Tanit, Sonntag, 25. April

Die Tage finden schneller ein Ende. Vielleicht kommt es mir nur so vor, doch ich sehe am Morgen einige Male nach draußen, dann gegen Mittag und irgendwann schaue ich auf die Uhr meines Laptops und es ist bereits vier oder fünf, ohne dass ich irgendetwas unternommen, auf irgendeine Weise gehandelt hätte. Die Sonnenuntergänge schieben sich im April noch hinaus, sie lassen auf sich warten, das Licht vertragt die Rückkehr der Dunkelheit immer weiter, die Finsternis erhält einen weniger umfassenden Raum und dennoch bleiben Tage, die spurlos vergehen, an denen nichts Bemerkenswertes geschieht. Tage, an denen das Bemerkenswerte nicht einmal erzwungen werden kann, indem man zum Beispiel die Wohnung verlässt und auf die Straße tritt in das Licht. 

Das ganze Viertel ist unterwegs. Die Linden zwischen den geparkten Autos leuchten grün, die Sonne fällt von schräg oben in die Schlucht der Häuser, ohne die Straße dabei zu berühren. Das Licht bleibt an den Fassaden der Gebäude hängen, ein wenig unterhalb der ersten Etagen. Als wir das Flussufer erreichen, ist es von Leuten überschwemmt. Menschen, die auf mitgebrachten Decken sitzen und Bier trinken, Menschen auf Fahrrädern, Menschen, die Vikingerschach spielen, wie K mir erklärt, als ich etwas verdutzt eine Gruppe beobachte, die Kanthölzer auf der Wiese in einem Rechteck verteilt. Menschen, die Frisbees werfen oder Musik auf kleinen Bluetooth-Lautsprechern hören und auf dem Fluss schiebt sich eine Gruppe Ruderer lautlos an uns vorbei, wobei die Stille, die sie umgibt, ihre Schnelligkeit noch betont. 

Ich sehe den Schwänen im Landeanflug nach, die ganz unförmig wirken mit ihren langen, waagerecht nach vorn gereckten Hälsen. Sie sehen merkwürdig aus in der Luft, flugunfähig eigentlich, ein schwerer ovaler Körper, an dem ein langer weißer Hals mit einem winzigen Kopf angebracht ist und dieser Körper hebt sich über die Brücke und sinkt hinter ihr langsam in Richtung Wasser hinab, auf dem er irgendwann laut und ziemlich ungelenk landet. Schwäne brauchen ewig, um vom Fluss in die Luft abzuheben, sie peitschen für zwanzig Meter das Wasser mit ihren Flügelspitzen, was ein klatschendes Geräusch erzeugt, bekommen das eigene Gewicht aber einfach nicht hinauf. Und selbst in der Luft wirken sie noch für eine ganze Weile flugunfähig und völlig außerhalb ihres Elements, bis sie endlich eine gewisse Höhe erreichen und damit wahrscheinlich so etwas wie ein Gefühl für die Tragfähigkeit ihres Flugs, was sie selbst manchmal überrascht, als wunderten sie sich über das Gelingen dieses aussichtslosen Kraftakts.

Am Ufer lese ich Tolstoi, ich lese Wieviel Erde braucht der Mensch? und stelle ganz am Ende der Erzählung fest, dass ich sie bereits vor Jahren gelesen haben muss, denn das Ende bei den Baschkiren kommt mir einfach zu vertraut vor. Ich bin sehr froh über die Kürze der vier Erzählungen, die ich mir in einem häßlichen Band gekauft habe. Weltliteratur auf einhundert Seiten besitzt etwas Beruhigendes, man hat das Gefühl, einen Meilenstein nach kurzer Zeit zu erreichen. 

Ich sitze in der Sonne auf einer Treppe, während Jogger und Fahrradfahrer an mir vorbeiziehen, ich höre die Gespräche der anderen Spaziergänger, die der Wind verwischt und finde das Ende von Tolstois Erzählung ein wenig zu deutlich und klar, die Beantwortung der im Titel gestellten Frage nämlich. Wie viel Erde braucht der Mensch? Nicht so viel, wie Pachoms Gier und der Teufel ihm eingeben, nicht so viel Erde, wie er an einem Tag im Land der Baschkiren umlaufen kann, denn Pachom stirbt vor Anstrengung, weil er den Mund zu voll genommen hat und ihm die Augen vor lauter Habsucht übergingen, er rennt am Ende, um seinen Besitz zu umkreisen und damit festzuschreiben und weil er rennt, erwischt es sein Herz. Er stürzt zu Boden, Staub zu Staub sozusagen, das Urteil für die Todsünde folgt auf dem Fuß. Sein Knecht scharrt den toten Körper des Herrn an Ort und Stelle ein und beantwortet die Frage nach dem menschlichen Maß mit einer einfachen Flächenangabe, die dem ausgestreckten Körper Pachoms entspricht. Aber das stimmt nur zum Teil, denke ich, denn der Mensch braucht am Ende etwas mehr als das eigene Grab. Doch vielleicht spricht der Titel der Erzählung auch nicht direkt das Grab und damit die Nichtigkeit des menschlichen Besitzstrebens an, sondern einfach nur die Warnung vor der nie zu befriedigenden Gier, die den Tod nach sich zieht, was ja wiederum auch einen gewissen Reiz für die Gegenwart besitzt.

Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich Anna Karenina, Krieg und Frieden und Auferstehung gelesen habe und ich glaube mich zu erinnern, dass Hannes in Berlin immer von Tolstoi geschwärmt hat, genauso wie von Kant, der bei ihm allerdings nicht Kant, sondern Kantimausi hieß, so wie Nietzsche für Hannes Nietzschilein war und Hegel Hegelchen. Ich bin mir fast sicher, dass Flaubert in unserer WG-Küche immer Flaubart genannt wurde, was für mich nach einem Fisch klang oder nach einem Piraten, sicher war ich mir jedenfalls nie. Über Hannes habe ich auch Emil Cioran kennengelernt und bis heute kann ich mich sehr genau an dieses Kennenlernen erinnern.

Damals wohnte Hannes noch an der Grenze zum Friedrichshain in einer Zweiraumwohnung, ganz in der Nähe vom Volkspark. Es gab einen neu gebauten Lidl gleich um die Ecke und hinter der Brücke mieteten C und ich einige Monate lang einen Proberaum in einem alten Hochhaus, das in der DDR wahrscheinlich ein Verwaltungsgebäude gewesen war. Dort probten wir mit unserer Zweimannband Tales from the Red Universe, bis Jakob später dazukam und wir den Namen der Band in Me, Ship änderten und sich auch die musikalische Ausrichtung von schnellem Post-Hardcore in so etwas wie studentischen Indierock mit komplizierten Gitarrenmelodien verwandelte. 

Das Innere des Elfgeschossers war das reinste Museum. Die Fahrstühle strömten einen unveränderten DDR-Touch aus, schönstes braunes Furnier und Holzimitat und vielleicht auch deshalb überraschte uns eines Tages eine Filmcrew vor dem Gebäude, die irgendeinen Tatort oder vielleicht auch einen richtigen Kinofilm drehten. Natürlich hatte uns niemand Bescheid gesagt und deshalb standen wir lange auf dem Parkplatz vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude herum und sahen der Filmcrew zu, die ein paar Trabis gemietet hatte und mit einem riesigen Kran und mehreren Kameraleuten hantierte. 

Wenn mich nicht alles täuscht, tauchte auch Matthias Schweighöfer zwischen diesen Leuten auf, was C und mich natürlich überhaupt nicht beeindruckte. In meiner Post im Prenzlauer Berg war ich einmal Nina Hoss in die Arme gelaufen und zwar richtig in die Arme gelaufen, ich war gerade dabei, die Filiale zu betreten und sie wollte zeitgleich hinaus und wie es manchmal so ist, wenn man einem anderen auszuweichen versucht, der in der gleichen Sekunde denselben Gedanken hat, führten wir voreinander einen kleinen Stepptanz auf. Ich sah sie dabei an und sie erwiderte meinen Blick, sie erkannte, dass ich sie erkannte und dann lächelte sie, begann mich zu umrunden und verschwand.

In Hannes kleiner quadratischen Küche lag Ciorans Vom Nachteil geboren zu sein auf dem weißen Fensterbrett. Ich sehe das schmale Suhrkamp-Buch mit dem Porträtfoto Ciorans auf dem Cover noch vor mir, es war in jener Zeit, als Suhrkamp das neue Reihendesign für seine Taschenbücher eingeführt hatte und ich nahm das Buch in die Hand und begann darin zu blättern. 

Hannes lief währenddessen in der Wohnung herum. Einen der fast gleich großen, quadratischen Räume hatte er in ein sparsam eingerichtetes Schlafzimmer verwandelt, das andere Zimmer stand bis auf einen Heimtrainer in Form eines Fahrrads komplett leer. Überhaupt besaß Hannes nur wenige Möbel, die meisten davon stammten aus dem Besitz seiner Eltern, die in Brandenburg auf einem kleinen Bauernhof lebten oder er hatte sie in einem Second-Hand-Laden gekauft. Hannes studierte Philosophie, aber mit seinem Studium ging es nicht recht voran. Allerdings haben wir das erst später bemerkt. Damals glaubten wir noch, er studiere wie wir anderen auch und kämpfe sich durch Kantimausis Kritik der reinen Vernunft.

