Gehen, 25. März

Ich plane eine Reise zu Fuß an den Landstraßen entlang. Ich habe kein bestimmtes Ziel, es geht nur darum, sich aufzumachen und loszugehen. Auf Google Maps stecke ich die Route ab, ich sehe die Landstraßen in Waldstücken verschwinden, sehe die Städte, die von oben wie etwas ganz und gar Unbewohnbares erscheinen, wie etwas Kriminelles sogar, eine Art Verbrechen. Vielleicht laufe ich zur Küste, sage ich mir. In die Berge möchte ich nicht, im Gebirge bekomme ich immer eine Heidenangst und Beklemmung. Alles ist dort so eng, obwohl es auch weit ist, aber die Flanken des Gebirges verstellen manchmal den Himmel und schaffen ein klaustrophobisches Gebiet, das mich panisch werden lässt. Nur auf den Gipfeln geht es, dort lässt die Angst wieder nach. Doch dann denke ich, dass ich auch an der Küste nichts verloren habe. Mir fällt es schwer, eine Reise um des Reisens willen zu beginnen, ich fühle mich dafür bereits zu alt. Mit Anfang zwanzig ist das kein Problem, aber jetzt? Ich denke sofort an einen Zweck, an ein Ziel, etwas, das ich mit dieser Wanderung erreichen will. Und das ist natürlich Quatsch, ich sage mir, das ist alles Unsinn, daran musst du keinen Gedanken verschwenden, denn das alles steht deiner Wanderung im Weg. Ich überlege, wo ich schlafen soll, wo ich ein Zelt herbekommen kann, ob meine Wanderschuhe bis zur Küste durchhalten (wahrscheinlich tun sie das). Und dann denke ich, sobald du an der Küste bist, gehst du direkt zum Meer und wirfst dein ganzes Gepäck, den Rucksack, das Zelt, den Schlafsack und all deine Kleider einfach ins Wasser, siehst deinen Sachen beim Untergehen zu. Und weiter denke ich nicht, über den Untergang möchte ich gar nicht hinaus. 

Mach dich auf

Es gibt nur das Eine

Zwei Birken, die Buche, dahinter das Haus

Und den unbetasteten Himmel

Es hängt rote Wäsche im Wind

Und ich denke: dieses Bettlaken sieht wie eine Fahne aus

Ein Zeichen, das mich aufwecken soll

So wie die lautlosen Schatten

Manchmal ist alles so still

An einem Donnerstag

Oder am Tag danach

Wenn der Verkehr wie eine Aufnahme in Zeitlupe wirkt

Wenn er keine Macht besitzt, keine Wirklichkeit

Dann rufen die Vögel

Während du schreibst, gleiten sie hinab in den Hof

Und du weißt: dort wartet die herrenlose, schwarze Katze

Ich sah sie gestern auf dem Moosdach und bewunderte ihren tastenden Gang

So geschmeidig würde ich auch gerne gehen

Leise, unhörbar

Der bewundernswürdige Gang der Tiere

Er erinnert dich an eine Nacht

An das ausgefallene Licht

Den Winter

Das Fernbleiben der anderen

Das Schleichen durch die Flure

An eine fremde Welt nach Mitternacht

Graal-Müritz, 21. März

Gegen drei in der Nacht wache ich auf, steige über K  hinweg und will leise durch den Flur in das Wohnzimmer verschwinden, so wie ich es immer mache, wenn ich keinen Schlaf finden kann. Für einen kurzen Moment aber stehe ich noch auf dem Teppich vor unserem Bett und schaue durch das Fenster nach draußen in den dunklen Hof. Das gegenüberliegende Gebäude hinter den Garagen ist vollständig schwarz, das Dach fließt in den Himmel, so dass sich das Haus ins Unendliche erweitert, an Höhe gewinnt, sich wie ein Riese aufspannt, den Kopf zwischen unsichtbaren Wolken versteckt. In einer einzigen Wohnung brennt noch Licht und dieses Licht, das hinter einem Vorhang liegt, erscheint mir falsch. Warum sind die Leute in diesem Zimmer noch wach? Was haben sie um diese Zeit zu tun? 

Der Vorhang aus grobem Stoff dämpft das Licht und plötzlich denke ich: so sieht ein Endpunkt aus, so erscheint womöglich das Ende der Welt. Ein von stumpfem Licht erfüllter Raum in einem Ozean aus Dunkelheit. Eine glänzende Barke weit draußen auf dem namenlosen Meer und es lässt sich nicht sagen, ob inmitten der Nacht noch einige Menschen um ein Licht herum versammelt sitzen, das vom Wellengang auf und ab bewegt wird, ein einziges, vielleicht sogar unnötig weiches Licht, das keine Worte mehr gestattet, oder ob dieses Licht bloß eine Scheinwelt beleuchtet, in der die Bewohner seit langem verschwunden sind.

Ich wechsle den Raum und laufe für einige Minuten geräuschlos das Wohnzimmer ab. In mir ist alles ruhig, dennoch aber kann ich nicht schlafen. Ich weiß nicht, was mich wach hält, habe dafür keinen Begriff. Ich konzentriere mich auf meinen Atem, ich sauge die Luft tief durch meine Nase ein und stoße sie durch die halb geöffneten Lippen wieder aus, spüre eine sich ausdehnende Weite in meiner Brust, die Kühle der Luft, die aus dem unbeheizten Wohnzimmer auf meine Lunge trifft. Ich fühle, wie die Luft über das Innere meiner Lungenflügel streicht, besonders den linken Flügel bemerke ich dabei, es fühlt sich an wie ein sanfter Hauch auf meiner Haut und ich denke an das Meer.

Vor einigen Jahren fuhr ich nach Graal-Müritz an der Ostsee, es muss im Juni oder im Juli gewesen sein, jedenfalls aber war es im Sommer. Ich fuhr von Stuttgart aus mit dem Zug, stieg in Rostock in eine Regionalbahn um, die dann noch eine oder zwei Stunden bis zum Meer benötigte und an winzigen Orten hielt, die aus nichts weiter als ein paar Häusern bestanden. 

Ich fuhr allein. Draußen vor dem Zugfenster schrumpfte die Landschaft auf eine stumme Abfolge endloser Flächen zusammen und nur die hin und wieder auftauchenden Häuser und Höfe durchbrachen die Monotonie. Selbst die Bahntrasse verlor irgendwann an Breite, bis uns nach einiger Zeit auch das andere, von den entgegenkommenden Zügen genutzte Gleis abhanden kam. 

