Pad Thai, Büro, 5. März

Am späten Nachmittag schleppt mich K zum Einkaufen hinaus. Sie will am Abend Pad Thai kochen und muss dafür in einen asiatischen Supermarkt. Ich habe nichts dagegen, ziehe mir meine dicke Jacke über (gestern Nacht hat es sich merklich abgekühlt) und dann nehmen wir die Brücke, laufen am Fluss entlang und biegen kurz vor dem katholischen Krankenhaus nach rechts in Richtung Innenstadt.

Unterwegs stoßen wir auf ein paar Krähen, die sich mitten auf dem Weg ziemlich rowdyhaft prügeln. Es fliegen zwar keine Federn, aber das Geschrei ist groß. Ich möchte K gegenüber eine scharfsinnige Bemerkung machen, allerdings fällt mir auf die Schnelle nichts ein und so laufen wir an den ineinander verkeilten Krähen vorbei. Die rühren sich nicht vom Fleck, sind völlig auf ihren Kampf konzentriert, dessen Gegenstand, wie ich annehme, die Vorherrschaft über die Uferpromenade ist. Ich erinnere mich an C und eine Aufnahme, die er vor elf oder mehr Jahren unter dem Alias Krähe verspeist toten Igel veröffentlicht hat.

Hinter mir liegen drei Tage Büroarbeit. Ich beklage mich viel zu häufig über das Büro, denke ich unterwegs, aber auf irgendeine Weise muss ich mir Luft verschaffen. Wer nie in einem Büro gearbeitet hat, noch dazu im Büro einer Kultureinrichtung, weiß nicht, wovon er spricht. Jeder glaubt, in einer eigenen, alles Maß sprengenden Tragödie zu stecken, doch die wahre Tragödie, das ist sicher, steckt in der Kultur und besonders dort, wo sie verwaltet wird.

Das Büro ist mein Kreuzweg, sage ich mir.

Auch wenn mir das Maß des Religiösen gänzlich abgeht, verstehe ich doch die Verbindlichkeit der Passion. Und das Büro ist meine Passion, die Folter, die mir irrsinnigerweise am ehesten entspricht. Davon wussten auch Kafka und Walser und Genazino. Pessoa und Melville. All die schreibenden Büroangestellten. Ich wünschte, ich könnte Bartlebys I’d rather not to an die Wände meiner Zelle malen und jedem verfluchten Telefonidioten ins Gesicht, ich wünschte, die Verweigerung könnte offen ins Feld getragen werden.

Und vielleicht ist das sogar möglich. Vielleicht fehlt mir einfach nur der Mut. Das wäre auch ein Lebensthema, der Mangel an Mut.

In Leipzig stieß ich auf dem Zentralfriedhof vor Jahren auf einen Grabstein, auf den sich der Tote ein eigens verfasstes Epitaph hatte meißeln lassen. Es endete ungefähr so: Was für ein Wahn, dass ich nicht dreimal mutiger gewesen bin. Bis heute hat diese Zeile ihre Gültigkeit behalten. 

Im Büro verbringe ich Stunden mit Erklärungen, der Arbeit an Listen und Übersichten, ich bereite zahllose Abläufe vor, während mich das Vorzimmer der Direktion unablässig zu erreichen versucht. In einer Telefonkonferenz, in der ich seit Jahrzehnten am Museum angestellten Kollegen erkläre, was eine museale Sammlung ist und was nicht („eure Reinigungsmaschinen stehen zwar im Depot, sind aber keine Sammlungsobjekte“), explodiere ich fast, als im Minutentakt die Anrufversuche aus dem Vorzimmer einlaufen. Ein kurzer Hinweis leuchtet dann auf meinem Bildschirm auf, der neueste Schrei der städtischen IT. Doch wer nach drei Versuchen und besetzter Leitung nicht begreift, eine Mail sei das adäquate Mittel der Verständigung, ist einfach hoffnungslos verloren und wird von meiner alttestamentarischen Verachtung gestraft. Für so etwas habe ich wirklich nichts mehr übrig, da versteinere ich und werde superaggressiv.

