augenblicklich nervös macht und deshalb schalte ich die Musik wieder aus. Jetzt ist es still im Zimmer. Nur ab und zu dringen Geräusche aus dem Flur zu mir herein, aber diese Geräusche sind stumpf, als wären sie weit weg, als wäre auch K weit weg, als trennte uns ein schwer zu beschreibendes Gebiet, ein Hafen vielleicht, der voller Klänge und Rufe ist, auch wenn man die Urheber dieser Klänge und Rufe nicht ausfindig machen kann.

Zum Schreiben brauche ich Ruhe. Ich kann zum Beispiel nicht wie Knausgård arbeiten, der, wie ich einmal las, zwangsläufig einen Song in Endlosschleife im Hintergrund spielen lässt. Das ist sehr knausgårdig, finde ich, ein Lied von Echo & the Bunnymen laufen zu lassen, während man über die eigene Jugend und das Erwachsenwerden schreibt, über Norwegen im Schnee und die Schüchternheit und das komplizierte Verhältnis zu den Mädchen. Ich kann das leider nicht, obwohl ich es mir manchmal wünsche. Ich kann auch nicht in warmen Zimmern schreiben, zumindest nicht im Winter. Ich muss das Fenster weit öffnen (im Hinterhof liegt noch Schnee, es sind vier Grad im Minus) und ich muss die kalte Luft spüren, die in den Raum hinein fließt. 

Die Wärme einer Heizung macht mich beim Schreiben ebenso unruhig wie Musik aus dem Off oder die Schritte meiner Nachbarn über mir. Die Kälte löst etwas aus, sie macht die Gedanken klarer und leichter, auch scheint es mir hin und wieder so, als würde ein geöffnetes Fenster das Zimmer erweitern, die Dimensionen sozusagen vergrößern, um damit die gewohnten Verhältnisse auf den Kopf zu stellen. Der Kontakt zur Außenwelt ist durch ein geöffnetes Fenster plötzlich da, die Welt kommt als Geräuschmuster zu mir, es wirkt, als würde ich halb auch im Hinterhof sitzen und nicht abgeschottet in einem Raum und das finde ich wunderbar, diesen Zwischenzustand, als sei ich Teil der Welt und des Viertels mit meinem Schreiben, als sei ich Teil der Kälte auch, die ich viel zärtlicher finde als die künstliche Wärme, die das Zimmer beherrscht.

Gegen zwölf Uhr speichere ich den zweiten Roman, der jetzt wirklich und endlich fertig ist, fühle aber nichts. Keine Euphorie, keine Erleichterung, kein Stolz auf die geleistete Arbeit. In solchen Momenten spüre ich niemals etwas, das ist einer meiner hervorstechenden Charakterzüge. Es fühlt sich eher so an, als wäre überhaupt nichts geschehen, als existierten weder Arbeit noch Ergebnis. Eigentlich möchte ich sofort weitermachen und etwas neues beginnen, weiß aber, dass ich gegen diesen verfrühten Gedanken ankämpfen muss. 

Noch immer, trotz des Erscheinens meines ersten Romans im Sommer, fühle ich mich so, als würde es das alles nicht geben, als schriebe ich weiterhin in die Stille hinein, in eine Unwirklichkeit, als sei diese Arbeit, wie alles andere auch, am Ende eben doch vergebens, bliebe ohne Reaktion. Vielleicht ist das meine Angst, sich wieder und wieder abzumühen und doch niemals die Startlinie zu erreichen, nicht das Ziel etwa, sondern den Start, denn ich fühle mich noch immer so, als bereitete ich das Schreiben bloß vor, als brächte ich es gerade auf den Weg, obwohl ich ja seit Jahrzehnten schreibe, obwohl es so viele abgeschlossene Texte und Bücher gibt. Doch die Bücher allein reichen nicht aus. Man muss auch hinaus, es braucht ja Leser und Verlage und diesen ganzen Zirkus, den ich nicht verstehe, der mir sogar Angst macht, wenn ich ehrlich bin, denn ich kenne meine Unfähigkeit zu gut, ich weiß, wie wenig ich als Vermarkter funktioniere, als jemand, der Kontakte knüpfen soll, der etwas hermacht, der interessant ist. 

