Besuch bei den Eltern, 9. bis 11. Juli

Vor dem Haus meiner Eltern führt eine schnurgerade Straße den Hügel hinauf. Sie läuft an den Häusern entlang und an einem Waldstück, das diesen Häusern gegenüberliegt und aus hohen Eschen und Buchen besteht. Eine ganze Reihe vielleicht fünfundzwanzig Meter hoher Eschen, die man vom Wohnzimmer aus in ihrer Unbeweglichkeit beobachten kann, denn manchmal scheint es selbst auf Höhe der Kronen keinerlei Bewegung zu geben. Die Blätter stehen still, als wären sie eingefroren, die Äste und Zweige schaukeln nicht, alles Grün ist an einen einzigen, festgeschriebenen Fleck gebunden, der erst dann zerfällt, wenn sich eine schwarze Krähe in die Unbeweglichkeit setzt und damit alles Gleichgewicht zerstört, ein zerbrechliches Gleichgewicht, das sich unter der geringsten Berührung verliert. Die Eschen sind schlank, ihre Stämme leuchten aus der Entfernung weniger hell als die der Buchen und da die Bäume eng an eng stehen, bilden sie erst sehr weit oben eine Krone aus, was ihre Schlankheit noch betont. Die Spitzen der Bäume greifen ineinander über, sie erzeugen eine dichte Ebene, durch die sich der Regen erst aufwändig arbeiten muss und falls man während eines Schauers durch das Waldstück läuft, kann es sein, dass der Boden völlig trocken bleibt, als hätte es den Regen nicht gegeben, als existierte der Regen in einem anderen Bereich der Stadt, des Tages, der Wirklichkeit.

Ich bin gestern, ziemlich spät am Abend, mit dem Zug angekommen, ich habe mich gleich nach der Arbeit auf den Weg gemacht, um die viereinhalb Stunden lange Fahrt hinter mich zu bringen, was sich am Ende weniger zog, als ich anfangs dachte, zumal ich auf der gesamten Strecke nur ein einziges Mal umsteigen musste. Als ich in den Hauptbahnhof einfahre, beginnt es draußen zu regnen. Vor einer halben Stunde habe ich an meine Familie geschrieben, um zu fragen, ob mich jemand abholen könne und jetzt sehe ich dort draußen auf dem Bahnsteig Felix stehen, den Mann meiner Schwester.

Die Tür des Abteils öffnet sich und ich lasse die Leute hinaus, trete dann selbst in den Gang und setze meinen Rucksack auf. Er sieht mittlerweile ziemlich abgewetzt aus, was mich innerlich erleichtert, denn darauf warte ich schon eine ganze Weile. Ein neuer Rucksack wirkt, wie eigentlich alle neu gekauften Gegenstände und Kleidungsstücke, merkwürdig falsch und ich kann die Denkweise des britischen Adels gut nachvollziehen, der neue Hosen und Jacken erst von den eigenen Angestellten einige Tage lang eintragen ließ, damit die Kleidungsstücken ihren aufdringlichen, neuen Charakter verloren. Die weiße Sohle neuer Turnschuhe beispielsweise stößt mich ab, weil in ihnen keinerlei Leben steckt, sie haben keine Geschichte, kein Zeichen eines Gebrauchs. Die Gegenstände in meinem Leben sollen eine für alle sichtbare Geschichte besitzen, das verlangt meine verquere Eigenliebe, ich will, dass andere denken, dieser Rucksack ist schon überall gewesen. Ein solcher Gedanke färbt auch auf seinen Besitzer ab, sage ich mir, und macht ihn dadurch interessanter und obwohl das alles mehr als idiotisch klingt, lege ich auf diese Eitelkeiten doch besonderen Wert. Ich mag das Abgetragene, Ausrangierte, selbst das Kaputte, obwohl ich weiß, wie unsinnig und manieriert diese Gedanken sind, die ich mir hin und wieder zum Vorwurf mache, ohne von ihnen allerdings loszukommen.

Auf dem Bahnsteig umarme ich Felix, der gut einen Kopf größer ist als ich selbst, dafür aber ein paar Jahre jünger, und sage ihm, er sei der erste, der mich seit meinem Studium direkt am Zug und nicht erst auf dem Parkplatz des Bahnhofs empfange. 

Felix schaut mich ungläubig an.

„So einen Service bekommt nicht jeder“, sagt er dann.

Wie nehmen die Treppen nach unten, durchqueren die kleine Bahnhofshalle, die das Muster jeder provinziellen Bahnhofshalle abgeben könnte und steigen schließlich in das Auto, einen weißen Dacia-Pickup mit einer schwarzen Plane über der Transportfläche, den Felix und meine Schwester gerade für den Umbau des Hauses benutzen, das bis vor zwei Jahren mein Elternhaus gewesen ist. Bis zu jenem Zeitpunkt, um genau zu sein, an dem meine Eltern plötzlich erklärten, sie hätten ein neues, lange leerstehendes Haus am Stadtrand gekauft und würden bald umziehen, was meine Schwester und mich ziemlich überraschte, denn natürlich hatten unsere Eltern mit keinem über ihren Plan gesprochen.

Felix steuert den Dacia durch die Stadt. Wir unterhalten uns über den Fortschritt der Arbeiten an seinem neuen Haus, das das Haus meiner Kindheit ist, wir sprechen über meine Großmutter, die sich vor wenigen Wochen in ihrer Wohnung beim Abhängen einer Gardine die Schulter gebrochen hat. Eine fünfundachtzigjährige Frau, die nicht abwarten kann, bis ihr jemand hilft, die sich auch keine Hilfe holt, sondern einfach auf eine Leiter steigt, um Gardinen abzunehmen, die nicht gewaschen werden müssten, weil sie immer blütenrein sind, doch das verneint meine Großmutter selbstverständlich vehement. Die Gardinen mussten gewaschen werden, erklärt sie mir einen Tag nach meiner Ankunft, als ich sie mit dem Auto zum Mittagessen abhole und sie erklärt es so, als könnte dieses Urteil nur derjenige bezweifeln, der von echter Sauberkeit bloß eine ungefähre Vorstellung besitzt und damit die zweifelhafte Einrichtung seines Lebens offenbart.

„Was soll man machen?“, sage ich zu Felix, während wir an einer Ampel halten. „Man kann ihr nicht verbieten, auf eine Leiter zu steigen, wenn sie das unbedingt will.“

„Die Gardinen waren völlig sauber!“

„Das schreckt sie nicht ab. Du kennst sie ja. Sauberkeit geht bei ihr über alles.“

Felix lächelt. Er arbeitet als Krankenpfleger im Uniklinikum und ist dadurch einiges gewohnt. Die gebrochene Schulter meiner Großmutter stellt für ihn so etwas wie eine Nebensächlichkeit dar, weil sie nicht lebensgefährlich ist und damit auch nur geringfügig Aufmerksamkeit verdient. Seine Station ist voller Leuten, die ihre Krankheit liebend gern mit der gebrochenen Schulter meiner Großmutter vertauschen würden.

Etwa fünf Minuten später erreichen wir den Wald und damit den Hügel. Wir folgen der ansteigenden Straße, die hier unten noch weite Kurven beschreibt, folgen ihr mitten durch die hohen, tiefgrünen Bäume hindurch, die breite Schatten auf uns werfen. In regelmäßigen Abständen ist die Fahrbahn von gepflasterten Rinnen durchzogen, um die Geschwindigkeit des Verkehrs zu reduzieren. Wir bringen diese gepflasterten Vertiefungen im Schritttempo hinter uns und schaukeln, sobald wir durch sie fahren, wie in einem Slapstick-Stummfilm von links nach rechts.

„Bleibst du eigentlich nur über das Wochenende?“, fragt Felix.

Ich nicke.

„Ich muss Montag wieder auf Arbeit“, sage ich dann. „Also fahre ich sicher Sonntagnachmittag zurück.“

„Gefällt dir dein neuer Job?“

Ich denke kurz nach.

„Er ist ganz in Ordnung. Die Leuten wirken jedenfalls nett. Aber ich bin ja erst eine Woche dabei.“

„Was genau machst du noch mal?“

„Forschungsdaten“, sage ich.

„Klasse. Und was soll man sich darunter vorstellen?“

„Wir digitalisieren beispielsweise Firmenverzeichnisse und die Wirtschaftswissenschaftler bauen daraus komplizierte Auswertungen. Genau kann ich es auch noch nicht sagen. Es scheint jedenfalls einen Haufen Projekte zu geben.“

„Und das macht dir Spaß?“

„Wie gesagt, ich stecke ja noch nicht richtig drin. Gerade springe ich durch alle Abteilungen und lerne viele Leute kennen. Mal sehen, wann etwas Ruhe einkehrt. Ich bin ja nur halbtags da.“

„Damit Zeit zum Schreiben bleibt?“

„Das war mein Plan.“

„Sehr gut.“

„Und ihr habt gerade Urlaub?“, frage ich nach einer kurzen Pause.

„Genau. Um die Arbeiten am Haus endlich voranzubringen. Wenn du den Leuten nicht pausenlos auf die Nerven gehst, tut sich einfach nichts. Es ist wirklich ganz unglaublich.“

Wir überfahren erneut eine der gepflasterten Schwellen und schaukeln wie abgesprochen von einer Seite auf die andere.

„Macht ihr mit euren Handwerken keine Termine aus?“

„Na klar machen wir das. Aber das hat überhaupt nichts zu bedeuten. Die kommen und gehen, wann sie wollen. Egal, ob die Arbeit erledigt ist oder nicht.“

Wenig später bremst Felix behutsam ab. Wir halten vor einem Zaun, hinter dem sich der große Garten meiner Eltern befindet. Der Garten beschreibt einen weiteren Hügel, auf dessen Scheitel sich das Haus befindet, von dem man von hier unten nur das oberste Stockwerk sehen kann. In weniger als zwei Jahren haben meine Mutter und mein Vater das Gestrüpp und Brachland des vernachlässigten Vorgartens in einen wirklichen Garten verwandelt, in dem es nun Beete gibt und junge Obstbäume, ein Stück Wildwiese und Rosenstöcke, Sonnenblumen und zwei hohe Kiefern. Es gibt Sträucher, einen kleinen Bereich, auf dem merkwürdigerweise Schilf wächst, sogar einen von Seerosen bedeckten Teich, der allerdings nur ein kleines, dreißig Zentimeter tiefes, rundes Becken ist. Die Seerosen haben in diesem Sommer zum ersten Mal geblüht, was meine Mutter in zahlreichen Fotoserien akribisch festgehalten hat, während sie mir am folgenden Tag bei einem Rundgang durch den Garten erklärt, wo Frauenmantel und Akelei zu finden sind, Lichtnelke, Nachtkerze und Gipskraut. Wieder einmal fällt mir auf, dass sich Unkenntnis und Blindheit ergänzen, sich vielleicht sogar gegenseitig bedingen. Sobald man mir einen Namen für die Pflanze nennt, die ich gerade in den Augen habe, taucht sie tatsächlich erst für mich auf. Davor ist dort nur ein Etwas, ein Hintergrund, der so unbestimmt erscheint, wie das meiste andere auch und ich denke an den einzigen Satz, den ich aus einem sprachphilosophischen Seminar behalten habe, dass die Grenzen meiner Welt eben tatsächlich vor allem die Grenzen meiner Sprache sind. Aber das erwähne ich meiner Mutter gegenüber nicht, die mit einer kleinen Gartenschere herumläuft, um sich am Hibiskus zu schaffen zu machen.

Auch die lange Auffahrt zu den Garagen ist neu. Das helle Kopfsteinpflaster wurde von zwei portugiesischen Arbeitern in einem sich ergänzenden Halbkreismuster verlegt. Auf dem Boden gehen Halbbögen kunstvoll ineinander über. Ich kann mir nicht ansatzweise erklären, wie man ein solches Muster aus nahezu quadratischen Steinoberflächen herstellt, ohne das an den geraden Rändern der Auffahrt Lücken oder Brüche entstehen. Die beiden Arbeiter brauchten nur zwei oder drei Tage für die gut fünfzig Meter lange Strecke, was mein Vater jedes Mal zur Sprache bringt, wenn er stolz über diese fachmännische Arbeit spricht.

