Danziger Straße (3. Zimmer), 3. Mai

Gemeinsam mit André, Melli und Micha zog ich aus dem Wedding in eine Vierraumwohnung in der Danziger Straße. Ich hatte André in einem Seminar an der Uni kennengelernt. Wir hatten beide keinen größeren Kontakt zu den anderen Studierenden und waren irgendwann im Treppenhaus eines aus der DDR stammenden Seminargebäudes ins Gespräch gekommen. 

André trug knöchellange Anzughosen aus dem Second-Hand, Basketballschuhe von Nike und einen blauen Windbreaker mit dem Aufdruck eines Müllentsorgungsunternehmens aus dem Spreewald. Er wohnte mit Melli und Micha am Ende der Schönhauser Allee in einer wunderbaren Wohnung mit rotgestrichenem Flur, in den das Licht aus der Küche und den Zimmern fiel und die Farbe zum Glühen brachte. Nach einigen Monaten hatte ich die anderen so weit, dass sie bereit waren, mich in ihre WG aufzunehmen. Allerdings benötigten wir dafür ein weiteres Zimmer und ein Umzug stand an. 

Wir schauten uns Wohnungen im Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg an, um schließlich im Hochparterre eines Altbaus auf der Danziger Straße, gleich gegenüber dem Theater unterm Dach, einzuziehen. Teilten wir uns die Miete, sparte ich am Ende sogar etwas Geld im Vergleich zu meinem Zimmer im Wedding.

Die Wohnung war großzügig geschnitten. Sie hatte vier Zimmer, eine schmale Küche, ein Bad mit Badewanne und sogar eine Gästetoilette. All das stellte für mich eine ganz unglaubliche Verbesserung nach meiner Zeit am Gesundbrunnencenter dar. 

Diesmal sicherte ich mir eines der größeren Zimmer, das einzige mit Balkon und einer breiten Fensterfront. Die Fenster nahmen die gesamte zur Straße liegende Wand ein und das einfallende Licht reflektierte auf den weiß gestrichenen Wänden und machte den Raum noch heller, als er an sich bereits war. Plötzlich fiel mir auf, in welchem Loch ich gemeinsam mit Roland gehaust hatte, ein richtiges Hinterhausloch, das nicht für menschliche Bewohner ausgelegt worden war und in dem selbst bei strahlendem Sonnenschein eine Art Dämmerzustand geherrscht hatte.

André und ich studierten Literatur in Potsdam, Melli Theaterwissenschaften an der Freien Universität und Micha studierte Mathematik, was mich anfangs ziemlich überraschte, da er orthodoxer Jude war. Naturwissenschaften und der Glaube an Gott, das passte für mich einfach nicht zusammen, schloss einander sogar aus. Wie konnte man einerseits an Gott und die Schöpfungsgeschichte glauben, während man andererseits mathematische Gesetzmäßigkeiten zur Anwendung brachte und sich damit auf eine wissenschaftliche Rationalität berief, die der Religion stets suspekt, wenn nicht gar verderblich erschienen war? Stand beides einander nicht feindlich gegenüber?

Micha sah darin allerdings kein Problem. Sein Studium berührte seine Religiosität in keiner Weise, beide existierten in ihm, aber sie taten es, ohne das jeweils andere in Zweifel zu ziehen. Und irgendwann war auch ich mir nicht mehr sicher, ob sich diese beiden Spähren so kategorisch ausschlossen, wie ich es anfangs angenommen hatte. Konnte jemand, der an Gott glaubte, sich nicht gleichzeitig auch mit der Mathematik beschäftigen? Worin genau sollte hier eigentlich der Widerspruch bestehen?

Eines Morgens stand ich am Herd unserer Küche, um mir ein paar Spiegeleier und Würstchen zu braten, als Micha den Raum betrat.

Er hielt auf der Schwelle an – unsere Küche besaß merkwürdigerweise keine Tür, wobei wir den Grund für dieses Fehlen niemals bei den Vermietern in Erfahrung brachten – und sah mich merkwürdig an.

„Was ist das für eine Pfanne?“, fragte er.

Ich musterte die Pfanne, ohne zu begreifen, was er mit seiner Frage bezweckte.

„Eine der Pfannen, die wir unter der Spüle aufbewahren, wenn mich nicht alles täuscht“, antwortete ich.

„Stand die Pfanne auf einem kleinen Topf?“

„Ich glaube ja.“

„Scheiße, das ist meine koschere Pfanne!“

Erschreckt sah ich ihn an.

„Ich wasch dir das Ding gleich ab“, sagte ich.

Micha wirkte eher betroffen, als verärgert. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck, der ungefähr besagte, ich hätte es ja wissen müssen.

„Das wird nicht ausreichen“, erwiderte er dann.

„Warum nicht?“

Er schüttelte seinen Kopf.

„Ich muss damit zum Westhafen fahren.“

„Was willst du denn mit der Pfanne am Westhafen?“

„Sie muss rituell gereinigt werden. Unsere Spüle reicht dafür nicht aus.“

Ich sah ihn mit großen Augen an, als Melli die Küche betrat.

„Hat Thomas wieder deine Pfanne benutzt?“, fragte sie nach einem kurzen Blick auf den Herd.

„Hört mal“, wandte ich ein, „ich bin mir keiner Schuld bewusst. Man hätte mich einweihen müssen!“

„Ist auch nicht so wild“, sagte Micha. „Jetzt weißt du ja Bescheid.“

Freitagnachmittag verschwand er in seine Gemeinde und tauchte erst nach Sonnenuntergang wieder bei uns auf. Er hatte sich eine Kochplatte mit Zeitschaltuhr zugelegt, die ihm sein Essen aufwärmte, obwohl er als gläubiger Jude während des Shabbats eigentlich keine Elektrogeräte benutzen durfte. Es gab viele solcher Tricks, um die orthodoxen Verhaltensregeln zu umgehen, ohne sie dabei zu brechen, was mich ziemlich irritierte, eine Irritation, die niemals komplett verschwand. 

Objektiv betrachtet, benutzte Micha während des Shabbats natürlich keine elektronische Kochplatte, er schaltete sie ja nicht ein, drückte auf keinen Knopf. Aber diese vorausschauende Programmierung der Platte, die ihren Dienst während des Ruhetags und damit des Verbots jeglicher Form von Arbeit leistete – lag darin nicht so etwas wie eine kreative Spitzfindigkeit, die das Verbot aufzuweichen wusste, um sich etwas zu gönnen, das eigentlich verboten war, das von der Arbeit der Flamme erwärmte Essen nämlich? Vielleicht nahm ich es aber einfach zu genau. Schließlich verstand ich nichts von den jahrtausendealten Bräuchen, die für Micha eine zwingende Verbindlichkeit besaßen. Und genauso wenig gab es einen Grund, ihn dafür ins Kreuzverhör zu nehmen. Jeder sollte tun und lassen, wonach ihm die Lust stand, sagte ich mir, solange kein anderer in Mitleidenschaft geriet. Und Michas Pfanne rührte ich nach diesem Spiegeleizwischenfall natürlich nicht mehr an.

Zwei Jahre später verabschiedete sich Micha für ein Austauschsemester nach Israel. Wir schalteten im Internet eine Anzeige, in der wir nach einem Zwischenmieter suchten, und wurden schnell fündig. 

Zwei Monate lang wohnte Georg aus Georgien bei uns ein, was nach einer wirklich verrückten Verbindung klang, wie ich fand. Georg aus Georgien? Hatten seine Eltern ihn aus patriotischem Stolz so genannt oder war das alles ein bloßer Zufall? So richtig bekamen wir es nie aus ihm heraus.

Georg zog bei uns ein, allerdings wurde uns nicht ganz klar, was er in Berlin eigentlich tat. Er schien nicht zu studieren und sobald wir ihn darauf ansprachen, sagte er nur, er sei in den Ferien, würde Urlaub machen. Georg war ruhig, groß gewachsen und ziemlich dünn und er war zwei oder drei Jahre jünger als André, Melli und ich. Wir bekamen ziemlich schnell mit, dass seine Familie vermögend war, denn er lief in teuren Designerklamotten durch die Gegend und verschwand abends auf irgendwelche Parties, auf die er uns nie einlud. Er schien genügend Kontakte in der Stadt zu besitzen.

Während Georg bei uns wohnte, brach der Krieg in Georgien aus. Im August 2008 war davon überall zu lesen, Georg allerdings wirkte vollkommen unberührt, als handelte es sich nicht um sein eigenes Land, das gerade in einem bewaffneten Konflikt zu versank.

„Everything is okay“, antwortete er, sobald wir ihn fragten, was er jetzt machen würde und wie es um seine Familie stünde. „Everything is fine.“ Dann lächelte er und zog am Abend wieder ab in Richtung eines Clubs oder einer Bar.