Allein der Gedanke an das Geschäft, das ja nun einmal dazu gehört, setzt etwas in mir in Gang, das ich nur als Abgrund beschreiben kann. Eine ganz unmäßige Leere macht sich in mir bemerkbar, eine Erstarrung, die sich an die ungewisse Ahnung knüpft, alles könnte am Ende doch vergeblich sein und ich niemals im Bereich des Schreibens existieren. Als ein Mensch also, der Bücher veröffentlicht, der vielleicht sogar über diese Bücher spricht, den andere Menschen als jemanden wahrnehmen, der schreibt, vielleicht sogar davon lebt, der sich Gedanken macht und Geschichten baut und dabei immer unsicher bleibt, unsicher bis in die Ausweglosigkeit.

Merkwürdigerweise liegt darin meine Grundstimmung. Jeder Mensch besitzt so etwas wie eine Grundstimmung, eine unvernünftige, vorbewusste Reaktion auf das Leben und die Ansprüche, die dieses Leben stellt. Meine Grundstimmung war stets der Glaube an die Unerheblichkeit des eigenen Tuns, an die Vergeblichkeit jeder Handlung. Insgeheim war ich der Meinung, alles, was ich tat, würde keinerlei Ergebnis zeitigen, würde ungesehen verhallen, sich einfach folgenlos auflösen. Meine Mutter hat sich über diese Einstellung dem Leben gegenüber bereits lustig gemacht, als ich noch ein Kind war. Bis heute kursiert bei uns die Erzählung, ich wäre auf einer Wanderung durch den Thüringer Wald schon auf dem Parkplatz der Meinung gewesen, wir würden den Aufstieg nicht schaffen. Das schaffen wir sowieso nicht, hätte ich damals gesagt. Und dieser Satz – das schaffen wir sowieso nicht – ist mit den Jahren in unserer Familie so etwas wie mein Erkennungszeichen geworden, das man mir immer dann halb im Scherz vorgehalten hat, wenn es um eine größere Aufgabe ging, die vor mir stand.

Seltsam, denn ich habe alle größeren Aufgaben ziemlich gut gemeistert, so gut sogar, dass die anderen, die ebenso wenig Vertrauen in meine Fähigkeiten hatten wie ich selbst, manchmal über das Ergebnis staunten. Das war bei meinem Abitur der Fall und bei meinem Studium, das ich mit Auszeichnung abgeschlossen habe, auch wenn ich mir daraus nichts mache und darauf auch nichts einbilden will. Viele andere schließen mit Auszeichnungen ab. Viele andere, die womöglich ebenso wissen, wie wenig hinter einem solchen Abschluss steckt. Bei meinen späteren Jobs lief es auf dasselbe hinaus. Doch für mich zählt das alles nicht. Ich nehme es kaum wahr.

