Graal-Müritz, 21. März

Gegen drei in der Nacht wache ich auf, steige über K  hinweg und will leise durch den Flur in das Wohnzimmer verschwinden, so wie ich es immer mache, wenn ich keinen Schlaf finden kann. Für einen kurzen Moment aber stehe ich noch auf dem Teppich vor unserem Bett und schaue durch das Fenster nach draußen in den dunklen Hof. Das gegenüberliegende Gebäude hinter den Garagen ist vollständig schwarz, das Dach fließt in den Himmel, so dass sich das Haus ins Unendliche erweitert, an Höhe gewinnt, sich wie ein Riese aufspannt, den Kopf zwischen unsichtbaren Wolken versteckt. In einer einzigen Wohnung brennt noch Licht und dieses Licht, das hinter einem Vorhang liegt, erscheint mir falsch. Warum sind die Leute in diesem Zimmer noch wach? Was haben sie um diese Zeit zu tun? 

Der Vorhang aus grobem Stoff dämpft das Licht und plötzlich denke ich: so sieht ein Endpunkt aus, so erscheint womöglich das Ende der Welt. Ein von stumpfem Licht erfüllter Raum in einem Ozean aus Dunkelheit. Eine glänzende Barke weit draußen auf dem namenlosen Meer und es lässt sich nicht sagen, ob inmitten der Nacht noch einige Menschen um ein Licht herum versammelt sitzen, das vom Wellengang auf und ab bewegt wird, ein einziges, vielleicht sogar unnötig weiches Licht, das keine Worte mehr gestattet, oder ob dieses Licht bloß eine Scheinwelt beleuchtet, in der die Bewohner seit langem verschwunden sind.

Ich wechsle den Raum und laufe für einige Minuten geräuschlos das Wohnzimmer ab. In mir ist alles ruhig, dennoch aber kann ich nicht schlafen. Ich weiß nicht, was mich wach hält, habe dafür keinen Begriff. Ich konzentriere mich auf meinen Atem, ich sauge die Luft tief durch meine Nase ein und stoße sie durch die halb geöffneten Lippen wieder aus, spüre eine sich ausdehnende Weite in meiner Brust, die Kühle der Luft, die aus dem unbeheizten Wohnzimmer auf meine Lunge trifft. Ich fühle, wie die Luft über das Innere meiner Lungenflügel streicht, besonders den linken Flügel bemerke ich dabei, es fühlt sich an wie ein sanfter Hauch auf meiner Haut und ich denke an das Meer.

Vor einigen Jahren fuhr ich nach Graal-Müritz an der Ostsee, es muss im Juni oder im Juli gewesen sein, jedenfalls aber war es im Sommer. Ich fuhr von Stuttgart aus mit dem Zug, stieg in Rostock in eine Regionalbahn um, die dann noch eine oder zwei Stunden bis zum Meer benötigte und an winzigen Orten hielt, die aus nichts weiter als ein paar Häusern bestanden. 

Ich fuhr allein. Draußen vor dem Zugfenster schrumpfte die Landschaft auf eine stumme Abfolge endloser Flächen zusammen und nur die hin und wieder auftauchenden Häuser und Höfe durchbrachen die Monotonie. Selbst die Bahntrasse verlor irgendwann an Breite, bis uns nach einiger Zeit auch das andere, von den entgegenkommenden Zügen genutzte Gleis abhanden kam. 

Von da ab regelten Weichen den Verkehr. Plötzlich gab es keine Bahnhöfe mehr, sondern nur noch einzelne Steige, hinter denen Schrebergärten oder Landstraßen lagen und manchmal auch nichts. Die Station befand sich dann im Nirgendwo, schien unverbunden mit den Dörfern und Städten der Gegend, als hätte sich jemand einen Scherz erlaubt oder den Nutzen einer solchen Haltestelle ganz aus den Augen verloren.

Eine Woche lang verbrachte ich in Graal-Müritz. Ich hatte mir ein Zimmer bei einer Familie gemietet, schlief lang, trank morgens meinen Instantkaffee an einem Tisch mit gemustertem Plastiktuch, ich sah in den gepflegten Garten, der zum Haus der Familie gehörte und versuchte, so unsichtbar wie möglich zu sein.

Schon bei meiner Ankunft war mir mein Vorhaben mit einem Mal schrecklich unsinnig vorgekommen.

Was machte ich hier eigentlich?

Warum fuhr ich allein und für eine ganze Woche an die Ostsee?

