Amaro, Samstag-Montag, 17.-19. April

Ich putze das Bad, mühe mich zuerst an der Badewanne und danach an der alten Toilette ab. Ich wische den Boden, der ein hoffnungsloser Fall ist, denn die Fugen sind von Jahren der Benutzung so mitgenommen und rissig, dass sie nicht mehr sauber zu bekommen sind, egal, wie energisch ich auch mit der harten Seite des Schwamms über ihre Oberfläche schrubbe. Ich mache das eine ganze Weile, so lange, bis meine Schultergelenke schmerzen, aber ein Ergebnis erzeuge ich damit nicht. Irgendwann bin ich sogar der Meinung, ich würde den Schmutz bloß verteilen, vergrößere ihn sogar unabsichtlich und als mir dieser Gedanke kommt, stehe ich schleunigst auf und mache mit dem Waschbecken weiter. 

Während ich putze, überlege ich, wie ich an Geld kommen kann. Nicht mehr arbeiten, nur schreiben. Auf eine mir unverständliche Weise muss das möglich sein. K und ich sprechen in letzter Zeit wieder häufig über das Verschwinden, über die Abkehr von Deutschland. Wir wollen nicht für immer weg, aber doch für eine längere Zeit. Allerdings ist dieser Plan genauso konkret wie meine Suche nach Geld. Vielleicht ist er ein wenig konkreter. Nach einem echten Ausweg fühlt es sich trotz allem nicht an. Schließlich haben wir das in ähnlicher Weise schon einmal vor zwei Jahren gemacht.

Gestern gebe ich ergebnislos Seemann mit 36 Jahren bei Google ein. Kündigen, nach Hamburg oder Rostock fahren, anheuern (keine Ahnung, was das heißt), meine Papiere zeigen (wahrscheinlich besitzt jeder Matrose so etwas wie Seemannsbuch; irgendwann habe ich davon zumindest gelesen) und dann auf ein Schiff, das in unbestimmte Richtung fährt. Es muss ja nicht einmal Indonesien oder die Philippinen sein, Brasilien würde mir schon reichen. Ich würde die Sprache lernen, luv, lee und diese ganzen Sachen, die, wenn ich mich richtig erinnere, mit der Windrichtung zu tun haben, ich würde irgendeine unbedeutende Aufgabe an Bord übernehmen, zum Beispiel in der Küche aushelfen, ich würde mich mit dem chilenischen Koch anfreunden und dem zweiten Küchengehilfen aus Mozambique und der Koch würde erzählen, dass er seit zwei Jahrzehnten auf den Ozeanen unterwegs ist. Zwanzig Jahre?, würde ich fragen, ein unvorstellbarer Zeitraum, in dem er einiges durchgemacht haben musste. 

¡Así es!, würde der chilenische Koch antworten, den ich längst bei seinem Vornamen, Amaro, nennen darf, obwohl er meinen Vornamen niemals in den Mund nimmt. Spricht er mit mir, stelle ich mir vor, gebraucht er stets ein Pronomen oder deutet ein Nicken an, was mich anfänglich verletzt, bis ich merke, dass er das mit allen anderen genauso macht. Aus einer unerklärlichen Zaghaftigkeit heraus vermeidet Amaro die Namen der anderen, was, aber darauf werde ich erst später kommen, seiner Erfahrung geschuldet ist. Wer zwanzig Jahre lang die Schiffe und Besatzungen wechselt, gewöhnt sich schlecht an neue Gesichter, die ohnehin bald wieder verschwinden werden. Er bleibt auf Distanz, ist nicht unfreundlich, Freundschaften aber lässt er nicht zu. Vertrautheit vielleicht, eine Vertrautheit, die den täglichen Abläufen geschuldet ist. 