„Die gesamte Auffahrt in drei Tagen“, sagt er bewundernd, „das ist doch wirklich nicht zu fassen!“

Als ich mit Felix das Haus betrete, sitzen die anderen bereits am Küchentisch und nach der Begrüßung machen wir uns gemeinsam über die Reste her, die vom Geburtstagsessen meiner Mutter übrig geblieben sind. Da ich erst vor einer Woche meine neue Stelle angetreten habe, gab es keine Möglichkeit, mitten in der Woche frei zu bekommen und deshalb habe ich die eigentliche Feier, die an einem Mittwoch stattfand, verpasst. Jetzt hole ich meinen Besuch nach. Außerdem haben sich einige Verwandte für das Wochenende angekündigt. Nachzügler, sagt meine Mutter. Ich schnappe ihren angespannten Untertun sofort auf.

Meine Mutter wirkt müde und gestresst, als ich mir ein weiteres Rippchen auf meinen Teller ziehe. Sie ist froh, dass ich gekommen bin und jetzt am Küchentisch sitze, aber ich sehe ihr an, dass die Geburtstagsfeier anstrengend für sie war und sie auch jetzt nicht entspannen kann. Sie denkt an die nächsten Gäste, an die kommenden Wochenenden, an die vielen anstehenden Besuche. Ein paar ihrer Tanten und Onkel kommen morgen und sie wäre lieber allein. Genau wie für mich bedeuten auch für meine Mutter Familientreffen in erster Linie Stress, wir gleichen uns in dieser Beziehung bis aufs Haar.

Nachdem wir gegessen und einige Neuigkeiten ausgetauscht haben, ziehen wir in das Wohnzimmer um, von dem aus der Waldrand gut zu sehen ist. Mein Vater bietet mir einen Cognac an, danach einen Whiskey. Ich sage zuerst ja zum Cognac, den ich bereits kenne, entscheide mich dann aber in letzter Sekunde doch noch für den Whiskey. Den restlichen Abend über nippe ich an meinem Glas, trinke es allerdings schließlich nicht aus. Wieder einmal fällt mir auf, dass ich für Whiskey absolut nichts übrig habe, doch aus irgendeinem Grund, vielleicht, weil mir insgeheim der Gedanke gefällt, ich hätte Ahnung davon und würde mich in dieser Beziehung ein wenig auskennen, versuche ich immer wieder, mich daran zu gewöhnen. Dabei weiß ich sehr genau, wie gleichgültig mir alle Genussdinge sind. Meine Zunge ist für sie nicht fein genug, außerdem halte ich ausgesuchte Getränke und besonders aufwändiges Essen für Zeitverschwendung und unterstelle denjenigen, die sich dafür interessieren, einen Hang zur Übertreibung, da sie das, was man schnell und praktisch erledigen kann, mit einem unverhältnismäßigen Aufwand zelebrieren.

Auf den Kommoden im Wohnzimmer stehen zahllose Blumenbuketts mit Glückwunschkarten, die restliche freie Fläche ist von Büchern und anderen Geschenken bedeckt. Meine Mutter ist sechzig geworden und deshalb fiel die Feier entsprechend groß und die Geschenke ebenso reichlich aus. Das meiste davon hat sie noch nicht angerührt, bislang blieb dafür keine Zeit. Im Laufe des Abends allerdings sieht sie sich hin und wieder eine Grußkarte an und greift schließlich nach einem Fotobuch.

Ihre beste Freundin aus Schulzeiten hat ihr dieses Buch geschenkt, eine Frau, an die ich mich nur undeutlich erinnern kann, deren Gesicht mir aber sofort etwas sagt, als meine Mutter es mir auf einem der während der Feier entstandenen Gruppenfotos zeigt. Ich erinnere mich auch an ihren Mann, einen stillen Physiker, der mir vor etwa fünfundzwanzig Jahren in seiner Wohnung zeigte, wie man ein leichtes, aus Holz gefertigtes Miniaturschiff in einer Glasflasche unterbringen kann. Die Segel und Masten liegen heruntergeklappt auf dem Holzkörper des Schiffes, dann schiebt man es vorsichtig durch den Flaschenhals und kann anschließend mithilfe eines Fadens die Mastkonstruktion vorsichtig aufrichten. Im Zimmer des Physikers standen Dutzende solcher Schiffe herum. In der Wohnung selbst herrschte eine eigenartige Stille.

Meine Mutter schlägt das Fotobuch auf. Die ersten Seiten zeigen viele Aufnahmen der Freundinnen, alle stammen aus der gemeinsam verbrachten Kindheit in Staßfurt. Meine Mutter sitzt an einem Tisch, ist etwa sieben Jahre alt, ich nehme an, dass man einen Geburtstag feiert, denn das Wohnzimmer, in dem diese Fotos aufgenommen worden sind, wirkt wie für ein Fest dekoriert. Viele Kinder laufen durch das Zimmer, manche sitzen am Tisch, andere sind auf den Fotos angeschnitten zu erkennen und verdecken einander, hier ist ein Gesicht, dort nur ein Rücken, es herrscht ein ausgelassenes Durcheinander. 

Meine Mutter scheint mit etwas beschäftigt, vielleicht mit der Vorbereitung eines gemeinsamen Spiels oder einer Bastelarbeit, die ich nicht genau erkennen kann. Sie wirkt sehr konzentriert, lächelt aber breit, weil sie weiß, dass sie im Fokus des Fotografen steht. Es muss ihre Geburtstagsfeier sein, denke ich, eine Geburtstagsfeier am Ende der Neunzehnsechzigerjahre in einem anderen Land, einer anderen Stadt. 

Als Kind hatte meine Mutter ein rundliches Gesicht. Sie trägt eine Art Pagenschnitt, den meine Großmutter Bubikopf nennt, ihre Wangen sind ausgeprägt und ihr Mund und damit ihr waches, ganz und gar ausgelassenes Lächeln ist groß und strahlt jenes Maß an Begeisterung und Lebensfreude aus, das den meisten Kindern instinktiv eigen ist und das sich erst mit den Jahren verliert. 

Ich betrachte die Züge dieses Kindes und obwohl sich das Gesicht im Laufe der Jahre verändert hat und zum Gesicht meiner Mutter geworden ist, erkenne ich doch die Ähnlichkeit zwischen diesen beiden Menschen, zwischen dem Kind und der Erwachsenen, die meine Mutter ist, ich erkenne diese Ähnlichkeit und ich erkenne sie auch nicht, es ist ganz eigenartig, als versuchte ich, zwei Bilder übereinzubringen, die auf den ersten Blick verschieden sind, sich bei näherer Betrachtung allerdings als ähnlicher erweisen, als man anfangs dachte. Irgendetwas Verbindendes gibt es da und diese Verbindung hängt einerseits natürlich mit den Zügen zusammen, mit den Augen meiner Mutter, ihrem Mund und dem Lächeln, das heute noch genauso ist wie damals, andererseits aber liegt diese Verbindung hinter allen Details der Gestalt, der Haut, der Oberfläche, es ist eine Art innerer Ausdruck, den das Kind schon besessen hat und den meine Mutter heute noch in manchen Augenblicken ungehinderter Freude besitzt. Dann ist dieses Kind dort auf dem Foto plötzlich wieder da, als wäre es durch die Jahrzehnte hindurch gelaufen und stünde mit einem Mal im Raum, noch immer mit dem gleichen Lächeln von damals, dem niemand etwas anhaben kann, nicht die Menschen und nicht die Zeit, die unablässig vergeht, gegen die man sich auch nicht zur Wehr setzen kann, weil man ihr unterliegt, weil sie vielleicht auch kein Feind ist und während ich das Foto betrachte, wird mir klar, das ich am Ende weder meine Mutter noch das Kind, das sie gewesen ist, vollständig erkenne, sondern etwas, das hinter ihnen liegt und sie aneinander knüpft, dieser Mensch wahrscheinlich, der sich in keinem Alter fassen lässt und doch immer hinter den veränderlichen Oberflächen wartet, der sich zum Beispiel in diesem Lächeln zeigt, das alle Jahre überdauert.

Auf die Kindheitsfotos folgen Aufnahmen kurz nach dem Abitur. Meine Mutter ist zwanzig und unternimmt mit ihrer Freundin eine Reise auf dem Fahrrad durch den Thüringer Wald, ein Unternehmen, wie sie mir jetzt erklärt, das beide damals völlig unterschätzten. Sie fahren eine ganze Woche durch das Land, schlafen im Zelt, die Leute reagieren überall freundlich auf die beiden jungen Frauen. Es gibt Aufnahmen mit einem älteren Mann, der in die Kamera lächelt und mit dem meine Mutter und ihre Freundin zufällig ins Gespräch gekommen sind.

Wir betrachten die Aufnahmen und verstummen irgendwann. Die vergangene Zeit holt uns schließlich ein. Ich weiß, wie meine Mutter auf diese Fotos blickt, sie sieht die Zeit genauso wie ich selbst, wir beide sind Melancholiker, für uns steckt in der Erinnerung stets auch die Bitternis und je länger man sicher erinnert, umso stärker scheint sie zu werden. 

Die Ähnlichkeiten zwischen den Eltern und ihren Kindern sind manchmal verblüffend, es nicht nur die äußere Ähnlichkeit, sondern auch die Entsprechung der Gesten, der Sprache, die auf die vielen gemeinsam verbrachten Jahre deuten. Im meinem Elternhaus stand in einem der Bücherregale, irgendwo dort, wo ich später Juan Rulfo fand, das einzige Foto meiner Mutter, eine Aufnahme in winzigem Hochformat. Das gerahmte Bild zeigt das Porträt einer Frau Anfang zwanzig im Halbprofil, sie studiert Geologie in Freiberg, vielleicht ist dieses Foto sogar in Freiberg entstanden, dort, wo auch Novalis Bergbau studierte. Der Fotograf, der womöglich mein Vater ist, hat meine Mutter in einer weiteren, für sie so typischen Geste festgehalten. Sie schaut nachdenklich, vielleicht sogar ein wenig ängstlich oder überrascht aus dem Bild, blickt dabei nicht direkt in das Objektiv, sondern knapp an diesem vorbei. Ihre rechte Hand hält sie zu einer schwachen Faust geballt vor ihrem Mund, der Zeigefinger ruht auf der Oberlippe, der Daumen auf dem Kinn. Es ist diese Geste, bei der ich mich selbst bis heute ertappe, wenn ich unaufmerksam bin und abschweife, irgendwelchen Gedanken nachhänge, es ist, als hätte sich diese Geste auf mich vererbt, als hätte ich sie mir nicht von meiner Mutter abschauen müssen, als wäre sie immer schon für uns beide verfügbar gewesen als einzig brauchbarer Ausdruck für diese nachdenkliche Stimmung und wenn ich mir die Geste doch abgeschaut haben sollte, dann nur, weil ich in ihr die Brauchbarkeit des Ausdrucks erkannte, eine Geste, mit der sich genau das bezeichnen lässt, was man bezeichnen muss in Momenten, in denen man sich selbst vergisst, um nach draußen zu schauen, direkt in die Wipfel der Eschen hinein, durch das Glas der Fensterscheiben hindurch, das man nicht mehr wahrnimmt, genauso wenig wie die Eschen selbst oder den Wald, versunken in sich selbst, weit weg.

Norwegen (2), 28. Mai

Der Zug schleppt sich in das Gebirge hinauf, folgt den Gleisen, die über die ersten Hügel in Richtung der schneebedeckten Gipfel führen, ohne sie aber jemals zu erreichen. Die Fahrt ist angenehm, fast ruhig, als würden wir uns nicht durch diese immer kantiger werdende Landschaft bewegen, auf die der Sommer scheinbar keinen Einfluss besitzt, ein Sommer, der am Bahnhof in Oslo noch zu fühlen war, die Luft warm, der Himmel blau und nur von wenigen, schwachweißen Wolken besetzt, die der auffrischende Wind in irgendeine Richtung spülte. Doch hier oben, im Gebirge, ist von diesem Sommer und der warmen Luft mit einem Mal nichts mehr zu spüren, als reisten wir nicht durch ein Land, sondern durch die Zeit, durch die Monate hindurch, bewegten uns zügig auf einen vergangenen oder zukünftigen Winter zu. 

