Anhaltender Fall, 13.-15. April

Nach der Rückkehr von meinen Eltern, steige ich am Morgen in den Zug und verlasse die Stadt. Am Bahnsteig, noch vor Einfahrt des Intercitys, warten die alten Bekannten, die ich seit vierzehn Tagen nicht gesehen habe. Als ich sie an ihren unverändert gleichen Plätzen entdecke, die alle Pendler schlafwandelnd einnehmen, ohne einen Gedanken an das morgendliche Ritual zu verschwenden, aus dem der Stillstand müde lächelt, dreht sich mir der Magen um. Doch wieder zurückzukehren, denke ich, dafür ist es bereits zu spät. Oder es ist noch zu früh dafür, ich bin mir nicht sicher. 

K hat meine Haare wieder kurz geschnitten, ich glaube auf dreiundzwanzig Millimeter (die Schnittlänge an meiner Haarschneidemaschine muss ich jedesmal eigenhändig einstellen, obwohl K mir meinen Kopf bereits ein dutzendmal abrasiert hat) und deshalb fühle ich die Kälte am Morgen wie einen fremden und eiskalten Körper, der ziemlich unsanft meine Kopfhaut berührt. Einen Moment lang (ich laufe über den Bahnsteig in Richtung des eigenen, angestammten Platzes und registriere bewusstlos das Ausbleiben der Regionalbahn aus Frankfurt am gegenüberliegenden Gleis), bin ich sogar der Meinung, die kühle Luft lege einen klaren Gedankengang in mir bloß, denn ich denke 

klar

Glas

etwas Transparentes

das, was durchsichtig scheint

Eis

Harsch (fremdes Wort)

Winter

die Oberfläche eines klaren Sees

die Oberfläche eines klaren, gefrorenen Gewässers

ein Finger vor einem Licht (zum Beispiel einer Lampe)

die neue, noch dünne Haut

dann alle Fenster, die nach dem Winter von Händen geputzt werden, deren Besitzer im Halbdunkel der Zimmer verschwinden und damit unsichtbar sind, ein Theater aus Fingern und Handflächen, vielleicht aber auch ganz etwas anderem; vielleicht nicht einmal ein Theater, vielleicht kein Auftauchen aus der Finsternis, sondern fliehende Zeichen, eine Bewegung, die zurück in die Dunkelheit führt

Als sich dieser Gedankengang einstellt, bleibe ich unerwartet vor der gelbmarkierten Raucherinsel in der Mitte des Bahnsteigs stehen und versuche das Ende des Fadens, an das sich die Fenster knüpfen, festzuhalten. Allerdings gelingt es mir nicht. Die Kette entzieht sich meinem Zugriff und verschwindet ohne jede Spur wie nach dem Aufwachen, denke ich. Die Traumschatten wirken noch greifbar, man glaubt da etwas zu erahnen, etwas zu deuten, nur fehlen die Worte, als fiele einem der Name eines vertrauten Gesichts nicht mehr ein, als riefe die Silhouette eines Menschen eine Erinnerung wach, die nicht vollständig fassbar wird, sondern in einem unterentwickelten Stadium verbleibt, eingefroren, konserviert, bevor das Erkennen möglich ist, eine Erinnerung, die somit unkenntlich bleibt für alle Zeit. 

Das darf doch nicht wahr sein, denke ich und gehe langsam weiter. Dass die anderen mit dir ihr Spiel treiben, reicht nicht aus, du selbst trittst also auch noch gegen dich an. Allerdings macht diese Beobachtung auf mich keinen nachhaltigen Eindruck.

Im Zug ziehe ich Salingers Catcher in the Rye aus meinem Rucksack, den ich zuletzt vor achtzehn Jahren im Englischunterricht las. Damals war ich halb so alt wie heute. Zum ersten Mal in meinem Leben nehme ich Bücher erneut zur Hand. Ich lese sie wieder, was mir früher, noch in meinen Zwanzigern, als absolute Zeitverschwendung vorgekommen ist, da die Menge guter, das heißt notwendigerweise zu lesender Bücher durch ein ausgelesenes Exemplar nicht schrumpft, sondern größer wird (darüber hätte Borges einmal schreiben sollen). Es ist wie auf einem langen, kurvenreichen Pfad, der durch einen Wald führt. Jede Kurve (jedes Buch) weist auf nichts anderes als auf die Fortsetzung des Weges hin und damit auf die Möglichkeit einer weiteren Kurve. Und das bis in alle Ewigkeit. Die Welt der Bücher schrumpft nie, egal, wie viel man am Ende liest und wahrscheinlich lässt sie sich auch deshalb als eigener Kosmos neben dem wirklichen Kosmos denken, der ja genauso wenig schrumpft, genauso dunkel bleiben muss wie dieser Bücherkontinent, der noch immer, nach allen Eroberungszügen, riesige schwarze Flecken besitzt, die vom Licht jedes Lesers unterschiedlich erhellt werden, ohne jemals in das Herz der Finsternis vorzudringen. Im Herzen läge dann das eine Buch, denke ich jetzt an meinem Schreibtisch und muss lachen, DAS EINE BUCH.

Zu den Büchern, die ich wiedergelesen habe, gehört Joseph Conrads Bericht über mich selbst. Ich hatte alles vergessen (was mich nicht überraschte), konnte mich aber an eine Szene erinnern, in der Conrads polnisch-ukrainischer Großvater die Hauptrolle spielt; ein Aufstand auf dem Land, die Erhebung der Landarbeiter gegen den Adel. Merkwürdigerweise aber hatte ich diese Szene nicht mit Conrad in Verbindung gebracht, sondern mit Nabokov. Ich hatte diesen Aufstand, den es in leicht abgewandelter Form tatsächlich auch für Nabokov gab, komplett in das Leben des Russen verlegt.

