Besuch bei den Eltern, 9. bis 11. Juli

Vor dem Haus meiner Eltern führt eine schnurgerade Straße den Hügel hinauf. Sie läuft an den Häusern entlang und an einem Waldstück, das diesen Häusern gegenüberliegt und aus hohen Eschen und Buchen besteht. Eine ganze Reihe vielleicht fünfundzwanzig Meter hoher Eschen, die man vom Wohnzimmer aus in ihrer Unbeweglichkeit beobachten kann, denn manchmal scheint es selbst auf Höhe der Kronen keinerlei Bewegung zu geben. Die Blätter stehen still, als wären sie eingefroren, die Äste und Zweige schaukeln nicht, alles Grün ist an einen einzigen, festgeschriebenen Fleck gebunden, der erst dann zerfällt, wenn sich eine schwarze Krähe in die Unbeweglichkeit setzt und damit alles Gleichgewicht zerstört, ein zerbrechliches Gleichgewicht, das sich unter der geringsten Berührung verliert. Die Eschen sind schlank, ihre Stämme leuchten aus der Entfernung weniger hell als die der Buchen und da die Bäume eng an eng stehen, bilden sie erst sehr weit oben eine Krone aus, was ihre Schlankheit noch betont. Die Spitzen der Bäume greifen ineinander über, sie erzeugen eine dichte Ebene, durch die sich der Regen erst aufwändig arbeiten muss und falls man während eines Schauers durch das Waldstück läuft, kann es sein, dass der Boden völlig trocken bleibt, als hätte es den Regen nicht gegeben, als existierte der Regen in einem anderen Bereich der Stadt, des Tages, der Wirklichkeit.

Ich bin gestern, ziemlich spät am Abend, mit dem Zug angekommen, ich habe mich gleich nach der Arbeit auf den Weg gemacht, um die viereinhalb Stunden lange Fahrt hinter mich zu bringen, was sich am Ende weniger zog, als ich anfangs dachte, zumal ich auf der gesamten Strecke nur ein einziges Mal umsteigen musste. Als ich in den Hauptbahnhof einfahre, beginnt es draußen zu regnen. Vor einer halben Stunde habe ich an meine Familie geschrieben, um zu fragen, ob mich jemand abholen könne und jetzt sehe ich dort draußen auf dem Bahnsteig Felix stehen, den Mann meiner Schwester.

Die Tür des Abteils öffnet sich und ich lasse die Leute hinaus, trete dann selbst in den Gang und setze meinen Rucksack auf. Er sieht mittlerweile ziemlich abgewetzt aus, was mich innerlich erleichtert, denn darauf warte ich schon eine ganze Weile. Ein neuer Rucksack wirkt, wie eigentlich alle neu gekauften Gegenstände und Kleidungsstücke, merkwürdig falsch und ich kann die Denkweise des britischen Adels gut nachvollziehen, der neue Hosen und Jacken erst von den eigenen Angestellten einige Tage lang eintragen ließ, damit die Kleidungsstücken ihren aufdringlichen, neuen Charakter verloren. Die weiße Sohle neuer Turnschuhe beispielsweise stößt mich ab, weil in ihnen keinerlei Leben steckt, sie haben keine Geschichte, kein Zeichen eines Gebrauchs. Die Gegenstände in meinem Leben sollen eine für alle sichtbare Geschichte besitzen, das verlangt meine verquere Eigenliebe, ich will, dass andere denken, dieser Rucksack ist schon überall gewesen. Ein solcher Gedanke färbt auch auf seinen Besitzer ab, sage ich mir, und macht ihn dadurch interessanter und obwohl das alles mehr als idiotisch klingt, lege ich auf diese Eitelkeiten doch besonderen Wert. Ich mag das Abgetragene, Ausrangierte, selbst das Kaputte, obwohl ich weiß, wie unsinnig und manieriert diese Gedanken sind, die ich mir hin und wieder zum Vorwurf mache, ohne von ihnen allerdings loszukommen.

Auf dem Bahnsteig umarme ich Felix, der gut einen Kopf größer ist als ich selbst, dafür aber ein paar Jahre jünger, und sage ihm, er sei der erste, der mich seit meinem Studium direkt am Zug und nicht erst auf dem Parkplatz des Bahnhofs empfange. 

Felix schaut mich ungläubig an.

„So einen Service bekommt nicht jeder“, sagt er dann.

Wie nehmen die Treppen nach unten, durchqueren die kleine Bahnhofshalle, die das Muster jeder provinziellen Bahnhofshalle abgeben könnte und steigen schließlich in das Auto, einen weißen Dacia-Pickup mit einer schwarzen Plane über der Transportfläche, den Felix und meine Schwester gerade für den Umbau des Hauses benutzen, das bis vor zwei Jahren mein Elternhaus gewesen ist. Bis zu jenem Zeitpunkt, um genau zu sein, an dem meine Eltern plötzlich erklärten, sie hätten ein neues, lange leerstehendes Haus am Stadtrand gekauft und würden bald umziehen, was meine Schwester und mich ziemlich überraschte, denn natürlich hatten unsere Eltern mit keinem über ihren Plan gesprochen.

Felix steuert den Dacia durch die Stadt. Wir unterhalten uns über den Fortschritt der Arbeiten an seinem neuen Haus, das das Haus meiner Kindheit ist, wir sprechen über meine Großmutter, die sich vor wenigen Wochen in ihrer Wohnung beim Abhängen einer Gardine die Schulter gebrochen hat. Eine fünfundachtzigjährige Frau, die nicht abwarten kann, bis ihr jemand hilft, die sich auch keine Hilfe holt, sondern einfach auf eine Leiter steigt, um Gardinen abzunehmen, die nicht gewaschen werden müssten, weil sie immer blütenrein sind, doch das verneint meine Großmutter selbstverständlich vehement. Die Gardinen mussten gewaschen werden, erklärt sie mir einen Tag nach meiner Ankunft, als ich sie mit dem Auto zum Mittagessen abhole und sie erklärt es so, als könnte dieses Urteil nur derjenige bezweifeln, der von echter Sauberkeit bloß eine ungefähre Vorstellung besitzt und damit die zweifelhafte Einrichtung seines Lebens offenbart.