Amaro hat die anderen zu oft verschwinden sehen, würde ich mir sagen. Sie haben das Schiff verlassen, um auf anderen Schiffen anzuheuern oder sie blieben an Land oder sie kehrten in ihre Heimat zurück. Doch egal, was passierte, der Kontakt zwischen ihnen riss bald ab. Das macht man einige Zeit mit und dann gibt man auf. Am Ende ist nichts verlässlich, lerne ich aus Amaros Geschichte, weder das Wasser noch das Land. Sollte er zurück nach Santiago kehren, wird auch dort alles anders sein. Die Freunde sind über die Stadt verstreut, sie haben Familien, einige sind bereits an Krankheiten gestorben, viel zu früh, wie es heißt, auch wenn man nicht richtig an einen solchen Satz glaubt. Die vertrauten Bars sind geschlossen, die Cafés der Vergangenheit existieren nicht mehr oder haben neue Besitzer, die das alte Mobiliar herausgerissen haben und damit das Herz des Cafés. Das Haus der Eltern musste schon vor fünfzehn Jahren einem mittlerweile ausgestorbenen Hotel weichen und der Onkel hat sich in einem Außenbezirk der Stadt mit seinem kleinen Bauunternehmen ruiniert. Ist das überhaupt noch Santiago?, wird sich Amaro fragen, aber da ist niemand, der ihm eine Antwort geben kann. Die Leute auf der Avenida Salesianos laufen an ihm vorbei, einige fluchen, weil er wie eine Statue der Olmeken mitten auf dem Bürgersteig alles behindert. Im Hintergrund ragen die Anden in den Himmel, schneeüberzogene Gipfel, die Amaro an einen anderen Gebirgszug erinnern, dessen Name ihm in diesem Augenblick aber einfach nicht einfallen will. Weiße Gipfel, die wirken, als wären sie mit Zucker bestäubt oder mit Bleiweiß gestrichen und Amaro stellt sich die Spitze dieser Gipfel, den höchsten Punkt der Berge, so scharf wie eines seiner Küchenmesser vor, die er zwanzig Jahre lang geschwungen hat.

Natürlich besteige ich kein Schiff. Meine kurze Recherche im Netz bliebt ohne Ergebnis und außerdem macht dieser Plan auch überhaupt keinen Sinn. Was wäre schließlich mit K, sie will doch gar nicht zur See. Auch ich möchte mich ja eigentlich nicht in einen Matrosen verwandeln, ich stelle mir das alles nur sehr romantisch vor und eine Flucht wäre es auch. Merkwürdigerweise komme ich über das Flüchten nicht hinaus. Ich frage mich, wie es die anderen machen, ob sie auch diesen Drang in sich spüren, der in eine unbekannte Richtung zeigt und sich unglaublich schwer in Worte fassen lässt.

Ich möchte weg, sage ich mir, nur weg und dieses Weg bezieht sich, wenn ich ehrlich bin, ausschließlich auf das Geldverdienen, auf den Zwang, meine Zeit für etwas anderes zu verwenden als das Schreiben. Der Wunsch zu verschwinden hat mich immer begleitet, vielleicht, weil ich mich niemals richtig wohl gefühlt habe, niemals das Gefühl hatte, angekommen zu sein. Wohnungen, Städte, das alles bedeutete mir nie etwas. Ich frage mich, ob man wirklich einfach losgehen kann und was das heißt. Kündigen, alles verkaufen, die Wohnung aufgeben und dann mit einem Rucksack los? Zu Fuß durch Deutschland in Richtung Osten? Warum gerade in Richtung Osten? 

Erschöpft gebe ich die Suche nach einer Lösung auf und rekapituliere die zurückliegenden Tage. Ich habe 160 Bücher über rebuy verkauft, ich arbeite am Lektorat meines Romans, der nun im August erscheinen soll. Ich habe lange mit meiner Verlegerin das Für und Wider eines solchen Erscheinungstermins diskutiert, aber um ehrlich zu sein, möchte ich nur, dass die Gärten in der Wildnis endlich im Sommer erhältlich sind, damit ich beginnen kann, meinen zweiten Roman unterzubringen. 

