Besuch bei den Eltern, 9. bis 11. Juli

Vor dem Haus meiner Eltern führt eine schnurgerade Straße den Hügel hinauf. Sie läuft an den Häusern entlang und an einem Waldstück, das diesen Häusern gegenüberliegt und aus hohen Eschen und Buchen besteht. Eine ganze Reihe vielleicht fünfundzwanzig Meter hoher Eschen, die man vom Wohnzimmer aus in ihrer Unbeweglichkeit beobachten kann, denn manchmal scheint es selbst auf Höhe der Kronen keinerlei Bewegung zu geben. Die Blätter stehen still, als wären sie eingefroren, die Äste und Zweige schaukeln nicht, alles Grün ist an einen einzigen, festgeschriebenen Fleck gebunden, der erst dann zerfällt, wenn sich eine schwarze Krähe in die Unbeweglichkeit setzt und damit alles Gleichgewicht zerstört, ein zerbrechliches Gleichgewicht, das sich unter der geringsten Berührung verliert. Die Eschen sind schlank, ihre Stämme leuchten aus der Entfernung weniger hell als die der Buchen und da die Bäume eng an eng stehen, bilden sie erst sehr weit oben eine Krone aus, was ihre Schlankheit noch betont. Die Spitzen der Bäume greifen ineinander über, sie erzeugen eine dichte Ebene, durch die sich der Regen erst aufwändig arbeiten muss und falls man während eines Schauers durch das Waldstück läuft, kann es sein, dass der Boden völlig trocken bleibt, als hätte es den Regen nicht gegeben, als existierte der Regen in einem anderen Bereich der Stadt, des Tages, der Wirklichkeit.

Ich bin gestern, ziemlich spät am Abend, mit dem Zug angekommen, ich habe mich gleich nach der Arbeit auf den Weg gemacht, um die viereinhalb Stunden lange Fahrt hinter mich zu bringen, was sich am Ende weniger zog, als ich anfangs dachte, zumal ich auf der gesamten Strecke nur ein einziges Mal umsteigen musste. Als ich in den Hauptbahnhof einfahre, beginnt es draußen zu regnen. Vor einer halben Stunde habe ich an meine Familie geschrieben, um zu fragen, ob mich jemand abholen könne und jetzt sehe ich dort draußen auf dem Bahnsteig Felix stehen, den Mann meiner Schwester.

Die Tür des Abteils öffnet sich und ich lasse die Leute hinaus, trete dann selbst in den Gang und setze meinen Rucksack auf. Er sieht mittlerweile ziemlich abgewetzt aus, was mich innerlich erleichtert, denn darauf warte ich schon eine ganze Weile. Ein neuer Rucksack wirkt, wie eigentlich alle neu gekauften Gegenstände und Kleidungsstücke, merkwürdig falsch und ich kann die Denkweise des britischen Adels gut nachvollziehen, der neue Hosen und Jacken erst von den eigenen Angestellten einige Tage lang eintragen ließ, damit die Kleidungsstücken ihren aufdringlichen, neuen Charakter verloren. Die weiße Sohle neuer Turnschuhe beispielsweise stößt mich ab, weil in ihnen keinerlei Leben steckt, sie haben keine Geschichte, kein Zeichen eines Gebrauchs. Die Gegenstände in meinem Leben sollen eine für alle sichtbare Geschichte besitzen, das verlangt meine verquere Eigenliebe, ich will, dass andere denken, dieser Rucksack ist schon überall gewesen. Ein solcher Gedanke färbt auch auf seinen Besitzer ab, sage ich mir, und macht ihn dadurch interessanter und obwohl das alles mehr als idiotisch klingt, lege ich auf diese Eitelkeiten doch besonderen Wert. Ich mag das Abgetragene, Ausrangierte, selbst das Kaputte, obwohl ich weiß, wie unsinnig und manieriert diese Gedanken sind, die ich mir hin und wieder zum Vorwurf mache, ohne von ihnen allerdings loszukommen.

Auf dem Bahnsteig umarme ich Felix, der gut einen Kopf größer ist als ich selbst, dafür aber ein paar Jahre jünger, und sage ihm, er sei der erste, der mich seit meinem Studium direkt am Zug und nicht erst auf dem Parkplatz des Bahnhofs empfange. 

Felix schaut mich ungläubig an.

„So einen Service bekommt nicht jeder“, sagt er dann.

Wie nehmen die Treppen nach unten, durchqueren die kleine Bahnhofshalle, die das Muster jeder provinziellen Bahnhofshalle abgeben könnte und steigen schließlich in das Auto, einen weißen Dacia-Pickup mit einer schwarzen Plane über der Transportfläche, den Felix und meine Schwester gerade für den Umbau des Hauses benutzen, das bis vor zwei Jahren mein Elternhaus gewesen ist. Bis zu jenem Zeitpunkt, um genau zu sein, an dem meine Eltern plötzlich erklärten, sie hätten ein neues, lange leerstehendes Haus am Stadtrand gekauft und würden bald umziehen, was meine Schwester und mich ziemlich überraschte, denn natürlich hatten unsere Eltern mit keinem über ihren Plan gesprochen.

Felix steuert den Dacia durch die Stadt. Wir unterhalten uns über den Fortschritt der Arbeiten an seinem neuen Haus, das das Haus meiner Kindheit ist, wir sprechen über meine Großmutter, die sich vor wenigen Wochen in ihrer Wohnung beim Abhängen einer Gardine die Schulter gebrochen hat. Eine fünfundachtzigjährige Frau, die nicht abwarten kann, bis ihr jemand hilft, die sich auch keine Hilfe holt, sondern einfach auf eine Leiter steigt, um Gardinen abzunehmen, die nicht gewaschen werden müssten, weil sie immer blütenrein sind, doch das verneint meine Großmutter selbstverständlich vehement. Die Gardinen mussten gewaschen werden, erklärt sie mir einen Tag nach meiner Ankunft, als ich sie mit dem Auto zum Mittagessen abhole und sie erklärt es so, als könnte dieses Urteil nur derjenige bezweifeln, der von echter Sauberkeit bloß eine ungefähre Vorstellung besitzt und damit die zweifelhafte Einrichtung seines Lebens offenbart.

„Was soll man machen?“, sage ich zu Felix, während wir an einer Ampel halten. „Man kann ihr nicht verbieten, auf eine Leiter zu steigen, wenn sie das unbedingt will.“

„Die Gardinen waren völlig sauber!“

„Das schreckt sie nicht ab. Du kennst sie ja. Sauberkeit geht bei ihr über alles.“

Felix lächelt. Er arbeitet als Krankenpfleger im Uniklinikum und ist dadurch einiges gewohnt. Die gebrochene Schulter meiner Großmutter stellt für ihn so etwas wie eine Nebensächlichkeit dar, weil sie nicht lebensgefährlich ist und damit auch nur geringfügig Aufmerksamkeit verdient. Seine Station ist voller Leuten, die ihre Krankheit liebend gern mit der gebrochenen Schulter meiner Großmutter vertauschen würden.

Etwa fünf Minuten später erreichen wir den Wald und damit den Hügel. Wir folgen der ansteigenden Straße, die hier unten noch weite Kurven beschreibt, folgen ihr mitten durch die hohen, tiefgrünen Bäume hindurch, die breite Schatten auf uns werfen. In regelmäßigen Abständen ist die Fahrbahn von gepflasterten Rinnen durchzogen, um die Geschwindigkeit des Verkehrs zu reduzieren. Wir bringen diese gepflasterten Vertiefungen im Schritttempo hinter uns und schaukeln, sobald wir durch sie fahren, wie in einem Slapstick-Stummfilm von links nach rechts.

„Bleibst du eigentlich nur über das Wochenende?“, fragt Felix.

Ich nicke.

„Ich muss Montag wieder auf Arbeit“, sage ich dann. „Also fahre ich sicher Sonntagnachmittag zurück.“

„Gefällt dir dein neuer Job?“

Ich denke kurz nach.

„Er ist ganz in Ordnung. Die Leuten wirken jedenfalls nett. Aber ich bin ja erst eine Woche dabei.“

„Was genau machst du noch mal?“

„Forschungsdaten“, sage ich.