Georgs Gelassenheit kam uns eigenartig vor. Im Anblick eines waschechten Krieges und damit der größten Katastrophe, wie man uns seit unserer Kindheit eingebleut hatte, blieb er ungerührt, fast gleichgültig. Er verlor nicht den Kopf, er reagierte nicht panisch, brach nicht in Tränen aus. Er wusste vom Krieg, der in seinem Heimatland tobte und ging dennoch weiter auf Partys und in Bars und an diesem sturen Festhalten einer vergleichsweise vollkommen sinnlos erscheinenden Normalität lag für ihn womöglich so etwas wie die Rettung.

Kurz bevor Georg uns verließ, um weiter durch Europa zu reisen, bekamen wir heraus, dass seine Eltern zur herrschenden Klasse in Georgien gehörten. Seine Brüder und Schwestern, Onkel und Cousins saßen auf hohen Posten im Staatsapparat und sein Vater verdiente angeblich eine Menge Geld. Am Ende war sich Georg einfach sicher, selbst ein Krieg würde die Verhältnisse im Land nicht derart in Unordnung bringen, dass seine Familie darunter in einer Weise leiden musste, die seine eigene Europareise gefährdete. Für ihn schien alles nur ein schlechter Scherz zu sein, eine unangenehme Sache eben, um die man sich am besten durch Nichtachtung kümmerte.

Bald verschwand André für ein Auslandssemester nach Glasgow und in sein Zimmer zog übergangsweise Adrien. Adrien stammte aus Paris, sah ziemlich gut aus mit seinem Dreitagebart und den langen, dunkelblonden Locken. Er spielte Rugby und studierte für ein Semester Jura an der Humboldt Universität, obwohl er das Fach innerlich verabscheute. Er hatte sich nur deshalb eingeschrieben, weil sein Vater, der selbst Anwalt war, das von ihm verlangte und nach seiner Rückkehr aus Berlin gab er das Studium schließlich auf, um eine Laufbahn beim Film einzuschlagen.

Adrien sprach ziemlich gut Deutsch und wir freundeten uns schnell miteinander an. Manchmal kam er am Abend in mein Zimmer, klopfte an den Türrahmen und lächelte.

„Möchtest du mitkommen auf die Party?“, fragte er mit seinem umwerfenden französischen Akzent, aus dem er sich allerdings nichts machte. Adrien war nicht im Ansatz eingebildet oder gar schüchtern.

Er trug seine hellbraune Motorradlederjacke und ausgewaschene Jeans und hätte perfekt in einem Film von Truffaut oder Rohmer gepasst.

„Ich glaube, ich bleibe heute lieber hier“, antwortete ich.

„Keine Lust?“

„Nicht so richtig.“

„Warum du hast niemals Lust auf Party, Thomas?“

„Manchmal hab ich Lust, heute aber schaue ich lieber einen Film.“

„Na gut, dann vielleicht morgen?“

„Genau, vielleicht morgen.“

„Alles klar. Tschüssi.“

Tschüssi, das hatte ich ihm beigebracht. Adrien hatte sich vor Lachen überhaupt nicht mehr einbekommen, als ich mich das erste Mal so von ihm verabschiedet hatte.

„Was hast du da gesagt?“, wollte er mit Tränen in den Augen von mir wissen.

„Tschüssi?“

„Ha ha ha!“

Wenn jemand mit vollen Händen nach dem Leben griff, dann er. Adrien war ständig unterwegs, traf sich mit anderen Franzosen, die für ein oder zwei Semester in Berlin studierten, lernte Deutsche kennen, lernte Mädchen kennen und bildete sich auf seine offensichtlichen Erfolge dennoch in keiner Weise etwas ein. Obwohl er spüren musste, dass bei mir überhaupt nichts lief, behandelte er mich, als stünde ich mit ihm auf einer Stufe und kam häufig in mein Zimmer, sobald er in Begriff stand, das Haus in Richtung einer Feier zu verlassen. Vielleicht tat ich ihm damals leid. Allerdings bin ich mir auch sicher, dass er mich mochte.

Als ich die Haustür in das Schloss fallen hörte, stand ich von meinem Schreibtisch auf und lief in Mellis Zimmer hinüber. Sie wohnte im größten, allerdings auch dunkelsten Raum unserer Altbauwohnung, ein Zimmer mit nur einem Fenster, das in den Hinterhof zeigte.

„Hast du Lust auf einen Film?“, fragte ich.

Melli saß auf ihrer schwarzen Ledercouch unter dem Hochbett und las. 

„Was willst du ausleihen?“, fragte sie.

„Keine Ahnung. Am besten gehen wir einfach ins 451.“

Das 451 war eine Arthouse-Videothek auf der Schönhauser Allee. André und Melli sind die ersten Cineasten gewesen, denen ich begegnete und sie waren es auch, die mich in das 451 und später in das Negativeland einführten, nachdem diese berüchtigte Videothek aufgrund steigender Mieten vom Helmoltzplatz auf die Danziger Straße verdrängt worden war.

Im Negativeland arbeitete ein alter Österreicher, der total erfolglose Experimentalfilme gedreht hatte und alle Leute, die ahnungsloserweise in seinem Laden Blockbuster verlangten, unter wüsten Verwünschungen rausschmiss oder einfach nur in seinem Wiener Schmäh beschimpfte. Stand man in der Schlange, konnte man die Nervosität der Leute vor einem regelrecht spüren. Keiner wollte etwas Falsches sagen, um dadurch seine Unkenntnis preiszugeben.

Einmal stand ich mit André in der Videothek. Neben dem Österreicher waren wir die einzigen im Laden und er wusste davon, wandte sich uns trotz allem aber erst nach fünf geschlagenen Minuten zu, die er damit verbrachte, eine irrsinnige Ansammlung von DVDs im Hintergrund zu sortieren.

Als er uns endlich ansprach, betraten weitere Leute die Videothek, was der Klang einer an der Tür angebrachten Glocke signalisierte.

„Habts ihr eure Karten dabei?“, fragte er.

André schob seinen Mitgliedsausweis über den Tresen.

„Was wollts ihr haben?“

„Habt ihr was von Kurosawa?“, fragte ich.

Die Augen des Irren leuchteten wie von der Tarantel gestochen auf.

„Kurosawa!“, brüllte er.

Ich sah die Szene vor mir. Der Österreicher zerriss Andrés Ausweis, verteilte Hausverbot und warf uns unter unflätigsten antijapanischen Beschimpfungen auf die Straße hinaus.

„Endlich!“, stöhnte er dann und ich sah ihn halb verängstigt, halb verwundert an.

„Hört ihr das dahinten?“, rief der Experimentalfilmer den eben eingetretenen Leuten zu. „Endlich leiht hier einmal jemand einen ANSTÄNDIGEN FILM AUS UND NICHT DIESE SCHEISSE, DIE IHR TROTTEL STÄNDIG VON MIR HABEN WOLLT!“

Schweissnass verließ ich mit André fünf Minuten nach dieser Tirade das Negativland, das ein paar Jahre später, nach der großen On-Demand-Revolution im Netz, natürlich eingegangen ist.

Gemeinsam mit Melli betrat ich das 451, blieb vor dem Regal mit den Aki Kaurismäki-Filmen stehen und wollte Ariel ausleihen. Melli dagegen plädierte für Mike Leigh. Am Ende einigten wir uns auf Tarkowski.

Nach zweieinhalb Stunden Stalker war ich bereit, mein Studium an den Nagel zu hängen und zum russischen Film zu gehen.

„Stalker!“, rief ich begeistert. „Das ist ja wohl das größte Meisterwerk, das jemals hier unten auf dieser unfassbar öden Erdkruste geschaffen worden ist!“ 

Ich kriegte mich kaum ein und fieberte noch, als ich Adrien am nächsten Morgen begegnete.

„Ist alles gut?“, fragte er.

„Und ob alles gut ist“, sagte ich. „Hast du jemals Stalker gesehen?“

„Nein“, erwiderte er knapp.

„Dann haben wir beide heute Abend etwas vor!“

André und ich besuchten Adrien nach dem Ende seines Austauschsemesters in Paris. Er wohnte mit seiner Freundin im 15. Arrondissement, die uns ihre winzige Einzimmerwohnung für die Dauer unseres Aufenthalts zur Verfügung stellte. Sie schlief bei Adrien und so hatten André und ich eine Wohnung für uns allein.