Zu Hause suche ich im Regal nach Flauberts Briefen und finde sie schließlich in einem Regal, das K gehört und in dem eigentlich nur ihre Bücher stehen sollten. Ich greife mir den Band, rechne aus, in welchem Jahr Flaubert in meinem Alter gewesen sein muss und komme auf 1858. 

Der erste Brief des Jahres stammt vom 23. Januar. Flaubert ist in Paris, der Rummel um Madame Bovary ist noch immer riesig und er zieht über Schreiberlinge her, die aus dem Roman ein weiteres Bühnenstück machen wollen. „Doch dieser Mischmach von Kunst und Talern erschien mir wenig angemessen“, schreibt er seiner Briefpartnerin, Mademoiselle Leroyer de Chantepie, was ich sehr beruhigend finde.

Im nächsten Brief vom April 1858 ist Flaubert bereits auf dem Dampfer Tanit nach Afrika unterwegs. Ich nehme an, dass er für Salammbô recherchiert, was seine Orientbegeisterung zeigt, wie sie auch beim etwas älteren Delacroix mit den Frauen von Algier und dem Tod des Sardanapel zu finden ist, aber Salammbô wirkte für mich immer wie ein Fremdkörper zwischen Madame Bovary, der Erziehung des Herzens und Bouvard und Pecuchet, wobei ich den Heiligen Antonius nicht gelesen habe.

Im ersten Drittel des Briefbandes habe ich mir viele Passagen markiert, was mir heute etwas peinlich ist. Ich habe so ziemlich alle Passagen unterstrichen, in denen Flaubert auf das Glück, die Liebe und das Schreiben Bezug nimmt. Beispielsweise habe ich mir in einem langem Brief an Louise Colet von 1852 – Flaubert muss hier dreißig Jahre alt sein – folgende Passage angestrichen: „Die Mumien, die man im Herzen hat, zerfallen niemals zu Staub, und wenn man den Kopf über die Luke neigt, sieht man sie unten, wie sie einen mit ihren offenen, reglosen Augen anblicken.“ Vielleicht geht es hier weniger um das Glück oder die Liebe, aber es geht um etwas, das dich nicht mehr loslässt und dich dadurch zeichnet. Nach solchen Vergleichen habe ich damals händeringend gesucht und Flaubert hat sie mir wieder und wieder gegeben, denn schon ganz am Anfang, in den ersten Briefen, als er noch zwanzig ist, schreibt er tief, wenn auch altklug und mit dieser ungehobelten und ein wenig übertriebenen Ungeschliffenheit, die seinen kantigen Charakter etwas zu gewollt herausstellen soll.

„Hast Du manchmal darüber nachgedacht, mein lieber und zärtlicher Alter, wieviel Tränen das furchtbare Wort ‚Glück‘ hat fließen lassen? Ohne dieses Wort würde man ruhiger schlafen und behaglicher leben. Manchmal erfaßt mich ein seltsames Sehnen nach Liebe, wenngleich mir bis in die Eingeweide davor ekelt; vielleicht würde es unbemerkt vorübergehen, wenn ich nicht ständig aufmerksam wäre und mit gespanntem Auge das Spiel meines Herzens beobachtete.“

Dreizehn Jahre später, im April 1858, befindet sich Flaubert vor der tunesischen Küste auf einem Dampfer und schreibt an seine Freunde in Frankreich. 

„Die Nacht ist schön, das Meer ist glatt wie ein Ölsee. Die alte Tanit glänzt, die Maschine keucht, der Kapitän neben mir raucht auf seinem Diwan, das Deck ist voller Araber, die nach Mekka wollen; sie sind in ihre weißen Burnusse gehüllt, ihre Gesichter sind verborgen und ihre Füße nackt; sie sehen aus wie in Laken gewickelte Leichen.“

Irgendwann geht er an Land. Er will Karthago sehen. Bartgeier kreisen am Himmel. An diese Geier kann ich mich aus Salammbô erinnern. Eines meiner Lieblingsfotos aus den frühen Jahrzehnten nach Erfindung der Fotografie stammt von Flauberts erster Nordafrikareise, die er 1850 unternimmt. In Ägypten sitzt er auf dem Kopf der Ramsesstatue in der Nähe von Abu Simbel, die Hände auf seine Schenkel gestützt und sieht direkt in Richtung des Fotografen. Flauberts Gesicht, sein ganzer Kopf eigentlich, ist vollständig schwarz. Vielleicht wirft sein Hut einen langen Schatten, es ist schwer zu sagen, doch Flaubert bleibt auf der riesigen Statue des Pharaos unsichtbar, als habe er die Nacht auf den Schiffen voller Mumien und Leichen nicht verlassen, als hafte ihm diese Nacht selbst unter der grellen, ägyptischen Sonne unnachgiebig an.