Vor den Fenstern des kleinen Abteils (der Zug nach Bergen ist nicht besonders lang, dafür aber sind die Sitzplätze der einzelnen Abteile fast vollständig von Norwegern und Touristen in knallbunten Wanderoutfits besetzt) tauchen nach zwei Stunden die ersten Schneefelder auf, so hoch sind wir mittlerweile gelangt und diese Schneefelder haben mit der letzten Juliwoche nichts gemein. Vor den Bergkämmen im Hintergrund liegen flachere, komplett baumlose Bereiche, alles wirkt grau und dunkelgrün, die Felsen sind von Moos oder Flechten wie von dickem Filz überzogen und ragen hin und wieder aus eiskalten Bergseen auf, die viel kälter wirken als der grellweiße Schnee, eine echte, ins Mark ziehende Kälte, wie sie nur das Wasser besitzt.

Hin und wieder steht draußen in dieser leergeräumten Landschaft ein verlassenes Haus. Es scheint keine Wege zu geben, die zu diesem Haus oder von diesem Haus in Richtung einer Siedlung führten, als habe sich dort jemand von allem, besonders von den Menschen, losgesagt. Das Haus steht einfach nur inmitten einer feindlichen Kulisse, das Bergmassiv im Hintergrund wirkt fast obszön in seiner Riesenhaftigkeit und das Gebäude ähnelt einem schlechten Scherz. Es hat hier überhaupt nichts verloren, denke ich, es ist winzig, unbedeutend, kann der Landschaft, die mit Kälte und Wind auf es einstürmt, nichts entgegensetzen. Wäre es eine Hütte, die Wanderern bei schlechtem Wetter als Unterschlupf diente, machte das alles vielleicht Sinn, aber ein richtiges Haus in dieser vegetationslosen Zone deutet nur auf denjenigen, der sich über alle vernünftigen Gründe hinwegsetzte, um es trotzdem zu bauen. Ein Haus in dieser Landschaft baut man nur aus Trotz, sage ich mir, man baut es, weil die anderen nicht an einen Erfolg glauben und die Quoten auf Niederlage stehen und auf diese Weise gelangt man zu einem Holzhaus in zweitausend Metern Höhe, das für acht Wochen im Jahr einen schneefreien Ausblick bietet.

Der Zug setzt seine Fahrt ungerührt fort. Wir bringen einige Brücken und Schluchten hinter uns, gelangen ganz allmählich auf die Westseite des Gebirges und halten nun an kleineren Stationen. 

Die Touristengruppen, die im Hochgebirge einige Tage lang auf Wanderung gehen, steigen aus und das Abteil leert sich nach und nach. Neben den Norwegern bleibt noch eine deutsche Familie mit zwei Kindern zurück, die ebenso wie K und ich bis zur Endhaltestelle nach Bergen fahren. Aber ich tue so, als würde ich ihre Gespräche nicht verstehen. Ich versuche den Kontakt mit anderen Touristen um alles in der Welt zu vermeiden, als hinge davon mein Überleben ab, denn ich genieße die Anonymität. Keiner der anderen weiß, wer K und ich sind. Wir sind keine Norweger, das ist auf den ersten Blick zu erkennen, doch wo genau wir herkommen, kann niemand sagen und das beruhigt mich aus irgendeinem Grund ungemein.

Etwa eine Stunde vor unserem Ziel zieht sich der Himmel zu. Graue Wolkenbänder tauchen auf und fließen bis zum Horizont, so dass auch der letzte Rest des Sommers verschwindet. Die dunkelgrauen Wolken bilden eine Art Spalier, wobei zwischen ihnen hellere Bereiche liegen, so dass alles wie ein Wellenmuster erscheint, die Kämme allerdings dunkel sind und die Täler hell. Der graue Himmel wirkt plötzlich träge und schwerfällig, als erstarrte er, und wenige Augenblicke später gehen die Lichter im Abteil automatisch an. 

Wir erreichen die äußeren Viertel von Bergen in einem sintflutartigen Wolkenbruch. Hinter dem vom Regen überspülten Fenster ist die Stadt kaum zu erkennen, es bleiben nur Schemen und Silhouetten zurück, die an Gebäude und Straßenzüge erinnern und zwischen diesen Konturen machen sich machmal unscharfe Lichtkreise bemerkbar, die auf die Scheinwerfer eines Autos deuten. Alles wirkt, als würden wir in unserem Amphibienzug in eine lautlose Unterwasserstadt vordringen. Es gibt nur den Regen, der gegen die Zugfenster trommelt und K und ich packen schon einmal vorsorglich unsere wasserdichten Jacken aus, als über den Lautsprecher die Ansage ertönt, wir würden unsere Endhaltestelle in wenigen Minuten erreichen.

Eine Viertelstunde später stehen wir vor dem Haupteingang des Bahnhofs und sehen auf die nassen Straßen der Stadt. Es tröpfelt noch etwas, aber das Gewitter klingt ab. Selbst die Sonne blitzt durch einige Risse in den Wolken und ihr metallisches Licht bringt die zahllosen Pfützen auf dem Asphalt, die wie eine kleine Seenlandschaft wirken, in warmen Bronzetönen zum Glühen.

„Ich hoffe, wir haben in den nächsten Tagen besseres Wetter“, sage ich zu K.

„Das hoffe ich allerdings auch“, erwidert sie.

Keiner von uns weiß, dass Bergen zu den regenreichsten Städten in Nordeuropa gehört.

K läuft mit strahlendem Gesicht durch unsere Wohnung im Lille Markeveien, die wir für drei Tage über AirBnB gebucht haben. Die Wohnung ist teuer, liegt dafür aber im Herzen der Stadt, nur wenige Meter vom Hafen und dem alten Fischmarkt entfernt. Die Gasse, in der sich unser Haus befindet, wirkt wie aus einem Touristikkatalog entnommen, etwas Malerischeres kann man sich nur schwer vorstellen und K ist sofort hellauf begeistert.

„Endlich ist das Geld zu etwas nütze“, sagt sie und inspiziert, ohne zu ermüden, die kleinen Zimmer. Dann begutachtet sie enthusiastisch unsere Küche. Ich fummle währenddessen an einem Fenster im Wohnzimmer herum, bis ich den mir unbekannten Mechanismus endlich begreife und das Fenster zur Gasse hin aufstoße. Sofort dringt der Geruch des Regens zu mir und beginnt die Wohnung auszufüllen. 

Später spazieren wir durch die angrenzenden Straßen. Bergen ist hügelig und liegt in einer Art Talkessel. Wir bewundern die Sauberkeit der Stadt, was mich sofort ganz wahnsinnig macht, denn in solch einer Beobachtung glaube ich mein eigenes Spießertum zu erkennen, diesen unterschwelligen Hang zur Bürgerlichkeit, gegen den ich immer wieder fast zwanghaft ankämpfen muss. 

Das ist es also, was dir zuerst auffällt!, sage ich mir. Das darf doch nicht wahr sein! 

Doch die Sauberkeit einer Stadt, egal wo ich mich gerade befinde, springt mich zwangsläufig an. Auch in der Schweiz ist das der Fall. Ich trete auf den Bahnhofsvorplatz in Basel hinaus, sehe einen Obdachlosen auf dem wie geleckt erscheinenden Boden liegen, es ist ein Abend im September und der Obdachlose hat eine kleine, batteriebetriebene Halogenleuchte, mit der er in einem Buch liest, was mich ganz fassungslos macht, denn so etwas kann es natürlich nur in der Schweiz geben, einen Obdachlosen der am Abend vor dem Bahnhof mit einer transportablen Miniaturleuchte wahrscheinlich in Dürrenmatts Gesammelten Werken blättert oder Spenglers Untergang des Abendlands studiert, und sofort springt mir diese Sauberkeit ins Auge und macht mich verrückt, denn eigentlich müsste es mir total egal sein, wie sauber oder schmutzig Städte wie Basel oder Bergen sind, der Schmutz, sage ich mir aufbrausend und gegen meinen verkehrten Ordnungssinn rebellierend, ist ja wohl das loyalste Element, im Schmutz stecken Wahrheit und Authentizität und nicht in dieser aufgeräumten Fassadenwirklichkeit, die alles überpinselt, was dem oberflächlichen Bild von Ordnung im Wege steht und deshalb mit aller Macht verschwinden muss, damit am Ende jene Potemkinschen Dörfer entstehen, die das Unliebsame hinter toten Fassaden verstecken, ohne es aber dadurch auflösen zu können.

Dennoch aber lässt mich die Sauberkeit in Norwegen lange nicht los und als K und ich schließlich zufälligerweise auf einige Glascontainer stoßen, die uns wie hochwertige Stahlskulpturen skandinavischer Prägung im Kopfsteinpflaster eines kleinen Platzes entgegen sehen, verliere ich vollends die Fassung und muss mich in Richtung Nordsee abwenden, um nicht komplett die Nerven zu verlieren.

Auf dem alten Fischmarkt holt uns der Regen wieder ein. Da es mittlerweile Abend ist, sind die meisten Verkaufsbuden, an denen tagsüber frischer Fisch angeboten wird, schon geschlossen.

„Dort drüben ist die Markthalle“, erklärt K und schaut auf das Display ihres Handys. „Wir könnten dort etwas essen.“

Sie hat alle erwähnenswerten Restaurants der Stadt auf Google Maps markiert, aber wir sind noch immer etwas zurückhaltend, was unsere Ausgaben anbelangt. Eine so teure Wohnung wie im Lille Markeveien haben wir noch nie gebucht und auch der Mietwagen, mit dem wir die Küste in Richtung Norden hinauf fahren wollen, ist bislang nur angezahlt. 

Ich weiß, dass wir eigentlich nicht knausern müssten, weil wir beide genügend Geld gespart haben, um unseren Urlaub zu finanzieren, doch die Möglichkeit, am Ende unserer Reise für irgendeine Ausgabe, von der ich jetzt noch nichts ahne, nicht mehr aufkommen zu können, macht mich nervös. Den einzigen finanziellen Rat, den mir meine Eltern bei meinem Auszug mit auf den Weg gegeben haben, lief darauf hinaus, auf keinen Fall Schulden zu machen und daran halte ich mich eisern, als ginge es um mein Leben. Ich werde aus dieser Welt als Paradebeispiel für ein dispofreies Leben gehen. Die Berliner Sparkasse wird mir eine Bronzeplakette für den verantwortungsvollen Umgang mit kleineren, nicht der Rede werten Sparguthaben widmen. Und deshalb zerbreche ich mir über unsere Ausgaben im teuren Norwegen auch ständig den Kopf, was natürlich nur ein weiteres Zeichen für meinen spießerhaften Charakter ist.

Schließlich schlendern wir kurz durch die Markthalle, getrauen uns aber nirgendwo etwas zu kaufen. Nicht aus Knausrigkeit diesmal, sondern weil die Schlangen vor den einzelnen Ständen derart lang sind, das wir wieder nach draußen gehen, um uns in einem nahe gelegenen Supermarkt etwas zum Abendessen zu kaufen.

Am nächsten Morgen wachen wir in den Geräuschen des Regens auf. Vom Fenster aus erscheint es so, als läge ein Teil der Stadt im Nebel, doch es ist feiner und sehr dichter Regen, der in Schleiern auf den Hafen niedergeht.

Wir ziehen uns wasserdichte Klamotten über und plötzlich fühlt sich alles nach Herbst an.

„Wird es in Bergen eigentlich jemals warm?“, fragt K.

„Bestimmt“, antworte ich. „Vielleicht sind wir einfach etwas zu früh unterwegs. Sozusagen in der Vorsaison.“

„Aber es ist doch bald August!“

„Vielleicht sieht der Sommer hier einfach so aus.“

Wir laufen in Richtung Hügelkette, die über der Stadt thront, vorbei am Hafen und dem Fischmarkt, der an diesem Morgen von Menschen regelrecht überflutet ist. K besorgt sich in einer Bäckerei ein paar süße Stückchen, die Skoleboller heißen, voller Pudding sind und ziemlich gut schmecken.

Eine Seilbahn fährt zum Fløyen hinauf, aber das kommt für uns natürlich nicht in Frage, auch wenn sich K von der Bergbesteigung nicht gerade begeistert zeigt.

„Ist das nicht viel zu hoch?“

„Ach Quatsch, das ist nur ein kurzer Anstieg und dann haben wir eine super Aussicht auf die Stadt und den Hafen.“

„Aber die meisten fahren doch mit der Seilbahn.“

„Wir laufen!“

Der Weg hinauf zum Fløyberg ist steil, aber nicht besonders lang. Oben, auf einer Art Aussichtsplattform, warten viele Touristen und Gruppen und fotografieren die im Tal liegende Stadt mit der Nordsee im Rücken. 