Das Fenster der Küche zeigte auf einen Fußballplatz hinaus. Hinter diesem Platz ragten Hochhäuser in den grauen Himmel. Es war Februar oder März und ziemlich kalt, dennoch aber spielten die Jugendlichen des Viertels dort unten bis in die Nachtstunden hinein. Gegen zehn erloschen die riesigen Flutlichter automatisch mit einem lauten Knall, aus dem die Stille stieg, eine Stille, die den ganzen Abend über nicht da gewesen war, obwohl man geglaubt hatte, sie zu hören. Das tiefe Summen der Scheinwerfer hatte sie verdeckt und mit dem Verlöschen der Lichter verstummten nun plötzlich auch die Rufe der Spieler, als hätte jemand ein Handtuch über einen Vogelkäfig gezogen.

Wir verbrachten ein verlängertes Wochenende bei Adrien, kochten gemeinsam in der Wohnung, tranken Bier und sahen uns Filme an. 

Am Tag unseres Rückflugs holte er uns mit seinem Auto gegen drei Uhr in der Nacht ab. Wir fuhren durch dichten Nebel, die Stadt wirkte um diese Zeit wie ausgestorben, alle schien voller Gespenster zu sein. Eine Dreiviertelstunde später verabschiedeten wir uns vor dem Flughafen voneinander. Es war so kalt, das wir die ganze Prozedur abkürzen mussten. 

Damals habe ich Adrien das letzte Mal gesehen. André besuchte ihn später hin und wieder, André, der plötzlich zum Globetrotter wurde, nachdem er ein Mädchen in Glasgow gefunden hatte. Der nach seinem Abschluss an der Uni nach Marseille zog und später nach Palermo, der an der Stanford University in San Francisco seinen Doktortitel machte und heute in den USA lebt. Doch Adrien und ich, wir verabschiedeten uns für immer voneinander, ohne davon etwas zu ahnen. Der Kontakt zwischen uns schlief nach einem kurzen Mailwechsel einfach ein. Warum, kann ich bis heute nicht wirklich sagen.

Einige Semester, bevor wir unseren Abschluss machten, heiratete Micha und zog mit seiner neuen Frau nach Wien. Er lud André, Melli und mich zu seiner Hochzeit ein, zu unserer ersten jüdischen Hochzeit. 

Ich kaufte mir ein dunkelgraues Jackett und ein brandneues weißen Hemd und dann setzten wir uns gemeinsam in den Zug und fuhren nach Österreich.

Micha feierte mit seiner Frau im alten jüdischen Viertel. Wir kamen zu früh am vereinbarten Treffpunkt an, betraten ein Gebäude, das bereits vor Hochzeitsgästen überlief und ich entdeckte Michas Frau, Menucha, am anderen Ende des Raums. Sie saß in ihrem Hochzeitskleid etwas verloren auf einer Art Thron, den man mit weißen Stoffen verziert hatte.

Ich lief auf sie zu und war dabei, ihr die Hand zu geben, als sie etwas erschreckt zurückwich.

„Ich kann dir nicht die Hand geben, Thomas.“

„Wieso denn nicht?“, fragte ich.

„Das ist verboten.“

Ich lief rot an.

„Entschuldige“, sagte ich.

„Kein Problem. Micha ist sicher auch bald hier. Seid ihr gut angekommen?“

„Ja, wir sind seit gestern Abend in Wien.“

André, Melli und ich unterhielten uns noch eine Weile mit ihr, bis Micha hinter uns auftauchte. Er trug einen schwarzen Anzug mit weißem Hemd und einen breitkrempigen, schwarzen Hut. Er wirkte ziemlich entkräftet, freute sich aber uns zu sehen.

„Da seid ihr ja!“, rief er.

Wir umarmten uns.

„Ihr müsst übrigens gleich mit mir kommen“, sagte er dann und richtete sich an André und mich. Jetzt fiel mir seine graue Gesichtsfarbe auf. Micha sah so aus, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen.

„Wo sollen wir denn hin?“, wollte André wissen.

„Das werdet ihr schon sehen“, erwiderte Micha.

Zehn Minuten später strömte eine Männergruppe in das Gebäude. Alte und Junge, wild durcheinander. Sie alle trugen schwarz, einige begannen ein Lied anzustimmen, dessen Text ich nicht verstand. Es kam Bewegung in die Menge.

Micha winkte André und mir zu.

„Es geht los, kommt einfach mit.“

Die Männer setzten sich mit Micha in ihrer Mitte in Bewegung und ziemlich aufgeregt schlossen auch wir uns der wandernden Gruppe an. 

„Hast du eine Ahnung, was hier los ist?“, flüsterte ich André zu.

„Nicht die geringste“, erwiderte er.

Wir gelangten in einen Saal, in dem man drei lange Tische, die Tafeln glichen, in Form eines Hufeisens aneinander gerückt hatte. An der Stirnseite saßen einige Männer mit langen grauen Bärten und sprachen leise miteinander. Sie waren wie Micha gekleidet und trugen breitkrempige, schwarze Hüte. Nur einer der Männer trug keinen Hut, sondern bloß eine Kippa. In ihm erkannte ich Michas Vater.

Michas Eltern stammten als Lettland, waren aber keine orthodoxen Juden. Hin und wieder hatte Micha uns vom Unmut seines Vaters erzählt, der den orthodoxen Glauben seines Sohnes nicht verstand oder nicht verstehen wollte. Und auch jetzt, inmitten der Rabbiner, die Hebräisch sprachen, wirkte er wie ein Fremdkörper.

Der Raum war mittlerweile voller Leute, alles ausschließlich Männer. Einige flüsterten auf Hebräisch, einige auf Englisch, ein paar auch auf Deutsch. 

Es gehe nun darum, den Ehevertrag zwischen den Vätern auszuhandeln, erklärte irgendjemand in unserer Nähe, vielleicht weil er bemerkte, dass sich einige Gois der Gemeinschaft angeschlossen hatten. Wahrscheinlich stellten wir so etwas wie die Zeugen für die Rechtmäßigkeit dieser Unterhandlung dar.

Alles ging sehr schnell und lief weitestgehend ohne die Beteiligung der Väter ab, die überaus ernst wirkten, fast unbeteiligt sogar. Erst später begann mir klar zu werden, dass Michas Vater kein Hebräisch verstand und deshalb auch nicht wusste, was die Rabbiner an seiner Seite eigentlich sagten. 

Ein Schriftstück wurde bald unterzeichnet, im Raum herrschte Stille und plötzlich, als der Rabbiner, der die Verhandlungen zu führen schien, sich mit einem Satz an den gesamten Saal wandte, brach alles um uns herum in Jubel aus.

Fast gleichzeitig erhob sich aus einem der angrenzenden Räume Gesang. Der Gesang wurde lauter, hier sangen Frauen, das war den Stimmen ohne Probleme anzuhören und nur wenige Augenblicke später strömten die Frauen in unseren Saal.

Sie sangen laut und wirkten über alle Maßen glücklich. Eine ältere Frau lief an der Spitze des Zugs und trug ein in Stoff gehülltes Etwas in ihren Händen. Sie lief in die Mitte des Saals und stand nun den verhandlungsführenden Männern gegenüber.

„Hast du eine Ahnung, was jetzt passiert?“, fragte ich André.

„Woher soll ich das wissen?“, erwiderte er. „Aber wenn mich nicht alles täuscht, ist das Michas Mutter.“

„Die Frau an der Spitze?“

„Ich glaube, ja.“

Ich sah, wie die Frau das, was sie bislang in ein Tuch gehüllt in ihren Händen gehalten hatte, zu Boden warf. 

Die Stimmen im Saal verstummten für eine Sekunde, auch der Gesang setzte aus.

Dann trat Michas Mutter auf das Tuch, man hörte das Brechen von Glas, dieses laute, knirschende Knacken und mit dem Brechen des Glases wurde die versammelte Menge von einem wahren Freudensturm erfasst. 

Männer und Frauen riefen Mazel tov in voller Lautstärke, sie wünschten sich und dem Brautpaar viel Glück und diese Glückwunschrufe hörten überhaupt nicht mehr auf und schließlich stimmten auch André und ich in das glückliche Chaos ein.

Unser Zug setzte sich wieder in Bewegung. Wir kehrten unter ausgelassenen Rufen und Gesängen zurück in den Eingangsbereich, eine Woge schwarz gekleideter Menschen, die unentwegt ihre Glückwünsche unter Lachen herausposaunten und ehe ich begriff, was eigentlich geschah, verließen wir das Gebäude und strömten auf den Vorplatz des alten jüdischen Viertels hinaus.

In der Zwischenzeit hatte man etwa in der Mitte des Vorplatzes einen Baldachin aufgebaut, ein hohes Zelt auf quadratischem Grundriss und mit offenen Seiten und unter diesem Baldachin entdeckte ich Micha und Menucha. 

Beide wirkten kreidebleich.

Die Menge verteilte sich, die lautstarken Rufe ebbten ab. Als schließlich so etwas wie Stille einkehrte, sah ich mich um, entdeckte Melli und winkte sie zu uns herüber.