Von da ab regelten Weichen den Verkehr. Plötzlich gab es keine Bahnhöfe mehr, sondern nur noch einzelne Steige, hinter denen Schrebergärten oder Landstraßen lagen und manchmal auch nichts. Die Station befand sich dann im Nirgendwo, schien unverbunden mit den Dörfern und Städten der Gegend, als hätte sich jemand einen Scherz erlaubt oder den Nutzen einer solchen Haltestelle ganz aus den Augen verloren.

Eine Woche lang verbrachte ich in Graal-Müritz. Ich hatte mir ein Zimmer bei einer Familie gemietet, schlief lang, trank morgens meinen Instantkaffee an einem Tisch mit gemustertem Plastiktuch, ich sah in den gepflegten Garten, der zum Haus der Familie gehörte und versuchte, so unsichtbar wie möglich zu sein.

Schon bei meiner Ankunft war mir mein Vorhaben mit einem Mal schrecklich unsinnig vorgekommen.

Was machte ich hier eigentlich?

Warum fuhr ich allein und für eine ganze Woche an die Ostsee?

Ich war noch nicht ganz dreißig und verbrachte meinen Urlaub ohne Begleitung. Ich fuhr nicht mit meiner Freundin ans Meer, denn ich hatte keine Freundin und ich wollte mich genauso wenig meinen Freunden anschließen, sondern allein auf eine Reise gehen, denn Rolle des einsamen Reisenden gefiel mir ausgesprochen gut. Auch der Blick des Vermieters bei meiner Ankunft schien diesen Umstand anzudeuten. Er sah mich etwas eigentümlich an, betrachtete mich wie einen Sonderling, für den ich mich natürlich sofort hielt, um meine ausgelassene Freundlichkeit noch auf die Spitze zu treiben, so zu tun, als sei ich ständig allein unterwegs. Vor diesem Mann wollte ich plötzlich normal wirken, so normal wie nur möglich.

Aber dann, in meinem Zimmer, das auf den Garten zeigte, wurde mir allmählich bewusst, wie idiotisch diese Reise tatsächlich war. Wie abwegig sie nicht nur auf jemandem in meinem Alter wirken musste, sondern auf jeden anderen auch. Noch dazu hatte ich die Reise nur deshalb unternommen, weil Kafka irgendwann in Graal-Müritz auf einer Sonnenliege in der Hoffnung gelegen hatte, die salzige Meeresluft werde seine tuberkulosekranke Lunge heilen. Plötzlich verstand ich überhaupt nicht, was ich mit diesem hastig gebuchten Urlaub überhaupt bezweckte. Wollte ich Kafka näher sein? Warum?

Ich lief durch den Ort, besorgte mir Bier in einem Supermarkt und ging dann zum Strand. Ich zog mich bis auf meine Badehose aus, legte mich in den warmen Sand und öffnete eine Halbliterdose. Das Bier war warm und schmeckte nicht und deshalb sah ich zum Meer und betrachtete den Strandabschnitt, auf dem nur wenige Menschen unterwegs gewesen sind. 

Es wehte ein frischer Wind, der die Hitze der Sonne vergessen ließ und ich begriff, dass sich der Badeort noch in der Vorsaison befinden musste, denn es waren ganz einfach zu wenige Leute am Strand unterwegs. Und natürlich würde auch das Wasser noch zu kalt zum Schwimmen sein, was sich später als richtig herausstellte.

Als ich am Abend zurück in mein Zimmer kehrte und mir im Badezimmer die Hände wusch, sah ich in den Spiegel. Ich hatte mich komplett verbrannt, das Gesicht, den Oberkörper, auch die Beine. An Sonnencreme hatte ich überhaupt nicht gedacht und der kühle Wind am Meer hatte mich die Stärke des Lichts nicht ansatzweise fühlen lassen.

Jetzt sah ich aus wie ein Idiot. 

Ich leuchtete krebsrot, hatte mich an meinem ersten Urlaubstag komplett entstellt.

Am nächsten Morgen besorgte ich mir in einer Apotheke zur Belustigung des gesamten Personals zwei Sprühflaschen mit Schaum, der besser als eine Wundsalbe gegen meinen Sonnenbrand helfen sollte, und zog mich danach wieder in mein Zimmer zurück.

Meine Haut brannte wie Feuer, aber der Schaum kühlte tatsächlich, was mir gut tat und so verbrachte ich die Zeit bis zum Sonnenuntergang in meinem Krankenzimmer, schaute Filme auf meinem Laptop oder las in einem Buch.

Erst gegen Abend traute ich mich wieder an die Luft, steckte ein paar Bierdosen, die ich im Kühlschrank meines Zimmers aufbewahrte, in den Beutel und lief in Richtung Strand.

Dort saß ich schließlich in den Dünen und trank und hoffte, etwas werde passieren. Irgendetwas, es war mir bereits ganz egal. Mir hätte alles genügt, ein Schiff auf der Linie zwischen Meer und Himmel, ein paar Mädchen am Strand, ein einsamer, vielleicht herrenloser Hund. Aber nichts passierte, wirklich nichts.

Jeden Abend lief ich zum Strand. Gegen Ende der Woche ließ der Sonnenbrand allmählich nach und machte es mir leichter, hinauszugehen. Dann saß ich an meinem Platz in den Dünen, trank aus einer Bierdose und sah in den Nachthimmel hinauf oder auf das unbewegliche, manchmal fast stillstehende Meer. Und mit jedem verstreichenden Tag begann mir klarer zu werden, dass ich an der Ostsee überhaupt nichts verloren hatte, sondern nur meine Zeit verschwendete. Dass ich weder ein Abenteuer erlebte noch die Rolle des außergewöhnlichen Reisenden spielte, der alles anders machte als seine Eltern und Freunde und der aus diesem Grund der Wahrheit und einem abenteuerlichen Leben genauso wenig näher kam wie alle anderen auch.

Das einzige, was ich am Ende dieser Reise fühlte, war meine Einsamkeit. In guten Momenten war ich in der Lage, mir alles mögliche einzureden, meine Zugehörigkeit zum Meer zum Beispiel, die Notwendigkeit des Alleinseins, um später darüber zu schreiben, die Notwendigkeit dieser Reise, die mir einen Sinn offenbaren musste, den ich sonst nirgends fand. Und jetzt war dieses Vorhaben auf ganzer Linie gescheitert. 