Ich greife nach meinem Handy und mache den Fehler, auf Instagram nach anderen Autoren zu suchen. Ich lese von Debütromanen, von Zweitauflagen, bevor das erste Buch überhaupt erschienen ist, ich folge langen Kommentarketten und Danksagungen an befreundete Rezensenten, Blogger, Podcaster, die sich um den Roman bemüht haben, im Vorfeld schon so viel Werbung gemacht haben für ihn und während ich das alles lese, werde ich immer stiller, ich kann mir beim Verschwinden regelrecht zusehen, registriere meinen offenen Rückzug. Im Anblick dieser Betriebsamkeit, hinter der ja ein sehr gut funktionierender Geschäftssinn steckt, werde ich sprachlos, ich kann mich darin nicht im Ansatz wiederfinden. Ich ahne, genau hier die Kehrseite des Schreibens vor Augen zu haben, für die ich keinerlei Begabung besitze und dieses Ungenügen zieht sofort meine gesamte Existenz in Zweifel. So sehen die Regeln des Spiels nun einmal aus, sage ich mir, du entkommst ihm nicht. Auf die Gärten wartet keine Zweitauflage. Es ist ja noch nicht einmal klar, ob nicht doch noch alles aus den Rudern laufen wird. Das Erscheinen des Buchs steht auf wackeligen Füßen, höre ich mich sagen, so viel kann bis zum Sommer noch passieren. Ich möchte vertrauen, doch aus irgendeinem Grund fällt mir das unbeschreiblich schwer. Mir fehlt die Fähigkeit, an die Güte der Welt zu glauben. Daran, alle Teile fänden am Ende zueinander, auf jeden warte ein Happy End. Dabei verachte ich das Happy End. Das Leben ist doch voller Tragödien!, rufe ich theatralisch, das Leben ist doch eine einzige Katastrophe voller Unterbrechungen! Nur wäre es eben schön, wenn mich diese Tragödie jetzt auch einmal in Ruhe ließe, sich einmal zurückziehen würde für eine Weile.

Am Ende misstraue ich der Welt. Ich gehe stets davon aus, sie lauere nur auf unseren Sturz, auf den Fall, der nicht ausbleiben kann. Unsere Sehnsucht stachelt sie an, sie versucht die Träume zu verwischen, unsere Pläne zu durchkreuzen. Die Welt ist keine Verbündete, im Gegenteil. Man läuft gegen sie an, wieder und wieder, und erfährt doch kaum, ob dieses Anlaufen etwas nützt oder ob es am Ende eine Tätigkeit unter anderen bleibt. Wie das Sitzen in einem Büro, das Warten in einem Wartezimmer, das Telefonieren mit einem Unbekannten.

* * *

Wir haben fast nichts mehr in unserem Kühlschrank und deshalb beschließe ich gegen halb zwölf einzukaufen. Im Lidl ist bereits viel los, aber die Leute wirken desorientiert, als könnten sie mit der Situation, in der sie sich befinden, nicht wirklich etwas anfangen. Ich manövriere an Großmütterchen vorbei, die so wirken, als wären sie beim Prüfen von abgepacktem Salat, Paprika und roter Beete eingeschlafen und lege dabei wahllos irgendwelche Dinge in meine blaue Ikeatüte. 

Ich bin nicht besonders experimentierfreudig. Wenn es um das Essen geht, fühle ich mich sogar ausgesprochen gewöhnlich und folge eingefahrenen Gleisen. Eigentlich kaufe ich immer das gleiche, ich kaufe Salat, Pak Choi, Gurken, Paprika, ein paar Dosen Kidneybohnen, vegetarische Burger, Cheddar in Scheiben, Joghurt und Skyr, Tiefkühlgemüse, das ich für die Arbeit aufwärmen werde, hin und wieder eine Nussmischung oder so etwas, ein paar Maiswaffeln und Erdnussbutter. Ich will so wenig Zeit wie möglich an das Essen verschwenden und besitze für das Kochen keinerlei Geduld. Alles muss nur schnell gehen und satt machen, das war schon während meines Studiums in Berlin der Fall und das habe ich bis heute beibehalten. Ich mache mir schnell etwas warm und schaufle das zusammengewürfelte Ensemble dann in Windeseile in mich rein, während ich ein neues Video von John Oliver auf Youtube schaue.

