Montag, 5. April

Das Auto (ein einfacher Mietwagen) bewegt sich auf der schnurgeraden, sechsspurigen Straße, über der an diesem Morgen ein wolkenloser, blauer Aprilhimmel liegt. Nur wenige andere Fahrzeuge sind unterwegs, eigentlich herrscht kein richtiger Verkehr und die kleine Kolonne passiert einen Mischwald, der links und rechts neben der Fahrbahn zu erkennen ist, die hohen Bäume, wahrscheinlich sind es Buchen oder Eschen stehen noch ohne Laub im ziemlich kräftigen Wind und die Autobahn läuft mitten durch diesen Wald hindurch, unterbrochen nur von hellgrünen Wiesen, auf denen einige Rehe stehen und verwundert in Richtung der Fahrzeuge blicken, die für sie so etwas wie ein Rätsel sind, ein unerklärlicher Umstand, der zugleich gefährlich wirkt und neugierig macht, und die Felder verschwinden bald und verwandeln sich in eine Stadt, eher ein Dorf oder einen sehr kleinen Ort mit nur wenigen Straßen, die sich allesamt gleichen, so wie sich in kleinen Orten ja eigentlich auch alle Häuser etwas ähnlich sehen und das Leben in diesen Häusern auch, obwohl das nur für das äußere Leben gilt und nicht für das innere, das jeweils ein ganz anderes ist und nach den kleineren Siedlungen tauchen wieder die Felder auf und dann kommt erneut ein Wald, ein riesiger Wald ist es diesmal, ein Wald, der den Horizont verbirgt (das heißt die winzige und unberührbare Trennung zwischen Himmel und Erde) und in diesem Wald ragen die gefledderten Kiefern in die Höhe, Wind und Stürmen scheinbar schutzlos ausgesetzt in ihrer kränklichen Kahlheit, denn diese Kiefern wirken ganz anders als zum Beispiel eine sehr widerstandsfähige Esche, die wahrscheinlich gerade aufgrund ihrer Widerstandsfähigkeit für die Kelten zum Weltenbaum geworden ist, ein eleganter und sehr gerader Stamm, der in zehn Metern Höhe auszweigt und sich dann langsam verästelt, wobei die Äste selbst noch weiter in die Höhe und nicht etwa, wie man denken könnte, in die Waagerechte streben, nein, die Äste streben nach oben, vielleicht grundlos, vielleicht auch nicht, man müsste sich einmal mit dem Wachstum der Bäume beschäftigen, denn natürlich gibt es für alles einen Grund und eine einleuchtende Erklärung und erst sehr weit oben, dort, wo die mächtigsten Äste sich in ein Aderwerk verjüngen und ausfalten, stößt die Esche an ihr Ende, findet sozusagen ihre Grenze und wirkt samt ihrer noch kahlen, alles überragenden Krone (es ist, wie gesagt, April) unbezwingbar, unüberwindbar sogar.

Nach etwas mehr als zwei Stunden halten wir an einer Raststätte an. Es stehen Leute im Wind, gestern ist es wieder kalt geworden und die Menschen tragen Winterjacken und dicke Mäntel. Die wenigsten gehen in die Raststätte hinein. Viele haben Kaffee oder Tee in Thermosbechern auf die Fahrt mitgenommen und essen belegte Brote und Obst in Reichweite ihrer Autos.

Auf einem abgesperrten Spielplatz sind zwei Kinder unterwegs, die ihre Eltern scheinbar verloren haben, ohne sich daraus aber etwas zu machen. Ihre ausgelassenen Rufe sind von Weitem zu hören. Im Vorbeigehen sehe ich zu den Kindern, die gerade damit beschäftigt sind, eine Art Turm zu erklimmen, der durch eine polierte Metallrutsche, in der sich der blaue Himmel spiegelt, mit dem weichen Gummiboden des Spielplatzes verbunden ist. Ich warte kurz in der Hoffnung, eines der Kinder werde im nächsten Augenblick auf der Rutsche erscheinen, aber es tut sich nichts und K und ich gehen weiter.

