Berlin (2. Zimmer), 30. April

Als ich mit achtzehn bei meinen Eltern auszog, um gemeinsam mit Roland nach Berlin zu gehen, gab es dafür eigentlich keinen Grund. Ich hatte nie einen Gedanken an Berlin verschwendet, ich wusste nichts über die Hauptstadt, Berlin interessierte mich nicht. Mein Onkel wohnte dort, wir hatten ihn ein oder zweimal während der Sommerferien für einen Nachmittag besucht, aber diese Besuche hatten keinerlei Begeisterung in mir ausgelöst. Berlin hatte sich damals wie jede andere Stadt angefühlt, sie war nur größer und unübersichtlicher und das war bereits alles. 

In diesem Sommer, der mit dem Auszug bei meinen Eltern endete, kam ich häufiger mit Roland ins Gespräch. Das erste Jahrzehnt der Zweitausender ging in sein drittes Jahr und unsere kleine Gruppe traf sich in der Bardzki-Villa in Gera, einer verfallenen, aber wunderschönen Fabrikantenvilla aus der Gründerzeit, in der wir Veranstaltungen und Clubnächte organisierten. Wir gründeten einen Verein unter dem Namen Loge du soleil, wir versuchten eine Art deutsch-französischen Kulturaustausch auf die Beine zu stellen, Pit steuerte sogar ein Logo bei und entwarf Visitenkarten, aber das alles verlief sich schon nach kurzer Zeit. 

Wir nahmen die Villa für unsere Veranstaltungen in Beschlag, ein Gebäude, das überhaupt nicht in diese Stadt im Osten passte, da es von riesigen Plattenbauten mit knallbunten Balkonen umgeben war. Die Balkone hatte man wahrscheinlich kurz nach der Wende gestrichen, als die Plattenbauwohnungen schlagartig ihre Anziehungskraft verloren. Die grellen Farben sollten die himmelschreiende Monotonie der Fassaden vergessen machen, betonten sie aber dadurch nur und passten in ihrer Tristesse zu den Alkoholikern vor dem Supermarkt, der jährlich seinen Besitzer wechselte. 

Die Villa blieb ein außerhalb des Zentrums gelegener Fremdkörper, der von einer Zeit sprach, als die Stadt vom Geld der ansässigen Textilindustrie regelrecht überschwemmt worden war. Selbst Henry van de Velde hatte ein Wohnhaus in der Nähe des Waldklinikums hinterlassen, aber davon wussten Jahrzehnte später unsere Kunstlehrer natürlich nichts, so wie unsere Lehrer im Allgemeinen recht wenig wussten, aber das habe ich erst später während meines Studiums begriffen. 

Selbst in ihrem heruntergekommenen Zustand deutete die Villa Bardzki, in der sich nach dem Zweiten Weltkrieg angeblich ein hoher russischer Militär samt Entourage eingerichtet hatte, einen Reichtum an, der mir die Sprache verschlug. Dieser Reichtum stammte aus einer anderen Welt, ein Überfluss, der mir märchenhaft erschien, für den mir die Bezugsgrößen fehlten und der mir manchmal in den Romanen der vorletzten Jahrhundertwende begegnete. Sobald Proust in seiner Suche nach der verlorenen Zeit eine Abendgesellschaft beschrieb, der sich ein verspäteter Nachzügler näherte, wobei das Licht aus dem Inneren des herrschaftlichen Gebäudes durch die hohen Fenster hinaus auf eine Freitreppe fiel, um die in den Garten führenden Stufen zu beleuchten, habe ich mir stets den Treppenaufgang der Villa Bardzki vorgestellt. 

In dem riesigen, mehrstöckigen Gebäude befand sich ein Salon, den man das Muschelzimmer nannte, ein mittelgroßer Raum, dessen Wände über und über mit Jakobsmuscheln besetzt gewesen sind, wobei sich dieses Relief zur Decke hin in eine aufwändige Stuckatur verwandelte. Hinter der Villa lag ein breiter, von hohen Mauern umschlossener Garten, in dem alte Kastanien wuchsen. Niemand kümmerte sich um diesen Garten, genauso wenig wie sich jemand um die Villa kümmerte. Die Stadt hatte kein Geld und sollte wenige Jahre nach meinem Umzug bankrott gehen, kurz nachdem sie auf einige von der Autobahn aus gut sichtbare Öltanks den Namen des berühmtesten Sohnes der Stadt – Otto Dix – völlig hilflos hatte pinseln lassen. 

