Asphalt, 11. Juni

Kurz nach sechs stehe ich in unserer Küche vor der offenen Balkontür und sehe in den Hinterhof hinaus. K schläft noch im angrenzenden Zimmer und ich blicke auf den grünen Laubvorhang, der mir zur Hälfte die Sicht nimmt. Das Licht fällt schräg von oben in den Hof, die ersten beleuchteten Flecken schieben sich an der Fassade des gegenüberliegenden Gebäudes entlang, das in Ausschnitten hinter den Buchenblättern erscheint, und über allem liegt dieser Teppich aus Stille, den es nur am Morgen gibt. Eine Stille, die nicht friedlich ist, denke ich, und auch nicht kraftlos oder erschöpft, sondern neutral, ein Zwischenbereich, als würde man auf ein Zeichen warten, das zum Einstieg in ein Flugzeug aufruft oder die Ankunft eines Zugs verkündet, auf den man eine halbe Stunde lang gewartet hat.

Ich folge den Lichtflecken, die Stück für Stück über das gelb verputzte Mauerwerk kriechen, unmerklich, dachte ich früher als Kind, viel zu langsam, als dass meine kindliche Aufmerksamkeit die millimeterweise Wanderung der Lichter und Schatten hätte wahrnehmen können. Jetzt aber fällt es mir nicht mehr schwer, eine Viertelstunde lang abzuwarten, um denselben Bewegungen wie vor zwanzig Jahren zu folgen und damit den eigenartigen Veränderungen der erleuchteten Bereiche, denen eine unbeständige Geometrie zugrunde liegt, die biegsam sind und flüchtig. Überhaupt sind Licht und Schatten viel flüchtiger, als ich es mit elf oder zwölf Jahren angenommen hatte. In diesem Alter scheint alles unverrückbar zu sein, unsterblich sogar, der Gedanke an Anfang und Ende hat noch nicht jenes umfassende Maß erreicht, das auch die Welt, das Leben und alle sich dem Leben und der Welt unterordnenden Phänomene einbezieht. Die Welt scheint einfach da zu sein, in einer unbeschreiblichen, außerhalb der Zeit liegenden Zone, von der insbesondere die Märchen und Kinderbücher wissen, eine zeitlose Zeit, in der nichts wird, nichts vergeht, sondern alles nur ist. Die Eltern, die Geschwister, das Haus, in dem man lebt, die Zimmer darin, die Gärten und dann die Straßen, erst die wenig befahrene, die man hinunter läuft in Richtung des alten Kindergartens, dann die etwas stärker befahrene Straße mit der Ampelkreuzung, die ewig auf das Grün warten lässt, und dahinter schließlich die Stadt, mit dem Wald an ihren Rändern und der verfallenen Schlossruine auf einem nicht sehr hohen Berg. Jeder Zentimeter, den man in diesem Alter betritt, liegt außerhalb der Zeit, ist ewig und auch wenn man zufällig von der Geschichte der Dinge erfährt, von einer Familie beispielsweise, die vor Jahren dieselben Zimmer bewohnte, in denen nun die eigene Familie wohnt, macht sich hinter dieser Geschichte dennoch nur die Zeitlosigkeit aller Vorkommnisse bemerkbar, der Gegenstände wie der Lebewesen, die Bestätigung, dass dieses Haus von Anbeginn an existierte, auch wenn man ahnt, dass es irgendwann vor Jahren (aber was bedeutet dieses vor Jahren schon?) gebaut worden war, so wie die Eltern und die anderen Familien und auch die Menschen, denen man tagtäglich begegnet, immer existierten, als wären sie täuschend echte Figuren hinter Glas, bewegliche Exponate in den weitläufigen Dioramen eines unsichtbaren Museums, das keinen Eintritt verlangt.

Gegen Mittag ist es draußen bereits so heiß, dass die Alten vom schattenlosen Messplatz verschwinden, um sich in die Eingänge der Häuser zurückzuziehen. Dort sitzen sie auf den Treppenstufen und starren auf die Straße oder sie stehen im Eingang der Getränkeläden und rauchen billige Zigaretten. Kinder rennen nackt durch das Wasserspiel auf dem Platz, scheinbar unbeaufsichtigt, aber sicher warten die Eltern irgendwo versteckt, um alles genau im Auge zu behalten. 

Die Luft hat sich derart aufgeheizt, dass sie stillzustehen scheint. Das Leben selbst scheint nach drei erträglichen Stunden am Morgen erneut in eine Starre zu verfallen, während ich in das Testzelt vorgelassen werde und mich ein junger Typ in Vollschutz und Maske fragt, ob ich einen Termin habe.