„Klasse. Und was soll man sich darunter vorstellen?“

„Wir digitalisieren beispielsweise Firmenverzeichnisse und die Wirtschaftswissenschaftler bauen daraus komplizierte Auswertungen. Genau kann ich es auch noch nicht sagen. Es scheint jedenfalls einen Haufen Projekte zu geben.“

„Und das macht dir Spaß?“

„Wie gesagt, ich stecke ja noch nicht richtig drin. Gerade springe ich durch alle Abteilungen und lerne viele Leute kennen. Mal sehen, wann etwas Ruhe einkehrt. Ich bin ja nur halbtags da.“

„Damit Zeit zum Schreiben bleibt?“

„Das war mein Plan.“

„Sehr gut.“

„Und ihr habt gerade Urlaub?“, frage ich nach einer kurzen Pause.

„Genau. Um die Arbeiten am Haus endlich voranzubringen. Wenn du den Leuten nicht pausenlos auf die Nerven gehst, tut sich einfach nichts. Es ist wirklich ganz unglaublich.“

Wir überfahren erneut eine der gepflasterten Schwellen und schaukeln wie abgesprochen von einer Seite auf die andere.

„Macht ihr mit euren Handwerken keine Termine aus?“

„Na klar machen wir das. Aber das hat überhaupt nichts zu bedeuten. Die kommen und gehen, wann sie wollen. Egal, ob die Arbeit erledigt ist oder nicht.“

Wenig später bremst Felix behutsam ab. Wir halten vor einem Zaun, hinter dem sich der große Garten meiner Eltern befindet. Der Garten beschreibt einen weiteren Hügel, auf dessen Scheitel sich das Haus befindet, von dem man von hier unten nur das oberste Stockwerk sehen kann. In weniger als zwei Jahren haben meine Mutter und mein Vater das Gestrüpp und Brachland des vernachlässigten Vorgartens in einen wirklichen Garten verwandelt, in dem es nun Beete gibt und junge Obstbäume, ein Stück Wildwiese und Rosenstöcke, Sonnenblumen und zwei hohe Kiefern. Es gibt Sträucher, einen kleinen Bereich, auf dem merkwürdigerweise Schilf wächst, sogar einen von Seerosen bedeckten Teich, der allerdings nur ein kleines, dreißig Zentimeter tiefes, rundes Becken ist. Die Seerosen haben in diesem Sommer zum ersten Mal geblüht, was meine Mutter in zahlreichen Fotoserien akribisch festgehalten hat, während sie mir am folgenden Tag bei einem Rundgang durch den Garten erklärt, wo Frauenmantel und Akelei zu finden sind, Lichtnelke, Nachtkerze und Gipskraut. Wieder einmal fällt mir auf, dass sich Unkenntnis und Blindheit ergänzen, sich vielleicht sogar gegenseitig bedingen. Sobald man mir einen Namen für die Pflanze nennt, die ich gerade in den Augen habe, taucht sie tatsächlich erst für mich auf. Davor ist dort nur ein Etwas, ein Hintergrund, der so unbestimmt erscheint, wie das meiste andere auch und ich denke an den einzigen Satz, den ich aus einem sprachphilosophischen Seminar behalten habe, dass die Grenzen meiner Welt eben tatsächlich vor allem die Grenzen meiner Sprache sind. Aber das erwähne ich meiner Mutter gegenüber nicht, die mit einer kleinen Gartenschere herumläuft, um sich am Hibiskus zu schaffen zu machen.

Auch die lange Auffahrt zu den Garagen ist neu. Das helle Kopfsteinpflaster wurde von zwei portugiesischen Arbeitern in einem sich ergänzenden Halbkreismuster verlegt. Auf dem Boden gehen Halbbögen kunstvoll ineinander über. Ich kann mir nicht ansatzweise erklären, wie man ein solches Muster aus nahezu quadratischen Steinoberflächen herstellt, ohne das an den geraden Rändern der Auffahrt Lücken oder Brüche entstehen. Die beiden Arbeiter brauchten nur zwei oder drei Tage für die gut fünfzig Meter lange Strecke, was mein Vater jedes Mal zur Sprache bringt, wenn er stolz über diese fachmännische Arbeit spricht.

„Die gesamte Auffahrt in drei Tagen“, sagt er bewundernd, „das ist doch wirklich nicht zu fassen!“

Als ich mit Felix das Haus betrete, sitzen die anderen bereits am Küchentisch und nach der Begrüßung machen wir uns gemeinsam über die Reste her, die vom Geburtstagsessen meiner Mutter übrig geblieben sind. Da ich erst vor einer Woche meine neue Stelle angetreten habe, gab es keine Möglichkeit, mitten in der Woche frei zu bekommen und deshalb habe ich die eigentliche Feier, die an einem Mittwoch stattfand, verpasst. Jetzt hole ich meinen Besuch nach. Außerdem haben sich einige Verwandte für das Wochenende angekündigt. Nachzügler, sagt meine Mutter. Ich schnappe ihren angespannten Untertun sofort auf.

Meine Mutter wirkt müde und gestresst, als ich mir ein weiteres Rippchen auf meinen Teller ziehe. Sie ist froh, dass ich gekommen bin und jetzt am Küchentisch sitze, aber ich sehe ihr an, dass die Geburtstagsfeier anstrengend für sie war und sie auch jetzt nicht entspannen kann. Sie denkt an die nächsten Gäste, an die kommenden Wochenenden, an die vielen anstehenden Besuche. Ein paar ihrer Tanten und Onkel kommen morgen und sie wäre lieber allein. Genau wie für mich bedeuten auch für meine Mutter Familientreffen in erster Linie Stress, wir gleichen uns in dieser Beziehung bis aufs Haar.

Nachdem wir gegessen und einige Neuigkeiten ausgetauscht haben, ziehen wir in das Wohnzimmer um, von dem aus der Waldrand gut zu sehen ist. Mein Vater bietet mir einen Cognac an, danach einen Whiskey. Ich sage zuerst ja zum Cognac, den ich bereits kenne, entscheide mich dann aber in letzter Sekunde doch noch für den Whiskey. Den restlichen Abend über nippe ich an meinem Glas, trinke es allerdings schließlich nicht aus. Wieder einmal fällt mir auf, dass ich für Whiskey absolut nichts übrig habe, doch aus irgendeinem Grund, vielleicht, weil mir insgeheim der Gedanke gefällt, ich hätte Ahnung davon und würde mich in dieser Beziehung ein wenig auskennen, versuche ich immer wieder, mich daran zu gewöhnen. Dabei weiß ich sehr genau, wie gleichgültig mir alle Genussdinge sind. Meine Zunge ist für sie nicht fein genug, außerdem halte ich ausgesuchte Getränke und besonders aufwändiges Essen für Zeitverschwendung und unterstelle denjenigen, die sich dafür interessieren, einen Hang zur Übertreibung, da sie das, was man schnell und praktisch erledigen kann, mit einem unverhältnismäßigen Aufwand zelebrieren.

Auf den Kommoden im Wohnzimmer stehen zahllose Blumenbuketts mit Glückwunschkarten, die restliche freie Fläche ist von Büchern und anderen Geschenken bedeckt. Meine Mutter ist sechzig geworden und deshalb fiel die Feier entsprechend groß und die Geschenke ebenso reichlich aus. Das meiste davon hat sie noch nicht angerührt, bislang blieb dafür keine Zeit. Im Laufe des Abends allerdings sieht sie sich hin und wieder eine Grußkarte an und greift schließlich nach einem Fotobuch.

Ihre beste Freundin aus Schulzeiten hat ihr dieses Buch geschenkt, eine Frau, an die ich mich nur undeutlich erinnern kann, deren Gesicht mir aber sofort etwas sagt, als meine Mutter es mir auf einem der während der Feier entstandenen Gruppenfotos zeigt. Ich erinnere mich auch an ihren Mann, einen stillen Physiker, der mir vor etwa fünfundzwanzig Jahren in seiner Wohnung zeigte, wie man ein leichtes, aus Holz gefertigtes Miniaturschiff in einer Glasflasche unterbringen kann. Die Segel und Masten liegen heruntergeklappt auf dem Holzkörper des Schiffes, dann schiebt man es vorsichtig durch den Flaschenhals und kann anschließend mithilfe eines Fadens die Mastkonstruktion vorsichtig aufrichten. Im Zimmer des Physikers standen Dutzende solcher Schiffe herum. In der Wohnung selbst herrschte eine eigenartige Stille.

