Asphalt, 11. Juni

Kurz nach sechs stehe ich in unserer Küche vor der offenen Balkontür und sehe in den Hinterhof hinaus. K schläft noch im angrenzenden Zimmer und ich blicke auf den grünen Laubvorhang, der mir zur Hälfte die Sicht nimmt. Das Licht fällt schräg von oben in den Hof, die ersten beleuchteten Flecken schieben sich an der Fassade des gegenüberliegenden Gebäudes entlang, das in Ausschnitten hinter den Buchenblättern erscheint, und über allem liegt dieser Teppich aus Stille, den es nur am Morgen gibt. Eine Stille, die nicht friedlich ist, denke ich, und auch nicht kraftlos oder erschöpft, sondern neutral, ein Zwischenbereich, als würde man auf ein Zeichen warten, das zum Einstieg in ein Flugzeug aufruft oder die Ankunft eines Zugs verkündet, auf den man eine halbe Stunde lang gewartet hat.

Ich folge den Lichtflecken, die Stück für Stück über das gelb verputzte Mauerwerk kriechen, unmerklich, dachte ich früher als Kind, viel zu langsam, als dass meine kindliche Aufmerksamkeit die millimeterweise Wanderung der Lichter und Schatten hätte wahrnehmen können. Jetzt aber fällt es mir nicht mehr schwer, eine Viertelstunde lang abzuwarten, um denselben Bewegungen wie vor zwanzig Jahren zu folgen und damit den eigenartigen Veränderungen der erleuchteten Bereiche, denen eine unbeständige Geometrie zugrunde liegt, die biegsam sind und flüchtig. Überhaupt sind Licht und Schatten viel flüchtiger, als ich es mit elf oder zwölf Jahren angenommen hatte. In diesem Alter scheint alles unverrückbar zu sein, unsterblich sogar, der Gedanke an Anfang und Ende hat noch nicht jenes umfassende Maß erreicht, das auch die Welt, das Leben und alle sich dem Leben und der Welt unterordnenden Phänomene einbezieht. Die Welt scheint einfach da zu sein, in einer unbeschreiblichen, außerhalb der Zeit liegenden Zone, von der insbesondere die Märchen und Kinderbücher wissen, eine zeitlose Zeit, in der nichts wird, nichts vergeht, sondern alles nur ist. Die Eltern, die Geschwister, das Haus, in dem man lebt, die Zimmer darin, die Gärten und dann die Straßen, erst die wenig befahrene, die man hinunter läuft in Richtung des alten Kindergartens, dann die etwas stärker befahrene Straße mit der Ampelkreuzung, die ewig auf das Grün warten lässt, und dahinter schließlich die Stadt, mit dem Wald an ihren Rändern und der verfallenen Schlossruine auf einem nicht sehr hohen Berg. Jeder Zentimeter, den man in diesem Alter betritt, liegt außerhalb der Zeit, ist ewig und auch wenn man zufällig von der Geschichte der Dinge erfährt, von einer Familie beispielsweise, die vor Jahren dieselben Zimmer bewohnte, in denen nun die eigene Familie wohnt, macht sich hinter dieser Geschichte dennoch nur die Zeitlosigkeit aller Vorkommnisse bemerkbar, der Gegenstände wie der Lebewesen, die Bestätigung, dass dieses Haus von Anbeginn an existierte, auch wenn man ahnt, dass es irgendwann vor Jahren (aber was bedeutet dieses vor Jahren schon?) gebaut worden war, so wie die Eltern und die anderen Familien und auch die Menschen, denen man tagtäglich begegnet, immer existierten, als wären sie täuschend echte Figuren hinter Glas, bewegliche Exponate in den weitläufigen Dioramen eines unsichtbaren Museums, das keinen Eintritt verlangt.

Gegen Mittag ist es draußen bereits so heiß, dass die Alten vom schattenlosen Messplatz verschwinden, um sich in die Eingänge der Häuser zurückzuziehen. Dort sitzen sie auf den Treppenstufen und starren auf die Straße oder sie stehen im Eingang der Getränkeläden und rauchen billige Zigaretten. Kinder rennen nackt durch das Wasserspiel auf dem Platz, scheinbar unbeaufsichtigt, aber sicher warten die Eltern irgendwo versteckt, um alles genau im Auge zu behalten. 

Die Luft hat sich derart aufgeheizt, dass sie stillzustehen scheint. Das Leben selbst scheint nach drei erträglichen Stunden am Morgen erneut in eine Starre zu verfallen, während ich in das Testzelt vorgelassen werde und mich ein junger Typ in Vollschutz und Maske fragt, ob ich einen Termin habe.

Ich bejahe und sehe flüchtig auf seine Hände. An jedem Finger steckt ein Ring, alle sind silber, ein paar mit schwarzen Steinen verziert. Hätte sich das Interesse meiner Eltern an erdgeschichtlichen Fragen auch auf mich vererbt, könnte ich jetzt diese Steine bestimmen, doch da ich dazu nicht in der Lage bin, beschließe ich kurzerhand, es müsse sich um Onyxe handeln.

Die Ringe wirken billig, aber ganz offensichtlich steckt in ihnen so etwas wie der Ausdruck eines Lebensgefühls, das sich mir komplett verschließt, dafür aber im energiegeladenen Charakter meines Gegenübers seinen ungehemmten Ausdruck findet.

„Heute keine Wartezeiten!“, schießt es begeistert aus ihm heraus, als befänden wir uns vor dem Einlass eines angesagten Clubs. „Sie kennen den Ablauf?“

Ich nicke, auch wenn ich keine Ahnung habe, wovon er spricht.

„Klasse, wirklich klasse!“, ruft er und tippt dynamisch auf einem Laptop herum, während ich meinen neuen Reisepass vorzeige und mir wieder einmal einfällt, ich müsse endlich meinen Personalausweis abholen, der seit knapp einem Jahr im Bürgerzentrum auf mich wartet.

Nachdem ich den Coronatest hinter mich gebracht habe, laufe ich in Richtung Kletterhalle. Die Hitze ist drückend, aber ich möchte mich nicht beschweren und denke plötzlich, als ich eine Straße quere und meinen Schuhabdruck in einer von der Sonne aufgeweichten Asphaltnaht hinterlasse, an die vielen ähnlichen, gummiartigen Nähte, mit denen wir uns in längst verschwundenen Sommern nach Unterrichtsende beschäftigten. 

Dieses Spiel wurde ganz einfach nicht alt. Kurz nach eins hatten sich die Straßen derart aufgeheizt, dass die Masse, mit der die Stadtverwaltung manchmal Schnitte oder Risse in der Fahrbahn reparierte, weich wie Gummi war und das Sohlenprofil unserer Schuhe wie frisch gegossener Beton speicherte. 

Ich glaube, dass uns damals die unerwartete Verwandlung der Fahrbahn faszinierte. Die Straßen waren immer hart und anders gar nicht vorstellbar, sie wirkten unverletzlich, zeigten nicht den Hauch einer Schramme, sobald wir unsere Fahrräder auf den Bordstein fallen ließen und die Pedale über den schwarzen Asphalt kratzten. Natürlich gab es Schlaglöcher, die auf die Zerstörbarkeit der dunklen Oberfläche deuteten, aber die Ursache dieser Löcher entzog sich uns ganz. Es gab nichts Besseres, als eines der riesigen Straßenbaufahrzeuge dabei zu beobachten, wie der heiße Asphalt gegossen wurde, besonders im Sommer. Man roch den kochenden Teer, noch bevor man die Maschine mitten auf der Straße entdeckte, an deren Ende Arbeiter mit nackten und tiefbraunen Oberkörpern zugange waren. Manchmal verteilten sie die träge Masse mit Schaufeln, manchmal war bereits einer der Männer mit einer hüpfenden, ohrenbetäubend lauten Maschine auf der frischen Schicht unterwegs. Damals kam es mir so vor, als würde sich ein Strom schwarzer Lava auf die Fahrbahn ergießen, ein überaus gefährlicher Strom sogar, eine Masse, mit der nicht zu spaßen war, die gezähmt werden musste.

In der unbarmherzigen Mittagshitze nach dem Ende des Unterrichts begann die Straße zu kochen und das, was die meiste Zeit des Jahres hart und unnachgiebig blieb, ließ sich plötzlich mit den eigenen Schuhen bearbeiten. Der Abdruck unserer Schuhe würde auch erhalten bleiben, wenn die Temperaturen wieder fielen, was ein ganz irrer Gedanke war, denn schließlich konnte man dadurch etwas Bleibendes schaffen, eine Art Denkmal sozusagen, unser eigenes Denkmal, wenn man es genau nahm. Jeder, der nach uns zufällig über die Straße lief und nach unten auf die schwarzen Nähte im Asphalt blickte, musste unsere Schuhabdrücke entdecken und damit unsere Spuren. Als mir das aufging, fasste ich sofort einen Plan.

„Wir müssen die ganze Linie ablaufen“, sagte ich zu Thomas, meinem besten Freund in der Grundschulzeit. Neben dem gemeinsamen Vornamen verband uns vor allem unsere Außenseiterstellung, die wir in der Klasse von Beginn an eingenommen hatten.

Thomas saß auf der Bordsteinkante, die Beine angewinkelt auf dem Asphalt. Es war kurz vor halb zwei. Die Hitze schien ihn ordentlich mitzunehmen, denn er hatte sich seit gut fünf Minuten nicht mehr bewegt.

„Warum?“, fragte er träge.

„Weil sich die Leute dann fragen werden, wer das hier gemacht hat.“

„Was gemacht hat?“

„Das Muster in diesem weichen Zeug.“

Ich zeigte auf die Asphaltnaht.

Thomas sah mich einen Augenblick lang an.

„Okay“, sagte er und stand auf.

Wir setzten Fuß neben Fuß, eng an eng, damit keine freie Fläche übrig blieb. Manchmal veränderten wir den Winkel, mit dem wir auf die schwarze Gummiwulst traten, manchmal den Schuhabschnitt, Ferse, Ballen und so weiter, damit das Muster nicht zu eintönig geriet.