Als ich die Toilette der Raststätte betrete, kommt mir ein riesiger Typ mit tätowierten Armen entgegen. Er trägt nur ein T-Shirt, scheint sich für die Kälte draußen somit nicht im mindesten zu interessieren. Die Sonnenbrille hat er sich verkehrt herum aufgesetzt, die Bügel der Brille sitzen zwar auf seinen Ohren, die Gläser allerdings in seinem Nacken. Ich habe nie verstanden, wie sich diese doch sehr eigenwillige Art, eine Brille zu tragen, verbreiten konnte, besonders unter diesen Türstehercharakteren mit Hang zum Gewichtheben und ungesunder Röte, doch ganz offensichtlich gibt es für alles eine Subkultur. Wobei es mir gleichzeitig irre erscheint, irgendjemand würde genau auf dieses Accessoire anspringen, um einen Freund mit einem geheimen Zeichen auf den Türstehertypen hinzuweisen und zu sagen, sieh mal, die Brille, das find ich echt geil.

K und ich stehen kurze Zeit später wieder draußen im Wind. Unsere am Morgen in einer Bäckerei gekauften Käsestangen sind längst gegessen, aber richtig Hunger haben wir nicht. Außerdem sind wir in einer Stunde bei meinen Eltern und dort erwartet uns das Mittagessen. Wahrscheinlich gibt es Suppe, denke ich kurz (und habe damit recht), während ich von K den Autoschlüssel in Empfang nehme, um weiterzufahren.

Ein paar Minuten später schieße ich mit einhundertsiebzig Stundenkilometern über die Autobahn, was eine ziemlich hohe Geschwindigkeit darstellt, wie ich finde, und mich in einen überschaubaren, manchmal von kurzen Angstmomenten durchbrochenen Rausch versetzt. Ich kann kaum glauben, welche Angst ich noch vor zwei oder drei Jahren vor dem Autofahren hatte, obwohl ich wie all meine anderen Freunde auch den Führerschein gleich mit achtzehn gemacht habe. Aber dann bin ich nach Berlin gezogen, um zu studieren und in Berlin habe ich natürlich kein Auto gebraucht. Bis auf C besaß auch niemand in meinem Freundeskreis ein Auto, alle fuhren mit den Öffentlichen oder einem Rad und in diesen Jahren saß ich für längere Zeit hinter keinem Steuer. Mit der fehlenden Praxis wuchs nach und nach meine Angst, ich hätte möglicherweise alles wieder verlernt. Erst in Neuseeland hat mich K an das Steuer unseres Campers gezwungen und obwohl ich mich anfangs mit Händen und Füßen dagegen wehrte, um mich gleichzeitig für meine Schwäche zu schämen, die ich besonders meinen männlichen Freunden gegenüber stets empfand, denn wer in meinem Alter hatte schließlich noch Angst vor dem Autofahren?, setzte ich mich irgendwann doch hinter das Lenkrad auf der rechten Fahrzeugseite und natürlich lief alles ohne Probleme ab.

Ich steuerte den Kleinbus schwitzend und mit pumpendem Herzen durch Dunedin und wenig später durch die unglaubliche neuseeländische Landschaft, links die schneebedeckten Gebirge, rechts der Ozean, das Weltmeer, die Brandung und ich hatte das Autofahren in keiner Weise verlernt, niemand hätte mir angesehen, dass ich seit längerer Zeit zum ersten Mal wieder hinter einem Steuer saß.

Als die Angst mich verließ, konnte ich nicht glauben, vor welcher Kleinigkeit ich all die Jahre lang zurückgeschreckt war. Warum hatte ich mich meiner Angst nicht einfach gestellt? Stattdessen hatte ich mich wie ein Kind vor ihr versteckt und mir dadurch eine ganze Menge Möglichkeiten entgehen lassen, mit einem Auto irgendwohin zu fahren, vielleicht sogar ein Abenteuer zu erleben. Jahrelang hatte mir meine Mutter im Sommer angeboten, ihr Auto zu benutzen. Ich hätte mit meinen Freunden ans Meer fahren können oder in die Berge oder auch, wie es andere taten, quer durch Europa. Stattdessen habe ich mich von meiner Angst zurückhalten lassen, ich habe mich der Angst unterworfen und dann Jahre gebraucht, um diese Angst auf Veranlassung eines anderen zu überwinden.