Meine Mutter schlägt das Fotobuch auf. Die ersten Seiten zeigen viele Aufnahmen der Freundinnen, alle stammen aus der gemeinsam verbrachten Kindheit in Staßfurt. Meine Mutter sitzt an einem Tisch, ist etwa sieben Jahre alt, ich nehme an, dass man einen Geburtstag feiert, denn das Wohnzimmer, in dem diese Fotos aufgenommen worden sind, wirkt wie für ein Fest dekoriert. Viele Kinder laufen durch das Zimmer, manche sitzen am Tisch, andere sind auf den Fotos angeschnitten zu erkennen und verdecken einander, hier ist ein Gesicht, dort nur ein Rücken, es herrscht ein ausgelassenes Durcheinander. 

Meine Mutter scheint mit etwas beschäftigt, vielleicht mit der Vorbereitung eines gemeinsamen Spiels oder einer Bastelarbeit, die ich nicht genau erkennen kann. Sie wirkt sehr konzentriert, lächelt aber breit, weil sie weiß, dass sie im Fokus des Fotografen steht. Es muss ihre Geburtstagsfeier sein, denke ich, eine Geburtstagsfeier am Ende der Neunzehnsechzigerjahre in einem anderen Land, einer anderen Stadt. 

Als Kind hatte meine Mutter ein rundliches Gesicht. Sie trägt eine Art Pagenschnitt, den meine Großmutter Bubikopf nennt, ihre Wangen sind ausgeprägt und ihr Mund und damit ihr waches, ganz und gar ausgelassenes Lächeln ist groß und strahlt jenes Maß an Begeisterung und Lebensfreude aus, das den meisten Kindern instinktiv eigen ist und das sich erst mit den Jahren verliert. 

Ich betrachte die Züge dieses Kindes und obwohl sich das Gesicht im Laufe der Jahre verändert hat und zum Gesicht meiner Mutter geworden ist, erkenne ich doch die Ähnlichkeit zwischen diesen beiden Menschen, zwischen dem Kind und der Erwachsenen, die meine Mutter ist, ich erkenne diese Ähnlichkeit und ich erkenne sie auch nicht, es ist ganz eigenartig, als versuchte ich, zwei Bilder übereinzubringen, die auf den ersten Blick verschieden sind, sich bei näherer Betrachtung allerdings als ähnlicher erweisen, als man anfangs dachte. Irgendetwas Verbindendes gibt es da und diese Verbindung hängt einerseits natürlich mit den Zügen zusammen, mit den Augen meiner Mutter, ihrem Mund und dem Lächeln, das heute noch genauso ist wie damals, andererseits aber liegt diese Verbindung hinter allen Details der Gestalt, der Haut, der Oberfläche, es ist eine Art innerer Ausdruck, den das Kind schon besessen hat und den meine Mutter heute noch in manchen Augenblicken ungehinderter Freude besitzt. Dann ist dieses Kind dort auf dem Foto plötzlich wieder da, als wäre es durch die Jahrzehnte hindurch gelaufen und stünde mit einem Mal im Raum, noch immer mit dem gleichen Lächeln von damals, dem niemand etwas anhaben kann, nicht die Menschen und nicht die Zeit, die unablässig vergeht, gegen die man sich auch nicht zur Wehr setzen kann, weil man ihr unterliegt, weil sie vielleicht auch kein Feind ist und während ich das Foto betrachte, wird mir klar, das ich am Ende weder meine Mutter noch das Kind, das sie gewesen ist, vollständig erkenne, sondern etwas, das hinter ihnen liegt und sie aneinander knüpft, dieser Mensch wahrscheinlich, der sich in keinem Alter fassen lässt und doch immer hinter den veränderlichen Oberflächen wartet, der sich zum Beispiel in diesem Lächeln zeigt, das alle Jahre überdauert.

Auf die Kindheitsfotos folgen Aufnahmen kurz nach dem Abitur. Meine Mutter ist zwanzig und unternimmt mit ihrer Freundin eine Reise auf dem Fahrrad durch den Thüringer Wald, ein Unternehmen, wie sie mir jetzt erklärt, das beide damals völlig unterschätzten. Sie fahren eine ganze Woche durch das Land, schlafen im Zelt, die Leute reagieren überall freundlich auf die beiden jungen Frauen. Es gibt Aufnahmen mit einem älteren Mann, der in die Kamera lächelt und mit dem meine Mutter und ihre Freundin zufällig ins Gespräch gekommen sind.

Wir betrachten die Aufnahmen und verstummen irgendwann. Die vergangene Zeit holt uns schließlich ein. Ich weiß, wie meine Mutter auf diese Fotos blickt, sie sieht die Zeit genauso wie ich selbst, wir beide sind Melancholiker, für uns steckt in der Erinnerung stets auch die Bitternis und je länger man sicher erinnert, umso stärker scheint sie zu werden. 

Die Ähnlichkeiten zwischen den Eltern und ihren Kindern sind manchmal verblüffend, es nicht nur die äußere Ähnlichkeit, sondern auch die Entsprechung der Gesten, der Sprache, die auf die vielen gemeinsam verbrachten Jahre deuten. Im meinem Elternhaus stand in einem der Bücherregale, irgendwo dort, wo ich später Juan Rulfo fand, das einzige Foto meiner Mutter, eine Aufnahme in winzigem Hochformat. Das gerahmte Bild zeigt das Porträt einer Frau Anfang zwanzig im Halbprofil, sie studiert Geologie in Freiberg, vielleicht ist dieses Foto sogar in Freiberg entstanden, dort, wo auch Novalis Bergbau studierte. Der Fotograf, der womöglich mein Vater ist, hat meine Mutter in einer weiteren, für sie so typischen Geste festgehalten. Sie schaut nachdenklich, vielleicht sogar ein wenig ängstlich oder überrascht aus dem Bild, blickt dabei nicht direkt in das Objektiv, sondern knapp an diesem vorbei. Ihre rechte Hand hält sie zu einer schwachen Faust geballt vor ihrem Mund, der Zeigefinger ruht auf der Oberlippe, der Daumen auf dem Kinn. Es ist diese Geste, bei der ich mich selbst bis heute ertappe, wenn ich unaufmerksam bin und abschweife, irgendwelchen Gedanken nachhänge, es ist, als hätte sich diese Geste auf mich vererbt, als hätte ich sie mir nicht von meiner Mutter abschauen müssen, als wäre sie immer schon für uns beide verfügbar gewesen als einzig brauchbarer Ausdruck für diese nachdenkliche Stimmung und wenn ich mir die Geste doch abgeschaut haben sollte, dann nur, weil ich in ihr die Brauchbarkeit des Ausdrucks erkannte, eine Geste, mit der sich genau das bezeichnen lässt, was man bezeichnen muss in Momenten, in denen man sich selbst vergisst, um nach draußen zu schauen, direkt in die Wipfel der Eschen hinein, durch das Glas der Fensterscheiben hindurch, das man nicht mehr wahrnimmt, genauso wenig wie die Eschen selbst oder den Wald, versunken in sich selbst, weit weg.

Samstag, 3. Juli

Es ist Juli und damit ist die Hälfte des Jahres erreicht. Wir werden heute in den Park fahren, um Ks Geburtstag mit einigen Freunden zu feiern, das Wetter ist glücklicherweise gut und die Sonne scheint, schon morgen aber soll es wieder gewittern. K hat den gestrigen Abend in der Küche mit einigen Vorbereitungen für das Essen verbracht und auch jetzt steht sie am Herd und rührt irgendetwas an. Ich höre das Klappern des Geschirrs, die rumpelnde Spülmaschine, unseren Wasserkocher und kurze Zeit später steht sie plötzlich im Schlafzimmer neben dem Bett.

„Ich habe mich geschnitten“, flüstert sie.

„Ist es schlimm?“, frage ich.

