Amaro, Samstag-Montag, 17.-19. April

Ich putze das Bad, mühe mich zuerst an der Badewanne und danach an der alten Toilette ab. Ich wische den Boden, der ein hoffnungsloser Fall ist, denn die Fugen sind von Jahren der Benutzung so mitgenommen und rissig, dass sie nicht mehr sauber zu bekommen sind, egal, wie energisch ich auch mit der harten Seite des Schwamms über ihre Oberfläche schrubbe. Ich mache das eine ganze Weile, so lange, bis meine Schultergelenke schmerzen, aber ein Ergebnis erzeuge ich damit nicht. Irgendwann bin ich sogar der Meinung, ich würde den Schmutz bloß verteilen, vergrößere ihn sogar unabsichtlich und als mir dieser Gedanke kommt, stehe ich schleunigst auf und mache mit dem Waschbecken weiter. 

Während ich putze, überlege ich, wie ich an Geld kommen kann. Nicht mehr arbeiten, nur schreiben. Auf eine mir unverständliche Weise muss das möglich sein. K und ich sprechen in letzter Zeit wieder häufig über das Verschwinden, über die Abkehr von Deutschland. Wir wollen nicht für immer weg, aber doch für eine längere Zeit. Allerdings ist dieser Plan genauso konkret wie meine Suche nach Geld. Vielleicht ist er ein wenig konkreter. Nach einem echten Ausweg fühlt es sich trotz allem nicht an. Schließlich haben wir das in ähnlicher Weise schon einmal vor zwei Jahren gemacht.

Gestern gebe ich ergebnislos Seemann mit 36 Jahren bei Google ein. Kündigen, nach Hamburg oder Rostock fahren, anheuern (keine Ahnung, was das heißt), meine Papiere zeigen (wahrscheinlich besitzt jeder Matrose so etwas wie Seemannsbuch; irgendwann habe ich davon zumindest gelesen) und dann auf ein Schiff, das in unbestimmte Richtung fährt. Es muss ja nicht einmal Indonesien oder die Philippinen sein, Brasilien würde mir schon reichen. Ich würde die Sprache lernen, luv, lee und diese ganzen Sachen, die, wenn ich mich richtig erinnere, mit der Windrichtung zu tun haben, ich würde irgendeine unbedeutende Aufgabe an Bord übernehmen, zum Beispiel in der Küche aushelfen, ich würde mich mit dem chilenischen Koch anfreunden und dem zweiten Küchengehilfen aus Mozambique und der Koch würde erzählen, dass er seit zwei Jahrzehnten auf den Ozeanen unterwegs ist. Zwanzig Jahre?, würde ich fragen, ein unvorstellbarer Zeitraum, in dem er einiges durchgemacht haben musste. 

¡Así es!, würde der chilenische Koch antworten, den ich längst bei seinem Vornamen, Amaro, nennen darf, obwohl er meinen Vornamen niemals in den Mund nimmt. Spricht er mit mir, stelle ich mir vor, gebraucht er stets ein Pronomen oder deutet ein Nicken an, was mich anfänglich verletzt, bis ich merke, dass er das mit allen anderen genauso macht. Aus einer unerklärlichen Zaghaftigkeit heraus vermeidet Amaro die Namen der anderen, was, aber darauf werde ich erst später kommen, seiner Erfahrung geschuldet ist. Wer zwanzig Jahre lang die Schiffe und Besatzungen wechselt, gewöhnt sich schlecht an neue Gesichter, die ohnehin bald wieder verschwinden werden. Er bleibt auf Distanz, ist nicht unfreundlich, Freundschaften aber lässt er nicht zu. Vertrautheit vielleicht, eine Vertrautheit, die den täglichen Abläufen geschuldet ist. 

Amaro hat die anderen zu oft verschwinden sehen, würde ich mir sagen. Sie haben das Schiff verlassen, um auf anderen Schiffen anzuheuern oder sie blieben an Land oder sie kehrten in ihre Heimat zurück. Doch egal, was passierte, der Kontakt zwischen ihnen riss bald ab. Das macht man einige Zeit mit und dann gibt man auf. Am Ende ist nichts verlässlich, lerne ich aus Amaros Geschichte, weder das Wasser noch das Land. Sollte er zurück nach Santiago kehren, wird auch dort alles anders sein. Die Freunde sind über die Stadt verstreut, sie haben Familien, einige sind bereits an Krankheiten gestorben, viel zu früh, wie es heißt, auch wenn man nicht richtig an einen solchen Satz glaubt. Die vertrauten Bars sind geschlossen, die Cafés der Vergangenheit existieren nicht mehr oder haben neue Besitzer, die das alte Mobiliar herausgerissen haben und damit das Herz des Cafés. Das Haus der Eltern musste schon vor fünfzehn Jahren einem mittlerweile ausgestorbenen Hotel weichen und der Onkel hat sich in einem Außenbezirk der Stadt mit seinem kleinen Bauunternehmen ruiniert. Ist das überhaupt noch Santiago?, wird sich Amaro fragen, aber da ist niemand, der ihm eine Antwort geben kann. Die Leute auf der Avenida Salesianos laufen an ihm vorbei, einige fluchen, weil er wie eine Statue der Olmeken mitten auf dem Bürgersteig alles behindert. Im Hintergrund ragen die Anden in den Himmel, schneeüberzogene Gipfel, die Amaro an einen anderen Gebirgszug erinnern, dessen Name ihm in diesem Augenblick aber einfach nicht einfallen will. Weiße Gipfel, die wirken, als wären sie mit Zucker bestäubt oder mit Bleiweiß gestrichen und Amaro stellt sich die Spitze dieser Gipfel, den höchsten Punkt der Berge, so scharf wie eines seiner Küchenmesser vor, die er zwanzig Jahre lang geschwungen hat.

Natürlich besteige ich kein Schiff. Meine kurze Recherche im Netz bliebt ohne Ergebnis und außerdem macht dieser Plan auch überhaupt keinen Sinn. Was wäre schließlich mit K, sie will doch gar nicht zur See. Auch ich möchte mich ja eigentlich nicht in einen Matrosen verwandeln, ich stelle mir das alles nur sehr romantisch vor und eine Flucht wäre es auch. Merkwürdigerweise komme ich über das Flüchten nicht hinaus. Ich frage mich, wie es die anderen machen, ob sie auch diesen Drang in sich spüren, der in eine unbekannte Richtung zeigt und sich unglaublich schwer in Worte fassen lässt.

Ich möchte weg, sage ich mir, nur weg und dieses Weg bezieht sich, wenn ich ehrlich bin, ausschließlich auf das Geldverdienen, auf den Zwang, meine Zeit für etwas anderes zu verwenden als das Schreiben. Der Wunsch zu verschwinden hat mich immer begleitet, vielleicht, weil ich mich niemals richtig wohl gefühlt habe, niemals das Gefühl hatte, angekommen zu sein. Wohnungen, Städte, das alles bedeutete mir nie etwas. Ich frage mich, ob man wirklich einfach losgehen kann und was das heißt. Kündigen, alles verkaufen, die Wohnung aufgeben und dann mit einem Rucksack los? Zu Fuß durch Deutschland in Richtung Osten? Warum gerade in Richtung Osten? 

Erschöpft gebe ich die Suche nach einer Lösung auf und rekapituliere die zurückliegenden Tage. Ich habe 160 Bücher über rebuy verkauft, ich arbeite am Lektorat meines Romans, der nun im August erscheinen soll. Ich habe lange mit meiner Verlegerin das Für und Wider eines solchen Erscheinungstermins diskutiert, aber um ehrlich zu sein, möchte ich nur, dass die Gärten in der Wildnis endlich im Sommer erhältlich sind, damit ich beginnen kann, meinen zweiten Roman unterzubringen. 

In der Zwischenzeit schreibe ich wieder Bewerbungen und habe Vorstellungsgespräche, die mich derart langweilen, dass ich einen Moment lang überlege, einfach aufzustehen und ohne jede Erklärung den Raum zu verlassen. Die fassungslosen Blicke der anderen folgen mir, aber ich ignoriere sie. Sicher halten sie mich für einen Wahnsinnigen. 