Die Naht auf der Fahrbahn war etwa drei Meter lang und zog sich parallel zur Bordsteinkante den Hügel hinab. Schritt für Schritt arbeiteten wir uns von beiden Enden aus in Richtung Mitte vor. Thomas übernahm den ruhmvollen Abschluss und setzte den letzten Schuhabdruck in die weiche Schicht.

„Was machen wir jetzt?“, fragte er dann.

Ich sah mich auf der Straße um. 

In der Nähe gab es keine weiteren Nähte und meine anfängliche Euphorie war in der Zwischenzeit verflogen. Es war ganz einfach zu heiß. Man konnte keinen klaren Gedanken fassen.

„Keine Ahnung“, antwortete ich.

Thomas setzte sich wieder auf die Bordsteinkante und stierte ins Nichts.

Wenn es so weiter ging, würde dieser Nachmittag ins Wasser fallen, so viel stand fest. Und ich hatte absolut keine Lust, weiter auf der Straße in dieser unerträglichen Hitze herumzusitzen und auf irgendein Zeichen zu warten, das am Ende wahrscheinlich sogar ausbleiben würde. 

„Lass uns in den Wald fahren“, sagte ich deshalb.

„Du willst schon wieder zum Schwimmbecken?“

Er klang alles andere, als begeistert.

„Warum denn nicht?“, wollte ich wissen.

„Da sind wir doch ständig. Wir fahren die ganze Zeit im Kreis!“

Natürlich hatte er recht. Das alte Schwimmbecken in einem schmalen Waldabschnitt, nicht weit vom Haus meiner Eltern entfernt, war vor Jahren bereits aufgegeben worden. In den sanften Schwüngen des Beckens fuhren wir manchmal stundenlang mit unseren BMX-Rädern im Kreis.

„Warum machst du nicht mal einen Vorschlag?“, sagte ich.

Thomas dachte angestrengt nach.

„Vielleicht fahr ich nach Hause“, sagte er.

Ich sah ihn an.

„Nach Hause? Es ist doch noch gar nicht Abend.“

„Heute ist nichts los“, erklärte er.

„Dann lass uns zumindest in Richtung Wald fahren. In der Sonne ist es viel zu heiß.“

„Na gut.“

Wir setzten uns auf unsere Räder, wobei ich es vermied, den Metallrahmen anzufassen, der sich in der Sonne derart aufheizte, dass man sich an ihm verbrennen konnte, und radelten los. 

Der Fahrtwind kühlte mich etwas ab und auch in Thomas kehrten die Lebensgeister zurück.

„Das tut gut“, sagte er und streckte sein Gesicht in den Wind. Ich nickte.

Wir fuhren den Hügel hinab, bogen rechts auf die Kurt-Keicher-Straße und dann wieder nach links auf die Gagarinstraße ein. Ihr konnten wir bis zum Ende folgen, dann war der kleine Waldabschnitt nicht mehr weit. 

Thomas wohnte mit seiner Familie ganz in der Nähe, aber wir radelten stumm an seiner Straße vorbei, ohne in sie einzubiegen. Links und rechts wuchsen Fünfgeschosser mit Satteldächern in den Himmel, die fünfzehngeschossigen Plattenbauten, in denen für eine gewisse Zeit auch Christoph wohnte, mit dem ich mich am Ende der vierten Klasse anzufreunden begann, waren noch nicht in Sicht. 

Die Gegend selbst war etwas heikel, denn nur wenige Parallelstraßen weiter wohnten einige unserer ärgsten Feinde aus der Klasse, die uns sicher liebend gern zwischen ihre Finger bekommen hätten. Besonders gefährlich war Ramonat, ein rothaariges Scheusal, das keine Chance verstreichen ließ, ohne Thomas und mich vor allen anderen lächerlich zu machen, auch wenn seine stumpfsinnigen Versuche hin und wieder misslangen. Manche sagten hinter vorgehaltener Hand, er wäre geistig minderbemittelt und stünde an der Grenze zur Schwachsinnigkeit, was ich unbesehen glaubte, denn ich hatte ebenso über ihn sagen hören, dass er während einer Mittagspause auf dem Schulhof ein Stück alte Hundescheiße für fünf Mark Belohnung gegessen hatte. Beide Gerüchte, Ramonats Schwachsinnigkeit und sein Speiseplan, ergaben für mich zweifellos Sinn, was ihn aber auch nicht daran hinderte, eine Schar Geistesgestörter um sich zu versammeln. Insgeheim hielt ich ihn für einen kompletten, dafür aber umso gefährlicheren Idioten. Man durfte die Idioten niemals unterschätzen. Kam es hart auf hart, mobilisierten gerade die Schwachsinnigen ungeahnte Kräfte, um sich an denjenigen zu rächen, denen sie aufgrund ihrer einfachen Gemütsverfassung ständig unterlegen waren. Der zurückgebliebene Ramonat gab dafür das beste Beispiel ab.

Die Fünfgeschosser verschwanden und auf der gegenüberliegenden Straßenseite tauchte eine Schrebergartensiedlung auf. Wir fuhren linkerhand an einer Wiese vorbei und hinter dieser Wiese entdeckte ich etwas, das mich aus dem Gleichgewicht brachte.

„Siehst du das?“, fragte ich.

Thomas schaute nach links und wir stoppten unsere Räder.

Hinter der Wiese stieg dichter Qualm auf. Eine unwahrscheinliche grauschwarze Rauchsäule wanderte in den windlosen Nachmittagshimmel. Nicht geschmeidig und in den bedächtigen Schlangenlinien wie der Rauch über einer Kerzenflamme, sondern heftig, kompakt und voller Gewalt.

„Ist dort hinten nicht die Tankstelle?“, wollte Thomas wissen.

Wir schoben unsere Räder über das Gras bis zur Grenze des sanft abfallenden Hangs und blickten in Richtung der grauen, sich wild bewegenden Säule.

Das Feuer hatte die gesamte Tankstelle erfasst. Die Flammen schlugen meterhoch, flatterten wie wildgewordene Fahnen in einem Wind, den es nicht gab. Obwohl die Tankstelle etwa einhundert Meter von unserem Standpunkt entfernt war, wirkten die Flammen riesig. Sie leckten an der Überdachung der Tanksäulen, schlugen bizarre, blitzschnelle Haken und entfalteten eine beeindruckende Zerstörungswut. Ich hatte noch nie ein vergleichbares Feuer gesehen.

„Irre“, sagte Thomas.

Wir hörten die Sirenen und beobachteten die Ankunft der Feuerwehr. Lange, rote Leiterwagen schossen heran und hielten abrupt, Löschzüge rasten von links und rechts auf die brennende Tankstelle zu.

Eigenartigerweise machte das Feuer keinerlei Geräusch. In meiner Erinnerung brennt die Tankerstelle lichterloh, aber in vollständiger Stille, als hätte ich einen Stummfilm vor Augen. Nur die Sirenen der Feuerwehr zerreißen den Nachmittag. Der Brand selbst aber spielt sich in kompletter Tonlosigkeit ab.

„Sind wir hier sicher?“, fragte ich Thomas.

„Ich denke schon“, antwortete er.

„Was ist, wenn die Tankstelle explodiert?“

Plötzlich wirkte er nicht mehr ganz so überzeugt.

„Wenn wir weiter zurück gehen, sehen wir nichts mehr“, wandte er ein.

Das war tatsächlich nicht von der Hand zu weisen.

Wir standen noch immer gebannt und verfolgten die völlig wirkungslosen Löscharbeiten, als mehr und mehr Leute neben uns auftauchten. Erwachsene, Familienväter darunter, Kinder in unserem Alter. 

Um uns herum bildete sich eine kleine Menschenmenge. Einige unterhielten sich miteinander, die meisten aber schwiegen und betrachteten das lautlose Feuer ebenso gefesselt wie wir.

Je länger wir auf der Wiese standen, ohne die Tankstelle dabei aus den Augen zu lassen, um so klarer wurde mir, dass ich auf das Unumgängliche wartete. Und nicht einfach nur darauf wartete, sondern ihm regelrecht entgegenfieberte. Die Gewalt des Feuers machte mir Angst, aber sie faszinierte mich auch, sie war so unvorstellbar wütend und zerstörerisch, dass ich es kaum glauben konnte. Dabei stellte das Feuer genau genommen bloß ein Zeichen von etwas noch viel Größerem dar, es arbeitete sich in Richtung eines sehr genauen Zieles vor, blieb das Mittel zu einem genau umschriebenem Zweck. 

Ich wartete auf die Explosion und fürchtete mich gleichzeitig vor ihr. Während wir weiter mit den anderen auf der Wiese standen und die unermüdlichen Flammen betrachteten, wälzte ich unablässig und mit schlagendem Puls die Frage, ob wir uns in Sicherheit befanden, sobald dort unten alles in die Luft flog und ob ich mich auf die Erde werfen sollte, sobald ein Feuerball in Richtung Himmel schoss.

Wir mussten eine ganze Weile so gestanden haben, denn als ich aus meiner Trance erwachte, begann sich die Gruppe, die sich anfänglich um uns herum gebildet hatte, langsam aufzulösen. Die Leute verloren merklich das Interesse und erinnerten sich an das, was sie eigentlich hatten erledigen wollen, als das Feuer dazwischen gekommen war. Und tatsächlich schien auch die Feuerwehr den Brand in der Zwischenzeit unter Kontrolle gebracht zu haben. Die Flammen verloren an Höhe und kamen mir plötzlich viel weniger beweglich und aggressiv vor als noch vor zehn oder fünfzehn Minuten.

Bevor der Brand seinen Höhepunkt – die Explosion – erreichte, fiel alles in sich zusammen. Ich spürte eine zweifelhafte Enttäuschung, die sich mit ehrlicher Erleichterung mischte und wusste, dass ich bis zur Schwelle von etwas geradezu Unglaublichem gelangt war, ohne es gänzlich zwischen meine Finger bekommen zu haben. Jedes Feuer ist ein Versprechen, aber nur dieses Feuer damals war in der Lage, die gnadenlose Zerstörung einzulösen, die sich am Grund jeder Flamme versteckt. 

Noch immer aufgeregt und durcheinander griffen wir nach unseren Rädern, die wir auf der Wiese abgelegt hatten. Wir schoben sie zurück auf den Bürgersteig und setzten den unterbrochenen Weg zum Wald schweigend fort.