26. Februar

Die erleuchteten Wohnungen im Hinterhof wirken jetzt am Abend wie eine Szene aus dem Dekalog von Kieslowski, lauter helle Kästen, in denen sich Leute bewegen und ein fremdes Leben führen. Die Linien dieser Leben scheinen mir für einen kurzen Augenblick vertraut und meinem eigenen ähnlich, doch sobald ich etwas länger hinsehe, kehrt die Fremdheit zurück. Überall flimmern Fernseher als riesige Flechten an den Wänden, im Erdgeschoss wohnt ein Mann, den ich auf Ende Fünfzig schätze und dieser Mann ist immer allein. Meist quert er in einem weißen Feinrippunterhemd seine Wohnung (das Wohnzimmer mündet in eine offene Küche), läuft zum Kühlschrank, öffnet ihn, da ist wieder Licht, diesmal ein helles Leuchtstoffröhrenlicht, er holt etwas hervor, wahrscheinlich etwas zu essen, denke ich, und dann steht er für einige Augenblicke an einem Tresen, der die offene Küche vom restlichen Wohnzimmer zumindest provisorisch trennt und sieht zu seinem gigantischen Bildschirm. In diesem Moment verschwindet er, dort unten steht die Einsamkeit, für sie gibt es kein besseres Bild und während der Mann selbstvergessen auf irgendetwas wartet und nichts tut, läuft über ihm eine Rentnerin hinter den Vorhängen von links nach rechts, ruhelos und durcheinander, als warte sie auf Besuch, auf die Kinder, die sich angemeldet haben und doch nicht kommen werden. 

Gestern spaziere ich am Flussufer entlang, das voller Menschen ist, die Leute fallen regelrecht übereinander her, die Möwen kreisen angriffslustig über unseren Köpfen, Kinder schreien, als wären sie verwundet, Hunde rasen aufeinander zu und überschlagen sich lefzenfetzend im Spiel und auf den Steinstufen sitzt ein Auditorium aus Jugendlichen und Pennern und sieht meinem Spaziergang total unbeeindruckt zu. Äußerlich umgibt sie das Gespenst jener wahnsinnigen Grundlässigkeit, deren Kehrseite von einem Meer aus Unsicherheit, Angst und Verwirrung gebildet wird und aus diesem Meer kommt man nur selbst heraus und das braucht viele Jahre. Einige gehen währenddessen unter, finden sich ab, viele kommen auch nie ganz heraus, alles ist Sumpf, man tauscht Meer gegen Brachland und das Brachland gegen eine Stadt und dort spult man die Versuche ab und manchmal glaubt man, dem Ziel ein wenig näher zu kommen.

Neulich spricht mich am Bahnhof jemand an und bettelt um Geld, aber ich mach da nicht mehr mit, mein Mitleid ist kaum noch vorhanden, hat sich komplett abgenutzt in den letzten zwei oder drei Jahren, ich spende ab und zu für Wikipedia oder irgendeinen anderen schrecklichen Grund und hasse insgeheim die wunderbaren Moralisten, die sich überall bemerkbar machen, um ihre Hilfsleistungen ganz kleinteilig aufzuzählen. Am Ende haben sie ja recht, aber sie sollen mich in Ruhe lassen. Mein Versuch besteht seit längerem darin, den Ausstieg zu schaffen, den Riss im Mauerwerk zu entdecken, durch den ich schlüpfen kann, die lose Holzlatte im scheinbar gut vernagelten Zaun, nur stellt sich das natürlich als nicht ganz so leicht heraus, wie anfangs gedacht. 