Ich war noch nicht ganz dreißig und verbrachte meinen Urlaub ohne Begleitung. Ich fuhr nicht mit meiner Freundin ans Meer, denn ich hatte keine Freundin und ich wollte mich genauso wenig meinen Freunden anschließen, sondern allein auf eine Reise gehen, denn Rolle des einsamen Reisenden gefiel mir ausgesprochen gut. Auch der Blick des Vermieters bei meiner Ankunft schien diesen Umstand anzudeuten. Er sah mich etwas eigentümlich an, betrachtete mich wie einen Sonderling, für den ich mich natürlich sofort hielt, um meine ausgelassene Freundlichkeit noch auf die Spitze zu treiben, so zu tun, als sei ich ständig allein unterwegs. Vor diesem Mann wollte ich plötzlich normal wirken, so normal wie nur möglich.

Aber dann, in meinem Zimmer, das auf den Garten zeigte, wurde mir allmählich bewusst, wie idiotisch diese Reise tatsächlich war. Wie abwegig sie nicht nur auf jemandem in meinem Alter wirken musste, sondern auf jeden anderen auch. Noch dazu hatte ich die Reise nur deshalb unternommen, weil Kafka irgendwann in Graal-Müritz auf einer Sonnenliege in der Hoffnung gelegen hatte, die salzige Meeresluft werde seine tuberkulosekranke Lunge heilen. Plötzlich verstand ich überhaupt nicht, was ich mit diesem hastig gebuchten Urlaub überhaupt bezweckte. Wollte ich Kafka näher sein? Warum?

Ich lief durch den Ort, besorgte mir Bier in einem Supermarkt und ging dann zum Strand. Ich zog mich bis auf meine Badehose aus, legte mich in den warmen Sand und öffnete eine Halbliterdose. Das Bier war warm und schmeckte nicht und deshalb sah ich zum Meer und betrachtete den Strandabschnitt, auf dem nur wenige Menschen unterwegs gewesen sind. 

Es wehte ein frischer Wind, der die Hitze der Sonne vergessen ließ und ich begriff, dass sich der Badeort noch in der Vorsaison befinden musste, denn es waren ganz einfach zu wenige Leute am Strand unterwegs. Und natürlich würde auch das Wasser noch zu kalt zum Schwimmen sein, was sich später als richtig herausstellte.

Als ich am Abend zurück in mein Zimmer kehrte und mir im Badezimmer die Hände wusch, sah ich in den Spiegel. Ich hatte mich komplett verbrannt, das Gesicht, den Oberkörper, auch die Beine. An Sonnencreme hatte ich überhaupt nicht gedacht und der kühle Wind am Meer hatte mich die Stärke des Lichts nicht ansatzweise fühlen lassen.

Jetzt sah ich aus wie ein Idiot. 

Ich leuchtete krebsrot, hatte mich an meinem ersten Urlaubstag komplett entstellt.

Am nächsten Morgen besorgte ich mir in einer Apotheke zur Belustigung des gesamten Personals zwei Sprühflaschen mit Schaum, der besser als eine Wundsalbe gegen meinen Sonnenbrand helfen sollte, und zog mich danach wieder in mein Zimmer zurück.

Meine Haut brannte wie Feuer, aber der Schaum kühlte tatsächlich, was mir gut tat und so verbrachte ich die Zeit bis zum Sonnenuntergang in meinem Krankenzimmer, schaute Filme auf meinem Laptop oder las in einem Buch.

Erst gegen Abend traute ich mich wieder an die Luft, steckte ein paar Bierdosen, die ich im Kühlschrank meines Zimmers aufbewahrte, in den Beutel und lief in Richtung Strand.

Dort saß ich schließlich in den Dünen und trank und hoffte, etwas werde passieren. Irgendetwas, es war mir bereits ganz egal. Mir hätte alles genügt, ein Schiff auf der Linie zwischen Meer und Himmel, ein paar Mädchen am Strand, ein einsamer, vielleicht herrenloser Hund. Aber nichts passierte, wirklich nichts.

Jeden Abend lief ich zum Strand. Gegen Ende der Woche ließ der Sonnenbrand allmählich nach und machte es mir leichter, hinauszugehen. Dann saß ich an meinem Platz in den Dünen, trank aus einer Bierdose und sah in den Nachthimmel hinauf oder auf das unbewegliche, manchmal fast stillstehende Meer. Und mit jedem verstreichenden Tag begann mir klarer zu werden, dass ich an der Ostsee überhaupt nichts verloren hatte, sondern nur meine Zeit verschwendete. Dass ich weder ein Abenteuer erlebte noch die Rolle des außergewöhnlichen Reisenden spielte, der alles anders machte als seine Eltern und Freunde und der aus diesem Grund der Wahrheit und einem abenteuerlichen Leben genauso wenig näher kam wie alle anderen auch.