Ich trat auf das Gaspedal, beschleunigte auf einhundertachtzig, wobei auch mein Puls an Geschwindigkeit gewann, und schoss an den Autos auf der rechten Spur vorbei. Noch ein paar Kilometer und dann würden wir die Abfahrt erreichen, würden uns durch die Hügellandschaft bis in ein weiteres Waldstück bewegen und das Auto parken. Die hohe, grau gepflasterte Auffahrt, der große Vorgarten mit den Beeten und der wilden Wiese, auf die meiner Mutter solchen Wert legte, weil es die Kräuter, die hier wuchsen, nur in Waldnähe gab und nicht in der Stadt. Die Gartentore würden für unsere Ankunft von meinem Vater bereits geöffnet sein, ich würde das Auto hinauffahren und vor der Garage abstellen und dann würde es etwas zu essen geben und die üblichen Gespräche. Wie es uns ginge. Was es Neues auf Arbeit gäbe. Ob wir uns erst einmal von der Fahrt erholen wollten.

Bücher, 2. April

K behauptet, die Wände unserer Wohnung würden immer näher rücken, es stünden einfach zu viele Bücher in den Regalen und das könne so nicht weitergehen. Anfangs wehre ich mich natürlich gegen diese Behauptung, fühle mich insgeheim aber auch geschmeichelt, denn die Übernahme unserer Zimmer durch meine Bücher besitzt etwas sehr Romanhaftes, fast wie bei Canetti, denke ich, obwohl ich Canetti seit bestimmt fünfzehn Jahren nicht mehr gelesen habe. 

Und genau das ist unser Problem, erklärt K. Diese vielen Bücher, in die du niemals wieder schauen wirst, die einfach nur herumstehen und Staub fangen, wie DAS ARCHIPEL GULAG zum Beispiel. 

Das hebe ich mir für später auf, erkläre ich. Das ARCHIPEL verlangt einen besonderen Moment, das kann ich nicht im Frühling anfangen und außerdem habe ich ja auch erst vor einigen Monaten einen anderen Solschenizyn gelesen, den TAG IM LEBEN IWAN DENISSOWITSCHS oder wie das hieß.

K lässt sich davon nicht überzeugen, aber sie hat natürlich auch recht und da in den beiden Bücherschränken meines Großvaters alles auf zweiter Rehe steht – hüfthohe, braune Unterschränke mit Glasaufsätzen aus den Sechzigerjahren der DDR, die ich vor dem Sperrmüll retten konnte, in den meine Eltern sie zwangsläufig geworfen hätten –, finde ich seit Monaten nichts, falls ich doch einmal nach etwas suche.

Am Nachmittag fange ich an und nehme mir den Schrank im Flur vor. Ich öffne die Türen und starre auf eine kompakte Masse eng geschichteter Bücherstapel, die dicht an dicht das gesamte Innere des Unterschranks ausfüllen. Die Bücher stehen nicht Rücken an Rücken, sondern in einer Art Paketmuster, um möglichst platzsparend so viele Bände wie möglich unterzubringen. 

Ich ziehe die ersten heraus, darunter eine ganze Sammlung Roland Barthes und Literaturtheorie und das muss alles weg, beschließe ich sofort. So gern ich Barthes auch während meines Studiums gelesen habe, so sehr widert mich die Wissenschaft jetzt, zehn Jahre nach meinem Abschluss, an. Eigentlich hat sie mich bereits in meinen letzten Semestern angeödet, aber das habe ich damals nicht richtig verstanden. Ich dachte, ich wäre einfach müde, hätte nach diesen Jahren keine Lust mehr auf die gleichförmige Universität mit ihren vorhersagbaren Mustern aus Seminar, Vorlesung und Abschlussarbeit. Dabei war ich der Wissenschaft an sich müde, ohne meine Müdigkeit zu erkennen. Nur aus diesem Grund habe ich später meine Promotion überhaupt begonnen. Wie so oft, musste ich noch einige Zeit in die falsche Richtung laufen, um dann verspätet etwas festzustellen, das ich von Anfang an zwar nicht begriffen, aber doch erahnt habe. 