Sie nickt.

Ich sage ihr, sie solle mit mir ins Bad kommen und sage das wie immer ein wenig unwirsch und kurz angebunden, was mich sofort an meinen Vater erinnert. Ich schäme mich gleich für diese Grobheit, die meine Fürsorge kaschiert. Ich weiß nicht, warum ich nicht einfach mit nervösem Mitleid reagieren kann, warum ich nicht sage, tut es weh?, kein Problem, wir machen das schnell, es ist nicht der Rede wert. Stattdessen sage ich mit ernstem, kühlen Gesicht und einem mir ansonsten völlig unbekannten Befehlston, ab ins Bad, als hätte sie etwas falsch gemacht und würde mich darüber hinaus noch aus irgendeinem Grund stören. 

Während ich in unserem chaotischen Arzneischränkchen, das eigentlich nur ein kleiner, überfüllter Korb voll abgelaufener Medikamente ist, nach einer Wundkompresse und einem Verband suche, steht K wortlos neben mir und betrachtet das Geschehen. Sie hat sich Küchenrolle um den linken Zeigefinger gewickelt und wartet ab. Wie ein kleines Kind muss ich sie anhalten, die Wunde unter dem Wasserhahn zu waschen, was sie auch sofort macht. Unter dem durchsichtigen Strahl ist der Schnitt kaum zu erkennen, das Wasser spült das Blut augenblicklich fort, doch sobald sie ihren Finger aus dem Wasserstrahl zieht, wird der Schnitt an der Kuppe ihres Fingers erkennbar. Das Blut tritt an die Oberfläche, taucht aus dem Inneren des Körpers auf, es bildet zunächst noch einen Hintergrund oder einen Rahmen, der um den Schnitt herum verläuft und dann bilden sich tropfen und diese Tropfen sammeln sich und fließen schließlich an der Haut in feinen Adern entlang, um in das weiße Waschbecken zu fallen.

K hält ihren Finger noch einmal unter das Wasser, danach sprühe ich Desinfektionsmittel auf die Wunde. Ich lege die Kompresse um ihren Finger, schneide mit einer Schere die überstehenden Enden auf und fixiere das Ganze mit einer langen Mullbinde, die ich einige Male um ihren kompletten Finger wickele, wobei ich mir sofort wie ein Krankenpfleger in einem Feldlazarett vorkomme, dabei weiß ich nicht einmal, ob ich diesen Verband richtig anlege oder ob man heutzutage überhaupt noch von Lazaretten spricht. 

Wahrscheinlich schon, denke ich dann. Das Militär hält ja stets am längsten an einmal eingespielten Begriffen fest.

Als ich fertig bin, suche ich vergeblich nach unserem Heftpflaster, um meine Mullbindenkonstruktion, die den Umfang von Ks Zeigefinger verdreifacht hat, zu fixieren. Aber natürlich ist das Pflaster nirgends zu finden. Deshalb laufe ich den Flur, greife mir das gelbe Malerband von unserem Schränkchen, auf dem sich stapelweise ungeöffnete Post mit Keramikschalen voller Münzen, Batteriepackungen, Sonnencremetuben und Ks Schminkutensilien vermischen, und verklebe damit den Verband.

Ich frage K, ob sie ihren Finger noch bewegen und anwinkeln kann. Sie wackelt ein wenig mit dem weißen Mumienfinger und wir beschließen gemeinsam, dass dieses Ergebnis fürs Erste ausreichen muss.

Kurz vor zwei klingelt es an unserer Wohnungstür und Augenblicke später steht Ks Schwester in unserem Flur. Tanja hat sich bereit erklärt, uns beim Transport der vielen Dinge helfen, die K gestern und heute zusammengestellt hat und ist deshalb mit ihrem Auto gekommen. Es gibt eine graue Kühltausche voller Bier, eine IKEA-Tüte mit selbst gebackenem Foccacia, verschiedene Tupperdosen, darunter auch eine größere Schüssel mit einem Nudelsalat nach dem Rezept meiner Mutter, was mein einziger Beitrag zum Picknick bleibt. K hat auch eine neue Campingdecke über Amazon gekauft, dazu Geschirr aus Maisstärke, das natürlich besser ist als Plastik. Wir haben eine Flasche Sekt und einige Flaschen Wasser dabei und unsere Wohnung befindet sich aufgrund der Vorbereitungen in heillosem Durcheinander, was mich wahnsinnig macht, doch ich weiß, dass eine Bemerkung, die auf das Chaos hinweisen würde, nur zu Streit führte und deshalb lasse ich es bleiben und greife stattdessen nach der Kühltasche, die sicher fünfzehn Kilo wiegt.

Wir laden alles in das Auto und ich setze mich auf den Beifahrersitz, um Tanja den Weg in Richtung Park zu zeigen. Als sie den Motor startet, springt das Radio in ohrenbetäubender Lautstärke an. Wie immer läuft bei Tanja jene Sorte Metal, die ich hasse, Dudelsäcke zwischen Gitarren, Falsettstimmen, es ist nicht zum Aushalten und da ich mich lautstark beschwere, beginnt sich Tanja zu verteidigen.

„Das ist ein neues Album mit Weltmusikeinflüssen“, ruft sie über ein nervtötendes Gitarrensolo hinweg. „Das ist totale Klasse!“

„Das ist der absolute Müll!“, sage ich genervt, drehe das Radio leiser und der Schmerz lässt augenblicklich nach.

Zehn Minuten später halten wir vor einem der Parkeingänge. Während Tanja nach einem besseren Parkplatz sucht, tragen K und ich die tonnenschweren Beutel zur vereinbarten Stelle im Ruhebereich. K feiert mit Tim, der heute Geburtstag hat und wir haben uns über GoogleMaps eine gut zu erreichende Stelle im Luisenpark ausgesucht und sie an alle Freunde geschickt. 

Als wir ankommen, steht die Sonne hoch und es ist heiß. Viele Familien sitzen im Schatten der Bäume, was sicher auch am Spielplatz liegt, der sich in unmittelbarer Nähe befindet. Wir breiten die mitgebrachten Decken aus und ich spüre, wie ich allmählich ruhiger werde. Den ganzen Vormittag über habe ich versucht, mir meine Anspannung nicht anmerken zu lassen, denn normalerweise meide ich jede Party, ich mag es nicht unter vielen Leuten zu sein, auch wenn das dumm ist, wie ich weiß, und niemals annähernd so schlimm wird, wie ich es mir im Vorfeld ausmale.

Ich ziehe meine Crocs aus, laufe durch das warme Gras und schaue mir einen Baum mit merkwürdigen Früchten an, in dessen Schatten wir uns ausgebreitet haben. Ein schmales Messingschild macht darauf aufmerksam, dass es sich hier um einen Taschentuchbaum handelt, was wahrscheinlich der unpoetischste Name für eine Pflanze ist. Esche, Ulme und Eiche klingen nach Jahrhunderten, vielleicht sogar nach Jahrtausenden, die Zeit hat sich in diese Bezeichnungen eingegraben, die nicht einmal richtig deutsch klingen, sondern weitaus älter und mich an indogermanische Wurzeln denken lassen und diese ganze Geschichte einer im Fluss befindlichen Sprache, die immer auch Elemente in sich trägt, die sich der Veränderung störrisch widersetzen. Im Vergleich mit diesen abgründigen Namen ist der Taschentuchbaum zu bemitleiden und ich denke an einen Botaniker, der sich da einen kleinen Scherz erlaubt hat, der am Ende einfach haften geblieben ist. So etwas gibt es ja immer wieder.

Die Freunde kommen nach und nach. Sie alle bringen eigene Decken mit und wir stellen schnell fest, dass wir das gleiche Modell über Amazon gekauft haben. Nur die Muster auf der Oberseite variieren. Anna braucht eine Dreiviertelstunde, bis sie unseren Standort findet, den wir ihr zugeschickt haben und erklärt, verträumt und in sich gekehrt wie stets, sie habe noch einen Spaziergang gemacht und sich den Park angesehen, der wirklich klasse sei.