Am letzten Tag unternahm ich einen letzten und langen Spaziergang durch ein Waldstück voller Kiefern. Ich lief eine schnurgerade, asphaltierte Straße entlang, hörte das Meer hinter dem Kiefernwald, der wie ein in Streifen geschnittener Vorhang wirkte und wusste nicht genau, wohin mich meine Wanderung führte.

Hin und wieder überholten mich Autos, aber ich tat so, als würde ich in diesen Momenten zur Seite in Richtung Meer sehen, um nicht in das ungläubige, vielleicht sogar mitleidige Gesicht eines anderen Menschen blicken zu müssen.

Warum läufst du hier draußen allein herum? Warum bist du überhaupt allein? Sind nicht alle immer zusammen?

Ich lief eine Dreiviertelstunde, erreichte einen Parkplatz und langte schließlich vor dem Eingang eines Zeltplatzes an. Unschlüssig, was ich tun sollte, stand ich in der Gegend herum, wich den Leuten aus, die in ihre Autos stiegen, um zurück in den Ort zu fahren, und riss mich, als ich meine Unzufriedenheit mit mir selbst und dieser ganzen Reise einfach nicht mehr aushielt, endlich los, um quer durch den Wald in Richtung Strand zu laufen. 

Das Licht lag fleckig auf dem Waldboden, es roch nach Harz, nach heißem Sand gemischt mit Kiefernnadeln und in mir stiegen Selbstvorwürfe und Verwünschungen auf, während Zweige unter meinen Schuhen knackten und ich eine knisternde Landschaft durchlief. 

Als ich den Strand erreichte, achtete ich nicht auf das Meer. Stattdessen machte ich sofort kehrt und lief zurück, ging früh zu Bett und nahm am nächsten Morgen den ersten Zug. Als sich die Schiene teilte und die Strecke erneut an Breite gewann, atmete ich auf und nahm mir vor, meine Reise zu verschweigen. Keinem meiner Freunde würde ich von ihr erzählen. Ich behielte alles für mich, so wie man die wirklich wichtigen Niederlagen für sich behält. Über die unerheblichen Verluste erzählt jeder frei und gern, sie sorgen für Sympathie und Verständnis. Das hingegen, was wirklich zählt, bleibt im Verborgenen. Die großen Enttäuschungen behält man besser für sich.

Halt auf halber Strecke, 3. März

Seit Jahren, seit ich achtzehn bin, mein Traum, auf halber Strecke auszusteigen, in einem völlig verkehrten und fremden Ort. Einem Ort, der nicht das Ziel meiner Reise ist, es zumindest nicht am Anfang war. Ich lasse mich vom Klang der Ortsnamen und Haltestellen leiten und von einem untergründigen Gefühl. Jetzt ist es Zeit. Der Zug fährt ein und du stehst auf, gehst durch den Gang. Die Leute merken dir nichts an, für sie sieht alles danach aus, als seist du tatsächlich am Ende deiner Reise angelangt, was ganz natürlich ist. Doch du spürst mit einer Gewissheit, die es sonst kaum für dich gibt, dass etwas Ungehöriges geschieht, etwas Unerhörtes sogar, das dich bislang zurückschrecken ließ, vor dem du dich gefürchtet hast.

Ein vorzeitiges Aussteigen, denkst du dann, macht ja mit allem Schluss, zieht alles in Zweifel. Den Sinn der Reise, den Sinn einer Ankunft, den Sinn eines vorherbestimmten Ziels. Im vorzeitigen Ausstieg liegt die Freiheit. Vielleicht findet sie sich nirgendwo so klar wie hier. Und vielleicht zieht sie dich aus diesem Grund auch derart an, denn die meiste Zeit über hast du das Gefühl, nur für das Offensichtliche gemacht zu sein.

Doch nicht nur die Nähe und Möglichkeit der Freiheit ziehen dich an, während draußen vor dem Zug die Landschaft ins Dunkle rollt, auch der Übertritt lockt mit seinen ganz eigenen Versprechen. Das Überschreiten des Alltäglichen, des Nützlichen, dessen, was man abzuleisten hat. Den Weg zur Arbeit. Den Weg zurück. Die eingebrannten, zur zweiten Haut gewordenen Fahrpläne. Weinberge, Felder, Übergänge und Kreuzungen, der Fluss auf der einen Seite der Gleise, die Hänge auf der anderen. Drei Tunnel tauchen nach Verlassen des ersten Bahnhofs in kurzen Abständen auf. Sie sind nicht besonders lang, die Dunkelheit fällt über den Zug und erscheint bei der Einfahrt doch fast schon geläutert, von etwas Helligkeit durchsetzt. Später erreichst du die Außenbezirke und schließlich die zweite Stadt in langem Schwung. Der Zug fährt auf eine Art Rampe, dann eine Brücke, die sich weit nach Westen zu einer sanften Kurve steigert und dann kommen die anderen Bahnhöfe in schneller Folge. Sie gehören bereits zur zweiten Stadt.

Die Rhythmen der Fahrt sind dir derart vertraut, dass du den Verlauf deiner Reise von einem Baum in der Nähe der Trasse ablesen kannst, von der Staffelung der Felder, die im Vorbeifahren ihre Farbe wechseln. Von Braun nach Schwarz, als schlügen dort in einem genau berechneten Muster sehr eng gepflanzte Ähren in ihre Schattenseite um, was dich an einen Pullover aus Samt erinnert oder Velours. Streicht man die Fasern in die eine Richtung, bricht sich das Licht auf eine bestimmte Weise, die es beim Strich in die andere Richtung nicht besitzt. Dunkel und hell, zwischen diesen ewigen Polen liegen auch die Felder draußen. Manchmal wirkt es so, als staffelten sie sich grenzenlos bis an den Horizont.

All das ist dir vertraut und du bemerkst es deshalb nicht. Du registrierst stattdessen die fremden, seltsam schmucklosen Bahnhöfe, an denen der Zug hin und wieder hält. Dort draußen erwartet dich nichts. Nichts Verheißungsvolles zumindest, das in die Augen sticht. Und dennoch tickt der Gedanke in dir, gerade im Schmucklosen fände sich Rettung, du müsstest nur aufstehen, um den Kreis zu durchbrechen und deiner Reise eine andere Wendung zu verleihen.