K und ich tun so, als hätten wir dafür nichts übrig und bleiben nur kurz, um das Panorama zu bewundern. Dann beginnt es erneut zu regnen und wir verschwinden auf einem Wanderpfad, der über die waldbestandenen Gipfel führt.

Hier sind nur wenige Leute unterwegs. Der Waldboden ist nass und scheint das Wasser satt zu haben und wir folgen für einige Minuten einem gepflegten Kiesweg, der in unbestimmte Richtung führt. Das Prasseln des Regens, der sich auf unsichtbaren Pfaden durch das Laub arbeitet, folgt uns auf Schritt und Tritt. 

Etwa eine Stunde wandern wir so die Hügelkette entlang. Früher habe ich das Wandern gehasst und jetzt plötzlich finde ich es ganz wunderbar durch Regen und Wald zu stapfen. 

Während wir gehen, unterhalten wir uns über die Arbeit im Museum.

„Ich wünschte, wir könnten einfach aufhören“, sage ich.

„Um was zu tun?“

„Wenn ich das wüsste, wäre ich nicht im Museum.“

„Lass uns nicht schon wieder über die Arbeit reden. Das verdirbt mir nur wieder den Tag.“

„Ja, diesen wunderschönen, verregneten Tag!“

Wir gelangen auf eine Art Lichtung mitten im Wald. Der Wanderweg schlängelt sich durch eine grasbewachsene Hügellandschaft, die an überdimensionierte Maulwurfshügel oder an Wikingergräber erinnert. 

„Fällt dir eigentlich auf, wie wir uns anhören?“, frage ich K und ziehe mir die Kapuze meiner Outdoorjacke wieder über den Kopf. Die Bäume boten vor den fallenden Tropfen Schutz und jetzt stehen wir erneut in diesem hauchfeinen Nieselregen, der Nebelschwaden gleicht.

„Wie hören wir uns denn deiner Meinung nach an?“, antwortet sie.

„Genau wie unsere Eltern.“

„Meine Eltern haben nie so viel gejammert.“

„Dann hören wir uns eben nicht wie unsere Eltern an. Wir klingen ganz einfach, als wären wir erwachsen und unterhalten uns ständig über die Arbeit. Gibt es überhaupt noch etwas anderes?“

Ich denke an Bouvart und Pécuchet von Flaubert, die ich auf der Reise lese.

„Vielleicht müssen wir aufs Land ziehen“, erkläre ich.

„Und was machen wir dort?“, fragt K, während wir eines der maßgeblichen Hügelgräber besteigen, um dahinter nur weiter hellgrüne Hügel zu entdecken.

„Woher soll ich das wissen?“

„Wir brauchen schon einen besseren Plan, als einfach aufs Land abzuhauen.“

„Warum?“

K sieht mich an.

„Wovon sollen wir leben?“

„Uns fällt schon etwas ein“, sage ich bestimmt, fühle aber, dass ich mich belüge. Ohne einen Plan würde ich weder meine Stelle kündigen noch aufs Land ziehen. Überhaupt ist der Gedanke an ein Leben auf dem Land nichts weiter als eine dumme Idee. Ich glaube selbst nicht, was ich sage. Ich glaube nicht an diesen Ausweg.

Wir laufen weiter und gelangen nach wenigen Minuten zurück in den Wald. Ich bin mir nicht sicher, ob K auf den Weg und die Markierungen achtet, die hin und wieder an manchen Gabelungen auf uns warten. Ich jedenfalls kümmere mich darum nicht und biege ab, wie es mir passt. Meistens wähle ich die linken Wege, fällt mir später auf.

„Und was machen wir auf dem Land?“, will K von mir wissen.

„Ich stelle Möbel her“, erkläre ich kurz entschlossen.

„Möbel?“

Ich nicke ernst.

„Schränke, Tische. Vielleicht ein paar Stühle.“

„Du hast noch nie etwas bei uns in der Wohnung gebaut. Und reparieren kannst du auch nichts.“

„So etwas lernt man. Dafür braucht man Zeit. Und eine Gelegenheit.“

„Ich will nicht plötzlich allein auf dem Land sein.“

„Warum denn nicht?“

Eigentlich habe ich die Lust an unserer Diskussion längst verloren und trete nur aus Prinzip noch für die von mir eingeschlagene Richtung ein.

„Ich will nicht eine Stunde unterwegs sein, um meine Freunde zu sehen“, erklärt K fast so, als wäre unser Umzug schon beschlossene Sache. 

„Also gut“, sage ich schließlich fest, während der Regen an Stärke gewinnt und die Nässe mein Gesicht überzieht. „Unser Leben auf dem Land ist hiermit Geschichte!“

Wir verbrachten eine Woche in Oslo und Bergen und fuhren dann mit unserem Mietwagen nach Norden. Ich kann die Strecke heute nur noch ungefähr anhand der Fotos rekonstruieren, die ich auf der Reise gemacht habe, Fotos, die in Arna entstanden und in Knarvik, in Alverstraumen, Furhovden und Ølve.

Es regnete die ganze Zeit. Der Regen fiel ununterbrochen, die Wolkendecke wurde vom stetigen Wind über den Himmel getrieben und riss nur selten für eine halbe Stunde auf. Dann standen wir in einem kleinen Dorf am Fjord unter den wärmenden Strahlen und sahen auf die unbewegte Wasserfläche, in der sich das Land am gegenüberliegenden Ufer spiegelte wie auf dunklem Glas. Nichts schien diese Fläche bewegen zu können, als gäbe es plötzlich keine Wellen mehr, das Wasser lag schwer und zum ersten Mal machte es für mich Sinn, in diesem Wasser nicht nur einen Spiegel zu erkennen, sondern eine auf den Kopf gestellte Welt von eigenem Rang.

Wir hielten an kleineren Lebensmittelgeschäften, K versuchte mit den Besitzern dieser Läden etwas Norwegisch zu sprechen, was mehr oder weniger gut gelang. Wir aßen ein Fischbrötchen an einer Art Pier, während ein junger, etwas übergewichtiger Typ in meinem Alter auf einem Gabelstapler saß und Europaletten im Lager des wahrscheinlich einzigen Lebensmittelladens im Ort verstaute. 

Ich beobachte ihn heimlich und fragte mich, ob er insgeheim etwas ganz anderes machen wollte, wie ein Leben in so einem kleinen norwegischen Dorf am Ende aussah. Was tat er am Abend? Ging er in eine Kneipe, stellte dort so etwas wie den Stammgast dar? Und wo steckten seine Freunde? Sicher waren die meisten abgewandert in die Städte im Süden, um dort eine Ausbildung zu machen oder zu studieren. Und er war als einziger zurückgeblieben und hatte wahrscheinlich einen der wenigen Jobs im Ort ergattert. Und jetzt fuhr er diesen Gabelstapler, wohnte vielleicht noch bei seinen Eltern und dachte nicht im Ansatz an einen Urlaub außerhalb Norwegens, für den er darüber hinaus wahrscheinlich auch nicht das Geld besaß.

Je länger ich ihn beobachtete, um so schuldiger fühlte ich mich. Ich fuhr mit K durch eines der teuersten Länder Europas, wir konnten uns Ferienwohnungen leisten und ein Mietauto, wir mussten längst nicht mehr in Zwölfmannzimmern in stinkigen Hostels campieren und hundertmal überlegen, ob wir uns etwas leisten konnten oder nicht. Wir waren vorsichtig, das schon, aber wir mussten nicht übervorsichtig sein. Am Ende, und das war der Unterschied, hatten wir die Mittel, um tun und lassen zu können, was wir wollten.

Die letzten eineinhalb Wochen verbrachten wir in zwei Ferienhäusern. Die Lage der Häuser war atemberaubend, wir blickten direkt auf eine Fjordlandschaft, allerdings hatte das erste Haus keinen Internetzugang.

Es sei außerdem ziemlich schwer zu finden, schrieb uns die Vermieterin per Mail, wir sollten sie einfach anrufen, sobald wir in der Nähe wären und das taten wir dann auch und plötzlich stand eine Frau in knallroter Regenjacke mitten auf der Landstraße und winkte uns zu.

Wir erreichten das tiefrot gestrichene Holzhaus über mehrere, an einem Felshang befestigte Metalltreppen, die hinab in Richtung Wasser führten. Die Unterkunft hatte alles zu bieten, eine große Küche, zwei Schlafzimmer und sogar eine kleine Sauna für zwei Personen. 

„Der nächste Supermarkt“, erklärte die Vermieterin, eine Frau Ende vierzig, die ziemlich bestimmt auftrat und sich durchzusetzen wusste, „ist eine Viertelstunde mit dem Auto entfernt. Aber ein Auto habt ihr ja, das sollte also kein Problem sein.“

Sie hatte uns eine Wanderkarte bereit gelegt und führte uns abschließend in die Benutzung der Küche und des Badezimmers ein. Das Wasser für Spüle und Dusche speiste sich aus zwei großen Regenauffangbecken. Waren diese leer, gab es auch kein Wasser. Das sollten wir im Hinterkopf behalten, denn sei das Wasser erst einmal aufgebraucht, wäre es das eben gewesen und wir müssten auf den nächsten Regen warten. Außerdem sollten wir, bevor wir abreisten, unbedingt den Abwasch erledigen und danach erst duschen. Eine Gruppe Spanier hätte zuerst geduscht und dann kein Wasser mehr für den letzten Abwasch vor der Abreise gehabt, weshalb sie unfreiwillig das Zimmermädchen hätte spielen müssen. Im Übrigen sei sie auf Spanier gerade nicht besonders gut zu sprechen. 

Wir nickten mit großen Augen und erklärten uns mit allem kleinlaut einverstanden.

„Hier sind die Hausschlüssel“, sagte sie. „Am Hang wachsen wilde Himbeeren, die könnt ihr bedenkenlos essen. Ach ja, es gibt kein Internet, aber das habt ihr sicher auf AirBnb gelesen.“

Natürlich hatten wir das, doch die Tragweite dieses Umstands ging uns erst am nächsten Abend nach einer Wanderung auf.

„Jetzt ein bisschen surfen, wäre schon nicht schlecht“, sagte K, während sie die DVD-Sammlung, die auf einem Brett über dem Fernseher stand, durchging. Der Fernseher hatte natürlich keinen Empfang.

Ich schaute von meinem Buch auf und versuchte mir nicht anmerken zu lassen, dass ich ebenso gern meine eingespielten Streifzüge auf Youtube unternommen hätte.

„Hast du Lust auf einen Film?“, fragte sie.

„Was gibt es denn?“, antwortete ich.

Eat Pray Love.

„Nur über meine Leiche.“

„Aber der ist schön!“

„Auf gar keinen Fall.“

K schnaufte.

Notting Hill?

„Was soll das denn sein?“

„Was Romantisches“, sagte sie mit strahlenden Augen. „Der ist wirklich gut und Hugh Grant spielt einen Buchhändler. Das ist doch was für dich.“

„Ich schaue nichts mit Hugh Grant.“

„Was soll das heißen?“

„Ich lehne Hugh Grant ganz einfach ab!“

Am Ende rettete uns eine Star-Trek-Staffel. Jeden Abend sah ich Captain Picard, der sich mit zahllosen interstellaren Problemen beschäftigte und in Aliens verliebte, die Menschen bis aufs Haar glichen, so dass es in jeglicher Beziehung keinerlei Überraschungen gab. 

Picard war stets bei der Sache und ziemlich intelligent. Die teils galaktischen Herausforderungen, mit denen ihn der Zufall oder ein Auftrag des Sternenkomitees oder wie auch immer seine Vereinigung hieß, konfrontierte, löste er nur in den seltensten Fällen mit Gewalt. Er agierte stattdessen überlegt, wägte ab, stellte das Musterbeispiel eines kompetenten und durchsetzungsstarken Anführers dar.

„Dieser Picard“, sagte ich. „Der hat es wieder mal allen gezeigt.“

K sah mich an.

„Musst du jedes Mal in die Schlussdialoge quatschen?“

„Aber es ist doch alles gesagt!“

Und schon ertönte die Melodie des Abspanns und die nächste Episode begann.

Das letzte Haus auf unserer Reise befand sich direkt am Wasser und gehörte zu einem weitläufigen Gehöft mit Bootshaus und neuer Villa auf einem Hügel.