Ich bejahe und sehe flüchtig auf seine Hände. An jedem Finger steckt ein Ring, alle sind silber, ein paar mit schwarzen Steinen verziert. Hätte sich das Interesse meiner Eltern an erdgeschichtlichen Fragen auch auf mich vererbt, könnte ich jetzt diese Steine bestimmen, doch da ich dazu nicht in der Lage bin, beschließe ich kurzerhand, es müsse sich um Onyxe handeln.

Die Ringe wirken billig, aber ganz offensichtlich steckt in ihnen so etwas wie der Ausdruck eines Lebensgefühls, das sich mir komplett verschließt, dafür aber im energiegeladenen Charakter meines Gegenübers seinen ungehemmten Ausdruck findet.

„Heute keine Wartezeiten!“, schießt es begeistert aus ihm heraus, als befänden wir uns vor dem Einlass eines angesagten Clubs. „Sie kennen den Ablauf?“

Ich nicke, auch wenn ich keine Ahnung habe, wovon er spricht.

„Klasse, wirklich klasse!“, ruft er und tippt dynamisch auf einem Laptop herum, während ich meinen neuen Reisepass vorzeige und mir wieder einmal einfällt, ich müsse endlich meinen Personalausweis abholen, der seit knapp einem Jahr im Bürgerzentrum auf mich wartet.

Nachdem ich den Coronatest hinter mich gebracht habe, laufe ich in Richtung Kletterhalle. Die Hitze ist drückend, aber ich möchte mich nicht beschweren und denke plötzlich, als ich eine Straße quere und meinen Schuhabdruck in einer von der Sonne aufgeweichten Asphaltnaht hinterlasse, an die vielen ähnlichen, gummiartigen Nähte, mit denen wir uns in längst verschwundenen Sommern nach Unterrichtsende beschäftigten. 

Dieses Spiel wurde ganz einfach nicht alt. Kurz nach eins hatten sich die Straßen derart aufgeheizt, dass die Masse, mit der die Stadtverwaltung manchmal Schnitte oder Risse in der Fahrbahn reparierte, weich wie Gummi war und das Sohlenprofil unserer Schuhe wie frisch gegossener Beton speicherte. 

Ich glaube, dass uns damals die unerwartete Verwandlung der Fahrbahn faszinierte. Die Straßen waren immer hart und anders gar nicht vorstellbar, sie wirkten unverletzlich, zeigten nicht den Hauch einer Schramme, sobald wir unsere Fahrräder auf den Bordstein fallen ließen und die Pedale über den schwarzen Asphalt kratzten. Natürlich gab es Schlaglöcher, die auf die Zerstörbarkeit der dunklen Oberfläche deuteten, aber die Ursache dieser Löcher entzog sich uns ganz. Es gab nichts Besseres, als eines der riesigen Straßenbaufahrzeuge dabei zu beobachten, wie der heiße Asphalt gegossen wurde, besonders im Sommer. Man roch den kochenden Teer, noch bevor man die Maschine mitten auf der Straße entdeckte, an deren Ende Arbeiter mit nackten und tiefbraunen Oberkörpern zugange waren. Manchmal verteilten sie die träge Masse mit Schaufeln, manchmal war bereits einer der Männer mit einer hüpfenden, ohrenbetäubend lauten Maschine auf der frischen Schicht unterwegs. Damals kam es mir so vor, als würde sich ein Strom schwarzer Lava auf die Fahrbahn ergießen, ein überaus gefährlicher Strom sogar, eine Masse, mit der nicht zu spaßen war, die gezähmt werden musste.

In der unbarmherzigen Mittagshitze nach dem Ende des Unterrichts begann die Straße zu kochen und das, was die meiste Zeit des Jahres hart und unnachgiebig blieb, ließ sich plötzlich mit den eigenen Schuhen bearbeiten. Der Abdruck unserer Schuhe würde auch erhalten bleiben, wenn die Temperaturen wieder fielen, was ein ganz irrer Gedanke war, denn schließlich konnte man dadurch etwas Bleibendes schaffen, eine Art Denkmal sozusagen, unser eigenes Denkmal, wenn man es genau nahm. Jeder, der nach uns zufällig über die Straße lief und nach unten auf die schwarzen Nähte im Asphalt blickte, musste unsere Schuhabdrücke entdecken und damit unsere Spuren. Als mir das aufging, fasste ich sofort einen Plan.

„Wir müssen die ganze Linie ablaufen“, sagte ich zu Thomas, meinem besten Freund in der Grundschulzeit. Neben dem gemeinsamen Vornamen verband uns vor allem unsere Außenseiterstellung, die wir in der Klasse von Beginn an eingenommen hatten.

Thomas saß auf der Bordsteinkante, die Beine angewinkelt auf dem Asphalt. Es war kurz vor halb zwei. Die Hitze schien ihn ordentlich mitzunehmen, denn er hatte sich seit gut fünf Minuten nicht mehr bewegt.