Später höre ich Patrick Shiroishis i shouldn’t have to worry when my parents go outside bei geöffnetem Fenster und halte den Albumtitel für ganz ausgezeichnet, bis mich das Geräusch einer Kreissäge draußen im Hinterhof irritiert. Deshalb stehe ich auf und sehe hinaus, natürlich nicht so offensichtlich vorwurfsvoll wie ein Rentner, sondern eher wie jemand, der sich ganz zufällig für die Außenwelt interessiert. Als ich stehe, fällt mir plötzlich auf, dass die Kreissäge nicht draußen im Hinterhof dröhnt, sondern von Shiroishis Album stammt. Das finde ich natürlich sofort total genial.

Am Morgen, von sieben bis neun, lese ich Despentes Vernon Subutex, halte alles für gut, besonders die vielen Beleidigungen bringen mich zum Lachen. Nichts ist schließlich angenehmer, als einen aufgeblasenen Filmproduzenten als fettes Trottelgesicht eingeführt zu bekommen und da sich der Roman schnell liest, bestelle ich auf Amazon gleich Band zwei und drei, natürlich antiquarisch, denn auf die Preise von ZVAB ist mittlerweile auch kein Verlass mehr.

Ist es möglich, die Kreisläufe zu durchbrechen?, frage ich mich jetzt. Jahrelange war ich der Meinung, die Kreisläufe stammten aus der Welt, doch mittlerweile bin ich mir nicht mehr so sicher. Vielleicht stammt das alles auch aus mir, vielleicht verlangt die Welt überhaupt nichts, vielleicht bietet sie sich nur an, ohne auf die Verunsicherten Rücksicht zu nehmen. Ein Angebot, eine Einladung, mehr nicht. Man nimmt dich nicht an die Hand, man zeigt dir keinen Ausweg. Alles bleibt Andeutung, ein Vielleicht, die Möglichkeit. Und die Zeit läuft ab, sie läuft neben dir, hinter dir, stößt dich an, zieht an dir vorbei. Zweiundfünfzig Wochen, zwölf Monate, ein Jahr, dann sind es zwei, drei, vier, bald zehn. Und obwohl sich in einigen Sekunden die Gegenwart greifbar verkürzt, als würde sie sich in einen Gegenstand verwandeln, in einen Tisch zum Beispiel, an dem du sitzt und schreibst, ist diese Gegenwart doch nur eine Wiederholung in endloser Potenz, eine Wiederholung all des Unverständlichen, das jede Generation an die nächste weitergibt, ohne eine Lösung für jene Rätsel und Fragen gefunden zu haben, auf die es wirklich ankommt. Am Ende stehen alle ratlos herum und sehen sich an. Am Ende begreifen auch die meisten, dass besonders jenen nicht zu trauen ist, die den Besitz einer Antwort behaupten. Wir leben die Leben, denke ich, die man in allen Jahrhunderten findet. Dieselben Fragen seit so und so vielen Jahrtausenden und die gleichen vagen Antworten. Die gleichen Parolen. Vertrauen, Hoffnung, Glauben. Alle Fragen und das Meer, das sich nie verändert. Auch darin liegt eine seltsame Rücksichtslosigkeit. Das Meer hält sich bedeckt und wir machen weiter, es ist Montag, eine neue Woche, es ist Ende April und bald steht der Sommer da und fordert zu einer Reise auf oder zu einer Veränderung. Und vielleicht wird das Reisen sogar möglich sein. Dann studiert man die Zugverbindungen oder leiht sich ein Auto und macht sich damit auf den Weg, denkt auf der Fahrt an die Freiheit, die durch das geöffnete Fenster weht, an die Freiheit, die auch etwas ist, das sich ständig entzieht.

Anhaltender Fall, 13.-15. April

Nach der Rückkehr von meinen Eltern, steige ich am Morgen in den Zug und verlasse die Stadt. Am Bahnsteig, noch vor Einfahrt des Intercitys, warten die alten Bekannten, die ich seit vierzehn Tagen nicht gesehen habe. Als ich sie an ihren unverändert gleichen Plätzen entdecke, die alle Pendler schlafwandelnd einnehmen, ohne einen Gedanken an das morgendliche Ritual zu verschwenden, aus dem der Stillstand müde lächelt, dreht sich mir der Magen um. Doch wieder zurückzukehren, denke ich, dafür ist es bereits zu spät. Oder es ist noch zu früh dafür, ich bin mir nicht sicher. 

K hat meine Haare wieder kurz geschnitten, ich glaube auf dreiundzwanzig Millimeter (die Schnittlänge an meiner Haarschneidemaschine muss ich jedesmal eigenhändig einstellen, obwohl K mir meinen Kopf bereits ein dutzendmal abrasiert hat) und deshalb fühle ich die Kälte am Morgen wie einen fremden und eiskalten Körper, der ziemlich unsanft meine Kopfhaut berührt. Einen Moment lang (ich laufe über den Bahnsteig in Richtung des eigenen, angestammten Platzes und registriere bewusstlos das Ausbleiben der Regionalbahn aus Frankfurt am gegenüberliegenden Gleis), bin ich sogar der Meinung, die kühle Luft lege einen klaren Gedankengang in mir bloß, denn ich denke 

klar

Glas

etwas Transparentes

das, was durchsichtig scheint

Eis

Harsch (fremdes Wort)

Winter

die Oberfläche eines klaren Sees

die Oberfläche eines klaren, gefrorenen Gewässers

ein Finger vor einem Licht (zum Beispiel einer Lampe)

die neue, noch dünne Haut

dann alle Fenster, die nach dem Winter von Händen geputzt werden, deren Besitzer im Halbdunkel der Zimmer verschwinden und damit unsichtbar sind, ein Theater aus Fingern und Handflächen, vielleicht aber auch ganz etwas anderem; vielleicht nicht einmal ein Theater, vielleicht kein Auftauchen aus der Finsternis, sondern fliehende Zeichen, eine Bewegung, die zurück in die Dunkelheit führt

Als sich dieser Gedankengang einstellt, bleibe ich unerwartet vor der gelbmarkierten Raucherinsel in der Mitte des Bahnsteigs stehen und versuche das Ende des Fadens, an das sich die Fenster knüpfen, festzuhalten. Allerdings gelingt es mir nicht. Die Kette entzieht sich meinem Zugriff und verschwindet ohne jede Spur wie nach dem Aufwachen, denke ich. Die Traumschatten wirken noch greifbar, man glaubt da etwas zu erahnen, etwas zu deuten, nur fehlen die Worte, als fiele einem der Name eines vertrauten Gesichts nicht mehr ein, als riefe die Silhouette eines Menschen eine Erinnerung wach, die nicht vollständig fassbar wird, sondern in einem unterentwickelten Stadium verbleibt, eingefroren, konserviert, bevor das Erkennen möglich ist, eine Erinnerung, die somit unkenntlich bleibt für alle Zeit. 

Das darf doch nicht wahr sein, denke ich und gehe langsam weiter. Dass die anderen mit dir ihr Spiel treiben, reicht nicht aus, du selbst trittst also auch noch gegen dich an. Allerdings macht diese Beobachtung auf mich keinen nachhaltigen Eindruck.

Im Zug ziehe ich Salingers Catcher in the Rye aus meinem Rucksack, den ich zuletzt vor achtzehn Jahren im Englischunterricht las. Damals war ich halb so alt wie heute. Zum ersten Mal in meinem Leben nehme ich Bücher erneut zur Hand. Ich lese sie wieder, was mir früher, noch in meinen Zwanzigern, als absolute Zeitverschwendung vorgekommen ist, da die Menge guter, das heißt notwendigerweise zu lesender Bücher durch ein ausgelesenes Exemplar nicht schrumpft, sondern größer wird (darüber hätte Borges einmal schreiben sollen). Es ist wie auf einem langen, kurvenreichen Pfad, der durch einen Wald führt. Jede Kurve (jedes Buch) weist auf nichts anderes als auf die Fortsetzung des Weges hin und damit auf die Möglichkeit einer weiteren Kurve. Und das bis in alle Ewigkeit. Die Welt der Bücher schrumpft nie, egal, wie viel man am Ende liest und wahrscheinlich lässt sie sich auch deshalb als eigener Kosmos neben dem wirklichen Kosmos denken, der ja genauso wenig schrumpft, genauso dunkel bleiben muss wie dieser Bücherkontinent, der noch immer, nach allen Eroberungszügen, riesige schwarze Flecken besitzt, die vom Licht jedes Lesers unterschiedlich erhellt werden, ohne jemals in das Herz der Finsternis vorzudringen. Im Herzen läge dann das eine Buch, denke ich jetzt an meinem Schreibtisch und muss lachen, DAS EINE BUCH.