Gegen eins scheint wieder alles weit weg. Die Bücher, meine beiden Romane, mein unnützes Anrennen, die Enttäuschungen und Vergeblichkeit. Das alles werde ich nicht mehr los, zumindest nicht in diesem Leben. Diese Vergeblichkeit wird mich begleiten, wir werden uns gemeinsam irgendwann davon machen. Ich möchte in diesem Jahr noch verreisen, denke ich plötzlich, ich möchte etwas anderes sehen. Nicht mehr nur diesen Hinterhof. Vielleicht die Slowakei oder Schottland. Aber Fliegen möchte ich auch nicht mehr. Ich fahre mit dem Zug und mit der Fähre. Das muss doch möglich sein. Wenn alles gut geht, bin ich im Sommer unterwegs.

1. Februar

Ich wache kurz vor sieben Uhr auf und bleibe noch für einige Minuten still im Bett. Durch das geschlossene Fenster dringen die Geräusche des Regens. Ein verhaltenes, durchsichtiges Rauschen breitet sich im Hinterhof aus, davor liegt eine Art helleres Klopfen, hin und wieder unterbrochen von einem Plätschern, das, wie ich finde, am ehesten nach Wasser klingt. Ich höre sozusagen das Aufschlagen der Tropfen auf der sich kräuselnden Oberfläche einer Pfütze, folge in Gedanken den sanften Schwingungen, die sich in alle Richtungen ausbreiten, bis sich unerwartet ein Glucksen vor der Fensterscheibe bemerkbar macht. Es fällt mir schwer, den Ursprung dieses Glucksens zu bestimmen, das nicht wirkt, als sei es Teil des Regens. Es klingt eher, als fiele da ein winziger Gegenstand (ein Kiesel, eine Nuss, ein Feuerzeug?) in einen bodenlosen Brunnen und als hallte kurze Zeit später der Aufschlag dieses Gegenstands in verkleinerter Form zu mir herauf. 

Das Bild des Kiesels (ich stelle ihn mir weiß vor, von der Sonne gebleicht, rund geschliffen vom Meer) lässt mich an Tor Ulven denken. Zwei Szenen aus dem Allgemein Unmenschlichen haben sich in mir eingegraben, obwohl ich das Buch nie zu Ende lesen konnte. Es ist eines dieser Bücher, das einem alles abverlangt, das keine Pausen gestattet, kein Weglegen, Vergessen und Zurückkehren, es ist ein anstrengendes Buch, das alles fordert und natürlich ist es deshalb so gut. Ein richtiges Brachialbuch, denke ich jetzt, ein Text, der nichts von Kompromissen wissen will.

Die erste Szene, an die ich mich erinnere, beschreibt die Ankunft des Erzählers mit einer Fähre. Er betritt das Land und einen Kiesweg, den er als schuppig beschreibt. Als ich dieses Adjektiv zum ersten Mal las, hat es in mir den unbekannten Kiesweg in einer Transparenz herauf beschworen, die ich anfangs gar nicht fassen konnte, das Wort überrumpelte mich regelrecht und endlich schien ich zu verstehen, was das eigentlich war, ein Kiesweg. Die zweite Szene hängt mit der Beschreibung eines Tanzes zusammen. Eine Gruppe Psychiatriepatienten tanzt miteinander auf einer dieser Veranstaltungen, die wahrscheinlich auf der ganzen Welt von Klinikleitungen aufgeboten werden, um die Verbannten auf den Stationen zu zerstreuen und diese Gruppe wird vom Erzähler sehr einfühlsam dargestellt, ein wenig so wie im Land des Schweigens und der Dunkelheit von Werner Herzog. Als das Auge von Ulvens Erzähler ein Paar fokussiert, fällt der Satz, sie tanzten, ohne den unermesslichen Abgrund unter ihren Füßen zu bemerken. Vielleicht lautet der Satz auch, sie tanzten, ohne den unermesslichen Abgrund zu bemerken, der jedem ihrer Schritte folgte. (Ich ziehe Ulvens Buch aus dem schmalen Regal über meinem Schreibtisch, es steht in einer zufälligen Reihe mit Indridasons Todeshauch, Vesaas Das Seltsame, Knausgårds Spielen und Lieben, Krasznahorkais Die Welt voran, Lenz’ Tagebuch vom Überleben und Leben, Heiner Müllers Die Gedichte und Bukowskis You Get So Alone At Times That It All Makes Sense. Ich habe den Satz, der ganz anders ist, als ich ihn erinnere, vor Jahren unterstrichen.)