Salingers Catcher in the Rye ist eines der ersten, echten Bücher, die ich las. Damals bestand meine Welt, wenn ich mich richtig erinnere, nur aus Hesse und Hemingway, was an sich bereits nach einer katastrophalen Mischung klingt. Ich erkläre mir diese Verbindung aus meinem neuromantischen Charakter mit schwerem Hang zur Sentimentalität (Hesse) und meinem abenteuerlichen Herz (Hemingway), dem ich allerdings nur wenige Male in meinem Leben vertraute. 

Irgendwann, nachdem ich mich mit Simon anfreundete, wahrscheinlich als ich fünfzehn oder sechzehn war, kam ich auch mit Bret Easton Ellis in Berührung. Simon las damals American Psycho, lieh mir den Roman und dass jemand so etwas schrieb, dass eine solche Literatur dort draußen (in der Finsternis) existierte, konnte ich kaum glauben. Ich beschaffte mir Ellis‘ übrige Romane und tauchte ab. Ein solches Leben wollte ich leben, auch wenn ich eine Heidenangst davor besaß. Ein Leben, in dem Dinge passierten, die so fern von meiner eigenen Welt und Vorstellung lagen, dass es sich anfühlte, als würden mehrere, vollkommen verschiedene Wirklichkeiten nebeneinander existieren, die sich problemlos übersehen ließen.

Ellis gab das genaue Gegenteil von allen Büchern ab, die im Haushalt meiner Eltern ein verstecktes Dasein führten. Bis heute verstehe ich nicht, weshalb ich mich von diesen Büchern fern gehalten habe. Alle Klassiker standen in den Regalen, Dostojewski (von meinem Vater mit vielen kleinen Papierschnipseln zwischen den Seiten versehen, die oben aus dem Schnitt herausragten; eine Eigenart, die ich später übernommen habe), Tolstoi, Goethe, Schiller, Heine, Cervantes, Thomas Mann (Buddenbrooks und Zauberberg), Brecht, Fühmann, Strittmatter, Kazantzakis, Lem, Maupassant, Balzac, Hugo, selbst die Antike, das heißt Platon, Homer, Vergil, Ovid, Tacitus. Und natürlich der ganze Marx und Engels und sogar Stalin. Stalins gesammelte Werke schlug natürlich niemand jemals auf, Dschughaschwili war auch kein besonders guter Schreiber. Unglaublich, dass ich mich einige Jahre später durch den gleichen ersten Kapital-Band gequält habe wie mein Vater. Nur bestand für mich kein Zwang, sondern bloß eine Art Interesse. Natürlich habe ich nichts behalten.

Obwohl diese Bibliothek meiner Schwester und mir offen stand, führte sie im Hintergrund ein Eigenleben. Nicht einmal im Hintergrund, sie existierte, wie Möbel existieren, die einem nicht mehr ins Auge fallen. Sie sind einfach da, so wie alles in der Welt für ein Kind einfach da ist, man verschwendet an sie keinen Gedanken. Sie gehören zum Inventar einer von Beginn an eingerichteten Welt.

Auch wenn meine Mutter ständig las und uns, wie mein Vater auch, viel vorgelesen hat (Wolkows Der Zauberer der Smaragdenstadt beispielsweise, aber auch georgische Märchen, von denen mir besonders Iwan Bauernsohn mit unverfälscht kindlicher Intensität im Gedächtnis geblieben ist, die Geschichte eines jungen Mannes, der einen siebenköpfigen Drachen am Ufer eines Fluss erschlägt, wobei jeder abgeschlagene Kopf des Untiers sofort nachwächst), obwohl besonders meine Mutter also ständig ein Buch in ihrer Hand hielt, erinnere ich mich nicht, dass uns meine Eltern an die Literatur herangeführt hätten. Es gab keine Empfehlungen, vielleicht dachten meine Mutter und mein Vater auch, wir wären für das meiste zu jung. Obwohl die Bücher also greifbar blieben, rührte ich sie erst viel später an. Bevor ich sie anrührte, war ich draußen mit meinem Fahrrad unterwegs und mit Thomas, meinem besten Freund. Und als ich die Bücher schließlich entdeckte, gab es glücklicherweise gleich einen Haufen Hemingway.

An den Fänger im Roggen konnte ich mich vor dem Wiederlesen kaum erinnern. Nicht einmal eine Stimmung hatte sich nach diesen achtzehn Jahren in mir erhalten, nur Holden Caulfields Name war zurückgeblieben. Trotz meines schlechten Gedächtnisses hinterlassen Bücher, die mir etwas bedeuten, meist eine solche Stimmung, zumindest aber ein unsicheres Bild. Handlung, Figuren und Plot verliere ich bereits nach Monaten, sie lösen sich einfach auf und kommen mir dadurch nach und nach abhanden.

Auf dem Cover des Buches hat mein achtzehnjähriges Ich mit Bleistift eine schwer lesbare Zeile hinterlassen. Ich musste K fragen, ob sie in der Lage war, diese Zeile zu entziffern, da es mir einfach nicht gelang. 

„I am the catcher in the rye, steht dort“, erklärte sie.

Ich starrte auf das Cover, ohne mir wirklich sicher zu sein. Aber einen Schauer jagte mir diese mögliche Selbstbezeichnung doch über den Rücken.