Das einzige, was ich am Ende dieser Reise fühlte, war meine Einsamkeit. In guten Momenten war ich in der Lage, mir alles mögliche einzureden, meine Zugehörigkeit zum Meer zum Beispiel, die Notwendigkeit des Alleinseins, um später darüber zu schreiben, die Notwendigkeit dieser Reise, die mir einen Sinn offenbaren musste, den ich sonst nirgends fand. Und jetzt war dieses Vorhaben auf ganzer Linie gescheitert. 

Am letzten Tag unternahm ich einen letzten und langen Spaziergang durch ein Waldstück voller Kiefern. Ich lief eine schnurgerade, asphaltierte Straße entlang, hörte das Meer hinter dem Kiefernwald, der wie ein in Streifen geschnittener Vorhang wirkte und wusste nicht genau, wohin mich meine Wanderung führte.

Hin und wieder überholten mich Autos, aber ich tat so, als würde ich in diesen Momenten zur Seite in Richtung Meer sehen, um nicht in das ungläubige, vielleicht sogar mitleidige Gesicht eines anderen Menschen blicken zu müssen.

Warum läufst du hier draußen allein herum? Warum bist du überhaupt allein? Sind nicht alle immer zusammen?

Ich lief eine Dreiviertelstunde, erreichte einen Parkplatz und langte schließlich vor dem Eingang eines Zeltplatzes an. Unschlüssig, was ich tun sollte, stand ich in der Gegend herum, wich den Leuten aus, die in ihre Autos stiegen, um zurück in den Ort zu fahren, und riss mich, als ich meine Unzufriedenheit mit mir selbst und dieser ganzen Reise einfach nicht mehr aushielt, endlich los, um quer durch den Wald in Richtung Strand zu laufen. 

Das Licht lag fleckig auf dem Waldboden, es roch nach Harz, nach heißem Sand gemischt mit Kiefernnadeln und in mir stiegen Selbstvorwürfe und Verwünschungen auf, während Zweige unter meinen Schuhen knackten und ich eine knisternde Landschaft durchlief. 

Als ich den Strand erreichte, achtete ich nicht auf das Meer. Stattdessen machte ich sofort kehrt und lief zurück, ging früh zu Bett und nahm am nächsten Morgen den ersten Zug. Als sich die Schiene teilte und die Strecke erneut an Breite gewann, atmete ich auf und nahm mir vor, meine Reise zu verschweigen. Keinem meiner Freunde würde ich von ihr erzählen. Ich behielte alles für mich, so wie man die wirklich wichtigen Niederlagen für sich behält. Über die unerheblichen Verluste erzählt jeder frei und gern, sie sorgen für Sympathie und Verständnis. Das hingegen, was wirklich zählt, bleibt im Verborgenen. Die großen Enttäuschungen behält man besser für sich.

8. Februar

Wir sind zu L und T zum Kuchenessen eingeladen und machen uns gegen halb eins auf den Weg. Ich fühle mich sehr häuslich, als wir im Treppenhaus stehen und empfange den Regen auf der Straße mit einem hingebungsvollen Lächeln. Das Wetter ist doch nicht der Rede wert, sage ich mir. Wenn es die Tauben nicht interessiert und auch nicht die Krähen, die sich heute morgen kurz nach sechs über alle Hinterhöfe des Viertels hinweg unterhalten haben, muss das auch mich nicht interessieren. K meint, mit meiner schwarzen FFP2-Maske würde ich aussehen wie ein Rabe und obwohl ich mich gegen diese Behauptung wehre (ein wenig zu zaghaft, wie mir scheint), gefällt mir der Vergleich doch insgeheim sehr. 

Das Hochwasser nimmt trotz des Nieselregens weiter ab. Beim Überqueren der Brücke tauchen neue Inseln auf, dort, wo früher die Uferwiese gewesen ist. Grasbewachsene Archipele treten an die Oberfläche, eine zweite Scheidung von Wasser und Land setzt ein. Auch die Schwäne haben sich sprunghaft vermehrt und fressen jetzt die neue Uferkante ab. So hat doch jeder seine eigene Eile, sage ich mir, wir hier im Regen und die weißen Flussvögel dort unten mit der Panik im Nacken, das unerwartete Paradies könnte mitsamt seinen übervollen Vorräten schon morgen verschwunden sein.

