30. Januar

K rasiert mir die Haare ab und plötzlich sehe ich im Spiegel wie ein Straftäter aus, spitze meine Lippen und versuche möglichst gefährlich zu wirken. Das gelingt mir ganz gut, finde ich, aber K ist sich da nicht so sicher, meint sogar, ich würde auf allen möglichen Aufnahmen immer so eine Art duck-face machen, was ich natürlich vehement verneine. Also wirklich!, rufe ich, ich sehe nun einmal so aus, da kann ich ja wohl kaum etwas dafür und im Übrigen ist das auch eine gemeine Beleidigung.

Seit gestern regnet es häufig stundenlang und es soll auch in der nächsten Woche dabei bleiben. In einer der seltenen Regenpausen getrauen wir uns hinaus und machen einen Spaziergang. Es weht ein starker Wind, aufgrund des Niederschlags ist der Neckar gefährlich angeschwollen und hat die erste Böschung fast genommen. Dafür ist es nicht besonders kalt und wie immer sind sehr viele Leute am Ufer unterwegs. Man weiß ja bereits nicht mehr, wohin mit sich, die spazierenswerten Routen sind uns vor Wochen ausgegangen, wir laufen immer nur dieselbe Strecke ab, das Ufer rauf und runter und wenn wir den Fluss, was natürlich selten vorkommt, einfach nicht mehr ertragen, gehen wir in Richtung Park, den man wie alles andere auch geschlossen hat. Dann schleichen wir an den hohen Metallzäunen entlang und sehen hinter dem feinen Gitterdraht die sich auf der Rasenfläche rekelnden Wildenten. Sie haben den gesamten Park für sich und genießen es sichtlich, schauen uns, wie ich glaube, auch ein wenig herausfordernd an. Aber wer kann ihnen das verdenken.

Zu Hause schreibe ich am Schlussabschnitt der Spanienreise und finde die Erzählung gut. Ich hätte nie gedacht, was alles wieder auftauchen kann, wie viel die Erinnerung schluckt und doch bereit hält zur gleichen Zeit. So viele Einzelheiten kehren zurück. Die Mädchen am Strand hatte ich immer parat, aber die Seenlandschaft zum Beispiel auf der Rückreise war mir genauso abhanden gekommen wie unsere Wanderung in Spanien und das Warnschild am Wegrand. Achtzehn Jahre ist das alles her, ganz unglaublich. Ich schaue noch immer mit denselben Augen auf meine Umgebung, an meinem Blick, erkläre ich K, hat sich überhaupt nichts geändert. Meine Augen sind nicht älter, meine Gedanken sind es, meine Beziehung zur Welt, zu den Menschen. Doch ich bin mir sicher, dass mein Blick bis zum Ende genau der gleiche bleiben wird, von Katarakten und anderen Augenerkrankungen einmal abgesehen. Die Wahrnehmung scheint sich nicht abzunutzen und das ist ein irrer Gedanke. Dass die eigenen Augen mit zehn Jahren auf eine Weise schauen, die mit achtzig nicht verschwunden ist, während der Körper ringsum rigoros verfällt. Meine Mutter hat dieses Erstaunen in meiner alten Dachgeschosswohnung einmal auf den träumerischen Punkt gebracht: Wie schnell wir alt geworden sind. Ich bin jetzt sechsunddreißig und das ist natürlich nicht alt, aber jung ist es auch nicht mehr. Um ehrlich zu sein, kann ich nur schwer sagen, was es eigentlich ist. 

Ich lese Mishimas Goldenen Pavillon aus, erfahre die Umstände seiner Selbstötung (vier Versuche, um ihn zu enthaupten, danke auch!) und bin froh, das Buch endlich hinter mich gebracht zu haben. Zum Abendessen (Dosenmakrele und Sesamknäckebrot) schaue ich auf UBU einen genialen Film über Tony Conrad von Marie Losier, der halb Dokumentation, halb Kunstfilm ist, mit ganz wunderbaren Buster-Keaton-Einlagen und schönen Aufnahmen in Conrads Haus (das nehme ich zumindest an). Conrad erzählt von seiner Kindheit, dass er ausgerechnet seine Violine anfangs hasste, obwohl er die Eltern aus unerfindlichen Gründen lange um das Instrument angebettelt hat (für mich ein erneuter Beweis, dass die Sehnsucht häufig blind ist, vollkommen unbestimmt). Er mochte nicht einmal den Klang der Geige! Dann kommt er auf New York zu sprechen und auf seinen Freund La Monte Young und dass ja auch John Cage damals in New York zugange war und es deshalb natürlich auch für ihn keine andere Möglichkeit gab, als eben nach New York zu gehen. 

Conrad, der auf diesen Aufnahmen bestimmt schon über sechzig ist, wirkt jung, vollkommen jung sogar. Er besitzt eines jener Gesichter, die nur an den Rändern altern, während die Kindlichkeit wenige Zentimeter unter der ergrauten Oberfläche sitzt und sich ständig bemerkbar macht. Er springt in einem Kostüm auf seinem Bett herum (gemeinsam mit Marie Losier), erzählt eine Geschichte über das Einwecken von Filmmaterial und scheint alles in allem ein recht glücklicher Mensch zu sein, zumindest auf diesen Aufnahmen.

Am Schluss isst er eine Rose und ich erinnere mich an den Film, den ich damals mit C in Berlin gedreht habe und in dem er sich in Zeitlupe Wasser über den Kopf gießt und danach mit buntem Konfetti beschossen wird. Leider habe ich das alles vor Jahren verloren, genau wie alle anderen Filme. Brüderzwist (C’s Arbeitstitel), den wir im Haus von Johannes Eltern in der tiefsten brandenburgischen Einöde gedreht haben und den ich niemals fertig schneiden konnte. Die vielen Kurzfilme aus Berlin. Alles halb so schlimm, da war wirklich nichts von Wert dabei. Eigentlich war das alles Mist.