An einer Kreuzung hielten wir an und ich spürte, dass die Anspannung mich endlich verließ, dass sie in Richtung Boden sackte, ein und für alle Mal verschwand. Sie ließ einen stumpfen Zustand zurück, eine Mischung aus Erschöpfung und Überdruss, wie nach einer langen, unbefriedigten Aufgabe, die man für die Schule zu erledigen hatte.

Später saß ich mit Thomas unter den alten Kastanien des kleinen Wäldchens. Die Sonne fiel in Flecken durch das hohe Laub und die kühlere Luft fühlte sich um einiges angenehmer an. 

Unser Gespräch wollte nicht mehr recht in Gang kommen, auch wenn wir mehrmals versuchten, über das Feuer zu reden. Doch was gab es da eigentlich noch zu erzählen? Die Flammen waren gelöscht und das Feuer gezähmt. Das war das Ende der Geschichte. Ganz einfach.

„Ich denke, ich fahre bald heim“, sagte ich.

„Hast du noch Hausaufgaben?“, fragte Thomas.

„Ja.“

„Okay. Dann mache ich mich wohl auch besser auf den Weg.“

„Sehen wir uns morgen wieder?“

„Klar, komm einfach bei mir vorbei. Mein Bruder hat auch ein neues Spiel.“

„Ist es gut?“

„Es ist ganz in Ordnung. Vielleicht lässt er uns auch mal ran.“

„Alles klar.“

Wir stiegen auf unsere Fahrräder und verabschiedeten uns. Dann radelten wir in entgegengesetzte Richtungen davon. Das grelle Sonnenlicht hatte Thomas bereits geschluckt, als ich noch durch den Schatten fuhr, in dem das Licht nichts zu sagen hatte, in dem es seinen Gültigkeitsanspruch verlor. Ich fuhr, stemmte mich in die Pedale, um mich vom Sattel zu erheben und noch schneller beschleunigen zu können. Und dann sah ich die Sonne als klar umschriebenen Bereich auf dem Asphalt, sah die Trennung zwischen Schatten und Licht, diese ewige, verbissene und doch gleichgültige Trennung und kehrte in die Hitze des Nachmittags zurück.

Danziger Straße (4. Zimmer), 5. Mai

Man hatte den gewölbeartigen Saal im Untergeschoss durch Stellwände in zwei abgetrennte Bereiche geteilt. Melli verschwand mit den Frauen nach links, während André und ich mit den Männern den rechten Teil des Saales betraten.

Aufwändig gedeckte Tische nahmen fast die gesamte Fläche des Raums ein. Es gab keine Sitzordnung, jeder setzte sich dort an einen Tisch, wo er sich gerade befand und auf diese Weise kam man schnell miteinander ins Gespräch. 

Ich griff mir neben André einen Stuhl, nahm die Papierserviette von meinem Teller und faltete sie auf. Wenn ich nervös bin oder mich in einer ungewohnten Situation befinde, muss ich meine Hände bewegen, am besten bekomme ich etwas zwischen meine Finger und lenke mich dadurch ab, während ich die anderen betrachte.

Der Saal füllte sich stetig, der Strom der Hochzeitsgäste riss nicht ab. Viele Plätze waren mittlerweile belegt, aber es hatten sich auch kleinere Gruppen gebildet, die am Rand oder zwischen den wie Inseln wirkenden Tischen standen und sich miteinander unterhielten. Viele der Anwesenden schienen sich zu kennen. Sie trafen sich wieder, vielleicht nach längerer Zeit zum ersten Mal, die Gesichter wirkten fröhlich, manche strahlten, es gab Umarmungen und erstaunte Ausrufe des Wiedererkennens.

„Wo sind Micha und Menucha?“, fragte ich André.

Auch er musterte nun mit einer für ihn typischen Gelassenheit den Saal. 

André war von nichts aus der Ruhe zu bringen. Er ertrug selbst die ungewohntesten Situationen, ohne sich in irgendeiner Weise beeindrucken zu lassen. 

„Wahrscheinlich sind sie noch nicht hier“, antwortete er.

Im hinteren Teil des Saals fiel mir ein Gesicht auf. Ein junger Mann, wahrscheinlich in meinem Alter, der mir bekannt erschien.

„Siehst du den Typen dort hinten?“

„Wen meinst du?“

„In der Nähe der Stellwand, an einem der hintersten Tische. Der mit der Glatze.“

„Ist das nicht Ari?“

Als hätte Ari unser Gespräch aus der Entfernung aufgeschnappt, richtete er in diesem Moment seinen Blick auf unseren Tisch, schien kurz zu überlegen und setzte sich dann mit einem nachdenklichen Lächeln in Bewegung.

Ari gehörte zu Michas Freunden aus Berlin. Er war ein paar Mal bei uns in der Wohnung gewesen und besuchte dieselbe Gemeinde wie Micha.

„Ihr seid also auch hier“, sagte er und gab uns die Hand.

Ari war nicht besonders groß, hatte einen kleinen Bauch, der ihn älter erscheinen ließ, als er eigentlich war und ein auffallend ovales Gesicht. Kein Bart, kaum Haare, helle Augenbrauen und Myriaden von Sommersprossen, die sich auf seinen Wangen und seiner Stirn verteilten.

„Wir haben uns wahrscheinlich vorhin in der Menge übersehen“, antwortete André.

„Ich bin auch erst später angekommen und habe nur die letzten Minuten der Zeremonie erwischt“, entgegnete Ari.

„Kommst du aus Berlin?“, fragte ich.

„Ja.“

Ein oder zwei Jahre später, Micha lebte mit seiner Frau bereits seit längerem in Wien, traf ich Ari zufällig auf der Lychener Straße in Berlin.

„Lange nicht gesehen“, sagte ich zur Begrüßung.

„Stimmt“, erwiderte er knapp.

„Wir haben uns seit Michas Hochzeit nicht mehr getroffen, oder?“

„Das kann gut sein.“

„Was hast du in der Zwischenzeit gemacht?“

Er druckste etwas herum, gab mir aber keine Antwort.

„Studierst du noch?“, hakte ich nach.

„Ich war bei der Armee“, sagte er.

Ari, der pummelige, kleine Glatzkopf bei der Armee? Ich konnte es kaum glauben.

„Warum gehst du jetzt noch zum Bund?“, fragte ich. „Aus dem Alter bist du doch längst raus!“

„Ich war bei der Luftwaffe“, erklärte er. „In Israel.“

Ich sah ihn an.

„Ist das dein Ernst?“

Ari nickte.

„Ich muss schließlich mein Land verteidigen.“

Plötzlich war ich unfähig, eine Antwort zu formulieren. Ari sprach ganz offensichtlich ungern über die Armee, er tat das aber nicht, weil er sich für seine Zeit als Soldat schämte, so wie ich es an seiner Stelle getan hätte. Mir wäre niemals in den Sinn gekommen, zur Armee zu gehen und da meine beiden Halbbrüder ihren Dienst in der NVA und der Bundeswehr geleistet hatten, kam ich um die Wehrpflicht glücklicherweise auch ohne größere Probleme herum. Irgendein Gesetz befreite den dritten Sohn einer Familie vom Dienst an der Waffe, damit am Ende jemand übrig blieb, um die Brüder im Kriegsfall zu betrauern und die Familie weiterzuführen. Wahrscheinlich steckte hinter diesem Gesetz eine lange preußische Tradition.

In der Armee verkörperte sich für mich alles, was ich hasste; Korpsgeist, stumpfte Disziplin, Gewalt und Brutalität und der unumschränkte Versuch, den wesentlichen Kern einer Armee – Krieg, Leid und Tod – hinter fadenscheinigen Begriffen zu verschleiern. Hinter den Floskeln der humanitären Einsätze, der Verteidigung der Demokratie oder hinter den fast schon perversen Werbeslogans der Bundeswehr, die von Abenteuer statt von Kriegseinsatz sprachen, von Freundschaft statt von Kollateralschaden, von Entwicklungshilfe statt von Kriegsopfern

Wikileaks hatte damals gerade Collateral Murder veröffentlicht, das Video einer US-amerikanischen Kampfhubschrauberbesatzung, die unter Jubelrufen in eine Gruppe von Irakis, darunter Journalisten und Kinder, feuerte, um sich gegenseitig zu guten Schüssen und toten Bastarden zu gratulieren. 

Das war die Armee. 

Kein Abenteuer, keine glorreiche Schar gutmütiger Helden, die Frieden und Stabilität brachten, sondern hirnamputierte Zwanzigjährige, denen lächelnde alte Herren ein unvorstellbares Waffenarsenal zur Verfügung stellten. Die ganz genau wussten, was sie taten.

Ich spürte deutlich, dass Ari so wortkarg blieb, weil er Kritik von mir erwartete. Weil er wusste, dass Leute wie ich, Studenten, die in Literaturvorlesungen an deutschen Universitäten saßen, um sich abends dreistündige Arthouse-Dokumentationen über die unfassbare Artenvielfalt am Nordpol anzusehen, niemals in ihrem Leben in die Verlegenheit geraten waren, ihre Sicherheit verteidigen zu müssen, ihr Land in einen an den Grenzen tobenden kriegerischen Konflikt verwickelt zu sehen, in Anbetracht einer echten Bedrohung somit vor der Wahl zu stehen, eine Waffe in die Hand zu nehmen oder nicht. 

Ari betrachtete mich damals auf der Lychener Straße mit einer Mischung unterdrückter Verachtung und verbissener Entschlossenheit. Er würde keine Kritik an seiner Entscheidung dulden. Und er tat es deshalb nicht, weil er wusste, dass ich von den Realitäten, in denen er sich bewegt und womöglich gekämpft hatte, nicht das Geringste verstand.

„Da sind endlich Micha und Menucha“, sagte André und wir drehten uns in Richtung der Treppe um, die vom Erdgeschoss in den Saal hinab führte.

Das Brautpaar tauchte auf und wirkte gelöst und fröhlich. Beide lächelten, Micha etwas verschämt aufgrund der umfassenden Aufmerksamkeit, die er auf sich gerichtet fühlte und nicht mochte, Menucha hingegen glücklich und befreit.

