Samstag, 5. Juni

Am späten Nachmittag laufe ich mit K über den alten Messplatz. Es ist heiß und schwül und wird bald gewittern, die Luft riecht bereits nach Regen, obwohl die Straßen noch staubtrocken sind. Der Messplatz ist voller Leute, die sich auf den Bänken verteilen, Großfamilien, Gruppen von Alkoholikern und gelangweilten Jugendlichen, ein paar nervtötende Studenten dazwischen, die auf dem Schotter vor der Tramhaltestelle mit begeisterten Gesichtern Boule spielen, als würde sie die magische Atmosphäre des Platzes regelrecht elektrisieren. 

Auf den Bänken ist kein Zentimeter frei, die Menschen hocken in dichten Trauben aufeinander, dabei ist der Fluss und die frisch gemähte Uferwiese nur wenige Meter von uns entfernt. Noch gestern habe ich dort unten eines jener grünen Mähfahrzeuge gesehen, die normalerweise auf den Feldern außerhalb der Stadt unterwegs sind, um irgendeine Arbeit zu verrichten, die weniger notwendig als idyllisch erscheint, doch die Leute hier oben zieht es unbegreiflicherweise nicht auf diese Wiese, sondern auf den Platz, auf dem McDonalds-Verpackungen, Plastiktüten und weggeworfene Einwegmasken vom Wind raschelnd über die dunklen Steinplatten getragen werden.

Das allseitige Stimmengewirr erinnert mich an ein Volksfest, andererseits aber wirken die Leute lethargisch und von der Hitze weichgekocht. Übergewichtige Frauen fächeln sich mit improvisierten Hilfsmitteln Luft zu. Sie sitzen regungslos nebeneinander, ihre Arme und Schenkel berühren sich, sie schwitzen und starren auf einen unsichtbaren, blinden Punkt. Wären die Kinder nicht, die mit ausgestreckten Armen durch die im Boden eingelassenen Wasserdüsen rennen, fast so, als rechneten sie ständig damit, aus heiterem Himmel zu stürzen, gäbe es keinerlei Bewegung in diesem Bild. Dann existierte nur eine wartende Menge unter einer glühenden Sonne, eine Menge, die sich lautstark unterhält, obwohl ihre Lippen und Münder regungslos verharren und die Stimmen vom Band kommen könnten. Vorgebliche Stimmen, fiktive Gespräche, ausgebreitet über einer schweigenden Versammlung, aus der das Leben unaufhaltsam wie aus einem alten Fahrradschlauch weicht. 

Alles hier ist erschöpft, denke ich im Vorbeigehen, alles ist kraftlos und ohne jede Energie. Selbst die jungen Bäume, die vor wenigen Wochen gepflanzt worden sind, wirken vor diesem Hintergrund grotesk in ihrer schutzlosen Zerbrechlichkeit. Sie geben keinerlei Schatten, dafür braucht es sicher noch zwanzig Jahre und bis dahin, denke ich und muss lächeln, ist die Hälfte der hier Sitzenden ohnehin längst tot. Wenn alles gut läuft, bin ich in zwanzig Jahren sechsundfünfzig und wir schreiben das Jahr Zweitausendeinundvierzig. Alle Kinder meiner Freunde sind dann bereits erwachsen und womöglich gerade dabei, eigene Familien zu gründen. Und natürlich werden sie mit allen Mitteln versuchen, ein anderes Leben zu führen, als es ihre Eltern führten, denn das gehört nun einmal dazu. 

Bevor wir die Kreuzung zur Langstraße queren, sehe ich an der Ampel nach rechts. An dieser Ampel bleibt kein Fußgänger stehen, das Rot ist so etwas wie eine sanfte Mahnung, die niemanden interessiert, da man auf der Einbahnstraße den ankommenden Verkehr von weitem sehen kann.

„Was macht der Assistorch hier?“, fragte K entgeistert und wir bleiben überrascht stehen.

Auch ich entdecke den Storch. Er ist das jüngste Mitglied einer Weißstorchenfamilie, die im Herzogenriedpark brütet. K nennt ihn den Assistorch, weil sein Brustgefieder grau und schmutzig ist, als würde er ständig durch Schlamm und Abfallhalden robben. Ich hege seit langem eine tiefe Sympathie für diesen Vogel, die ich mir selbst nicht ganz erklären kann. Ich kenne ihn seit seiner Geburt und halte ihn für das schwarze Schaf der Familie, einen Außenseiter, der sich durchschlagen muss und die Härten des Lebens kennt. 

Der junge Storch steht mitten auf der Straße, etwa dreißig Meter von uns entfernt. Hinter ihm staut sich der Verkehr, aber keines der Autos getraut sich an ihm vorbei. Auf den Bürgersteigen sammeln sich bereits die ersten Gruppen und zücken ihre Telefone, die Leute rufen sich etwas zu, es herrscht Lärm und der Storch steht weiter ungerührt mitten auf der Straße und hält alles auf, als habe er sich entschlossen, in der Nachmittagshitze einen gefährlichen, vielleicht sogar lebensmüden Streik anzutreten.

Wie immer, wenn Tiere in einem Zusammenhang erscheinen, in den sie nicht gehören, glaube ich an das Schlimmste und versuche zu erkennen, ob der Vogel verletzt ist, ob ihm etwas fehlt. Aber aus der Entfernung wirkt er gesund.

Mittlerweile schreitet er sehr langsam die Fahrbahn ab, fast so, als würde ihn die Aufregung überhaupt nicht interessieren, ja, als nähme er sie nicht einmal wahr. Vielleicht ist das Trotz, denke ich, vielleicht auch Wahnsinn. 

