Freitag, 19. März

Der Wind vor den Fenstern frischt wieder auf und legt sich auf das Schreiben, weht über die fiktiven Seiten meines Bildschirms, hinterlässt diese Zeilen, ein paar wenige, aneinander gereihte Zeichen. Man wechselt die Plätze, die Zimmer, tauscht das Büro gegen einen anderen Schreibtisch aus und beginnt dort erneut. Man erzählt und beschreibt einen Tag. Was ist an diesem Tag alles geschehen, in diesen wenigen Stunden zwischen Nacht und Nacht, Schlaf und Schlaf, zwischen zwei Anfängen, die immer nur lose miteinander verbunden bleiben. 

Ich laufe durch den Park. Noch immer ist es kalt und ich erreiche das Gehege der Tiere, stehe für Minuten vor den Vogelvolieren und sehe mir die ins Freie zurückgekehrten Enten an. Es sind keine gewöhnlichen Enten, sie sind kleiner, haben braunes Gefieder mit weißen Punkten und die Federn glänzen wie Samt, obwohl der Himmel bedeckt ist und das Licht eher stumpf. 

Auch das Truthahnpärchen ist jetzt, nach Monaten der Abwesenheit, wieder im Freien unterwegs und stolziert etwas unsicher durch den eng begrenzten Bereich der eigenen Gefangenschaft. Ich wünsche den Tieren stets, dass sie nicht recht verstehen, was mit ihnen geschieht, dass sie nur halb bei Bewusstsein sind, zumindest in ihren Käfigen, das Eingesperrtsein somit kaum, vielleicht nur in seltenen Momente erahnen oder vielmehr erfühlen, um dann sofort wieder alles zu vergessen. Das halbe Bewusstsein der Tiere würde uns Menschen entlasten, die wir so etwas wie Gefängniswärter sind in einem globalen, wirklich unfassbaren Ausmaß. Denkt man länger über die Gefangenschaft dieser endlosen Populationen nach, scheint der Wahnsinn nicht mehr weit, der Wahnsinn, denke ich manchmal, ist überhaupt eine sehr einfache Sache, wenn man ehrlich zu sich ist.

Hinter dem Truthahnkäfig warten die Wollschweine auf mich, die immer mit irgendetwas beschäftigt sind. Tatsächlich wirken sie stets so zufrieden, als wären sie genau in ihrem Element. Es können noch so viele Familien mit schreienden Kindern vor der Mauer stehen, die Schweine kümmern sich darum nicht, wühlen stattdessen im Schlamm oder kauen unablässig auf kleinen Kieseln herum, die sie sich, wer weiß woher, besorgt haben. In der Mitte des Schweinegeheges hat man einen kleinen, kreisrunden Tümpel angelegt, der völlig verschlammt ist und auch grün, aber das scheint die Schweine nicht zu stören, die ihre Kiesel hier bewässern und dann weiter auf den Steinen kauen, was ich einmal nachschlagen müsste, wie ich denke, denn ich weiß natürlich überhaupt nicht, weshalb die Schweine das machen und gehe einfach davon aus, es habe sicher etwas mit ihrer Verdauung zu tun, mit Mineralien, die ein Schweinekörper eben braucht und nur in solchen Kieseln finden kann.

Ich laufe weiter. Heute ist kaum etwas los im Park, denn vor einer halben Stunde hat es stark geregnet und jetzt trauen sich die Leute erst einmal vorsichtshalber nicht mehr vor die eigene Tür.

Die Zwergziegen sind munter, ich sehe drei Jungs an der gegenüberliegenden Mauer des Streichelgeheges stehen, sie sind vielleicht zehn oder elf Jahre alt und beobachten mich aufmerksam. Ich gehe weiter zu den Shetlandponys, mit denen mich eine  Art Wahlverwandtschaft verbindet und schaue dann zurück zu den Kindern, die jetzt gerade die Mauer erklimmen und hinein springen in das eigentlich für Besucher geschlossene Gehege.