Den restlichen Abend habe ich nur in Bruchstücken in Erinnerung. Ich sehe Micha auf einem Stuhl, der von zahllosen Armen und Händen in die Höhe gehoben wird, so dass er über die Trennwand hinweg in den Bereich der Frauen sehen kann, was er verschmitzt und mit komödiantischen Gesten tut. Ich sehe einen Kreis von tanzenden Männern, die Arme auf den Schultern des jeweils Nächsten, die singen und tanzen und ich glaube, mich ihnen irgendwann angeschlossen zu haben und somit selbst ein Teil dieses Kreises geworden zu sein. Ich sehe das Essen, das fantastisch schmeckte und aus mehreren Gängen bestand und dass ich damals wusste, noch nie so gut gegessen zu haben. Ich sehe die schwarz gekleideten Männer aus Kanada und den USA, aus Israel und Deutschland, Männer und Familien, die von Leuten in meinem Alter erst vor wenigen Jahrzehnten aus ihrer Heimat vertrieben worden waren, die dem Tod knapp entkommen waren, die Verwandte besaßen, die es nicht geschafft hatten, die man in die Lager überall in Europa verfrachtet hatte, ohne dass die Welt dabei zugrunde gegangen war, und jetzt plötzlich saß ich untern ihnen und legte meine Arme um sie und sie ließen das ohne jedes Widerstreben zu, um einfach weiter ihre Lieder zu singen, deren Texte ich nicht verstand und während ich zumindest die Melodie ihrer Lieder zu imitieren versuchte, konnte ich nicht glauben, zwischen ihnen zu sein, in diesem Saal in Wien, in dieser Nacht im Sommer, auf der Hochzeit von Micha, den ich am Beginn meines Studiums kennengelernt hatte und dessen Zeit in Berlin nun zu einem Ende kam, der eine Familie gründen würde, der auf der Schwelle eines fremden Lebens stand, das sich für ihn am Ende genauso fremd und doch verheißungsvoll anfühlte wie für mich, ein Leben, dessen Pfade, Brüche und Kurven ich nicht ansatzweise erahnte, ein Leben, von dem ich in den folgenden Jahren niemals etwas erfuhr.

Nach der Hochzeit verließ Micha Berlin. Er schrieb an seiner Diplomarbeit und konnte das Studium auch außerhalb Deutschlands zu einem Abschluss bringen. Alle mündlichen Prüfungen hatte er bereits abgelegt.

Mittlerweile lebte ich mit André und Melli seit über vier Jahren zusammen. Auch wir bereiteten uns auf unsere Magisterarbeiten vor, belegten die letzten Seminare und Vorlesungen und überlegten, was wir nach dem Studium anfangen sollten.

Michas Zimmer stand leer. Er hatte im drittgrößten unserer WG gewohnt, einem Raum von etwa zwanzig Quadratmetern, der in Richtung Straße lag. Ich war die Größe meines eigenen Zimmers mittlerweile leid, auch suchte ich nach einer Veränderung und glaubte, diese Veränderung im Austausch der Räumlichkeiten zu finden. Und deshalb wechselte ich in Michas Zimmer, während Chris in mein altes Zimmer zog.

Chris stammte aus Hamburg und hatte sich beim ersten Kennenlernen als Musiker vorgestellt.

„Wir waren mal im Fernsehen“, hatte er gesagt.

„Wie heißt eure Band?“, wollte André wissen.

Mister Jupiter“, sagte Chris.

„Nie gehört“, antwortete ich.

„Vielleicht erinnert ihr euch nicht mehr so genau. Wir haben immer rote Pollunder angehabt und klingen wie Mando Diao.“

Chris zog bei uns ein. Er war zwei Meter groß und schlacksig und stotterte ein bisschen, aber das bemerkte man nicht sofort.

Bald tauchte seine Freundin, Ulrike, bei uns auf. Chris nannte sie Ulli und ich ging auch bald dazu über. 

Ulli war ziemlich hübsch und hatte eine kleine Lücke zwischen ihren Schneidezähnen, was sie in meinen Augen noch attraktiver machte. Ihre grünen Augen standen ein wenig schräg und ähnelten dadurch den Augen einer Katze.

Hin und wieder begleitete ich Chris und Ulli in eine Kneipe auf der Schönhauser Allee, kurz hinter dem U-Bahnhof Senefelder Platz.

In der Bar hingen eigenartige Gestalten ab. Die Männer trugen hautenge schwarze Jeans und Lederjacken, waren aber keine muskelbepackten Biker, sondern schmächtige Indierocker. Alle hatten sich knöchelhohe, schwarze Stiefel mit überlangen, spitzen Vorderkappen zugelegt und damit eine Einheitskluft geschaffen, die ihnen selber nicht mehr aufzufallen schien. Sie rauchten ständig Zigaretten, schwafelten von irgendwelchen Parties und unterhielten sich in einem affektierten Gemisch aus Englisch und Deutsch. Kein Satz, ohne ein englisches Einsprengsel, ohne ein whatever oder actually, was mich wahnsinnig machte. Alle versuchten, möglichst abgeklärt und cool zu wirken, als wären sie gestern noch bei Velvet Underground dabei gewesen und hätten ein paar Siebdrucke in der Factory hinterlassen. Dabei stammte die Hälfte dieser Leute aus namenlosen Dörfern in der Uckermark, die man vergessen hatte, an eine asphaltierte Straße anzuschließen.

In meinen Augen passten weder Chris noch Ulrike in diese blasierte Gruppe modischer Wichtigtuer. Allerdings legte besonders Chris einigen Wert darauf zu den anderen zu gehören, die in erster Linie Ulrikes Freunde gewesen sind. Er tat das nicht auf anbiedernde Weise, er tat es auch nicht so wie jene, die ihre angestammten Freunde vergessen, sobald sie interessantere Leute kennenlernen. Er tat es eher nervös und schüchtern, wollte einfach dazugehören.

An der Theke saß er unruhig auf einem schwarzen Hocker und befingerte unablässig seine lockige, schwarze Haartolle, um sie in Form zu bringen. Auch sein übergeschlagenes Bein wippte unablässig. Chris war die ganze Zeit angespannt, als versuchte er, bloß keine Dummheit zu begehen, die ihn in den Augen der anderen bloßstellen würde.

Einige Monate später saßen wir in unserer Küche und sprachen aus irgendeinem Grund über unsere Kindheit. Und von der Kindheit, die für uns ganz verschieden ausgefallen war, er in Hamburg und ich in Thüringen, kamen wir auf unsere Jugend zu sprechen.

„Damals habe ich angefangen, Bass zu spielen“, sagte Chris.

„Ich habe nie ein Instrument gelernt“, erklärte ich.

„Aber du spielst doch jetzt Schlagzeug bei Me, Ship!

„Ich habe das Schlagzeugspielen trotzdem nie richtig gelernt. Ich dilettiere nur total herum.“

„Das ist nicht wichtig. Hauptsache ihr spielt.“

Die Kaffeekanne stand auf dem Tisch und Chris tauchte kurz in unsere Speisekammer ab, um seine Hafermilch herauszuholen. 

Er legte auf eine bestimmte Marke ausgesprochen viel Wert und hatte elaborierte Studien durchgeführt, bis er endlich die perfekte geschmackliche Ausrichtung im immer breiter werdenden Angebot gefunden hatte. Nun war er in der Lage, ganze Abende mit den Vorzügen des von ihm erwählten Haferprodukts zu füllen, sofern sich jemand breitschlagen ließ, ihm zuzuhören.

„Eigentlich habe ich meine Jugend gehasst“, sagte er, als er sich mit der Hafermilchpackung zurück an den Küchentisch setzte.

„Wieso das denn?“, wollte ich wissen.

„Fandest du die Schulzeit und das alles gut?“

Ich schüttelte meinen Kopf.

„Das war totale Scheiße.“

„Siehst du. Mir ging das genauso. Die Idioten in meiner Klasse haben mich in einer Tour malträtiert.“

„Wirklich?“

Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. 

„Das lag daran, dass ich damals total fett gewesen bin.“

„Du?“

Er nickte.

„Ich war sogar saufett und das macht dich natürlich zur Zielscheibe. Die Fetten dürfen sich nicht wehren, die erdulden bloß, denn sie sind für ihr eigenes Unglück verantwortlich. Ich habe mich damals gehasst.“

„Wofür?“, fragte ich konsterniert.

„Dafür, dass ich so fett gewesen bin.“

Dieser Satz traf mich wie ein Schlag. Chris hatte nicht berechtigterweise seine Peiniger für die aufgezwungenen Qualen gehasst, sondern sich selbst zu hassen begonnen. Er hatte die grundlose Verachtung der anderen übernommen, um sich damit auf verquere Weise auf ihre Seite zu schlagen. Mir war klar, dass er das nur getan hatte, um sich zu schützen, gleichzeitig aber jagte mir die Annäherung an die Täter einen Schauer über den Rücken. Am Ende hatte Chris seinen eigenen Körper mit denselben verachtungsvollen Blicken gestraft, den seine Peiniger ihm aufgezwungen hatten. Darin, und nicht etwa in den verletzenden Worten, lag die eigentliche Abscheulichkeit.

Hin und wieder kam er am Frühstückstisch auf das Essen zu sprechen.

„Ist dir klar, wie langweilig das alles eigentlich ist?“

„Was meinst du?“

„Mich ödet das alles an. Jeden Tag die gleiche Frage, was man am Abend kochen soll und immer gibt es nur dieselben Optionen.“

„Du kannst doch kochen, was du willst“, sagte ich. „Es gibt doch tonnenweise Rezepte.“

„Ich rede von unseren Grundnahrungsmitteln“, gab er zurück.

Ich sah ihn verdutzt an.

„Nudeln, Reis, Kartoffeln“, begann er zu erklären, „und das alles in endloser Kombination. Gut, vielleicht noch Bulgur oder so etwas, aber das ist doch total öde. Es gibt einfach keine Variation!“

Mit seiner Band ging es damals nicht richtig voran. Sie hatten einen Plattenvertrag, aber das Label kümmerte sich kaum noch um sie. Die Indierockwelle ebbte gerade ab und deutscher Indierock mit englischen Texten kam einfach nicht gut an. Nur Tocotronic, Kettcar und Blumfeld mischten vorne mit, aber für das alles interessierte ich mich nicht. Ich hörte stattdessen französischen Black-Metal, Brian Enos Ambient-Alben und Four Tet.