Der Storch stolziert weiter, die Autos setzen sich langsam in Bewegung und folgen ihm als Entourage. Das Tier schaut sich gelassen um, als wäre es nicht imstande zu erkennen, wie verquer seine Anwesenheit auf dieser Straße wirkt, als habe es das Gefühl für die ihm entsprechende Umgebung komplett verloren und damit auch die Scheu und Nervosität, die Tieren instinktiv eigen ist, sobald sie sich in einer ungewohnten Umgebung befinden.

Das Verhalten des Vogels wirkt auf mich so eigenartig, dass ich wieder an eine Krankheit denke. Vielleicht steht er unter Schock, sage ich mir, vielleicht ist etwas passiert. Tiere, die das Ende spüren, neigen zu erratischem Verhalten und da Tiere immer unschuldig sind, weil sie die Zusammenhänge, in die der Mensch sie drängt, nicht durchschauen und sich dennoch in ihnen verfangen, empfinde ich sofort ein unendliches Mitleid für diesen verirrten Storch, der von der eigenen Verirrung nichts weiß, sie nicht einmal erahnt, der auch die Gefährlichkeit seiner Lage nicht bemerkt und natürlich denke ich an Nietzsche, den die Unschuld des Tieres ja zum Wahnsinn getrieben hat, dieser erschütternde Tierblick, der die Schläge nicht begreifen kann, den plötzlichen Schmerz, weil er außerhalb der Strafe steht und für nichts verantwortlich ist.

In diesem Augenblick schert ein Auto aus der aufgestauten Fahrzeugkette, ein schwerer, silberfarbener BMW, der auf dem Parkstreifen beschleunigt und natürlich nichts vom Grund des Staus weiß, den Storch auch kaum wahrnimmt und einfach an ihm vorbei rast wie ein Schwachsinniger und tatsächlich ist der Fahrer, irgendein junger Typ, dessen Kopf kaum über das Lenkrad reicht, auch komplett schwachsinnig, das sehe ich auf den ersten Blick, für ihn ist nur ein fein gestutzter Bart samt Dreihunderteuroschuhen drin, mehr ist nicht los in diesem lächerlichen Leben, und der Storch setzt sich aufgeschreckt in Bewegung, schlägt unbeholfen mit den Flügeln, denn große Vögel brauchen ewig, um abzuheben und dann fliegt er endlich davon, gewinnt allerdings kaum an Höhe und ich denke, mit ihm muss tatsächlich etwas nicht stimmen, er muss krank und verletzt sein.

Der Storch fliegt in Richtung Waldhofstraße davon und hält sich nur schwer über den Köpfen der Leute, als plötzlich ein Bus auftaucht, gegen den er in der nächsten Sekunde unweigerlich prallen muss. Mit einem halsbrecherischen Manöver schlägt er eine Kurve nach rechts, weicht dem Bus damit aus, die Leute im Inneren können kaum glauben, was sie sehen, die schwarzen Flügelspitzen des Vogels ragen senkrecht in die Luft und dann landet der Storch auf einem schmalen Wiesenstreifen direkt neben den Tramschienen und schüttelt sich, als hätte ihn ein Regenguss erwischt.

K und ich gehen endlich weiter, queren die Straße und laufen in Richtung Wohnung. In solchen Augenblicken kann man nichts tun, man kann den Tieren nicht helfen. 

Und was sollten wir schließlich auch machen? Den Dreikilostorch zu Boden ringen, um ihn gefesselt zurück in Richtung Park zu schleppen? Am Ende muss er den Ausweg aus eigener Kraft finden, genau wie wir. 

Zu Hause setze ich mich an meinen Rechner und bringe das Lektorat der Gärten in der Wildnis zu einem Ende. Der Roman soll Anfang August erscheinen und muss Ende Juni bei der Druckerei landen, was mir noch Zeit für eine letzte Fahnenkorrektur in zwei Wochen geben sollte. 

Ich entdecke wieder zahllose Fehler, schreibe auf jeder Seite um. Da der Roman in naher Zukunft spielt und am Ende ein paar Tagebuchaufzeichnungen besitzt, kontrolliere ich abschließend noch einmal alle Datierungen. Stimmen die Tagesangaben? Ist der 8. Juni 2030 tatsächlich ein Samstag?

Aufgeregt stelle ich fest, dass ich den Erzähler am 22. April 2030 sagen lasse, er hätte sich im Museum krankgemeldet, um nach seinem verschollenen Freund zu suchen. Aber der 22. April ist Ostermontag und damit ein Feiertag und das alles kann nicht stimmen. Also gehe ich noch einmal akribisch die Datierungen durch und finde weitere Fehler, falsche Verknüpfungen, die mich rasend machen, denn ich glaube sofort, in diesen flüchtigen Schnitzern die Spitze des Eisbergs zu erkennen. Wenn ich das alles nicht bemerkt habe, was ist mir noch durch die Lappen gegangen? So weit ich es erkennen kann, stimmen am Ende zumindest die Datierungen.

Jetzt habe ich fast zwei Jahre mit diesem Roman verbracht und kann ihn nicht mehr sehen. Durch das Lektorat ist er besser geworden, viel besser sogar, aber ich kann das alles nicht mehr lesen, ich will es endlich abschließen und nicht mehr daran denken müssen. 2019 habe ich den Text begonnen und beendet, Anfang 2020 an die Verlage und Literaturagenturen geschickt und für meinen Geschmack hat alles viel zu lange gedauert, sich endlos in die Länge gezogen. 