Als wir gestern am Fluss spazieren wollen, hat die Stadtverwaltung bereits alle Zugänge zum Ufer versperrt. Das Hochwasser ist damit offiziell und obwohl sich K und ich, wie viele andere Bewohner unseres Viertels, von den Absperrungen nicht aufhalten lassen, macht der in der Nacht noch einmal spürbar angestiegene Pegel den Weg auf manchen Uferabschnitten unpassierbar. 

Die Schwäne paddeln jetzt direkt bis an den Damm. Die gesamte Wiese, auf der im Sommer die Leute in der sengenden Hitze liegen, hat sich in eine Unterwasserzone verwandelt und als ich das sehe, frage ich mich sofort, ob das Gras dem Ertrinken standhalten kann oder sich nach dem Hochwasser in ein verschlammtes Gebiet verwandeln wird. 

Wir folgen dem asphaltierten Weg, an dessen Rändern das schmutzigbraune Wasser leckt, und entdecken kurze Zeit später die beiden Basketballkörbe. Wie Ertrinkende ragen sie aus dem Fluss. Noch ein halber Meter und das Wasser reicht bis an die Metallkörbe heran, auf denen jetzt ein Rudel Möwen in demonstrativer Gelassenheit sitzt. Die Natur wartet nur darauf, alles in Beschlag zu nehmen, sage ich zu K, die meine evolutionsbiologische Bemerkung geflissentlich ignoriert, die Natur ist auch so ein Biest, so eine ewig gefräßige Gleichgültigkeit und während ich diesen Gedanken entwickle, bekämpfen sich auf der einstigen Wiese, die jetzt zum Fluss geworden ist, zwei geisteskranke Schwäne mit gebieterischen Fauchattacken. 

„Siehst du“, sage ich, „das sind die ersten Gebietsstreitigkeiten. Das Land wird unter den Vögeln neu verteilt und wir können nichts weiter machen, als zuzusehen!“

Aber K kann mir nur schwer folgen. Sie ist seit Tagen mit ihrem bevorstehenden Bewerbungsgespräch beschäftigt und schwankt zwischen Phasen heilloser Panik, in denen sie glaubt, sich für überhaupt nichts und erst recht keine Leitungsstelle zu eignen und einem fragilen, fast gläsernen Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Dieses Vertrauen müssen wir in mühevoller Arbeit und komplizierten Argumentationsketten immer erneut aufrichten. Ich komme mir vor wie ein Architekt oder Geburtshelfer und kann doch jede ihrer Regungen nachvollziehen.

„Wir gehen raus“, sage ich in letzter Zeit häufiger, „du brauchst frische Luft, um auf andere Gedanken zu kommen.“ 

Insgeheim begreife ich sehr genau, die Gesten meiner Eltern nachzuahmen. Auch sie haben ja stets die frische Luft angeführt, die so eine Art Allheilmittel für alle deprimierenden Geistesverfassungen war.

Ich stehe endlich auf, um Kaffee zu machen, schlurfe durch unsere Küche, die wieder voller Abwasch steht, obwohl ich die Spülmaschine erst gestern ausgeräumt und im gleichen Atemzug gefüllt habe und auch unser Mülleimer läuft natürlich über. Manchmal kommt es mir vor, als lebte noch ein weiteres Paar in unserer Wohnung, zwei einzelne Menschen können doch diese Berge schmutzigen Geschirrs überhaupt nicht produzieren, denke ich und bekomme sofort das schlechte Gewissen, noch immer zu leben wie ein Student mit Anfang zwanzig, dem der eigene Dreck ganz egal ist und der das Verdrecken selbst auch für eine wunderbar revolutionäre Geste hält, in der sich der eigentliche Kampf gegen Verbürgerlichung und Borniertheit spiegelt.