Es sei ein Lotsenhaus, erklärte uns der Vermieter, der mich an einen Briten erinnerte. Er war komplett in moosgrünen Wachsklamotten und hohen Gummistiefeln gekleidet, nahm den Regen aber scheinbar nicht mehr wahr. Deshalb setzte er auch die Kapuze seiner Jacke nicht auf, als weise er die Macht, die das Wetter über seine Existenz besaß, nicht unfreundlich, aber doch mit stoischer Gelassenheit zurück.  

In diesem Haus habe bis zu seinem Tod ein Mann gelebt, erklärte er, der ortsunkundige Schiffe durch den Fjord gelotst hätte und zwar sein ganzes Leben lang. Aber heute sei das natürlich nicht mehr nötig.

Diese Erklärung beeindruckte mich sehr. Ich stellte mir einen Mann mit Pfeife vor, genau wie in den Romanen Vesaas und Hamsuns. Dieser Mann saß auf einer weiß gestrichenen Holzbank vor seinem Haus und beobachtete den Fjord. Anhand der Wolken sagte er das Wetter voraus, las an der Dunkelheit der Bergflanken die Windstärke ab. 

Das Haus war außen weiß gestrichen, innen beherrschten gelbe Wände die wenigen Räume. Das Wohnzimmer befand sich im Erdgeschoss und hatte einen kleinen Kamin, den wir sofort mit einigen Holzscheiten in Gang setzten. In einer Ecke bemerkte ich eine rot gestrichene Standuhr, die nicht mehr funktionierte, eine Landkarte Westnorwegens hing an der Wand. 

Ich sah mich im Wohnzimmer um, nachdem ich unsere Rucksäcke in die obere Etage gebracht hatte, in der sich zwei Schlafzimmer und ein schmales Bad befanden. 

„Das hier sieht wie ein Modem aus“, sagte ich und zeigte auf einen schwarzen Plastikkasten.

K stand augenblicklich an meiner Seite und begutachtete das Gerät.

„Das ist ein Modem!“, rief sie begeistert.

Über die Zugangsdaten auf der Rückseite wählten wir uns mit unseren Handys ein und konnten kaum glauben, endlich wieder online zu sein. Allerdings hielt die Freude nicht besonders lang an.

„Irgendwie lädt bei mir nichts mehr“, sagte K nach einer halben Stunde.

„Bei mir auch nicht.“

„Ist das Ding kaputt?“, fragte sie.

Einige Lichter blinkten auf der Vorderseite des Modems. Alles schien normal.

„Ich glaube, am Modem liegt es nicht, aber ich starte es trotzdem einmal neu.“

Aber auch dieser Versuch brachte keine Verbesserung unserer Lage.

„Es lädt einfach nichts!“, fluchte K.

In der Zwischenzeit hatte ich einen Zettel ausfindig gemacht, der in der Küche lag.

„Es gibt ein Datenvolumen“, erklärte ich.

K erwiderte erschüttert meinen Blick.

„Ich glaube, wir haben das Volumen schon aufgebraucht.“

„Das ganze?“

„So sieht es aus.“

In den folgenden Tagen fuhren wir in einige Dörfer der Gegend, besuchten ein Freilichtmuseum, in dem man ausgediente Segelschiffe restaurierte, hielten an alten Kirchen mit angrenzenden Friedhöfen, auf dem Menschen lagen, die bereits vor einhundert Jahren gestorben waren. Wir spazierten durch den Regen, doch das Wetter setzte uns allmählich zu und wir verbrachten mehr und mehr Zeit im Lotsenhaus.

An einem Nachmittag hielt es K nicht mehr aus, lief hinaus auf die Wiese, ohne sich ihre Jacke überzuziehen und rannte dort unter wilden Verwünschungen im Kreis, als lehne sie sich gegen Himmel und Erde auf.

„Wir hätten in Bergen oder in Oslo bleiben sollen!“, rief sie wütend, während ich mit meinem Telefon ein Video ihres Anfalls filmte. „Ich sterbe hier vor Langeweile! Wie kann es Anfang August noch pausenlos regnen!“

Wir flogen von Bergen aus nach Deutschland zurück. K hatte sich wieder beruhigt, die Stadt gab ihr Kraft und außerdem hatte sie einen Imbiss entdeckt, der Rentierbratwurst mit Preiselbeersoße verkaufte. 

Ich fühlte mich nicht bereit, wieder auf Arbeit zu erscheinen, aber auch auf unserer Reise durch den Norden war mir keine Lösung meines Problems eingefallen. Wir mussten ganz einfach zurück. Ich taugte nicht zum Lotsen, ich hatte die Zimmermänner beneidet, die mit den Schiffen im Freilichtmuseum beschäftigt gewesen waren, aber auch dafür eignete ich mich nicht.

Wofür eigne ich mich überhaupt?, dachte ich im Shuttlebus zum Flughafen. Vor den Scheiben des Busses war nichts zu erkennen, weder Antwort noch Hinweis, denn es regnete in Strömen.

Norwegen (1), 21. Mai

Bald liegen auch diese Zugfahrten hinter dir, denke ich und beobachte die Weinberge im grauen Licht, die wie immer verlassen sind. In diesen Bergen habe ich noch nie einen Menschen gesehen, als wüchsen die Reben dort ohne jede Einmischung vor sich hin, bedürften keinerlei Pflege und Beobachtung. Als habe man sie vergessen. Sie stehen im Licht, später stehen sie im Regen, der Verkehr fließt unablässig an den Flanken der Hügel entlang, bis ein Gewitter niedergeht und die Erde schwarz färbt, die hellen Blätter dunkelgrün, als bedeckte sie ein Schatten und ich plötzlich, während sich auf der Scheibe Quecksilberbäche bilden, an den Anfangssatz aus Hamsuns Pan denken muss. 

In den letzten Tagen dachte und dachte ich an des Nordlandsommers ewigen Tag. 

Den ewigen Tag. Dachte und dachte ich!

Könnte man doch heute noch so schreiben. 

Mit einer märchenhaften Wiederholung in der Satzmitte und diesem aus der Zeit gefallenen Rhythmus, der sich nicht mehr auf die gleiche Weise formulieren lässt. Wiederholt man ihn jetzt, als versuchte man Hamsuns Sprache im Jahr 2021 zu imitieren, wirkt er ein wenig antiquiert. Dieser erste Satz gehört in seine eigene Zeit und dort bleibt er auch, abgeschlossen hinter Glas, niemand kann mehr so schreiben und auf diese Weise an den Nordlandsommer denken, an des Nordlandsommers ewigen Tag, in Stein gemeißelten Genitiv.

Der Zug folgt dem Tal und dem Fluß, die wenigen Leute im Abteil sehen nach draußen oder auf die Displays ihrer Handys. Nur die Geräusche der Bahn sind zu hören, das tok tok, sobald wir über eine Weiche fahren, ein tok tok, das in Lars von Triers Europa eine schreckliche Präsenz gewinnt, da es auf das nahende Ende weist. Ich habe Max von Sydows Stimme im Ohr, die leise flüstert, and then you arrive in … Europa!, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob es genau diese Worte sind, die er wählt, während die Schwellen und Weichen in einem fast einschläfernden Rhythmus metallisch schlagen und an so etwas wie eine Glocke oder einen Gong erinnern oder an das Gleichmaß von Wellen, die ein Schiff auf und ab bewegen. Nur an die Betonung des verheißungsvollen und grausamen Wortes Europa kann ich mich erinnern. Europa!, flüstert Max von Sydow, und nicht etwa Europe!, während das Licht des Zuges im Film auf nächtliche Schienen fällt und es ist immer deutlicher wird, dass in diesem Europa ein Abgrund auf jenen wartet, der den Zug bestiegen hat. Denn das Licht legt nur die Schienen bloß und nicht das Land ringsum, das völlig schwarz bleibt in seiner unheimlichen Finsternis.

Als ich nach Hause komme, ist K noch unterwegs. Ich lege meine Sachen ab, mache mir die Suppe von gestern Abend warm und klappe am Schreibtisch meinen Laptop auf, während Hamsuns Satz in mir weiter seine Kreise zieht.

Im Sommer 2017 war ich mit K zum ersten Mal gemeinsam unterwegs. Wir hatten uns ein halbes Jahr zuvor im Museum kennengelernt, in dem wir beide arbeiteten und wenige Monate später beschlossen wir, für zwei Wochen in den Urlaub nach Norwegen zu fliegen.

K war nach dem Abitur mit einer Freundin in Schweden gewesen, ich hatte bislang nur Dänemark auf Familienurlauben mit meinen Eltern und meiner Schwester während der Sommerferien kennengelernt, aber das war schon lange her. Nach Norwegen waren wir damals nie gelangt, sondern immer auf der dänischen Hauptinsel in einem Ferienhaus hängen geblieben. Nicht einmal nach Kopenhagen hatten wir es geschafft. 

Wir landeten in Oslo und fuhren mit der Metro in eines der äußeren Stadtviertel, in dem wir ein AirBnb angemietet hatten. Obwohl K und ich zum ersten Mal gemeinsam verreisten, gab es keine Verständigungsprobleme zwischen uns, als wären wir schon dutzende Male miteinander unterwegs gewesen. Wir lagen hier, wie in so vielem anderen auch, auf einer Wellenlänge und deshalb gab es keine Diskussionen. Nach dem Flug in unsere Wohnung zu fahren, um kurz auszuruhen und später das Viertel zu erkunden, darüber mussten wir uns nicht erst unterhalten, es stand einfach fest.

Die S-Bahn brauchte etwa eine halbe Stunde hinaus. In Oslo war es kühl, obwohl die letzte Juliwoche angebrochen war und die Sonne glänzend zwischen winzigen Wolken am blauen Himmel stand. Doch aus irgendeinem Grund wirkte sie hier im Norden schwach, besaß nicht die Energie, die sie im Süden hatte. 

Wir stiegen in einem Viertel am Rand der Stadt aus und sofort war uns klar, dass wir uns tatsächlich am Rand der Stadt befanden. Alles wirkte ausgesprochen ländlich und es hätte mich nicht gewundert, wenn weite Felder hinter dem nächsten Straßenzug aufgetaucht wären, was dann allerdings doch nicht geschah.

K lotste uns eine schmale Straße hinauf, wir brachten einen Hügel hinter uns, auf dem alte Vorortvillen ganz aus Holz gefertigt im Nachmittagslicht standen und als wir oben auf dem Hügel anlangten, bemerkte ich rechterhand ein modernes Schulgebäude mit der Bronzeskulptur eines Wildschweins vor dem Eingang.

„Stell dich mal vor das Schwein“, sagte ich zu K.

„Warum denn?“

„Für ein Foto natürlich!“

Sie lief hinüber, stellte sich neben das auf den Hinterläufen sitzende Schwein, was ich etwas eigenartig fand, denn dadurch erinnerte der Keiler eher an einen abgerichteten Hund, und legte dem Bronzetier einen Arm um den massiven Hals, um gleichzeitig einen Kuss anzudeuten.

Ich hatte mein Handy bereits im Anschlag und knipste ein Bild. Ein Jahr später sollte ich in Thailand eine exakte Kopie dieses Fotos schießen, nur dass der Keiler durch einen Miniaturdinosaurier ersetzt worden war und das Schulgebäude durch eine Bar am Strand von Kho Lanta.

Nachdem wir unsere Sachen in der Unterkunft abgelegt hatten, kauften wir in einem nahe gelegenen Supermarkt Brot, Bier, Würstchen und Senf, Gemüse und ein paar Äpfel, um möglichst wenig Geld auszugeben. Seit etwa einem Jahr hatten wir unsere ersten richtigen Jobs mit entsprechenden Gehältern, waren aber immer noch vorsichtig, weil wir unsere Ausgaben in Norwegen nur schlecht abschätzen konnten. Deshalb mieden wir erst einmal alle Restaurants in der Angst, gleich am Anfang des Urlaubs zu viel Geld auf einmal auszugeben und aßen in der kleinen Küche unserer Wohnung, während wir die nächsten Tage planten. 

In Oslo wollten wir nur über das Wochenende bleiben und dann mit dem Zug hinüber an die Westküste Norwegens, um uns Bergen anzusehen. Die Tickets hatten wir bereits Monate im Voraus gebucht. In Bergen würden wir uns ein Auto mieten, was für uns beide eine echte Premiere war, und uns dann auf den Weg in Richtung Norden machen, immer entlang an der Schärenküste und den Fjorden.