Das Warten auf eine Antwort, auf irgendein Zeichen. Und dann die unweigerlichen Absagen, mit denen man insgeheim rechnet, um sich gegen sie zu wappnen und die am Ende doch verletzen, bis man sie schließlich kaum mehr registriert. Das alles gehört dazu, sagt man sich, warum sollte es auch anders sein?

Kurz bevor ich mich in Richtung Kletterhalle aufmache, öffnen sich draußen die Wolken. In einem Augenblick ergießen sich Sturzbäche auf die Stadt, der Regen hebt nicht an, sondern besitzt sofort seine volle Kraft, als zerschnitte man einen mit Wasser gefüllten Ballon. Das Rauschen des Regens ist so laut, dass die Musik, die über die Lautsprecher meines Laptops läuft, in den Hintergrund tritt. Auch die Geräusche unserer Wohnung und des Hauses verstummen und der Regen übernimmt, er schwappt durch das geöffnete Fenster, überspült draußen das Viertel und die Straßen und auch die Rufe und Gespräche der Menschen. Der Wolkenbruch hält für etwa zehn Minuten an und endet ebenso abrupt, wie er begann. Jetzt tröpfelt es noch leise von der Buche und der Birke im Hinterhof herab auf das feuchte, faulige Laub, das den Boden vor den Garagen bedeckt, doch auf der Straße mache ich die ersten Stimmen bereits wieder aus, die sich, da bin ich mir sicher, in Richtung Messplatz bewegen, auf die Bänke zu und die schwachen, verkrüppelten Bäume.

Regen, Sonntag, 16. Mai

Es regnet seit Tagen. Zwischen den Schauern taucht die Sonne auf und erinnert daran, dass die ersten Wochen im Mai bereits vergangen sind. Als ich am Fluss spazieren gehe, sitzen überall Angler in dunkelgrünen Regenklamotten. Einige haben drei oder vier Ruten ausgelegt und sich vorausschauend unter die Brücken gesetzt, denn der nächste Regenschauer kommt bestimmt. Ich frage mich im Vorbeigehen, ob die Angler jemals etwas fangen oder ob ihre Anwesenheit am Fluss bloßes Theater ist, denn ich habe niemals einen dieser Männer aufgeregt an seinen Geräten herumfummeln sehen, nie halten sie einen eben erst gefangenen Fisch in den Händen. Egal, wo und wann ich auf sie treffe, sie sitzen stets in einem Campingstuhl, betrachten das Wasser, als läsen sie dort etwas ab, das allen Nichtanglern entgeht, und strömen eine geheimnisvolle Seelenruhe aus, die mich misstrauisch macht. So gelassen kann ein Fluss und die Aussicht auf einen Fisch am Ende nicht sein, denke ich und laufe weiter bis zur Schleuse, um mich dort auf eine Treppe zu setzen, die nach unten zum Wasser führt. 

Ich schlage den dritten Band von Tove Ditlevsens Kopenhagen-Trilogie auf und lese über ihre Drogensucht. Es kommt mir eigenartig vor, dass Leute wie Burroughs zur selben Zeit in einem ganz anderen Land die Drogen ausprobieren, so wie Ditlevsen das tut, aber keiner etwas vom anderen weiß. 

Hin und wieder tauchen Spaziergänger in meiner Nähe auf, einige haben Hunde dabei. Ich drehe mich nicht nach ihnen um, sondern bleibe auf meiner Treppenstufe sitzen, verharre in meiner eigenen, stillen Zone, ohne mich von den anderen stören zu lassen. Sobald die Wolken für einige Minuten aufreißen, muss ich meine Augen zusammenkneifen, um mich vor der auf dem weißen Papier reflektierenden Sonne zu schützen.

Das Wasser erzeugt keinen Laut. 

Es weht ein kühler Wind. 

Ruderer ziehen auf dem Fluss an mir vorbei, wie immer so, dass sie unmöglich erkennen können, auf welches Ziel sie sich zubewegen. Eigenartigerweise, überlege ich, gleichen sie damit Walter Benjamins Engel der Geschichte. Das Rudern bleibt wahrscheinlich der einzige Sport, bei dem man jenen Punkt im Blick behält, von dem man sich unweigerlich entfernt. Allerdings ist das sicher auch alles, was das Rudern mit Benjamins Engel verbindet.

Am gegenüberliegenden Ufer leert ein Mann eine Plastiktüte mit altem Brot klatschend in das Wasser, obwohl kein einziger Vogel in der Nähe ist. Für einen Moment scheint er abzuwarten und sich über das Ausbleiben der Schwäne und Enten zu wundern, doch dann bemerkt er mich auf meiner Treppe, wird unsicher und verschwindet. 

Vielleicht war das seine einzige Beschäftigung an diesem Tag, denke ich. Vielleicht hat dieser Mann die ganze Woche über Brot gesammelt und sich auf untreu gewordene Schwäne und Enten gefreut. Unverrichteter Dinge zieht er jetzt ab, die Wohnung wartet, die neue Woche wartet, es wird wieder Brot geben, das alt wird und hart und sich im hohen Bogen Wasservögeln an den Kopf werfen lässt.

Einige Minuten später läuft ein altersschwacher Hund mit braunem Fell an mir vorbei und beginnt lautstark aus dem Wasser zu trinken. Hunde besitzen starke Mägen, sie halten einiges aus. Als er seinen Durst gestillt hat, dreht er sich um und sieht mich fragend an. Ich erwidere seinen Blick, versuche ein stummes Einverständnis zwischen Tier und Mensch von seinen Augen abzulesen, bis sich die schwarze Nasenspitze prüfend bewegt und er wieder im hohen Ufergras verschwindet. Ich schaue mich nach einem Besitzer um, entdecke aber keinen Menschen in meiner Nähe.