„Warum?“, fragte er träge.

„Weil sich die Leute dann fragen werden, wer das hier gemacht hat.“

„Was gemacht hat?“

„Das Muster in diesem weichen Zeug.“

Ich zeigte auf die Asphaltnaht.

Thomas sah mich einen Augenblick lang an.

„Okay“, sagte er und stand auf.

Wir setzten Fuß neben Fuß, eng an eng, damit keine freie Fläche übrig blieb. Manchmal veränderten wir den Winkel, mit dem wir auf die schwarze Gummiwulst traten, manchmal den Schuhabschnitt, Ferse, Ballen und so weiter, damit das Muster nicht zu eintönig geriet.

Die Naht auf der Fahrbahn war etwa drei Meter lang und zog sich parallel zur Bordsteinkante den Hügel hinab. Schritt für Schritt arbeiteten wir uns von beiden Enden aus in Richtung Mitte vor. Thomas übernahm den ruhmvollen Abschluss und setzte den letzten Schuhabdruck in die weiche Schicht.

„Was machen wir jetzt?“, fragte er dann.

Ich sah mich auf der Straße um. 

In der Nähe gab es keine weiteren Nähte und meine anfängliche Euphorie war in der Zwischenzeit verflogen. Es war ganz einfach zu heiß. Man konnte keinen klaren Gedanken fassen.

„Keine Ahnung“, antwortete ich.

Thomas setzte sich wieder auf die Bordsteinkante und stierte ins Nichts.

Wenn es so weiter ging, würde dieser Nachmittag ins Wasser fallen, so viel stand fest. Und ich hatte absolut keine Lust, weiter auf der Straße in dieser unerträglichen Hitze herumzusitzen und auf irgendein Zeichen zu warten, das am Ende wahrscheinlich sogar ausbleiben würde. 

„Lass uns in den Wald fahren“, sagte ich deshalb.

„Du willst schon wieder zum Schwimmbecken?“

Er klang alles andere, als begeistert.

„Warum denn nicht?“, wollte ich wissen.

„Da sind wir doch ständig. Wir fahren die ganze Zeit im Kreis!“

Natürlich hatte er recht. Das alte Schwimmbecken in einem schmalen Waldabschnitt, nicht weit vom Haus meiner Eltern entfernt, war vor Jahren bereits aufgegeben worden. In den sanften Schwüngen des Beckens fuhren wir manchmal stundenlang mit unseren BMX-Rädern im Kreis.

„Warum machst du nicht mal einen Vorschlag?“, sagte ich.

Thomas dachte angestrengt nach.

„Vielleicht fahr ich nach Hause“, sagte er.

Ich sah ihn an.

„Nach Hause? Es ist doch noch gar nicht Abend.“

„Heute ist nichts los“, erklärte er.

„Dann lass uns zumindest in Richtung Wald fahren. In der Sonne ist es viel zu heiß.“

„Na gut.“

Wir setzten uns auf unsere Räder, wobei ich es vermied, den Metallrahmen anzufassen, der sich in der Sonne derart aufheizte, dass man sich an ihm verbrennen konnte, und radelten los. 

Der Fahrtwind kühlte mich etwas ab und auch in Thomas kehrten die Lebensgeister zurück.

„Das tut gut“, sagte er und streckte sein Gesicht in den Wind. Ich nickte.

Wir fuhren den Hügel hinab, bogen rechts auf die Kurt-Keicher-Straße und dann wieder nach links auf die Gagarinstraße ein. Ihr konnten wir bis zum Ende folgen, dann war der kleine Waldabschnitt nicht mehr weit. 

Thomas wohnte mit seiner Familie ganz in der Nähe, aber wir radelten stumm an seiner Straße vorbei, ohne in sie einzubiegen. Links und rechts wuchsen Fünfgeschosser mit Satteldächern in den Himmel, die fünfzehngeschossigen Plattenbauten, in denen für eine gewisse Zeit auch Christoph wohnte, mit dem ich mich am Ende der vierten Klasse anzufreunden begann, waren noch nicht in Sicht. 