Am nächsten Morgen fuhren wir mit der S-Bahn zurück in die Innenstadt. Die Sonne stand hoch und im Gegensatz zum zurückliegenden Tag war es plötzlich warm, genau wie im Sommer. Ich fühlte mich noch ebenso unruhig wie in Deutschland, als würde ich gleich zurück ins Büro pendeln, als stünde die Arbeit und nicht ein Ausflug an. Aber im leeren Abteil der S-Bahn, den Blick nach draußen gerichtet, begann sich meine Anspannung langsam zu legen.

Wir spazierten durch Oslos Zentrum und mieden instinktiv alle Sehenswürdigkeiten. Ich war ausgesprochen glücklich, dass K genauso wenig auf touristische Highlights Wert legte wie ich selbst, denn für das alles hatte ich überhaupt nichts übrig. Auch wenn ich wusste, dass ich mich äußerlich von den übrigen Touristen kaum unterschied, dass ich genauso wenig in Oslo heimisch war, die Geschwindigkeit der Stadt nicht kannte, mich deshalb zögerlich bewegte und nicht mit dieser flüssigen Selbstverständlichkeit, die den Bewohnern einer Stadt überhaupt nicht mehr auffiel, hielt ich dennoch an meinem Anderssein fest, das mich von den Touristengruppen zumindest innerlich unterscheiden musste. Ich wollte die Stadt auf andere Weise kennenlernen und diese Weise war der Verzicht auf das klassische Programm. Lieber saß ich den ganzen Vormittag in einem Park, um in einem Buch zu lesen und so zu tun, als täte ich das jeden Tag, als wäre ich bereits ein Teil der fremden Stadt. Dass ich dafür aber nicht erst eine Reise nach Norwegen hätte unternehmen müssen, ließ ich nicht gelten. Ich wollte auf eine etwas verschrobene Weise die beiden Wochen verbringen, die wir uns frei genommen hatten.

Da K und ich in Deutschland allerdings in einem Museum arbeiteten, konnten wir in Oslo nicht einfach bloß durch die Straßen und Parks spazieren, um später in einem Café die Zeit totzuschlagen. Unsere Kollegen würden nach unserer Rückkehr Fragen stellen, sie würden eine Liste von Museen parat haben und uns mit großen und irritierten Augen mustern, falls wir erklärten, wir hätten kein einziges Museum besucht. Mit schlechtem Gewissen machten wir uns deshalb zum Munch-Museum auf, in dem Karl Ove Knausgård damals gerade eine Ausstellung mit vielen Werken des norwegischen Malers kuratierte.

Wir liefen durch die Säle, hielten vor den Malereien an, ich las Knausgårds Zitate und fühlte mich sofort zurückversetzt in sein autobiographisches Projekt, diese sechs Bände, die in Deutschland nicht unter ihrem eigentlichen Titel – Mein Kampf – hatten erscheinen können. 

Knausgårds Bücher waren meine Rettung gewesen, bevor ich im Museum angefangen hatte zu arbeiten. Als ich sie durch einen bloßen Zufall entdeckte, lebte ich noch in Ludwigsburg und arbeitete als Volontär in einem Archiv, eine Arbeit, die ich bald schon hasste, obwohl ich mir anfangs monatelang einzureden versuchte, durch sie einen mir jahrelang verschlossenen Ort erreicht zu haben. Dieser Ort, dachte ich damals, sollte mir so etwas wie eine Ankunft ermöglichen, eine Ankunft, die den kurzen Abschnitt meines Lebens nach dem Studium und meinem Umzug nach Leipzig beendete. Ein Abschnitt, der von Unbeständigkeit und dem niemals verschwindenden Gefühl, an keinem Ort heimisch werden zu können, bestimmt gewesen war.

In den Büchern Knausgårds fand ich mich wieder oder vielmehr meine Erinnerung, meine Kindheit und Jugend, meine Träume und Sehnsüchte. In gewisser Weise blickte ich in diesen Texten auf ein Leben, das in Erfüllung gegangen war. 

Knausgårds Hemmungen, seine Schüchternheit und Selbstzweifel, seine Probleme mit den Mädchen, der große Traum vom Schreiben und die Frage, ob man für das Schreiben überhaupt geschaffen war, all das schien aus mir selbst zu stammen, ich erkannte mich in fast jedem Satz wieder, obwohl Knausgård zwanzig Jahre älter war als ich selbst. Es gab nur einen entscheidenden Unterschied, der mich von ihm trennte und das war der Erfolg. Der Erfolg eines trotz aller Widerstände geglückten Lebens, denn Knausgård hatte es geschafft und seine Zweifel besiegt. Er war ein Schriftsteller geworden, hatte mit seinem ersten Roman gleich einen wichtigen norwegischen Literaturpreis gewonnen, er hatte die Frau geheiratet, in die er sich während seines Literaturstudiums verliebte und weiter Bücher geschrieben, um schließlich mit seinem autobiographischen Projekt etwas nicht für möglich Gehaltenes zu schaffen, ein viele tausend Seiten umfassendes Werk, das derart authentisch wirkte, dass ich glaubte, die Verunsicherungen und Sehnsucht meiner Jugend in allen Einzelheiten erneut zu durchleben.

Ich las mich in seine Romane hinein und fand mich überall selbst. Es ist idiotisch, die Bücher als Spiegel zu gebrauchen, aber damals kam ich über diese Binsenweisheit nicht hinaus. Ebenso wenig kam ich über die Trennung hinaus. Während Knausgård seine Erfolge feierte und von der gesamten Welt als Autor bejubelt wurde, der am Puls der Zeit schrieb, blieb mein eigenes Schreiben weiterhin unsichtbar. Ich brachte kein Buch zustande und quälte mich, weil ich unfähig war. Ich sah, dass es einem gelang, der in so unendlich vielen Dingen fühlte wie ich selbst, ohne dass sich dadurch etwas für mich veränderte. Ich fuhr zur Arbeit, ich versuchte zu schreiben, ich hatte in Ludwigsburg nur einen Freund und war allein. An Mädchen war in dieser Zeit nicht einmal zu denken. Von meinen Träumen und Wünschen war ich so unendlich weit entfernt, dass ich mich kaum noch getraute, sie einem anderen gegenüber anzusprechen. Vielleicht war ich für das Schreiben einfach nicht gemacht. Vielleicht gab es etwas an mir, das ich nicht in der Lage war zu erkennen, eine Eigenheit, die meine Unfähigkeit verriet und die Knausgård entweder überwunden oder aber nie besessen hatte.

Im Museum in Oslo zogen mich weniger die Gemälde Edvard Munchs an als die Bilder jener Künstler, die einige Jahre vor dessen Durchbruch in Norwegen gemalt hatten.

Ich blieb vor einem Interieur Vilhelm Hammershøis stehen, einem fast leeren und weißen Raum, der gut in die großbürgerliche Vorstadtvilla gepasst haben würde, an der wir auf dem Weg zu unserer Unterkunft am Stadtrand Oslos vorbei gelaufen waren.

Wie auf einem Gemälde Pieter de Hoochs sah ich ein Zimmer mit einem Tisch und einem Stuhl, auf dem eine weibliche Rückenfigur in schwarzem Kleid saß. Vor diesem Tisch befand sich eine offene Tür, die den Blick auf einen Flur erlaubte. Die Wände des Flurs und des Zimmers waren weiß gestrichen und nur ein einziges Bild hing an einer Wand. Ansonsten blieb der Raum vollständig leer. Keine Regale, kein Sofa, kein Bett, nicht einmal ein weiterer Stuhl, den man an den Tisch gerückt hatte. Alles wirkte, als wäre diese Frau erst vor wenigen Stunden in das Haus eingezogen, als wäre sie am Morgen womöglich erst angekommen, um sich nun, gegen Mittag, für einige Minuten auf diesem weißen Holzstuhl auszuruhen, während das Licht (war es Frühling, war es Sommer?) am anderen Ende des Flurs über den Holzboden strich.

Da die Frau mit dem Rücken zum Betrachter saß, blieb es unmöglich zu sagen, was sie dachte oder fühlte. Ihr Kopf war leicht geneigt, an ihrem Nacken und ihrer Frisur ließ sich ablesen, dass sie jung sein musste. Vielleicht hatte sie die Dreißig noch nicht erreicht, vielleicht hatte sie gerade geheiratet und bezog nun mit ihrem Mann ein neues Haus, in dem sie eine Familie gründen würde. Vielleicht bezeichnete das Gemälde einen stillen Punkt, von dem aus ein Leben Gestalt annahm, das noch im Ungefähren lag. Ein Leben, von dem die junge Frau nichts ahnte, die so still, fast versunken, auf ihrem Stuhl am Tisch saß und auf etwas wartete.

Eigenartig war die Stille, die in diesem Gemälde herrschte. In Hammershøis Zimmer schien ein Gespräch ganz unmöglich zu sein. Vielleicht blieb selbst die Begegnung zwischen zwei Menschen in diesen Zimmern unmöglich, vielleicht gingen sich die schwarz gekleideten Figuren in den weißen Räumen aus dem Weg, verfehlten einander, schwiegen sich an, fragten sich, was sie eigentlich in einem solchen Haus verloren hatten.

Im Gegensatz zu Edward Hopper, der ebenso gern Innenräume zeigte, um die Einsamkeit und Sehnsucht seinen Figuren offen und unmissverständlich ins Gesicht zu legen, trat Hammershøi in gewisser Weise seinen Charakteren nicht zu nahe. Er zog sich zurück, wahrte die Integrität seiner Figuren, zeigte distanziert ihren Rücken, gab ihre Innenwelt dem Betrachter nicht preis. Die Gesichter blieben dadurch unkenntlich. Das, was sie dachten oder fühlten, lag im Dunkeln. Merkwürdigerweise aber erschien mir die junge Frau damals im Munch-Museum, deren Gesicht ich nicht erkennen konnte, tausendmal verletzlicher und verlassener als alle Figuren, die Hopper jemals auf die Leinwand gebracht hatte. Diese junge Frau im schwarzen Kleid saß allein, unüberwindbar allein. Es war unmöglich, zu ihr zu gelangen und ein Wort an sie zu richten. Sie war die fleischgewordene Einsamkeit.

Nach dem Munch-Museum spazierten wir durch den Botanischen Garten, vorbei am Palmenhaus, das mich an Berlin erinnerte, und lagen dann für eine Weile müde auf einer Wiese herum.

Neben Hammershøis Interieur war mir noch ein Gemälde Niels Bjerres im Gedächtnis geblieben, das eine kleine Gruppe von Menschen außerhalb einer Kirche zeigte. Vielleicht stellte das Gemälde eine Trauergemeinde dar, vielleicht nur Menschen nach dem sonntäglichen Gottesdienst in bestem Staat, schwarze Anzüge mit Hut, obwohl es sich um Bauern, Handwerker und Kaufleute handeln musste. 

Die Einfachheit des Bildes faszinierte mich. Wieder gab es da diese Stille. Eine Stille, als stünden die Menschen immer am Rand der Sprachlosigkeit und gelangten nur unter höchsten Anstrengungen zum jeweils anderen hinüber.

„Und?“, fragte ich K, die auf der Wiese lag. „Fühlst du dich schon, als wären wir im Urlaub?“

„Ich bin noch so angespannt, als könnte mich in jeder Sekunde jemand anrufen“, sagte sie.

„Wahrscheinlich brauchen wir ein paar Tage, um runter zu kommen.“

K wälzte sich im Gras, ohne etwas zu erwidern und ich spürte, dass sie das Thema wechseln wollte. Sie sprach ungern über die Arbeit, besonders an unseren freien Tagen, denn sie bekämpfte ihre Nervosität fast krampfhaft, indem sie jeden Gedanken an das Museum verdrängte. Sprach man es zufällig an, konnte es ihr auf einen Schlag die Stimmung und den ganzen Tag verderben.

Ich fragte mich, ob uns die kleine Gemeinde auf Bjerres Gemälde verstanden hätte. Auch sie hatten Sorgen gekannt, Sorgen, die derart klar zu Tage lagen, als wären sie auf diese Gesichter geschrieben. Hunger, Arbeitslosigkeit und Krankheit. Ein hartes Leben, das für uns der Hölle glich, für sie aber nichts anderes gewesen war als ein gottgegebenes Los, das man aus irgendeinem Grund gezogen hatte, ohne nach dem Grund der Mühsal fragen zu dürfen, so wie jeder andere auch, den man kannte und am Sonntag in der Kirche traf.