Unsere kleine Gruppe stand im Garten der Villa, die Sonne fiel durch die Kronen der Kastanien und verwandelte das Gras in einen dunkelgrünen Flickenteppich. Überall lag das Licht in beweglichen Mustern, nahm an Stärke zu und wurde dann schwächer, als spielte jemand an einem dimmbaren Lichtschalter. Dieser stetige Wechsel hatte etwas Beruhigendes, machte aber auch benommen, sobald man sich für längere Zeit intensiv auf ihn konzentrierte.

Wir tranken Bier und sprachen über unsere Pläne, jetzt, nachdem die Schule endlich hinter uns lag. Ich konnte noch immer nicht glauben, diese zwölf Jahre überlebt zu haben. Zwölf Jahre! Eine Ewigkeit hatte ihren Abschluss gefunden, ein Zeitabschnitt, dessen Ende sich jahrelang derart fern angefühlt hatte und dann so plötzlich über uns gekommen war. 

Keiner von uns wusste, was er machen sollte. Dieser Sommer, kurz nach dem Abitur, wirkte wie ein See, auf dem unsere Boote kraftlos trieben, der Strömung und dem Wetter ausgesetzt. Niemand hatte einen wirklichen Plan, es gab nur Ideen. Für Pit war es eine Ausbildung zum Mediengestalter, für Steve ein Scharfschützentraining beim Bund. Stephan wollte bei einem Fotografen in die Lehre gehen. Simon und ich sahen uns mit großen Augen an. Er musste die zwölfte Klasse wiederholen und ich konnte nicht auf ihn warten. Ich musste weg.

Damals steigerte sich meine Unruhe in manchen Augenblicken derart, dass ich glaubte, den Verstand zu verlieren. 

Ich muss weg, dachte ich in einem solchen Moment. Ich muss weg, bloß weg. Nur wo sollte ich hin?

Roland brachte Berlin ins Spiel. Er hatte seine Zusage für die Freie Universität bereits in der Tasche und würde sich im Wintersemester in Ethnologie und Islamwissenschaften immatrikulieren. Außerdem suchte er nach einem Mitbewohner. Ohne darüber nachzudenken, sagte ich sofort zu.

„Was wirst du in Berlin machen?“, fragte er.

„Ich studiere natürlich“, antwortete ich.

„Ist dir klar, dass die Einschreibefristen abgelaufen sind?“

„Dann fange ich eben im nächsten Semester an. Das ist doch egal.“

Wir zogen in eine Zweiraumwohnung im Berliner Wedding, ganz in der Nähe vom Gesundbrunnencenter. Die Zimmergrößen waren nicht ideal für eine WG, aber das störte uns nicht, denn der Preis blieb unschlagbar. Bereitwillig drängte ich Roland das größere Zimmer auf, das sogar einen winzigen Balkon besaß, um mich mit dem weitaus kleineren Zimmer zufrieden zu geben.

In den ersten Monaten schlief ich auf der von meinen Eltern mitgebrachten Couch, die bereits in meinem alten Kinderzimmer gestanden hatte. Später gab es riesigen Streit, als ich diese Couch während meines nächsten Umzugs entsorgte. Meine Eltern wollten einfach nicht verstehen, dass ich kein Sofa in meinem Berliner Zimmer dulden konnte, das aus meiner Kindheit stammte und noch schlimmer, aus meinem Kinderzimmer. Wie hörte sich das denn an? Die blaue Couch mit ihrem Neunzigerjahremuster war sofort als stilistischer Totalausfall zu identifizieren und stellte mich vollständig bloß. Genauso gut hätte ich ein paar Stofftiere auf der Lehne dieser Couch platzieren können, um dadurch allen zu signalisieren, seht her, ich richte mich weiter ein, als sei ich zwölf. Diese Couch passte ganz einfach nicht zu meinem unangepassten, schwer zu umreißenden Stil, den ich damals ziemlich hilflos und wechselhaft kultivierte. Meine Eltern warfen mir die Geldverschwendung vor, doch für mich ging es um mehr, hier ging es darum, sich ein eigenes Leben einzurichten und zu einem eigenen Leben gehörten nicht nur Klamotten, die man sich kaufte, weil man durch sie in eine Rolle schlüpfte, in einen Charakter, den man imitierte, ohne sich das allerdings einzugestehen, zu diesem Leben gehörten auch Möbel, die einer solchen Rolle entsprachen und die sich natürlich absetzen mussten von den Möbeln, die man als Kind besessen hatte.