Chris war hin- und hergerissen, wie es für ihn weitergehen sollte. Er hatte die Schule vor dem Abitur verlassen und holte seinen Abschluss nun per Fernstudium nach. Danach wollte er vielleicht studieren, sicher aber war er sich nicht. Womöglich nahm die Band ja wieder Fahrt auf, vielleicht brachte man ein neues Album heraus und dann ging alles wieder los. Erfolg, Plattenverkäufe, eine Tour. Man wusste am Ende nie, was passieren würde, was das Leben in seiner ganzen Unergründlichkeit für einen bereit hielt.

Im Sommer legte ich die letzten mündlichen Prüfungen ab, um mich auf meine Magisterarbeit zu konzentrieren. An einem Nachmittag tauchte Chris in meinem Zimmer auf.

„Willst du mit zum Teufelssee?“, fragt er. „Ulli und ich fahren mit den Rädern hin.“

„Klar, ich könnte ein bisschen Ablenkung gebrauchen.“

Ich war noch nie mit dem Rad zum Teufelssee im Grunwald gefahren. Die Strecke zog sich in die Länge, es war heiß und bereits später Nachmittag. 

Als wir den Wald endlich erreichten, fuhren wir nebeneinander auf der Straße. Sobald wir die Geräusche eines Autos in unserem Rücken hörten, lösten wir unsere Formation auf und fuhren als vorbildliche Kette weiter, aber der Verkehr hielt sich in Grenzen. Die meisten Leute waren wie wir auf Rädern unterwegs und fuhren in die entgegengesetzte Richtung. Der Badetag fand für sie bereits ein Ende.

Wir suchten uns einen Fleck auf der Wiese, legten die Fahrräder ins Gras und ich packte meinen Rucksack aus, zog das große Handtuch hervor und eine Wasserflasche.

Als ich mich gerade bis auf meine Badehose ausziehen wollte, fiel mir plötzlich auf, dass mich Ulrike noch nie mit freiem Oberkörper gesehen hatte. Natürlich war sie die Freundin von Chris, aber sie war auch attraktiv und eine Frau und das wurde mir damals am Teufelssee schlagartig bewusst. Schließlich standen wir uns nun in so etwas wie Unterwäsche gegenüber. Zumindest glaubte ich, das wir das tun würden.

Denn Chris und Ulrike hatten keine Badesachen dabei. Sie hatten sie nicht etwa vergessen, sondern ganz einfach nicht eingepackt. Sie wollten nackt ins Wasser, was an sich auch kein Problem darstellte, denn der Wiesenabschnitt hatte sich fast vollständig geleert.

Die beiden taten so, als wäre es das Normalste der Welt, sich vor mir komplett auszuziehen und dann ins Wasser zu springen. Von ihren Blicken las ich damals allerdings auch eine gewisse Verlegenheit ab, als fiele ihnen mit einem Mal auf, dass wir zwar miteinander befreundet waren, unsere Freundschaft aber noch lange nicht bedeutete, man springe nun einfach nackt voreinander herum. 

Ich überspielte die peinliche Situation, indem ich vorgab, mich erst einmal auf die Wiese zu legen und zu sonnen, obwohl ich nichts lieber getan hätte, als ins Wasser zu rennen.

Chris und Ulli zogen sich aus und ich sah wie eine Betschwester des achtzehnten Jahrhunderts ganz zufällig in eine andere Richtung. Dann stürmten die beiden ins Wasser.

Augenblicke später hörte ich ihre erleichterten Schreie und sah in Richtung See.

Einige Meter vom Ufer entfernt schwamm eine Badeinsel auf dem Wasser, auf die sich Chris und Ulli gerade hievten. Doch obwohl sie noch eben auf der Wiese so getan hatten, als würde sie ihre Nacktheit überhaupt nicht interessieren, bedeckte Ulrike nun ihre Brüste mit einem Arm und Chris hielt seinen Sack verschämt zwischen beiden Händen, sobald er von der Insel aus ins Wasser sprang. 

Eigentlich war das alles lächerlich. Wir taten so, als wären wir unendlich befreit, besaßen aber noch die gleichen Komplexe wie unsere Eltern. Ja, vielleicht hätten sich unsere Eltern an diesem See nicht einmal ansatzweise für ihre Nacktheit geschämt.

Bis zur Dämmerung wechselten wir zwischen Wasser und Wiese und zogen uns schließlich wieder an. 

Die Sonne verschwand langsam hinter den Bäumen, der Himmel färbte sich rot und die wenigen Badegäste, die neben uns am Ufer gelegen hatten, packten ihre Sachen allmählich ein.

Ich starrte in den Himmel und spürte mit einem Mal eine heftige Traurigkeit, die mit dem Ende des Sommertags zusammenhing. Es fühlte sich an, als stieße jemand mit voller Wucht gegen meine Brust. Nur ein Abend im Sommer kann derart melancholisch sein, im Frühling, Herbst und Winter ist das alles unmöglich. Wahrscheinlich lag es an der Schönheit der Farben und des Wassers, an der ganzen Vergänglichkeit um uns herum, am Verschwinden der Leute, am Verhallen ihrer Rufe, ihres Gelächters. Jeder Sommertag stellt eine Möglichkeit dar, alles scheint im Sommer greifbar und leicht, nichts steht einem Neuanfang im Wege. Und dann, am Abend, wenn die Sonne und das Licht verschwinden und nur noch ein letzter Schein übrig bleibt, der für Minuten schwerelos auf dem glänzenden Wasser liegt, holt einen das Bedauern über den ungenutzt verstrichenen Tag endlich ein. Doch was hatte man eigentlich vor? Womit hätte man den Tag füllen sollen, damit er nicht nutzlos vergeht?

Ich wusste es nicht.

Plötzlich machte sich eine Bewegung in unserem Rücken bemerkbar und ich drehte mich um. Aus dem Wald tauchte eine Wildschweinfamilie auf. Die Tiere wirkten völlig irreal, ihre Anwesenheit ergab keinen Sinn.

Die Bache lief am Kopf der kleinen Gruppe und hinter ihr folgten vier oder fünf winzige Frischlinge, die sich kaum auf den Beinen halten konnten. 

„Ach du Scheiße“, sagte ich leise, blieb ansonsten aber wie angewurzelt stehen. Mein Herz schlug heftig und ich rechnete jeden Augenblick mit dem blutrünstigen Angriff des wildgewordenen Mutterschweins.

Doch die Wildschweinfamilie kümmerte sich nicht im Ansatz um uns. Die Tiere schienen an Menschen und Badegäste gewöhnt, trippelten hintereinander die Wiese in Richtung Wasser hinab, wobei die kleinen Schweine ziemlich unbeholfen und überstürzt mit ihrer flinken Mutter Schritt zu halten versuchten. Am See angekommen, hielten sie ihre Schnauzen ins Wasser.

„Mein Gott sind die süß“, sagte Ulli.

„Ich wusste gar nicht, dass es im Grunewald Wildschweine gibt“, erwiderte Chris. „Die wirken ja überhaupt nicht gefährlich.“

Die Frischlinge tobten am Wasser herum, liefen das Ufer auf und wieder ab. Wahrscheinlich hatten sie den ganzen Tag auf das Verschwinden der Leute gewartet, um sich endlich abzukühlen.

Auch die Luft fühlte sich jetzt frischer an. Sobald die Sonne verschwand, musste man sich ein Hemd überwerfen.

„Wir sollten langsam wieder zurück“, sagte ich, während die Wildschweine damit begannen, die Hinterlassenschaften der Badegäste unter die Lupe zu nehmen. „Wir brauchen sicher eine Dreiviertelstunde, bis wir wieder in der Stadt sind.“

Chris und Ulrike nickten und wir griffen nach unseren Rädern. Hinter uns wühlten die Wildschweine weiter unbeeindruckt im Gras.

Tanit, Sonntag, 25. April

Die Tage finden schneller ein Ende. Vielleicht kommt es mir nur so vor, doch ich sehe am Morgen einige Male nach draußen, dann gegen Mittag und irgendwann schaue ich auf die Uhr meines Laptops und es ist bereits vier oder fünf, ohne dass ich irgendetwas unternommen, auf irgendeine Weise gehandelt hätte. Die Sonnenuntergänge schieben sich im April noch hinaus, sie lassen auf sich warten, das Licht vertragt die Rückkehr der Dunkelheit immer weiter, die Finsternis erhält einen weniger umfassenden Raum und dennoch bleiben Tage, die spurlos vergehen, an denen nichts Bemerkenswertes geschieht. Tage, an denen das Bemerkenswerte nicht einmal erzwungen werden kann, indem man zum Beispiel die Wohnung verlässt und auf die Straße tritt in das Licht. 

Das ganze Viertel ist unterwegs. Die Linden zwischen den geparkten Autos leuchten grün, die Sonne fällt von schräg oben in die Schlucht der Häuser, ohne die Straße dabei zu berühren. Das Licht bleibt an den Fassaden der Gebäude hängen, ein wenig unterhalb der ersten Etagen. Als wir das Flussufer erreichen, ist es von Leuten überschwemmt. Menschen, die auf mitgebrachten Decken sitzen und Bier trinken, Menschen auf Fahrrädern, Menschen, die Vikingerschach spielen, wie K mir erklärt, als ich etwas verdutzt eine Gruppe beobachte, die Kanthölzer auf der Wiese in einem Rechteck verteilt. Menschen, die Frisbees werfen oder Musik auf kleinen Bluetooth-Lautsprechern hören und auf dem Fluss schiebt sich eine Gruppe Ruderer lautlos an uns vorbei, wobei die Stille, die sie umgibt, ihre Schnelligkeit noch betont. 