Die Gegend selbst war etwas heikel, denn nur wenige Parallelstraßen weiter wohnten einige unserer ärgsten Feinde aus der Klasse, die uns sicher liebend gern zwischen ihre Finger bekommen hätten. Besonders gefährlich war Ramonat, ein rothaariges Scheusal, das keine Chance verstreichen ließ, ohne Thomas und mich vor allen anderen lächerlich zu machen, auch wenn seine stumpfsinnigen Versuche hin und wieder misslangen. Manche sagten hinter vorgehaltener Hand, er wäre geistig minderbemittelt und stünde an der Grenze zur Schwachsinnigkeit, was ich unbesehen glaubte, denn ich hatte ebenso über ihn sagen hören, dass er während einer Mittagspause auf dem Schulhof ein Stück alte Hundescheiße für fünf Mark Belohnung gegessen hatte. Beide Gerüchte, Ramonats Schwachsinnigkeit und sein Speiseplan, ergaben für mich zweifellos Sinn, was ihn aber auch nicht daran hinderte, eine Schar Geistesgestörter um sich zu versammeln. Insgeheim hielt ich ihn für einen kompletten, dafür aber umso gefährlicheren Idioten. Man durfte die Idioten niemals unterschätzen. Kam es hart auf hart, mobilisierten gerade die Schwachsinnigen ungeahnte Kräfte, um sich an denjenigen zu rächen, denen sie aufgrund ihrer einfachen Gemütsverfassung ständig unterlegen waren. Der zurückgebliebene Ramonat gab dafür das beste Beispiel ab.

Die Fünfgeschosser verschwanden und auf der gegenüberliegenden Straßenseite tauchte eine Schrebergartensiedlung auf. Wir fuhren linkerhand an einer Wiese vorbei und hinter dieser Wiese entdeckte ich etwas, das mich aus dem Gleichgewicht brachte.

„Siehst du das?“, fragte ich.

Thomas schaute nach links und wir stoppten unsere Räder.

Hinter der Wiese stieg dichter Qualm auf. Eine unwahrscheinliche grauschwarze Rauchsäule wanderte in den windlosen Nachmittagshimmel. Nicht geschmeidig und in den bedächtigen Schlangenlinien wie der Rauch über einer Kerzenflamme, sondern heftig, kompakt und voller Gewalt.

„Ist dort hinten nicht die Tankstelle?“, wollte Thomas wissen.

Wir schoben unsere Räder über das Gras bis zur Grenze des sanft abfallenden Hangs und blickten in Richtung der grauen, sich wild bewegenden Säule.

Das Feuer hatte die gesamte Tankstelle erfasst. Die Flammen schlugen meterhoch, flatterten wie wildgewordene Fahnen in einem Wind, den es nicht gab. Obwohl die Tankstelle etwa einhundert Meter von unserem Standpunkt entfernt war, wirkten die Flammen riesig. Sie leckten an der Überdachung der Tanksäulen, schlugen bizarre, blitzschnelle Haken und entfalteten eine beeindruckende Zerstörungswut. Ich hatte noch nie ein vergleichbares Feuer gesehen.

„Irre“, sagte Thomas.

Wir hörten die Sirenen und beobachteten die Ankunft der Feuerwehr. Lange, rote Leiterwagen schossen heran und hielten abrupt, Löschzüge rasten von links und rechts auf die brennende Tankstelle zu.

Eigenartigerweise machte das Feuer keinerlei Geräusch. In meiner Erinnerung brennt die Tankerstelle lichterloh, aber in vollständiger Stille, als hätte ich einen Stummfilm vor Augen. Nur die Sirenen der Feuerwehr zerreißen den Nachmittag. Der Brand selbst aber spielt sich in kompletter Tonlosigkeit ab.

„Sind wir hier sicher?“, fragte ich Thomas.

„Ich denke schon“, antwortete er.

„Was ist, wenn die Tankstelle explodiert?“

Plötzlich wirkte er nicht mehr ganz so überzeugt.

„Wenn wir weiter zurück gehen, sehen wir nichts mehr“, wandte er ein.

Das war tatsächlich nicht von der Hand zu weisen.

Wir standen noch immer gebannt und verfolgten die völlig wirkungslosen Löscharbeiten, als mehr und mehr Leute neben uns auftauchten. Erwachsene, Familienväter darunter, Kinder in unserem Alter. 

Um uns herum bildete sich eine kleine Menschenmenge. Einige unterhielten sich miteinander, die meisten aber schwiegen und betrachteten das lautlose Feuer ebenso gefesselt wie wir.

Je länger wir auf der Wiese standen, ohne die Tankstelle dabei aus den Augen zu lassen, um so klarer wurde mir, dass ich auf das Unumgängliche wartete. Und nicht einfach nur darauf wartete, sondern ihm regelrecht entgegenfieberte. Die Gewalt des Feuers machte mir Angst, aber sie faszinierte mich auch, sie war so unvorstellbar wütend und zerstörerisch, dass ich es kaum glauben konnte. Dabei stellte das Feuer genau genommen bloß ein Zeichen von etwas noch viel Größerem dar, es arbeitete sich in Richtung eines sehr genauen Zieles vor, blieb das Mittel zu einem genau umschriebenem Zweck. 

Ich wartete auf die Explosion und fürchtete mich gleichzeitig vor ihr. Während wir weiter mit den anderen auf der Wiese standen und die unermüdlichen Flammen betrachteten, wälzte ich unablässig und mit schlagendem Puls die Frage, ob wir uns in Sicherheit befanden, sobald dort unten alles in die Luft flog und ob ich mich auf die Erde werfen sollte, sobald ein Feuerball in Richtung Himmel schoss.