Zu den Büchern, die ich wiedergelesen habe, gehört Joseph Conrads Bericht über mich selbst. Ich hatte alles vergessen (was mich nicht überraschte), konnte mich aber an eine Szene erinnern, in der Conrads polnisch-ukrainischer Großvater die Hauptrolle spielt; ein Aufstand auf dem Land, die Erhebung der Landarbeiter gegen den Adel. Merkwürdigerweise aber hatte ich diese Szene nicht mit Conrad in Verbindung gebracht, sondern mit Nabokov. Ich hatte diesen Aufstand, den es in leicht abgewandelter Form tatsächlich auch für Nabokov gab, komplett in das Leben des Russen verlegt.

Salingers Catcher in the Rye ist eines der ersten, echten Bücher, die ich las. Damals bestand meine Welt, wenn ich mich richtig erinnere, nur aus Hesse und Hemingway, was an sich bereits nach einer katastrophalen Mischung klingt. Ich erkläre mir diese Verbindung aus meinem neuromantischen Charakter mit schwerem Hang zur Sentimentalität (Hesse) und meinem abenteuerlichen Herz (Hemingway), dem ich allerdings nur wenige Male in meinem Leben vertraute. 

Irgendwann, nachdem ich mich mit Simon anfreundete, wahrscheinlich als ich fünfzehn oder sechzehn war, kam ich auch mit Bret Easton Ellis in Berührung. Simon las damals American Psycho, lieh mir den Roman und dass jemand so etwas schrieb, dass eine solche Literatur dort draußen (in der Finsternis) existierte, konnte ich kaum glauben. Ich beschaffte mir Ellis‘ übrige Romane und tauchte ab. Ein solches Leben wollte ich leben, auch wenn ich eine Heidenangst davor besaß. Ein Leben, in dem Dinge passierten, die so fern von meiner eigenen Welt und Vorstellung lagen, dass es sich anfühlte, als würden mehrere, vollkommen verschiedene Wirklichkeiten nebeneinander existieren, die sich problemlos übersehen ließen.

Ellis gab das genaue Gegenteil von allen Büchern ab, die im Haushalt meiner Eltern ein verstecktes Dasein führten. Bis heute verstehe ich nicht, weshalb ich mich von diesen Büchern fern gehalten habe. Alle Klassiker standen in den Regalen, Dostojewski (von meinem Vater mit vielen kleinen Papierschnipseln zwischen den Seiten versehen, die oben aus dem Schnitt herausragten; eine Eigenart, die ich später übernommen habe), Tolstoi, Goethe, Schiller, Heine, Cervantes, Thomas Mann (Buddenbrooks und Zauberberg), Brecht, Fühmann, Strittmatter, Kazantzakis, Lem, Maupassant, Balzac, Hugo, selbst die Antike, das heißt Platon, Homer, Vergil, Ovid, Tacitus. Und natürlich der ganze Marx und Engels und sogar Stalin. Stalins gesammelte Werke schlug natürlich niemand jemals auf, Dschughaschwili war auch kein besonders guter Schreiber. Unglaublich, dass ich mich einige Jahre später durch den gleichen ersten Kapital-Band gequält habe wie mein Vater. Nur bestand für mich kein Zwang, sondern bloß eine Art Interesse. Natürlich habe ich nichts behalten.

Obwohl diese Bibliothek meiner Schwester und mir offen stand, führte sie im Hintergrund ein Eigenleben. Nicht einmal im Hintergrund, sie existierte, wie Möbel existieren, die einem nicht mehr ins Auge fallen. Sie sind einfach da, so wie alles in der Welt für ein Kind einfach da ist, man verschwendet an sie keinen Gedanken. Sie gehören zum Inventar einer von Beginn an eingerichteten Welt.

Auch wenn meine Mutter ständig las und uns, wie mein Vater auch, viel vorgelesen hat (Wolkows Der Zauberer der Smaragdenstadt beispielsweise, aber auch georgische Märchen, von denen mir besonders Iwan Bauernsohn mit unverfälscht kindlicher Intensität im Gedächtnis geblieben ist, die Geschichte eines jungen Mannes, der einen siebenköpfigen Drachen am Ufer eines Fluss erschlägt, wobei jeder abgeschlagene Kopf des Untiers sofort nachwächst), obwohl besonders meine Mutter also ständig ein Buch in ihrer Hand hielt, erinnere ich mich nicht, dass uns meine Eltern an die Literatur herangeführt hätten. Es gab keine Empfehlungen, vielleicht dachten meine Mutter und mein Vater auch, wir wären für das meiste zu jung. Obwohl die Bücher also greifbar blieben, rührte ich sie erst viel später an. Bevor ich sie anrührte, war ich draußen mit meinem Fahrrad unterwegs und mit Thomas, meinem besten Freund. Und als ich die Bücher schließlich entdeckte, gab es glücklicherweise gleich einen Haufen Hemingway.

An den Fänger im Roggen konnte ich mich vor dem Wiederlesen kaum erinnern. Nicht einmal eine Stimmung hatte sich nach diesen achtzehn Jahren in mir erhalten, nur Holden Caulfields Name war zurückgeblieben. Trotz meines schlechten Gedächtnisses hinterlassen Bücher, die mir etwas bedeuten, meist eine solche Stimmung, zumindest aber ein unsicheres Bild. Handlung, Figuren und Plot verliere ich bereits nach Monaten, sie lösen sich einfach auf und kommen mir dadurch nach und nach abhanden.

Auf dem Cover des Buches hat mein achtzehnjähriges Ich mit Bleistift eine schwer lesbare Zeile hinterlassen. Ich musste K fragen, ob sie in der Lage war, diese Zeile zu entziffern, da es mir einfach nicht gelang. 

„I am the catcher in the rye, steht dort“, erklärte sie.

Ich starrte auf das Cover, ohne mir wirklich sicher zu sein. Aber einen Schauer jagte mir diese mögliche Selbstbezeichnung doch über den Rücken.

Salingers perfekten Einsatz junger Sprache habe ich damals weder bemerkt noch verstanden. Caulfields ständige Hyperbeln, sein that killed me. Die vielen syntaktischen Wiederholungen, die er seinem Lehrer Mr. Spencer am Anfang des Buches unterstellt, die ihn unendlich langweilen und rasend machen und die er, ohne das selbst zu bemerken, doch ebenso ständig gebraucht. Die vielen altklugen Idiosynkrasien, old Phoebe, old Jane, old Ackley. Swell. Suave. Herrndorf hat das gut auf den Punkt gebracht, ich glaube in Arbeit und Struktur, als er schrieb, dass in den meisten Jugendbüchern kein Jugendlicher spricht, wie ein Jugendlicher tatsächlich spricht. Caulfields Sprache nimmt man ihm ab und mit der Sprache den Jugendlichen selbst.

Die umfassende Anklage Holdens, sein Vorwurf an die Welt, auf deren Schwelle er steht, um dahinter nichts weiter als eine Ansammlung von phonies zu erkennen, fing Salinger in ihrer ganzen Schärfe und Entschiedenheit ein. Genialerweise aber übersah er auch die Kehrseite dieser unnachgiebigen Schärfe nicht. Unnachgiebigkeit, genau das ist Jugend, sage ich mir jetzt, Jugend muss unnachgiebig sein, sie braucht nicht abzuwägen. Den wenig reflexiven Blick des Jugendlichen auf sich selbst, die nur ansatzweise ausgeprägte Fähigkeit, die eigene Persönlichkeit wahrzunehmen und auf Distanz zu rücken, um das Verhalten kritisch zu befragen, das alles vergaß Salinger nicht. Diese Selbstbefragung holt die meisten erst in ihren Zwanzigern ein, denke ich. Eine Selbstbefragung bis zur Lähmung, bis man glaubt, den Verstand zu verlieren und der Welt nichts anderes zu bieten, als die eigene Verunsicherung und Unfähigkeit.

Auch das große Bild des Fängers im Roggen verstand ich damals im Englischunterricht nicht. Ich verstand es genauso wenig wie den Kern von Hemingways Der alte Mann und das Meer, über den ich im Abitur eine lange Klausur schreiben musste. Meine Englischlehrerin kam später auf mich zu und wollte wissen, ob mir das Altern des Mannes entgangen sei. 