Salingers perfekten Einsatz junger Sprache habe ich damals weder bemerkt noch verstanden. Caulfields ständige Hyperbeln, sein that killed me. Die vielen syntaktischen Wiederholungen, die er seinem Lehrer Mr. Spencer am Anfang des Buches unterstellt, die ihn unendlich langweilen und rasend machen und die er, ohne das selbst zu bemerken, doch ebenso ständig gebraucht. Die vielen altklugen Idiosynkrasien, old Phoebe, old Jane, old Ackley. Swell. Suave. Herrndorf hat das gut auf den Punkt gebracht, ich glaube in Arbeit und Struktur, als er schrieb, dass in den meisten Jugendbüchern kein Jugendlicher spricht, wie ein Jugendlicher tatsächlich spricht. Caulfields Sprache nimmt man ihm ab und mit der Sprache den Jugendlichen selbst.

Die umfassende Anklage Holdens, sein Vorwurf an die Welt, auf deren Schwelle er steht, um dahinter nichts weiter als eine Ansammlung von phonies zu erkennen, fing Salinger in ihrer ganzen Schärfe und Entschiedenheit ein. Genialerweise aber übersah er auch die Kehrseite dieser unnachgiebigen Schärfe nicht. Unnachgiebigkeit, genau das ist Jugend, sage ich mir jetzt, Jugend muss unnachgiebig sein, sie braucht nicht abzuwägen. Den wenig reflexiven Blick des Jugendlichen auf sich selbst, die nur ansatzweise ausgeprägte Fähigkeit, die eigene Persönlichkeit wahrzunehmen und auf Distanz zu rücken, um das Verhalten kritisch zu befragen, das alles vergaß Salinger nicht. Diese Selbstbefragung holt die meisten erst in ihren Zwanzigern ein, denke ich. Eine Selbstbefragung bis zur Lähmung, bis man glaubt, den Verstand zu verlieren und der Welt nichts anderes zu bieten, als die eigene Verunsicherung und Unfähigkeit.

Auch das große Bild des Fängers im Roggen verstand ich damals im Englischunterricht nicht. Ich verstand es genauso wenig wie den Kern von Hemingways Der alte Mann und das Meer, über den ich im Abitur eine lange Klausur schreiben musste. Meine Englischlehrerin kam später auf mich zu und wollte wissen, ob mir das Altern des Mannes entgangen sei. 

„Das Alter?“, fragte ich. „Der Mann ist alt und verliert seinen Fisch. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?“

„Nicht das Alter“, erklärte sie. „Das Altern. Das Älterwerden.“

Ich begriff nicht, worum es ihr ging und habe das auch später erst verstanden. Doch wie ein Achtzehnjähriger ausgerechnet eine Vorstellung vom Älterwerden besitzen sollte, bleibt mir bis heute unbegreiflich. Es zeigt vielmehr, dass die Alten längst das Jungsein vergessen haben, dass sie sich nicht einmal mehr ansatzweise an den Horizont des Jungseins erinnern können.

Das große Bild von Salingers Roman taucht spät, im letzten Drittel des Buches, auf. Holden erinnert sich falsch an den Vers eines Gedichtes und dann spricht er über den Fänger im Roggen. 

Er sieht ein Kornfeld, das auf einer Klippe wächst und durch die hohen Ähren dieses Kornfelds irren Tausende Kinder. Sie spielen, sie laufen herum, aber sie sehen den Abgrund nicht, denn das Korn wächst zu dicht, sie ahnen also nichts von der Gefahr, in der sie sich befinden. Holden steht als Fänger an der Kante des Kliffs und wacht über sie. Er rettet die Kinder vor dem Absturz, sichert sie gegen den tiefen, tödlichen Fall. 

Hinter der Klippe, im Nichts, wartet die Welt der Erwachsenen, der phonies, Angeber und Heuchler, derjenigen, die sich auf die Seite der Verstellung geschlagen haben, um nun Falschheit zur unumstößlichen Wahrheit zu erklären. Was Holden nicht begreift, sein ehemaliger Lehrer Mr. Antolini aber sehr genau, ist der Umstand, Holden stünde nicht wirklich am Rand der Klippe, sondern bereits einen Fußbreit hinter ihr, im Abgrund selbst. Antolini glaubt, Holden stürze die ganze Zeit, ohne etwas davon zu bemerken, genauso wenig, wie die Kinder im Kornfeld den Abgrund erahnen, und wahrscheinlich hat der Lehrer mit dieser Beobachtung recht. Holden glaubt, immer noch auf der Kante zu stehen, während es sehr wahrscheinlich ist, dass er den Boden unter den Füßen seit einiger Zeit bereits verloren hat.

Im Gespräch beschreibt Antolini Holdens Sturz und ein Detail dieser Beschreibung machte mich beim Wiederlesen fast wahnsinnig. Es traf mich, als wäre ich selbst noch sechzehn, als wäre ich noch immer Caulfield. Als hätte sich nichts in mir verändert, nichts getan, als wären nur die Jahre vergangen, spurlos die Zeit, spurlos die Tage, Wochen und Monate.

Antolini sagt: „This fall I think you’re riding for – it’s a special kind of fall, a horrible kind. The man falling isn’t permitted to feel or hear himself hit bottom.“

Dieser Satz steht in seiner Präzision auf einer Stufe mit Conrads Beschreibung des Outpost-Managers in Heart of Darkness. Vielleicht schreibe ich später einmal darüber. Das Unheimliche des Satzes hängt mit der Ahnungslosigkeit des Fallenden zusammen. Er glaubt zu fallen, immer zu fallen, ohne das Ende fühlen oder hören und somit erahnen zu können und dieses Ende (der Tod) muss deshalb mit einer Plötzlichkeit vor ihm aufzucken, die keine Rettung mehr gestattet. Der Sturz ist ausweglos, darin liegt der Horror. Während man noch glaubt, am Ende, trotz aller Aussichtslosigkeit, davon zu kommen, ist vielleicht alles schon von Beginn an verloren.