Wir mussten eine ganze Weile so gestanden haben, denn als ich aus meiner Trance erwachte, begann sich die Gruppe, die sich anfänglich um uns herum gebildet hatte, langsam aufzulösen. Die Leute verloren merklich das Interesse und erinnerten sich an das, was sie eigentlich hatten erledigen wollen, als das Feuer dazwischen gekommen war. Und tatsächlich schien auch die Feuerwehr den Brand in der Zwischenzeit unter Kontrolle gebracht zu haben. Die Flammen verloren an Höhe und kamen mir plötzlich viel weniger beweglich und aggressiv vor als noch vor zehn oder fünfzehn Minuten.

Bevor der Brand seinen Höhepunkt – die Explosion – erreichte, fiel alles in sich zusammen. Ich spürte eine zweifelhafte Enttäuschung, die sich mit ehrlicher Erleichterung mischte und wusste, dass ich bis zur Schwelle von etwas geradezu Unglaublichem gelangt war, ohne es gänzlich zwischen meine Finger bekommen zu haben. Jedes Feuer ist ein Versprechen, aber nur dieses Feuer damals war in der Lage, die gnadenlose Zerstörung einzulösen, die sich am Grund jeder Flamme versteckt. 

Noch immer aufgeregt und durcheinander griffen wir nach unseren Rädern, die wir auf der Wiese abgelegt hatten. Wir schoben sie zurück auf den Bürgersteig und setzten den unterbrochenen Weg zum Wald schweigend fort.

An einer Kreuzung hielten wir an und ich spürte, dass die Anspannung mich endlich verließ, dass sie in Richtung Boden sackte, ein und für alle Mal verschwand. Sie ließ einen stumpfen Zustand zurück, eine Mischung aus Erschöpfung und Überdruss, wie nach einer langen, unbefriedigten Aufgabe, die man für die Schule zu erledigen hatte.

Später saß ich mit Thomas unter den alten Kastanien des kleinen Wäldchens. Die Sonne fiel in Flecken durch das hohe Laub und die kühlere Luft fühlte sich um einiges angenehmer an. 

Unser Gespräch wollte nicht mehr recht in Gang kommen, auch wenn wir mehrmals versuchten, über das Feuer zu reden. Doch was gab es da eigentlich noch zu erzählen? Die Flammen waren gelöscht und das Feuer gezähmt. Das war das Ende der Geschichte. Ganz einfach.

„Ich denke, ich fahre bald heim“, sagte ich.

„Hast du noch Hausaufgaben?“, fragte Thomas.

„Ja.“

„Okay. Dann mache ich mich wohl auch besser auf den Weg.“

„Sehen wir uns morgen wieder?“

„Klar, komm einfach bei mir vorbei. Mein Bruder hat auch ein neues Spiel.“

„Ist es gut?“

„Es ist ganz in Ordnung. Vielleicht lässt er uns auch mal ran.“

„Alles klar.“

Wir stiegen auf unsere Fahrräder und verabschiedeten uns. Dann radelten wir in entgegengesetzte Richtungen davon. Das grelle Sonnenlicht hatte Thomas bereits geschluckt, als ich noch durch den Schatten fuhr, in dem das Licht nichts zu sagen hatte, in dem es seinen Gültigkeitsanspruch verlor. Ich fuhr, stemmte mich in die Pedale, um mich vom Sattel zu erheben und noch schneller beschleunigen zu können. Und dann sah ich die Sonne als klar umschriebenen Bereich auf dem Asphalt, sah die Trennung zwischen Schatten und Licht, diese ewige, verbissene und doch gleichgültige Trennung und kehrte in die Hitze des Nachmittags zurück.

3. Februar

Seit achtzehn Jahren lebe ich nicht mehr bei meinen Eltern und genau achtzehn Jahre habe ich bei ihnen gelebt. Diese merkwürdige Teilung in zwei Hälften fällt mir heute morgen in unserer Küche auf. Ich spüle einen Teller ab, in dem Reste von Tomatensauce ein abstraktes Muster hinterlassen haben, das mich an Malereien von Cy Twombly erinnert, stelle den Teller dann auf das Abtropfgestell, wobei ich erst eine riesige Salatschüssel aus dem Weg räumen muss, gegen die ich mich bei einem kopflosen IKEA-Einkauf nachdrücklich, aber erfolglos zur Wehr gesetzt habe. Die Schüssel gleitet mir aus der Hand und schlägt scheppernd auf dem Boden der Küche auf. Dann rollt sie in schwerfälligen und betrunkenen Ellipsen unter den Tisch. Plötzlich macht sich eine Ruhe im Raum bemerkbar, wie sie sonst nur nach einem lauten Knall existiert. Die Ruhe scheint ja häufig nicht viel mehr als eine abgekehrte Seite der Wirklichkeit mit ihren unentwegten Forderungen und Geräuschen, wobei sie eigentlich allem unterliegt, der wirkliche Grundton ist, wie ich denke. Nur wenige Kilometer über unseren Köpfen herrscht sie als wahre Unendlichkeit, die ich niemals verstehen werde, und sicher auch aus diesem Grund macht uns die Stille häufig Angst. Angeblich foltern die Amerikaner in schallisolierten Zellen. Keine nahen Geräusche und schon tappt der Wahnsinn heran.