„Das Alter?“, fragte ich. „Der Mann ist alt und verliert seinen Fisch. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?“

„Nicht das Alter“, erklärte sie. „Das Altern. Das Älterwerden.“

Ich begriff nicht, worum es ihr ging und habe das auch später erst verstanden. Doch wie ein Achtzehnjähriger ausgerechnet eine Vorstellung vom Älterwerden besitzen sollte, bleibt mir bis heute unbegreiflich. Es zeigt vielmehr, dass die Alten längst das Jungsein vergessen haben, dass sie sich nicht einmal mehr ansatzweise an den Horizont des Jungseins erinnern können.

Das große Bild von Salingers Roman taucht spät, im letzten Drittel des Buches, auf. Holden erinnert sich falsch an den Vers eines Gedichtes und dann spricht er über den Fänger im Roggen. 

Er sieht ein Kornfeld, das auf einer Klippe wächst und durch die hohen Ähren dieses Kornfelds irren Tausende Kinder. Sie spielen, sie laufen herum, aber sie sehen den Abgrund nicht, denn das Korn wächst zu dicht, sie ahnen also nichts von der Gefahr, in der sie sich befinden. Holden steht als Fänger an der Kante des Kliffs und wacht über sie. Er rettet die Kinder vor dem Absturz, sichert sie gegen den tiefen, tödlichen Fall. 

Hinter der Klippe, im Nichts, wartet die Welt der Erwachsenen, der phonies, Angeber und Heuchler, derjenigen, die sich auf die Seite der Verstellung geschlagen haben, um nun Falschheit zur unumstößlichen Wahrheit zu erklären. Was Holden nicht begreift, sein ehemaliger Lehrer Mr. Antolini aber sehr genau, ist der Umstand, Holden stünde nicht wirklich am Rand der Klippe, sondern bereits einen Fußbreit hinter ihr, im Abgrund selbst. Antolini glaubt, Holden stürze die ganze Zeit, ohne etwas davon zu bemerken, genauso wenig, wie die Kinder im Kornfeld den Abgrund erahnen, und wahrscheinlich hat der Lehrer mit dieser Beobachtung recht. Holden glaubt, immer noch auf der Kante zu stehen, während es sehr wahrscheinlich ist, dass er den Boden unter den Füßen seit einiger Zeit bereits verloren hat.

Im Gespräch beschreibt Antolini Holdens Sturz und ein Detail dieser Beschreibung machte mich beim Wiederlesen fast wahnsinnig. Es traf mich, als wäre ich selbst noch sechzehn, als wäre ich noch immer Caulfield. Als hätte sich nichts in mir verändert, nichts getan, als wären nur die Jahre vergangen, spurlos die Zeit, spurlos die Tage, Wochen und Monate.

Antolini sagt: „This fall I think you’re riding for – it’s a special kind of fall, a horrible kind. The man falling isn’t permitted to feel or hear himself hit bottom.“

Dieser Satz steht in seiner Präzision auf einer Stufe mit Conrads Beschreibung des Outpost-Managers in Heart of Darkness. Vielleicht schreibe ich später einmal darüber. Das Unheimliche des Satzes hängt mit der Ahnungslosigkeit des Fallenden zusammen. Er glaubt zu fallen, immer zu fallen, ohne das Ende fühlen oder hören und somit erahnen zu können und dieses Ende (der Tod) muss deshalb mit einer Plötzlichkeit vor ihm aufzucken, die keine Rettung mehr gestattet. Der Sturz ist ausweglos, darin liegt der Horror. Während man noch glaubt, am Ende, trotz aller Aussichtslosigkeit, davon zu kommen, ist vielleicht alles schon von Beginn an verloren.

Nichts davon verstand ich mit achtzehn, obwohl ich mich irrsinnigerweise nun, mit sechsunddreißig Jahren, in einen jugendlichen Protagonisten hineinversetzen kann. Während des Lesens tauchte ein paar mal in mir die kaum zu ertragende Frage auf, ob ich die grundsätzliche Ahnungslosigkeit, was Holdens Sturz anbelangt, jemals hinter mir gelassen habe. Wahrscheinlich habe ich Holdens Ausschließlichkeit und Unnachgiebigkeit überwunden. Das bringen das Älterwerden und die Erfahrungen mit sich, die man, ohne es zu wollen, zwangsläufig sammelt. Die vielen Menschen, mit denen man umgegangen ist und die einiges relativierten, um es dadurch in ein anderes, nachvollziehbares Licht zu rücken. Die Erkenntnis, die Welt sei nicht aus schwarzen und weißen Figuren gebaut, sondern aus zahllosen, fein abgestuften grauen Flächen. 

Doch Holdens unbewusster Sturz, ich weiß nicht, dahinter steckt etwas Schreckliches, eine grauenhafte Realität. Bis heute besitze ich kein Gespür für den möglichen, eigenen Fall. Falle ich oder stehe ich? Ich weiß es nicht. Beide Zustände sind manchmal kaum zu unterscheiden. Sie liegen viel zu nah beieinander, denke ich, sie berühren sich zu sehr. Am Ende gehören sie vielleicht sogar zusammen. Dann liefe man jahrelang eine Treppe hinauf, ohne zu ahnen, die ganze Zeit hinabzusteigen.

Monate in Leipzig, 11. April

Was hätte ich nicht alles tun sollen. Ich hätte meinen Freunden schreiben sollen und den flüchtigen Bekannten. Ich hätte mich bei ihnen melden sollen, ich hätte meinen alten Freunden und den losen Bekanntschaften schreiben müssen, ich hätte den Abstand zwischen uns nicht entstehen lassen dürfen, das allmähliche Fremdwerden, die Wortlosigkeit, das grundlose Auseinandergehen. Die Fäden gehen auseinander wie in einem alten Teppich, denke ich, das Gewebe löst sich auf und das Muster tritt nach und nach in den Hintergrund, als betrachte man eine Fotografie, die jahrelang im Licht lag, auf der man kaum noch etwas erkennt. Am Ende bleiben auch im Teppich nur einzelne, bunte Fäden zurück, die so scheinen, als wären sie zufällig miteinander verbunden, als bestünde kein engerer Zusammenhang. Der Teppich wäre dann nichts anderes als Fiktion, ein hinzugedachtes Ganzes.

Ich hätte also eine Nachricht auf meinem Telefon tippen müssen oder eine Mail auf meinem Rechner (ich besitze die Adressen noch, ich habe sie nie gelöscht). Ich hätte ein einfaches Wie geht es dir?, Was machst du? schreiben müssen, ich hätte mich somit erkundigen sollen nach dem Verlauf der fremd gewordenen Leben. Es hätte einiger Fragen bedurft und diese Fragen wären von den anderen vielleicht als Versuch eines neuerlichen Beginns verstanden wurden, einer wiederaufgenommenen Geschichte sozusagen. Ich hätte das alles tun sollen, auch wenn mich kein innerer Grund zu einer derartigen Handlung zwang, obwohl ich die Notwendigkeit, mich bei meinen alten Freunden zu melden, nur in seltenen Augenblicken spüre. Jetzt ist so ein Augenblick und wie andere Stimmungen auch taucht dieser Augenblick ganz unerwartet vor mir auf. Ich sitze an meinem Schreibtisch, draußen ist endlich alles grün, es ist weder warm noch kalt, der Himmel wirkt grau und erinnert mich an groben Filz, es regnet leicht und der tröpfelnde Regen plätschert auf das Wellblechdach der Garage, das an vielen Stellen unter einem Moosteppich verschwindet. 

Ich spüre die Notwendigkeit, einem anderen zu schreiben fast nie und deshalb habe ich zwei, drei, vier oder fünf Freunde in den vergangenen Jahren verloren. Auch habe ich nie besonders viele Freunde besessen. Manchmal glaube ich sogar, mich nur auf sehr wenige Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung konzentrieren zu können. Alles, was darüber hinaus reicht, überfordert mich, denn ich verbringe ganz einfach zu viel Zeit allein. Ich liebe es, allein zu sein, aber auch diese Liebe hat ihre Grenzen. Am Ende brauche ich die anderen, doch es können Wochen vergehen, bis sich dieses Bedürfnis in den Vordergrund schiebt, lange Wochen, Monate sogar. 