Nichts davon verstand ich mit achtzehn, obwohl ich mich irrsinnigerweise nun, mit sechsunddreißig Jahren, in einen jugendlichen Protagonisten hineinversetzen kann. Während des Lesens tauchte ein paar mal in mir die kaum zu ertragende Frage auf, ob ich die grundsätzliche Ahnungslosigkeit, was Holdens Sturz anbelangt, jemals hinter mir gelassen habe. Wahrscheinlich habe ich Holdens Ausschließlichkeit und Unnachgiebigkeit überwunden. Das bringen das Älterwerden und die Erfahrungen mit sich, die man, ohne es zu wollen, zwangsläufig sammelt. Die vielen Menschen, mit denen man umgegangen ist und die einiges relativierten, um es dadurch in ein anderes, nachvollziehbares Licht zu rücken. Die Erkenntnis, die Welt sei nicht aus schwarzen und weißen Figuren gebaut, sondern aus zahllosen, fein abgestuften grauen Flächen. 

Doch Holdens unbewusster Sturz, ich weiß nicht, dahinter steckt etwas Schreckliches, eine grauenhafte Realität. Bis heute besitze ich kein Gespür für den möglichen, eigenen Fall. Falle ich oder stehe ich? Ich weiß es nicht. Beide Zustände sind manchmal kaum zu unterscheiden. Sie liegen viel zu nah beieinander, denke ich, sie berühren sich zu sehr. Am Ende gehören sie vielleicht sogar zusammen. Dann liefe man jahrelang eine Treppe hinauf, ohne zu ahnen, die ganze Zeit hinabzusteigen.

Bücher, 2. April

K behauptet, die Wände unserer Wohnung würden immer näher rücken, es stünden einfach zu viele Bücher in den Regalen und das könne so nicht weitergehen. Anfangs wehre ich mich natürlich gegen diese Behauptung, fühle mich insgeheim aber auch geschmeichelt, denn die Übernahme unserer Zimmer durch meine Bücher besitzt etwas sehr Romanhaftes, fast wie bei Canetti, denke ich, obwohl ich Canetti seit bestimmt fünfzehn Jahren nicht mehr gelesen habe. 

Und genau das ist unser Problem, erklärt K. Diese vielen Bücher, in die du niemals wieder schauen wirst, die einfach nur herumstehen und Staub fangen, wie DAS ARCHIPEL GULAG zum Beispiel. 

Das hebe ich mir für später auf, erkläre ich. Das ARCHIPEL verlangt einen besonderen Moment, das kann ich nicht im Frühling anfangen und außerdem habe ich ja auch erst vor einigen Monaten einen anderen Solschenizyn gelesen, den TAG IM LEBEN IWAN DENISSOWITSCHS oder wie das hieß.

K lässt sich davon nicht überzeugen, aber sie hat natürlich auch recht und da in den beiden Bücherschränken meines Großvaters alles auf zweiter Rehe steht – hüfthohe, braune Unterschränke mit Glasaufsätzen aus den Sechzigerjahren der DDR, die ich vor dem Sperrmüll retten konnte, in den meine Eltern sie zwangsläufig geworfen hätten –, finde ich seit Monaten nichts, falls ich doch einmal nach etwas suche.

Am Nachmittag fange ich an und nehme mir den Schrank im Flur vor. Ich öffne die Türen und starre auf eine kompakte Masse eng geschichteter Bücherstapel, die dicht an dicht das gesamte Innere des Unterschranks ausfüllen. Die Bücher stehen nicht Rücken an Rücken, sondern in einer Art Paketmuster, um möglichst platzsparend so viele Bände wie möglich unterzubringen. 

Ich ziehe die ersten heraus, darunter eine ganze Sammlung Roland Barthes und Literaturtheorie und das muss alles weg, beschließe ich sofort. So gern ich Barthes auch während meines Studiums gelesen habe, so sehr widert mich die Wissenschaft jetzt, zehn Jahre nach meinem Abschluss, an. Eigentlich hat sie mich bereits in meinen letzten Semestern angeödet, aber das habe ich damals nicht richtig verstanden. Ich dachte, ich wäre einfach müde, hätte nach diesen Jahren keine Lust mehr auf die gleichförmige Universität mit ihren vorhersagbaren Mustern aus Seminar, Vorlesung und Abschlussarbeit. Dabei war ich der Wissenschaft an sich müde, ohne meine Müdigkeit zu erkennen. Nur aus diesem Grund habe ich später meine Promotion überhaupt begonnen. Wie so oft, musste ich noch einige Zeit in die falsche Richtung laufen, um dann verspätet etwas festzustellen, das ich von Anfang an zwar nicht begriffen, aber doch erahnt habe. 