Gegen Mittag rufe ich die Museumsleitung zurück. Sie übermittelt neue Aufträge, das meiste davon habe ich längst bedacht und erledigt, lasse mir aber nichts anmerken. Sie kann es nicht leiden, wenn andere ein Lösungsvermögen erkennen lassen, das sie selbst nicht besitzt. Und sie hat ein großes Problem mit Kollegen, die in bestimmten Bereichen erfolgreicher sind als sie, die womöglich mehr Erfahrung haben, vielleicht sogar mit einer Ausstellung oder einer Publikation brillieren. So etwas macht sie rasend. Auch schiebt sie gern alles auf die lange Bank, zögert eine Entscheidung bis zum letzten Augenblick heraus. Doch die Notwendigkeit dieser Entscheidung löst sich natürlich nicht auf, sie kehrt ein paar Tage oder Wochen später verschärft zurück und dann muss in Windeseile, oft binnen Stunden gehandelt werden. Unter diesem zeitlichen Druck spielt sich alles ab und natürlich fallen auch die Ergebnisse entsprechend aus.

Jeder im Museum entwickelt andere Strategien, um sich zu schützen. Denn darum geht es in der Welt der Arbeit, denke ich, es geht um Selbstschutz, den Versuch, sich am Ende und trotz allen Widerstands zu behaupten. Das ist der Kampf, auch wenn Kampf womöglich ein zu großes Wort ist. Wir tragen den Kampf nicht mehr offen aus. Der Kampf ist in uns verschwunden und führt dort sein Unwesen und Eigenleben. 

Ich habe die innere und äußere Kündigung kennengelernt, die sich analog zur inneren und äußeren Emigration denken lässt. Die meisten meiner Kollegen haben innerlich mit der Einrichtung abgeschlossen. Sie bewegen sich in einer Grauzone, die man Dienst nach Vorschrift nennen kann und erinnern mich an russische Romane aus dem neunzehnten Jahrhundert. Dostojewski, Gontscharow, Turgenjew, Gogol. Dort finden sich ähnliche Amtsschimmel, die Punkt fünf am Nachmittag den Stift aus der Hand fallen lassen, die sich gegen jeden Mehraufwand mit der aufbrausenden Kraft eines fettleibigen Obristen wehren. Dann gibt es die Jungen, zweifellos Engagierten, zu denen ich mich manchmal zähle. Sie glauben noch an Möglichkeiten, an Veränderung, leisten mehr, als sie müssten und rennen gegen Wände an. Jede Zurücksetzung, sei es durch die Labyrinthe der Bürokratie oder die Unberechenbarkeit der Direktion, knabbert an ihnen. Nach etwa einem Jahr (ein Jahr, das ist die Halbwertszeit des Engagements) lassen sich die Spuren der einsetzenden Resignation unmissverständlich von den Gesichtern ablesen. 

Was mich betrifft, ist die Selbstverleugnung die eigentliche Folter. Das Büro setzt einen ganzen Katalog befremdlichen Verhaltens voraus, ein Glossar zweifelhafter Ausdrücke und Gesten, die bei genauerer Betrachtung wenn nicht an Wahnsinn, so doch an Verstellung und Verschlagenheit grenzen. Niemand sagt natürlich, was er denkt. Jeder taktiert, bringt sich in Stellung. Das Ganze besitzt etwas zweifellos Militärisches, kommt einer Arbeit an Schlachtplänen gleich, die das Plausible gegen die irrationale Gegenwehr der Museumsleitung durchzusetzen versuchen. Da kein Raum für das offene, unverstellte Wort existiert, verwandelt man sich mit den Jahren in einen Knecht, entwickelt Ressentiment und Sklavenmoral, wie das Nietzsche ja ziemlich hellsichtig erkannt hat und Nietzsche war als Professor schließlich auch eine Art Verwaltungsangestellter. Es gibt Momente, in denen ich mich hasse für das Appeasement meiner Worte, die meinen Gegenüber möglichst behutsam zu einer Einsicht bringen sollen, die der Sache und nicht der Eigenliebe dient. Dabei stehe ich kurz vor der Explosion. Doch ich verbiege mich und werfe mir das später auf der Heimreise doppelt vor. 