„Wo seid ihr die ganze Zeit gewesen?“, fragte sie, als sie uns erreichte.

Sie wirkte ziemlich erleichtert, uns wieder gefunden zu haben.

„Wir haben den Ehevertrag ausgehandelt.“

„Ihr habt was?“

„Nicht wirklich ausgehandelt. Ich glaube, wir sind so etwas wie Zeugen gewesen. Aber alles lief auf Hebräisch ab.“

Eine lange Schar von Rabbinern trat nun an ein Mikrofon, das unter dem Baldachin stand. Micha und  Menucha blieben weiterhin unbeweglich auf ihrem Fleck und starrten ins Nichts.

Zuerst sprach ein Rabbiner aus Israel, danach ein Rabbiner aus den USA. Es sprachen Rabbiner aus Kanada und aus Österreich. Die ganze Welt schien dieser Hochzeit beizuwohnen, selbst zufällige Touristen, die in Richtung der Wiener Altstadt spazierten, hielten an und betrachteten verblüfft das Treiben. Ich nahm die Menge der Hochzeitsgäste in den Blick und schätzte, dass mehr als zweihundert Menschen an diesem Fest teilnehmen mussten.

Die Reden zogen sich währenddessen in die Länge.

„Die beiden sehen irgendwie ziemlich geschafft aus“, sagte ich.

„Das wäre ich auch, wenn ich seit Stunden nichts gegessen hätte“, erwiderte Melli.

„Sie haben nichts gegessen?“

„Seit gestern nicht.“

Als der letzte Rabbiner gesprochen hatte, traten die Mütter des Brautpaars unter den Baldachin. Sie hielten jeweils eine Kerze in ihren Händen und umkreisten ihre Kinder dreimal, bevor sie ihnen die Kerzen überreichten. Die Mütter wirkten glücklich. Sie lächelten.

Ich bin mir heute nicht mehr sicher, auf welche Weise die Zeremonie ihr Ende fand. Ich glaube mich noch an einen Kuss des Brautpaars zu erinnern, einen eher verschämten, zügigen Kuss und dann waren sie bereits unterwegs. 

Micha und Menucha stiegen eine Treppe hinab und dann sah ich sie auf einer Gasse. Sie drehten sich immer wieder zu uns um und lachten und dann liefen sie weiter, endlich allein, wie ich dachte, endlich erlöst von der Menge, die zurückgeblieben war und weiterhin in voller Lautstärke jubelte, die voller Glückwünsche war, völlig ausgelassen und fröhlich. Ich hatte niemals eine solch euphorische, ganz und gar in sich ruhende Gemeinschaft erlebt. Nichts trübte die Stimmung, was wahrscheinlich daran lag, dass noch kein Alkohol geflossen war.

„Wohin gehen sie jetzt?“, wollte André wissen.

„Sie essen erst einmal was“, erklärte Melli. „Die große Feier beginnt am Abend.“

Berlin (2. Zimmer), 30. April

Als ich mit achtzehn bei meinen Eltern auszog, um gemeinsam mit Roland nach Berlin zu gehen, gab es dafür eigentlich keinen Grund. Ich hatte nie einen Gedanken an Berlin verschwendet, ich wusste nichts über die Hauptstadt, Berlin interessierte mich nicht. Mein Onkel wohnte dort, wir hatten ihn ein oder zweimal während der Sommerferien für einen Nachmittag besucht, aber diese Besuche hatten keinerlei Begeisterung in mir ausgelöst. Berlin hatte sich damals wie jede andere Stadt angefühlt, sie war nur größer und unübersichtlicher und das war bereits alles. 

In diesem Sommer, der mit dem Auszug bei meinen Eltern endete, kam ich häufiger mit Roland ins Gespräch. Das erste Jahrzehnt der Zweitausender ging in sein drittes Jahr und unsere kleine Gruppe traf sich in der Bardzki-Villa in Gera, einer verfallenen, aber wunderschönen Fabrikantenvilla aus der Gründerzeit, in der wir Veranstaltungen und Clubnächte organisierten. Wir gründeten einen Verein unter dem Namen Loge du soleil, wir versuchten eine Art deutsch-französischen Kulturaustausch auf die Beine zu stellen, Pit steuerte sogar ein Logo bei und entwarf Visitenkarten, aber das alles verlief sich schon nach kurzer Zeit. 

Wir nahmen die Villa für unsere Veranstaltungen in Beschlag, ein Gebäude, das überhaupt nicht in diese Stadt im Osten passte, da es von riesigen Plattenbauten mit knallbunten Balkonen umgeben war. Die Balkone hatte man wahrscheinlich kurz nach der Wende gestrichen, als die Plattenbauwohnungen schlagartig ihre Anziehungskraft verloren. Die grellen Farben sollten die himmelschreiende Monotonie der Fassaden vergessen machen, betonten sie aber dadurch nur und passten in ihrer Tristesse zu den Alkoholikern vor dem Supermarkt, der jährlich seinen Besitzer wechselte. 

Die Villa blieb ein außerhalb des Zentrums gelegener Fremdkörper, der von einer Zeit sprach, als die Stadt vom Geld der ansässigen Textilindustrie regelrecht überschwemmt worden war. Selbst Henry van de Velde hatte ein Wohnhaus in der Nähe des Waldklinikums hinterlassen, aber davon wussten Jahrzehnte später unsere Kunstlehrer natürlich nichts, so wie unsere Lehrer im Allgemeinen recht wenig wussten, aber das habe ich erst später während meines Studiums begriffen. 

Selbst in ihrem heruntergekommenen Zustand deutete die Villa Bardzki, in der sich nach dem Zweiten Weltkrieg angeblich ein hoher russischer Militär samt Entourage eingerichtet hatte, einen Reichtum an, der mir die Sprache verschlug. Dieser Reichtum stammte aus einer anderen Welt, ein Überfluss, der mir märchenhaft erschien, für den mir die Bezugsgrößen fehlten und der mir manchmal in den Romanen der vorletzten Jahrhundertwende begegnete. Sobald Proust in seiner Suche nach der verlorenen Zeit eine Abendgesellschaft beschrieb, der sich ein verspäteter Nachzügler näherte, wobei das Licht aus dem Inneren des herrschaftlichen Gebäudes durch die hohen Fenster hinaus auf eine Freitreppe fiel, um die in den Garten führenden Stufen zu beleuchten, habe ich mir stets den Treppenaufgang der Villa Bardzki vorgestellt. 

In dem riesigen, mehrstöckigen Gebäude befand sich ein Salon, den man das Muschelzimmer nannte, ein mittelgroßer Raum, dessen Wände über und über mit Jakobsmuscheln besetzt gewesen sind, wobei sich dieses Relief zur Decke hin in eine aufwändige Stuckatur verwandelte. Hinter der Villa lag ein breiter, von hohen Mauern umschlossener Garten, in dem alte Kastanien wuchsen. Niemand kümmerte sich um diesen Garten, genauso wenig wie sich jemand um die Villa kümmerte. Die Stadt hatte kein Geld und sollte wenige Jahre nach meinem Umzug bankrott gehen, kurz nachdem sie auf einige von der Autobahn aus gut sichtbare Öltanks den Namen des berühmtesten Sohnes der Stadt – Otto Dix – völlig hilflos hatte pinseln lassen. 

Unsere kleine Gruppe stand im Garten der Villa, die Sonne fiel durch die Kronen der Kastanien und verwandelte das Gras in einen dunkelgrünen Flickenteppich. Überall lag das Licht in beweglichen Mustern, nahm an Stärke zu und wurde dann schwächer, als spielte jemand an einem dimmbaren Lichtschalter. Dieser stetige Wechsel hatte etwas Beruhigendes, machte aber auch benommen, sobald man sich für längere Zeit intensiv auf ihn konzentrierte.

Wir tranken Bier und sprachen über unsere Pläne, jetzt, nachdem die Schule endlich hinter uns lag. Ich konnte noch immer nicht glauben, diese zwölf Jahre überlebt zu haben. Zwölf Jahre! Eine Ewigkeit hatte ihren Abschluss gefunden, ein Zeitabschnitt, dessen Ende sich jahrelang derart fern angefühlt hatte und dann so plötzlich über uns gekommen war. 

Keiner von uns wusste, was er machen sollte. Dieser Sommer, kurz nach dem Abitur, wirkte wie ein See, auf dem unsere Boote kraftlos trieben, der Strömung und dem Wetter ausgesetzt. Niemand hatte einen wirklichen Plan, es gab nur Ideen. Für Pit war es eine Ausbildung zum Mediengestalter, für Steve ein Scharfschützentraining beim Bund. Stephan wollte bei einem Fotografen in die Lehre gehen. Simon und ich sahen uns mit großen Augen an. Er musste die zwölfte Klasse wiederholen und ich konnte nicht auf ihn warten. Ich musste weg.