Vögel fliegen über uns, darunter ein großer Reiher, der hinter den Bäumen verschwindet, die Krähen allerdings warten in gehörigem Abstand, während wir uns über das Essen hermachen. Wir sprechen über die Arbeit, über anstehende Hochzeiten, über Filme und unsere Impfungen. Ulrike und Sarah fragen mich, ob ich noch schreibe, was ich zurückhaltend bejahe, um dabei zu hoffen, die anderen bekämen es nicht mit, denn mir fällt es weiterhin schwer, über mein Buch zu sprechen. Ich komme mir jedesmal vor, als würde ich etwas behaupten, statt auf eine Realität hinzuweisen, obwohl ich insgeheim weiß, dass es sich hier um eine Realität handelt. Ich behaupte nichts mehr, ich male mir nichts mehr aus, das alles passiert ja wirklich, aber diese Rolle anzunehmen, fühlt sich noch immer falsch und wenn nicht falsch, dann doch zumindest fremd und eigenartig an, als machte ich mir etwas vor.

Ich erzähle vom Roman, den beide spannend finden, was ich insgeheim für eine freundschaftliche Lüge halte, denn was ich erzähle, ist völlig konfus und trifft nicht im Ansatz den Kern des Buches. Aber Ulrike und Sarah erklären sofort, sie würden den Roman vorbestellen und ich antworte, dass ich ihnen einen Link schicken werde, obwohl ich mir in diesem Augenblick nicht sicher bin, das auch wirklich zu tun. Was will ich damit erreichen? Die Freunde mit Links bombardieren, damit sie etwas bestellen, das sie doch eigentlich auch so erhalten müssten? Als Autorenexemplar zum Beispiel?

Nachdem ich mir ein weiteres Bier geholt habe, setze ich mich wieder auf die Decke und betrachte den Park. Am Spielplatz herrscht ein wildes Durcheinander, die aufgeregten Stimmen der Kinder und die mahnenden Stimmen der Erwachsenen dringen von dort bis zu uns hinüber. Im übrigen Park dösen die Leute auf blauen Liegestühlen aus Metall, einige lesen, andere scheinen zu schlafen oder beobachten die Gänse, die in kleinen, ziemlich bedrohlich wirkenden Gruppen über die Wiese patrouillieren und dabei so tun, als würden sie sich durch niemanden einschüchtern lassen. Meine Freunde unterhalten sich miteinander und ich kann nicht glauben, was wir alles tun, dass wir verschiedene Salate und Dips, Kuchen und Cupcakes für einen gemeinsamen Nachmittag bereits zwei Tage im Voraus zubereiten, während wir uns vor zehn Jahren völlig unvorbereitet trafen, jeder mit einigen Flaschen Bier im Rucksack und natürlich ohne jede Decke und dann saßen wir bis in die Nacht beinander und sprachen über alles mögliche, über die Bücher, über die Filme, über die unmögliche Zukunft und während wir über das alles redeten, zog die Dunkelheit auf, die Nacht brach herein, die Sonne verschwand und mit der Sonne das Licht, so weit, bis die Laternen im Volkspark plötzlich mit einem leisen Knistern aufleuchteten und die am Tag wie eine Steppe wirkende, ausgezehrte Wiese im Zwielicht verschwand. 

Sobald das Bier ausgetrunken war, standen wir auf, griffen nach unseren Fahrrädern und liefen gemeinsam zu einem Kiosk, um aus den großen Kühlschränken mit Glasfront weitere Bierflaschen zu ziehen und in einer solchen Nacht schien in gewisser Weise alles möglich zu sein und damit meine ich alles, nicht nur ein Teil, nicht eine Handlung, eine Form von Beweis, sondern wirklich alles. Doch das fiel mir damals nur selten auf. Meist fiel es mir auf, nachdem ich längst zu Hause angekommen war und allein in meinem Bett lag. Dann dachte ich an diese riesige, alles unsichtbar überziehende Möglichkeit, deren Existenz ich somit erst im Nachgang verstand, eine Möglichkeit, die bereits hinter mir lag, die ich überlebt hatte und diese Möglichkeit ging in einer ungewissen, schwer zu beschreibenden Nähe auf, die sich heute, zehn Jahre später, nicht mehr einstellen will, vielleicht, weil man für eine solche Nähe einen jüngeren Kopf braucht, jüngere Sinne, jüngere Gefühle. 

In jenen Nächten damals, kurz bevor das Warten auf das Unvorstellbare (denn es brauchte ja gerade die Nacht für ein unvorstellbares Ereignis, für das unerwartete Auftauchen eines anderen, eines Mädchens zum Beispiel, deren plötzlichem Erscheinen ich regelrecht entgegen fieberte, als läge darin eine Rettung), kurz bevor das Warten auf das Unvorstellbare endlich in Enttäuschung umschlug, steigerte sich die Sehnsucht bis zum Schmerz und das Leben wirkte mit einem Mal unfassbar nah, als ließe es sich mit Händen berühren, als genügte ein simples, vielleicht sogar alltägliches Wort, um alles zu verwandeln, jeden Zentimeter des Gewohnten neu, aufregend und unbeschreiblich tief pulsieren zu lassen und ich näherte mich diesem Punkt, an dem das Neue begann, das neue Leben, ich näherte mich ihm in meinen Nächten und dachte später über das Näherrücken nach, dann, als alles längst vergangen war und ich nur noch die Erschöpfung und Müdigkeit spürte, die der Tag und die Nacht übrig gelassen hatten.

Kurz nach acht sind die meisten Freunde verschwunden und wir sammeln die Reste ein, schütteln die Decken aus, transportieren die leeren Bierflaschen zu einem der Müllkörbe, um sie auf dem Boden in einem Halbkreis abzustellen. Wir packen unsere Rucksäcke und Taschen, die Kühlaggregate strahlen noch ein wenig Kälte ab, nur die Hälfte der vorbereiteten Salate und gebackenen Brote wurden gegessen, aber das macht nichts. Wir laufen gemeinsam los, unterhalten uns weiter. Das sind Gespräche, die Erwachsene führen, denke ich, Gespräche, die in Tagen denken und in Urlauben rechnen, genau eingeteilte Leben mit einem bestimmten Horizont, der nicht unbedingt eng ist, aber ganz sicher auch nicht weit, und wir laufen nebeneinander her und während wir so laufen, frage ich mich, wie ich diese Gruppe damals, vor zehn Jahren, betrachtet haben würde. Was wäre mir durch den Kopf gegangen, damals, als ich vierundzwanzig, fünfundzwanzig, sechsundzwanzig Jahre alt war und ich drehe mich mit dieser Frage im Kopf zu jener Stelle auf der Parkwiese um, auf der eben noch unsere neuen Picknickdecken lagen und entdecke drei Krähen im Landeanflug, die sich im nächsten Augenblick auf dem plattgedrückten Gras niederlassen und dann sofort damit beginnen, unsere Hinterlassenschaften begeistert zu plündern, aber ich, ich sehe in diesem Moment nur das Gras und nicht das, was die Krähen dort voller Euphorie entdecken.

Mittwoch, 30. Juni

Gestern kommt mir der Gedanke, dass ich wahrscheinlich zum ersten Mal in meinem Leben genau weiß, was ich zu tun habe und dass dieses Wissen aus mir selbst stammt. Das Unbestimmte, das mich dreißig Jahre lang begleitet hat, ist weg, zumindest zu einem großen Teil, und mit dem Unbestimmten verschwindet jetzt in vielen Bereichen meines Lebens auch die Verunsicherung, die früher, in meiner Kindheit und bis zum Ende meiner Zwanziger, alles überzog. Eine Verunsicherung, die das meiste in meinem Leben betraf, das Schreiben, die Liebe, das Studium und die Arbeit, meine Freunde, selbst die Stadt, in der ich wohnte. Viel zu häufig kam mir das alles zufällig vor, als hätte ich an der Entwicklung meines Lebens keinen oder nur einen sehr ungenauen Anteil, den ich niemals vollständig verstand, irgendetwas fehlte stets und sobald ich an die Zukunft dachte, an das, was ich aus eigenem Antrieb tun, vielleicht sogar erreichen wollte, wohin es mich möglicherweise zog (in welche Stadt zum Beispiel, in welches Land, denn alles stand mir ja offen), mit wem ich meine Zeit verbringen mochte und das, was sich daran anknüpfen ließ, kam ich völlig durcheinander. Mir fiel ganz einfach nichts ein und das machte mich wütend, denn für die anderen schien es Antworten zu geben, auch wenn sie jahrelang genauso unsicher gewesen waren wie ich selbst. Irgendwann aber, und ich verstand nicht warum und wie sie das machten, änderten sie etwas und ich verfolgte diese Veränderungen hilflos und voller Neid, denn irgendwie, dachte ich, lag in diesen Veränderungen ein heimlicher Vorwurf, der mich und meine Unfähigkeit betraf, dasselbe zu tun.