In der Zwischenzeit schreibe ich wieder Bewerbungen und habe Vorstellungsgespräche, die mich derart langweilen, dass ich einen Moment lang überlege, einfach aufzustehen und ohne jede Erklärung den Raum zu verlassen. Die fassungslosen Blicke der anderen folgen mir, aber ich ignoriere sie. Sicher halten sie mich für einen Wahnsinnigen. 

Später höre ich Patrick Shiroishis i shouldn’t have to worry when my parents go outside bei geöffnetem Fenster und halte den Albumtitel für ganz ausgezeichnet, bis mich das Geräusch einer Kreissäge draußen im Hinterhof irritiert. Deshalb stehe ich auf und sehe hinaus, natürlich nicht so offensichtlich vorwurfsvoll wie ein Rentner, sondern eher wie jemand, der sich ganz zufällig für die Außenwelt interessiert. Als ich stehe, fällt mir plötzlich auf, dass die Kreissäge nicht draußen im Hinterhof dröhnt, sondern von Shiroishis Album stammt. Das finde ich natürlich sofort total genial.

Am Morgen, von sieben bis neun, lese ich Despentes Vernon Subutex, halte alles für gut, besonders die vielen Beleidigungen bringen mich zum Lachen. Nichts ist schließlich angenehmer, als einen aufgeblasenen Filmproduzenten als fettes Trottelgesicht eingeführt zu bekommen und da sich der Roman schnell liest, bestelle ich auf Amazon gleich Band zwei und drei, natürlich antiquarisch, denn auf die Preise von ZVAB ist mittlerweile auch kein Verlass mehr.

Ist es möglich, die Kreisläufe zu durchbrechen?, frage ich mich jetzt. Jahrelange war ich der Meinung, die Kreisläufe stammten aus der Welt, doch mittlerweile bin ich mir nicht mehr so sicher. Vielleicht stammt das alles auch aus mir, vielleicht verlangt die Welt überhaupt nichts, vielleicht bietet sie sich nur an, ohne auf die Verunsicherten Rücksicht zu nehmen. Ein Angebot, eine Einladung, mehr nicht. Man nimmt dich nicht an die Hand, man zeigt dir keinen Ausweg. Alles bleibt Andeutung, ein Vielleicht, die Möglichkeit. Und die Zeit läuft ab, sie läuft neben dir, hinter dir, stößt dich an, zieht an dir vorbei. Zweiundfünfzig Wochen, zwölf Monate, ein Jahr, dann sind es zwei, drei, vier, bald zehn. Und obwohl sich in einigen Sekunden die Gegenwart greifbar verkürzt, als würde sie sich in einen Gegenstand verwandeln, in einen Tisch zum Beispiel, an dem du sitzt und schreibst, ist diese Gegenwart doch nur eine Wiederholung in endloser Potenz, eine Wiederholung all des Unverständlichen, das jede Generation an die nächste weitergibt, ohne eine Lösung für jene Rätsel und Fragen gefunden zu haben, auf die es wirklich ankommt. Am Ende stehen alle ratlos herum und sehen sich an. Am Ende begreifen auch die meisten, dass besonders jenen nicht zu trauen ist, die den Besitz einer Antwort behaupten. Wir leben die Leben, denke ich, die man in allen Jahrhunderten findet. Dieselben Fragen seit so und so vielen Jahrtausenden und die gleichen vagen Antworten. Die gleichen Parolen. Vertrauen, Hoffnung, Glauben. Alle Fragen und das Meer, das sich nie verändert. Auch darin liegt eine seltsame Rücksichtslosigkeit. Das Meer hält sich bedeckt und wir machen weiter, es ist Montag, eine neue Woche, es ist Ende April und bald steht der Sommer da und fordert zu einer Reise auf oder zu einer Veränderung. Und vielleicht wird das Reisen sogar möglich sein. Dann studiert man die Zugverbindungen oder leiht sich ein Auto und macht sich damit auf den Weg, denkt auf der Fahrt an die Freiheit, die durch das geöffnete Fenster weht, an die Freiheit, die auch etwas ist, das sich ständig entzieht.