Manchmal werfe ich mir vor, die anderen nur in Zeiten der Schwäche zu brauchen, sie also zu benutzen, um meine Stimmung zu heben. Um mich zu versichern, ich sei noch nicht verloren, ich wäre am Ende nicht allein. Ich hätte jemanden in dieser Welt, so merkwürdig das auch klingt. Dabei sind beispielsweise fast alle Freunde aus meiner kurzen Zeit in Leipzig verschwunden, Freunde, die vierundzwanzig Monate in meinem Leben gewesen sind, mit denen ich Nachmittage und Abende verbrachte, mit denen ich mich stundenlang unterhielt, zu denen ich mich hingezogen fühlte, die mir nah waren, mit denen ich alles besprach. Einige der Namen fallen mir jetzt nicht mehr ein, aber ich erinnere mich an Franka und Saskia, mit denen ich gemeinsam im Buchladen gearbeitet habe, einem schrecklichen Geschäft, das Teil einer größeren deutschen Buchhandelskette gewesen ist.

Wir verkauften in jenem Sommer 50 Shades of Grey, jeden Tag 50 Shades of Grey, wochenlang, ohne Pause. Das Buch wucherte regelrecht auf den Auslagen, es breitete sich in unheimlicher Weise aus, man konnte gar nicht genügend Exemplare auslegen, um den Wahnsinn der Leute zu befriedigen. Riesige Bücherstapel wurden von uns am Morgen aufgebaut, um sich während eines kurzen Vormittags restlos zu verkaufen. Die Bücher mussten permanent gedruckt und in alle Buchläden des Landes transportiert werden, die Lieferketten durften nicht abreißen, plötzlich ging es hier um Leben und Tod, die Druckereien arbeiteten rund um die Uhr, weiteten den Schichtbetrieb aus, denn die Nachfrage war wirklich ganz unglaublich, sie war regelrecht schockierend, die Leute hielten es einfach nicht mehr aus, ohne dieses Buch durch den angebrochenen Sommer zu gehen und Franka, Saskia und ich sahen uns über die Auslagen hinweg völlig ratlos an, während ich an der Kasse einen Band nach dem nächsten über den Scanner zog und mit meinen Schultern zuckte.

Von meinem Platz hinter der Kasse aus musterte ich die vierzig- oder fünfzigjährigen Frauen, die manchmal verschämt den Buchladen betraten, als fühlten sie sich beobachtet, manchmal aber kamen sie auch offen auf mich zu und erkundigten sich nach dem Roman, dessen Figuren wirklich irrsinnige Namen wie John Steele trugen, wenn ich mich richtig erinnere. Selbst diesen Frauen schien bewusst, dass 50 Shades of Grey als gnadenloser Softporno vermarktet wurde und manche, das sah ich ganz deutlich, schämten sich für ihren Kauf, konnten die Neugier aber doch nicht überwinden.

Zwei oder drei Mal am Tag kam es vor, dass jemand ein echtes Buch auf die Kasse legte. Ich erinnere mich noch gut an ein Mädchen, wahrscheinlich eine Studentin, die Prousts Im Schatten junger Mädchenblüte kaufte, was ein wirkliches Ereignis war. Jahrelang habe ich in Buchgeschäften gearbeitet und Proust kaufte tatsächlich keine Sau, wirklich niemand, die Leute hatten vor der Suche nach der verlorenen Zeit regelrecht Angst, genauso wie vor Manns Joseph-Tetralogie, an den Ulysses allerdings traute sich jeder verpickelte Achtzehnjährige in völliger Verblendung heran und Infinite Jest habe ich hundertfach verkauft, obwohl natürlich feststand, dass dieser Ziegel ungelesen in den Bücherregalen verschwand, um Staub anzusetzen.

Wahrscheinlich ist Prousts Suche nach der verlorenen Zeit der meistbesprochene Roman, den niemand gelesen hat. Als ich in Berlin studierte, gab es zwei junge Literaturdozenten, die ich flüchtig über eine Freundin kennenlernte. Sie sprachen pausenlos über Proust und seine Recherche, denn natürlich ging ihnen der Titel des Romans nur im Original über die Lippen, um dann eines Abends in einer Kneipe, als beide schon ziemlich betrunken waren, lachend zu erklären, sie hätten das Buch, das in jedem ihrer Seminare eine Rolle spielte, tatsächlich nie gelesen. Sie erzählten lachend diese Lüge, als erinnerten sie sich an einen Streich, den sie vor fünfzehn oder zwanzig Jahren in ihrer auch später nie überwundenen Beschränktheit verübt hatten.

Bis heute spüre ich die Verachtung, die ich damals empfand. Die Literatur war für mich stets ein Mittel, das Lüge, Verstellung und Scheinheiligkeit schonungslos aufdeckte, das somit nur die Wahrheit und das unverstellte Leben zuließ und diese verlogenen Literaturwissenschaftler zogen ohne Gewissensbisse all das in den Dreck, machten es gemein. Sie sprachen über Proust, weil es zum guten Ton am Institut gehörte, nicht, weil sie Proust gelesen hatten oder für ihn brannten, nein, Proust war ihnen vollkommen egal und nicht nur Proust, die Literatur selbst war ihnen gleichgültig, sie heuchelten ein Interesse, das sie niemals empfanden und gaben nur vor etwas zu sein, das sie tatsächlich in keiner Sekunde waren. Niemand, der aufseiten der Literatur stand, sagte ich mir damals, wäre in der Lage, eine solche Lüge von sich zu geben, ohne daran zu ersticken, die Scheinheiligkeit hätte ihn umgebracht. Die echte Literatur verlangte Wahrheit und schloss Heuchelei und Lüge ganz einfach aus. 

Damals in Berlin fühlte ich mich so verletzt, als hätte man mich persönlich beleidigt. Am liebsten wäre ich aufgestanden, um wie ein Wahnsinniger um mich zu schlagen, aber natürlich sagte ich kein Wort, sondern lief bloß rot an.

Die beiden Dozenten sind heute sicher längst habilitiert und lehren deutsche und französische Literatur an einer angesehenen Hochschule. Man hält im Kollegenkreis sehr viel auf sie und ihre Expertise, sie haben ein paar ganz erstaunliche Aufsätze verfasst und gelten als Kenner und ausgezeichnete Pädagogen. Aus dem akademischen Lehrkörper sind sie nicht mehr wegzudenken.

In der Buchhandlung führte ich innerlich eine Strichliste und zählte die wirklich guten Bücher, die ich an einem Tag verkaufte. Ich bin mir sicher, niemals über fünf gekommen zu sein. Meine Bedingungen, um auf der Liste der guten Bücher zu landen, waren strikt und total borniert, dennoch aber hielt ich an ihnen fest, als ginge es um mein Leben. Und tatsächlich ging es in gewisser Weise während dieser langen Sommertage wenn nicht um mein Leben, so doch um meinen Verstand, um meine geistige Gesundheit, die innere Landschaft sozusagen, die aus Büchern und Texten bestand, die selbst das Leben waren, die dem Leben glichen, in denen das wahre Leben eingeschlossen lag und nicht das falsche und übertriebene, das von stümperhaften und unwahren Klischees zusammengehaltene wie in jenen Romanen, die ich täglich kiloweise verkaufte. Wie in den müden und leidenschaftslosen Biographien, denen ich damals überall begegnete. Das geregelte Leben sprang mich in seiner ganzen Stupidität und Ausweglosigkeit an, manchmal erschien es mir als einzige Wirklichkeit, die sich unaufhörlich näherte, der ich am Ende womöglich nicht entging. In den Büchern und in der Wirklichkeit war das geregelte Leben gleichermaßen unerträglich.

Manchmal glaubte ich fest, nur die Liste der guten Bücher würde mein Überleben sichern, wäre im Meer des Mittelmäßigen und Geschäfts ein untrügliches Zeichen für die Existenz des Höheren, dessen, was sich durch den Alltag nicht zerstören ließ, das für immer unantastbar über allem stand. Echte Literatur blieb ein Ausweg, sie war ein Zeichen dafür, dass es mehr gab als den Weg zur Arbeit, das Studium, die eigene Verunsicherung. Die Bücher auf meiner Liste waren wahr, sie sprachen authentisch über das Leben, dokumentierten alles, was das Leben ganz grundsätzlich für den Menschen bereit halten konnte, im Kleinen wie im Großen. Und die Bücher, die ich verkaufte, taten das nicht. Sie nahmen das Leben weder ernst noch interessierten sie sich in irgendeiner Weise dafür. Sie verkauften sich und das war alles. 

Am Abend, nachdem wir den Laden geschlossen hatten, trafen wir uns häufig in Frankas WG, tranken Bier oder billigen Wein und führten endlose Gespräche.