Selbst das dumme Wörtchen Abenteuer stellt sich ein. So beginnt ja ein Abenteuer, es beginnt mit dem Unvorhergesehenen, mit einem Ereignis, das aus dem Lauf des Alltäglichen fällt. Also aufstehen, den Rucksack packen, ihn über die Schultern werfen, bereits mit klopfendem Herzen und dann in Richtung Tür, die Tür des Abteils, die sich automatisch und als untrügliches Zeichen vor dir öffnet und dann weiter zu den schwereren Türen des Zugs, die bereits offen stehen, hinter denen der unbekannte, falsche und doch richtige Bahnhof liegt und dann hinaus (in Gedanken) mit dir, die Füße zuerst, die Schuhe, die plötzlich Wanderschuhe sind und ewig halten werden, die Jacke, die nicht die deine ist und doch gegen jedes Wetter schützt, eine Mütze auf dem Kopf, die du vor einer halben Stunde nicht besessen hast und dann betrittst du endlich das Pflaster, Endlich!, sagt es in dir, so ein Dreck, das hätte ich schon vor Jahren tun sollen, diesen Schritt hinaus auf den fremden Bahnsteig, und als du dich ein letztes Mal wie zur Verabschiedung umdrehst, siehst du den sich bereits entfernenden Zug und entdeckst die Gesichter der Leute hinter den spiegelnden Scheiben. Sie alle rufen dir etwas zu, sie rufen und winken mit weißen Taschentüchern wie in den alten Filmen und du verstehst mit einem Mal, weshalb sie so euphorisch sind. Sie freuen sich für dich, für einen der ihren, einer, der es endlich hinaus geschafft hat, auch wenn er ein wenig idiotisch wirkt mit seinen neuen Klamotten, verlassen auf diesem ganz irrealen Bahnhof, der natürlich auf keinem Streckenplan verzeichnet ist.

29. Januar, Spanien (Schluss)

Der Rest unserer Reise besteht aus einigen zusammengewürfelten Bildern.

Wir landen in einem weiteren Dorf, diesmal einige Kilometer von der Küste entfernt. Der Regen fängt uns wieder ein, auch wenn er sich nicht mehr zu einem Unwetter auswachsen will. Stattdessen fällt er und fällt, wir übernachten unter einer Brücke und kommen zum ersten Mal mit einer sogenannten Brückenentwässerung in Berührung. Unter einem unsichtbaren Rohr schlagen wir nichts ahnend das Zelt auf und werden in der Nacht von einem wahren Wasserfall geweckt.

Unser Klamotten sind nun kontinuierlich klamm und verströmen einen abgestandenen, modrigen Geruch. Tagsüber ist es warm, doch die Sonne bricht kaum noch durch die dichte Wolkendecke und ihre müden Strahlen reichen einfach nicht aus, um unsere Sachen zu trocknen. Schließlich beginnen meine weißen Baumwollshirts nach Schimmel zu stinken und ich werfe einen Großteil von ihnen weg.

Wir schwimmen in einem Fluss, trinken Bier im Wasser, es ist ein ruhiger, schöner Tag. Später schlafen wir am Ufer und weigern uns mit Nachdruck, das Zelt schon wieder aufzubauen. Die Sterne über uns wirken unglaublich, sie strahlen mit einer scharfen Intensität, als versuchten sie etwas unter Beweis zu stellen, als ginge es in gewisser Weise um ihr Leben und Simon und ich liegen unter diesem Sternenhimmel und sprechen über das Ende der Schulzeit, klagen einander unser Leid, unsere Hilflosigkeit, die so groß ist, unsere Schüchternheit, die Mädchen, die nichts von uns wollen, die Schwere des Daseins natürlich, der endlose Spuk der Gedanken, Unsicherheiten, diese wahnsinnige Orientierungslosigkeit. All die Versuche! Wie vergeblich doch so vieles ist!

Und über uns das Pulsieren der Sterne. In meiner Kindheit, sagt Simon, gab es einen ähnlichen Himmel in meinem Zimmer, direkt über meinem Bett. Kleine sternförmige Aufkleber, die sich mit dem künstlichen Deckenlicht vollsogen wie ein Schwamm mit Wasser, um dann in der Dunkelheit grün zu leuchten. Solche Aufkleber hatte ich auch, sage ich. Aber sie erinnern mich nicht an diesen Himmel über uns. Bist du dir da sicher?, fragt Simon. Ich denke schon, erwidere ich.

In den folgenden Tagen regnet es pausenlos. Wir verbrauchen unser letztes Geld für Zugfahrten, die uns an der Mittelmeerküste entlang in Richtung Norden führen. Hin und wieder halten wir uns für einige Stunden in den Bahnhofsgebäuden auf, kaufen in namenlosen Dorfläden und Supermärkten ein, doch bald schon müssen wir weiter, um uns einen Schlafplatz zu sichern. Mittlerweile sind wir seit etwa drei Wochen unterwegs, obwohl wir doch am Beginn unserer Reise von Monaten ausgegangen waren. Aber diese Verschiebung sprechen wir nicht an.

Endlich fällt der Beschluss, in Richtung Straßburg weiterzufahren und damit rückt das Ende unserer Reise ins Bild. Ich erinnere mich noch gut an einen der letzten Streckenabschnitte. Wir fahren mit dem Zug für Stunden nach Nordosten und irgendwann taucht vor den Fenstern unseres Abteils eine wirklich atemberaubende Seenlandschaft auf. Das Wasser spiegelt sich im Licht und je weiter wir kommen, um so mehr verlieren sich auch die Wolken. Die zu uns zurückkehrende Sonne verwandelt das baumlose Fachland in spiegelnde Flächen, in mit Silber ausgegossene Archipele, eine wirkliche Flut an Schönheit strömt von draußen auf mich ein und obwohl ich sie nur schwer ertrage, bleibt das Wegsehen doch unmöglich.