Hätten diese Menschen über unsere Sorgen gelächelt? Über eine Arbeit, deren Nutzen ihnen völlig unverständlich geblieben wäre, die Arbeit in einem Museum? Hätten sie nicht den Kopf geschüttelt über uns, die wir versuchten zu erklären, wie sehr uns die Stunden im Museum zermürbten, da man nur selten an einer Sache arbeitete und den Großteil der Zeit mit den Befindlichkeiten seiner Kollegen und Vorgesetzten verbrachte? Dass die Kunst eigentlich keine Rolle in einem Museum spielte, so wenig wie die Literatur in jenem Archiv, in dem ich gearbeitet hatte? 

Die kleine Gruppe auf Bjerres Bild hätte uns verständnislos angesehen. Ihre Sorgen waren mit Händen zu greifen. Sie standen auf einem Feld oder sie fuhren mit einem Fischerboot bei schlechtem Wetter hinaus, um am Abend mit magerem Fang zurückzukehren. Niemand wurde alt. Das Alter besaß noch eine mythische Qualität wie in den Büchern des Alten Testaments. Im Alter lag Weisheit, die auf keinem anderen Wege zu erreichen war. 

„Wann geht unser Zug nach Bergen?“, fragte ich K gedankenverloren.

„Erst gegen zwölf“, antwortete sie. „Wir können uns Morgen also Zeit lassen und ausschlafen.“ 

Amaro, Samstag-Montag, 17.-19. April

Ich putze das Bad, mühe mich zuerst an der Badewanne und danach an der alten Toilette ab. Ich wische den Boden, der ein hoffnungsloser Fall ist, denn die Fugen sind von Jahren der Benutzung so mitgenommen und rissig, dass sie nicht mehr sauber zu bekommen sind, egal, wie energisch ich auch mit der harten Seite des Schwamms über ihre Oberfläche schrubbe. Ich mache das eine ganze Weile, so lange, bis meine Schultergelenke schmerzen, aber ein Ergebnis erzeuge ich damit nicht. Irgendwann bin ich sogar der Meinung, ich würde den Schmutz bloß verteilen, vergrößere ihn sogar unabsichtlich und als mir dieser Gedanke kommt, stehe ich schleunigst auf und mache mit dem Waschbecken weiter. 

Während ich putze, überlege ich, wie ich an Geld kommen kann. Nicht mehr arbeiten, nur schreiben. Auf eine mir unverständliche Weise muss das möglich sein. K und ich sprechen in letzter Zeit wieder häufig über das Verschwinden, über die Abkehr von Deutschland. Wir wollen nicht für immer weg, aber doch für eine längere Zeit. Allerdings ist dieser Plan genauso konkret wie meine Suche nach Geld. Vielleicht ist er ein wenig konkreter. Nach einem echten Ausweg fühlt es sich trotz allem nicht an. Schließlich haben wir das in ähnlicher Weise schon einmal vor zwei Jahren gemacht.

Gestern gebe ich ergebnislos Seemann mit 36 Jahren bei Google ein. Kündigen, nach Hamburg oder Rostock fahren, anheuern (keine Ahnung, was das heißt), meine Papiere zeigen (wahrscheinlich besitzt jeder Matrose so etwas wie Seemannsbuch; irgendwann habe ich davon zumindest gelesen) und dann auf ein Schiff, das in unbestimmte Richtung fährt. Es muss ja nicht einmal Indonesien oder die Philippinen sein, Brasilien würde mir schon reichen. Ich würde die Sprache lernen, luv, lee und diese ganzen Sachen, die, wenn ich mich richtig erinnere, mit der Windrichtung zu tun haben, ich würde irgendeine unbedeutende Aufgabe an Bord übernehmen, zum Beispiel in der Küche aushelfen, ich würde mich mit dem chilenischen Koch anfreunden und dem zweiten Küchengehilfen aus Mozambique und der Koch würde erzählen, dass er seit zwei Jahrzehnten auf den Ozeanen unterwegs ist. Zwanzig Jahre?, würde ich fragen, ein unvorstellbarer Zeitraum, in dem er einiges durchgemacht haben musste. 

¡Así es!, würde der chilenische Koch antworten, den ich längst bei seinem Vornamen, Amaro, nennen darf, obwohl er meinen Vornamen niemals in den Mund nimmt. Spricht er mit mir, stelle ich mir vor, gebraucht er stets ein Pronomen oder deutet ein Nicken an, was mich anfänglich verletzt, bis ich merke, dass er das mit allen anderen genauso macht. Aus einer unerklärlichen Zaghaftigkeit heraus vermeidet Amaro die Namen der anderen, was, aber darauf werde ich erst später kommen, seiner Erfahrung geschuldet ist. Wer zwanzig Jahre lang die Schiffe und Besatzungen wechselt, gewöhnt sich schlecht an neue Gesichter, die ohnehin bald wieder verschwinden werden. Er bleibt auf Distanz, ist nicht unfreundlich, Freundschaften aber lässt er nicht zu. Vertrautheit vielleicht, eine Vertrautheit, die den täglichen Abläufen geschuldet ist. 

Amaro hat die anderen zu oft verschwinden sehen, würde ich mir sagen. Sie haben das Schiff verlassen, um auf anderen Schiffen anzuheuern oder sie blieben an Land oder sie kehrten in ihre Heimat zurück. Doch egal, was passierte, der Kontakt zwischen ihnen riss bald ab. Das macht man einige Zeit mit und dann gibt man auf. Am Ende ist nichts verlässlich, lerne ich aus Amaros Geschichte, weder das Wasser noch das Land. Sollte er zurück nach Santiago kehren, wird auch dort alles anders sein. Die Freunde sind über die Stadt verstreut, sie haben Familien, einige sind bereits an Krankheiten gestorben, viel zu früh, wie es heißt, auch wenn man nicht richtig an einen solchen Satz glaubt. Die vertrauten Bars sind geschlossen, die Cafés der Vergangenheit existieren nicht mehr oder haben neue Besitzer, die das alte Mobiliar herausgerissen haben und damit das Herz des Cafés. Das Haus der Eltern musste schon vor fünfzehn Jahren einem mittlerweile ausgestorbenen Hotel weichen und der Onkel hat sich in einem Außenbezirk der Stadt mit seinem kleinen Bauunternehmen ruiniert. Ist das überhaupt noch Santiago?, wird sich Amaro fragen, aber da ist niemand, der ihm eine Antwort geben kann. Die Leute auf der Avenida Salesianos laufen an ihm vorbei, einige fluchen, weil er wie eine Statue der Olmeken mitten auf dem Bürgersteig alles behindert. Im Hintergrund ragen die Anden in den Himmel, schneeüberzogene Gipfel, die Amaro an einen anderen Gebirgszug erinnern, dessen Name ihm in diesem Augenblick aber einfach nicht einfallen will. Weiße Gipfel, die wirken, als wären sie mit Zucker bestäubt oder mit Bleiweiß gestrichen und Amaro stellt sich die Spitze dieser Gipfel, den höchsten Punkt der Berge, so scharf wie eines seiner Küchenmesser vor, die er zwanzig Jahre lang geschwungen hat.

Natürlich besteige ich kein Schiff. Meine kurze Recherche im Netz bliebt ohne Ergebnis und außerdem macht dieser Plan auch überhaupt keinen Sinn. Was wäre schließlich mit K, sie will doch gar nicht zur See. Auch ich möchte mich ja eigentlich nicht in einen Matrosen verwandeln, ich stelle mir das alles nur sehr romantisch vor und eine Flucht wäre es auch. Merkwürdigerweise komme ich über das Flüchten nicht hinaus. Ich frage mich, wie es die anderen machen, ob sie auch diesen Drang in sich spüren, der in eine unbekannte Richtung zeigt und sich unglaublich schwer in Worte fassen lässt.

Ich möchte weg, sage ich mir, nur weg und dieses Weg bezieht sich, wenn ich ehrlich bin, ausschließlich auf das Geldverdienen, auf den Zwang, meine Zeit für etwas anderes zu verwenden als das Schreiben. Der Wunsch zu verschwinden hat mich immer begleitet, vielleicht, weil ich mich niemals richtig wohl gefühlt habe, niemals das Gefühl hatte, angekommen zu sein. Wohnungen, Städte, das alles bedeutete mir nie etwas. Ich frage mich, ob man wirklich einfach losgehen kann und was das heißt. Kündigen, alles verkaufen, die Wohnung aufgeben und dann mit einem Rucksack los? Zu Fuß durch Deutschland in Richtung Osten? Warum gerade in Richtung Osten? 

Erschöpft gebe ich die Suche nach einer Lösung auf und rekapituliere die zurückliegenden Tage. Ich habe 160 Bücher über rebuy verkauft, ich arbeite am Lektorat meines Romans, der nun im August erscheinen soll. Ich habe lange mit meiner Verlegerin das Für und Wider eines solchen Erscheinungstermins diskutiert, aber um ehrlich zu sein, möchte ich nur, dass die Gärten in der Wildnis endlich im Sommer erhältlich sind, damit ich beginnen kann, meinen zweiten Roman unterzubringen. 

In der Zwischenzeit schreibe ich wieder Bewerbungen und habe Vorstellungsgespräche, die mich derart langweilen, dass ich einen Moment lang überlege, einfach aufzustehen und ohne jede Erklärung den Raum zu verlassen. Die fassungslosen Blicke der anderen folgen mir, aber ich ignoriere sie. Sicher halten sie mich für einen Wahnsinnigen. 

Später höre ich Patrick Shiroishis i shouldn’t have to worry when my parents go outside bei geöffnetem Fenster und halte den Albumtitel für ganz ausgezeichnet, bis mich das Geräusch einer Kreissäge draußen im Hinterhof irritiert. Deshalb stehe ich auf und sehe hinaus, natürlich nicht so offensichtlich vorwurfsvoll wie ein Rentner, sondern eher wie jemand, der sich ganz zufällig für die Außenwelt interessiert. Als ich stehe, fällt mir plötzlich auf, dass die Kreissäge nicht draußen im Hinterhof dröhnt, sondern von Shiroishis Album stammt. Das finde ich natürlich sofort total genial.

Am Morgen, von sieben bis neun, lese ich Despentes Vernon Subutex, halte alles für gut, besonders die vielen Beleidigungen bringen mich zum Lachen. Nichts ist schließlich angenehmer, als einen aufgeblasenen Filmproduzenten als fettes Trottelgesicht eingeführt zu bekommen und da sich der Roman schnell liest, bestelle ich auf Amazon gleich Band zwei und drei, natürlich antiquarisch, denn auf die Preise von ZVAB ist mittlerweile auch kein Verlass mehr.

Ist es möglich, die Kreisläufe zu durchbrechen?, frage ich mich jetzt. Jahrelange war ich der Meinung, die Kreisläufe stammten aus der Welt, doch mittlerweile bin ich mir nicht mehr so sicher. Vielleicht stammt das alles auch aus mir, vielleicht verlangt die Welt überhaupt nichts, vielleicht bietet sie sich nur an, ohne auf die Verunsicherten Rücksicht zu nehmen. Ein Angebot, eine Einladung, mehr nicht. Man nimmt dich nicht an die Hand, man zeigt dir keinen Ausweg. Alles bleibt Andeutung, ein Vielleicht, die Möglichkeit. Und die Zeit läuft ab, sie läuft neben dir, hinter dir, stößt dich an, zieht an dir vorbei. Zweiundfünfzig Wochen, zwölf Monate, ein Jahr, dann sind es zwei, drei, vier, bald zehn. Und obwohl sich in einigen Sekunden die Gegenwart greifbar verkürzt, als würde sie sich in einen Gegenstand verwandeln, in einen Tisch zum Beispiel, an dem du sitzt und schreibst, ist diese Gegenwart doch nur eine Wiederholung in endloser Potenz, eine Wiederholung all des Unverständlichen, das jede Generation an die nächste weitergibt, ohne eine Lösung für jene Rätsel und Fragen gefunden zu haben, auf die es wirklich ankommt. Am Ende stehen alle ratlos herum und sehen sich an. Am Ende begreifen auch die meisten, dass besonders jenen nicht zu trauen ist, die den Besitz einer Antwort behaupten. Wir leben die Leben, denke ich, die man in allen Jahrhunderten findet. Dieselben Fragen seit so und so vielen Jahrtausenden und die gleichen vagen Antworten. Die gleichen Parolen. Vertrauen, Hoffnung, Glauben. Alle Fragen und das Meer, das sich nie verändert. Auch darin liegt eine seltsame Rücksichtslosigkeit. Das Meer hält sich bedeckt und wir machen weiter, es ist Montag, eine neue Woche, es ist Ende April und bald steht der Sommer da und fordert zu einer Reise auf oder zu einer Veränderung. Und vielleicht wird das Reisen sogar möglich sein. Dann studiert man die Zugverbindungen oder leiht sich ein Auto und macht sich damit auf den Weg, denkt auf der Fahrt an die Freiheit, die durch das geöffnete Fenster weht, an die Freiheit, die auch etwas ist, das sich ständig entzieht.