Genervt kehre ich in unser Schlafzimmer zurück und setze mich an meinen Rechner. Ich schalte WFMU ein, höre Ultimate Spinach und überarbeite den zweiten Roman. Der erste soll im Juni erscheinen, was nicht mehr ganz so weit weg ist, nicht einmal ein halbes Jahr. Merkwürdigerweise aber knüpft sich an dieses Erscheinen überhaupt kein Gefühl. Jetzt geht es los, versuche ich mir einzureden, ohne aber etwas zu spüren, ohne zu wissen, was überhaupt los gehen soll. Ich wollte ja immer nur weg und auch jetzt fühlt sich dieses Erscheinen des ersten echten Buches, das ja vielleicht Ankunft und Anfang bedeutet, wie eine Nebensächlichkeit an, wie ein Geschehen, das nichts grundlegend verändern wird. Aber vielleicht liegt das alles nur an der Trägheit der Gefühle, meiner ganz besonderen Trägheit, die dem Geschehen stets hinterherzuhinken scheint.

Nach zwei Stunden stehe ich auf, gehe in den Flur und hänge die Wäsche von unserem provisorisch untergebrachten Wäscheständer ab. Dann mache ich die nächste Maschine fertig und kann kaum glauben, unseren Wäschekorb komplett geleert zu haben. Das ist bisher noch nie vorgekommen, sage ich mir, als hätte ich eine bahnbrechende Entdeckung gemacht und stehe für einige Augenblicke andächtig über den geflochtenen Korb gebeugt, der plötzlich ganz anders aussieht als sonst. So wunderbar leer irgendwie. Schließlich schalte ich die Waschmaschine an und lege mich aufs Bett, schaue auf Youtube irgendwelche Videos, deren Inhalt ich nach fünf Minuten vergesse und rappele mich endlich wieder auf, um einzukaufen.

Draußen ist alles grau, aber es herrscht eine Regenpause. Die Leute laufen schnell durch die Gegend, folgen unbestimmten Zielen, vielleicht auch einer Eingebung, einem blinden Gedanken. Das wäre schön, sage ich mir, wenn hier draußen Leute herumspazierten, die es nicht eilig haben, sondern bloß kein rechtes Ziel vor Augen, die einem Instinkt auf der Spur sind, sich sozusagen gedankenlos durch die Straßen bewegen und offen sind für den Zufall hinter der nächsten Häuserecke.

Als ich die Laurentiusstraße erreiche, sehe ich im Augenwinkel einen Radfahrer, der auf die Kreuzung zusteuert. Ich halte an, um ihn vorbei zu lassen, aber er bremst bereits ab und im ersten Moment empfinde ich fast so etwas wie brüderliche Dankbarkeit, der ich nur etwas länger nachhängen müsste, um bei der völkerübergreifenden Solidarität und Grundgüte des Menschen zu landen. Dann aber fällt mein Blick auf das Gesicht des Radfahrers, so ein junger Typ mit runder Brille und Dreitagebart, der lässig und überlaut eine Melodie pfeift, damit auch alle anderen hören, dass er sich weder vom Wetter noch der Einrichtung der Welt die gute Laune vermiesen lässt und natürlich macht mich dieses Gehabe sofort rasend und setzt ganz gewalttätige Bilder in mir in Gang. Doch aus irgendeinem Grund nicke ich anstandshalber und laufe über die Fahrbahn, während das beschwingte Pfeifen dieses gnadenlosen Selbstdarstellers über den nassen Asphalt hallt und während ich möglichst langsam die Straßenseite wechsle, denke ich kryptisch, warte, dich erwischen sie auch und dann ist es endlich aus mit deiner Scheißpfeiferei.