Ich müsste einen kühleren Kopf bewahren, sage ich mir im Abteil. Ich müsste verschwinden, mich zum wiederholten Mal auf und davon machen. Schließlich sind es nur drei Tage Arbeit in der Woche. Wer kann sich da schon beschweren? Doch diese drei Tage, sie fühlen sich wie Monate an, als verlangsame der Stumpfsinn neben allem anderen auch die Zeit. Am Abend kehre ich völlig zerschlagen heim und versuche K zu erklären, womit ich meinen Tag verbracht habe. Was ist da eigentlich passiert? Tatsächlich hat sich kaum etwas ereignet. Wir sind kein Stück voran gekommen, haben aber viel miteinander gesprochen. Wir haben Verständnis signalisiert, die Notwendigkeit einer Handlung. Es gibt viele Probleme. Wahrscheinlich gibt es Lösungen. Was machen wir, wenn die Museen plötzlich wieder öffnen? Es gäbe da einige Optionen, ja, es gäbe sicher ein Möglichkeit.

Jetzt laufen K und ich durch die letzte Märzkälte. In etwa vierzehn Tagen soll der Frühling endlich beginnen. Auf der Parkwiese stehen Schneeglöckchen, die immer ein wenig traurig mit ihren gesenkten Köpfen wirken und dazwischen entdecke ich Inseln violetter Krokusse. 

Ich müsste alles hinwerfen, geht es mir wieder durch den Kopf. Aber das Geld, sage ich mir sofort, was machst du, um an etwas Geld zu kommen. Mein ganzes Arbeitsleben habe ich im Museum verbracht. Von außen mag es sogar ziemlich aufregend aussehen, aber es ist nicht meins, ich bin in diese Geschichte, wie in so vieles andere auch, ganz ahnungslos hineingerutscht. Die Dinge haben sich ohne meine Zustimmung entwickelt, sage ich mir. Vielleicht ist das die Entfremdung, von der jedes Leben am Ende gezeichnet wird. Und während man diese Entwicklung bedenkt und zu überschauen versucht, vergehen sieben Jahre und man überlegt noch immer, wie es weitergehen kann. Wie es besser wird. Wo der Ausweg liegt.

K gibt mir im Supermarkt den Auftrag, nach getrockneten Shrimps zu suchen. Ich irre ziemlich orientierungslos durch die Gänge und versuche die fremden Alphabete zu entziffern. Ich stoße auf zerkleinerten und mit Chiliflocken gemischten Fisch, auf Einkilopakete mit Röstzwiebeln, auf Sachen, die ich überhaupt nicht zuordnen kann. Doch die getrockneten Shrimps finde ich natürlich nicht. K fragt einen netten Mann, der uns aushilft und sofort in die richtige Abteilung des Ladens führt. Ich bin ihm unendlich dankbar, fühle so etwas wie eine tiefe Verbundenheit mit diesem älteren Herrn, der in einem fremden Land lebt, uns versteht, sehr gut Deutsch spricht. Sofort möchte ich ihm meine Hilfe anbieten und als Kassenkraft im Supermarkt beginnen.

Später packe ich noch eine Riesenladung Tempeh in den Korb, den esse ich manchmal ganz gern. K schaut mich prüfend an. Ob ich das Ding, das wie ein abgepackter flacher Stollen aussieht, auch wirklich komplett schaffen würde. Selbstverständlich, sage ich, das ist ja wohl die Höhe. Als würde ich so eine fermentierte Sojaspielerei nicht im Handumdrehen vernichten können.