Auf dem Rückweg steht die Sonne ununterbrochen über der Uferwiese und heizt die Luft derart auf, dass ich meine Regenjacke ausziehen muss. Im hinteren Teil des Ufers, noch auf Höhe der Schleuse, steht das wilde Gras hüfthoch, darunter viel angewehtes Getreide, das der Wind in rollende Wellen verwandelt. Die Ähren glänzen silbern und erinnern mich an Samt, an das Grau von Weidenkätzchen. Es würde mich nicht wundern, wenn zahllose Hunde durch das hüfthohe Gras hetzten, ohne dass man davon etwas mitbekäme. Sie buddelten Löcher, lebten in verzweigten Höhlen und in der Nacht kämen sie manchmal an die kalte Luft, um den Mond anzuheulen.

Dann spüre ich einen Tropfen auf meiner Stirn und sehe hinauf in Richtung Himmel, als mich ein zweiter Tropfen erwischt. Ich ziehe meine rote Regenjacke wieder an und nach fünf oder sechs Metern laufe ich bereits durch dichten Regen. Unter der Brücke erwarten mich die Angler genauso unbeweglich und mit sphinxhaften Gesichtern wie vor einer Dreiviertelstunde. Die Sonne, der Regen, der Mann mit seinem Brot und die unsichtbaren Hunde, die Angler wussten von Beginn an Bescheid und haben für das Muster der Dinge nur ein müdes Lächeln übrig.

6. Februar

Im strömenden Regen gehe ich für einen kurzen Spaziergang nach draußen, nehme eine mir unbekannte Straße und habe mich nach zehn Minuten verlaufen. Obwohl ich seit vier Jahren in dieser Stadt und diesem Viertel wohne, kenne ich die Gegend noch immer nur in Ansätzen, erinnere höchstens zwei oder drei Straßennamen und kann auch sonst niemandem weiterhelfen, der auf die Idee kommt, mich nach dem Weg zu fragen. Merkwürdigerweise ging mir das in allen Städten so, in Berlin, Wien, Leipzig, Ludwigsburg und jetzt in Mannheim.

Ich möchte eigentlich zum neuen Messplatz hinüber, den ich mir in seiner grauen Verlassenheit wunderbar im Regen vorstelle, doch statt den Platz zu erreichen, tauche ich gleich in der Nähe des Rotlichtviertels auf. Es ist kein komplettes Viertel, sondern nur eine einzige Straße, deren Enden mit dunkelroten Metalltoren abgesperrt sind. Die Farbe ist stumpf, bordeauxrot vielleicht und erinnert mich an die Dielen in Katharinas Berliner Wohnung. Die hatte man auch in diesem Ton gestrichen, nur nannte man die Farbe nicht Rot, sondern Ochsenblut, was mich damals, als ich diesen Begriff zum ersten Mal in aller Unschuld hörte, regelrecht umgehauen hat. Die Farbe stammte sozusagen aus den Schlachthöfen und hat die einstigen Bewohner im ochsenblutroten Wedding auch an nichts anderes erinnert. Die Leute wateten tagsüber in den Schlachthäusern bis zu den Knöcheln im Blut und haben dann, wahrscheinlich weil ihnen jede andere Farbgebung des Bodens schon nach kurzer Zeit verlogen und völlig falsch erschienen ist, auch die Holzdielen ihrer kümmerlichen Zimmer so gestrichen. Während ich weiterlaufe, erscheint mir diese Unfähigkeit, das Grauen hinter sich zu lassen, als klarer Beweis für das Trauma, das wir niemals überwinden, sondern immer nur in anderen Ecken verteilen.

Heute hat natürlich alles geschlossen, die Bordelle und Museen sind zu, das Virus mutiert, der Himmel ist filzgrau und die Autos auf der Fahrbahn durchpflügen den Regen mit nassen, schmatzenden Geräuschen. Was ist das für ein Tag, denke ich. Nicht mal das Herumlaufen ergibt einen Sinn und normalerweise tut es das doch stets. Allein gebe ich mich ungern als echten Spaziergänger zu erkennen, ich setzte meinen Rucksack auf, um den Anschein eines Ziels und einer Aufgabe zu erwecken, als hätte ich die Wohnung gerade in Richtung Supermarkt verlassen oder käme von der Arbeit zurück. Das nehmen einem die Leute viel eher ab, als dieses Bild des müßig herumschlendernden Mittdreißigers, der hin und wieder anhält, um ein minimalistisches Handyfoto ausgestorbener Geschäftsflächen zu knipsen. Ich frage mich, wann diese Gesten unmöglich werden. Wann Scham und Selbsterkenntnis mich gnadenlos überwältigen und ich begreife, am Ende eben doch nur jenes Abbild all der verachteten Klischees zu sein, die ich vor zehn oder fünfzehn Jahren pausenlos entdeckte.

Ich laufe weiter quer durch das Viertel, erreiche nach einer Weile gedankenverloren die Alte Feuerwache und laufe über die Brücke. Der Neckar ist nun wirklich atemberaubend angeschwollen, wirkt wie ein Urwaldgewässer mit seiner ockerfarbenen, verschlammten Oberfläche. Der Fluss bewegt sich träge, schläfrig sogar und plump. So stelle ich mir eine satte Anaconda vor, die sich nach einer elaborierten Mahlzeit wunderbar und angeschwollen rekelt. Wenn man es genau betrachtet, hat das alles auch etwas Obszönes. Das Gefräßige, das Verschlingen, das Einverleiben der Landschaft.