Ich packe die Suhrkamp-Taschenbücher in einen Karton und während ich das mache, fallen ständig alte Notizzettel aus den Büchern von Goodman, Simmel und Bordieu. Ich sehe mir die Notizen nicht an, sondern schichte sie auf einen kleinen Haufen, den ich später in den Papiermüll werfe. Damals habe ich so fleißig Notizen gemacht, ständig irgendwelche Zettel beschrieben, Sätze unterstrichen, Anmerkungen festgehalten und später nichts davon wieder in die Hand genommen. Dabei hat mich die Theorie anfangs so gefesselt, jede Theorie, wenn ich mich richtig erinnere, egal ob Literatur, Philosophie oder Kunst, alles war unendlich spannend. Die Fremdheit der Gedanken von Barthes zum Beispiel elektrisierte mich in den ersten Semestern in Berlin. So konnte man über Literatur schreiben? Das war ganz ungalublich! Im Gegensatz zu den angestaubten und unhinterfragbaren Lobeshymnen auf den literarischen Kanon, die mich in der Schule so irritiert hatten, gingen Leute wie Barthes, die ich sofort zu meinen neuen Helden erklärte, ganz anders mit den Texten um. Sie arbeiteten richtig am Text. Der Text war nicht mehr sakrosankt, verlor seine Heiligkeit und damit auch die Unnahbarkeit selbst. Man konnte ihn zerlegen, ganz anders lesen, als ihn der Autor selbst gelesen und interpretiert hatte, man war frei, ja, im eigentlichen Sinn war man frei gegenüber dem Text und konnte ihn ohne Scheu und falsche Scham gebrauchen. Es gab keine Verbote mehr, es gab nur dieses unermessliche Reich der Zeichen, in dem die Bedeutungen je nach Lichteinfall wechselten und andere, manchmal unvorstellbare Reflexionen warfen. Und Wissenschaftler wie Barthes waren nicht einfach nur Wissenschaftler, sondern halbe Schriftsteller, deren Bücher kein Supplement zum Werk eines Autors darstellten, sondern Werke eigenen Ranges.

Während PEACEFUL SOLUTIONS auf WFMU läuft, ziehe ich weitere Bände aus dem Schrank und lasse sie nun bereits automatisch im Karton verschwinden. Ich halte nur bei jenen an, die eine Widmung besitzen. Simon und Christine gratulieren mir in LUNAR PARK von Bret Easton Ellis zum Geburtstag. Wann muss das gewesen sein?, denke ich, finde aber keine Antwort. Es ist sicher zehn Jahre her, vielleicht auch etwas länger. Mit Christine habe ich sicher seit sechs oder sieben Jahren nicht mehr gesprochen.

Nach einer halben Stunde passt tatsächlich kaum noch etwas in den Karton. Ich ziehe zwei weitere aus dem fragilen, aber mannshohen Altpapierstapel, den wir in den letzten Monaten neben unserer Wohnungstür errichtet haben. Dieser Stapel fällt in regelmäßigen Abständen mit lautem Gepolter in sich zusammen und stellt so etwas wie ein unbeabsichtigtes Kunstwerk dar. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dieser Stapel müsse noch einige Zentimeter wachsen, bis ich es nicht mehr aushalte und ihn dann endlich in einer selbstmörderischen Aktion in die Pappcontainer im Hinterhof verfrachten werde.

Ich beginne die neuen Kartons mit Büchern zu füllen und nehme mir nun jene Bände vor, die ich seit Jahren loswerden möchte. Der ganze Peter Weiss zum Beispiel, von der ÄSTEHTIK DES WIDERSTANDS bis zu den STÜCKEN muss endlich raus. Nur den FLUCHTPUNKT rette ich, nachdem ich die erste Passage wieder gelesen haben, die mir sofort gefällt. Der komplette Volker Braun muss dann aber doch die Wohnung verlassen. Das halte ich ganz einfach nicht aus. DIE REISE von Vesper übrigens auch nicht mehr. Alles muss weg, so schnell wie möglich. Denke ich an Vesper, denke ich aus irgendeinem Grund auch an Brigitte Reimanns FRANZISKA LINKERHAND, was mir einen regelrechten Gruselschauer über den Rücken jagt.

Nachdem auch die beiden neuen Kisten gepackt sind, trage ich alles nach unten und stelle die Bücher vor das Haus. Jemand wird sie mitnehmen, da bin ich mir sicher. Vielleicht wundert sich dieser Unbekannte auch über die vielen Anstreichungen, vielleicht hält er meine Notizen sogar für ziemlich einfältig oder übertrieben und dumm. Ich bin mir sicher, mit Anfang zwanzig sehr sentimentale Unterstreichungen gemacht zu haben, die mir heute sicher ziemlich peinlich wären, aber diese Unterstreichungen bekomme ich ja nun nicht mehr zu Gesicht.