Jetzt sitze ich an meinen Schreibtisch. Der Kopf meiner Stehlampe ist auf die Wand gerichtet. Seit Jahren versuche ich K beizubringen, dass indirektes Licht das wahre Licht in einer Wohnung ist. Die Deckenleuchten kann man ignorieren, auch das habe ich von C in Berlin gelernt. Aber K will mir einfach nicht glauben, obwohl sie mehrfach, auch gegenüber der eigenen Familie, betonte, ich besäße ein gewisses Auge für die Einrichtung unserer Zimmer. 

Ich schreibe noch ein wenig. Das ist meine eigentliche Arbeit, denke ich. Ich pendle von einer Arbeit, die nicht meine eigentliche Arbeit ist und nur dazu dient, die Miete zu bezahlen und die Einkäufe, zu meiner eigentlichen Arbeit, die für alles andere existiert, für das tatsächliche Leben. Zwischen diesen beiden Arbeiten erfolgt der Wechsel, aber diesen Wechsel auszuhalten, ist keine Kleinigkeit. Manchmal scheint es mir die eigentliche Leistung zu sein, die Arbeit an sich. Aber jetzt ruft K und das Pad Thai ist fertig. Ich schalte die silberne Stehlampe aus und klappe den Rechner zu.

19. bis 21. Januar, Büro

Ich werde ein ganzes Jahr beschreiben, sage ich mir heute, als ich kurz nach fünf ins Büro zurückkomme, ich werde einfach ein ganzes Jahr lang schreiben und beschreiben, was ist, was es auf sich hat mit dieser Wirklichkeit. Ich sage mir das, als ich aus einem Termin zurückkehre mit irgendwelchen Architekten, die ich insgeheim für Hochstapler halte, für eine kleine Gruppe gemeiner Lügner, die da irgendetwas für irgendwen fabrizieren und selbst nicht genau wissen, was sie eigentlich tun, sich aber auch nicht verpflichtet fühlen, ihr Handeln zu erklären.

Ein ganzes Jahr, sage ich mir. So ein Jahr kann leer sein oder unerträglich voll. Gerade kommt es mir sehr angefüllt vor mit allem, was auf mich wartet, mit dem Roman, mit dem zweiten Roman, mit einem Umzug vielleicht, es ist ganz eigenartig. Und das will ich beschreiben, denke ich, ich beschreibe, was ist, was also so als Wirklichkeit durch das Bild rutscht, durch die dunklen Spaliere gerade außerhalb des Zugabteils, in dem ich sitze, um hinaus zu starren in (1) einen Tunnel, dann (2) einen Bahnhof (Mainz, Römisches Theater), dann (3) ein weiteres Viertel, in dem sich die Straßen glanzlos verlieren, bis der Rhein auf der gegenüberliegenden Seite des Zuges durch die Dunkelheit schwimmt. Doch den Fluss erahne ich eher, als dass ich ihn sehe. 

Als ich vorhin den Bahnhof erreiche, sind alle Uhren abgeklebt. Für einen Moment glaube ich an den Ausbruch einer vagen Rebellion, auf die Kugeln in den Zeitanzeigen, doch schon auf der Rolltreppe stellen sich Wirklichkeit und Vernunft wieder ein. Beide gehen ja manchmal Hand in Hand. Diese Wirklichkeit, eigentlich kann ich sie ja überhaupt nicht ab. Ich bemerke sie kaum, mir fällt das Wirkliche erst auf, wenn es mir zustößt wie ein solcher Schuss auf die Uhren, wenn sich ein Schmerz sozusagen einstellt. Ansonsten läuft die Wirklichkeit parallel zum eigenen Pfad und fällt nur selten ins Gewicht.  Entweder bricht sie über dich herein und dann ist es immer überwältigend oder aber du bemerkst sie nicht einmal wie einen dieser Irren, die abends die Bushaltestellen bevölkern. Manchmal gibt es Risse und das Wirkliche taucht auf, als zwänge es sich durch die Holzlatten eines ziemlich gut gezimmerten Zauns. So wie C, der gerade mit Charlie auf dem Arm in Marseille sitzt, den neuen Roman gelesen hat und mir eine Mail schreibt. Dieses Bild (C auf der Couch mit dem schlafenden Charlie im Arm) das ist etwas Wirkliches, das ich mir sofort vorstellen kann, auch wenn die Kleinigkeiten fehlen (die Beschreibung des Zimmers, die Farbe der Couch, die Farbe von Charlies Haaren, vom Tragetuch, die Geräusche in der Wohnung, ist Cs Freundin da, schläft sie vielleicht gerade in einem anderen Teil der Wohnung, sind die Fenster geöffnet, ist es gerade warm oder kalt im Süden Frankreichs?). Das Wirkliche braucht den Rahmen nicht, es kann für sich existieren in einer ganz einfachen, brüchigen Beschreibung. C mit Charlie im Arm auf einer Couch. Ja, das geht mir aus irgendeinem Grund näher, als der ganze Tag im Büro, der eigentlich nur etwas Unwirkliches besitzt. Unwirklich, weil so viel totes Leben, so viel Zeitverschwendung in ihm steckt. In Marseille lebt etwas, sage ich mir, und erst mit dem Leben macht die Gleichung Sinn, auf deren anderem Ende das Wirkliche steht.