Saskia schrieb, wie ich bald herausfand. Franka hielt sehr viel auf ihre Erzählungen, aber ich bekam nie eine zu Gesicht, sicher auch, weil ich mich von ihrem Talent, das Franka mehrfach in meinem Beisein betonte, eingeschüchtert fühlte. 

Wir unterhielten uns miteinander, wir liefen durch die Leipziger Parks, die Wäldern glichen, wir kamen in Cafés zusammen und debattierten über die Notwendigkeit des Glücks, ob das Ziel des Lebens sich nur in diesem erschöpfte, was ich selbstverständlich vehement verneinte. Franka vermittelte mir einen Kontakt zum Mainzer Ventil Verlag, den ich niemals angeschrieben habe. Damals dachte ich noch, ich würde über Robert Walsers frühe Romane promovieren und Franka hatte das einem Freund gegenüber erwähnt, der im Ventil Verlag arbeitete und sich ebenfalls für Walser interessierte. 

Ich wusste nicht, was ich ihm hätte schreiben sollen. Ich wollte mich nicht anbiedern, ich habe nie Kontakte geknüpft, um daraus einen Vorteil zu ziehen. Auch schrieb ich in Leipzig an keinem Roman oder Buch, ich schrieb nur selten und dann ausschließlich für mich, kürzere Texte, manchmal Gedichte, die ich allerdings niemandem zeigte. 

Nach zwei Jahren zog ich aus Leipzig in die Nähe von Stuttgart, um meine erste Stelle anzutreten. Ich verabschiedete mich von Franka und Saskia, die kurze Zeit später nach Hamburg ging, da sie dort einen Job gefunden hatte und obwohl ich beiden versicherte, häufig zurück nach Leipzig zu kommen, damit wir in Kontakt blieben, habe ich nichts dergleichen getan. Wahrscheinlich schrieb ich noch ein oder zwei Mails und dann schlief alles ein. Ich glaube mich jetzt sogar an Geburtstagswünsche zu erinnern, die wir noch zwei oder drei Jahre später als einziges Lebenszeichen aneinander schickten, doch bald schon herrschte Stille zwischen uns.

Etwa eineinhalb Jahre nach meinem Umzug schrieb ich Franka eine lange Mail. Damals arbeitete ich im Deutschen Literaturarchiv und war unfähig zu begreifen, wie ich ausgerechnet an diese Stelle gekommen war, in der sich alles in Luft auflöste, was ich mit meiner Vorstellung von Literatur verband. Im Archiv herrschten die Karrieristen und Bürokraten, die Literatur blieb das Mittel zum Zweck, um höher hinaus zu kommen, nach Weimar, nach Berlin, an all die klangvollen Akademien. Ich verstand einfach nicht, wie jemand in der Lage war, die Literatur zum Geschäft und zur Karriere zu machen. In meinen Augen verriet man damit die Literatur, man verriet die abgewandte Seite der Wirklichkeit, man nutzte die Kunst, um sich an ihr zu bereichern und trat gerade diejenigen mit Füßen, die an dieser, auf das Geschäft gerichteten Wirklichkeit zugrunde gegangen waren. Die an der Welt derart krankten, dass nur das Schreiben half. Randexistenzen, die außerhalb der Gesellschaft vegetierten, verschrien und häufig bespuckt und nun, einige Jahrzehnte später, benutzte man sie, um im akademischen Betrieb voranzukommen und machte sich damit zum Diener einer Logik, an der so viele Schreibende kaputt gegangen waren, die sie zerstört hatte.

Die Zerbrechlichkeit der Texte verschwand in Marbach, man kämpfte gegeneinander, man stritt sich um Stellen. In meinen zweieinhalb Jahren habe ich nicht einen Angestellten begeistert über das sprechen hören, was man in den Archiven verwahrte. Sprach man doch einmal über die Manuskripte und Bibliotheken, leuchteten keine Augen, als verstünde man nicht, was man in den Händen hielt. Die Gesichter belebten sich erst dann, wenn sie einen Vorteil witterten, die Aussicht auf eine Publikation beispielsweise, die ein neuer Nachlass versprach.

In meiner Mail an Franka versuchte ich ziemlich hilflos mein langes Schweigen zu erklären. Ich schrieb einige Sätze über die zurückliegenden Monate, kam häufig ins Stocken und schickte die Nachricht schließlich, ohne weiter über sie nachzudenken, ab. Franka hat mir nie geantwortet und ich nahm ihr das Ausbleiben einer Antwort nicht übel. Um ehrlich zu sein, hatte ich damit sogar gerechnet.

Vielleicht bedeuten mir die anderen einfach zu wenig, denke ich. Vielleicht, sage ich mir manchmal, bedeuten sie mir nicht genug. Vielleicht stimmt es, was man einige Male in meinem Leben über mich sagte, dass ich mich zur Gemeinschaft zwingen müsste, dass ich mich zwingen müsste, Kontakt zu halten. 

Aus sieben Jahren Berlin, der Zeit meines Studiums, sind mir drei Freunde geblieben. Die Übrigen kommen mir ab und an in den Sinn, allerdings kann es passieren, dass ich mich zwei ganze Jahre nicht bei ihnen melde. Je mehr Zeit vergeht, um so schwieriger wird es, den Faden wieder aufzunehmen. Und irgendwann ist der Punkt erreicht, der keine Rückkehr mehr gestattet. Zu viel muss erklärt, zu viel aufgeholt werden, um einander zu verstehen. Man muss das halbe Leben rekapitulieren und eine solche Erklärung ist mühsam und nicht ungefährlich. Man berührt alte Wunden und weiß nicht einmal, wer der andere eigentlich ist, was aus ihm geworden ist, man hat ihn seit vier oder fünf Jahren nicht mehr gesehen. Nur die Stimmen klingen vertraut, doch man muss vorsichtig bleiben. Auch das Vertrauen verwandelt sich mit der Zeit, es ist wie junges Eis, denke ich, das auf den ersten Blick so erscheint, als könne es dich tragen und dann setzt du den linken Fuß auf die durchsichtige Fläche und nichts passiert, doch als du deinen rechten Fuß auf das Eis setzt, hörst du ein Geräusch wie einen Peitschenhieb, das über dem gefrorenen Wasser zittert und die späten Enten im Schilf erschreckt. Die Luft ist so kalt und klar, dass sich das Echo der berstenden Eisfläche minutenlang über deinem Kopf hält, als stündest du unter einer Glocke aus Glas, einem monumentalen gläsernen Sturz, dessen durchsichtige Wände unberührbar bleiben und in dem das Echo, ohne schwächer zu werden, von einer Seite zur anderen hallt, hin und her, ein Peitschenknall oder ein Schuss, dessen Klang nicht verschwindet, der sich eigensinnig hält, an Lautstärke gewinnt und dann doch verliert, der irgendwann mit dem Himmel und seinen Geräuschen zusammenfließt, bis er schließlich von deinem eigenen Atem und dem Herzschlag in deiner Brust nicht mehr zu unterscheiden ist.

Freitag, 9. April

Am Kaffeevollautomaten meiner Eltern ziehe ich mir am Morgen einen Espresso nach dem nächsten und genieße die Bequemlichkeit. Die Bohnen rasseln im Mahlwerk, die Maschine löst sich für Augenblicke in Geräuschen auf, die für mich nach unergründlicher Mechanik klingen, nach technischen Zusammenhängen, die ich nicht verstehen würde, auch wenn man sie mir in einfachen Worten erklärte und dann fließt der schwarze Kaffee aus einer metallenen Düse in die kleine Porzellantasse mit Goldrand. Ich bin mir nicht sicher, woher meine Eltern diese Tassen haben, die sie Mokkatassen nennen. Früher, als es dieses Haus und den Vollautomaten noch nicht gab, existierten auch die kleinen Tassen nicht. Sie sind später dazugekommen, haben sich stumm in das übrige Geschirr gefügt, ihre Herkunft bleibt geheim so wie die Herkunft vieler anderer Gegenstände in diesem neuen Haus auch. 