Ich sehe den Schwänen im Landeanflug nach, die ganz unförmig wirken mit ihren langen, waagerecht nach vorn gereckten Hälsen. Sie sehen merkwürdig aus in der Luft, flugunfähig eigentlich, ein schwerer ovaler Körper, an dem ein langer weißer Hals mit einem winzigen Kopf angebracht ist und dieser Körper hebt sich über die Brücke und sinkt hinter ihr langsam in Richtung Wasser hinab, auf dem er irgendwann laut und ziemlich ungelenk landet. Schwäne brauchen ewig, um vom Fluss in die Luft abzuheben, sie peitschen für zwanzig Meter das Wasser mit ihren Flügelspitzen, was ein klatschendes Geräusch erzeugt, bekommen das eigene Gewicht aber einfach nicht hinauf. Und selbst in der Luft wirken sie noch für eine ganze Weile flugunfähig und völlig außerhalb ihres Elements, bis sie endlich eine gewisse Höhe erreichen und damit wahrscheinlich so etwas wie ein Gefühl für die Tragfähigkeit ihres Flugs, was sie selbst manchmal überrascht, als wunderten sie sich über das Gelingen dieses aussichtslosen Kraftakts.

Am Ufer lese ich Tolstoi, ich lese Wieviel Erde braucht der Mensch? und stelle ganz am Ende der Erzählung fest, dass ich sie bereits vor Jahren gelesen haben muss, denn das Ende bei den Baschkiren kommt mir einfach zu vertraut vor. Ich bin sehr froh über die Kürze der vier Erzählungen, die ich mir in einem häßlichen Band gekauft habe. Weltliteratur auf einhundert Seiten besitzt etwas Beruhigendes, man hat das Gefühl, einen Meilenstein nach kurzer Zeit zu erreichen. 

Ich sitze in der Sonne auf einer Treppe, während Jogger und Fahrradfahrer an mir vorbeiziehen, ich höre die Gespräche der anderen Spaziergänger, die der Wind verwischt und finde das Ende von Tolstois Erzählung ein wenig zu deutlich und klar, die Beantwortung der im Titel gestellten Frage nämlich. Wie viel Erde braucht der Mensch? Nicht so viel, wie Pachoms Gier und der Teufel ihm eingeben, nicht so viel Erde, wie er an einem Tag im Land der Baschkiren umlaufen kann, denn Pachom stirbt vor Anstrengung, weil er den Mund zu voll genommen hat und ihm die Augen vor lauter Habsucht übergingen, er rennt am Ende, um seinen Besitz zu umkreisen und damit festzuschreiben und weil er rennt, erwischt es sein Herz. Er stürzt zu Boden, Staub zu Staub sozusagen, das Urteil für die Todsünde folgt auf dem Fuß. Sein Knecht scharrt den toten Körper des Herrn an Ort und Stelle ein und beantwortet die Frage nach dem menschlichen Maß mit einer einfachen Flächenangabe, die dem ausgestreckten Körper Pachoms entspricht. Aber das stimmt nur zum Teil, denke ich, denn der Mensch braucht am Ende etwas mehr als das eigene Grab. Doch vielleicht spricht der Titel der Erzählung auch nicht direkt das Grab und damit die Nichtigkeit des menschlichen Besitzstrebens an, sondern einfach nur die Warnung vor der nie zu befriedigenden Gier, die den Tod nach sich zieht, was ja wiederum auch einen gewissen Reiz für die Gegenwart besitzt.

Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich Anna Karenina, Krieg und Frieden und Auferstehung gelesen habe und ich glaube mich zu erinnern, dass Hannes in Berlin immer von Tolstoi geschwärmt hat, genauso wie von Kant, der bei ihm allerdings nicht Kant, sondern Kantimausi hieß, so wie Nietzsche für Hannes Nietzschilein war und Hegel Hegelchen. Ich bin mir fast sicher, dass Flaubert in unserer WG-Küche immer Flaubart genannt wurde, was für mich nach einem Fisch klang oder nach einem Piraten, sicher war ich mir jedenfalls nie. Über Hannes habe ich auch Emil Cioran kennengelernt und bis heute kann ich mich sehr genau an dieses Kennenlernen erinnern.

Damals wohnte Hannes noch an der Grenze zum Friedrichshain in einer Zweiraumwohnung, ganz in der Nähe vom Volkspark. Es gab einen neu gebauten Lidl gleich um die Ecke und hinter der Brücke mieteten C und ich einige Monate lang einen Proberaum in einem alten Hochhaus, das in der DDR wahrscheinlich ein Verwaltungsgebäude gewesen war. Dort probten wir mit unserer Zweimannband Tales from the Red Universe, bis Jakob später dazukam und wir den Namen der Band in Me, Ship änderten und sich auch die musikalische Ausrichtung von schnellem Post-Hardcore in so etwas wie studentischen Indierock mit komplizierten Gitarrenmelodien verwandelte. 

Das Innere des Elfgeschossers war das reinste Museum. Die Fahrstühle strömten einen unveränderten DDR-Touch aus, schönstes braunes Furnier und Holzimitat und vielleicht auch deshalb überraschte uns eines Tages eine Filmcrew vor dem Gebäude, die irgendeinen Tatort oder vielleicht auch einen richtigen Kinofilm drehten. Natürlich hatte uns niemand Bescheid gesagt und deshalb standen wir lange auf dem Parkplatz vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude herum und sahen der Filmcrew zu, die ein paar Trabis gemietet hatte und mit einem riesigen Kran und mehreren Kameraleuten hantierte. 

Wenn mich nicht alles täuscht, tauchte auch Matthias Schweighöfer zwischen diesen Leuten auf, was C und mich natürlich überhaupt nicht beeindruckte. In meiner Post im Prenzlauer Berg war ich einmal Nina Hoss in die Arme gelaufen und zwar richtig in die Arme gelaufen, ich war gerade dabei, die Filiale zu betreten und sie wollte zeitgleich hinaus und wie es manchmal so ist, wenn man einem anderen auszuweichen versucht, der in der gleichen Sekunde denselben Gedanken hat, führten wir voreinander einen kleinen Stepptanz auf. Ich sah sie dabei an und sie erwiderte meinen Blick, sie erkannte, dass ich sie erkannte und dann lächelte sie, begann mich zu umrunden und verschwand.

In Hannes kleiner quadratischen Küche lag Ciorans Vom Nachteil geboren zu sein auf dem weißen Fensterbrett. Ich sehe das schmale Suhrkamp-Buch mit dem Porträtfoto Ciorans auf dem Cover noch vor mir, es war in jener Zeit, als Suhrkamp das neue Reihendesign für seine Taschenbücher eingeführt hatte und ich nahm das Buch in die Hand und begann darin zu blättern. 

Hannes lief währenddessen in der Wohnung herum. Einen der fast gleich großen, quadratischen Räume hatte er in ein sparsam eingerichtetes Schlafzimmer verwandelt, das andere Zimmer stand bis auf einen Heimtrainer in Form eines Fahrrads komplett leer. Überhaupt besaß Hannes nur wenige Möbel, die meisten davon stammten aus dem Besitz seiner Eltern, die in Brandenburg auf einem kleinen Bauernhof lebten oder er hatte sie in einem Second-Hand-Laden gekauft. Hannes studierte Philosophie, aber mit seinem Studium ging es nicht recht voran. Allerdings haben wir das erst später bemerkt. Damals glaubten wir noch, er studiere wie wir anderen auch und kämpfe sich durch Kantimausis Kritik der reinen Vernunft.

Zu Hause suche ich im Regal nach Flauberts Briefen und finde sie schließlich in einem Regal, das K gehört und in dem eigentlich nur ihre Bücher stehen sollten. Ich greife mir den Band, rechne aus, in welchem Jahr Flaubert in meinem Alter gewesen sein muss und komme auf 1858. 

Der erste Brief des Jahres stammt vom 23. Januar. Flaubert ist in Paris, der Rummel um Madame Bovary ist noch immer riesig und er zieht über Schreiberlinge her, die aus dem Roman ein weiteres Bühnenstück machen wollen. „Doch dieser Mischmach von Kunst und Talern erschien mir wenig angemessen“, schreibt er seiner Briefpartnerin, Mademoiselle Leroyer de Chantepie, was ich sehr beruhigend finde.

Im nächsten Brief vom April 1858 ist Flaubert bereits auf dem Dampfer Tanit nach Afrika unterwegs. Ich nehme an, dass er für Salammbô recherchiert, was seine Orientbegeisterung zeigt, wie sie auch beim etwas älteren Delacroix mit den Frauen von Algier und dem Tod des Sardanapel zu finden ist, aber Salammbô wirkte für mich immer wie ein Fremdkörper zwischen Madame Bovary, der Erziehung des Herzens und Bouvard und Pecuchet, wobei ich den Heiligen Antonius nicht gelesen habe.

Im ersten Drittel des Briefbandes habe ich mir viele Passagen markiert, was mir heute etwas peinlich ist. Ich habe so ziemlich alle Passagen unterstrichen, in denen Flaubert auf das Glück, die Liebe und das Schreiben Bezug nimmt. Beispielsweise habe ich mir in einem langem Brief an Louise Colet von 1852 – Flaubert muss hier dreißig Jahre alt sein – folgende Passage angestrichen: „Die Mumien, die man im Herzen hat, zerfallen niemals zu Staub, und wenn man den Kopf über die Luke neigt, sieht man sie unten, wie sie einen mit ihren offenen, reglosen Augen anblicken.“ Vielleicht geht es hier weniger um das Glück oder die Liebe, aber es geht um etwas, das dich nicht mehr loslässt und dich dadurch zeichnet. Nach solchen Vergleichen habe ich damals händeringend gesucht und Flaubert hat sie mir wieder und wieder gegeben, denn schon ganz am Anfang, in den ersten Briefen, als er noch zwanzig ist, schreibt er tief, wenn auch altklug und mit dieser ungehobelten und ein wenig übertriebenen Ungeschliffenheit, die seinen kantigen Charakter etwas zu gewollt herausstellen soll.

„Hast Du manchmal darüber nachgedacht, mein lieber und zärtlicher Alter, wieviel Tränen das furchtbare Wort ‚Glück‘ hat fließen lassen? Ohne dieses Wort würde man ruhiger schlafen und behaglicher leben. Manchmal erfaßt mich ein seltsames Sehnen nach Liebe, wenngleich mir bis in die Eingeweide davor ekelt; vielleicht würde es unbemerkt vorübergehen, wenn ich nicht ständig aufmerksam wäre und mit gespanntem Auge das Spiel meines Herzens beobachtete.“

Dreizehn Jahre später, im April 1858, befindet sich Flaubert vor der tunesischen Küste auf einem Dampfer und schreibt an seine Freunde in Frankreich. 