Jetzt sitze ich im Zug und fahre heim, höre DEUTSCH NEPAL, so ein monotones Stampfen und Wummern quer durch die oberdeutsche Landschaft, so ein regelrechtes Marschgezwitscher, in dem Todesphantasien eine helle Wand tapezieren und dann plötzlich wieder TUNNEL, ein Tunnel jagt den nächsten, Tunnel überall, die ganze Welt ist untertunnelt und voller Löcher, überall treibt man diese Durchbrüche in unsere Gebirge, die man im Vorfeld millimeterweise vermessen und verzeichnet hat. Die Landvermesser scheinen ja allgegenwärtig mit ihren Theodoliten und Drohnen, überhaupt führen jetzt selbst die Geologen solche Drohnen in ihrem Arsenal, während die Landschaft vor dem Zugfenster weiter in der Dunkelheit webt und webt und webt, sie webt ein feines Gespinst aus unmöglicher Wolle, eine Art Nachtwolle, riesige schwarze Strümpfe zieht sich die Nacht dort draußen über die Schenkel und stapft dann davon in eine unbestimmte Richtung. Und ich, ich mit meiner FFP2-Maske sehe im Obsidianspiegel des Zugfensters wie eine Ente aus mit einem riesenhaften weißen Schnabel und mache mir aus all dem nicht viel. Dabei hätte ich mich noch vor wenigen Jahren kaum hinaus getraut mit einem solch verunstalteten Gesicht. Ich hätte mich geschämt, wäre die ganze Zeit mit hochrotem Kopf durch die Gegend gelaufen, unfähig auch nur irgendjemandem in die Augen zu sehen.

* * *

Wieder dauert es Stunden, bis ich Schlaf finde, obwohl ich völlig übermüdet bin (auch in der letzten Nacht lag ich bis halb eins wach). K streichelt mir die Stirn und das beruhigt mich. Gegen halb vier wache ich wieder auf und laufe ruhelos durch unser Wohnzimmer. In mir sträubt sich alles gegen das Büro, mein Körper sperrt sich gegen die Zugfahrt am Morgen und den Ablauf des übrigen Tags wie ein Tier, das sich wildgeworden schüttelt. Ich fühle diese Bewegung in mir mit einer Deutlichkeit, die mich selbst verblüfft. Viel zu oft besitzen die eigenen Regungen ja nur unerklärliche Gründe, die auch nach langem Grübeln wenig heller werden. Ich erkenne also die Ursache meiner Unruhe, verstehe gleichzeitig aber auch, wie sehr ich mich anstelle. Drei Tage Büro und mehr nicht, du bekommst genügend Geld heraus und kannst davon leben, warum will das einfach nicht funktionieren? Doch jede Stunde im Museum ist eine Stunde zu viel und mein Körper wehrt sich, egal wie sehr ich ihn mit irgendwelchen halbvernünftigen Argumenten bearbeite, er zerrt weiter wie ein Hund an der Kette, der den Riesenbetrug sehr genau begreift. Seine Wut reißt sich in genau jenem Augenblick krampfhaft los, als man einen vollgestopften Fressnapf vor ihn setzt. 