Ich packe die Suhrkamp-Taschenbücher in einen Karton und während ich das mache, fallen ständig alte Notizzettel aus den Büchern von Goodman, Simmel und Bordieu. Ich sehe mir die Notizen nicht an, sondern schichte sie auf einen kleinen Haufen, den ich später in den Papiermüll werfe. Damals habe ich so fleißig Notizen gemacht, ständig irgendwelche Zettel beschrieben, Sätze unterstrichen, Anmerkungen festgehalten und später nichts davon wieder in die Hand genommen. Dabei hat mich die Theorie anfangs so gefesselt, jede Theorie, wenn ich mich richtig erinnere, egal ob Literatur, Philosophie oder Kunst, alles war unendlich spannend. Die Fremdheit der Gedanken von Barthes zum Beispiel elektrisierte mich in den ersten Semestern in Berlin. So konnte man über Literatur schreiben? Das war ganz ungalublich! Im Gegensatz zu den angestaubten und unhinterfragbaren Lobeshymnen auf den literarischen Kanon, die mich in der Schule so irritiert hatten, gingen Leute wie Barthes, die ich sofort zu meinen neuen Helden erklärte, ganz anders mit den Texten um. Sie arbeiteten richtig am Text. Der Text war nicht mehr sakrosankt, verlor seine Heiligkeit und damit auch die Unnahbarkeit selbst. Man konnte ihn zerlegen, ganz anders lesen, als ihn der Autor selbst gelesen und interpretiert hatte, man war frei, ja, im eigentlichen Sinn war man frei gegenüber dem Text und konnte ihn ohne Scheu und falsche Scham gebrauchen. Es gab keine Verbote mehr, es gab nur dieses unermessliche Reich der Zeichen, in dem die Bedeutungen je nach Lichteinfall wechselten und andere, manchmal unvorstellbare Reflexionen warfen. Und Wissenschaftler wie Barthes waren nicht einfach nur Wissenschaftler, sondern halbe Schriftsteller, deren Bücher kein Supplement zum Werk eines Autors darstellten, sondern Werke eigenen Ranges.

Während PEACEFUL SOLUTIONS auf WFMU läuft, ziehe ich weitere Bände aus dem Schrank und lasse sie nun bereits automatisch im Karton verschwinden. Ich halte nur bei jenen an, die eine Widmung besitzen. Simon und Christine gratulieren mir in LUNAR PARK von Bret Easton Ellis zum Geburtstag. Wann muss das gewesen sein?, denke ich, finde aber keine Antwort. Es ist sicher zehn Jahre her, vielleicht auch etwas länger. Mit Christine habe ich sicher seit sechs oder sieben Jahren nicht mehr gesprochen.

Nach einer halben Stunde passt tatsächlich kaum noch etwas in den Karton. Ich ziehe zwei weitere aus dem fragilen, aber mannshohen Altpapierstapel, den wir in den letzten Monaten neben unserer Wohnungstür errichtet haben. Dieser Stapel fällt in regelmäßigen Abständen mit lautem Gepolter in sich zusammen und stellt so etwas wie ein unbeabsichtigtes Kunstwerk dar. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dieser Stapel müsse noch einige Zentimeter wachsen, bis ich es nicht mehr aushalte und ihn dann endlich in einer selbstmörderischen Aktion in die Pappcontainer im Hinterhof verfrachten werde.

Ich beginne die neuen Kartons mit Büchern zu füllen und nehme mir nun jene Bände vor, die ich seit Jahren loswerden möchte. Der ganze Peter Weiss zum Beispiel, von der ÄSTEHTIK DES WIDERSTANDS bis zu den STÜCKEN muss endlich raus. Nur den FLUCHTPUNKT rette ich, nachdem ich die erste Passage wieder gelesen haben, die mir sofort gefällt. Der komplette Volker Braun muss dann aber doch die Wohnung verlassen. Das halte ich ganz einfach nicht aus. DIE REISE von Vesper übrigens auch nicht mehr. Alles muss weg, so schnell wie möglich. Denke ich an Vesper, denke ich aus irgendeinem Grund auch an Brigitte Reimanns FRANZISKA LINKERHAND, was mir einen regelrechten Gruselschauer über den Rücken jagt.

Nachdem auch die beiden neuen Kisten gepackt sind, trage ich alles nach unten und stelle die Bücher vor das Haus. Jemand wird sie mitnehmen, da bin ich mir sicher. Vielleicht wundert sich dieser Unbekannte auch über die vielen Anstreichungen, vielleicht hält er meine Notizen sogar für ziemlich einfältig oder übertrieben und dumm. Ich bin mir sicher, mit Anfang zwanzig sehr sentimentale Unterstreichungen gemacht zu haben, die mir heute sicher ziemlich peinlich wären, aber diese Unterstreichungen bekomme ich ja nun nicht mehr zu Gesicht.

Ich erinnere mich noch ziemlich gut an die Notizen jener Fremden, die mich in antiquarisch gekauften Büchern stets irritierten. Sie unterstrichen fast ausnahmslos Passagen, die für mich keine oder nur eine untergeordnete Bedeutung besaßen und je nach meiner Tagesform damals mit Anfang zwanzig rechnete ich jenen Abstand zwischen mir und den Vorbesitzern meinem eigenen Unverständnis zu oder aber natürlich der Naivität der anderen. Doch sicher konnte ich mir natürlich nicht sein und das wusste ich auch. Vielleicht verstand ich da nur etwas in seiner Oberfläche, drang nicht wirklich in die Tiefe ein. Und vielleicht leuchtete diese Tiefe gerade aus der unergründlichen Anstreichung eines Fremden zu mir auf. Ich fand darauf einfach keine Antwort. Deshalb versetzte mich auch jede Anmerkung in Euphorie, die wirklich und eindeutig mit meiner eigenen Auslegung des Textes übereinzustimmen schien, die ich also verstand und die deshalb kein Rätsel für mich blieb. Offensichtlich, sagte ich mir dann, bist du genauso in der Lage mit den Büchern umzugehen wie andere auch. Und das beruhigte mich. Alles erschien mir damals so unsicher und schwer verständlich. Zumindest die Bücher durften ihre Verlässlichkeit nicht verlieren. Und das haben sie bis auf ganz wenige Augenblicke auch nie getan, sage ich mir im Flur, stehe auf und schließe den Schrank. Äußerlich hat sich an der Menge der Bände kaum etwas verändert. Ich habe eine der doppelt stehenden Reihen abgetragen und dadurch etwas Ordnung geschaffen. Ich denke, das muss es für heute gewesen sein.