„Was soll man machen?“, sage ich zu Felix, während wir an einer Ampel halten. „Man kann ihr nicht verbieten, auf eine Leiter zu steigen, wenn sie das unbedingt will.“

„Die Gardinen waren völlig sauber!“

„Das schreckt sie nicht ab. Du kennst sie ja. Sauberkeit geht bei ihr über alles.“

Felix lächelt. Er arbeitet als Krankenpfleger im Uniklinikum und ist dadurch einiges gewohnt. Die gebrochene Schulter meiner Großmutter stellt für ihn so etwas wie eine Nebensächlichkeit dar, weil sie nicht lebensgefährlich ist und damit auch nur geringfügig Aufmerksamkeit verdient. Seine Station ist voller Leuten, die ihre Krankheit liebend gern mit der gebrochenen Schulter meiner Großmutter vertauschen würden.

Etwa fünf Minuten später erreichen wir den Wald und damit den Hügel. Wir folgen der ansteigenden Straße, die hier unten noch weite Kurven beschreibt, folgen ihr mitten durch die hohen, tiefgrünen Bäume hindurch, die breite Schatten auf uns werfen. In regelmäßigen Abständen ist die Fahrbahn von gepflasterten Rinnen durchzogen, um die Geschwindigkeit des Verkehrs zu reduzieren. Wir bringen diese gepflasterten Vertiefungen im Schritttempo hinter uns und schaukeln, sobald wir durch sie fahren, wie in einem Slapstick-Stummfilm von links nach rechts.

„Bleibst du eigentlich nur über das Wochenende?“, fragt Felix.

Ich nicke.

„Ich muss Montag wieder auf Arbeit“, sage ich dann. „Also fahre ich sicher Sonntagnachmittag zurück.“

„Gefällt dir dein neuer Job?“

Ich denke kurz nach.

„Er ist ganz in Ordnung. Die Leuten wirken jedenfalls nett. Aber ich bin ja erst eine Woche dabei.“

„Was genau machst du noch mal?“

„Forschungsdaten“, sage ich.

„Klasse. Und was soll man sich darunter vorstellen?“

„Wir digitalisieren beispielsweise Firmenverzeichnisse und die Wirtschaftswissenschaftler bauen daraus komplizierte Auswertungen. Genau kann ich es auch noch nicht sagen. Es scheint jedenfalls einen Haufen Projekte zu geben.“

„Und das macht dir Spaß?“

„Wie gesagt, ich stecke ja noch nicht richtig drin. Gerade springe ich durch alle Abteilungen und lerne viele Leute kennen. Mal sehen, wann etwas Ruhe einkehrt. Ich bin ja nur halbtags da.“

„Damit Zeit zum Schreiben bleibt?“

„Das war mein Plan.“

„Sehr gut.“

„Und ihr habt gerade Urlaub?“, frage ich nach einer kurzen Pause.

„Genau. Um die Arbeiten am Haus endlich voranzubringen. Wenn du den Leuten nicht pausenlos auf die Nerven gehst, tut sich einfach nichts. Es ist wirklich ganz unglaublich.“

Wir überfahren erneut eine der gepflasterten Schwellen und schaukeln wie abgesprochen von einer Seite auf die andere.

„Macht ihr mit euren Handwerken keine Termine aus?“

„Na klar machen wir das. Aber das hat überhaupt nichts zu bedeuten. Die kommen und gehen, wann sie wollen. Egal, ob die Arbeit erledigt ist oder nicht.“

Wenig später bremst Felix behutsam ab. Wir halten vor einem Zaun, hinter dem sich der große Garten meiner Eltern befindet. Der Garten beschreibt einen weiteren Hügel, auf dessen Scheitel sich das Haus befindet, von dem man von hier unten nur das oberste Stockwerk sehen kann. In weniger als zwei Jahren haben meine Mutter und mein Vater das Gestrüpp und Brachland des vernachlässigten Vorgartens in einen wirklichen Garten verwandelt, in dem es nun Beete gibt und junge Obstbäume, ein Stück Wildwiese und Rosenstöcke, Sonnenblumen und zwei hohe Kiefern. Es gibt Sträucher, einen kleinen Bereich, auf dem merkwürdigerweise Schilf wächst, sogar einen von Seerosen bedeckten Teich, der allerdings nur ein kleines, dreißig Zentimeter tiefes, rundes Becken ist. Die Seerosen haben in diesem Sommer zum ersten Mal geblüht, was meine Mutter in zahlreichen Fotoserien akribisch festgehalten hat, während sie mir am folgenden Tag bei einem Rundgang durch den Garten erklärt, wo Frauenmantel und Akelei zu finden sind, Lichtnelke, Nachtkerze und Gipskraut. Wieder einmal fällt mir auf, dass sich Unkenntnis und Blindheit ergänzen, sich vielleicht sogar gegenseitig bedingen. Sobald man mir einen Namen für die Pflanze nennt, die ich gerade in den Augen habe, taucht sie tatsächlich erst für mich auf. Davor ist dort nur ein Etwas, ein Hintergrund, der so unbestimmt erscheint, wie das meiste andere auch und ich denke an den einzigen Satz, den ich aus einem sprachphilosophischen Seminar behalten habe, dass die Grenzen meiner Welt eben tatsächlich vor allem die Grenzen meiner Sprache sind. Aber das erwähne ich meiner Mutter gegenüber nicht, die mit einer kleinen Gartenschere herumläuft, um sich am Hibiskus zu schaffen zu machen.