Vor Jahren habe ich einmal auf der Fahrt zu meinen Eltern hinter dem Zugfenster einen Mann am Bahnhof gesehen, der mich komplett umgehauen hat. In irgendeinem Provinznest der thüringischen Wüste, in einem wirklich ganz rückständigen und verlassenen Dorf lehnte ein Mittvierziger geduldig an einer Kastanie neben dem zugenagelten Bahnhofsgebäude. Er trug eine Hochwasserhose, neue Vans, war volltätowiert und hatte so etwas Künstlerhaftes an sich, schulterlange und zurückgekämmte Haare, ein kurz geschnittener Bart und das alles passte überhaupt nicht ins Bild dieses kleinkarierten Dorfs, dem man die verbiesterte Engstirnigkeit richtig ansah, der Mann fiel aus allem heraus und blieb ein Rätsel. Wie hatte er sich an diese Stelle verirrt? Warum führte er ausgerechnet ein Leben an diesem Ort? Er musste in dieser Kleinstadt schon äußerlich ein Fremder sein und der Stein des Anstoßes bleiben und er wusste davon, er wusste genau, wofür er mit seinen muskulösen und vor der Brust verschränkten Armen stand. Und dann stieg ein junges Mädchen aus dem Zug und lief ihm entgegen und in diesem Moment hellte sich sein Gesicht in einem Anflug echten Glücks auf und ich war mir sicher, dass ist seine Tochter. 

Als mein Zug kurze Zeit später wieder anfuhr, tauchte in mir der unbestimmte Wunsch auf, dieser Vierzigjährige zu sein, mich in ihn zu verwandeln und der unüberwindbare Abstand zwischen mir und ihm ließ mich in diesem Augenblick damals regelrecht verzweifeln. Es gibt keinen Weg, dachte ich, ihr lebt in anderen Teilen der Wirklichkeit. Doch der Gedanke blieb und ich wiederholte stumm, ich möchte auch so sein, meinetwegen in einem gottverlassenen ostdeutschen Nest leben und den ganzen Tag in einer Scheune verbringen, um scheußliche Malereien zu fabrizieren oder schrecklich einfältige Bücher. Nur wie stelle ich das an? 

Ich sehe das alles noch heute vor mir und frage mich, warum die Halbwertszeit eines solchen Bilds so unwahrscheinlich ist. Warum es auch nach Jahren und Jahrzehnten nicht verschwindet. So viele andere Bilder verschwinden, ohne Spuren und Erinnerung zu hinterlassen und dann sind dort Szenen, die sich tief eingravieren. Etwas an ihnen reicht hinab, denke ich, diese Bilder sind mit uns verwachsen, sie rühren da an einem wunden Punkt oder auch an einem sehr bedeutungsvollen, an einem Punkt der eigenen Person sozusagen und in diesem Punkt steht man sich plötzlich selbst gegenüber mit allem, was man in sich trägt oder in sich zu tragen glaubt, alle Wünsche, Erwartungen, Versprechen, die jeder besitzt und die jeder auf so leichte, so traurig leichte Weise auch verlieren kann. 

Meine große Lebensangst stammt aus der Erziehung des Herzens. Ganz am Ende des Romans treffen sich die beiden Freunde, der Erzähler, dessen Namen ich vergessen habe und jetzt nicht nachschlagen will und auch sein bester, ebenfalls namenloser Freund (mein Namensgedächtnis ist derart kaputt, dass ich seit längerem an eine neurologische Erkrankung glaube); und diese beiden Freunde breiten voreinander die Erinnerungen aus, bereits in die Jahre gekommen und als alte Männer, sie sprechen über die unwahrscheinlichen Lebenswünsche, die sie einmal hatten oder glaubten zu haben. Nur erinnern sie sich schlecht und können einander auch nicht helfen. Und dann fragen sie sich, was man als Schönstes dieser jungen Jahren behalten hat, welches Ereignis aus der Fülle aller Ereignisse also im Gedächtnis geblieben ist und den wunderbarsten Sehnsuchtsmoment des eigenen Lebens markiert. Und beide kommen zum Schluss, es müsse ein gemeinsamer Bordellbesuch gewesen sein, der, wenn mich nicht alles täuscht, in der erzählten Zeit des Romans überhaupt nicht auftaucht, weil er keinerlei Bedeutung besessen hat, was Flaubert natürlich wusste. Kein Wunder, dass es mit ihm im Rinnstein zu Ende ging und sich keine Sau um ihn kümmerte, so viel Gemeinheit haben die Leute damals einfach nicht ertragen und besonders nicht in einem Dorf wie Rouen (merkwürdigerweise erinnere ich mich an Flauberts Geburts- und Lebensstadt sofort, klasse, ich erinnere die Namen meiner Freunde aus der Schulzeit nicht, aber so was fällt mir gleich wieder ein…). In solche Spiegel mochte damals und auch heute niemand sehen. Und daher meine Lebensangst, man schrumpfe auf eine unbedeutende Winzigkeit zusammen, das eigene Leben böte in der Rückschau nichts als einen Sommertag, ein Treffen mit Freunden im Park, die Zeile eines Buches, an die man sich nur halb erinnert, eine merkwürdig verschwommene Flucht aus Zimmern, Gesichtern, Halbeindrücken.