Ich finde die Tassen nicht einmal besonders schön. Sie wirken antiquiert und ein wenig großmütterlich und bereits auf den ersten Blick war mir klar, dass ich mich nie für eine solche Tasse entscheiden würde. Der nach oben breiter werdende Schwung steht zum harten Winkel des Henkels in Widerspruch und auch der falsche Goldrand wirkt übertrieben und suggeriert einen Wert, den diese weiße Tasse kaum besitzt. Vielleicht besteht sie nicht einmal aus echtem Porzellan, sondern nur aus einer günstig herzustellenden Keramikvariante. Die ganze Tasse wäre dann Verstellung, schöner Schein, ein Betrug, der vielleicht niemanden verletzt, der aber auch unsinnig ist, wie ich denke, denn man hätte das falsche Gold einfach weglassen, man hätte auf den Betrug verzichten können.

Ich stehe vom Küchentisch auf und schalte die Kaffeemaschine wieder an. Einige Symbole beginnen auf der oberen Gehäuseseite zu leuchten. Per Knopfdruck lassen sich ein einfacher und ein doppelter Espresso auswählen und ich drücke auf das silberne Piktogramm, das eine kleine, dampfende Tasse darstellen soll. Das Mahlwerk setzt sich unverzüglich in Bewegung, die Maschine, lese ich auf einem kleinen Metallschild an der Front des Vollautomaten, ist eine Severin und das ist, wenn mich nicht alles täuscht, ein preisgünstiger Hersteller. Im Gegensatz zu K recherchieren meine Eltern nicht erst lang im Netz, bevor sie sich für ein Haushaltsgerät entscheiden. Die Überlegung, ob das, was man kauft, auch das Beste sei, hat sich für meine Eltern, so lang ich mich erinnern kann, niemals gestellt. Dieser Gedanke scheint ihnen grundsätzlich fremd. Aus welchem Grund sollte man das Beste besitzen? Wer ist man, dass nur das Beste in Frage käme?

Meine Eltern haben keinen Sinn für das Raffinement, für das Ausgesuchte, übertrieben Luxuriöse. Unsere Familie besitzt keine feinen Zungen und das hat sich auch auf mich vererbt. Die Küche bleibt ein Raum der Notwendigkeit. Man muss essen und man muss trinken. Es ist ein wenig bequemer, einen Kaffeeautomaten per Knopfdruck zu bedienen, als eine Kanne Filterkaffee zu kochen, doch über den Geschmack des Automatenkaffees macht man sich keine Gedanken, man vergleicht die unterschiedlichen Geräte und Modelle nicht, man beschäftigt sich weder mit korrektem Wasserdruck noch entsprechender Temperatur, mit der Körnung und Präzision des Mahlwerks und so weiter. Meine Eltern messen solchen Details keinen Wert bei und unterstellen all jenen, die sich mit derartigen Dingen beschäftigten, eine übertriebene und letztlich grundlose Blasiertheit. Am Ende interessiert es sie nicht, ob der Espresso aus einer Maschine stammt, die einhundert oder dreitausend Euro kostet, sie schmecken nur Kaffee. Für diese feinen Unterschiede gab es in meiner Kindheit keinen Raum und bis heute hat sich in mir eine tiefe Abneigung gegen jene erhalten, die auf diese Unterschiede Wert legen, einen Wert, den ich, obwohl ich es besser weiß, häufig als haltlos und lächerlich empfinde, ein übertriebener Wert, an den man nur vorgeblich glaubt, obwohl er nicht wirklich existiert. Ein Wert somit, der jeder Grundlage entbehrt, der Verankerung in der Wirklichkeit und deshalb nur vorgeblich vorhanden ist. Schaut man genauer hin, sagen meine Eltern, ist alles nicht ganz so weit voneinander entfernt, wie man anfangs behauptet.

Das weiche Morgenlicht (der Himmel ist wieder bedeckt, obwohl es über Nacht etwas wärmer geworden ist), fällt durch das breite Fenster in die Küche, legt sich auf den Naturstein am Boden, auf den weißen Tisch, die Schränke und Küchengeräte, auf die beiden Pflanzen, die auf dem Fensterbrett stehen, auf die Keramikfigur des Froschkönigs, auf eine ebenfalls aus Keramik gefertigte Dose in Form eines orange bemalten Kürbisses, auf die Holzfigur eines Osterhasen, die beiden an den Fensterrahmen gelehnten CDs von Element of Crime. 

Während ich schreibe, beginnt es draußen über dem Vorgarten, der in Richtung Wald zeigt, zu schneien. Keine feuchten, schweren Flocken, sondern winzige, weiße Punkte, die weniger schweben, als dass sie lotrecht zu Boden fallen. Das Gestöber gewinnt an Kraft, wirkt für eine Sekunde fast wütend, das Weiß vergrößert sich und verdrängt die anderen Farben vor meinen Augen (vor allem das Grün der Tannen und Kiefern) und dann hört es plötzlich wieder auf, als hätte man einen Schalter umgelegt. 

Vogelstimmen, die kurz geschwiegen haben, tauchen wieder auf. Ich höre einen unsichtbaren Specht, sein Klopfen stammt aus dem Wald, ist so etwas wie ein Zeichen, doch wofür, frage ich mich, kann dieses Klopfen ein Zeichen sein, wenn nicht für das Unsichtbare selbst, für all das, was sich ohne unser Zutun und in unserer Abwesenheit ereignet, im Stillen, im Schatten unserer Ignoranz sozusagen, da wir die meiste Zeit der Meinung sind, auf alles zuzugreifen, obwohl wir am Ende vielleicht nur die Hälfte oder ein Viertel verstehen.

Tannenfeld, 7. April

Etwa zwanzig Minuten brauchen wir vom Haus meiner Eltern bis nach Tannenfeld, das kein richtiger Ort ist, kein Ort im eigentlichen Sinn zumindest, sondern eine Art Kurpark. Wir nehmen die Straße am Wald entlang, queren das Dorf, dessen Namen ich mir nicht merken kann und fahren bald auf die Autobahn in Richtung Leipzig. Ich trete das Gaspedal komplett durch, denn die rechte Spur wird von einem LKW belegt, doch das ist für unser Auto überhaupt kein Problem. Der Mercedes (für den ich mich natürlich ziemlich schäme, denn ein solcher Wagen passt in keiner Weise zu mir und meinem, zumindest innerlich ganz ungepassten, etwas aus der Welt gefallenen Selbstbild), beschleunigt auf der Stelle und deshalb ziehen wir rechts am LKW mit aufheulendem Motor vorbei und scheren gleitend vor ihm ein. 

Für wenige Kilometer folgen wir der Autobahn, verlassen sie aber bereits an der nächsten Abfahrt. Dann kommt eine Landstraße, auch hier herrscht wenig Verkehr und das ist vielleicht verständlich, denn es ist Mittwoch gegen zwölf und die meisten Leute werden auf der Arbeit sein oder noch zu Hause in den Osterferien. Neben der Landstraße liegen weite Felder, einige grün, die anderen noch braun oder schwarz. Wir halten an einer Kreuzung, die aus dem Nichts vor uns auftaucht. Gleich links entdecke ich eine Tankstelle, an der wir auf dem Rückweg halten könnten, wie ich K gegenüber erkläre. Wir haben nur noch wenig im Tank und hier draußen, außerhalb der Stadt, ist das Benzin doch immer günstiger, wenn ich mich richtig erinnere.

Die Ampel schaltet auf Grün und ich beschleunige. Die Felder ziehen an uns vorbei, K erklärt, die Landschaft wäre langweilig und beginnt zu singen. Der Turm dort ist langweilig, singt sie, die Felder sind auch langweilig, das ist eine ganz langweilige Landschaft, langweilig. Langweilig!

Wahrscheinlich hat sie sogar recht.

Nach einem weiteren Kilometer taucht rechter Hand zwischen den erdigen Feldern ein Waldstück auf.

„Das ist es“, sage ich und suche bereits aus der Entfernung nach dem abzweigenden Weg, was nicht ganz einfach ist, da wir mit einhundert Stundenkilometer recht schnell unterwegs sind und das Waldstück immer näher rückt.

Ich setze schließlich den Blinker, schaue in den Rückspiegel und bemerke einen weißen Lieferwagen. Nicht einmal eine Autolänge passt zwischen ihn und uns, obwohl der Fahrer doch erkennen muss, dass wir nicht aus der Gegend sind, sondern aus Hamburg, zumindest unserem Nummernschild nach. Ich hasse Leute, die zu dicht auffahren und kann mir nicht vorstellen, was der Mann im weißen Transporter um diese Zeit so eilig zu tun haben will. Aber vielleicht regt ihn auch einfach nur das fremde Nummernschild auf. Vielleicht fahre ich hier auch tatsächlich auch einfach zu langsam.