Später essen wir Karottenkuchen und trinken Tee aus sehr filigranen, großmütterlichen Tassen. Am Morgen habe ich noch Hototogisus Chimärendämmerung gehört und nun ist bei L und T alles so friedlich und still. Auch ist ihre schöne, große und helle Wohnung sehr sauber, viel sauberer als bei uns natürlich. Kein schmutziges Geschirr steht in der Küche herum, im Flur kann man sich frei bewegen, ohne über Pakete, Tüten und Wäscheständer zu stolpern und selbst die Schuhe stehen säuberlich in einer Reihe. Die Ordnung wirkt nicht übertrieben penibel und gerade deshalb beeindruckt sie mich sehr und wenn ich durch die gläserne Tür hinaus zum Balkon sehe, auf dem ein wunderbarer Urwald auch jetzt im Februar wächst, beneide ich die beiden um ihre Fähigkeit sich einzurichten und einen Garten in der Kälte anzulegen. All die Pflanzen, die K und ich versucht haben auf unserem eigenen Balkon großzuziehen, sind eingegangen und dabei wünsche ich mir einen wirklich begrünten Balkon doch so sehr. Unserer gleicht einer Müllhalde.

Wir unterhalten uns über die Arbeit, aber meine Gedanken schweifen zu schnell ab, als dass ich in der Lage wäre, dem Gespräch zu folgen. Auch kenne ich Ks Geschichten ja schon und schalte mich nur hin und wieder mit einem kurzen Kommentar ein. Die restliche Zeit denke ich an die Mail meiner Verlegerin und an meinen Roman, glaube plötzlich, dass er aufgrund all der Unwägbarkeiten am Ende doch nicht im Sommer erscheinen wird. Aber das muss er doch!, sage ich mir, jetzt muss es doch endlich einmal losgehen. Das hier, dieses Jahr, das ist das Jahr der Fahnen! 

Ich erzähle den anderen von meinen Zweifeln und alle beruhigen mich natürlich sofort. Wer weiß, wie es am Ende ausgeht, so viele Leute stecken in Schwierigkeiten. Ich nicke und lasse mich beruhigen. L macht einen Sekt auf und ich trinke widerwillig, denn eigentlich mag ich jetzt keinen Alkohol, aber als sie auch noch Eiswürfel hervorzaubert, lasse ich mich überreden.

Wir ziehen in das Wohnzimmer um, ein riesiger, loftartiger Raum, in dem früher einmal eine Marktforschungsfirma saß, bis man alles in eine normale Wohnung umgewandelt hat. Hinter den Fenstern liegen die verregneten Planken und das Dachgeschoss eines anderen Gebäudes. Ein Frau steht dort gerade auf der Terrasse und raucht, aber sie sieht mich nicht. Ich nähere mich der Couch, die derart bequem ist, dass ich mich sofort gegen den Schlaf wehren muss, sobald ich Platz genommen habe, als mir ein Bandname einfällt, den ich für ganz ausgezeichnet halte. RADICAL CAPITAL würde sich doch wirklich super für eine Crustpunk-Gruppe eignen, ich gebe diesen Namen sehr gern her, bedient euch!

Später trinken wir Wein, es wird Käse serviert und Karotten und Gurke mit einem Dipp, vor dessen hoher Knoblauchdosis man uns prophylaktisch warnt. Irgendjemand kommt auf Kindheitsfotos zu sprechen und ich zeige ein Familienfoto, auf dem auch meine Schwester und meine beiden Halbbrüder zu sehen sind. 

„Wenn du dir die untere Hälfte vom Gesicht meines älteren Halbbruders wegdenkst“, erkläre ich L, „siehst du mein Gesicht. Also meine Augen und so weiter.“

L und T erklären, das träfe tatsächlich zu, wir würden uns ähnlich sehen.

Ich habe mich mit meinem Halbbruder wahrscheinlich nicht mehr als zehn Mal in meinem Leben unterhalten und diese Unterhaltungen blieben immer an der Oberfläche, auch wenn das keinem von uns vorzuwerfen ist. 

„Wie geht es dir?“

„Gut. Und dir?“

„Was macht deine Arbeit? Bist du noch im Museum?“

„Ja, alles gut. Wie geht es deinen Kindern?“

„Die werden langsam erwachsen. Du weißt ja, wie das ist.“

Ich nicke, ohne etwas zu erwidern und denke, nein, eigentlich weiß ich es nicht. Wie sollte ich auch, ich habe schließlich keine Kinder. Auch mit meinen Neffen habe ich selten mehr als einen Satz gewechselt, dabei kenne ich sie seit ihrer Geburt. Jetzt sind sie achtzehn oder zwanzig Jahre alt und studieren. Sie wollen Geld verdienen, das lausche ich den Gesprächen meiner Familie ab, erst einmal Geld verdienen und auf ein Auto sparen und dann, ja, dann gibt es so viele Möglichkeiten, wir sind alle sehr gespannt. 