Damals steigerte sich meine Unruhe in manchen Augenblicken derart, dass ich glaubte, den Verstand zu verlieren. 

Ich muss weg, dachte ich in einem solchen Moment. Ich muss weg, bloß weg. Nur wo sollte ich hin?

Roland brachte Berlin ins Spiel. Er hatte seine Zusage für die Freie Universität bereits in der Tasche und würde sich im Wintersemester in Ethnologie und Islamwissenschaften immatrikulieren. Außerdem suchte er nach einem Mitbewohner. Ohne darüber nachzudenken, sagte ich sofort zu.

„Was wirst du in Berlin machen?“, fragte er.

„Ich studiere natürlich“, antwortete ich.

„Ist dir klar, dass die Einschreibefristen abgelaufen sind?“

„Dann fange ich eben im nächsten Semester an. Das ist doch egal.“

Wir zogen in eine Zweiraumwohnung im Berliner Wedding, ganz in der Nähe vom Gesundbrunnencenter. Die Zimmergrößen waren nicht ideal für eine WG, aber das störte uns nicht, denn der Preis blieb unschlagbar. Bereitwillig drängte ich Roland das größere Zimmer auf, das sogar einen winzigen Balkon besaß, um mich mit dem weitaus kleineren Zimmer zufrieden zu geben.

In den ersten Monaten schlief ich auf der von meinen Eltern mitgebrachten Couch, die bereits in meinem alten Kinderzimmer gestanden hatte. Später gab es riesigen Streit, als ich diese Couch während meines nächsten Umzugs entsorgte. Meine Eltern wollten einfach nicht verstehen, dass ich kein Sofa in meinem Berliner Zimmer dulden konnte, das aus meiner Kindheit stammte und noch schlimmer, aus meinem Kinderzimmer. Wie hörte sich das denn an? Die blaue Couch mit ihrem Neunzigerjahremuster war sofort als stilistischer Totalausfall zu identifizieren und stellte mich vollständig bloß. Genauso gut hätte ich ein paar Stofftiere auf der Lehne dieser Couch platzieren können, um dadurch allen zu signalisieren, seht her, ich richte mich weiter ein, als sei ich zwölf. Diese Couch passte ganz einfach nicht zu meinem unangepassten, schwer zu umreißenden Stil, den ich damals ziemlich hilflos und wechselhaft kultivierte. Meine Eltern warfen mir die Geldverschwendung vor, doch für mich ging es um mehr, hier ging es darum, sich ein eigenes Leben einzurichten und zu einem eigenen Leben gehörten nicht nur Klamotten, die man sich kaufte, weil man durch sie in eine Rolle schlüpfte, in einen Charakter, den man imitierte, ohne sich das allerdings einzugestehen, zu diesem Leben gehörten auch Möbel, die einer solchen Rolle entsprachen und die sich natürlich absetzen mussten von den Möbeln, die man als Kind besessen hatte.

Den ersten Winter in Berlin hatte ich nichts zu tun. Roland verschwand in der Universität und tauchte nur selten, eigentlich nur in der Nacht, in unserer Wohnung auf. Er fand schnell Anschluss, denn im Gegensatz zu meinem eigenbrötlerischen Selbst war er offen, ging auf andere zu und suchte das Miteinander. 

Dieser erste Winter in Berlin war hart. Ich kann mich nicht mehr richtig erinnern, was ich damals eigentlich tat, denn ich hatte ja nichts zu tun, ich musste nirgendwo hin, es gab keine Vorlesungen und keine Seminare, die ich zu besuchen hatte. 

Ich lief durch das Viertel, lief durch die Eulerstraße, über die Pankstraße, lief in den Humboldthain und alles in diesem Viertel erschien mir fremd. Viele Türken und Araber wohnten in der Gegend und das war ich aus Thüringen natürlich nicht gewohnt, das war eine komplett andere Welt. In Gera hatte es in den Außenbezirken Zuwanderer aus Russland gegeben, aber mit diesen Zuwanderern kamen wir kaum in Kontakt, als lebten wir in unterschiedlichen Welten, als sei die Stadt in unsichtbare Hemisphären getrennt und der Wechsel zwischen diesen Zonen unmöglich. Und auch jetzt in Berlin sahen wir uns auf der Straße an und durch den jeweils anderen hindurch. Hin und wieder gab es ein paar aggressive Sprüche, aber das gehörte dazu.

Eines Morgens stand ich auf, kletterte vom Hochbett, das ich gemeinsam mit meinem Vater aus Kanthölzern zusammengebaut hatte und blieb an der Zimmertür stehen.

In der Mitte des Raums, direkt vor der Couch, lag ein Keks und ich starrte diesen Keks an, als hätte ich den unantastbaren Beweis paranormaler Aktivitäten vor Augen. Die Kekspackung lag auf der Couch und ich hatte diese Gebäckstück mit Schokofüllung auf dem Boden weder vergessen noch unachtsam fallen gelassen, so viel stand fest.

Ich trat näher und sah mir das Ganze genauer an. Der runde Keksrand war abgenagt. Viele kleine Zähne hatten sich an dieser Schokobackware zu schaffen gemacht und ein klares Muster hinterlassen.

Als Roland am Abend nach Hause kam, saß ich in der Küche. Schmutziges Geschirr türmte sich in der Spüle, wir kamen nicht richtig mit Haushalt und Saubermachen zurecht. Ein paar Monate später würde uns Simon besuchen und gemeinsam mit ihm und vor unsere Gesichter gebundenen Geschirrtüchern entsorgten wir Töpfe, in denen Nudelreste zentimeterdicke Schimmelpilzvariationen hervorgebracht hatten. Das Geschirr war nicht mehr zu retten.

„Alles gut?“, fragte Roland.

„In meinem Zimmer sind Mäuse.“

„Was?“

„Ich habe einen abgenagten Keks in meinem Zimmer gefunden.“

„Einen Keks?“

Ich nickte.

„Einen Keks mit Nagespuren?“

„Ja.“

„Wo sollen die Mäuse herkommen?“

„Keine Ahnung. Aber sie sind da.“

„Kacke.“

In der folgenden Nacht fand ich keinen Schlaf. Jedes noch so kleine Geräusch schreckte mich auf. 

Vielleicht sind es auch keine Mäuse, sondern Ratten, dachte ich und der Gedanke, diese Viecher mit ihren langen, nackten Schwänzen würden durch mein Zimmer wetzen, bereitete mir wahre Angstzustände.

Am Morgen kaufte ich in einem Baumarkt zwei Mausefallen und kehrte in unsere Wohnung zurück. Ich bestückte die Fallen mit großen Keksbrocken, spannte die Metallbügel und legte sie auf dem Zimmerboden aus. 

In der Nacht glaubte ich ein Rascheln zu hören, dann so etwas wie ein dumpfes, sehr leises Klopfen. Ich dachte an die Maus, die in einigen Sekunden unschuldigerweise ihren Tod in meinem Zimmer finden würde, einen kleinen, von mir verschuldeten Mäusetod. Dann dachte ich an die winzige Leiche, die auf eine Handfläche passte. An den leblosen Körper eines Tieres, das nichts verbrochen hatte.

Ich schaltete die Leselampe an und stieg vom Hochbett hinab, um die Fallen zu inspizieren. 

Die Keksstücke waren verschwunden. Beide Fallen wirkten, als hätte ich sie eben erst aus der Verpackung geholt. Offensichtlich waren diese Großstadtmäuse einiges gewohnt, man führte sie nicht so leicht hinters Licht.

Am nächsten Morgen nahm ich mein Zimmer gründlich unter die Lupe und bemerkte, dass an jener Stelle, an der eines der Heizungsrohre in die benachbarte Wohnung führte, genügend Spielraum für ein kleines Tier existierte. Ich holte aus der Küche Zeitungspapier und begann den Hohlraum auszustopfen, bis alles eine kompakte, feste Masse ergab.

In der Nacht weckte mich ein kaum hörbares Geräusch. Es klang, als zerrisse jemand Papier in winzige Stücke. Irgendwann verschwand das Geräusch und ich schlief ein.

Am anderen Morgen sah ich winzige Zeitungsschnipsel vor dem Heizungsrohr. Die Maus hatte ganze Arbeit geleistet. Wahrscheinlich hatte sie auf befreundete Mäuse zurückgegriffen und eine Art Schichtbetrieb unter Tage aufgebaut. 

„Es reicht. Wir holen den Kammerjäger“, sagte Roland, als ich ihm die Überreste des nächtlichen Baubetriebs zeigte.