Als wir durch diese Landschaft fahren, spüre ich den heftigen Drang, am nächsten Bahnhof einfach auszusteigen und zurückzuwandern, bis ich diese Traumzone erneut erreiche. Ich möchte hinein in diese Wasserlandschaft, um mich in ihr zu verlieren, ein neues Leben zu führen als Bewohner zwischen den Seen. Dort draußen, glaube ich mit einem Mal fest, liegt das Abenteuer und das Ziel unserer Reise. Doch ich unterdrücke meinen Impuls mit aller Kraft und rede mir ein, dass wir nicht einfach an der nächsten Station aussteigen können, schließlich haben wir unser Ticket bereits bezahlt und kaum noch Geld. Erst später beginne ich zu verstehen, dass unser Ausstieg immer möglich war, die Landschaft war möglich, diese Seen waren möglich, die Vorstellung von mir und Simon und unserem Aufenthalt inmitten des Bildes war eine Möglichkeit, die auf ihre Umsetzung wartete. Nur ein Wort des Aufbruchs hätte fallen müssen, ein kurzer Widerstand gegen die beschlossene Route, mehr nicht.

Wir kommen in Straßburg an und verbringen zwei weitere Tage in der Stadt. Jetzt regnet es wieder, das Wetter hat uns eingeholt und trotz der minutiösen Vorplanungen haben wir doch keine richtigen Regenklamotten eingepackt. Wir laufen ziellos durch die Stadt, sehen uns das Münster an, staunen über diese Riesenhaftigkeit, die ja auch etwas übertrieben wirkt und endlich beschließen wir erschöpft, zurückzukehren nach Deutschland.

Mit dem Zug fahren wir über die Grenze nach Kehl und dann immer weiter in Richtung Berlin. Nach einer endlosen Fahrt und mehreren Umstiegen in ganz Deutschland erreichen wir gegen Mittag meine Wohnung im Wedding. Ein paar Tage später macht sich Simon wieder auf den Weg, denn er muss zurück nach Gera, hat noch andere Verabredungen für den Sommer. Wir verabschieden uns voneinander. Das war doch eine schöne Reise, oder nicht? Ja, eine wirklich schöne Reise. Jetzt haben wir etwas erlebt und davon können wir später erzählen. Mach’s gut, wir sehen uns ja hoffentlich noch einmal in diesem Sommer, oder? Na klar, auf jeden Fall. Der Sommer hat doch gerade erst begonnen.

28. Januar, Spanien (3)

Ich erwachte in den Geräuschen eines schweren Gewitters. Der Regen peitschte von außen gegen das Zelt und der Donner krachte so unwahrscheinlich laut, als stünde der Sturm direkt über dem Hügel, als schwebe das Zentrum dieser Gewalt nur wenige Meter über unseren Köpfen. Mit klopfendem Herzen lag ich in der Dunkelheit, einer wirklich eindeutigen Dunkelheit, dickflüssig und träge, während sich das Unwetter wie ein Wahnsinniger gegen die Außenhaut unseres Zeltes warf. Mit jeder neuen Böe glaubte ich, die Zeltplane werde zerreißen oder zumindest die Ankerhaken, mit denen ich das Zelt auf dem Hügel befestigt hatte, würden aus dem Boden gehebelt werden. Noch nie hatte ich mich der Natur derart ausgeliefert gefühlt, wobei die undurchdringliche Dunkelheit meine Angst noch steigerte.

Bist du wach?, fragte ich in den Lärm des Gewitters hinein. Na klar, erwiderte Simon. Das ist ja wirklich ein ganz unglaublicher Sturm. Hält das Zelt das aus? Diesen Sturm, meine ich. Ich denke schon, erwiderte er, ohne sonderlich überzeugt zu klingen. Draußen rannte eine weitere Böe mit aller Gewalt gegen unser Zelt. Es tat einen heftigen Schlag, der irgendwie metallisch klang, fast blechern. Die Außenhaut des Zelts entspannte sich für eine Sekunde, nur um im gleichen Augenblick von einem weiteren Windstoß erfasst zu werden. Alles hörte sich an, als existierte zwischen uns und dem Unwetter keine Grenze, kein scheidender Bereich. Wir lagen mitten im Sturm.

Vielleicht sollten wir runter ins Dorf, sagte ich und fühlte meine Panik immer heller in mir werden. Der Donner hörte sich jetzt noch gefährlicher an. Ins Dorf?, fragte Simon. Wie sollen wir in der Dunkelheit den Weg finden? Aber was ist, wenn der Blitz hier oben einschlägt?, gab ich zurück. Wir sind hier schließlich auf einem Hügel. Das ist doch ganz egal, erwiderte Simon bestimmt. Sind dir nicht die riesigen Bäume aufgefallen? Wenn der Blitz tatsächlich einschlagen sollte, trifft es die Bäume zuerst und wir sind in Sicherheit. Es sei denn natürlich, so eine Mittelmeertanne fällt direkt auf unser Zelt, wandte ich ein. Dann ist es auch egal, erwiderte Simon.

An Schlaf war nicht mehr zu denken. Das Gewitter wütete unverändert draußen weiter. Meine Angst nahm nicht ab, aber ich begann mich ein wenig an die Situation zu gewöhnen. Mit jeder verstreichenden Minute, die unseren plötzlichen Tod auf diesem malerischen südfranzösischen Hügel hinausschob, trat das krachende Unwetter stückweise in den Hintergrund. Die Gewohnheit schlug auch an dieser Stelle gnadenlos zu. Gedankengänge wurden wieder möglich, meine Panik allerdings kehrte unter jedem neuerlichen Donnerschlag mit aller Macht zurück.

Simon bewegte sich unruhig neben mir in seinem Schlafsack. Was machst du?, wollte ich wissen. Ich suche nach unserer Scheißtaschenlampe, was denn sonst?, sagte er. Wo hast du das Ding hingelegt? Ich habe die Lampe doch gar nicht gehabt, antwortete ich. Na klar, sagte er, du warst doch gestern nochmal zum Pinkeln damit draußen. 

Da fiel es mir wieder ein. Ich erinnerte mich an den hellen, kreisrunden Ausschnitt, der das wilde Gras des Hügels stellenweise erleuchtete, aber wo ich die Taschenlampe nach meiner Rückkehr ins Zelt wieder abgelegt hatte, wollte mir einfach nicht einfallen. Ich tastete neben meinem Schlafsack herum, bekam aber nichts zwischen die Finger. Simon schien dasselbe zu tun. Ich hörte in den kurzen Pausen, in denen Sturm und Donner so taten, als beruhigten sie sich, seine Hände auf dem knisternden Kunststoffboden.