Von der Brücke aus scanne ich das Ufer. Vieles davon liegt in unscharfen Schlieren, besonders natürlich der Hintergrund Richtung Heidelberg. Meine Augen waren auch einmal besser. Wahrscheinlich brauche ich bald ein Brille, dabei bilde ich mir auf mein glasfreies Gesicht doch so viel ein. Plötzlich fällt mir etwas auf. Dort unten am Ufer steht ein Hippiemädchen. So etwas würde ich selbst als halbblinder Augenpatient erkennen, dafür besitze ich eine Art sechsten Sinn. Diese Leute in ihrer albernen Staffage, die irgendein Freiheitsgefühl vorgaukeln soll, das man sich in einem superalternativen Onlineversand zulegt, um es mit dem Geld, das alle anderen auch verschwenden, zu bezahlen, stechen doch wirklich überall heraus und ziehen die Aufmerksamkeit ja auch zielsicher wie quengelnde, unendlich verwöhnte Kinder an.

Das Mädchen steht ganz allein hinter der Hochwasserabsperrung. Natürlich gut sichtbar für alle, die sich auf den oberen Uferpfaden bewegen. Und sie steht nicht einfach nur da, um das Wasser oder was auch immer zu betrachten, nein – sie jongliert. Klar, das ist ja auch passend, denke ich sofort mit einer wirklich atemberaubenden Wut in der Brust, hier versucht mal wieder so ein Regenmagier in peruanischer Nascauniform die Götter zu beruhigen. Diese Leute sind so unglaublich berechenbar, das mir richtig übel wird, obwohl ich mich samt meiner kleinbürgerlichen Verbitterung doch auch nicht einfach losreißen kann. 

Das Mädchen jongliert ja nicht für sich, das könnte sie auch zu Hause in ihrer Patschuliwohnung tun. Nein, sie muss hinaus, sie muss hinter die Absperrungen, die selbstverständlich bloß für alle anderen existieren, denn für sie, ja, sie sind die Regeln nichts weiter als belächelnswerte Äußerungen eines völlig beschränkten gesellschaftlichen Geists. Doch diesen Umstand kann sie nicht für sich behalten. Nein, sie muss den anderen zeigen, wie frei sie ist, wie ungebunden, wie wenig sie sich um das Konforme schert. Diese zur Schau gestellte Ungebundenheit hat etwas Überhebliches, etwas ganz eigenartig Selbstbezogenes, das auch den esoterischen Mittvierzigern eigen ist, die im Alnatura Schlange stehen. Auch sie arbeiten sich mit Ellenbogen an der Kasse nach vorn, obwohl sie in jedem Gespräch von Achtsamkeit, Fairtrade und Selbsterfahrung faseln. In ihrer ganz eigenen Konformität kopieren sie unbewusst die Gesten des neoliberalen Egomanen, für den sich alles auch nur um sich selbst dreht. Ich spüre, dass hier eine große Verwechslung vorliegt, dass die Leute den Begriff der Freiheit völlig missverstehen und zur Pose verkommen lassen, zu einer weiteren Arbeitsaufgabe, der man sich self-help-mäßig widmen muss. Und natürlich wünsche ich mir in diesem Augenblick einen heimtückischen Schwanenangriff herbei, der das Hippiemädchen in JAWS-Manier auf Nimmerwiedersehen in die öligen Fluten zieht.

19. bis 21. Januar, Büro

Ich werde ein ganzes Jahr beschreiben, sage ich mir heute, als ich kurz nach fünf ins Büro zurückkomme, ich werde einfach ein ganzes Jahr lang schreiben und beschreiben, was ist, was es auf sich hat mit dieser Wirklichkeit. Ich sage mir das, als ich aus einem Termin zurückkehre mit irgendwelchen Architekten, die ich insgeheim für Hochstapler halte, für eine kleine Gruppe gemeiner Lügner, die da irgendetwas für irgendwen fabrizieren und selbst nicht genau wissen, was sie eigentlich tun, sich aber auch nicht verpflichtet fühlen, ihr Handeln zu erklären.

Ein ganzes Jahr, sage ich mir. So ein Jahr kann leer sein oder unerträglich voll. Gerade kommt es mir sehr angefüllt vor mit allem, was auf mich wartet, mit dem Roman, mit dem zweiten Roman, mit einem Umzug vielleicht, es ist ganz eigenartig. Und das will ich beschreiben, denke ich, ich beschreibe, was ist, was also so als Wirklichkeit durch das Bild rutscht, durch die dunklen Spaliere gerade außerhalb des Zugabteils, in dem ich sitze, um hinaus zu starren in (1) einen Tunnel, dann (2) einen Bahnhof (Mainz, Römisches Theater), dann (3) ein weiteres Viertel, in dem sich die Straßen glanzlos verlieren, bis der Rhein auf der gegenüberliegenden Seite des Zuges durch die Dunkelheit schwimmt. Doch den Fluss erahne ich eher, als dass ich ihn sehe. 