Den ersten Winter in Berlin hatte ich nichts zu tun. Roland verschwand in der Universität und tauchte nur selten, eigentlich nur in der Nacht, in unserer Wohnung auf. Er fand schnell Anschluss, denn im Gegensatz zu meinem eigenbrötlerischen Selbst war er offen, ging auf andere zu und suchte das Miteinander. 

Dieser erste Winter in Berlin war hart. Ich kann mich nicht mehr richtig erinnern, was ich damals eigentlich tat, denn ich hatte ja nichts zu tun, ich musste nirgendwo hin, es gab keine Vorlesungen und keine Seminare, die ich zu besuchen hatte. 

Ich lief durch das Viertel, lief durch die Eulerstraße, über die Pankstraße, lief in den Humboldthain und alles in diesem Viertel erschien mir fremd. Viele Türken und Araber wohnten in der Gegend und das war ich aus Thüringen natürlich nicht gewohnt, das war eine komplett andere Welt. In Gera hatte es in den Außenbezirken Zuwanderer aus Russland gegeben, aber mit diesen Zuwanderern kamen wir kaum in Kontakt, als lebten wir in unterschiedlichen Welten, als sei die Stadt in unsichtbare Hemisphären getrennt und der Wechsel zwischen diesen Zonen unmöglich. Und auch jetzt in Berlin sahen wir uns auf der Straße an und durch den jeweils anderen hindurch. Hin und wieder gab es ein paar aggressive Sprüche, aber das gehörte dazu.

Eines Morgens stand ich auf, kletterte vom Hochbett, das ich gemeinsam mit meinem Vater aus Kanthölzern zusammengebaut hatte und blieb an der Zimmertür stehen.

In der Mitte des Raums, direkt vor der Couch, lag ein Keks und ich starrte diesen Keks an, als hätte ich den unantastbaren Beweis paranormaler Aktivitäten vor Augen. Die Kekspackung lag auf der Couch und ich hatte diese Gebäckstück mit Schokofüllung auf dem Boden weder vergessen noch unachtsam fallen gelassen, so viel stand fest.

Ich trat näher und sah mir das Ganze genauer an. Der runde Keksrand war abgenagt. Viele kleine Zähne hatten sich an dieser Schokobackware zu schaffen gemacht und ein klares Muster hinterlassen.

Als Roland am Abend nach Hause kam, saß ich in der Küche. Schmutziges Geschirr türmte sich in der Spüle, wir kamen nicht richtig mit Haushalt und Saubermachen zurecht. Ein paar Monate später würde uns Simon besuchen und gemeinsam mit ihm und vor unsere Gesichter gebundenen Geschirrtüchern entsorgten wir Töpfe, in denen Nudelreste zentimeterdicke Schimmelpilzvariationen hervorgebracht hatten. Das Geschirr war nicht mehr zu retten.

„Alles gut?“, fragte Roland.

„In meinem Zimmer sind Mäuse.“

„Was?“

„Ich habe einen abgenagten Keks in meinem Zimmer gefunden.“

„Einen Keks?“

Ich nickte.

„Einen Keks mit Nagespuren?“

„Ja.“

„Wo sollen die Mäuse herkommen?“

„Keine Ahnung. Aber sie sind da.“

„Kacke.“

In der folgenden Nacht fand ich keinen Schlaf. Jedes noch so kleine Geräusch schreckte mich auf. 

Vielleicht sind es auch keine Mäuse, sondern Ratten, dachte ich und der Gedanke, diese Viecher mit ihren langen, nackten Schwänzen würden durch mein Zimmer wetzen, bereitete mir wahre Angstzustände.

Am Morgen kaufte ich in einem Baumarkt zwei Mausefallen und kehrte in unsere Wohnung zurück. Ich bestückte die Fallen mit großen Keksbrocken, spannte die Metallbügel und legte sie auf dem Zimmerboden aus. 

In der Nacht glaubte ich ein Rascheln zu hören, dann so etwas wie ein dumpfes, sehr leises Klopfen. Ich dachte an die Maus, die in einigen Sekunden unschuldigerweise ihren Tod in meinem Zimmer finden würde, einen kleinen, von mir verschuldeten Mäusetod. Dann dachte ich an die winzige Leiche, die auf eine Handfläche passte. An den leblosen Körper eines Tieres, das nichts verbrochen hatte.

Ich schaltete die Leselampe an und stieg vom Hochbett hinab, um die Fallen zu inspizieren. 

Die Keksstücke waren verschwunden. Beide Fallen wirkten, als hätte ich sie eben erst aus der Verpackung geholt. Offensichtlich waren diese Großstadtmäuse einiges gewohnt, man führte sie nicht so leicht hinters Licht.