Der eben erst angebrochene Morgen schwappt zurück nach draußen in Richtung Hof, wo es noch immer dunkel ist. Es fällt mir nicht schwer, hinter der Balkontür Wirbel zu entdecken, die Dunkelheit baut sich außerhalb unserer Wohnung ein Netz, zimmert sich in aller Abgeschiedenheit ein eigenes Haus, das erst in jenem Augenblick in seine Einzelteile zerfällt, wenn die Lichter in den gegenüberliegenden Gebäuden eingeschaltet werden. So war es auch früher bei meinen Eltern, denn aus meinem Zimmer konnte ich auf das Nachbarhaus sehen und die Nacht war zu Ende, sobald dort drüben die Lichter aufleuchteten.

An vielen Nachmittagen bin ich nach der Schule die ansteigende Straße hinauf bis zur Kreuzung gelaufen. Das Haus meiner Eltern lag nur etwa zweihundert Meter von dieser Kreuzung entfernt und auf der Straße herrschte nicht viel Verkehr. Links und rechts standen Ein- oder Zweifamilienhäuser, die meisten davon in den Zwanziger Jahren gebaut und dann gab es noch die durch Lattenzäune von der Straße getrennten Gärten an einem Hang. Obwohl der gesamte Straßenzug zur unmittelbaren Nachbarschaft zählte, nahm ich nur die beiden Häuser neben unserem eigenen als solche wahr. Alles was hinter diesen Häusern begann, das Gebiet der anderen sozusagen, blieb für mich fremd und merkwürdig gefährlich. Nur unter Aufbringung all meiner Kräfte brachte ich es über mich, diese unbekannten Menschen zu grüßen, wie es meine Eltern von mir verlangten, denn was, dachte ich damals, habe ich mit diesen Leuten überhaupt zu tun? Ich kenne doch keinen einzigen!

Nach der Schule lief ich die Straße hinauf, beschleunigte meine Schritte, sobald ich eine Bewegung in den Vorgärten bemerkte, die auf einen der sogenannten Nachbarn deutete und machte mich unentdeckt aus dem Staub. An der Kreuzung gab es zwei Möglichkeiten. Entweder nach rechts, vorbei an weiteren Häusern des am Stadtrand liegenden Viertels und dann über die Straße auf das Feld oder nach links, einen steileren Anstieg hinauf und auf einen ziemlich abseitigen Weg, der durch ein Spalier weiterer Gärten führte. Am Ende dieses Wegs tauchte ein Hügel auf, der eine weitläufige Wiese überblickte. Unten spazierten die Hundebesitzer unseres Viertels durch das Gras, darunter hin und wieder eine alte Frau mit einem riesigen Schäferhund, der mir damals eine Heidenangst einjagte.

Ich arbeitete mich durch dichtes Gestrüpp, um hinauf auf den Hügel zu gelangen. Brombeersträucher wuchsen hier wild und wenn man nicht aufpasste, zerrissen sie einem die Hose und zerschnitten die Haut. Junge Bäume ragten ungerührt in den Himmel, ihre Stämme waren noch dünn und jung und wirkten ausgesprochen glatt. Ab und zu verstellten sie mir den Weg und ich musste mich erst umständlich an ihnen vorbei tasten, denn die Erde war weich und lose und man rutschte sehr schnell aus. 

Vom Scheitel des Hügels bekam man die gesamte Wiese in den Blick. Auf der einen Seite wurde sie von einer Landstraße begrenzt, auf der anderen lief sie ungehindert bis zum Horizont. Ich sah im Hintergrund die Ausläufer eines Gewerbegebiets, doch die Supermärkte und Möbelhäuser, die man in einer Art Niemandsland errichtet hatte, wirkten endlos entfernt. Auch wenn man nur eine Viertelstunde brauchte, um sie zu erreichen.