Auch die lange Auffahrt zu den Garagen ist neu. Das helle Kopfsteinpflaster wurde von zwei portugiesischen Arbeitern in einem sich ergänzenden Halbkreismuster verlegt. Auf dem Boden gehen Halbbögen kunstvoll ineinander über. Ich kann mir nicht ansatzweise erklären, wie man ein solches Muster aus nahezu quadratischen Steinoberflächen herstellt, ohne das an den geraden Rändern der Auffahrt Lücken oder Brüche entstehen. Die beiden Arbeiter brauchten nur zwei oder drei Tage für die gut fünfzig Meter lange Strecke, was mein Vater jedes Mal zur Sprache bringt, wenn er stolz über diese fachmännische Arbeit spricht.

„Die gesamte Auffahrt in drei Tagen“, sagt er bewundernd, „das ist doch wirklich nicht zu fassen!“

Als ich mit Felix das Haus betrete, sitzen die anderen bereits am Küchentisch und nach der Begrüßung machen wir uns gemeinsam über die Reste her, die vom Geburtstagsessen meiner Mutter übrig geblieben sind. Da ich erst vor einer Woche meine neue Stelle angetreten habe, gab es keine Möglichkeit, mitten in der Woche frei zu bekommen und deshalb habe ich die eigentliche Feier, die an einem Mittwoch stattfand, verpasst. Jetzt hole ich meinen Besuch nach. Außerdem haben sich einige Verwandte für das Wochenende angekündigt. Nachzügler, sagt meine Mutter. Ich schnappe ihren angespannten Untertun sofort auf.

Meine Mutter wirkt müde und gestresst, als ich mir ein weiteres Rippchen auf meinen Teller ziehe. Sie ist froh, dass ich gekommen bin und jetzt am Küchentisch sitze, aber ich sehe ihr an, dass die Geburtstagsfeier anstrengend für sie war und sie auch jetzt nicht entspannen kann. Sie denkt an die nächsten Gäste, an die kommenden Wochenenden, an die vielen anstehenden Besuche. Ein paar ihrer Tanten und Onkel kommen morgen und sie wäre lieber allein. Genau wie für mich bedeuten auch für meine Mutter Familientreffen in erster Linie Stress, wir gleichen uns in dieser Beziehung bis aufs Haar.

Nachdem wir gegessen und einige Neuigkeiten ausgetauscht haben, ziehen wir in das Wohnzimmer um, von dem aus der Waldrand gut zu sehen ist. Mein Vater bietet mir einen Cognac an, danach einen Whiskey. Ich sage zuerst ja zum Cognac, den ich bereits kenne, entscheide mich dann aber in letzter Sekunde doch noch für den Whiskey. Den restlichen Abend über nippe ich an meinem Glas, trinke es allerdings schließlich nicht aus. Wieder einmal fällt mir auf, dass ich für Whiskey absolut nichts übrig habe, doch aus irgendeinem Grund, vielleicht, weil mir insgeheim der Gedanke gefällt, ich hätte Ahnung davon und würde mich in dieser Beziehung ein wenig auskennen, versuche ich immer wieder, mich daran zu gewöhnen. Dabei weiß ich sehr genau, wie gleichgültig mir alle Genussdinge sind. Meine Zunge ist für sie nicht fein genug, außerdem halte ich ausgesuchte Getränke und besonders aufwändiges Essen für Zeitverschwendung und unterstelle denjenigen, die sich dafür interessieren, einen Hang zur Übertreibung, da sie das, was man schnell und praktisch erledigen kann, mit einem unverhältnismäßigen Aufwand zelebrieren.

Auf den Kommoden im Wohnzimmer stehen zahllose Blumenbuketts mit Glückwunschkarten, die restliche freie Fläche ist von Büchern und anderen Geschenken bedeckt. Meine Mutter ist sechzig geworden und deshalb fiel die Feier entsprechend groß und die Geschenke ebenso reichlich aus. Das meiste davon hat sie noch nicht angerührt, bislang blieb dafür keine Zeit. Im Laufe des Abends allerdings sieht sie sich hin und wieder eine Grußkarte an und greift schließlich nach einem Fotobuch.

Ihre beste Freundin aus Schulzeiten hat ihr dieses Buch geschenkt, eine Frau, an die ich mich nur undeutlich erinnern kann, deren Gesicht mir aber sofort etwas sagt, als meine Mutter es mir auf einem der während der Feier entstandenen Gruppenfotos zeigt. Ich erinnere mich auch an ihren Mann, einen stillen Physiker, der mir vor etwa fünfundzwanzig Jahren in seiner Wohnung zeigte, wie man ein leichtes, aus Holz gefertigtes Miniaturschiff in einer Glasflasche unterbringen kann. Die Segel und Masten liegen heruntergeklappt auf dem Holzkörper des Schiffes, dann schiebt man es vorsichtig durch den Flaschenhals und kann anschließend mithilfe eines Fadens die Mastkonstruktion vorsichtig aufrichten. Im Zimmer des Physikers standen Dutzende solcher Schiffe herum. In der Wohnung selbst herrschte eine eigenartige Stille.

Meine Mutter schlägt das Fotobuch auf. Die ersten Seiten zeigen viele Aufnahmen der Freundinnen, alle stammen aus der gemeinsam verbrachten Kindheit in Staßfurt. Meine Mutter sitzt an einem Tisch, ist etwa sieben Jahre alt, ich nehme an, dass man einen Geburtstag feiert, denn das Wohnzimmer, in dem diese Fotos aufgenommen worden sind, wirkt wie für ein Fest dekoriert. Viele Kinder laufen durch das Zimmer, manche sitzen am Tisch, andere sind auf den Fotos angeschnitten zu erkennen und verdecken einander, hier ist ein Gesicht, dort nur ein Rücken, es herrscht ein ausgelassenes Durcheinander. 