Ich erinnere mich noch ziemlich gut an die Notizen jener Fremden, die mich in antiquarisch gekauften Büchern stets irritierten. Sie unterstrichen fast ausnahmslos Passagen, die für mich keine oder nur eine untergeordnete Bedeutung besaßen und je nach meiner Tagesform damals mit Anfang zwanzig rechnete ich jenen Abstand zwischen mir und den Vorbesitzern meinem eigenen Unverständnis zu oder aber natürlich der Naivität der anderen. Doch sicher konnte ich mir natürlich nicht sein und das wusste ich auch. Vielleicht verstand ich da nur etwas in seiner Oberfläche, drang nicht wirklich in die Tiefe ein. Und vielleicht leuchtete diese Tiefe gerade aus der unergründlichen Anstreichung eines Fremden zu mir auf. Ich fand darauf einfach keine Antwort. Deshalb versetzte mich auch jede Anmerkung in Euphorie, die wirklich und eindeutig mit meiner eigenen Auslegung des Textes übereinzustimmen schien, die ich also verstand und die deshalb kein Rätsel für mich blieb. Offensichtlich, sagte ich mir dann, bist du genauso in der Lage mit den Büchern umzugehen wie andere auch. Und das beruhigte mich. Alles erschien mir damals so unsicher und schwer verständlich. Zumindest die Bücher durften ihre Verlässlichkeit nicht verlieren. Und das haben sie bis auf ganz wenige Augenblicke auch nie getan, sage ich mir im Flur, stehe auf und schließe den Schrank. Äußerlich hat sich an der Menge der Bände kaum etwas verändert. Ich habe eine der doppelt stehenden Reihen abgetragen und dadurch etwas Ordnung geschaffen. Ich denke, das muss es für heute gewesen sein.

Dienstag, 30. März

Traum: wir liegen am Strand. Ich bin mir nicht sicher, wo sich dieser Strand befindet, aber um uns herum gibt es nur wenige Menschen. Ich betrachte das Meer, das an einer Stelle ganz in unserer Nähe sehr ruhig wirkt, als brandeten dort keine Wellen ans Land. Mit einem Mal wird diese Stelle dunkler und färbt sich tiefblau. Ich sehe auf. Die nächsten Wellen, die an den Strand spülen, wirken ungewöhnlich hoch, es sind zwei oder drei in kurzer Folge und schon machen sich die ersten Leute aufgeregt davon. Noch weiß keiner, was passiert, aber diese größeren Wellen samt den ersten Fluchtbewegungen der Menschen machen auch mich nervös. Wir stehen deshalb auf und wollen so schnell wie möglich mit den anderen fort und in diesem Augenblick, als wir uns aufgerappelt haben und umdrehen, stößt mir die Gefahr mit einem heftigen Schlag gegen die Brust, denn ich weiß, dort hinten rollt ein Tsunami auf uns zu. Wir laufen jetzt, laufen einen Hang hinauf, eine riesige Düne, die uns schützen muss, weil sie so hoch ist. Auf dem Scheitel der Düne, die wie ein heller, ockerfarbener Berghang wirkt, kann ich Ferienwohnungen oder die Dachgeschosse eines Hotels erkennen. Als ich diese Dächer in den Blick bekomme, taucht hinter ihnen eine riesenhafte vierte Welle auf, hundertmal höher als das, was ich eben am Strand gesehen habe. Das Meer stürzt also von zwei Seiten auf uns ein, was mich für eine Sekunde irritiert, eine Sekunde, in der die Riesenwelle aufgrund ihrer monumentalen Größe gefroren erscheint, unbeweglich, als wäre sie aus dunklem Glas. Dann aber neigt sich ihr weißer und im Sonnenlicht wunderschön glitzernder Kamm und ich begreife, dass es keine Rettung für uns gibt. Alle Seiten sind vom Wasser verstellt. Die Welle bricht und noch bevor sie mich berührt und von den Füßen reißt, wache ich auf und lache leise vor mich hin. Es ist Nacht und K schläft, hat von allem nichts mitbekommen.

