28. Februar

Drei Kinder sind im Haus und verhalten sich auffällig still. Normalerweise hetzen Kinder in diesem Alter durch die Wohnung, die gerade sonnendurchflutet ist und ihr Geschrei übertönt alles, selbst die eigenen Gedanken. Jetzt aber sind die Kinder ruhig und sitzen, wie ich von meiner Bank am Küchentisch aus annehme, im angrenzenden Wohnzimmer (das hellste Zimmer des Hauses), um irgendein sicher sehr ernstes Spiel zu spielen. Ich kenne keine aufgeschlosseneren Kinder als diese hier, sie sind K und mir gegenüber anfangs immer etwas zurückhaltend, aber ihre Schüchternheit ist eine kindliche Schüchternheit, etwas ganz Natürliches und nicht eine solche übermäßige Angst, wie ich sie damals fühlte. Die Kinder strahlen außerdem eine einnehmende Grundentspanntheit aus. Das sind Sonntagskinder, sage ich mir, auch wenn keines der drei an einem Sonntag geboren sein mag, dennoch aber besitzen sie eine innere Ruhe, mit der sie der Welt begegnen, ein merkwürdiges Vertrauen, das ich bewundere, weil es mir so unendlich fremd ist. Die Kinder erinnern mich auch an die Söhne von C. Dasselbe In-der-Welt-sein. Man spürt die Abwesenheit jeder Verunsicherung und die Freude an den kleinsten, weil unerschöpflichen Ereignissen. Später fragen die beiden älteren Kinder, warum K und ich mit dem Zug fahren müssen und nennen dabei unsere Namen. Das Mädchen habe ich erst einmal gesehen, den Jungen schon etwas häufiger, aber meinen Namen von ihnen zu hören (sie sagen ihn schüchtern, denn es bleibt ein seltener, fremder Name), berührt mich merkwürdigerweise sehr. Jahrzehntelang bin ich mit der Grundüberzeugung durch die Welt gegangen, kein anderer könne sich an diesen Namen erinnern und hatte deshalb insgeheim stets die Zweitvorstellung parat. Mein Name ist Thomas, wir haben uns da und da einmal kennengelernt. Kannst du dich zufällig daran erinnern?

Ich sehe durch das Küchenfenster nach draußen. Wir befinden uns in einer gesichtslosen Wohnsiedlung voller Mehrfamilienhäuser. Die Sonne steht in einem ungetrübten Blau, durch das sich nicht einmal die Flugzeuge in dieser Stunde bewegen und ich beobachte das oberste Stockwerk des gegenüberliegenden Gebäudes. Die Fenster dieser Etage besitzen eine eigenartige Textur, die Glasfläche wirkt gewellt, zerfurcht, von Dellen überzogen, als hätte man die Scheibe mit einem kleinen Hammer bearbeitet und das alles hat zur Folge, dass sich das Innere der Wohnung nicht erkennen lässt. Ich sehe zum Himmel, dann wieder zum Fenster, ich sehe

Blau

Glas

Blau

das Glas und dann taucht plötzlich ein Schatten hinter der Scheibe auf. Es ist nur die Andeutung eines Menschen und diese Andeutung zieht sich sofort in die Dunkelheit zurück. Eigentlich ist dort überhaupt kein Mensch gewesen, auch wenn die Silhouette natürlich auf einen Menschen deutete, auf eine Frau. Doch das Leben hinter dem Fenster gewann keine Schärfe, die äußere Gestalt blieb unglaubhaft und formlos und mit einem Mal bin ich mir sicher, auch die innere Gestalt, das innere Leben, müsse auf die gleiche Weise unglaubhaft und formlos bleiben. Mein Beobachten bedingt plötzlich das Leben und dieses Leben hinter dem Glas ist nichts weiter als eine Metapher. Tatsächlich war dort ein Körper, aber dieser Körper bleibt für immer unsichtbar, er ist unsichtbar für mich, verhüllt wie ein Gebirgszug bei starkem Regen oder eine Landschaft, die unter Nebeln liegt.

Später fährt uns K im Auto zurück. Ich lehne mich tief im Sitz nach hinten, kippe die Lehne noch weiter an und liege nun halb unter der Windschutzscheibe. Das warme Licht fällt auf mein Kinn, sackt durch die Haut und das Fleisch, trifft auf den Kieferknochen. Die Wärme ist so intensiv, dass ich sie in meinem Schädelgerüst fühlen kann. Wir halten an einer Ampel. Draußen ist alles voller Spaziergänger. Viele laufen mit verbissenen Gesichtern durch das Licht, als absolvierten sie eine weitere, unliebsame Aufgabe. Diese Leute, denke ich, als die Ampel auf Grün schaltet und K Gas gibt, sind nicht wirklich da, sie existieren ebenso wenig wie der Körper hinter dem Glas. Und sollten sie dennoch existieren, was mir allerdings nicht nur unwahrscheinlich, sondern wie ein dummer Scherz erscheint, dann stammen sie aus einer anderen Zeit, aus einer längst vergangenen Epoche, sie stammen nicht aus diesem Tag. Nichts, denke ich, stammt heute aus diesem hellen, sicher viel zu schönen Tag.