Tannenfeld, 7. April

Etwa zwanzig Minuten brauchen wir vom Haus meiner Eltern bis nach Tannenfeld, das kein richtiger Ort ist, kein Ort im eigentlichen Sinn zumindest, sondern eine Art Kurpark. Wir nehmen die Straße am Wald entlang, queren das Dorf, dessen Namen ich mir nicht merken kann und fahren bald auf die Autobahn in Richtung Leipzig. Ich trete das Gaspedal komplett durch, denn die rechte Spur wird von einem LKW belegt, doch das ist für unser Auto überhaupt kein Problem. Der Mercedes (für den ich mich natürlich ziemlich schäme, denn ein solcher Wagen passt in keiner Weise zu mir und meinem, zumindest innerlich ganz ungepassten, etwas aus der Welt gefallenen Selbstbild), beschleunigt auf der Stelle und deshalb ziehen wir rechts am LKW mit aufheulendem Motor vorbei und scheren gleitend vor ihm ein. 

Für wenige Kilometer folgen wir der Autobahn, verlassen sie aber bereits an der nächsten Abfahrt. Dann kommt eine Landstraße, auch hier herrscht wenig Verkehr und das ist vielleicht verständlich, denn es ist Mittwoch gegen zwölf und die meisten Leute werden auf der Arbeit sein oder noch zu Hause in den Osterferien. Neben der Landstraße liegen weite Felder, einige grün, die anderen noch braun oder schwarz. Wir halten an einer Kreuzung, die aus dem Nichts vor uns auftaucht. Gleich links entdecke ich eine Tankstelle, an der wir auf dem Rückweg halten könnten, wie ich K gegenüber erkläre. Wir haben nur noch wenig im Tank und hier draußen, außerhalb der Stadt, ist das Benzin doch immer günstiger, wenn ich mich richtig erinnere.

Die Ampel schaltet auf Grün und ich beschleunige. Die Felder ziehen an uns vorbei, K erklärt, die Landschaft wäre langweilig und beginnt zu singen. Der Turm dort ist langweilig, singt sie, die Felder sind auch langweilig, das ist eine ganz langweilige Landschaft, langweilig. Langweilig!

Wahrscheinlich hat sie sogar recht.

Nach einem weiteren Kilometer taucht rechter Hand zwischen den erdigen Feldern ein Waldstück auf.

„Das ist es“, sage ich und suche bereits aus der Entfernung nach dem abzweigenden Weg, was nicht ganz einfach ist, da wir mit einhundert Stundenkilometer recht schnell unterwegs sind und das Waldstück immer näher rückt.

Ich setze schließlich den Blinker, schaue in den Rückspiegel und bemerke einen weißen Lieferwagen. Nicht einmal eine Autolänge passt zwischen ihn und uns, obwohl der Fahrer doch erkennen muss, dass wir nicht aus der Gegend sind, sondern aus Hamburg, zumindest unserem Nummernschild nach. Ich hasse Leute, die zu dicht auffahren und kann mir nicht vorstellen, was der Mann im weißen Transporter um diese Zeit so eilig zu tun haben will. Aber vielleicht regt ihn auch einfach nur das fremde Nummernschild auf. Vielleicht fahre ich hier auch tatsächlich auch einfach zu langsam.

Ziemlich spät taucht der rechts abzweigende Weg zwischen einer von Hecken überwachsenen Insel am Straßenrand auf. Die Zufahrt ist wirklich schwer zu erkennen und deshalb bremse ich ein wenig abrupt und fahre näher an den rechten Fahrbahnrand. Der weiße Lieferwagen schießt sofort links an uns vorbei und ich spüre, dass er es am liebsten unter lauten Hupkaskaden getan haben würde, sich aus irgendeinem Grund aber schließlich doch dagegen entschieden hat.

Wir folgen im Schritttempo einem alten, nur notdürftig asphaltierten Weg voller Schlaglöcher und erreichen den Wald. Fast alle Bäume sind noch kahl, nur an starrsinnigen Einzelgängern lässt sich etwas Grün ausmachen. Gestern und heute hat es wieder geschneit. Draußen sind es zwei Grad über null, eigentlich also herrscht hier oben bei meinen Eltern noch Winter.

Ich stelle das Auto zwischen einer Baumgruppe ab und wir steigen aus. Mit uns sind noch ein paar andere Ausflügler unterwegs, aber der Andrang hält sich, sicher auch wegen der Kälte, in Grenzen. 

Das erste Haus der Parkanlage befindet sich gleich in der Nähe der abgestellten Fahrzeuge und ist das einzige, in dem eine Familie lebt. Alle anderen Villen des ehemaligen Sanatoriums, die sich verstreut innerhalb des Parks befinden, stehen leer und sind verfallen. Die komplette Anlage ist eine einzige Ruine, aber das scheint jene Familie, die sich im ersten Haus eingerichtet hat, aus irgendeinem Grund nicht zu stören.

K und ich folgen dem von Rhododendren zugewachsenen Weg, bis links neben uns das alte Liegenhaus hinter einem Spalier von Sträuchern erscheint. Kurz nach Neunzehnhundert lagen an dieser Stelle die Lungenkranken in der Sonne, darunter auch Hans Fallada, wenn ich mich richtig erinnere, der in den Neunzehnzwanzigern im Tannenfelder Sanatorium eine kurze Zeit verbrachte. 

Das Liegenhaus besitzt eine geschwungene Form und erinnert an ein breites U. Es ist komplett aus Holz konstruiert und, da es seit etwa einhundert Jahren der Witterung ausgesetzt ist, ziemlich ramponiert. Über eine schmale Treppe im Zentrum der Bogenform erreichten die Kranken früher das Innere des Gebäudes, dessen Südseite aus einer breiten Fensterfront besteht. Es fällt mir nicht schwer, an die ausgemergelten Gestalten zu denken, die hier vor Jahrzehnten auf ihren Liegen in der Frühlingssonne lagen, die Fenster geöffnet, das milde Licht auf dem Gesicht und den ersten wärmenden Luftzug im Raum, wobei der kränkliche, abgemagerte Körper von einer Deckenschicht eingehüllt einer eher zweifelhaften Genesung entgegensah, die sich für die meisten natürlich als Illusion herausstellte. Sie lagen einfach da im Licht und in der Sonne, tranken wie im Zauberberg irgendein als heilsam angepriesenes Quellwasser, das in Wirklichkeit natürlich gar nichts tat, um die unendlich zäh vergehenden Stunden mit unnützen Gedanken anzufüllen, die sich auf ein unsicheres Bald und ein schmerzliches Gestern richteten. Am Ende fallen Vergangenheit und Zukunft in solchen Gebäuden in eins, denke ich. Beide stellen sich mit einem Mal als unerreichbar heraus. Wahrscheinlich fragt man sich, weshalb man erlebt hat, was man erlebte und weshalb es nun nicht mehr weiter geht. Alles verwandelt sich in einen Traum, für dessen Deutung man auf dieser Liege im Sonnenlicht nicht mehr taugt und der sich nur in Bruchstücken, niemals aber in seiner erschreckenden Tiefe mit einem anderen Kranken teilen lässt.

Einige Scheiben des Liegenhauses sind zerschlagen, die meisten anderen aber noch intakt. Das Holz hat stark gelitten, das Dach ist an zwei Stellen kaputt und der wolkenverhangene Himmel scheint durch diese Löcher hindurch, aber auch der Holzboden des Gebäudes zeigt mehrere breite Löcher. Zwei alte Sessel stehen im Raum, die Bezüge sind zerrissen, alles wirkt heruntergekommen, hinfällig, moribund.

Etwa in der Mitte des Parks steht ein altes schlossähnliches Gebäude. Wie die anderen Villen auch sieht es einer Ruine ähnlicher als allem anderen, die Fenster wurden mit Pressspanplatten verschlossen, das Eingangsportal mit Metallketten und Vorhängeschlössern versperrt. Der ehemalige Teich vor der Freitreppe liegt trocken und in diesem Teich breitet sich eine herrenlose, schwarze Plane wie ein Urzeitwesen aus. Halb Pflanze, halb Tier, denke ich. Das Licht spiegelt sich auf dieser Plane in silbernen Streifen, sobald die Wolkendecke über uns zerreißt und das Blau dahinter zu erkennen gibt.

Wir stapfen wortlos weiter. Vorbei an Wiesen voller Osterglocken, an kahlen Rotbuchen, Eichen und Kastanien, die ich mit meiner neuen App zuerst per Foto aufnehme und dann von einem unsichtbaren Algorithmus bestimmen lasse. Das klappt ganz gut, wie ich finde, auch wenn ich die Ergebnisse natürlich nicht überprüfen kann. Allerdings bin ich dann doch etwas begeistert, als die App mir einen Baum, dessen aus dem letzten Jahr stammenden Früchte den Boden des Parks überziehen, als Ulme zu erkennen gibt. 

Ulme, denke ich glücklich.

Ich habe keine Ahnung, wie die Blätter einer Ulme aussehen. Gleichzeitig ist es mir auch etwas peinlich, dass ich jetzt plötzlich damit anfange, mich für die Welt der Bäume zu interessieren. Natürlich habe ich es immer mal wieder mit verschiedenen Büchern zur Baumbestimmung probiert, doch meine Versuche haben keinerlei bleibende Ergebnisse gezeitigt. Und jetzt renne ich hier durch den Park einer verfallenen Heilanstalt und zücke jeden Meter mein Handy, um irgendeinen Baum besser kennenzulernen, dessen charakteristische Merkmale ich nach einer halben Stunde bereits wieder vergessen habe.

„Mir ist kalt“, sagt K. Wir tragen unsere dünnen Daunenjacken, ihre ist grün, meine gelb und darüber haben wir Regenklamotten angezogen, die vor dem Wind schützen.

„Lass uns noch kurz zum Tümpel gehen, bevor wir wieder fahren“, schlage ich vor. Sie ist einverstanden.

Wir gehen zurück, vorbei an den stummen Ruinen, die seit langer Zeit kein Leben mir gesehen haben und vor einem der Gebäude fällt mir plötzlich ein, das Sanatorium habe in der DDR so etwas wie eine unverhoffte Renaissance erlebt, als man es zu einer psychiatrischen Heilanstalt umfunktionierte. Man möchte sich natürlich nicht vorstellen, was in diesen alten Gebäuden alles passiert ist, aber der Ulmenpark und die Rhododendronbüsche und die Ferne der Stadt müssen zumindest auf einige Depressive eine beruhigende Wirkung gehabt haben, wie ich denke. Sofern es sich um Depressive handelte, die man hier gehalten hat.

K steht bereits vor dem großen Naturteich, als ich sie einhole. Die Oberfläche des Tümpels ist in Ufernähe von grünen Wasserpflanzen überzogen. Ich bücke mich über eine Schneeinsel, forme einen Ball und werfe ihn direkt in das Grün hinein. Eine kleine, schlammige Fontäne schießt in Richtung Himmel und fällt sofort wieder in sich zusammen. Der Schneeball ist von Dreck und grünen Pflanzenteilen überzogen und scheint in der zähen Masse eher zu stecken, als zu schwimmen. Eigentlich bewegt er sich kaum.

K und ich stehen am Ufer und sehen dem nun abstoßend wirkenden Schneeball, der plötzlich weder etwas Reines noch Schönes besitzt, für einige Sekunden zu. Dann gehen wir wortlos in Richtung Auto zurück. Auf halber Strecke beginnt es zu schneien.