André kehrte mit Britta von seinem Austauschsemester aus Glasgow zurück und war mit einem Mal ein anderer. Er hatte beschlossen, in die USA zu gehen und dort seinen Doktor zu machen, zuerst aber wollte er nach Frankreich für ein paar Monate, um die Sprache zu lernen und sich an den Universitäten zu bewerben, was ein nicht ganz unkomplizierter Vorgang war, denn er brauchte Empfehlungsschreiben ehemaliger Professoren und musste eine unüberschaubare Zahl von Dokumenten zusammenstellen. Er hatte sich alles sehr genau überlegt und ich spürte, wie sicher er sich war, dass er nicht mehr schwankte, ob es noch eine andere Alternative gab oder einen anderen Weg. Er sprach ganz ruhig über seinen bevorstehenden Auszug aus unserer WG in der Danziger Straße, er hatte den Weg vor Augen, diese Linie, der sich folgen ließ, und mit einem Mal bekam die Zeit eine Struktur und die Zukunft, die im Unbestimmten keine Gestalt gewinnen kann und unsichtbar bleibt, tauchte vor ihm auf. 

Nachdem André uns von seinen Plänen erzählt hatte, dachte ich für eine Weile sogar selbst an ein Doktorstudium in den USA und erzählte davon auch im Buchladen, in dem ich damals in Berlin, kurz vor dem Abschluss meines Studiums, arbeitete. 

Ich stand gemeinsam mit Seçil an der Kasse, Seçil, deren Vater für eine deutsch-türkische Zeitung schrieb, Seçil, die sieben Sprachen flüssig sprach und für die Fußballeuropameisterschaft 2008 als Simultanübersetzerin gearbeitet hatte, was mich alles unglaublich beeindruckte. Als man uns an meinem ersten Tag in der Buchhandlung einander vorstellte, war sie wunderbar rot geworden, schlug die Augen kurz nieder, um so zu tun, als machte sie sich an der Kasse zu schaffen und musterte mich dann erneut mit einem zurückhaltenden Blick aus ihren großen, braunen Augen. Heute lebt sie mit ihrem Mann in London, übersetzt Untertitel für Kinofilme und ich habe mit ihr seit zehn Jahren kein Wort mehr gewechselt. Das Jahr der Fahnen, fällt mir auf, verwandelt sich immer weiter in einen Bericht über Geister, über Menschen, die mir abhanden gekommen sind, deren Verschwinden ich überhaupt nicht bemerkte und erst jetzt, zehn oder fünfzehn Jahre später, schreibe ich insgeheim auch an diese, meine verlorenen Freunde und komme mir dabei schuldig vor, denn ihr Verschwinden bleibt meine Schuld, ich hätte mich bemühen müssen, ich hätte ihnen schreiben müssen, sie anrufen müssen, als das noch möglich war, denn jetzt ist es nicht mehr möglich, die Nummern sind zu alt, ihre Adressen haben sich verändert und was würden sie schon jemandem sagen, der sich nach so langer Zeit plötzlich bei ihnen meldete, der ein ganzes Jahrzehnt lang keinen Gedanken an sie verschwendet hat und dann ganz unerwartet wieder vor ihnen steht, um eine Antwort zu verlangen, eine Antwort, die manchmal ebenso unmöglich ist wie die erste, nur scheinbar unschuldige Frage. Was mich schuldig macht, ist die Zahl der Gespenster, die ich hinterlasse. Vielleicht bin ich einfach unfähig, denke ich und spreche die Namen aus, ich denke an Seçil, Denise, Franka, Saskia, Emma, Simon, Anja, Christine, Jakob und diese Liste könnte ich beliebig fortsetzen, mir fielen noch andere Namen ein, all diese Menschen, die einmal in meinem Leben gewesen sind und die ich in kürzester Zeit aus den Augen verloren habe.

Ich wünschte, ich könnte noch einmal sehen, wie Seçil an der Kasse errötet, direkt vor mir in diesem Buchladen, den es nicht mehr gibt. Ich wünschte, eine solche Rückkehr wäre möglich. Doch würde ich etwas anderes sagen und mich anders verhalten? Ich weiß es nicht.

Obwohl Seçil und ich uns gleich vom ersten Tag an näher kamen, zu nah vielleicht, so nah, wie gute Freunde, die sich über alles unterhalten können, passierte zwischen uns nichts. Wir sprachen über alles mögliche, über Filme und Bücher, denn sie las ausgesprochen viel und damals die alten Russen, was ich wunderbar fand und jedes Mal, wenn ich in die S-Bahn stieg, um zum Potsdamer Platz zu fahren, freute ich mich, weil ich wusste, die Schicht mit Seçil zu teilen.

Hin und wieder gingen wir nach der Arbeit etwas trinken und dann klagte sie mir ihr Leid. Ihre Eltern stellten ihr immer wieder junge Männer vor, allesamt in Deutschland geborene Typen mit türkischen Wurzeln, aber sie mochte sich auf niemanden einlassen, ihr wurde das ganz einfach zu viel.

„Thomas, was soll ich mit ihnen machen?“, fragte sie mich.

Seçil baute in fast jeden Satz meinen Vornamen ein, was mich damals maßlos faszinierte, denn keiner meiner Freunde tat etwas Vergleichbares. Und noch dazu stellte sie meinen Namen an den Anfang des Satzes, was ich ganz verrückt fand und irgendwie auch sehr literarisch, denn ich kam mir dadurch plötzlich wie in einem Stück von Tschechow vor.

Sie sagte beispielsweise nicht, hast du Lust nach der Schicht noch etwas trinken zu gehen?, sondern Thomas, hast du Lust nach der Schicht noch etwas trinken zu gehen? Und aus einem einfachen Wie geht’s?, wurde bei Seçil zwangsläufig ein, Thomas, wie geht es dir?

Auf Seçils Männerprobleme jedenfalls wusste ich keinen Rat. Was sie abstoßen würde, erklärte sie mir, sei dieses ganze Machogehabe, sie würde behandelt werden wie ein Kind, das nichts weiß und sich dafür noch bedanken muss. Sobald sie aber von sich zu erzählen begänne, von ihrem Studium, den Sprachen und so weiter, von ihrem bevorstehenden Abschluss mit Bestnoten, wurden die Männer sehr schnell ausgesprochen still, denn das alles schüchterte sie ein, wie Seçil mir erklärte.

„Thomas, so dumm das auch klingt“, sagte sie, „so wahr ist es am Ende auch. Sie können mit einer Frau, die einen eigenen Beruf hat, die studiert hat und mehr will, als Mutter und Hausfrau werden, einfach nichts anfangen. Von denen hat ja nicht einer studiert, aber sie spielen sich auf, als könnten sie mir die Welt erklären! Und welche Welt? Die sind doch nur in Deutschland und der Türkei gewesen!“

Seçil hingegen war überall in Europa unterwegs. Damals, als wir gemeinsam an der Kasse im Hugendubel standen, lernte sie gerade Griechisch. Verirrten sich Touristen zu uns, zog man sofort Seçil hinzu, die bereitwillig und ohne weitere Umschweife flüssig in die verlangte Sprache wechselte.

Kurz nach unserem Abschluss zog sie nach London für ein Praktikum. Wir schrieben uns noch einige Male, ich selbst zog bald nach Leipzig und zwei Jahre später nach Ludwigsburg und irgendwann in diesem Zeitraum brach der Kontakt zwischen uns ab. Dass sie in London blieb, um ein paar Jahre danach auch zu heiraten, habe ich nur zufällig über Facebook erfahren. Seçils Nachname hatte sich geändert, ihr Foto zeigte sie in weißem Brautkleid mit Schleier. Sie wirkte ausgesprochen glücklich und sah noch genau so aus, wie ich sie in Erinnerung hatte.