Der Mann tauchte auf, sah uns an, als hätte er Außerirdische vor Augen und schmierte irgendeine Paste auf das Rohr, nachdem er mich gefragt hatte, was die Zeitung dort zu tun habe, das ganze Rohr sei damit voll. Ich habe versucht, die Zugänge dicht zu machen, erklärte ich. Der Mann betrachtete mich, als wäre ich schwachsinnig und schüttelte seinen Kopf. Wahrscheinlich konnte er nicht fassen, wie grenzenlos die menschliche Naivität am Ende doch war, unendlich, man hatte doch niemals alles gesehen.

Von da an ließen uns die Mäuse in Ruhe. Ich lag auf meinem Hochbett, das leise Klopfen und Rascheln setzte aus und die Stille kehrte zurück. Ein paar Wochen später begann mein erstes Semester und nach diesem Semester zog ich aus dem Wedding in den Prenzlauer Berg. Roland zog in eine WG nach Kreuzberg, irgendwo am Kotti, wie er sagte und damit verschwand mein erstes Zimmer, das nicht mit dem Haus meiner Eltern in Verbindung stand. Es lag in Richtung Hinterhof, ich hatte eine Mauer vor Augen und der bleigraue Himmel war nur in einem engen Ausschnitt über mir, über uns, über allen, die im Viertel lebten, zu erkennen.

Gera (1. Zimmer), 28. April

Früher gab es ein Zimmer im Haus meiner Eltern, dessen einziges Fenster auf den Giebel des Nachbargebäudes und auf eine Eibe zeigte. Lag ich im Bett, war nur die Eibe vor einem Stück Himmel zu erkennen, einem blauen Quadrat, das im Sommer häufig wolkenlos blieb, und vor diesem Quadrat wuchs die Eibe ins Nichts, sie wuchs in eine aquamarinfarbene Unverständlichkeit hinein, denn der Fensterausschnitt machte es unmöglich, sich Boden und Erde vorzustellen, es gab nur den Himmel in seiner Stofflosigkeit und Immaterialität und dieser Himmel leuchtete blau, es war ein richtiger Sommerhimmel, der die Hitze erahnen ließ, ohne dass man sie fühlte, eine Hitze, die draußen, außerhalb des Zimmers und des Hauses, träge und stickig auf etwas zu warten schien und in die sich die Geräusche der Küche mischten, in der meine Mutter das Mittagessen vorbereitete, das Rauschen des Dunstabzugs über dem Herd war zu hören und drang durch die geschlossene Küchentür bis zu mir in den ersten Stock hinauf, um mich gespannt auf den Ruf meiner Mutter warten zu lassen, es gebe bald Essen und wir, das heißt, meine Schwester und ich, sollten nach unten kommen, um den Tisch zu decken, was wir immer etwas widerwillig taten, machmal kam es auch zum Streit, wer das Besteck und wer die Teller hinüber ins Esszimmer schaffen sollte und vielleicht stand dieser Streit mit der Jahreszeit in Verbindung und dem blauen Rechteck in seiner Makellosigkeit sowie der schwerelosen Spitze des Baums, die so unbeweglich in der Windstille blieb, ein Baum, der entfernt an eine Rakete erinnerte, die niemals abhob, um eigensinnig an derselben Stelle zu verharren, ein dunkler Baum, der etwas mit den Kelten zu tun hatte, wenn ich mich richtig erinnerte, wahrscheinlich ein Totenbaum wie die Zypresse in Südeuropa und von diesem Baum ging eine merkwürdige Stille aus, keine Grabesstille, sondern eine Sommerstille, in dieser Stille potenzierte sich die Hitze, sie kugelte sich wie ein Tier in einer Höhle zusammen, fest geborgen in der Eibendunkelheit, die Hitze, sie knisterte und knackte, es waren nicht nur die Geräusche trockenen Holzes wie im Wald, die sich an sie knüpften, sondern auch die Geräusche aus der Küche, die erschöpft wirkten und schwer, matt wie die von der Sommerhitze überrumpelten Körper, die man im Park oder in den Schwimmbädern fand und auf meinem Bett, das blaue Quadrat mit dem moosgrünen Dreieck vor Augen, schien das Abflauen der Temperatur manchmal ganz unmöglich zu sein, die Hitze würde bleiben, die Hitze dehnte die Zeit, sie verwandelte den Mittag in eine Ewigkeit, die alte Uhr im Wohnzimmer, die man täglich mit einem Messingschlüssel aufziehen musste, setzte plötzlich aus, man fiel aus der Zeit, betrat einen zweiten Raum, als fahre man in den Nebenarm eines breiten Flusses hinein, einer dieser Flüsse im Weiß leerer Landkarten, und mit einem Mal machte nichts mehr Sinn, weder das Mittagessen noch das Bett oder das Haus und das Zimmer, nur das blaue Quadrat und die Eibe bestanden den Test, sie ruhten ineinander, sie glichen die Gegenwart des anderen aus, zwei Puzzleteile, die eine Einheit bildeten und für diese Einheit ergab der Begriff der Zeit keinen Sinn und dann, wie aus einem Traum heraus, kam endlich der Ruf, ein Ruf, dessen Worte man anfangs nicht verstand, eine weitere Reihe von ausgehöhlten Begriffen, nur Geräusche und keine echten Wort, doch beim zweiten Mal tauchte man langsam aus der Schwere wieder auf, die Kraft kehrte lethargisch in den Körper zurück, das Quadrat kippte und auch das Dreieck schien zu fallen, man stand auf, da war der Giebel des Nachbarhauses und da waren die ersten Wolken, weiß und bauchig, an den Unterseiten grau, vielleicht, dachte ich, während ich das Zimmer verließ, gibt es später Regen, vielleicht sogar ein Gewitter und dann legte ich meine Hand auf das Treppengeländer, das hinab in diesen dunklen Tunnel führte, der unseren Flur mit der Küche verband.

Tanit, Sonntag, 25. April

Die Tage finden schneller ein Ende. Vielleicht kommt es mir nur so vor, doch ich sehe am Morgen einige Male nach draußen, dann gegen Mittag und irgendwann schaue ich auf die Uhr meines Laptops und es ist bereits vier oder fünf, ohne dass ich irgendetwas unternommen, auf irgendeine Weise gehandelt hätte. Die Sonnenuntergänge schieben sich im April noch hinaus, sie lassen auf sich warten, das Licht vertragt die Rückkehr der Dunkelheit immer weiter, die Finsternis erhält einen weniger umfassenden Raum und dennoch bleiben Tage, die spurlos vergehen, an denen nichts Bemerkenswertes geschieht. Tage, an denen das Bemerkenswerte nicht einmal erzwungen werden kann, indem man zum Beispiel die Wohnung verlässt und auf die Straße tritt in das Licht. 

Das ganze Viertel ist unterwegs. Die Linden zwischen den geparkten Autos leuchten grün, die Sonne fällt von schräg oben in die Schlucht der Häuser, ohne die Straße dabei zu berühren. Das Licht bleibt an den Fassaden der Gebäude hängen, ein wenig unterhalb der ersten Etagen. Als wir das Flussufer erreichen, ist es von Leuten überschwemmt. Menschen, die auf mitgebrachten Decken sitzen und Bier trinken, Menschen auf Fahrrädern, Menschen, die Vikingerschach spielen, wie K mir erklärt, als ich etwas verdutzt eine Gruppe beobachte, die Kanthölzer auf der Wiese in einem Rechteck verteilt. Menschen, die Frisbees werfen oder Musik auf kleinen Bluetooth-Lautsprechern hören und auf dem Fluss schiebt sich eine Gruppe Ruderer lautlos an uns vorbei, wobei die Stille, die sie umgibt, ihre Schnelligkeit noch betont. 

Ich sehe den Schwänen im Landeanflug nach, die ganz unförmig wirken mit ihren langen, waagerecht nach vorn gereckten Hälsen. Sie sehen merkwürdig aus in der Luft, flugunfähig eigentlich, ein schwerer ovaler Körper, an dem ein langer weißer Hals mit einem winzigen Kopf angebracht ist und dieser Körper hebt sich über die Brücke und sinkt hinter ihr langsam in Richtung Wasser hinab, auf dem er irgendwann laut und ziemlich ungelenk landet. Schwäne brauchen ewig, um vom Fluss in die Luft abzuheben, sie peitschen für zwanzig Meter das Wasser mit ihren Flügelspitzen, was ein klatschendes Geräusch erzeugt, bekommen das eigene Gewicht aber einfach nicht hinauf. Und selbst in der Luft wirken sie noch für eine ganze Weile flugunfähig und völlig außerhalb ihres Elements, bis sie endlich eine gewisse Höhe erreichen und damit wahrscheinlich so etwas wie ein Gefühl für die Tragfähigkeit ihres Flugs, was sie selbst manchmal überrascht, als wunderten sie sich über das Gelingen dieses aussichtslosen Kraftakts.