Ziemlich spät taucht der rechts abzweigende Weg zwischen einer von Hecken überwachsenen Insel am Straßenrand auf. Die Zufahrt ist wirklich schwer zu erkennen und deshalb bremse ich ein wenig abrupt und fahre näher an den rechten Fahrbahnrand. Der weiße Lieferwagen schießt sofort links an uns vorbei und ich spüre, dass er es am liebsten unter lauten Hupkaskaden getan haben würde, sich aus irgendeinem Grund aber schließlich doch dagegen entschieden hat.

Wir folgen im Schritttempo einem alten, nur notdürftig asphaltierten Weg voller Schlaglöcher und erreichen den Wald. Fast alle Bäume sind noch kahl, nur an starrsinnigen Einzelgängern lässt sich etwas Grün ausmachen. Gestern und heute hat es wieder geschneit. Draußen sind es zwei Grad über null, eigentlich also herrscht hier oben bei meinen Eltern noch Winter.

Ich stelle das Auto zwischen einer Baumgruppe ab und wir steigen aus. Mit uns sind noch ein paar andere Ausflügler unterwegs, aber der Andrang hält sich, sicher auch wegen der Kälte, in Grenzen. 

Das erste Haus der Parkanlage befindet sich gleich in der Nähe der abgestellten Fahrzeuge und ist das einzige, in dem eine Familie lebt. Alle anderen Villen des ehemaligen Sanatoriums, die sich verstreut innerhalb des Parks befinden, stehen leer und sind verfallen. Die komplette Anlage ist eine einzige Ruine, aber das scheint jene Familie, die sich im ersten Haus eingerichtet hat, aus irgendeinem Grund nicht zu stören.

K und ich folgen dem von Rhododendren zugewachsenen Weg, bis links neben uns das alte Liegenhaus hinter einem Spalier von Sträuchern erscheint. Kurz nach Neunzehnhundert lagen an dieser Stelle die Lungenkranken in der Sonne, darunter auch Hans Fallada, wenn ich mich richtig erinnere, der in den Neunzehnzwanzigern im Tannenfelder Sanatorium eine kurze Zeit verbrachte. 

Das Liegenhaus besitzt eine geschwungene Form und erinnert an ein breites U. Es ist komplett aus Holz konstruiert und, da es seit etwa einhundert Jahren der Witterung ausgesetzt ist, ziemlich ramponiert. Über eine schmale Treppe im Zentrum der Bogenform erreichten die Kranken früher das Innere des Gebäudes, dessen Südseite aus einer breiten Fensterfront besteht. Es fällt mir nicht schwer, an die ausgemergelten Gestalten zu denken, die hier vor Jahrzehnten auf ihren Liegen in der Frühlingssonne lagen, die Fenster geöffnet, das milde Licht auf dem Gesicht und den ersten wärmenden Luftzug im Raum, wobei der kränkliche, abgemagerte Körper von einer Deckenschicht eingehüllt einer eher zweifelhaften Genesung entgegensah, die sich für die meisten natürlich als Illusion herausstellte. Sie lagen einfach da im Licht und in der Sonne, tranken wie im Zauberberg irgendein als heilsam angepriesenes Quellwasser, das in Wirklichkeit natürlich gar nichts tat, um die unendlich zäh vergehenden Stunden mit unnützen Gedanken anzufüllen, die sich auf ein unsicheres Bald und ein schmerzliches Gestern richteten. Am Ende fallen Vergangenheit und Zukunft in solchen Gebäuden in eins, denke ich. Beide stellen sich mit einem Mal als unerreichbar heraus. Wahrscheinlich fragt man sich, weshalb man erlebt hat, was man erlebte und weshalb es nun nicht mehr weiter geht. Alles verwandelt sich in einen Traum, für dessen Deutung man auf dieser Liege im Sonnenlicht nicht mehr taugt und der sich nur in Bruchstücken, niemals aber in seiner erschreckenden Tiefe mit einem anderen Kranken teilen lässt.

Einige Scheiben des Liegenhauses sind zerschlagen, die meisten anderen aber noch intakt. Das Holz hat stark gelitten, das Dach ist an zwei Stellen kaputt und der wolkenverhangene Himmel scheint durch diese Löcher hindurch, aber auch der Holzboden des Gebäudes zeigt mehrere breite Löcher. Zwei alte Sessel stehen im Raum, die Bezüge sind zerrissen, alles wirkt heruntergekommen, hinfällig, moribund.

Etwa in der Mitte des Parks steht ein altes schlossähnliches Gebäude. Wie die anderen Villen auch sieht es einer Ruine ähnlicher als allem anderen, die Fenster wurden mit Pressspanplatten verschlossen, das Eingangsportal mit Metallketten und Vorhängeschlössern versperrt. Der ehemalige Teich vor der Freitreppe liegt trocken und in diesem Teich breitet sich eine herrenlose, schwarze Plane wie ein Urzeitwesen aus. Halb Pflanze, halb Tier, denke ich. Das Licht spiegelt sich auf dieser Plane in silbernen Streifen, sobald die Wolkendecke über uns zerreißt und das Blau dahinter zu erkennen gibt.

Wir stapfen wortlos weiter. Vorbei an Wiesen voller Osterglocken, an kahlen Rotbuchen, Eichen und Kastanien, die ich mit meiner neuen App zuerst per Foto aufnehme und dann von einem unsichtbaren Algorithmus bestimmen lasse. Das klappt ganz gut, wie ich finde, auch wenn ich die Ergebnisse natürlich nicht überprüfen kann. Allerdings bin ich dann doch etwas begeistert, als die App mir einen Baum, dessen aus dem letzten Jahr stammenden Früchte den Boden des Parks überziehen, als Ulme zu erkennen gibt. 

Ulme, denke ich glücklich.

Ich habe keine Ahnung, wie die Blätter einer Ulme aussehen. Gleichzeitig ist es mir auch etwas peinlich, dass ich jetzt plötzlich damit anfange, mich für die Welt der Bäume zu interessieren. Natürlich habe ich es immer mal wieder mit verschiedenen Büchern zur Baumbestimmung probiert, doch meine Versuche haben keinerlei bleibende Ergebnisse gezeitigt. Und jetzt renne ich hier durch den Park einer verfallenen Heilanstalt und zücke jeden Meter mein Handy, um irgendeinen Baum besser kennenzulernen, dessen charakteristische Merkmale ich nach einer halben Stunde bereits wieder vergessen habe.

„Mir ist kalt“, sagt K. Wir tragen unsere dünnen Daunenjacken, ihre ist grün, meine gelb und darüber haben wir Regenklamotten angezogen, die vor dem Wind schützen.

„Lass uns noch kurz zum Tümpel gehen, bevor wir wieder fahren“, schlage ich vor. Sie ist einverstanden.

Wir gehen zurück, vorbei an den stummen Ruinen, die seit langer Zeit kein Leben mir gesehen haben und vor einem der Gebäude fällt mir plötzlich ein, das Sanatorium habe in der DDR so etwas wie eine unverhoffte Renaissance erlebt, als man es zu einer psychiatrischen Heilanstalt umfunktionierte. Man möchte sich natürlich nicht vorstellen, was in diesen alten Gebäuden alles passiert ist, aber der Ulmenpark und die Rhododendronbüsche und die Ferne der Stadt müssen zumindest auf einige Depressive eine beruhigende Wirkung gehabt haben, wie ich denke. Sofern es sich um Depressive handelte, die man hier gehalten hat.

K steht bereits vor dem großen Naturteich, als ich sie einhole. Die Oberfläche des Tümpels ist in Ufernähe von grünen Wasserpflanzen überzogen. Ich bücke mich über eine Schneeinsel, forme einen Ball und werfe ihn direkt in das Grün hinein. Eine kleine, schlammige Fontäne schießt in Richtung Himmel und fällt sofort wieder in sich zusammen. Der Schneeball ist von Dreck und grünen Pflanzenteilen überzogen und scheint in der zähen Masse eher zu stecken, als zu schwimmen. Eigentlich bewegt er sich kaum.

K und ich stehen am Ufer und sehen dem nun abstoßend wirkenden Schneeball, der plötzlich weder etwas Reines noch Schönes besitzt, für einige Sekunden zu. Dann gehen wir wortlos in Richtung Auto zurück. Auf halber Strecke beginnt es zu schneien.