Als ich vorhin den Bahnhof erreiche, sind alle Uhren abgeklebt. Für einen Moment glaube ich an den Ausbruch einer vagen Rebellion, auf die Kugeln in den Zeitanzeigen, doch schon auf der Rolltreppe stellen sich Wirklichkeit und Vernunft wieder ein. Beide gehen ja manchmal Hand in Hand. Diese Wirklichkeit, eigentlich kann ich sie ja überhaupt nicht ab. Ich bemerke sie kaum, mir fällt das Wirkliche erst auf, wenn es mir zustößt wie ein solcher Schuss auf die Uhren, wenn sich ein Schmerz sozusagen einstellt. Ansonsten läuft die Wirklichkeit parallel zum eigenen Pfad und fällt nur selten ins Gewicht.  Entweder bricht sie über dich herein und dann ist es immer überwältigend oder aber du bemerkst sie nicht einmal wie einen dieser Irren, die abends die Bushaltestellen bevölkern. Manchmal gibt es Risse und das Wirkliche taucht auf, als zwänge es sich durch die Holzlatten eines ziemlich gut gezimmerten Zauns. So wie C, der gerade mit Charlie auf dem Arm in Marseille sitzt, den neuen Roman gelesen hat und mir eine Mail schreibt. Dieses Bild (C auf der Couch mit dem schlafenden Charlie im Arm) das ist etwas Wirkliches, das ich mir sofort vorstellen kann, auch wenn die Kleinigkeiten fehlen (die Beschreibung des Zimmers, die Farbe der Couch, die Farbe von Charlies Haaren, vom Tragetuch, die Geräusche in der Wohnung, ist Cs Freundin da, schläft sie vielleicht gerade in einem anderen Teil der Wohnung, sind die Fenster geöffnet, ist es gerade warm oder kalt im Süden Frankreichs?). Das Wirkliche braucht den Rahmen nicht, es kann für sich existieren in einer ganz einfachen, brüchigen Beschreibung. C mit Charlie im Arm auf einer Couch. Ja, das geht mir aus irgendeinem Grund näher, als der ganze Tag im Büro, der eigentlich nur etwas Unwirkliches besitzt. Unwirklich, weil so viel totes Leben, so viel Zeitverschwendung in ihm steckt. In Marseille lebt etwas, sage ich mir, und erst mit dem Leben macht die Gleichung Sinn, auf deren anderem Ende das Wirkliche steht.

Jetzt sitze ich im Zug und fahre heim, höre DEUTSCH NEPAL, so ein monotones Stampfen und Wummern quer durch die oberdeutsche Landschaft, so ein regelrechtes Marschgezwitscher, in dem Todesphantasien eine helle Wand tapezieren und dann plötzlich wieder TUNNEL, ein Tunnel jagt den nächsten, Tunnel überall, die ganze Welt ist untertunnelt und voller Löcher, überall treibt man diese Durchbrüche in unsere Gebirge, die man im Vorfeld millimeterweise vermessen und verzeichnet hat. Die Landvermesser scheinen ja allgegenwärtig mit ihren Theodoliten und Drohnen, überhaupt führen jetzt selbst die Geologen solche Drohnen in ihrem Arsenal, während die Landschaft vor dem Zugfenster weiter in der Dunkelheit webt und webt und webt, sie webt ein feines Gespinst aus unmöglicher Wolle, eine Art Nachtwolle, riesige schwarze Strümpfe zieht sich die Nacht dort draußen über die Schenkel und stapft dann davon in eine unbestimmte Richtung. Und ich, ich mit meiner FFP2-Maske sehe im Obsidianspiegel des Zugfensters wie eine Ente aus mit einem riesenhaften weißen Schnabel und mache mir aus all dem nicht viel. Dabei hätte ich mich noch vor wenigen Jahren kaum hinaus getraut mit einem solch verunstalteten Gesicht. Ich hätte mich geschämt, wäre die ganze Zeit mit hochrotem Kopf durch die Gegend gelaufen, unfähig auch nur irgendjemandem in die Augen zu sehen.

* * *

Wieder dauert es Stunden, bis ich Schlaf finde, obwohl ich völlig übermüdet bin (auch in der letzten Nacht lag ich bis halb eins wach). K streichelt mir die Stirn und das beruhigt mich. Gegen halb vier wache ich wieder auf und laufe ruhelos durch unser Wohnzimmer. In mir sträubt sich alles gegen das Büro, mein Körper sperrt sich gegen die Zugfahrt am Morgen und den Ablauf des übrigen Tags wie ein Tier, das sich wildgeworden schüttelt. Ich fühle diese Bewegung in mir mit einer Deutlichkeit, die mich selbst verblüfft. Viel zu oft besitzen die eigenen Regungen ja nur unerklärliche Gründe, die auch nach langem Grübeln wenig heller werden. Ich erkenne also die Ursache meiner Unruhe, verstehe gleichzeitig aber auch, wie sehr ich mich anstelle. Drei Tage Büro und mehr nicht, du bekommst genügend Geld heraus und kannst davon leben, warum will das einfach nicht funktionieren? Doch jede Stunde im Museum ist eine Stunde zu viel und mein Körper wehrt sich, egal wie sehr ich ihn mit irgendwelchen halbvernünftigen Argumenten bearbeite, er zerrt weiter wie ein Hund an der Kette, der den Riesenbetrug sehr genau begreift. Seine Wut reißt sich in genau jenem Augenblick krampfhaft los, als man einen vollgestopften Fressnapf vor ihn setzt. 