Es sind zwanzig Grad, als ich das Haus verlasse. Ich spaziere am Ufer entlang, hier sind viele Leute unterwegs, obwohl es Montag ist, vor allem Jüngere, Studenten, wie ich denke. Sie sitzen auf der Wiese und am Wasser und sie spielen Frisbee oder Federball oder machen irgendeinen anderen unsinnigen Sport. Zwei Frauen in meinen Alter kommen mir mit Sportsonnenbrillen und Yogamatten bewaffnet entgegen und wirken total entspannt, aber das nehme ich ihnen natürlich nicht ab, diese Grundgelassenheit ist nichts anderes als der blasierte Ausdruck eines mit allen Mitteln erzwungenen Halbgleichgewichts.

Als ich weitergehe, jagen Hunde an mir vorbei, stürzen über das Ufer und verkeilen sich spielend zwischen den sitzenden Gruppen. Anfangs wirken diese Hunde immer herrenlos, doch dann höre ich die Rufe ihrer Besitzer und versuche, die unglaublich kreativen Tiernamen zu ignorieren. Der Einheitsbrei, fällt mir dann auf, wird natürlich auch auf den unschuldigen Hund übertragen, der sich schließlich genauso wenig wie die eigenen Kinder wehren kann, die auch alle nur Leonard, Lasse, Lukas und Charlotte heißen, ohne dass sich die Eltern dafür schämen.

Später sitze ich auf einer treppenartigen Struktur und sehe in Richtung Fluss. Die Sonne brennt auf mein Gesicht, zum ersten Mal in diesem Jahr trage ich ein T-Shirt. Ich lese im Weißen Buch, das mir C empfohlen hat und fühle mich gleichzeitig unterhalten und komplett genervt. Das ist so richtige Yuppie-Literatur, denke ich, ganz klassisch vor Zweitausendundeins mit seiner neuen Terrorwirklichkeit, der die Generation Golf ja wirklich überhaupt nichts entgegenzusetzen hatte. An dieser Stelle versagte sie total, wie bei allem anderen eigentlich auch. Aber das ist natürlich kein Wunder und ein Vorwurf soll es genauso wenig sein. Mit Helden wie Marusha und Stuckrad-Barre, den ich am Rosenthaler Platz mal fast vom Fahrrad gegen einen Bus der BVG gestoßen hätte, macht man eben keine großen Schritte, sondern nur die eine oder andere Tanzveranstaltung. Aber das ist vielleicht ein bisschen zu viel und unfair ist es sicher auch.

Kurz nach drei mache ich mich auf den Rückweg. Über mir im wolkenlosen Himmel verjagt eine Krähe gerade einen der grünen Papageien, die den nahe gelegenen Park fast vollständig bevölkert haben. Ich gehe in den Lidl, kaufe Biobananen, Tiefkühlgemüse und ein paar vegetarische Burgerpatties und dann lege ich mich zu Hause ins Bett und höre nur die Stimmen aus dem Hinterhof. Ein Kind schreit draußen wie am Spieß. Es ist ein ganz normaler Tag, sage ich mir. Und auch an einem dieser ganz normalen Tage schreien die Kinder ohne ersichtlichen Grund und ich bin mir sicher, dass nicht viel fehlte und auch ein paar Erwachsene stimmten ein in das Geschrei. Es fehlte nicht viel und sie riefen sich die Stimmbänder wund, krakeelten irgendwelche halb garen Forderungen, die natürlich niemals in Erfüllung gingen, weil sie nur in einem Hinterhof existierten. Und die in einem Hinterhof formulierten Forderungen wiegen am Ende natürlich genauso viel wie der an jedem Tagesende in den eigenen Zimmern vorgebrachte Satz, man mache morgen mit allem Schluss, man habe das Ganze ein und für alle Mal satt.

Zimmer, 28. März

Bis auf eine kurze Zeit in Berlin habe ich immer in engen Zimmer gelebt. Zimmer, die nie größer waren als fünfzehn Quadratmeter und in diesen Zimmern gab es ein oder auch zwei Fenster, die in Richtung Straße oder in Richtung Nachbarhaus zeigten. Es gab ein Bett, einen Schreibtisch und vor dem Schreibtisch einen Stuhl und es gab einen Kleiderschrank. Aus diesen Gegenständen bestand das gesamte Mobiliar und dieses Mobiliar hatte ich mir nie selbst besorgt, es existierte bereits, bevor ich die Zimmer betrat, um mich in ihnen einzurichten. 