„Die Nacht ist schön, das Meer ist glatt wie ein Ölsee. Die alte Tanit glänzt, die Maschine keucht, der Kapitän neben mir raucht auf seinem Diwan, das Deck ist voller Araber, die nach Mekka wollen; sie sind in ihre weißen Burnusse gehüllt, ihre Gesichter sind verborgen und ihre Füße nackt; sie sehen aus wie in Laken gewickelte Leichen.“

Irgendwann geht er an Land. Er will Karthago sehen. Bartgeier kreisen am Himmel. An diese Geier kann ich mich aus Salammbô erinnern. Eines meiner Lieblingsfotos aus den frühen Jahrzehnten nach Erfindung der Fotografie stammt von Flauberts erster Nordafrikareise, die er 1850 unternimmt. In Ägypten sitzt er auf dem Kopf der Ramsesstatue in der Nähe von Abu Simbel, die Hände auf seine Schenkel gestützt und sieht direkt in Richtung des Fotografen. Flauberts Gesicht, sein ganzer Kopf eigentlich, ist vollständig schwarz. Vielleicht wirft sein Hut einen langen Schatten, es ist schwer zu sagen, doch Flaubert bleibt auf der riesigen Statue des Pharaos unsichtbar, als habe er die Nacht auf den Schiffen voller Mumien und Leichen nicht verlassen, als hafte ihm diese Nacht selbst unter der grellen, ägyptischen Sonne unnachgiebig an.

Monate in Leipzig, 11. April

Was hätte ich nicht alles tun sollen. Ich hätte meinen Freunden schreiben sollen und den flüchtigen Bekannten. Ich hätte mich bei ihnen melden sollen, ich hätte meinen alten Freunden und den losen Bekanntschaften schreiben müssen, ich hätte den Abstand zwischen uns nicht entstehen lassen dürfen, das allmähliche Fremdwerden, die Wortlosigkeit, das grundlose Auseinandergehen. Die Fäden gehen auseinander wie in einem alten Teppich, denke ich, das Gewebe löst sich auf und das Muster tritt nach und nach in den Hintergrund, als betrachte man eine Fotografie, die jahrelang im Licht lag, auf der man kaum noch etwas erkennt. Am Ende bleiben auch im Teppich nur einzelne, bunte Fäden zurück, die so scheinen, als wären sie zufällig miteinander verbunden, als bestünde kein engerer Zusammenhang. Der Teppich wäre dann nichts anderes als Fiktion, ein hinzugedachtes Ganzes.

Ich hätte also eine Nachricht auf meinem Telefon tippen müssen oder eine Mail auf meinem Rechner (ich besitze die Adressen noch, ich habe sie nie gelöscht). Ich hätte ein einfaches Wie geht es dir?, Was machst du? schreiben müssen, ich hätte mich somit erkundigen sollen nach dem Verlauf der fremd gewordenen Leben. Es hätte einiger Fragen bedurft und diese Fragen wären von den anderen vielleicht als Versuch eines neuerlichen Beginns verstanden wurden, einer wiederaufgenommenen Geschichte sozusagen. Ich hätte das alles tun sollen, auch wenn mich kein innerer Grund zu einer derartigen Handlung zwang, obwohl ich die Notwendigkeit, mich bei meinen alten Freunden zu melden, nur in seltenen Augenblicken spüre. Jetzt ist so ein Augenblick und wie andere Stimmungen auch taucht dieser Augenblick ganz unerwartet vor mir auf. Ich sitze an meinem Schreibtisch, draußen ist endlich alles grün, es ist weder warm noch kalt, der Himmel wirkt grau und erinnert mich an groben Filz, es regnet leicht und der tröpfelnde Regen plätschert auf das Wellblechdach der Garage, das an vielen Stellen unter einem Moosteppich verschwindet. 

Ich spüre die Notwendigkeit, einem anderen zu schreiben fast nie und deshalb habe ich zwei, drei, vier oder fünf Freunde in den vergangenen Jahren verloren. Auch habe ich nie besonders viele Freunde besessen. Manchmal glaube ich sogar, mich nur auf sehr wenige Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung konzentrieren zu können. Alles, was darüber hinaus reicht, überfordert mich, denn ich verbringe ganz einfach zu viel Zeit allein. Ich liebe es, allein zu sein, aber auch diese Liebe hat ihre Grenzen. Am Ende brauche ich die anderen, doch es können Wochen vergehen, bis sich dieses Bedürfnis in den Vordergrund schiebt, lange Wochen, Monate sogar. 

Manchmal werfe ich mir vor, die anderen nur in Zeiten der Schwäche zu brauchen, sie also zu benutzen, um meine Stimmung zu heben. Um mich zu versichern, ich sei noch nicht verloren, ich wäre am Ende nicht allein. Ich hätte jemanden in dieser Welt, so merkwürdig das auch klingt. Dabei sind beispielsweise fast alle Freunde aus meiner kurzen Zeit in Leipzig verschwunden, Freunde, die vierundzwanzig Monate in meinem Leben gewesen sind, mit denen ich Nachmittage und Abende verbrachte, mit denen ich mich stundenlang unterhielt, zu denen ich mich hingezogen fühlte, die mir nah waren, mit denen ich alles besprach. Einige der Namen fallen mir jetzt nicht mehr ein, aber ich erinnere mich an Franka und Saskia, mit denen ich gemeinsam im Buchladen gearbeitet habe, einem schrecklichen Geschäft, das Teil einer größeren deutschen Buchhandelskette gewesen ist.

Wir verkauften in jenem Sommer 50 Shades of Grey, jeden Tag 50 Shades of Grey, wochenlang, ohne Pause. Das Buch wucherte regelrecht auf den Auslagen, es breitete sich in unheimlicher Weise aus, man konnte gar nicht genügend Exemplare auslegen, um den Wahnsinn der Leute zu befriedigen. Riesige Bücherstapel wurden von uns am Morgen aufgebaut, um sich während eines kurzen Vormittags restlos zu verkaufen. Die Bücher mussten permanent gedruckt und in alle Buchläden des Landes transportiert werden, die Lieferketten durften nicht abreißen, plötzlich ging es hier um Leben und Tod, die Druckereien arbeiteten rund um die Uhr, weiteten den Schichtbetrieb aus, denn die Nachfrage war wirklich ganz unglaublich, sie war regelrecht schockierend, die Leute hielten es einfach nicht mehr aus, ohne dieses Buch durch den angebrochenen Sommer zu gehen und Franka, Saskia und ich sahen uns über die Auslagen hinweg völlig ratlos an, während ich an der Kasse einen Band nach dem nächsten über den Scanner zog und mit meinen Schultern zuckte.

Von meinem Platz hinter der Kasse aus musterte ich die vierzig- oder fünfzigjährigen Frauen, die manchmal verschämt den Buchladen betraten, als fühlten sie sich beobachtet, manchmal aber kamen sie auch offen auf mich zu und erkundigten sich nach dem Roman, dessen Figuren wirklich irrsinnige Namen wie John Steele trugen, wenn ich mich richtig erinnere. Selbst diesen Frauen schien bewusst, dass 50 Shades of Grey als gnadenloser Softporno vermarktet wurde und manche, das sah ich ganz deutlich, schämten sich für ihren Kauf, konnten die Neugier aber doch nicht überwinden.

Zwei oder drei Mal am Tag kam es vor, dass jemand ein echtes Buch auf die Kasse legte. Ich erinnere mich noch gut an ein Mädchen, wahrscheinlich eine Studentin, die Prousts Im Schatten junger Mädchenblüte kaufte, was ein wirkliches Ereignis war. Jahrelang habe ich in Buchgeschäften gearbeitet und Proust kaufte tatsächlich keine Sau, wirklich niemand, die Leute hatten vor der Suche nach der verlorenen Zeit regelrecht Angst, genauso wie vor Manns Joseph-Tetralogie, an den Ulysses allerdings traute sich jeder verpickelte Achtzehnjährige in völliger Verblendung heran und Infinite Jest habe ich hundertfach verkauft, obwohl natürlich feststand, dass dieser Ziegel ungelesen in den Bücherregalen verschwand, um Staub anzusetzen.

Wahrscheinlich ist Prousts Suche nach der verlorenen Zeit der meistbesprochene Roman, den niemand gelesen hat. Als ich in Berlin studierte, gab es zwei junge Literaturdozenten, die ich flüchtig über eine Freundin kennenlernte. Sie sprachen pausenlos über Proust und seine Recherche, denn natürlich ging ihnen der Titel des Romans nur im Original über die Lippen, um dann eines Abends in einer Kneipe, als beide schon ziemlich betrunken waren, lachend zu erklären, sie hätten das Buch, das in jedem ihrer Seminare eine Rolle spielte, tatsächlich nie gelesen. Sie erzählten lachend diese Lüge, als erinnerten sie sich an einen Streich, den sie vor fünfzehn oder zwanzig Jahren in ihrer auch später nie überwundenen Beschränktheit verübt hatten.

Bis heute spüre ich die Verachtung, die ich damals empfand. Die Literatur war für mich stets ein Mittel, das Lüge, Verstellung und Scheinheiligkeit schonungslos aufdeckte, das somit nur die Wahrheit und das unverstellte Leben zuließ und diese verlogenen Literaturwissenschaftler zogen ohne Gewissensbisse all das in den Dreck, machten es gemein. Sie sprachen über Proust, weil es zum guten Ton am Institut gehörte, nicht, weil sie Proust gelesen hatten oder für ihn brannten, nein, Proust war ihnen vollkommen egal und nicht nur Proust, die Literatur selbst war ihnen gleichgültig, sie heuchelten ein Interesse, das sie niemals empfanden und gaben nur vor etwas zu sein, das sie tatsächlich in keiner Sekunde waren. Niemand, der aufseiten der Literatur stand, sagte ich mir damals, wäre in der Lage, eine solche Lüge von sich zu geben, ohne daran zu ersticken, die Scheinheiligkeit hätte ihn umgebracht. Die echte Literatur verlangte Wahrheit und schloss Heuchelei und Lüge ganz einfach aus. 