Als mein Halbbruder vor Jahren heiratete, haben sie mich nicht zur Hochzeit eingeladen. Du hast in Berlin doch so viel zu tun, du bist doch auch so eigenbrötlerisch, da haben wir nicht damit gerechnet, dich könnte so eine Hochzeit interessieren. Merkwürdigerweise hat mich das damals verletzt, obwohl mich Hochzeiten ja tatsächlich nicht interessieren, aber ich bin nun einmal auch kein Automat, ich bin in der Lage, die Freude der anderen zu teilen! Wofür hält man mich hier eigentlich? Ich gehe doch auch durch die Welt, ich habe auch Augen, ich nehme die Gepflogenheiten sehr wohl wahr und richte mich nach ihnen aus. Mein Gott, ich bin doch auch ein Mitglied der Gesellschaft!

Im Wohnzimmer sprechen wir über meinen zweiten Roman. Auch T liest ihn gerade und tut sich etwas schwer damit. Für seinen Geschmack gibt es zu wenig Entwicklung im Erzähler, dessen Aufbegehren er aber registriert, was mich wiederum beruhigt. Ja, am Ende tut sich bei diesem Erzähler tatsächlich nicht viel, nicht viel mehr zumindest als ein kümmerlicher Versuch. Am Schluss steht er erneut am Anfang und diese Zirkelbewegung macht auch viel Sinn, sage ich mir. Ein Kreis wie in Antal Szerbs Reise im Mondlicht, die ich gerade ganz begeistert lese.

Der Abend findet bald ein Ende und obwohl es mir nicht im Ansatz aufgefallen ist, haben wir fünf Stunden miteinander verbracht. Im Flur ziehe ich mir meine schlammigen Trailrunningschuhe an und dann meine regendichte Patagonia-Jacke, setze meinen Rucksack auf und schieße ein Selfie, während K noch kurz auf der Toilette verschwindet. 

„Warum machst du jetzt ein Foto?“, fragt L. 

Ich fühle mich ein wenig betrunken vom Wein und bin ganz einfach in der Stimmung.

„Ich weiß nicht so recht“, antwortete ich und mache ein weiteres Foto.

Wir umarmen uns zur Verabschiedung und fahren mit dem Fahrstuhl nach unten. Noch in der Kabine mache ich weitere Bilder. Ich nehme mir vor, zu Hause sofort zu schreiben. Ich möchte über die neu erstandenen Archipele auf dem Fluss schreiben, die sich im Verlauf des Nachmittags noch vergrößert haben, wie K und ich einige Minuten später von der Brücke aus bemerken. Ich möchte über die Schwäne schreiben, die sich von der Dunkelheit nicht beirren lassen und einfach weiter fressen, ich möchte über diesen bodenlosen Hunger schreiben, denke ich, während ich Raw Silk Uncut Wood von Laurel Halo höre, eine neue Geschichte, in der jemand die Städte verwechselt und plötzlich in Santiago lebt, plötzlich in Chile ist, ich habe den Titel bereits auf der Zunge, denke aber mit einem Mal unsinnigerweise an Daniel Kehlmann, über den ich vor kurzem etwas gelesen habe und der so wenig auratisch wirkte, wie Herrndorf schrieb, und schon ist mir der Titel der Erzählung entfallen, in eine Spalte gerutscht und die Nacht schlägt über unseren Köpfen zusammen.

Auf das nasse Pflaster zeichnet sich die Stadt, die leeren Trams gleiten über ein lautloses Nichts. Unter ihnen existiert ein ungeheurer Bereich, kein Abgrund, aber auch nicht einfach nur der Asphalt, ein Zwischenraum, in dem die Nacht sich wie ein Urzeittier auszustrecken versucht. Da ist das Glühen der Lichter und der drei Türme am Ufer. Alles voller Leben, denke ich, und doch alles kurz vor dem Schlaf. Überhaupt die Städte und der Schlaf. Wie merkwürdig es ist, sich all die schlafenden Körper vorzustellen in ihren mehr oder weniger ähnlichen Zimmern. Gegen drei Uhr am Morgen ein gigantisches Stillleben, in dem hunderttausend Träume Kapriolen schlagen, viele davon mit ähnlichen Mustern, Türme, Ängste, Flucht. Und das alles in jeder Nacht, seit so und so vielen hunderttausend Jahren.