Meine Mutter scheint mit etwas beschäftigt, vielleicht mit der Vorbereitung eines gemeinsamen Spiels oder einer Bastelarbeit, die ich nicht genau erkennen kann. Sie wirkt sehr konzentriert, lächelt aber breit, weil sie weiß, dass sie im Fokus des Fotografen steht. Es muss ihre Geburtstagsfeier sein, denke ich, eine Geburtstagsfeier am Ende der Neunzehnsechzigerjahre in einem anderen Land, einer anderen Stadt. 

Als Kind hatte meine Mutter ein rundliches Gesicht. Sie trägt eine Art Pagenschnitt, den meine Großmutter Bubikopf nennt, ihre Wangen sind ausgeprägt und ihr Mund und damit ihr waches, ganz und gar ausgelassenes Lächeln ist groß und strahlt jenes Maß an Begeisterung und Lebensfreude aus, das den meisten Kindern instinktiv eigen ist und das sich erst mit den Jahren verliert. 

Ich betrachte die Züge dieses Kindes und obwohl sich das Gesicht im Laufe der Jahre verändert hat und zum Gesicht meiner Mutter geworden ist, erkenne ich doch die Ähnlichkeit zwischen diesen beiden Menschen, zwischen dem Kind und der Erwachsenen, die meine Mutter ist, ich erkenne diese Ähnlichkeit und ich erkenne sie auch nicht, es ist ganz eigenartig, als versuchte ich, zwei Bilder übereinzubringen, die auf den ersten Blick verschieden sind, sich bei näherer Betrachtung allerdings als ähnlicher erweisen, als man anfangs dachte. Irgendetwas Verbindendes gibt es da und diese Verbindung hängt einerseits natürlich mit den Zügen zusammen, mit den Augen meiner Mutter, ihrem Mund und dem Lächeln, das heute noch genauso ist wie damals, andererseits aber liegt diese Verbindung hinter allen Details der Gestalt, der Haut, der Oberfläche, es ist eine Art innerer Ausdruck, den das Kind schon besessen hat und den meine Mutter heute noch in manchen Augenblicken ungehinderter Freude besitzt. Dann ist dieses Kind dort auf dem Foto plötzlich wieder da, als wäre es durch die Jahrzehnte hindurch gelaufen und stünde mit einem Mal im Raum, noch immer mit dem gleichen Lächeln von damals, dem niemand etwas anhaben kann, nicht die Menschen und nicht die Zeit, die unablässig vergeht, gegen die man sich auch nicht zur Wehr setzen kann, weil man ihr unterliegt, weil sie vielleicht auch kein Feind ist und während ich das Foto betrachte, wird mir klar, das ich am Ende weder meine Mutter noch das Kind, das sie gewesen ist, vollständig erkenne, sondern etwas, das hinter ihnen liegt und sie aneinander knüpft, dieser Mensch wahrscheinlich, der sich in keinem Alter fassen lässt und doch immer hinter den veränderlichen Oberflächen wartet, der sich zum Beispiel in diesem Lächeln zeigt, das alle Jahre überdauert.

Auf die Kindheitsfotos folgen Aufnahmen kurz nach dem Abitur. Meine Mutter ist zwanzig und unternimmt mit ihrer Freundin eine Reise auf dem Fahrrad durch den Thüringer Wald, ein Unternehmen, wie sie mir jetzt erklärt, das beide damals völlig unterschätzten. Sie fahren eine ganze Woche durch das Land, schlafen im Zelt, die Leute reagieren überall freundlich auf die beiden jungen Frauen. Es gibt Aufnahmen mit einem älteren Mann, der in die Kamera lächelt und mit dem meine Mutter und ihre Freundin zufällig ins Gespräch gekommen sind.

Wir betrachten die Aufnahmen und verstummen irgendwann. Die vergangene Zeit holt uns schließlich ein. Ich weiß, wie meine Mutter auf diese Fotos blickt, sie sieht die Zeit genauso wie ich selbst, wir beide sind Melancholiker, für uns steckt in der Erinnerung stets auch die Bitternis und je länger man sicher erinnert, umso stärker scheint sie zu werden. 

Die Ähnlichkeiten zwischen den Eltern und ihren Kindern sind manchmal verblüffend, es nicht nur die äußere Ähnlichkeit, sondern auch die Entsprechung der Gesten, der Sprache, die auf die vielen gemeinsam verbrachten Jahre deuten. Im meinem Elternhaus stand in einem der Bücherregale, irgendwo dort, wo ich später Juan Rulfo fand, das einzige Foto meiner Mutter, eine Aufnahme in winzigem Hochformat. Das gerahmte Bild zeigt das Porträt einer Frau Anfang zwanzig im Halbprofil, sie studiert Geologie in Freiberg, vielleicht ist dieses Foto sogar in Freiberg entstanden, dort, wo auch Novalis Bergbau studierte. Der Fotograf, der womöglich mein Vater ist, hat meine Mutter in einer weiteren, für sie so typischen Geste festgehalten. Sie schaut nachdenklich, vielleicht sogar ein wenig ängstlich oder überrascht aus dem Bild, blickt dabei nicht direkt in das Objektiv, sondern knapp an diesem vorbei. Ihre rechte Hand hält sie zu einer schwachen Faust geballt vor ihrem Mund, der Zeigefinger ruht auf der Oberlippe, der Daumen auf dem Kinn. Es ist diese Geste, bei der ich mich selbst bis heute ertappe, wenn ich unaufmerksam bin und abschweife, irgendwelchen Gedanken nachhänge, es ist, als hätte sich diese Geste auf mich vererbt, als hätte ich sie mir nicht von meiner Mutter abschauen müssen, als wäre sie immer schon für uns beide verfügbar gewesen als einzig brauchbarer Ausdruck für diese nachdenkliche Stimmung und wenn ich mir die Geste doch abgeschaut haben sollte, dann nur, weil ich in ihr die Brauchbarkeit des Ausdrucks erkannte, eine Geste, mit der sich genau das bezeichnen lässt, was man bezeichnen muss in Momenten, in denen man sich selbst vergisst, um nach draußen zu schauen, direkt in die Wipfel der Eschen hinein, durch das Glas der Fensterscheiben hindurch, das man nicht mehr wahrnimmt, genauso wenig wie die Eschen selbst oder den Wald, versunken in sich selbst, weit weg.