Am Ufer lese ich Tolstoi, ich lese Wieviel Erde braucht der Mensch? und stelle ganz am Ende der Erzählung fest, dass ich sie bereits vor Jahren gelesen haben muss, denn das Ende bei den Baschkiren kommt mir einfach zu vertraut vor. Ich bin sehr froh über die Kürze der vier Erzählungen, die ich mir in einem häßlichen Band gekauft habe. Weltliteratur auf einhundert Seiten besitzt etwas Beruhigendes, man hat das Gefühl, einen Meilenstein nach kurzer Zeit zu erreichen. 

Ich sitze in der Sonne auf einer Treppe, während Jogger und Fahrradfahrer an mir vorbeiziehen, ich höre die Gespräche der anderen Spaziergänger, die der Wind verwischt und finde das Ende von Tolstois Erzählung ein wenig zu deutlich und klar, die Beantwortung der im Titel gestellten Frage nämlich. Wie viel Erde braucht der Mensch? Nicht so viel, wie Pachoms Gier und der Teufel ihm eingeben, nicht so viel Erde, wie er an einem Tag im Land der Baschkiren umlaufen kann, denn Pachom stirbt vor Anstrengung, weil er den Mund zu voll genommen hat und ihm die Augen vor lauter Habsucht übergingen, er rennt am Ende, um seinen Besitz zu umkreisen und damit festzuschreiben und weil er rennt, erwischt es sein Herz. Er stürzt zu Boden, Staub zu Staub sozusagen, das Urteil für die Todsünde folgt auf dem Fuß. Sein Knecht scharrt den toten Körper des Herrn an Ort und Stelle ein und beantwortet die Frage nach dem menschlichen Maß mit einer einfachen Flächenangabe, die dem ausgestreckten Körper Pachoms entspricht. Aber das stimmt nur zum Teil, denke ich, denn der Mensch braucht am Ende etwas mehr als das eigene Grab. Doch vielleicht spricht der Titel der Erzählung auch nicht direkt das Grab und damit die Nichtigkeit des menschlichen Besitzstrebens an, sondern einfach nur die Warnung vor der nie zu befriedigenden Gier, die den Tod nach sich zieht, was ja wiederum auch einen gewissen Reiz für die Gegenwart besitzt.

Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich Anna Karenina, Krieg und Frieden und Auferstehung gelesen habe und ich glaube mich zu erinnern, dass Hannes in Berlin immer von Tolstoi geschwärmt hat, genauso wie von Kant, der bei ihm allerdings nicht Kant, sondern Kantimausi hieß, so wie Nietzsche für Hannes Nietzschilein war und Hegel Hegelchen. Ich bin mir fast sicher, dass Flaubert in unserer WG-Küche immer Flaubart genannt wurde, was für mich nach einem Fisch klang oder nach einem Piraten, sicher war ich mir jedenfalls nie. Über Hannes habe ich auch Emil Cioran kennengelernt und bis heute kann ich mich sehr genau an dieses Kennenlernen erinnern.

Damals wohnte Hannes noch an der Grenze zum Friedrichshain in einer Zweiraumwohnung, ganz in der Nähe vom Volkspark. Es gab einen neu gebauten Lidl gleich um die Ecke und hinter der Brücke mieteten C und ich einige Monate lang einen Proberaum in einem alten Hochhaus, das in der DDR wahrscheinlich ein Verwaltungsgebäude gewesen war. Dort probten wir mit unserer Zweimannband Tales from the Red Universe, bis Jakob später dazukam und wir den Namen der Band in Me, Ship änderten und sich auch die musikalische Ausrichtung von schnellem Post-Hardcore in so etwas wie studentischen Indierock mit komplizierten Gitarrenmelodien verwandelte. 

Das Innere des Elfgeschossers war das reinste Museum. Die Fahrstühle strömten einen unveränderten DDR-Touch aus, schönstes braunes Furnier und Holzimitat und vielleicht auch deshalb überraschte uns eines Tages eine Filmcrew vor dem Gebäude, die irgendeinen Tatort oder vielleicht auch einen richtigen Kinofilm drehten. Natürlich hatte uns niemand Bescheid gesagt und deshalb standen wir lange auf dem Parkplatz vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude herum und sahen der Filmcrew zu, die ein paar Trabis gemietet hatte und mit einem riesigen Kran und mehreren Kameraleuten hantierte. 

Wenn mich nicht alles täuscht, tauchte auch Matthias Schweighöfer zwischen diesen Leuten auf, was C und mich natürlich überhaupt nicht beeindruckte. In meiner Post im Prenzlauer Berg war ich einmal Nina Hoss in die Arme gelaufen und zwar richtig in die Arme gelaufen, ich war gerade dabei, die Filiale zu betreten und sie wollte zeitgleich hinaus und wie es manchmal so ist, wenn man einem anderen auszuweichen versucht, der in der gleichen Sekunde denselben Gedanken hat, führten wir voreinander einen kleinen Stepptanz auf. Ich sah sie dabei an und sie erwiderte meinen Blick, sie erkannte, dass ich sie erkannte und dann lächelte sie, begann mich zu umrunden und verschwand.

In Hannes kleiner quadratischen Küche lag Ciorans Vom Nachteil geboren zu sein auf dem weißen Fensterbrett. Ich sehe das schmale Suhrkamp-Buch mit dem Porträtfoto Ciorans auf dem Cover noch vor mir, es war in jener Zeit, als Suhrkamp das neue Reihendesign für seine Taschenbücher eingeführt hatte und ich nahm das Buch in die Hand und begann darin zu blättern. 

Hannes lief währenddessen in der Wohnung herum. Einen der fast gleich großen, quadratischen Räume hatte er in ein sparsam eingerichtetes Schlafzimmer verwandelt, das andere Zimmer stand bis auf einen Heimtrainer in Form eines Fahrrads komplett leer. Überhaupt besaß Hannes nur wenige Möbel, die meisten davon stammten aus dem Besitz seiner Eltern, die in Brandenburg auf einem kleinen Bauernhof lebten oder er hatte sie in einem Second-Hand-Laden gekauft. Hannes studierte Philosophie, aber mit seinem Studium ging es nicht recht voran. Allerdings haben wir das erst später bemerkt. Damals glaubten wir noch, er studiere wie wir anderen auch und kämpfe sich durch Kantimausis Kritik der reinen Vernunft.

Zu Hause suche ich im Regal nach Flauberts Briefen und finde sie schließlich in einem Regal, das K gehört und in dem eigentlich nur ihre Bücher stehen sollten. Ich greife mir den Band, rechne aus, in welchem Jahr Flaubert in meinem Alter gewesen sein muss und komme auf 1858. 

Der erste Brief des Jahres stammt vom 23. Januar. Flaubert ist in Paris, der Rummel um Madame Bovary ist noch immer riesig und er zieht über Schreiberlinge her, die aus dem Roman ein weiteres Bühnenstück machen wollen. „Doch dieser Mischmach von Kunst und Talern erschien mir wenig angemessen“, schreibt er seiner Briefpartnerin, Mademoiselle Leroyer de Chantepie, was ich sehr beruhigend finde.

Im nächsten Brief vom April 1858 ist Flaubert bereits auf dem Dampfer Tanit nach Afrika unterwegs. Ich nehme an, dass er für Salammbô recherchiert, was seine Orientbegeisterung zeigt, wie sie auch beim etwas älteren Delacroix mit den Frauen von Algier und dem Tod des Sardanapel zu finden ist, aber Salammbô wirkte für mich immer wie ein Fremdkörper zwischen Madame Bovary, der Erziehung des Herzens und Bouvard und Pecuchet, wobei ich den Heiligen Antonius nicht gelesen habe.

Im ersten Drittel des Briefbandes habe ich mir viele Passagen markiert, was mir heute etwas peinlich ist. Ich habe so ziemlich alle Passagen unterstrichen, in denen Flaubert auf das Glück, die Liebe und das Schreiben Bezug nimmt. Beispielsweise habe ich mir in einem langem Brief an Louise Colet von 1852 – Flaubert muss hier dreißig Jahre alt sein – folgende Passage angestrichen: „Die Mumien, die man im Herzen hat, zerfallen niemals zu Staub, und wenn man den Kopf über die Luke neigt, sieht man sie unten, wie sie einen mit ihren offenen, reglosen Augen anblicken.“ Vielleicht geht es hier weniger um das Glück oder die Liebe, aber es geht um etwas, das dich nicht mehr loslässt und dich dadurch zeichnet. Nach solchen Vergleichen habe ich damals händeringend gesucht und Flaubert hat sie mir wieder und wieder gegeben, denn schon ganz am Anfang, in den ersten Briefen, als er noch zwanzig ist, schreibt er tief, wenn auch altklug und mit dieser ungehobelten und ein wenig übertriebenen Ungeschliffenheit, die seinen kantigen Charakter etwas zu gewollt herausstellen soll.