Man richtet sich in einem Zimmer ein, merkwürdigerweise aber richtet man auch ein Leben ein, das dadurch eine räumliche Dimension gewinnt. Das Leben wird somit selbst zum Zimmer, in dem man die Dinge ordnen muss, denn die Dinge gehören an einen Platz. Auch im Leben gehört alles an einen Platz, allerdings ist dieser Zusammenhang, anders als bei den Zimmern, undeutlicher und tritt manchmal auch nach Jahren des Herumprobierens nicht klarer ans Licht. 

Man nimmt das Leben und die Räume in Besitz. Man spielt sich den Möbeln gegenüber zum Beherrscher auf, wahrscheinlich hat man auch Macht über sie, aber genauso gut könnte man sagen, dass die Möbel Macht über ihre Bewohner besitzen. Genauso wie auch die Zimmer aufgrund ihrer Lage, ihres Zuschnitts und der Atmosphäre, die in ihnen herrscht, eine fast unumschränkte Macht besitzen über den, der sich zufällig in ihnen verliert und dann zwischen vier mehr oder weniger stummen Wänden seine Tage verbringt, um in einem hellen Moment zu erahnen, dass auf diese Wände Generationen nun Verschwundener blickten, ungezählte und namenlose Biographien, für die sich niemand mehr interessiert, die mit der Zeit fast spurlos untergegangen sind. Ein ganzer Zug von Leuten also, die sich in dem gleichbleibenden Raum, der sich starr an die eigenen Dimensionen klammert, als gelte es eine Tatsache gegen die Behauptungen flüchtiger Besucher zu verteidigen, eingerichtet haben, die dort lebten, am Morgen die Tür hinter sich ins Schloss zogen, um am Abend diese Tür wieder aufzuschließen und in das Zimmer zurückzukehren. Bewohner, die Farbe auf die Wände brachten und diese Farbe wurde zwei oder drei Jahre später von einem Nachmieter mit Weiß überstrichen. Bewohner, die natürlich voller Erwartungen gewesen sind, für die das Zimmer auch eine Bedeutung besessen hat, die über den Raum weit hinaus ging, denn das Zimmer stellte einen Anfang dar oder Neubeginn, sie ließen etwas zurück (in einem anderen Zimmer) und jetzt begannen sie von vorn, vielleicht zum ersten oder aber zum zweiten oder dritten Mal. 

Von dieser sich im Geheimen abspielenden Chronik der Ereignisse ahnt man natürlich nichts, sobald man in einer neuen Wohnung steht. Es sei denn natürlich, man erfährt von jemandem, der in den Räumen gestorben ist, denn das erzählen die Vermieter meist aus irgendeinem Grund, wobei ich nie verstanden habe, weshalb sie das tun. Wen erschrecken schließlich die Toten? Man sollte sich eher vor den Geistern fürchten und die Zimmer sind natürlich voll von ihnen. Kratzt man an den Wänden, zieht man die alten Tapeten ans Licht mit ihren längst aus der Mode gekommenen Mustern, Schichten toter Zeit und toter Epochen. Da sind die Achtzigerjahre und manchmal sogar noch die Siebzigerjahre und das alles gehört komplett auf den Müll, wie man fühlt, ist überhaupt nicht mehr zu gebrauchen und ohne jede Bedeutung. Für die Leute damals allerdings gab es nur diese Gegenwart, die sich in den Tapetenmustern und Farben manifestierte, die vielleicht sogar nur in diesen äußeren Zeichen zu Tage trat, und genauso wenig, wie ich mir vorstellen kann, meine eigene Gegenwart werde einmal keinerlei Bedeutung mehr besitzen, werde keine Verbindlichkeit mehr haben und nur ein belächelnswerter Ausschnitt in diesem weiten, unüberschaubaren Ganzen sein, genauso wenig waren auch die Menschen vor mir in der Lage, die Bedeutungslosigkeit des winzigen Zeitausschnitts zu erkennen, den sie bewohnten.

Das Jetzt wird von einer heftigen Verbindlichkeit beherrscht, der sich niemand für längere Zeit entzieht und deshalb nimmt man vielleicht auch die Arbeit an und in den Zimmer auf sich, so wie man auch das Leben irgendwie auf sich nimmt. Niemand weiß genau, wie er es anzugehen hat, ich zumindest besitze noch immer nicht die leiseste Ahnung. Je älter ich werde, um so weniger verstehe ich. Die Gewissheiten schwinden mit den Jahren, eigentlich liegt darin sogar die einzige Gewissheit. Dass am Ende alles ungewiss bleibt und deshalb lächerlich, dass sich das Leben irgendwann sogar als umfassende Komödie entpuppt, über die man mit etwas Abstand herzhaft lachen könnte, als sei man kein Teil von ihr, als hätte das alles nicht auch mit einem selbst zu tun. 