Ich laufe weiter im Wohnzimmer herum, während draußen noch die Nachtstille herrscht. K schläft ungerührt in unserem Bett, hat von meinem Verschwinden nichts bemerkt. Gegen vier tauche ich wieder zwischen unseren Decken ab. Um sechs klingelt schließlich der Wecker. In den letzten beiden Stunden hat sich meine Abneigung riesenhaft in mir aufgetürmt. Ich schlurfe in Richtung Bad, versuche dabei so leise wie möglich zu sein, gehe in Gedanken aber bereits Arbeitsszenen durch, die in versteinerter Wiederholung auch heute auf mich warten werden. Ich beklage mich bei meinen Kollegen über das Museum, über die Führung, über den unglaublichen Stillstand und meine Kollegen beschweren sich bei mir. Es gebe keine Ergebnisse. Die Direktion sei völlig kopflos. Die zugeteilten Aufgaben entsprächen nie dem persönlichen Arbeitsbereich. Immer wären alles unendlich wichtig, müsste augenblicklich erledigt werden, um dann auf Nimmerwiedersehen im Limbus aufgeschobener Projekte zu verschwinden. Der Großteil des Tages wird mit diesen Klagen gefüttert und ich verfluche mich in der Rolle des resignierten, ewig sich beschwerenden Angestellten, der Stunden damit zubringt, die mangelhafte Einrichtung des Büros und damit seiner Welt zu sezieren. Am Ende geschieht ja doch nichts, es wird sich nichts verändern und jeder weiß davon. Man arbeitet sich an der Bestandsaufnahme ab, als läge in ihr eine Form der Rettung. Doch es gibt nur einen Ausweg und der heißt Flucht, kein Geld und damit eine weitere, diesmal negative Qual. Erbärmlich bleiben letztlich nur die Alten, die das alles lange hingenommen haben und, sobald man auch nur das niemals ernst gemeinte Wörtchen Rebellion erwähnt, müde zu lächeln beginnen. Man wolle sich doch nicht etwa die eigene Karriere verscherzen, denken sie doch an ihre Zukunft. Und das sagen Menschen, die überhaupt nicht mehr arbeiten, die alle Leidenschaft vor Jahrzehnten eingebüßt haben und vom toten Mobiliar kaum noch zu unterscheiden sind. Diese Leute haben immer eine Floskel parat, um das Unerträgliche am Laufen zu halten. Als kleine Mechaniker der Maschine verspritzen sie ihr phlegmatisches Öl, ohne ein Gefühl mehr für die Selbstverleugnung zu besitzen, die  Muster aus Gleichgültigkeit auf ihre Gesichter streicht. Sie sind genauso schuld am Fortbestand des Büros wie ich. Nur haben sie das inmitten ihres hilflosen Scheuklappenrückzugs längst vergessen. 

Später am Tag erinnere ich mich plötzlich an unsere Reise nach Vietnam. Vor den Fenstern fällt der Regen. Seit Stunden regnet es so, die Pfützen auf dem Platz wachsen unaufhaltsam an und es entsteht eine Art Teichlandschaft zwischen den geschlossenen Verkaufsbuden vor der Kirche. In einem solchen, allerdings viel wärmeren Regen stand ich vor wenigen Jahren mit K, südwestlich von Hanoi. Wir hatten vor einem Denkmal gefallener Soldaten Halt gemacht oder vielmehr unter den riesigen Bäumen, die neben dem Denkmal wuchsen und uns vor dem Schauer schützten. Das Denkmal wies auf Gefallene des Vietnamkriegs hin, alles junge Männer, die irgendwo in den Reisfeldern der Umgebung gestorben waren. Die Lage des Denkmals, eingebettet in karstige Berge und von Wasserbüffeln durchzogene Ackerflächen, kam mir sehr schön vor, aber was kann eine solche Nachweltsidee, eine derartige Schönheit am Ende jenen bedeuten, die im Schlamm krepieren, denen die Erinnerung im Augenblick des Totes ganz egal sein muss? 