Tiefe Mulden übersäten den Hügel, auf dem das Gras in Büscheln wuchs. Die Erde war so etwas wie der vorherrschende Ton, keine dunkle Erde allerdings, sondern eine helle, graue Schicht, die sich im Sommer in trockenen Staub verwandelte und im Herbst in klebrigen Schlamm. Mein Vater erklärte mir später auf einem Spaziergang, dieser Hügel sei kein richtiger Hügel, sondern eine aufgeschüttete Halde voll Schutt, auf der sich langsam die Natur ausbreite. Erst da begriff ich, warum sich auf dem Scheitel des Hügels so viele Bruchstücke von roten Ziegeln fanden, sobald man nur ein wenig in der Erde grub. Auch der übrige herumliegende Müll passte jetzt plötzlich ins Bild und ich kam mir mit einem Mal wie ein Idiot vor, denn all diese Überreste hatte ich selbst für ziemlich rätselhaft gehalten und als Hinterlassenschaften okkulter Zusammenkünfte interpretiert.

* * *

Viele hundert Male muss ich auf der Halde gewesen sein, um hinab in Richtung Wiese zu sehen, hunderte von Nachmittagen, die jetzt ein einziger Nachmittag sind, ein Nachmittag, an dem kein bestimmtes Wetter herrscht, weder Sonne noch Regen, eher dieser kurze graue Augenblick nach einem Schauer, in dem die Wärme zurückkehren will, die Luft aber noch kühl ist und einen frösteln lässt. Auf diesem Hügel war ich allein unterwegs oder mit meinem besten Freund, den ich nach der Grundschule sofort aus den Augen verloren habe. Vier Jahre lang bin ich mit ihm an fast jedem Nachmittag auf unseren BMX-Rädern unterwegs gewesen. Wir sind so ziemlich alle Straßen der näheren Umgebung abgefahren, waren aber häufig auch in einem Park unterwegs, um uns mit voller Geschwindigkeit über die aufgeworfenen Wurzeln alter Kastanien zu katapultieren. Für einen kurzen Moment wurden wir schwerelos, der Körper aufgerichtet und in die Pedalen gestemmt und so flogen wir auf unbeschreibliche Weise durch die Gegend, der Kopf ganz leer, das Herz in heftigem Takt, eine Zeitlupenszenerie vor den Augen und mit dem Aufschlag auf der Erde tauchten wir wieder auf, begeistert und staunend, das alles überlebt zu haben.

Auf dem Hügel entdeckten wir an einem dieser Nachmittage ein provisorisches Zelt. Jemand hatte eine alte Armeeplane über eine der Mulden gebreitet und an den Rändern mit Steinen beschwert. Ein Stock in der Mitte des Zelts, dessen Inneres so niedrig war, dass man hineinkriechen musste, spannte die Plane über der Mulde auf. Wir diskutierten eine ganze Weile herum, ob wir in das Zelt kriechen sollten oder nicht.

„Und wenn uns jemand erwischt?“, fragte ich.

„Wer soll uns denn erwischen? Wir sind doch ganz allein.“

„Vielleicht sollte einer Wache halten. Nur falls jemand kommt. Wenn wir einmal im Zelt sind, sehen wir doch nichts mehr.“

„So ein Quatsch. Wir gehen da jetzt gemeinsam rein.“

Von außen konnte man das Zelt leicht übersehen, denn es war gut getarnt und hob sich vom Müll kaum ab, der in verstreuten Inseln den Hügel überzog. Im Inneren des Zelts aber herrschte penible Ordnung. Ich erinnere mich an eine ganze Sammlung übereinandergestülpter Eimer aus Plastik, verstreute Klamotten und eine Handvoll bunter Feuerzeuge, die mir sofort ins Auge fiel. Aber ich getraute mich nicht nach einem der Feuerzeuge zu greifen. Das Zelt machte keinesfalls den Eindruck eines Provisoriums, sondern als wohnte hier tatsächlich ein Mensch und mein Herz schlug unruhig, als säße uns jemand im Nacken.

Als wir wieder auf dem Hügel standen, atmete ich auf und sah in der Hand meines Freundes ein Feuerzeug aus Metall.

„Funktioniert es?“, wollte ich wissen.

Mit dem Daumen öffnet er die silberne Verschlusskappe, die mit einem Klicken nach hinten schnappte. Dann drückte er den Knopf mit einem weiteren Klicken hinab und ich hörte im gleichen Augenblick das ausströmende Gas, ohne aber eine Flamme zu sehen.

„Das ist ein Sturmfeuerzeug“, sagte meine Freund. „Die Dinger sind teuer.“

Ich staunte das Feuerzeug an und konzentrierte mich auf die unsichtbare Flamme. In einem ruhigen Moment ließ sich ein hellblauer, transparenter Kranz ganz dicht über dem Metall ausmachen.

Im Zelt hatte ich Papier gesehen und kroch zurück. Jemand hatte einige schmutzigen Blätter mit Kugelschreiber beschrieben, doch jetzt gab es keine Zeit, um diese Notizen durchzugehen.