Scheiße!, rief er plötzlich. Ich schreckte auf, saß mit einem Mal kerzengerade im Zelt. Was ist los?, rief ich. Hier ist alles nass!, erwiderte Simon aufgeregt. Der ganze Kackboden ist nass! In mir überschlugen sich die Bilder. Ich sah uns kopflos in das Gewitter laufen, völlig durchnässt den Hügel hinunterrennen, unsere Klamotten und die Rucksäcke irgendwo in der Nacht verstreut. Alles war eine einzige Katastrophe, wer rechnete in Südfrankreich schon mit einem solchen Jahrhundertsturm! 

Ich dachte, dein Zelt ist wasserdicht, rief ich zurück. War es auch, sagte Simon fieberhaft und rutschte zu mir herüber. Ist dein Schlafsack nass?, wollte ich in der Hoffnung wissen, alles wäre vielleicht nur halb so schlimm. Ich glaube, mein ganzer Arsch ist nass!, rief er entgeistert. Dein Arsch?, fragte ich perplex und begann meinen eigenen Schlafsack fahrig abzutasten. Warum hast du das nicht früher bemerkt?, schob ich nach. Das Wasser breitet sich hier gerade erst aus, antwortete Simon. Wir haben ein verdammtes Leck!

Fast zeitgleich befreiten wir uns von den Schlafsäcken und tasteten im Zelt nach der Taschenlampe. Es dauerte eine ganze Weile, dann aber fand ich sie endlich am Boden meines Rucksacks, ohne zu begreifen, welche absurde Abfolge ganz haltloser Zufälle sie ausgerechnet in diesen Winkel getragen hatte.

Ich schaltete die Lampe an und leuchtete in Simons Richtung. Er kniete mitten im Zelt, der Schlafsack war ihm bis zur Hüfte gerutscht und sein nackter Oberkörper verwandelte sich in einen hellen, fast weißlichen Fleck. Mit den Händen tastete er weiter den Boden ab, um gleichzeitig zentimeterweise in meine Richtung zu rutschen. Ich assistierte ihm mit der Taschenlampe, wies sozusagen den Weg.

Während wir das Leck im Zelt suchten, um Simons Schlafsack mit unseren Handtüchern trocken zu legen, tobte draußen der Sturm mit unverminderter Kraft. Irgendwann aber ließ der Regen langsam nach. Die heftige Gischt, die vom Wind gegen unser Zelt gespült wurde, verwandelte sich in ein erschöpftes Tröpfeln und auch die Ruhepausen zwischen den einzelnen Windstößen dehnten sich irgendwann aus. Nach etwa zwanzig Minuten machte sich draußen nur noch hin und wieder eine Böe bemerkbar, die in die Wipfel der Bäume fuhr, ansonsten aber legten sich Sturm und Gewitter und die Stille kehrte zurück. Eine Stille, die immer unter allem Chaos wie ein unbeweglicher Grund existierte.

Als wir am nächsten Tag unser Zelt verließen, wirkte der Hügel merkwürdigerweise unverändert. Nirgends war auch nur das kleinste Zeichen des Unwetters zu erkennen, bis auf das Gras vielleicht, das an einigen Stellen etwas eingedrückt wirkte und die Nässe selbst, die in Tropfen an den Nadelspitzen der Bäume hing und auf der Wiese ringsum. Die bereits hochstehende Sonne brach sich in diesen Tropfen und lag als silberne Folie auf dem glänzenden nassen Gras. Wir begutachteten unser Zelt, das frisch gewaschen und nicht einmal ansatzweise beschädigt auf dem Hügel stand und so wirkte, als hätte es die vergangene Nacht überhaupt nicht gegeben.

Wahrscheinlich war die Wassersäule einfach zu hoch, sagte Simon fachmännisch, während er sich um den Morgenkaffee kümmerte. Die Wassersäule?, wollte ich wissen. Die Stärke des Regens sozusagen, erklärte er. Ich bin mir nicht sicher, wie viel Niederschlag das Zelt überhaupt aushalten kann. Das war ja ein fast schon irrealer Wolkenbruch.

Ich stimmte zu, suchte aus meinem Rucksack einen Pullover hervor, der sich klamm anfühlte und zog ihn schaudernd an. Dann lief ich über den Hügel durch das plattgedrückte, feuchte Gras bis zum Abhang und sah hinunter in das Dorf. Die ockerfarbenen Häuser standen wie eine Schafherde dicht zusammengerückt und das aus roten Schindeln zusammengesetzte Dächermeer strahlte im Licht. Auf der Gasse, die ich von hier oben aus in den Blick bekam, zeigte sich kein Mensch, der Ort schien noch zu schlafen. Nur die in der Sonne trocknenden Überbleibsel des nächtlichen Regens erinnerten mich als dunkle Silhouetten an zweidimensionale Spaziergänger.

Am Nachmittag brachen wir auf und fuhren mit dem Bus zurück in Richtung Küste. Wir hielten in einer kleinen Stadt am Mittelmeer, die nur aus einigen, um eine Bucht herum verteilten Häusern bestand. 

Vielleicht sind wir in einem Fischerdorf gelandet, sagte ich und Simon stimmte mir zu. Ein paar Felsen ragten bis ins Meer hinein und es gab einen echten Sandstrand, den ersten auf unserer Reise. Einige verstreute Boote leuchteten blau und rot im hinteren Teil der Bucht. Man hatte sie weit bis auf den Strand gezogen, um sie vor dem ausgreifenden Meer, wie ich annahm, zu schützen.

Wir liefen durch den Ort, trafen aber nur selten auf Bewohner, die uns darüber hinaus meist ignorierten, als hätten sie für Touristen absolut nichts übrig. Eine Betontreppe führte von der Straße hinab zum Strand, der für einige hundert Meter der Bucht in einem sanften Halbkreis folgte. Von weitem konnte ich einige Leute im Wasser erkennen, doch der wirklich schöne Strandabschnitt, den wir durch Zufall gefunden hatten, war ansonsten ganz leer.