Damals in Berlin fühlte ich mich so verletzt, als hätte man mich persönlich beleidigt. Am liebsten wäre ich aufgestanden, um wie ein Wahnsinniger um mich zu schlagen, aber natürlich sagte ich kein Wort, sondern lief bloß rot an.

Die beiden Dozenten sind heute sicher längst habilitiert und lehren deutsche und französische Literatur an einer angesehenen Hochschule. Man hält im Kollegenkreis sehr viel auf sie und ihre Expertise, sie haben ein paar ganz erstaunliche Aufsätze verfasst und gelten als Kenner und ausgezeichnete Pädagogen. Aus dem akademischen Lehrkörper sind sie nicht mehr wegzudenken.

In der Buchhandlung führte ich innerlich eine Strichliste und zählte die wirklich guten Bücher, die ich an einem Tag verkaufte. Ich bin mir sicher, niemals über fünf gekommen zu sein. Meine Bedingungen, um auf der Liste der guten Bücher zu landen, waren strikt und total borniert, dennoch aber hielt ich an ihnen fest, als ginge es um mein Leben. Und tatsächlich ging es in gewisser Weise während dieser langen Sommertage wenn nicht um mein Leben, so doch um meinen Verstand, um meine geistige Gesundheit, die innere Landschaft sozusagen, die aus Büchern und Texten bestand, die selbst das Leben waren, die dem Leben glichen, in denen das wahre Leben eingeschlossen lag und nicht das falsche und übertriebene, das von stümperhaften und unwahren Klischees zusammengehaltene wie in jenen Romanen, die ich täglich kiloweise verkaufte. Wie in den müden und leidenschaftslosen Biographien, denen ich damals überall begegnete. Das geregelte Leben sprang mich in seiner ganzen Stupidität und Ausweglosigkeit an, manchmal erschien es mir als einzige Wirklichkeit, die sich unaufhörlich näherte, der ich am Ende womöglich nicht entging. In den Büchern und in der Wirklichkeit war das geregelte Leben gleichermaßen unerträglich.

Manchmal glaubte ich fest, nur die Liste der guten Bücher würde mein Überleben sichern, wäre im Meer des Mittelmäßigen und Geschäfts ein untrügliches Zeichen für die Existenz des Höheren, dessen, was sich durch den Alltag nicht zerstören ließ, das für immer unantastbar über allem stand. Echte Literatur blieb ein Ausweg, sie war ein Zeichen dafür, dass es mehr gab als den Weg zur Arbeit, das Studium, die eigene Verunsicherung. Die Bücher auf meiner Liste waren wahr, sie sprachen authentisch über das Leben, dokumentierten alles, was das Leben ganz grundsätzlich für den Menschen bereit halten konnte, im Kleinen wie im Großen. Und die Bücher, die ich verkaufte, taten das nicht. Sie nahmen das Leben weder ernst noch interessierten sie sich in irgendeiner Weise dafür. Sie verkauften sich und das war alles. 

Am Abend, nachdem wir den Laden geschlossen hatten, trafen wir uns häufig in Frankas WG, tranken Bier oder billigen Wein und führten endlose Gespräche.

Saskia schrieb, wie ich bald herausfand. Franka hielt sehr viel auf ihre Erzählungen, aber ich bekam nie eine zu Gesicht, sicher auch, weil ich mich von ihrem Talent, das Franka mehrfach in meinem Beisein betonte, eingeschüchtert fühlte. 

Wir unterhielten uns miteinander, wir liefen durch die Leipziger Parks, die Wäldern glichen, wir kamen in Cafés zusammen und debattierten über die Notwendigkeit des Glücks, ob das Ziel des Lebens sich nur in diesem erschöpfte, was ich selbstverständlich vehement verneinte. Franka vermittelte mir einen Kontakt zum Mainzer Ventil Verlag, den ich niemals angeschrieben habe. Damals dachte ich noch, ich würde über Robert Walsers frühe Romane promovieren und Franka hatte das einem Freund gegenüber erwähnt, der im Ventil Verlag arbeitete und sich ebenfalls für Walser interessierte. 

Ich wusste nicht, was ich ihm hätte schreiben sollen. Ich wollte mich nicht anbiedern, ich habe nie Kontakte geknüpft, um daraus einen Vorteil zu ziehen. Auch schrieb ich in Leipzig an keinem Roman oder Buch, ich schrieb nur selten und dann ausschließlich für mich, kürzere Texte, manchmal Gedichte, die ich allerdings niemandem zeigte. 

Nach zwei Jahren zog ich aus Leipzig in die Nähe von Stuttgart, um meine erste Stelle anzutreten. Ich verabschiedete mich von Franka und Saskia, die kurze Zeit später nach Hamburg ging, da sie dort einen Job gefunden hatte und obwohl ich beiden versicherte, häufig zurück nach Leipzig zu kommen, damit wir in Kontakt blieben, habe ich nichts dergleichen getan. Wahrscheinlich schrieb ich noch ein oder zwei Mails und dann schlief alles ein. Ich glaube mich jetzt sogar an Geburtstagswünsche zu erinnern, die wir noch zwei oder drei Jahre später als einziges Lebenszeichen aneinander schickten, doch bald schon herrschte Stille zwischen uns.

Etwa eineinhalb Jahre nach meinem Umzug schrieb ich Franka eine lange Mail. Damals arbeitete ich im Deutschen Literaturarchiv und war unfähig zu begreifen, wie ich ausgerechnet an diese Stelle gekommen war, in der sich alles in Luft auflöste, was ich mit meiner Vorstellung von Literatur verband. Im Archiv herrschten die Karrieristen und Bürokraten, die Literatur blieb das Mittel zum Zweck, um höher hinaus zu kommen, nach Weimar, nach Berlin, an all die klangvollen Akademien. Ich verstand einfach nicht, wie jemand in der Lage war, die Literatur zum Geschäft und zur Karriere zu machen. In meinen Augen verriet man damit die Literatur, man verriet die abgewandte Seite der Wirklichkeit, man nutzte die Kunst, um sich an ihr zu bereichern und trat gerade diejenigen mit Füßen, die an dieser, auf das Geschäft gerichteten Wirklichkeit zugrunde gegangen waren. Die an der Welt derart krankten, dass nur das Schreiben half. Randexistenzen, die außerhalb der Gesellschaft vegetierten, verschrien und häufig bespuckt und nun, einige Jahrzehnte später, benutzte man sie, um im akademischen Betrieb voranzukommen und machte sich damit zum Diener einer Logik, an der so viele Schreibende kaputt gegangen waren, die sie zerstört hatte.

Die Zerbrechlichkeit der Texte verschwand in Marbach, man kämpfte gegeneinander, man stritt sich um Stellen. In meinen zweieinhalb Jahren habe ich nicht einen Angestellten begeistert über das sprechen hören, was man in den Archiven verwahrte. Sprach man doch einmal über die Manuskripte und Bibliotheken, leuchteten keine Augen, als verstünde man nicht, was man in den Händen hielt. Die Gesichter belebten sich erst dann, wenn sie einen Vorteil witterten, die Aussicht auf eine Publikation beispielsweise, die ein neuer Nachlass versprach.

In meiner Mail an Franka versuchte ich ziemlich hilflos mein langes Schweigen zu erklären. Ich schrieb einige Sätze über die zurückliegenden Monate, kam häufig ins Stocken und schickte die Nachricht schließlich, ohne weiter über sie nachzudenken, ab. Franka hat mir nie geantwortet und ich nahm ihr das Ausbleiben einer Antwort nicht übel. Um ehrlich zu sein, hatte ich damit sogar gerechnet.

Vielleicht bedeuten mir die anderen einfach zu wenig, denke ich. Vielleicht, sage ich mir manchmal, bedeuten sie mir nicht genug. Vielleicht stimmt es, was man einige Male in meinem Leben über mich sagte, dass ich mich zur Gemeinschaft zwingen müsste, dass ich mich zwingen müsste, Kontakt zu halten. 

Aus sieben Jahren Berlin, der Zeit meines Studiums, sind mir drei Freunde geblieben. Die Übrigen kommen mir ab und an in den Sinn, allerdings kann es passieren, dass ich mich zwei ganze Jahre nicht bei ihnen melde. Je mehr Zeit vergeht, um so schwieriger wird es, den Faden wieder aufzunehmen. Und irgendwann ist der Punkt erreicht, der keine Rückkehr mehr gestattet. Zu viel muss erklärt, zu viel aufgeholt werden, um einander zu verstehen. Man muss das halbe Leben rekapitulieren und eine solche Erklärung ist mühsam und nicht ungefährlich. Man berührt alte Wunden und weiß nicht einmal, wer der andere eigentlich ist, was aus ihm geworden ist, man hat ihn seit vier oder fünf Jahren nicht mehr gesehen. Nur die Stimmen klingen vertraut, doch man muss vorsichtig bleiben. Auch das Vertrauen verwandelt sich mit der Zeit, es ist wie junges Eis, denke ich, das auf den ersten Blick so erscheint, als könne es dich tragen und dann setzt du den linken Fuß auf die durchsichtige Fläche und nichts passiert, doch als du deinen rechten Fuß auf das Eis setzt, hörst du ein Geräusch wie einen Peitschenhieb, das über dem gefrorenen Wasser zittert und die späten Enten im Schilf erschreckt. Die Luft ist so kalt und klar, dass sich das Echo der berstenden Eisfläche minutenlang über deinem Kopf hält, als stündest du unter einer Glocke aus Glas, einem monumentalen gläsernen Sturz, dessen durchsichtige Wände unberührbar bleiben und in dem das Echo, ohne schwächer zu werden, von einer Seite zur anderen hallt, hin und her, ein Peitschenknall oder ein Schuss, dessen Klang nicht verschwindet, der sich eigensinnig hält, an Lautstärke gewinnt und dann doch verliert, der irgendwann mit dem Himmel und seinen Geräuschen zusammenfließt, bis er schließlich von deinem eigenen Atem und dem Herzschlag in deiner Brust nicht mehr zu unterscheiden ist.