Berlin (2. Zimmer), 30. April

Als ich mit achtzehn bei meinen Eltern auszog, um gemeinsam mit Roland nach Berlin zu gehen, gab es dafür eigentlich keinen Grund. Ich hatte nie einen Gedanken an Berlin verschwendet, ich wusste nichts über die Hauptstadt, Berlin interessierte mich nicht. Mein Onkel wohnte dort, wir hatten ihn ein oder zweimal während der Sommerferien für einen Nachmittag besucht, aber diese Besuche hatten keinerlei Begeisterung in mir ausgelöst. Berlin hatte sich damals wie jede andere Stadt angefühlt, sie war nur größer und unübersichtlicher und das war bereits alles. 

In diesem Sommer, der mit dem Auszug bei meinen Eltern endete, kam ich häufiger mit Roland ins Gespräch. Das erste Jahrzehnt der Zweitausender ging in sein drittes Jahr und unsere kleine Gruppe traf sich in der Bardzki-Villa in Gera, einer verfallenen, aber wunderschönen Fabrikantenvilla aus der Gründerzeit, in der wir Veranstaltungen und Clubnächte organisierten. Wir gründeten einen Verein unter dem Namen Loge du soleil, wir versuchten eine Art deutsch-französischen Kulturaustausch auf die Beine zu stellen, Pit steuerte sogar ein Logo bei und entwarf Visitenkarten, aber das alles verlief sich schon nach kurzer Zeit. 

Wir nahmen die Villa für unsere Veranstaltungen in Beschlag, ein Gebäude, das überhaupt nicht in diese Stadt im Osten passte, da es von riesigen Plattenbauten mit knallbunten Balkonen umgeben war. Die Balkone hatte man wahrscheinlich kurz nach der Wende gestrichen, als die Plattenbauwohnungen schlagartig ihre Anziehungskraft verloren. Die grellen Farben sollten die himmelschreiende Monotonie der Fassaden vergessen machen, betonten sie aber dadurch nur und passten in ihrer Tristesse zu den Alkoholikern vor dem Supermarkt, der jährlich seinen Besitzer wechselte. 

Die Villa blieb ein außerhalb des Zentrums gelegener Fremdkörper, der von einer Zeit sprach, als die Stadt vom Geld der ansässigen Textilindustrie regelrecht überschwemmt worden war. Selbst Henry van de Velde hatte ein Wohnhaus in der Nähe des Waldklinikums hinterlassen, aber davon wussten Jahrzehnte später unsere Kunstlehrer natürlich nichts, so wie unsere Lehrer im Allgemeinen recht wenig wussten, aber das habe ich erst später während meines Studiums begriffen. 

Selbst in ihrem heruntergekommenen Zustand deutete die Villa Bardzki, in der sich nach dem Zweiten Weltkrieg angeblich ein hoher russischer Militär samt Entourage eingerichtet hatte, einen Reichtum an, der mir die Sprache verschlug. Dieser Reichtum stammte aus einer anderen Welt, ein Überfluss, der mir märchenhaft erschien, für den mir die Bezugsgrößen fehlten und der mir manchmal in den Romanen der vorletzten Jahrhundertwende begegnete. Sobald Proust in seiner Suche nach der verlorenen Zeit eine Abendgesellschaft beschrieb, der sich ein verspäteter Nachzügler näherte, wobei das Licht aus dem Inneren des herrschaftlichen Gebäudes durch die hohen Fenster hinaus auf eine Freitreppe fiel, um die in den Garten führenden Stufen zu beleuchten, habe ich mir stets den Treppenaufgang der Villa Bardzki vorgestellt. 

In dem riesigen, mehrstöckigen Gebäude befand sich ein Salon, den man das Muschelzimmer nannte, ein mittelgroßer Raum, dessen Wände über und über mit Jakobsmuscheln besetzt gewesen sind, wobei sich dieses Relief zur Decke hin in eine aufwändige Stuckatur verwandelte. Hinter der Villa lag ein breiter, von hohen Mauern umschlossener Garten, in dem alte Kastanien wuchsen. Niemand kümmerte sich um diesen Garten, genauso wenig wie sich jemand um die Villa kümmerte. Die Stadt hatte kein Geld und sollte wenige Jahre nach meinem Umzug bankrott gehen, kurz nachdem sie auf einige von der Autobahn aus gut sichtbare Öltanks den Namen des berühmtesten Sohnes der Stadt – Otto Dix – völlig hilflos hatte pinseln lassen. 

Unsere kleine Gruppe stand im Garten der Villa, die Sonne fiel durch die Kronen der Kastanien und verwandelte das Gras in einen dunkelgrünen Flickenteppich. Überall lag das Licht in beweglichen Mustern, nahm an Stärke zu und wurde dann schwächer, als spielte jemand an einem dimmbaren Lichtschalter. Dieser stetige Wechsel hatte etwas Beruhigendes, machte aber auch benommen, sobald man sich für längere Zeit intensiv auf ihn konzentrierte.

Wir tranken Bier und sprachen über unsere Pläne, jetzt, nachdem die Schule endlich hinter uns lag. Ich konnte noch immer nicht glauben, diese zwölf Jahre überlebt zu haben. Zwölf Jahre! Eine Ewigkeit hatte ihren Abschluss gefunden, ein Zeitabschnitt, dessen Ende sich jahrelang derart fern angefühlt hatte und dann so plötzlich über uns gekommen war. 