Hier könnten wir doch eine Weile bleiben, sagte Simon, der sich ebenso wie ich selbst über das Ausbleiben der Touristen wunderte. Wir besorgten uns Kekse und Bier in einem Kiosk, der so etwas wie den Dorfladen darstellte, lächelten in das freundliche Gesicht einer braun gebrannten älteren Frau, die sich nur müde für uns interessierte und stattdessen mit verträumten Augen durch die offene Tür nach draußen sah, als würde sie dort auf der Straße ein verschollenes Kind erwarten oder die Rückkehr einer alten, halb vergessenen Liebe. Zurück am Strand tranken wir das erste Bier und ich fühlte mich plötzlich ausgezeichnet nach dem Chaos der Nacht, ganz ausgezeichnet sogar. Ich griff nach den Keksen und spülte sie mit dem Bier herunter und dann aß ich einfach weiter, mit einem Mal befriedigt und irgendwie wach, sehr wach sogar, als hätte mich das Unwetter aufgerüttelt, was mir gleichzeitig ein wenig merkwürdig erschien, denn warum ausgerechnet sollte mich dieser Sturm geweckt haben, da gab es doch keinen wirklichen Zusammenhang.

Mit der einsetzenden Dämmerung trafen junge Leute an unserem Strandabschnitt ein, zuerst zwei Mädchen, die an ihren gigantischen Rucksäcken schon von Weitem zu erkennen waren und dann eine Gruppe Jugendlicher, die wahrscheinlich aus dem Ort stammte und sich gegen Abend, wenn die Temperaturen ein wenig milder wurden, in Richtung Strand getraute.

Die Jugendlichen lärmten herum. Sie stießen einander ins Meer, rannten wie angestochen durch die sanften Wellen und bespritzten sich johlend mit Wasser. Sie grölten auch ganz ausgezeichnet auf Französisch, so dass es durch die gesamte Bucht hallte und natürlich verstand ich kein einziges Wort.

Die beiden Mädchen hatten in der Zwischenzeit in unserer Nähe ihr Zelt aufgebaut (unseres stand da bereits) und betrachteten die Jugendlichen aus der Entfernung. Sie mussten in unserem Alter sein, nahm ich an, achtzehn oder neunzehn und die Jugendlichen, die jetzt im Meer badeten, waren nicht älter als sechzehn, vielleicht sogar noch jünger, was natürlich einen riesigen Unterschied ausmachte. Halbe Kinder, sagte ich mir, sie gingen noch zur Schule, büffelten, erledigten irgendwelche Hausaufgaben und trauten sich an die Mädchen nicht ran, während die Mädchen sich sicher schon heran trauten, die waren schließlich stets ein bisschen weiter, aus welchen Gründen auch immer. Simon und ich hingegen, wir waren achtzehn und neunzehn Jahre alt und hatten die Schule bereits verlassen. Wir standen im Leben, ja, das ließ sich wirklich nicht anders beschreiben, wir hatten so vieles vor, wir fingen gerade erst an, wir machten uns auf den Weg und eine Reise und jetzt plötzlich hatte es uns also hier an einen französischen Mittelmeerstrand gespült. Wir hörten die Rufe der pubertierenden Kinder und sahen dabei hin und wieder auf diese beiden Mädchen in unserem Alter, die ab und zu auch zu uns hinüber sahen. Die Kinder im Meer hatten ja keinerlei Ahnung.

Sollen wir sie ansprechen?, fragte Simon, der sein zweites Bier bereits zur Hälfte geleert hatte. Ich bin mir nicht so ganz sicher, erwiderte ich. Sind das Franzosen? Woher soll ich das wissen?, antwortete er. Vielleicht sind es ja Schweizer? Schweizer?, gab ich zurück. Warum denn ausgerechnet Schweizer? Keine Ahnung!, rief Simon genervt.

Ich trank einen Schluck aus meinem Bier und fühlte meine Nervosität in Blasen in mir aufsteigen. Die Luft bahnte sich einen Weg in meinem Inneren und zappelte aufgeregt an meiner Magenwand entlang, die sich dadurch ein wenig zusammenkrampfte. Ich schluckte und fühlte den Schweiß auf meiner Stirn. 

Lass uns zu ihnen gehen, sagte Simon, der jetzt nur noch ein einziges Ziel vor Augen hatte. Ich wusste, dass keines meiner Worte ihn am Fleck halten würde. Er hatte sich in einen Windhund verwandelt und witterte eine Chance. 

Sollten wir nicht erst einmal unser Bier austrinken?, gab ich dennoch zu bedenken, um etwas Zeit zu schinden. Aber Simon schüttelte nur seinen Kopf und setzte sich in Bewegung. Mit letzter Kraft durchbrach auch ich die Starre meines Körpers und folgte meinem Freund.

Simon stellte uns den beiden zuerst auf Englisch, dann auf Französisch vor, doch noch mitten im Satz unterbrach ihn eines der Mädchen, das Jana hieß, und fragte, ob wir zufällig Deutsche wären. Ja natürlich!, rief Simon ganz begeistert, als hätten wir auf einem verlassenen Planeten gerade die einzigen Überlebenden getroffen. Natürlich, wir kommen doch auch aus Deutschland, wir sind doch auch auf einer Reise wie ihr! Die Mädchen lachten, ganz angesteckt von Simons sich überschlagender Euphorie. 

Jana war eindeutig die schönere der beiden. Sie hatte lange braune Haare, die sich über ihrem Nacken in Locken verwandelten, war schlank und braun gebrannt und trug ein weißes Oberteil mit schmalen Trägern. Mit verschränkten Armen stand sie vor uns und sah in Richtung Meer, während sie ihrer Freundin Maria das Reden überließ. Maria hing zu diesem Zeitpunkt bereits an Simons Lippen und hatte offensichtlich tiefstes Vertrauen gefasst.

Klasse, dachte ich, jetzt stehst du hier wieder als Anhängsel herum. Ich trank einen Schluck Bier und lauerte auf eine Gesprächspause, in die ich mich möglichst gelassen einschalten würde, ganz abgeklärt und desinteressiert, aber doch auf einmal vollkommen da und nicht zu ignorieren.

Die Mädchen begannen von ihrer Interrail-Reise zu erzählen. Sie waren schon durch ganz Südfrankreich gefahren und wollten jetzt nach Spanien und von Spanien aus mit einer Fähre nach Marokko übersetzen. 

Marokko?, sagte ich begeistert. Das ist ja total irre! Jana funkelte mich eigenartig an. Was soll denn daran so irre sein?, fragte sie kühl. Ich meine ja nur, stammelte ich mit hochrotem Kopf, dass sich das super anhört. Eine Reise nach Marokko eben.