Gärten in der Wildnis, 14. Februar

Vor ein paar Tagen hat mich der Probedruck meines Romans erreicht und als ich das Buch aus der Luftpolstertasche ziehe, spüre ich echtes, ungetrübtes Glück. Ich kann nicht glauben, jetzt endlich dieses Buch in den Händen zu halten, das im Sommer erscheinen soll. Nun passiert es also, denke ich aufgeregt, jetzt geht es wirklich los.

Ich mache einige Fotos mit dem Roman in meinen Händen und schicke sie C, der nach wenigen Minuten begeistert antwortet. Wow!, schreibt er, voll der Wels! Er schreibt Wels, nicht Wälzer, was ein kleiner Scherz ist und natürlich hat er recht. Gärten in der Wildnis ist kein kurzer Roman, aber dafür hat der Verlag alles sehr lesbar gesetzt. Man kommt gut hindurch, braucht für eine Seite nur wenige Minuten. Zu klein gesetzte Bücher machen mich wahnsinnig. Ich verstehe natürlich die wirtschaftlichen Aspekte, die geringeren Herstellungskosten und so weiter, aber für den Leser ist eine winzige Schrift nichts weiter als Qual. Wer will schon eine Viertelstunde für zwei Seiten brauchen, die so eng gesetzt sind, dass man als Notfall in der Augenklinik landet. Mir ging das damals mit Goethes Dichtung und Wahrheit so. Nach dem dritten Band war ich brillenreif und das nur, weil dtv die Herstellungskosten windschief kalkulierte.

Nachdem ich den Probedruck zur Seite gelegt habe, mache ich mich wieder an die Arbeit. Ich gehe ein weiteres Mal über den zweiten Roman, schreibe drei Kapitel um, was mir gut von der Hand geht, auch wenn ich in der letzten Nacht richtige Panik hatte vor dieser neuerlichen Schreibarbeit. Ich weiß nie, ob mir die Korrekturen gelingen, ich steuere im Blindflug durch meinen Text, anfangs fühle ich stets eine immense Abneigung gegen diese Neubehandlung und meine Abneigung lässt mich wie ein Tier um den Schreibtisch schleichen. 

Sobald ich aber die Trägheit überwinde, geht alles von allein. Lese ich die erste Zeile im Typoskript, stecke ich drin und beginne zu arbeiten. Ich lege ein Kopie des Kapitels an (natürlich nur zur Sicherheit, denn ich weiß, dass ich diese Kopie nicht mehr brauchen werde), stoße zur besagten Stelle vor, an der mein Erzähler auf den Galeristen trifft, um mit ihm aus der Bar in die Nacht und damit in das Chaos zu verschwinden und schon knüpfen sich die Verbindungen wie von selbst, die Gespräche spulen sich fast automatisch ab und mir kommen neue Einfälle, die ich gut finde, sehr gut sogar. Dieser Fluss der Worte und Zeilen beruhigt mich, die Sprache, die von sich aus zu fließen beginnt. Vielleicht ist das blinde Arbeiten meine einzige Beruhigung, ein Arbeiten, in dem ich mich vergessen darf, untergehe, verschwinde. 

Sobald K das Zimmer betritt, wedele ich sie weg und fühle mich erstaunlicherweise wie Thomas Mann, von dem ich einmal gelesen habe, dass ihn Klaus und die restlichen Kinder niemals im Schreibzimmer stören durften. In der Nachahmung einer solch peinlichen Geste fühle ich mich merkwürdigerweise sehr bedeutungsvoll, auch wenn ich ahne, K damit zu verletzen.

Später entschuldige ich mich bei ihr. Das ist nichts weiter als meine Eitelkeit, erkläre ich, wenn es einmal gut läuft, kann jede Unterbrechung alles zerstören, man spürt den Sätzen ja nur nach, hat sie erst wirklich erwischt, wenn sie auf dem Bildschirm leuchten. Davor bleibt das meiste undeutlich und formlos und jeder Versuch aus dieser Formlosigkeit etwas ans Licht zu holen, steht auf wackeligen Füßen, ist ganz unbeholfen sogar. Eine falsche Unterbrechung und schon stürzt das Kartenhaus ein und man findet nicht oder nur unter wirklich barbarischen Schwierigkeiten zurück.

Ich glaube, dass K meine Erklärungsversuche akzeptiert und setze mich, nachdem ich die Tür zum Schlafzimmer hinter mir ins Schloss gezogen habe, wieder an den Schreibtisch. Ich starte den Livestream von WFMU, bevor ich weitermache, obwohl ich natürlich weiß, mit Musik im Hintergrund nicht schreiben zu können. In New Jersey spielt gerade eine elektronische Dronekomposition, die mich augenblicklich nervös macht und deshalb schalte ich die Musik wieder aus. Jetzt ist es still im Zimmer. Nur ab und zu dringen Geräusche aus dem Flur zu mir herein, aber diese Geräusche sind stumpf, als wären sie weit weg, als wäre auch K weit weg, als trennte uns ein schwer zu beschreibendes Gebiet, ein Hafen vielleicht, der voller Klänge und Rufe ist, auch wenn man die Urheber dieser Klänge und Rufe nicht ausfindig machen kann.