Keiner von uns wusste, was er machen sollte. Dieser Sommer, kurz nach dem Abitur, wirkte wie ein See, auf dem unsere Boote kraftlos trieben, der Strömung und dem Wetter ausgesetzt. Niemand hatte einen wirklichen Plan, es gab nur Ideen. Für Pit war es eine Ausbildung zum Mediengestalter, für Steve ein Scharfschützentraining beim Bund. Stephan wollte bei einem Fotografen in die Lehre gehen. Simon und ich sahen uns mit großen Augen an. Er musste die zwölfte Klasse wiederholen und ich konnte nicht auf ihn warten. Ich musste weg.

Damals steigerte sich meine Unruhe in manchen Augenblicken derart, dass ich glaubte, den Verstand zu verlieren. 

Ich muss weg, dachte ich in einem solchen Moment. Ich muss weg, bloß weg. Nur wo sollte ich hin?

Roland brachte Berlin ins Spiel. Er hatte seine Zusage für die Freie Universität bereits in der Tasche und würde sich im Wintersemester in Ethnologie und Islamwissenschaften immatrikulieren. Außerdem suchte er nach einem Mitbewohner. Ohne darüber nachzudenken, sagte ich sofort zu.

„Was wirst du in Berlin machen?“, fragte er.

„Ich studiere natürlich“, antwortete ich.

„Ist dir klar, dass die Einschreibefristen abgelaufen sind?“

„Dann fange ich eben im nächsten Semester an. Das ist doch egal.“

Wir zogen in eine Zweiraumwohnung im Berliner Wedding, ganz in der Nähe vom Gesundbrunnencenter. Die Zimmergrößen waren nicht ideal für eine WG, aber das störte uns nicht, denn der Preis blieb unschlagbar. Bereitwillig drängte ich Roland das größere Zimmer auf, das sogar einen winzigen Balkon besaß, um mich mit dem weitaus kleineren Zimmer zufrieden zu geben.

In den ersten Monaten schlief ich auf der von meinen Eltern mitgebrachten Couch, die bereits in meinem alten Kinderzimmer gestanden hatte. Später gab es riesigen Streit, als ich diese Couch während meines nächsten Umzugs entsorgte. Meine Eltern wollten einfach nicht verstehen, dass ich kein Sofa in meinem Berliner Zimmer dulden konnte, das aus meiner Kindheit stammte und noch schlimmer, aus meinem Kinderzimmer. Wie hörte sich das denn an? Die blaue Couch mit ihrem Neunzigerjahremuster war sofort als stilistischer Totalausfall zu identifizieren und stellte mich vollständig bloß. Genauso gut hätte ich ein paar Stofftiere auf der Lehne dieser Couch platzieren können, um dadurch allen zu signalisieren, seht her, ich richte mich weiter ein, als sei ich zwölf. Diese Couch passte ganz einfach nicht zu meinem unangepassten, schwer zu umreißenden Stil, den ich damals ziemlich hilflos und wechselhaft kultivierte. Meine Eltern warfen mir die Geldverschwendung vor, doch für mich ging es um mehr, hier ging es darum, sich ein eigenes Leben einzurichten und zu einem eigenen Leben gehörten nicht nur Klamotten, die man sich kaufte, weil man durch sie in eine Rolle schlüpfte, in einen Charakter, den man imitierte, ohne sich das allerdings einzugestehen, zu diesem Leben gehörten auch Möbel, die einer solchen Rolle entsprachen und die sich natürlich absetzen mussten von den Möbeln, die man als Kind besessen hatte.

Den ersten Winter in Berlin hatte ich nichts zu tun. Roland verschwand in der Universität und tauchte nur selten, eigentlich nur in der Nacht, in unserer Wohnung auf. Er fand schnell Anschluss, denn im Gegensatz zu meinem eigenbrötlerischen Selbst war er offen, ging auf andere zu und suchte das Miteinander. 

Dieser erste Winter in Berlin war hart. Ich kann mich nicht mehr richtig erinnern, was ich damals eigentlich tat, denn ich hatte ja nichts zu tun, ich musste nirgendwo hin, es gab keine Vorlesungen und keine Seminare, die ich zu besuchen hatte. 

Ich lief durch das Viertel, lief durch die Eulerstraße, über die Pankstraße, lief in den Humboldthain und alles in diesem Viertel erschien mir fremd. Viele Türken und Araber wohnten in der Gegend und das war ich aus Thüringen natürlich nicht gewohnt, das war eine komplett andere Welt. In Gera hatte es in den Außenbezirken Zuwanderer aus Russland gegeben, aber mit diesen Zuwanderern kamen wir kaum in Kontakt, als lebten wir in unterschiedlichen Welten, als sei die Stadt in unsichtbare Hemisphären getrennt und der Wechsel zwischen diesen Zonen unmöglich. Und auch jetzt in Berlin sahen wir uns auf der Straße an und durch den jeweils anderen hindurch. Hin und wieder gab es ein paar aggressive Sprüche, aber das gehörte dazu.

Eines Morgens stand ich auf, kletterte vom Hochbett, das ich gemeinsam mit meinem Vater aus Kanthölzern zusammengebaut hatte und blieb an der Zimmertür stehen.

In der Mitte des Raums, direkt vor der Couch, lag ein Keks und ich starrte diesen Keks an, als hätte ich den unantastbaren Beweis paranormaler Aktivitäten vor Augen. Die Kekspackung lag auf der Couch und ich hatte diese Gebäckstück mit Schokofüllung auf dem Boden weder vergessen noch unachtsam fallen gelassen, so viel stand fest.