Am nächsten Morgen nahm ich mein Zimmer gründlich unter die Lupe und bemerkte, dass an jener Stelle, an der eines der Heizungsrohre in die benachbarte Wohnung führte, genügend Spielraum für ein kleines Tier existierte. Ich holte aus der Küche Zeitungspapier und begann den Hohlraum auszustopfen, bis alles eine kompakte, feste Masse ergab.

In der Nacht weckte mich ein kaum hörbares Geräusch. Es klang, als zerrisse jemand Papier in winzige Stücke. Irgendwann verschwand das Geräusch und ich schlief ein.

Am anderen Morgen sah ich winzige Zeitungsschnipsel vor dem Heizungsrohr. Die Maus hatte ganze Arbeit geleistet. Wahrscheinlich hatte sie auf befreundete Mäuse zurückgegriffen und eine Art Schichtbetrieb unter Tage aufgebaut. 

„Es reicht. Wir holen den Kammerjäger“, sagte Roland, als ich ihm die Überreste des nächtlichen Baubetriebs zeigte.

Der Mann tauchte auf, sah uns an, als hätte er Außerirdische vor Augen und schmierte irgendeine Paste auf das Rohr, nachdem er mich gefragt hatte, was die Zeitung dort zu tun habe, das ganze Rohr sei damit voll. Ich habe versucht, die Zugänge dicht zu machen, erklärte ich. Der Mann betrachtete mich, als wäre ich schwachsinnig und schüttelte seinen Kopf. Wahrscheinlich konnte er nicht fassen, wie grenzenlos die menschliche Naivität am Ende doch war, unendlich, man hatte doch niemals alles gesehen.

Von da an ließen uns die Mäuse in Ruhe. Ich lag auf meinem Hochbett, das leise Klopfen und Rascheln setzte aus und die Stille kehrte zurück. Ein paar Wochen später begann mein erstes Semester und nach diesem Semester zog ich aus dem Wedding in den Prenzlauer Berg. Roland zog in eine WG nach Kreuzberg, irgendwo am Kotti, wie er sagte und damit verschwand mein erstes Zimmer, das nicht mit dem Haus meiner Eltern in Verbindung stand. Es lag in Richtung Hinterhof, ich hatte eine Mauer vor Augen und der bleigraue Himmel war nur in einem engen Ausschnitt über mir, über uns, über allen, die im Viertel lebten, zu erkennen.

Freitag, 9. April

Am Kaffeevollautomaten meiner Eltern ziehe ich mir am Morgen einen Espresso nach dem nächsten und genieße die Bequemlichkeit. Die Bohnen rasseln im Mahlwerk, die Maschine löst sich für Augenblicke in Geräuschen auf, die für mich nach unergründlicher Mechanik klingen, nach technischen Zusammenhängen, die ich nicht verstehen würde, auch wenn man sie mir in einfachen Worten erklärte und dann fließt der schwarze Kaffee aus einer metallenen Düse in die kleine Porzellantasse mit Goldrand. Ich bin mir nicht sicher, woher meine Eltern diese Tassen haben, die sie Mokkatassen nennen. Früher, als es dieses Haus und den Vollautomaten noch nicht gab, existierten auch die kleinen Tassen nicht. Sie sind später dazugekommen, haben sich stumm in das übrige Geschirr gefügt, ihre Herkunft bleibt geheim so wie die Herkunft vieler anderer Gegenstände in diesem neuen Haus auch. 

Ich finde die Tassen nicht einmal besonders schön. Sie wirken antiquiert und ein wenig großmütterlich und bereits auf den ersten Blick war mir klar, dass ich mich nie für eine solche Tasse entscheiden würde. Der nach oben breiter werdende Schwung steht zum harten Winkel des Henkels in Widerspruch und auch der falsche Goldrand wirkt übertrieben und suggeriert einen Wert, den diese weiße Tasse kaum besitzt. Vielleicht besteht sie nicht einmal aus echtem Porzellan, sondern nur aus einer günstig herzustellenden Keramikvariante. Die ganze Tasse wäre dann Verstellung, schöner Schein, ein Betrug, der vielleicht niemanden verletzt, der aber auch unsinnig ist, wie ich denke, denn man hätte das falsche Gold einfach weglassen, man hätte auf den Betrug verzichten können.