Ich laufe weiter im Wohnzimmer herum, während draußen noch die Nachtstille herrscht. K schläft ungerührt in unserem Bett, hat von meinem Verschwinden nichts bemerkt. Gegen vier tauche ich wieder zwischen unseren Decken ab. Um sechs klingelt schließlich der Wecker. In den letzten beiden Stunden hat sich meine Abneigung riesenhaft in mir aufgetürmt. Ich schlurfe in Richtung Bad, versuche dabei so leise wie möglich zu sein, gehe in Gedanken aber bereits Arbeitsszenen durch, die in versteinerter Wiederholung auch heute auf mich warten werden. Ich beklage mich bei meinen Kollegen über das Museum, über die Führung, über den unglaublichen Stillstand und meine Kollegen beschweren sich bei mir. Es gebe keine Ergebnisse. Die Direktion sei völlig kopflos. Die zugeteilten Aufgaben entsprächen nie dem persönlichen Arbeitsbereich. Immer wären alles unendlich wichtig, müsste augenblicklich erledigt werden, um dann auf Nimmerwiedersehen im Limbus aufgeschobener Projekte zu verschwinden. Der Großteil des Tages wird mit diesen Klagen gefüttert und ich verfluche mich in der Rolle des resignierten, ewig sich beschwerenden Angestellten, der Stunden damit zubringt, die mangelhafte Einrichtung des Büros und damit seiner Welt zu sezieren. Am Ende geschieht ja doch nichts, es wird sich nichts verändern und jeder weiß davon. Man arbeitet sich an der Bestandsaufnahme ab, als läge in ihr eine Form der Rettung. Doch es gibt nur einen Ausweg und der heißt Flucht, kein Geld und damit eine weitere, diesmal negative Qual. Erbärmlich bleiben letztlich nur die Alten, die das alles lange hingenommen haben und, sobald man auch nur das niemals ernst gemeinte Wörtchen Rebellion erwähnt, müde zu lächeln beginnen. Man wolle sich doch nicht etwa die eigene Karriere verscherzen, denken sie doch an ihre Zukunft. Und das sagen Menschen, die überhaupt nicht mehr arbeiten, die alle Leidenschaft vor Jahrzehnten eingebüßt haben und vom toten Mobiliar kaum noch zu unterscheiden sind. Diese Leute haben immer eine Floskel parat, um das Unerträgliche am Laufen zu halten. Als kleine Mechaniker der Maschine verspritzen sie ihr phlegmatisches Öl, ohne ein Gefühl mehr für die Selbstverleugnung zu besitzen, die  Muster aus Gleichgültigkeit auf ihre Gesichter streicht. Sie sind genauso schuld am Fortbestand des Büros wie ich. Nur haben sie das inmitten ihres hilflosen Scheuklappenrückzugs längst vergessen. 

Später am Tag erinnere ich mich plötzlich an unsere Reise nach Vietnam. Vor den Fenstern fällt der Regen. Seit Stunden regnet es so, die Pfützen auf dem Platz wachsen unaufhaltsam an und es entsteht eine Art Teichlandschaft zwischen den geschlossenen Verkaufsbuden vor der Kirche. In einem solchen, allerdings viel wärmeren Regen stand ich vor wenigen Jahren mit K, südwestlich von Hanoi. Wir hatten vor einem Denkmal gefallener Soldaten Halt gemacht oder vielmehr unter den riesigen Bäumen, die neben dem Denkmal wuchsen und uns vor dem Schauer schützten. Das Denkmal wies auf Gefallene des Vietnamkriegs hin, alles junge Männer, die irgendwo in den Reisfeldern der Umgebung gestorben waren. Die Lage des Denkmals, eingebettet in karstige Berge und von Wasserbüffeln durchzogene Ackerflächen, kam mir sehr schön vor, aber was kann eine solche Nachweltsidee, eine derartige Schönheit am Ende jenen bedeuten, die im Schlamm krepieren, denen die Erinnerung im Augenblick des Totes ganz egal sein muss? 

Auf der Straße fuhren die Dorfbewohner auf Fahrrädern durch das Bild, eingehüllt in bunte Regensachen, die wie aufgespannte Zelte wirkten. Im Hintergrund fanden Arbeiten an einem Friedhof statt. Arbeiter in Alltagskleidung (einige trugen Anzüge, als hätten sie am Morgen eine Hochzeit besucht), warfen Ziegel hin und her, scheinbar absichtslos, ohne jeden Bezug auf eine im Entstehen befindliche Konstruktion, auf ein Grab, einen Tempel, irgendwas. Die Ziegel glitten wie die Regenzelte durch das Bild, folgten einem ganz bestimmten Takt. Und eine halbe Stunde später startete K unseren Roller und wir fuhren davon.

* * *

Weiter, weiter, denke ich heute (es ist Donnerstag, der einundzwanzigste). Ich versuche mich an die Regenschauer meiner Kindheit zu erinnern, aber mir fällt nichts ein. Stattdessen tauchen die Regenfälle in Thailand vor mir auf, K und ich in unseren Plastikplanen mit Kapuze, kurz nachdem wir am Strand gewesen sind. Doch was ist mit den anderen Gewittern, den verschütteten Gewittern in Gera, dort bin ich doch groß geworden. Mir fällt nur ein einziges ein, aber da hat es nicht geregnet, glaube ich, sondern gehagelt. 

Ich stand mit meiner Mutter im Flur des alten Hauses, in das meine Schwester in wenigen Monaten einziehen wird. Meine Eltern haben sich im letzten Jahr ein anderes Haus zugelegt, sind auf ihre alten Tage, wie sie erklären, unvernünftig geworden, es ist ja eine letzte große Anschaffung, sagen sie mir, der ich nicht weiß, wie man als Kind auf einen solchen Satz reagiert. Dieser Satz scheint mir unbeherrschbar zu sein, in seinem Hintergrund spielt sich viel zu viel ab, auf das ich weder eine Antwort geben kann noch zu reagieren weiß. Der Satz zieht über mich hinweg wie ein kühler Luftzug im Mai oder im August. Man schüttelt sich und macht weiter. Früher, sage ich mir, ging meinen Eltern ein solcher Satz nicht über die Lippen. 