Wir legten die Blätter übereinander und zündeten sie an. Das unsichtbare Feuer sprang sofort auf die beschmutzten Seiten über, aber im Nachmittagslicht ließ sich auch jetzt die gefräßige Flamme kaum erkennen. Man sah nur den braunen Rand und die von diesem Rand abbröckelnde Asche, dort, wo sich das Papier schwärzte und in Schuppen zu Boden fiel. 

Das trockene Papier brannte ausgezeichnet und die Flammen setzten bald die ersten Grasbüschel in Brand. Ein wenig Rauch stieg auf, grau und durchscheinend, wurde vom Wind aber sofort in alle Richtungen getragen.

„Ich gehe heim“, sagte ich plötzlich.

„Ich bleibe noch ein bisschen hier oben“, antwortete mein Freund.

Darauf erwiderte ich nichts. Wir hockten noch immer auf dem Hügel und ließen nun das Gras in Rauch aufgehen. Irgendetwas lag in der Luft, es war ganz eigenartig. Auch die Hundebesitzer waren von der Wiese verschwunden.

„Lass uns zusammen gehen“, sagte ich dann. „Du hast doch einen viel weiteren Heimweg.“

„Ich glaube, ich werde noch ein bisschen hier oben bleiben“, sagte er.

„Okay, dann mach’s gut.“

„Du auch.“

* * *

In dieser Nacht schlief ich schlecht, das Feuerzeug ließ mich einfach nicht los. Auch glaubte ich, aus Richtung des Stadtzentrums Sirenen zu hören, sah im Traum einen Löschzug, der sich mir in unendlicher Langsamkeit näherte. Am nächsten Morgen suchte ich nervös meinen Freund in der Schule, der aber genauso war wie auch sonst.

„Hast du das Feuerzeug dabei?“, wollte ich wissen.

Er zuckte mit den Schultern. 

„Ich habe es zurückgelegt“, antwortete er.

Gleich nach dem Ende des Unterrichts machte ich mich auf und erreichte am frühen Nachmittag den Hügel. Schon von weitem sah ich die verkohlten Grasbüschel in der Nähe des Zeltes, das es nicht mehr gab. Die Plane war verschwunden und nirgends zu sehen und die Gegenstände aus dem Inneren lagen verstreut herum, hier und da von schwarzen Spuren gezeichnet, Versuchen, diesen ganzen Mist anzuzünden. Keines der bunten Feuerzeuge, die ich gestern gesehen hatte, ließ sich in diesem traurigen Chaos ausmachen, obwohl ich mit einem langen Stock ziemlich akribisch den Müll durchpflügte. Und natürlich ich fand ich auch das silberne Sturmfeuerzeug nicht mehr.

Für eine Weile saß ich dann auf dem Hügel und starrte auf die Wiese hinab. Alles um mich herum lag eigenartig still, als hätte sich die Welt der Geräusche vorsichtshalber zurückgezogen. Kurze Zeit später tauchte unter mir ein Mensch auf mit einem Hund, der schwerfällig über Feldweg schlurfte, mühsam, wie ein alter Mensch eben läuft. In diesem Menschen erkannte ich die Frau mit dem Schäferhund und merkwürdigerweise, vielleicht aus einem dummen Zufall heraus, blieb sie an diesem Nachmittag stehen und erkannte auch mich, dort oben auf meinem Hügel. Auch der Hund blieb stehen, als witterte er etwas, sprengte dann aber desinteressiert davon.

Die Frau sah weiter in meine Richtung und obwohl sie mich aus der Entfernung kaum erkennen konnte, begann die Wut in mir aufzusteigen. Hätte es diesen Scheißhund nicht gegeben, ich wäre mit meinem Stock hinunter gerannt durch das Gestrüpp und hätte wer weiß etwas getan. Mit erhobener Waffe wäre ich den Abhang hinter gelaufen und an den jungen Bäumen vorbei, ich hätte wie wild geschrieen, wäre direkt auf sie zugestürmt und sie hätte nichts, überhaupt nichts begriffen. Aber dann machte sich die dicke Alte endlich los und folgte ihrem geistesgestörten Schäferhund, der ein oder zwei Jahre später starb. Angeblich hat ihn ein Nachbar vergiftet, der das nächtliche Gejaule nicht mehr ausgehalten hat und die Sache schließlich in die eigenen Hände nahm. Von da an tauchte auch die Alte nicht mehr auf der Wiese auf. Ich sah sie noch ein paar Mal in unserem Viertel, wechselte aber stets die Straßenseite, als bekäme ich es mit der Angst und meiner Wut zu tun wie damals auf dem Hügel. Doch hier unten fehlte die Distanz. Es fehlten Wiese und Hügel, zwei scharf voneinander getrennte Bereiche wie es sie an jenem Nachmittag, kurz nach dem Ende der Schule, gegeben hatte.