Ich überlege, ob ich etwas sagen soll, ob ich jetzt den Erwachsenen spielen muss und schwinge mich innerlich bereits zum Verteidiger der Ziegen auf, die ich in Ruhe gelassen wissen will, bin plötzlich eine Art Ziegenschützer, doch schon in der nächsten Sekunde erscheint mir das alles völlig sinnlos. Warum sollte ich diesen Kindern einen Schrecken einjagen, sie haben ja nicht wirklich etwas vor und lassen, wie ich dann sehe, die Ziegen auch komplett in Ruhe. Wahrscheinlich war das Erklimmen der Mauer eine Mutprobe oder so etwas, ähnliche Sachen habe ich in diesem Alter, das mir jetzt so unendlich fern vorkommt, als hätte ich es nie durchlebt, wahrscheinlich auch gemacht, damals mit meinem besten Freund Thomas in Gera, der als kleiner Junge in eine Pumpe gegriffen hatte, die ihm das erste Glied seines rechten Zeigefingers zerquetschte.

Die Shetlandponys sind natürlich wieder völlig lethargisch und machen sich an der mit Stroh vollgestopften Krippe zu schaffen. Ich bin seit Jahren in diesem Park unterwegs und habe die beiden Ponys noch niemals in Bewegung gesehen. Entweder sie stehen vor der Krippe oder sie warten total verloren am entgegengesetzten Ende ihres Geheges und scheinen von der Existenz des anderen Artgenossen keinerlei Notiz zu nehmen. Überhaupt arbeiten die Tiere merkwürdigerweise nicht zusammen, um gemeinsam der Gefangenschaft zu entkommen, sich in einem Akt der Totalverweigerung ihrem Joch zu entziehen. Warum tun sie das nicht? Die meisten Tiere ziehen gemeinsam ihre Jungen auf, viele jagen im Rudel oder Schwarm, formen ausgeklügelte Hierarchien, kooperieren in ganz fantastischem Ausmaß, aber dem Eingesperrtsein scheinen sie nichts entgegensetzen zu können, vielleicht, weil die Gefangenschaft nicht in ihnen steckt, die Natur eine solche Entwicklung der Dinge nicht vorausgesehen hat.

Vielleicht warten sie aber auch nur auf den richtigen Zeitpunkt und knabbern an den Holzeinzäunungen, sobald die Besucher und Parkwächter verschwunden sind. Und das machen sie seit Jahren im Geheimen und wissen, bald ist es so weit und wir brechen hier aus und dann wetzen zwei tagsüber verschlafen wirkende Shetlandponys plötzlich mit nie gekannter Energie durch die nächtlichen Straßen, um dabei wie ausgewechselt auszusehen. Eine solche Lebendigkeit hat man ihnen gar nicht zugetraut. Und so verschwinden die Pferde im Schutz der Nacht und machen sich auf, die Stadt liegt bereits hinter ihnen, sie haben eine namenlose Wiese erreicht und halten auf dieser Wiese an, als gehörten sie von Anfang an dort hin und am nächsten Morgen fahren frühe Pendler auf Fahrrädern durch die Felder (nur ihre Körper sind oberhalb der grünen Ähren zu sehen, die Fahrräder sind verdeckt und deshalb sieht es so aus, als schwebten die Menschen in merkwürdiger Haltung durch die Landschaft hindurch), die Pendler fahren durch die Felder und sehen die beiden Ponys auf dem Gras und wundern sich darüber doch nicht. Kaum etwas Auffälliges haftet den Tieren hier draußen an. Sie stehen, wie Ponys eben stehen müssen, auf einer Wiese und rupfen das Gras und irgendwann, aber da sieht bereits niemand mehr hin, setzen sich die Tiere ein weiteres Mal in Bewegung, um sich endgültig aus dem Staub zu machen.