Ich trat näher und sah mir das Ganze genauer an. Der runde Keksrand war abgenagt. Viele kleine Zähne hatten sich an dieser Schokobackware zu schaffen gemacht und ein klares Muster hinterlassen.

Als Roland am Abend nach Hause kam, saß ich in der Küche. Schmutziges Geschirr türmte sich in der Spüle, wir kamen nicht richtig mit Haushalt und Saubermachen zurecht. Ein paar Monate später würde uns Simon besuchen und gemeinsam mit ihm und vor unsere Gesichter gebundenen Geschirrtüchern entsorgten wir Töpfe, in denen Nudelreste zentimeterdicke Schimmelpilzvariationen hervorgebracht hatten. Das Geschirr war nicht mehr zu retten.

„Alles gut?“, fragte Roland.

„In meinem Zimmer sind Mäuse.“

„Was?“

„Ich habe einen abgenagten Keks in meinem Zimmer gefunden.“

„Einen Keks?“

Ich nickte.

„Einen Keks mit Nagespuren?“

„Ja.“

„Wo sollen die Mäuse herkommen?“

„Keine Ahnung. Aber sie sind da.“

„Kacke.“

In der folgenden Nacht fand ich keinen Schlaf. Jedes noch so kleine Geräusch schreckte mich auf. 

Vielleicht sind es auch keine Mäuse, sondern Ratten, dachte ich und der Gedanke, diese Viecher mit ihren langen, nackten Schwänzen würden durch mein Zimmer wetzen, bereitete mir wahre Angstzustände.

Am Morgen kaufte ich in einem Baumarkt zwei Mausefallen und kehrte in unsere Wohnung zurück. Ich bestückte die Fallen mit großen Keksbrocken, spannte die Metallbügel und legte sie auf dem Zimmerboden aus. 

In der Nacht glaubte ich ein Rascheln zu hören, dann so etwas wie ein dumpfes, sehr leises Klopfen. Ich dachte an die Maus, die in einigen Sekunden unschuldigerweise ihren Tod in meinem Zimmer finden würde, einen kleinen, von mir verschuldeten Mäusetod. Dann dachte ich an die winzige Leiche, die auf eine Handfläche passte. An den leblosen Körper eines Tieres, das nichts verbrochen hatte.

Ich schaltete die Leselampe an und stieg vom Hochbett hinab, um die Fallen zu inspizieren. 

Die Keksstücke waren verschwunden. Beide Fallen wirkten, als hätte ich sie eben erst aus der Verpackung geholt. Offensichtlich waren diese Großstadtmäuse einiges gewohnt, man führte sie nicht so leicht hinters Licht.

Am nächsten Morgen nahm ich mein Zimmer gründlich unter die Lupe und bemerkte, dass an jener Stelle, an der eines der Heizungsrohre in die benachbarte Wohnung führte, genügend Spielraum für ein kleines Tier existierte. Ich holte aus der Küche Zeitungspapier und begann den Hohlraum auszustopfen, bis alles eine kompakte, feste Masse ergab.

In der Nacht weckte mich ein kaum hörbares Geräusch. Es klang, als zerrisse jemand Papier in winzige Stücke. Irgendwann verschwand das Geräusch und ich schlief ein.

Am anderen Morgen sah ich winzige Zeitungsschnipsel vor dem Heizungsrohr. Die Maus hatte ganze Arbeit geleistet. Wahrscheinlich hatte sie auf befreundete Mäuse zurückgegriffen und eine Art Schichtbetrieb unter Tage aufgebaut. 

„Es reicht. Wir holen den Kammerjäger“, sagte Roland, als ich ihm die Überreste des nächtlichen Baubetriebs zeigte.

Der Mann tauchte auf, sah uns an, als hätte er Außerirdische vor Augen und schmierte irgendeine Paste auf das Rohr, nachdem er mich gefragt hatte, was die Zeitung dort zu tun habe, das ganze Rohr sei damit voll. Ich habe versucht, die Zugänge dicht zu machen, erklärte ich. Der Mann betrachtete mich, als wäre ich schwachsinnig und schüttelte seinen Kopf. Wahrscheinlich konnte er nicht fassen, wie grenzenlos die menschliche Naivität am Ende doch war, unendlich, man hatte doch niemals alles gesehen.

Von da an ließen uns die Mäuse in Ruhe. Ich lag auf meinem Hochbett, das leise Klopfen und Rascheln setzte aus und die Stille kehrte zurück. Ein paar Wochen später begann mein erstes Semester und nach diesem Semester zog ich aus dem Wedding in den Prenzlauer Berg. Roland zog in eine WG nach Kreuzberg, irgendwo am Kotti, wie er sagte und damit verschwand mein erstes Zimmer, das nicht mit dem Haus meiner Eltern in Verbindung stand. Es lag in Richtung Hinterhof, ich hatte eine Mauer vor Augen und der bleigraue Himmel war nur in einem engen Ausschnitt über mir, über uns, über allen, die im Viertel lebten, zu erkennen.

Freitag, 9. April

Am Kaffeevollautomaten meiner Eltern ziehe ich mir am Morgen einen Espresso nach dem nächsten und genieße die Bequemlichkeit. Die Bohnen rasseln im Mahlwerk, die Maschine löst sich für Augenblicke in Geräuschen auf, die für mich nach unergründlicher Mechanik klingen, nach technischen Zusammenhängen, die ich nicht verstehen würde, auch wenn man sie mir in einfachen Worten erklärte und dann fließt der schwarze Kaffee aus einer metallenen Düse in die kleine Porzellantasse mit Goldrand. Ich bin mir nicht sicher, woher meine Eltern diese Tassen haben, die sie Mokkatassen nennen. Früher, als es dieses Haus und den Vollautomaten noch nicht gab, existierten auch die kleinen Tassen nicht. Sie sind später dazugekommen, haben sich stumm in das übrige Geschirr gefügt, ihre Herkunft bleibt geheim so wie die Herkunft vieler anderer Gegenstände in diesem neuen Haus auch. 