Und noch etwas verbindet die Zimmer und das Leben. In beiden herrscht eine unablässige Bewegung, ein Zimmer ohne Veränderung (das Verschieben der Möbel, ein neuer Anstrich und so weiter) ist ein totes Zimmer so wie ja auch ein regungsloses Leben kein echtes Leben mehr ist. Beide kommen im Stillstand zu einem Ende. Bleibt der Wechsel aus, gibt es nur noch Staub, der sich auf alles legt. Auf den Schreibtisch, den Stuhl, das Bett und den Kleiderschrank. Auf die fleckigen Teppiche, die wie Treibgut angespülten Zeitungsausschnitte und ungelenk gerahmten Fotos an den Wänden. Alles Staub, alles Spur. Alles mit wenigen Handgriffen zusammengeräumt und aus der Welt geschafft.

Gehen, 25. März

Ich plane eine Reise zu Fuß an den Landstraßen entlang. Ich habe kein bestimmtes Ziel, es geht nur darum, sich aufzumachen und loszugehen. Auf Google Maps stecke ich die Route ab, ich sehe die Landstraßen in Waldstücken verschwinden, sehe die Städte, die von oben wie etwas ganz und gar Unbewohnbares erscheinen, wie etwas Kriminelles sogar, eine Art Verbrechen. Vielleicht laufe ich zur Küste, sage ich mir. In die Berge möchte ich nicht, im Gebirge bekomme ich immer eine Heidenangst und Beklemmung. Alles ist dort so eng, obwohl es auch weit ist, aber die Flanken des Gebirges verstellen manchmal den Himmel und schaffen ein klaustrophobisches Gebiet, das mich panisch werden lässt. Nur auf den Gipfeln geht es, dort lässt die Angst wieder nach. Doch dann denke ich, dass ich auch an der Küste nichts verloren habe. Mir fällt es schwer, eine Reise um des Reisens willen zu beginnen, ich fühle mich dafür bereits zu alt. Mit Anfang zwanzig ist das kein Problem, aber jetzt? Ich denke sofort an einen Zweck, an ein Ziel, etwas, das ich mit dieser Wanderung erreichen will. Und das ist natürlich Quatsch, ich sage mir, das ist alles Unsinn, daran musst du keinen Gedanken verschwenden, denn das alles steht deiner Wanderung im Weg. Ich überlege, wo ich schlafen soll, wo ich ein Zelt herbekommen kann, ob meine Wanderschuhe bis zur Küste durchhalten (wahrscheinlich tun sie das). Und dann denke ich, sobald du an der Küste bist, gehst du direkt zum Meer und wirfst dein ganzes Gepäck, den Rucksack, das Zelt, den Schlafsack und all deine Kleider einfach ins Wasser, siehst deinen Sachen beim Untergehen zu. Und weiter denke ich nicht, über den Untergang möchte ich gar nicht hinaus. 

Mach dich auf

Es gibt nur das Eine

Zwei Birken, die Buche, dahinter das Haus

Und den unbetasteten Himmel

Es hängt rote Wäsche im Wind

Und ich denke: dieses Bettlaken sieht wie eine Fahne aus

Ein Zeichen, das mich aufwecken soll

So wie die lautlosen Schatten

Manchmal ist alles so still

An einem Donnerstag

Oder am Tag danach

Wenn der Verkehr wie eine Aufnahme in Zeitlupe wirkt

Wenn er keine Macht besitzt, keine Wirklichkeit

Dann rufen die Vögel

Während du schreibst, gleiten sie hinab in den Hof

Und du weißt: dort wartet die herrenlose, schwarze Katze

Ich sah sie gestern auf dem Moosdach und bewunderte ihren tastenden Gang

So geschmeidig würde ich auch gerne gehen

Leise, unhörbar

Der bewundernswürdige Gang der Tiere

Er erinnert dich an eine Nacht

An das ausgefallene Licht

Den Winter

Das Fernbleiben der anderen

Das Schleichen durch die Flure

An eine fremde Welt nach Mitternacht