„Hast Du manchmal darüber nachgedacht, mein lieber und zärtlicher Alter, wieviel Tränen das furchtbare Wort ‚Glück‘ hat fließen lassen? Ohne dieses Wort würde man ruhiger schlafen und behaglicher leben. Manchmal erfaßt mich ein seltsames Sehnen nach Liebe, wenngleich mir bis in die Eingeweide davor ekelt; vielleicht würde es unbemerkt vorübergehen, wenn ich nicht ständig aufmerksam wäre und mit gespanntem Auge das Spiel meines Herzens beobachtete.“

Dreizehn Jahre später, im April 1858, befindet sich Flaubert vor der tunesischen Küste auf einem Dampfer und schreibt an seine Freunde in Frankreich. 

„Die Nacht ist schön, das Meer ist glatt wie ein Ölsee. Die alte Tanit glänzt, die Maschine keucht, der Kapitän neben mir raucht auf seinem Diwan, das Deck ist voller Araber, die nach Mekka wollen; sie sind in ihre weißen Burnusse gehüllt, ihre Gesichter sind verborgen und ihre Füße nackt; sie sehen aus wie in Laken gewickelte Leichen.“

Irgendwann geht er an Land. Er will Karthago sehen. Bartgeier kreisen am Himmel. An diese Geier kann ich mich aus Salammbô erinnern. Eines meiner Lieblingsfotos aus den frühen Jahrzehnten nach Erfindung der Fotografie stammt von Flauberts erster Nordafrikareise, die er 1850 unternimmt. In Ägypten sitzt er auf dem Kopf der Ramsesstatue in der Nähe von Abu Simbel, die Hände auf seine Schenkel gestützt und sieht direkt in Richtung des Fotografen. Flauberts Gesicht, sein ganzer Kopf eigentlich, ist vollständig schwarz. Vielleicht wirft sein Hut einen langen Schatten, es ist schwer zu sagen, doch Flaubert bleibt auf der riesigen Statue des Pharaos unsichtbar, als habe er die Nacht auf den Schiffen voller Mumien und Leichen nicht verlassen, als hafte ihm diese Nacht selbst unter der grellen, ägyptischen Sonne unnachgiebig an.

Mittwoch, 21. April

Sonne. Der Hinterhof füllt sich mit Schatten und Licht, alles wirkt gefleckt und von abstrakten Mustern überzogen. Die Dächer der Gebäude werfen dunkle Zonen in den laubbedeckten Hof, der mich an einen Waldboden inmitten der Stadt erinnert. Wer auch immer für den in strenge Rechtecke aufgeteilten Hinterhof zuständig ist, scheint die abgestorbenen Blätter aus dem letzten Herbst und Winter zu ignorieren, obwohl sie einen dicken und trockenen Teppich bilden. Es würde mich nicht wundern, wenn unter diesem Teppich Leben herrscht und beispielsweise eine Kolonie von Mäusen ohne mein Wissen daran arbeitet, einen komplizierten Staat zu errichten. Doch von meinem Standpunkt aus lässt sich das nur schwer beurteilen. Eigentlich gibt es kein Anzeichen für die abseitige Arbeit der Mäuse.

Die Birke und die Buche im Hof stapeln ihre Blätter ins Licht. Das junge Blau des Himmels scheint in Ausschnitten hindurch, denn das Laub ist noch unverbunden und offen, es lässt die kompakte Fülle des Sommers kaum erahnen. Gegen Ende des Sommers wirken die Kronen der Bäume schwer und erst dann begreift man ihre Morphologie, die Notwendigkeit eines massiven Stamms zum Beispiel, der das Astwerk trägt und in der Erde verankert, diese natürliche Konstruktion vom Schweren ins Feine hinein, das Verjüngen und Zarterwerden bis in die Halbdurchsichtigkeit des von Adern durchzogenen Laubs. 

Die Blätter falten sich weiter aus, mit jeder Woche werden sie größer. Sie liegen übereinander und verdrängen in Schichten das Licht, staffeln die Schatten in Tiefe und Höhe, verschieden starke Schatten, die eine Farbe besitzen und nicht etwa schwarz sind. Über die Farbigkeit der Schatten habe ich das erste Mal in Leonardos Buch über die Malerei gelesen, davor war mir dieser Teil der Wirklichkeit unbekannt. Bis zu diesem Zeitpunkt sahen Schatten für mich schwarz aus und nicht etwa blau oder dunkelgrün und mit einer solchen Vorstellung lief ich durch die Welt, was ja ein ganz wesentlicher Irrtum gewesen ist. Stößt man auf derartige Irrtümer, blickt man kurz in einen unendlichen Abgrund aus weiteren Verwechslungen, der uns immer umhüllt und den wir dennoch selten bemerken, der uns überhaupt nicht auffällt, scheinbar unsichtbar bleibt. Eigentlich geht man blind, ohne die Blindheit wahrzunehmen. Eigentlich sind die verlässlichen Wahrheiten weit weniger verlässlich, als man sich das zu glauben getraut. Nur ist niemand in der Lage, sich tagtäglich vom Verlässlichen zu verabschieden, so falsch es am Ende auch ist. Nicht, dass man unbedingt am Falschen festhalten will, der Tausch ist das Problem. Die Überzeugungen zu tauschen, bleibt immer schmerzhaft, es fühlt sich an, als würde man noch einmal von vorn beginnen und mit dem Beginn tauchen alle Unsicherheiten auf, die man längst für überwunden gehalten hat.

Ich stehe auf, gehe drei Schritte und halte in der Mitte unseres Schlafzimmers an. Vor dem Bett wartet die blaue Ikeatüte, die ich mit Ausstellungskatalogen gefüllt habe. Ich schätze, dass die Tüte fünfzehn Kilo wiegt. Ich greife nach den Henkeln aus Stoff und fange an, den bleischweren Beutel in Richtung Brust zu heben, um meine Armmuskeln zu trainieren. Den ersten Satz mit zehn Wiederholungen schaffe ich problemlos, setze die Tüte wieder ab und lege dreißig Sekunden Pause ein. Der zweite Satz fällt mir schon deutlich schwerer. Meine Muskeln machen sich bemerkbar, als hätte ich sie unsanft aus tiefem Schlaf geweckt; sie wehren sich fauchend gegen die unerwartete Anstrengung. Ich zähle bis zehn und setze die blaue Plastiktüte wieder ab. Beim dritten Satz komme ich nur bis acht, was ich als Zeichen interpretiere, mich wieder an den Schreibtisch zu setzen.

Das Jahr der Fahnen durchbricht heute die magische Sechzigtausendwortmarke. Ich habe mehr als fünfzig Einträge geschrieben, in den ersten Januarnotizen lag noch Schnee und es herrschten Minusgrade. Jetzt sitze ich vor dem geöffneten Fenster und die milde Frühlingsluft weht von draußen herein. Aus dem Lautsprecher klingt Caterina Barbieris SOTRS, ich habe gestern mit Simon geschrieben, der Dramaturg in der Hauptstadt ist und viellicht Gärtner werden will. Ich habe auch mit C in Marseille geschrieben, der ein Zimmer seiner Wohnung in ein Mezzanin verwandelt und dieses Zwischengeschoss ganz allein eingebaut hat. Er hat eine Treppe konstruiert und auch die zweite Zimmerebene, es gibt Geländer und im unteren Bereich einen maßgeschneiderten Tisch mit Regalen an der Wand. Jetzt denkt er über ein Geschäft nach, eine Art Zimmermannsladen, das Mezzanine auf Bestellung fertigt. In Marseille sind die Wände der Wohnungen hoch und ich halte das alles für eine wirklich gute Idee. Die Kinder haben jetzt auch mehr Platz, schreibt er. Die Arbeiten dauerten eine ganze Woche und die Berechnungen stimmten genau. Seit zwanzig Jahren habe ich wieder einmal Millimeterpapier in die Hände genommen und in Kubikmetern gerechnet, lese ich. Dann verabschieden wir uns, denn er muss die Baustelle aufräumen. Im Hof höre ich Stimmen und beschließe, die Musik zu stoppen und mich auf das Bett zu legen. Ich schließe die Augen, höre das Rauschen der Bäume im Hof, Birke und Buche, wie ich weiß, zwei Bäume, die nicht alt sind, aber auch nicht jung und dann denke ich, dass bald Mai ist und ein Sommer kommt, der für mich der siebenunddreißigste Sommer ist.