Ich stehe vom Küchentisch auf und schalte die Kaffeemaschine wieder an. Einige Symbole beginnen auf der oberen Gehäuseseite zu leuchten. Per Knopfdruck lassen sich ein einfacher und ein doppelter Espresso auswählen und ich drücke auf das silberne Piktogramm, das eine kleine, dampfende Tasse darstellen soll. Das Mahlwerk setzt sich unverzüglich in Bewegung, die Maschine, lese ich auf einem kleinen Metallschild an der Front des Vollautomaten, ist eine Severin und das ist, wenn mich nicht alles täuscht, ein preisgünstiger Hersteller. Im Gegensatz zu K recherchieren meine Eltern nicht erst lang im Netz, bevor sie sich für ein Haushaltsgerät entscheiden. Die Überlegung, ob das, was man kauft, auch das Beste sei, hat sich für meine Eltern, so lang ich mich erinnern kann, niemals gestellt. Dieser Gedanke scheint ihnen grundsätzlich fremd. Aus welchem Grund sollte man das Beste besitzen? Wer ist man, dass nur das Beste in Frage käme?

Meine Eltern haben keinen Sinn für das Raffinement, für das Ausgesuchte, übertrieben Luxuriöse. Unsere Familie besitzt keine feinen Zungen und das hat sich auch auf mich vererbt. Die Küche bleibt ein Raum der Notwendigkeit. Man muss essen und man muss trinken. Es ist ein wenig bequemer, einen Kaffeeautomaten per Knopfdruck zu bedienen, als eine Kanne Filterkaffee zu kochen, doch über den Geschmack des Automatenkaffees macht man sich keine Gedanken, man vergleicht die unterschiedlichen Geräte und Modelle nicht, man beschäftigt sich weder mit korrektem Wasserdruck noch entsprechender Temperatur, mit der Körnung und Präzision des Mahlwerks und so weiter. Meine Eltern messen solchen Details keinen Wert bei und unterstellen all jenen, die sich mit derartigen Dingen beschäftigten, eine übertriebene und letztlich grundlose Blasiertheit. Am Ende interessiert es sie nicht, ob der Espresso aus einer Maschine stammt, die einhundert oder dreitausend Euro kostet, sie schmecken nur Kaffee. Für diese feinen Unterschiede gab es in meiner Kindheit keinen Raum und bis heute hat sich in mir eine tiefe Abneigung gegen jene erhalten, die auf diese Unterschiede Wert legen, einen Wert, den ich, obwohl ich es besser weiß, häufig als haltlos und lächerlich empfinde, ein übertriebener Wert, an den man nur vorgeblich glaubt, obwohl er nicht wirklich existiert. Ein Wert somit, der jeder Grundlage entbehrt, der Verankerung in der Wirklichkeit und deshalb nur vorgeblich vorhanden ist. Schaut man genauer hin, sagen meine Eltern, ist alles nicht ganz so weit voneinander entfernt, wie man anfangs behauptet.

Das weiche Morgenlicht (der Himmel ist wieder bedeckt, obwohl es über Nacht etwas wärmer geworden ist), fällt durch das breite Fenster in die Küche, legt sich auf den Naturstein am Boden, auf den weißen Tisch, die Schränke und Küchengeräte, auf die beiden Pflanzen, die auf dem Fensterbrett stehen, auf die Keramikfigur des Froschkönigs, auf eine ebenfalls aus Keramik gefertigte Dose in Form eines orange bemalten Kürbisses, auf die Holzfigur eines Osterhasen, die beiden an den Fensterrahmen gelehnten CDs von Element of Crime. 

Während ich schreibe, beginnt es draußen über dem Vorgarten, der in Richtung Wald zeigt, zu schneien. Keine feuchten, schweren Flocken, sondern winzige, weiße Punkte, die weniger schweben, als dass sie lotrecht zu Boden fallen. Das Gestöber gewinnt an Kraft, wirkt für eine Sekunde fast wütend, das Weiß vergrößert sich und verdrängt die anderen Farben vor meinen Augen (vor allem das Grün der Tannen und Kiefern) und dann hört es plötzlich wieder auf, als hätte man einen Schalter umgelegt. 

Vogelstimmen, die kurz geschwiegen haben, tauchen wieder auf. Ich höre einen unsichtbaren Specht, sein Klopfen stammt aus dem Wald, ist so etwas wie ein Zeichen, doch wofür, frage ich mich, kann dieses Klopfen ein Zeichen sein, wenn nicht für das Unsichtbare selbst, für all das, was sich ohne unser Zutun und in unserer Abwesenheit ereignet, im Stillen, im Schatten unserer Ignoranz sozusagen, da wir die meiste Zeit der Meinung sind, auf alles zuzugreifen, obwohl wir am Ende vielleicht nur die Hälfte oder ein Viertel verstehen.