Meine Bemerkung glitt an ihr ab und noch im selben Augenblick versiegte in mir der Wunsch, über Canettis Stimmen von Marrakesh zu sprechen und damit so etwas wie eine Literaturunterhaltung anzufangen, die mich in ein besseres Licht rücken musste. Aber daran war nach dieser ersten Abfuhr natürlich nicht mehr zu denken. Ich hielt die Bierdose zitternd an meine Lippen und betete in Richtung Himmel, die Röte auf meinem Gesicht möge schnellstens unbemerkt verschwinden.

Simon und Maria unterhielten sich noch immer miteinander und auch Jana versuchte gerade wieder in die Unterhaltung einzusteigen, als ein Schrei aus Richtung des Meeres das Gespräch unterbrach. Die Stimmung der Jugendlichen erreichte gerade so etwas wie einen Höhepunkt, die Lautstärke ihrer Rufe hatte kontinuierlich zugenommen und jetzt lärmte die Gruppe im Wasser herum und schrie sich von Gelächter unterbrochen wildgeworden an.

Was dort wohl los ist?, fragte Simon. Jemand hat einem anderen in den Schwanz getreten, antwortete Jana. Und der beschwert sich jetzt. Wir sahen einander ungläubig an, um dann in lautes Lachen auszubrechen.

Jana und Maria hatten vor kurzem in Bayern ihr Fremdsprachenabitur in Französisch und Englisch hinter sich gebracht und begannen ein wenig zu erzählen, während wir die letzten Bierdosen untereinander verteilten. Hinter dem Meer ging die Sonne langsam unter, der Himmel färbte sich blau und orange und gelb, er lief knapp über dem Horizont auch ins Rot. Kurz bevor die Sonne das Wasser berührte, das sich da bereits in eine ganz dunkle, nahezu schwarze Fläche verwandelt hatte, zog Jana ein Buch aus ihrem Rucksack. Sie las gerade Dostojevski in französischer Übersetzung, um sich damit auf das Komparatistikstudium vorzubereiten, das sie nach der Reise in München beginnen würde und ich konnte einfach nicht fassen, wie jemand, der ja so alt war ich, nicht nur Dostojevski las, an den ich mich damals nur voller Ehrfurcht heran traute, sondern ihn auch noch auf Französisch zu lesen verstand. 

Unglaublich!, dachte ich. Ich habe mich drei Monate durch das Original von Brave New World gequält und nur die Hälfte verstanden und hier sitzt mir ein wunderschönes Mädchen gegenüber, das Dostojevski auf Französisch lesen kann! Ich war vollkommen hin und weg.

Während wir uns weiter unterhielten, leerten wir unser Bier und meine Betrunkenheit nahm langsam zu. Simon leistete glücklicherweise den Großteil der Gesprächsarbeit und ich saß einfach neben ihm im Sand wie angespültes Treibholz und betrachtete das Meer, aus dem die Jugendlichen bereits vor einer ganzen Weile verschwunden waren. Als Maria schließlich erklärte, sie sei von der Busfahrt noch etwas müde und würde gern schon ins Zelt zum Schlafen gehen, überfiel unseren kleinen Kreis ein merkwürdiges Schweigen, das mir damals melancholisch erschien, ein fast schon melodramatisches Schweigen, in dem sich unsere Sehnsüchte und Erwartungen mit der Wirklichkeit vermischten, mit unserer Müdigkeit, mit dem Tag. 

Jana schien mir in diesem Augenblick unerreichbar. Sie interessierte sich für Simon, zeigte ihre Zuneigung aber nicht offen. Von mir blieb sie getrennt und der nahende Abschied – schließlich würden wir die Reise in entgegengesetzte Richtungen fortsetzen – stellte diese Trennung noch weiter aus. Wie merkwürdig die zufälligen Bekanntschaften am Ende doch blieben. Ich witterte damals hinter jeder Ecke eine Begegnung, die mein Leben verändern musste, ich lauerte wie ein Herzkranker auf die Ankunft der großen Liebe und hier, an diesem Strand, tauchte eine solche Möglichkeit mit Jana und Maria plötzlich auf, nur um sich im Handumdrehen in eine Unmöglichkeit zu verwandeln. In eine zufällige Begegnung, die man bald schon wieder vergaß, die das Leben davon tragen und unter sich begraben würde, bis bloß verschwommene Bilder übrig blieben, rund und weich wie Kiesel, deren ursprüngliche Gestalt die Arbeit des Meeres gelöscht hatte. Was blieb von diesem Abend wohl übrig? Nur die Sehnsucht vielleicht, die nicht einmal ausschließlich mit Jana und Maria, sondern mit unserer Jugend und dem Leben, auf das wir warteten, zusammenhing. Eine unbeschreibliche Sehnsucht, die auf das Größte wartete, um vom Kleinen enttäuscht zu werden. Eine Sehnsucht, die weder Fokus noch Gleichmaß besaß und deshalb unermesslich war, sagenhaft, wunderbar pathetisch.

Wir schliefen lang und wurden am nächsten Morgen von Geräuschen in unserer Nähe geweckt. Als wir das Zelt verließen, hatten Jana und Maria bereits zusammengepackt und saßen auf ihren Rucksäcken. Wir wollten uns noch von euch verabschieden, bevor wir weiterfahren, erklärten sie.

Simon und ich stammelten eine unverständliche Antwort zusammen, beide geblendet von der strahlenden Sonne und den Mädchen, die mir an diesem Morgen ganz anders erschienen als noch in der zurückliegenden Nacht. Eigentlich sah ich Jana erst richtig in diesem Morgenlicht. Sie wirkte unnahbar, trug wunderbare Kleider, ein paar Turnschuhe, eine weite Leinenhose und ein T-Shirt und wirkte so selbstsicher, dass ich mich in meiner deplatzierten Tropenmontur am liebsten versteckt hätte. Jana bewegte sich durch den Tag, als sei das Leben ihr eigentliches Element, während ich unbeholfen nach einem Zugang suchte, um mich in lächerlichen Rollen zu verlieren. Als wir uns schließlich voneinander verabschiedet hatten und die Mädchen verschwunden waren, musste ich Simon nur einen kurzen Blick zuwerfen, um zu verstehen, dass auch wir die Bucht noch am gleichen Tag verlassen würden.