Ich dachte nur kurze Zeit daran, meinen Doktor in den USA zu machen und damit André nachzuahmen, verlor das Ganze aber bald wieder aus den Augen. Nach meinem Abschluss zog mich nichts mehr in Richtung Universität, ich hatte alles ganz grundsätzlich satt. Allein der Gedanke, mich wieder in ein Kolloquium setzen, erneut diese alberne Sprache gebrauchen zu müssen, mit der man den anderen versuchte weiß zu machen, man hätte da ein paar ganz ausgefallene Gedanken parat, stieß mich regelrecht ab und obwohl ich auch später hin und wieder an Robert Walser dachte, über dessen frühe Romane ich gern geschrieben hätte, erklärte ich dieses Vorhaben doch schließlich für komplett gescheitert.

Doch damit kehrte die Verunsicherung zurück, das Unbestimmte gewann erneut die Oberhand. Und je länger ich über das Unbestimmte nachdachte, umso klarer schien mir zu werden, dass ich, wenn ich völlig ehrlich mit mir war, weder eine Ahnung noch ein Gespür für das besaß, was mir lag, was mir entsprach, egal, wie man sich diese Entsprechung am Ende auch vorstellen musste. 

Was wollte ich eigentlich? 

Ich fand keine Antwort auf diese Frage und quälte mich endlos mit ihr herum. Mein Studium lag abgeschlossen hinter mir und ich konnte noch immer nicht sagen, wohin es mich zog, was ich mit meinem Leben anfangen wollte. Das kann doch nicht wahr sein!, ging es mir durch den Kopf. Was zum Teufel stimmt mit mir nicht?

Manchmal kam es mir sogar so vor, als täte ich alles wie aus zweiter Hand, als ahmte ich überall bloß nach und führte damit das Leben eines anderen, jedenfalls wohl aber nicht mein eigenes, das spürte ich genau. Schon in der Schule hatte ich mich zum Lesen gezwungen, weil meine Freunde plötzlich lasen. Ich quälte mich durch Hesse, nicht, weil mich Hesse interessierte, sondern weil ich zu den anderen gehören wollte, die damals in der neunten Klasse wie aus heiterem Himmel ganz begeistert anfingen, echte Literatur zu lesen und in den Pausen mit einem Mal über das Leben sprachen mit ganz verklärten, in sich ruhenden Gesichtern. Später in Berlin richtete ich den Stil meiner Klamotten am Stil meiner Freunde aus, die Einrichtung meiner Wohnung, meine Sprache, meine Vorlieben und Abneigungen. In fast jeder Beziehung fühlte ich mich unterlegen und deshalb fiel es mir auch schwer, für mich einzustehen oder auf etwas anderem als meinem ewigen Außenseitertum zu beharren, das ich irgendwann zu einer grundlegenden Qualität erklärte, die man einfach haben musste. An dieser Rolle gefiel mir, dass man den anderen nicht folgte, dass man sich von ihnen fern hielt, die abgelaufenen Pfade mied. Dieses Leben, das so viele führten, wollte ich nicht, ich wollte nicht zu einer dieser stromlinienförmigen und immer kompromissbereiten Gestalten werden, die ständig abwägten, die sich mit einer Karriere beschäftigten, die praktische Klamotten trugen, alles nach der jeweiligen Nützlichkeit bewerteten und nicht einmal wussten, dass sich darin bereits ihre Weisheit erschöpfte. Ich wollte nicht dazugehören und fühlte das instinktiv, genauso wie ich im Abstand von drei oder vier Monaten spürte, jetzt wieder meinen Stil verändern zu müssen, was ich überaus gern tat, denn das hieß, sich neue Klamotten zuzulegen, andererseits aber machte es mich auch wahnsinnig, denn ich verstand sehr genau, dass mir der rote Faden fehlte und ich nichts anderes tat, als mich ewig in neuen Rollen auszuprobieren.

Nur noch ein einziges Paar Schuhe!, sagte ich mir dann, nur noch eine Jacke für die ganze nächste Zeit, für das ganze weitere Leben! Ich will mich endlich festlegen, ich habe diese ewige Unschlüssigkeit satt!

Doch nur ein halbes Jahr später stand ich wie ein Idiot mit einer frisch gekauften Motorradlederjacke aus dem Second-Hand vor meinen Freunden und sorgte für allseitige Begeisterung.

„Hells Angel!“, rief C. „Jetzt siehst du aus wie ein Schläger.“

Ich machte große Augen.

„Andererseits“, schob er dann nach, „siehst du auch überhaupt nicht gefährlich aus.“

Meine Lederjacke schenkte ich irgendwann Mewes, einem Freund von C, der ein paar Jahre später während eines schief gelaufenen Drogendeals verhaftet wurde, eine richtige John-Grisham-Angelegenheit, denn Mewes hatte sich auf einem Parkplatz mit einem vermeintlichen Dealer aus Holland verabredet, um ein paar Kilo Gras zu kaufen, dieser Dealer allerdings kam weder aus Holland noch hatte er Gras dabei, sondern stellte sich als deutscher Kripobeamter vor.

Zur Fußballweltmeisterschaft 2010 war Mewes allerdings noch unaufhaltsam unterwegs. Nach einem gewonnenen Deutschlandspiel entdeckte ich ihn zufällig von meinem Balkon auf der Danziger Straße aus. Er lief mitten auf der Fahrbahn als Anführer eines Pulks vollständig Betrunkener, hielt eine riesige Deutschlandflagge über seinem Kopf in beiden Händen und war, bis auf meine alte Motorradlederjacke und eine knappe, hellblaue Badehose, vollkommen nackt.

Hätte mir damals, in dieser unsicheren Zeit, einer meiner Freunde erklärt, ich würde so und so viele Jahre später, am zweiten August zweitausendundeinundzwanzig meinen ersten Roman veröffentlichen und dieser Roman würde Gärten in der Wildnis heißen, hätte ich meine Freunde für verrückt gehalten, auch wenn ich mich sicher etwas geschmeichelt gefühlt haben würde aufgrund dieser gar nicht so schlechten Aussicht. Aber damals war an ein Buch nicht zu denken. Meine Versuche scheiterten auf ganzer Linie, die Literaturzeitschriften wollten keine meiner Erzählungen drucken, ein paar kleinere Verlage hatten meinen langen Text über Gadbin Brons, den großen Trapezkünstler des neunzehnten Jahrhunderts, mit Schweigen quittiert und als ich Katharina eine gerade abgeschlossene Geschichte an ihrem Küchentisch vorlas, die ich über Südschweden geschrieben hatte, wurde sie von Minute zu Minute schweigsamer, bis sie sich kaum noch bewegte, um schließlich etwas nervös in Richtung Boden zu sehen. 

Meine Verunsicherung wuchs in diesem Schweigen, sie wuchs mit jedem Wort, als breitete sich die Dämmerung ganz langsam, aber unaufhaltsam in der Küche aus. Plötzlich fand ich meine Erzählung grauenhaft schlecht, aber ich hatte nun einmal angefangen zu lesen und konnte nicht einfach abbrechen und das alles für sinnlos erklären. Ich las eine kurze Passage, in der eine Rudel Hunde über eine Düne stürmte, um sich im hohen Gras zu verlieren und erreichte kurz darauf das Ende der Geschichte. Ich spürte instinktiv, dass sie misslungen und mittelmäßig war und vielleicht nicht einmal das, vielleicht war sie grundsätzlich schlecht und wenn sie schlecht war, dann stellte sie natürlich auch meine Unfähigkeit aus, meine Unfähigkeit zum Schreiben geeignet zu sein, so etwas wie Talent zu besitzen. In mir war alles vollkommen leer. Ich befand mich in einem ausgeräumten, lautlosen Gebiet. Katharinas Schweigen reichte aus, es sprach Bände und ich wusste sofort, was sie dachte. Ich hatte geglaubt, einen Hermann, der Heger zu schreiben, stattdessen aber hatte ich nur eine konfuse Erzählung zustande gebracht, in der kein Leben steckte. 