Auf der Straße fuhren die Dorfbewohner auf Fahrrädern durch das Bild, eingehüllt in bunte Regensachen, die wie aufgespannte Zelte wirkten. Im Hintergrund fanden Arbeiten an einem Friedhof statt. Arbeiter in Alltagskleidung (einige trugen Anzüge, als hätten sie am Morgen eine Hochzeit besucht), warfen Ziegel hin und her, scheinbar absichtslos, ohne jeden Bezug auf eine im Entstehen befindliche Konstruktion, auf ein Grab, einen Tempel, irgendwas. Die Ziegel glitten wie die Regenzelte durch das Bild, folgten einem ganz bestimmten Takt. Und eine halbe Stunde später startete K unseren Roller und wir fuhren davon.

* * *

Weiter, weiter, denke ich heute (es ist Donnerstag, der einundzwanzigste). Ich versuche mich an die Regenschauer meiner Kindheit zu erinnern, aber mir fällt nichts ein. Stattdessen tauchen die Regenfälle in Thailand vor mir auf, K und ich in unseren Plastikplanen mit Kapuze, kurz nachdem wir am Strand gewesen sind. Doch was ist mit den anderen Gewittern, den verschütteten Gewittern in Gera, dort bin ich doch groß geworden. Mir fällt nur ein einziges ein, aber da hat es nicht geregnet, glaube ich, sondern gehagelt. 

Ich stand mit meiner Mutter im Flur des alten Hauses, in das meine Schwester in wenigen Monaten einziehen wird. Meine Eltern haben sich im letzten Jahr ein anderes Haus zugelegt, sind auf ihre alten Tage, wie sie erklären, unvernünftig geworden, es ist ja eine letzte große Anschaffung, sagen sie mir, der ich nicht weiß, wie man als Kind auf einen solchen Satz reagiert. Dieser Satz scheint mir unbeherrschbar zu sein, in seinem Hintergrund spielt sich viel zu viel ab, auf das ich weder eine Antwort geben kann noch zu reagieren weiß. Der Satz zieht über mich hinweg wie ein kühler Luftzug im Mai oder im August. Man schüttelt sich und macht weiter. Früher, sage ich mir, ging meinen Eltern ein solcher Satz nicht über die Lippen. 

Im alten Haus meiner Kindheit aber stand ich an einem Sommernachmittag gemeinsam mit meiner Mutter im kleinen Flur, der den größeren von der Haustür trennte und eine Art Windfang gewesen ist. Wir betrachteten durch das Fenster hindurch den Himmel. Auf dem Fensterbrett wucherten die Kakteen in der Hitze, im Raum war es schwül wie auch draußen, eine drückende Schwüle, halb Backofen, halb Dschungel, die einem, egal wie wenig man sich auch bewegte, ständig den Schweiß ins Gesicht trieb. Hinter dem Fenster blitzte das Dach der Garage und das Nachbarhaus auf und dahinter lag der Himmel in einem so unwahrscheinlichen Grün, das wir sprachlos im Flur blieben, unfähig uns zu bewegen. Das schien mir schon kein gewöhnlicher Gewitterhimmel mehr zu sein, mit seinen grauen, dicken, so schwerfälligen Wolken, hinter denen sich der Donner schüttelt. Dieser giftgrüne Himmel wirkte wie aus einer anderen, fremden Welt. Vielleicht schwirrten damals irgendwelche Partikel durch die Atmosphäre, vielleicht brach sich das Licht ganz eigentümlich, wer weiß. Und es war still, ausgesprochen still sogar, als hätten sich alle um uns herum für immer verabschiedet. Nur hin und wieder rührte sich das Fauchen des Windes draußen, ein heftiger Stoß in die Baumwipfel hinein, die sofort vor Angst zusammenzuckten. In meiner Erinnerung stand ich eine halbe Stunde neben meiner sprachlosen Mutter und brachte selbst kein Wort hervor. Ich hatte Angst vor diesem unnatürlich grünen Gewitter und getraute mich gleichzeitig nicht, meiner Mutter diese Angst einzugestehen. Vielleicht fürchtete ich mich auch vor der Sprachlosigkeit meiner Mutter, die normalerweise jedes Gewitter auf die leichte Schulter nahm, denn es war ja nichts Besonderes. 