Zum Schreiben brauche ich Ruhe. Ich kann zum Beispiel nicht wie Knausgård arbeiten, der, wie ich einmal las, zwangsläufig einen Song in Endlosschleife im Hintergrund spielen lässt. Das ist sehr knausgårdig, finde ich, ein Lied von Echo & the Bunnymen laufen zu lassen, während man über die eigene Jugend und das Erwachsenwerden schreibt, über Norwegen im Schnee und die Schüchternheit und das komplizierte Verhältnis zu den Mädchen. Ich kann das leider nicht, obwohl ich es mir manchmal wünsche. Ich kann auch nicht in warmen Zimmern schreiben, zumindest nicht im Winter. Ich muss das Fenster weit öffnen (im Hinterhof liegt noch Schnee, es sind vier Grad im Minus) und ich muss die kalte Luft spüren, die in den Raum hinein fließt. 

Die Wärme einer Heizung macht mich beim Schreiben ebenso unruhig wie Musik aus dem Off oder die Schritte meiner Nachbarn über mir. Die Kälte löst etwas aus, sie macht die Gedanken klarer und leichter, auch scheint es mir hin und wieder so, als würde ein geöffnetes Fenster das Zimmer erweitern, die Dimensionen sozusagen vergrößern, um damit die gewohnten Verhältnisse auf den Kopf zu stellen. Der Kontakt zur Außenwelt ist durch ein geöffnetes Fenster plötzlich da, die Welt kommt als Geräuschmuster zu mir, es wirkt, als würde ich halb auch im Hinterhof sitzen und nicht abgeschottet in einem Raum und das finde ich wunderbar, diesen Zwischenzustand, als sei ich Teil der Welt und des Viertels mit meinem Schreiben, als sei ich Teil der Kälte auch, die ich viel zärtlicher finde als die künstliche Wärme, die das Zimmer beherrscht.

Gegen zwölf Uhr speichere ich den zweiten Roman, der jetzt wirklich und endlich fertig ist, fühle aber nichts. Keine Euphorie, keine Erleichterung, kein Stolz auf die geleistete Arbeit. In solchen Momenten spüre ich niemals etwas, das ist einer meiner hervorstechenden Charakterzüge. Es fühlt sich eher so an, als wäre überhaupt nichts geschehen, als existierten weder Arbeit noch Ergebnis. Eigentlich möchte ich sofort weitermachen und etwas neues beginnen, weiß aber, dass ich gegen diesen verfrühten Gedanken ankämpfen muss. 

Noch immer, trotz des Erscheinens meines ersten Romans im Sommer, fühle ich mich so, als würde es das alles nicht geben, als schriebe ich weiterhin in die Stille hinein, in eine Unwirklichkeit, als sei diese Arbeit, wie alles andere auch, am Ende eben doch vergebens, bliebe ohne Reaktion. Vielleicht ist das meine Angst, sich wieder und wieder abzumühen und doch niemals die Startlinie zu erreichen, nicht das Ziel etwa, sondern den Start, denn ich fühle mich noch immer so, als bereitete ich das Schreiben bloß vor, als brächte ich es gerade auf den Weg, obwohl ich ja seit Jahrzehnten schreibe, obwohl es so viele abgeschlossene Texte und Bücher gibt. Doch die Bücher allein reichen nicht aus. Man muss auch hinaus, es braucht ja Leser und Verlage und diesen ganzen Zirkus, den ich nicht verstehe, der mir sogar Angst macht, wenn ich ehrlich bin, denn ich kenne meine Unfähigkeit zu gut, ich weiß, wie wenig ich als Vermarkter funktioniere, als jemand, der Kontakte knüpfen soll, der etwas hermacht, der interessant ist. 

Allein der Gedanke an das Geschäft, das ja nun einmal dazu gehört, setzt etwas in mir in Gang, das ich nur als Abgrund beschreiben kann. Eine ganz unmäßige Leere macht sich in mir bemerkbar, eine Erstarrung, die sich an die ungewisse Ahnung knüpft, alles könnte am Ende doch vergeblich sein und ich niemals im Bereich des Schreibens existieren. Als ein Mensch also, der Bücher veröffentlicht, der vielleicht sogar über diese Bücher spricht, den andere Menschen als jemanden wahrnehmen, der schreibt, vielleicht sogar davon lebt, der sich Gedanken macht und Geschichten baut und dabei immer unsicher bleibt, unsicher bis in die Ausweglosigkeit.

Merkwürdigerweise liegt darin meine Grundstimmung. Jeder Mensch besitzt so etwas wie eine Grundstimmung, eine unvernünftige, vorbewusste Reaktion auf das Leben und die Ansprüche, die dieses Leben stellt. Meine Grundstimmung war stets der Glaube an die Unerheblichkeit des eigenen Tuns, an die Vergeblichkeit jeder Handlung. Insgeheim war ich der Meinung, alles, was ich tat, würde keinerlei Ergebnis zeitigen, würde ungesehen verhallen, sich einfach folgenlos auflösen. Meine Mutter hat sich über diese Einstellung dem Leben gegenüber bereits lustig gemacht, als ich noch ein Kind war. Bis heute kursiert bei uns die Erzählung, ich wäre auf einer Wanderung durch den Thüringer Wald schon auf dem Parkplatz der Meinung gewesen, wir würden den Aufstieg nicht schaffen. Das schaffen wir sowieso nicht, hätte ich damals gesagt. Und dieser Satz – das schaffen wir sowieso nicht – ist mit den Jahren in unserer Familie so etwas wie mein Erkennungszeichen geworden, das man mir immer dann halb im Scherz vorgehalten hat, wenn es um eine größere Aufgabe ging, die vor mir stand.