Im alten Haus meiner Kindheit aber stand ich an einem Sommernachmittag gemeinsam mit meiner Mutter im kleinen Flur, der den größeren von der Haustür trennte und eine Art Windfang gewesen ist. Wir betrachteten durch das Fenster hindurch den Himmel. Auf dem Fensterbrett wucherten die Kakteen in der Hitze, im Raum war es schwül wie auch draußen, eine drückende Schwüle, halb Backofen, halb Dschungel, die einem, egal wie wenig man sich auch bewegte, ständig den Schweiß ins Gesicht trieb. Hinter dem Fenster blitzte das Dach der Garage und das Nachbarhaus auf und dahinter lag der Himmel in einem so unwahrscheinlichen Grün, das wir sprachlos im Flur blieben, unfähig uns zu bewegen. Das schien mir schon kein gewöhnlicher Gewitterhimmel mehr zu sein, mit seinen grauen, dicken, so schwerfälligen Wolken, hinter denen sich der Donner schüttelt. Dieser giftgrüne Himmel wirkte wie aus einer anderen, fremden Welt. Vielleicht schwirrten damals irgendwelche Partikel durch die Atmosphäre, vielleicht brach sich das Licht ganz eigentümlich, wer weiß. Und es war still, ausgesprochen still sogar, als hätten sich alle um uns herum für immer verabschiedet. Nur hin und wieder rührte sich das Fauchen des Windes draußen, ein heftiger Stoß in die Baumwipfel hinein, die sofort vor Angst zusammenzuckten. In meiner Erinnerung stand ich eine halbe Stunde neben meiner sprachlosen Mutter und brachte selbst kein Wort hervor. Ich hatte Angst vor diesem unnatürlich grünen Gewitter und getraute mich gleichzeitig nicht, meiner Mutter diese Angst einzugestehen. Vielleicht fürchtete ich mich auch vor der Sprachlosigkeit meiner Mutter, die normalerweise jedes Gewitter auf die leichte Schulter nahm, denn es war ja nichts Besonderes. 

Jetzt im Nachgang glaube ich, damals so etwas wie ein Ende gesehen zu haben, das einfach auftaucht in seiner überraschenden Stummheit und unser riesenhaft überspült. Irgendwann brach der Hagel aus den Wolken und trommelte mit unzähligen kleinen Fäusten auf die Straße und das Haus. Aber da befand ich mich bereits wieder in meinem Kinderzimmer. Und dort gab es die vertrauten Gegenstände. Es gab mein Bett, es gab den Stuhl, es gab meinen Schreibtisch mit dem Schrankaufsatz, es gab meine Bilder, die ich aus Zeitschriften ausgeschnitten hatte, es gab die Dachschrägen, den weiß gestrichenen Türrahmen. Alles Anker, an denen man sich befestigt, um nicht davon zu fliegen.

Alles schmilzt

Und auf den Dächern wehen die Fahnen

Da ist ein Winterblau

Eine weiche Ebene im Hintergrund

Die Dächer tragen Spiralen

Und man sagt: ich komme heute später heim

Man macht dies, dann etwas anderes

Spült das Geschirr, wäscht die Wäsche

Mit den Jahren verlagert sich das Gewicht

Die Triumphe bleiben überschaubar

Irgendjemand lächelt dich auf der Straße an

Und bittet um deine Unterschrift

Doch dafür hast du keine Zeit

Und gehst natürlich vorbei

Vielleicht sind diese Aufzeichnungen auch eine riesige Schnapsidee. Ich schwanke unablässig, komme aber zu keinem rechten Ergebnis. Vielleicht ist das alles gut, vielleicht auch nicht. Vielleicht steckt etwas Schönheit darin, das muss doch möglich sein, denke ich, du wirst doch wohl einen schönen Augenblick beschreiben können, den weichen Regen zum Beispiel in Vietnam oder Thailand, diese genügsamen Augenblicksschauer, die wenig mit den Menschen, dafür aber vieles mit der Landschaft zu tun haben. Schauer, die sich nicht gegen die Leute richten wie bei uns, sondern um sie herum fließen in die Landschaften hinein. So einen Regen kannst du doch beschreiben, selbst dann, wenn dir der Regen deiner Kindheit nicht mehr einfallen will. Doch jetzt gerade frage ich mich, was ich hier eigentlich mache, in welches neue Nichts ich schon wieder zu schreiben beginne. Schon wieder ein so leerer Bereich, in den ich das Schreiben stelle, um auf eine Antwort zu warten, auf irgendeine Stimme, die sich regt und sagt, das ist doch gar nicht so schlecht, mach weiter. Aber immer nur die eigene Stimme mit ihren Durchhalteparolen, das ertrage ich nicht bis zum Schluss, dafür bin ich sicher zu schwach. Und dennoch muss man ja weitermachen und an etwas glauben, man muss ja daran glauben, irgendwann und irgendwo anzukommen, auch wenn man nicht sagen kann, wo genau das ist. Man muss auf der Möglichkeit einer Ankunft beharren, es darf nicht alles sinnlos sein und in den Wind gesprochen. Am besten mache ich mich jetzt auf Weg in Richtung Zug und auf dem Weg denke ich über das alles nach. Jetzt ist es 18.05 Uhr. Draußen ist schon Nacht und es regnet etwas. Aber ich trage meine GoreTex-Jacke und bin gegen den Regen geschützt.