Jetzt im Nachgang glaube ich, damals so etwas wie ein Ende gesehen zu haben, das einfach auftaucht in seiner überraschenden Stummheit und unser riesenhaft überspült. Irgendwann brach der Hagel aus den Wolken und trommelte mit unzähligen kleinen Fäusten auf die Straße und das Haus. Aber da befand ich mich bereits wieder in meinem Kinderzimmer. Und dort gab es die vertrauten Gegenstände. Es gab mein Bett, es gab den Stuhl, es gab meinen Schreibtisch mit dem Schrankaufsatz, es gab meine Bilder, die ich aus Zeitschriften ausgeschnitten hatte, es gab die Dachschrägen, den weiß gestrichenen Türrahmen. Alles Anker, an denen man sich befestigt, um nicht davon zu fliegen.

Alles schmilzt

Und auf den Dächern wehen die Fahnen

Da ist ein Winterblau

Eine weiche Ebene im Hintergrund

Die Dächer tragen Spiralen

Und man sagt: ich komme heute später heim

Man macht dies, dann etwas anderes

Spült das Geschirr, wäscht die Wäsche

Mit den Jahren verlagert sich das Gewicht

Die Triumphe bleiben überschaubar

Irgendjemand lächelt dich auf der Straße an

Und bittet um deine Unterschrift

Doch dafür hast du keine Zeit

Und gehst natürlich vorbei

Vielleicht sind diese Aufzeichnungen auch eine riesige Schnapsidee. Ich schwanke unablässig, komme aber zu keinem rechten Ergebnis. Vielleicht ist das alles gut, vielleicht auch nicht. Vielleicht steckt etwas Schönheit darin, das muss doch möglich sein, denke ich, du wirst doch wohl einen schönen Augenblick beschreiben können, den weichen Regen zum Beispiel in Vietnam oder Thailand, diese genügsamen Augenblicksschauer, die wenig mit den Menschen, dafür aber vieles mit der Landschaft zu tun haben. Schauer, die sich nicht gegen die Leute richten wie bei uns, sondern um sie herum fließen in die Landschaften hinein. So einen Regen kannst du doch beschreiben, selbst dann, wenn dir der Regen deiner Kindheit nicht mehr einfallen will. Doch jetzt gerade frage ich mich, was ich hier eigentlich mache, in welches neue Nichts ich schon wieder zu schreiben beginne. Schon wieder ein so leerer Bereich, in den ich das Schreiben stelle, um auf eine Antwort zu warten, auf irgendeine Stimme, die sich regt und sagt, das ist doch gar nicht so schlecht, mach weiter. Aber immer nur die eigene Stimme mit ihren Durchhalteparolen, das ertrage ich nicht bis zum Schluss, dafür bin ich sicher zu schwach. Und dennoch muss man ja weitermachen und an etwas glauben, man muss ja daran glauben, irgendwann und irgendwo anzukommen, auch wenn man nicht sagen kann, wo genau das ist. Man muss auf der Möglichkeit einer Ankunft beharren, es darf nicht alles sinnlos sein und in den Wind gesprochen. Am besten mache ich mich jetzt auf Weg in Richtung Zug und auf dem Weg denke ich über das alles nach. Jetzt ist es 18.05 Uhr. Draußen ist schon Nacht und es regnet etwas. Aber ich trage meine GoreTex-Jacke und bin gegen den Regen geschützt.