Ich finde die Tassen nicht einmal besonders schön. Sie wirken antiquiert und ein wenig großmütterlich und bereits auf den ersten Blick war mir klar, dass ich mich nie für eine solche Tasse entscheiden würde. Der nach oben breiter werdende Schwung steht zum harten Winkel des Henkels in Widerspruch und auch der falsche Goldrand wirkt übertrieben und suggeriert einen Wert, den diese weiße Tasse kaum besitzt. Vielleicht besteht sie nicht einmal aus echtem Porzellan, sondern nur aus einer günstig herzustellenden Keramikvariante. Die ganze Tasse wäre dann Verstellung, schöner Schein, ein Betrug, der vielleicht niemanden verletzt, der aber auch unsinnig ist, wie ich denke, denn man hätte das falsche Gold einfach weglassen, man hätte auf den Betrug verzichten können.

Ich stehe vom Küchentisch auf und schalte die Kaffeemaschine wieder an. Einige Symbole beginnen auf der oberen Gehäuseseite zu leuchten. Per Knopfdruck lassen sich ein einfacher und ein doppelter Espresso auswählen und ich drücke auf das silberne Piktogramm, das eine kleine, dampfende Tasse darstellen soll. Das Mahlwerk setzt sich unverzüglich in Bewegung, die Maschine, lese ich auf einem kleinen Metallschild an der Front des Vollautomaten, ist eine Severin und das ist, wenn mich nicht alles täuscht, ein preisgünstiger Hersteller. Im Gegensatz zu K recherchieren meine Eltern nicht erst lang im Netz, bevor sie sich für ein Haushaltsgerät entscheiden. Die Überlegung, ob das, was man kauft, auch das Beste sei, hat sich für meine Eltern, so lang ich mich erinnern kann, niemals gestellt. Dieser Gedanke scheint ihnen grundsätzlich fremd. Aus welchem Grund sollte man das Beste besitzen? Wer ist man, dass nur das Beste in Frage käme?

Meine Eltern haben keinen Sinn für das Raffinement, für das Ausgesuchte, übertrieben Luxuriöse. Unsere Familie besitzt keine feinen Zungen und das hat sich auch auf mich vererbt. Die Küche bleibt ein Raum der Notwendigkeit. Man muss essen und man muss trinken. Es ist ein wenig bequemer, einen Kaffeeautomaten per Knopfdruck zu bedienen, als eine Kanne Filterkaffee zu kochen, doch über den Geschmack des Automatenkaffees macht man sich keine Gedanken, man vergleicht die unterschiedlichen Geräte und Modelle nicht, man beschäftigt sich weder mit korrektem Wasserdruck noch entsprechender Temperatur, mit der Körnung und Präzision des Mahlwerks und so weiter. Meine Eltern messen solchen Details keinen Wert bei und unterstellen all jenen, die sich mit derartigen Dingen beschäftigten, eine übertriebene und letztlich grundlose Blasiertheit. Am Ende interessiert es sie nicht, ob der Espresso aus einer Maschine stammt, die einhundert oder dreitausend Euro kostet, sie schmecken nur Kaffee. Für diese feinen Unterschiede gab es in meiner Kindheit keinen Raum und bis heute hat sich in mir eine tiefe Abneigung gegen jene erhalten, die auf diese Unterschiede Wert legen, einen Wert, den ich, obwohl ich es besser weiß, häufig als haltlos und lächerlich empfinde, ein übertriebener Wert, an den man nur vorgeblich glaubt, obwohl er nicht wirklich existiert. Ein Wert somit, der jeder Grundlage entbehrt, der Verankerung in der Wirklichkeit und deshalb nur vorgeblich vorhanden ist. Schaut man genauer hin, sagen meine Eltern, ist alles nicht ganz so weit voneinander entfernt, wie man anfangs behauptet.

Das weiche Morgenlicht (der Himmel ist wieder bedeckt, obwohl es über Nacht etwas wärmer geworden ist), fällt durch das breite Fenster in die Küche, legt sich auf den Naturstein am Boden, auf den weißen Tisch, die Schränke und Küchengeräte, auf die beiden Pflanzen, die auf dem Fensterbrett stehen, auf die Keramikfigur des Froschkönigs, auf eine ebenfalls aus Keramik gefertigte Dose in Form eines orange bemalten Kürbisses, auf die Holzfigur eines Osterhasen, die beiden an den Fensterrahmen gelehnten CDs von Element of Crime. 

Während ich schreibe, beginnt es draußen über dem Vorgarten, der in Richtung Wald zeigt, zu schneien. Keine feuchten, schweren Flocken, sondern winzige, weiße Punkte, die weniger schweben, als dass sie lotrecht zu Boden fallen. Das Gestöber gewinnt an Kraft, wirkt für eine Sekunde fast wütend, das Weiß vergrößert sich und verdrängt die anderen Farben vor meinen Augen (vor allem das Grün der Tannen und Kiefern) und dann hört es plötzlich wieder auf, als hätte man einen Schalter umgelegt. 

Vogelstimmen, die kurz geschwiegen haben, tauchen wieder auf. Ich höre einen unsichtbaren Specht, sein Klopfen stammt aus dem Wald, ist so etwas wie ein Zeichen, doch wofür, frage ich mich, kann dieses Klopfen ein Zeichen sein, wenn nicht für das Unsichtbare selbst, für all das, was sich ohne unser Zutun und in unserer Abwesenheit ereignet, im Stillen, im Schatten unserer Ignoranz sozusagen, da wir die meiste Zeit der Meinung sind, auf alles zuzugreifen, obwohl wir am Ende vielleicht nur die Hälfte oder ein Viertel verstehen.