Seltsam, denn ich habe alle größeren Aufgaben ziemlich gut gemeistert, so gut sogar, dass die anderen, die ebenso wenig Vertrauen in meine Fähigkeiten hatten wie ich selbst, manchmal über das Ergebnis staunten. Das war bei meinem Abitur der Fall und bei meinem Studium, das ich mit Auszeichnung abgeschlossen habe, auch wenn ich mir daraus nichts mache und darauf auch nichts einbilden will. Viele andere schließen mit Auszeichnungen ab. Viele andere, die womöglich ebenso wissen, wie wenig hinter einem solchen Abschluss steckt. Bei meinen späteren Jobs lief es auf dasselbe hinaus. Doch für mich zählt das alles nicht. Ich nehme es kaum wahr.

Ich greife nach meinem Handy und mache den Fehler, auf Instagram nach anderen Autoren zu suchen. Ich lese von Debütromanen, von Zweitauflagen, bevor das erste Buch überhaupt erschienen ist, ich folge langen Kommentarketten und Danksagungen an befreundete Rezensenten, Blogger, Podcaster, die sich um den Roman bemüht haben, im Vorfeld schon so viel Werbung gemacht haben für ihn und während ich das alles lese, werde ich immer stiller, ich kann mir beim Verschwinden regelrecht zusehen, registriere meinen offenen Rückzug. Im Anblick dieser Betriebsamkeit, hinter der ja ein sehr gut funktionierender Geschäftssinn steckt, werde ich sprachlos, ich kann mich darin nicht im Ansatz wiederfinden. Ich ahne, genau hier die Kehrseite des Schreibens vor Augen zu haben, für die ich keinerlei Begabung besitze und dieses Ungenügen zieht sofort meine gesamte Existenz in Zweifel. So sehen die Regeln des Spiels nun einmal aus, sage ich mir, du entkommst ihm nicht. Auf die Gärten wartet keine Zweitauflage. Es ist ja noch nicht einmal klar, ob nicht doch noch alles aus den Rudern laufen wird. Das Erscheinen des Buchs steht auf wackeligen Füßen, höre ich mich sagen, so viel kann bis zum Sommer noch passieren. Ich möchte vertrauen, doch aus irgendeinem Grund fällt mir das unbeschreiblich schwer. Mir fehlt die Fähigkeit, an die Güte der Welt zu glauben. Daran, alle Teile fänden am Ende zueinander, auf jeden warte ein Happy End. Dabei verachte ich das Happy End. Das Leben ist doch voller Tragödien!, rufe ich theatralisch, das Leben ist doch eine einzige Katastrophe voller Unterbrechungen! Nur wäre es eben schön, wenn mich diese Tragödie jetzt auch einmal in Ruhe ließe, sich einmal zurückziehen würde für eine Weile.

Am Ende misstraue ich der Welt. Ich gehe stets davon aus, sie lauere nur auf unseren Sturz, auf den Fall, der nicht ausbleiben kann. Unsere Sehnsucht stachelt sie an, sie versucht die Träume zu verwischen, unsere Pläne zu durchkreuzen. Die Welt ist keine Verbündete, im Gegenteil. Man läuft gegen sie an, wieder und wieder, und erfährt doch kaum, ob dieses Anlaufen etwas nützt oder ob es am Ende eine Tätigkeit unter anderen bleibt. Wie das Sitzen in einem Büro, das Warten in einem Wartezimmer, das Telefonieren mit einem Unbekannten.

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Wir haben fast nichts mehr in unserem Kühlschrank und deshalb beschließe ich gegen halb zwölf einzukaufen. Im Lidl ist bereits viel los, aber die Leute wirken desorientiert, als könnten sie mit der Situation, in der sie sich befinden, nicht wirklich etwas anfangen. Ich manövriere an Großmütterchen vorbei, die so wirken, als wären sie beim Prüfen von abgepacktem Salat, Paprika und roter Beete eingeschlafen und lege dabei wahllos irgendwelche Dinge in meine blaue Ikeatüte. 

Ich bin nicht besonders experimentierfreudig. Wenn es um das Essen geht, fühle ich mich sogar ausgesprochen gewöhnlich und folge eingefahrenen Gleisen. Eigentlich kaufe ich immer das gleiche, ich kaufe Salat, Pak Choi, Gurken, Paprika, ein paar Dosen Kidneybohnen, vegetarische Burger, Cheddar in Scheiben, Joghurt und Skyr, Tiefkühlgemüse, das ich für die Arbeit aufwärmen werde, hin und wieder eine Nussmischung oder so etwas, ein paar Maiswaffeln und Erdnussbutter. Ich will so wenig Zeit wie möglich an das Essen verschwenden und besitze für das Kochen keinerlei Geduld. Alles muss nur schnell gehen und satt machen, das war schon während meines Studiums in Berlin der Fall und das habe ich bis heute beibehalten. Ich mache mir schnell etwas warm und schaufle das zusammengewürfelte Ensemble dann in Windeseile in mich rein, während ich ein neues Video von John Oliver auf Youtube schaue.

Gegen eins scheint wieder alles weit weg. Die Bücher, meine beiden Romane, mein unnützes Anrennen, die Enttäuschungen und Vergeblichkeit. Das alles werde ich nicht mehr los, zumindest nicht in diesem Leben. Diese Vergeblichkeit wird mich begleiten, wir werden uns gemeinsam irgendwann davon machen. Ich möchte in diesem Jahr noch verreisen, denke ich plötzlich, ich möchte etwas anderes sehen. Nicht mehr nur diesen Hinterhof. Vielleicht die Slowakei oder Schottland. Aber Fliegen möchte ich auch nicht mehr. Ich fahre mit dem Zug und mit der Fähre. Das muss doch möglich sein. Wenn alles gut geht, bin ich im Sommer unterwegs.