Am liebsten wäre ich an diesem Nachmittag in Katharinas Küche einfach aufgestanden und verschwunden – das Verschwinden, wie stets, die Waffe meiner Wahl –, aber das war damals nicht möglich, ich konnte nicht einfach gehen, um mich dadurch aus der Affäre zu ziehen und wusste das sehr genau.

Heute kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wie wir unsere Verlegenheit schließlich wieder abschüttelten, doch wir haben auch später nie über diese Erzählung gesprochen, als hätte es das alles, den Nachmittag in Katharinas Küche und meine erste Lesung, nie gegeben. Und ein halbes Jahr später verschwand ich dann tatsächlich. Ich verschwand aus Berlin, ich vergaß die Erzählungen, wie ich meine Freunde vergessen würde, ich ließ alles hinter mir. Und während ich mich von den anderen verabschiedete, dachte ich unablässig darüber nach, warum ich Leipzig als neue Stadt für mich ausgewählt hatte, denn auch dort erwartete mich nichts als eine alte Bekanntschaft und die Aussicht, eine Videoarbeit am Centraltheater umzusetzen. Doch die Frage, was ich jetzt, nach dem Abschluss meines Studiums, tun sollte, wie ich Geld verdienen würde und wie es mit dem Schreiben weiterging nach dieser jahrelangen Kette fehlgeschlagener Versuche, diese Frage nahm ich, ohne eine Antwort gefunden zu haben, mit, als läge im Umzug bereits ein Heilmittel, was sich dann, nur wenige Monate später, natürlich als Trugschluss herausgestellt hat.

Sonntag, 27. Juni

K und ich laufen am Ufer entlang. Wir sind beide noch schwach nach unserer zweiten Impfung, mich fröstelt es den ganzen Weg über. Die Sonne steht hoch, es ist kurz vor zwölf, aber da die Luft sich bereits wieder aufheizt und es noch wärmer werden soll, sind nur wenige Leute unterwegs. In den vergangenen Tagen hat es häufig gewittert und dann fiel der Regen in den Abendstunden, ohne sich zu erschöpfen, ein wirklich maßloser Regen, der mal stärker wurde und dann wieder schwächer, allerdings nie ganz versiegte.

Wir laufen durch kniehohes Gras, das an dieser Stelle des Flussufers noch nicht gemäht worden ist, und die Hitze treibt aus der durch die Regengüsse noch feuchten und jetzt trocknenden Wiese einen muffigen Geruch. Obwohl ich mich so fühle, als würde ich gerade eine Grippe ausbrüten, tut die Wärme nicht gut. Auch K ist zwiegespalten. Einerseits, sagt sie, fühlten sich die Sonnenstrahlen, nach dem langen Herumliegen gestern, wie ein Wärmepflaster an, andererseits aber sei das alles auch zu viel und ich gebe ihr recht.

Den kompletten Freitag haben wir im Bett verbracht, ohne jede Möglichkeit, uns zu bewegen. Ich habe weiter im Idioten gelesen, der mich wieder einmal völlig umhaut und zur gleichen Zeit verzweifeln lässt, wie ich jetzt K gegenüber am Flussufer erkläre, denn ein solcher Roman, wie überhaupt alle Romane Dostojewskis, sind ja wirkliche Wunder und das habe ich damals mit Anfang zwanzig natürlich überhaupt nicht begriffen. Zur gleichen Zeit haben neben Dostojewski Hunderte andere Russen geschrieben und sogar sehr erfolgreich geschrieben und was ist von ihnen geblieben? Nichts, nichts, als ein zweizeiliger Eintrag in einem verstaubten Literaturlexikon, das sich um die Figuren des neunzehnten Jahrhunderts bemüht. Alles vergessen, selbst die den Zeitgenossen so wichtigen, überaus bedeutend erscheinenden Köpfe, die jetzt niemandem mehr etwas sagen und von denen man damals doch zweifellos angenommen hat, sie würden die Jahrhunderte überdauern. Dass überhaupt etwas überlebt, ist das Verrückte. Und das liegt nur daran, dass Dostojewski seine Analyse des zeitgenössischen Russlands (der Nihilismus und Sozialismus, die soziale Frage, das Leibeigentum, die Revolte der Jugend und so weiter), auf das Allgemein-Menschliche erweitern konnte und zwar in jedem seiner Romane, egal ob im Idioten oder den Brüdern Karamasow, in den Dämonen oder Schuld und Sühne. Und das Irre an der ganzen Sache ist, dass Dostojewski diese Erweiterung auf das Allgemein-Menschliche, die allen nachfolgenden Epochen zum wesentlichen Kern seiner Romane geworden ist, weil sie die Aktualität des Geschehens nicht oder nur unvollständig begreifen, gerade aufgrund seine Religiosität gelang. Nur weil Dostojewski diesen irren Christusglauben hatte, ist ihm das, was der Mensch ist oder sein kann, niemals abhanden gekommen. Und deshalb macht seine Betrachtung des Mitleids, der Menschlichkeit, der Schuld, Unschuld und der Gnade bis heute einen Eindruck, denn diese menschlichen Eigenschaften stehen über der Zeit, sie sind zeitlos, auch wenn sich ihre Gestalt verändern kann, ihr Kern oder ihre Existenz im Menschen aber ist ganz einfach gegeben. Ohne ihre verwirrende Anwesenheit gibt es den Menschen nicht und das hat Dostojewski sehr genau gewusst, er hat es nicht einmal geahnt oder nur angenommen, sondern tatsächlich gewusst und das kann wahrscheinlich nur jemand, der glaubt, tief glaubt an die letztlich doch sinnvolle Einrichtung einer Welt, in der die Menschen schuldig werden, aber immer die Möglichkeit zur Sühne besitzen, zur Rückkehr in den Zustand der Gnade. 

So zumindest, erkläre ich K mit schweißnasser Stirn auf der Uferwiese, müsse man sich das ja wohl mit Dostojewski vorstellen, anders könne es gar nicht sein.

K schweigt wie stets, wenn einer meiner leidenschaftlichen Monologe unerwartet über sie hereinbricht.

„Ich kann nur einen Russen im Jahr lesen“, sagt sie dann. „Das ist ein richtiges Projekt. Nicht allein, weil die immer diese Wälzer schreiben mussten.“

„Klar“, sage ich. „Dabei kommt man so schnell durch Dostojewskis Romane durch. Auch das konnte er, richtiggehende Pageturner schreiben, es ist wirklich zum Verrücktwerden!“

Wir erreichen eine der Brücken, die über den Neckar führen und einen Abzweig der Stadtautobahn auf hohen Pfeilern über den Fluss leiten. Unter der Fahrbahn liegt eine vielleicht zwanzig Meter breite Schattenzone, in der wir für wenige Augenblicke verschnaufen. 

Die Brückenpfeiler sind von Graffiti überzogen, auf dem Boden unter uns wächst kein Gras, stattdessen ist alles voller Staub und Dreck. Wir umlaufen den breiten Pfeiler in Richtung Fluss und als wir um das Eck biegen, entdecke ich eine Frau. Sie ist sicher etwas älter als wir, trägt ein schwarzes Kleid, das einem Abendkleid gleicht, eine dunkle Sonnenbrille und sitzt auf einem Stein. In diesem Aufzug wirkt sie völlig deplatziert und vielleicht spürt sie das auch, denn sie sieht weder K noch mich an, obwohl sie unser plötzliches Erscheinen wahrgenommen haben muss. Doch sie bleibt einfach regungslos sitzen, den Kopf geradeaus gerichtet auf den Fluss, der durch den Regen angeschwollen ist.

K und ich treten nah an das Wasser heran, das schmutzig und wenig einladend wirkt, selbst jetzt in der Hitze nicht. Ich spüre, dass ich langsam Kopfschmerzen bekomme und schaue zur anderen Flussseite hinüber, auf der gerade ein Lastschiff mit Containern beladen wird. Die riesigen weißen und roten Beschriftungen an den Flanken der Metallcontainer segeln in Großbuchstaben durch das Bild, nur gehalten von einer phantastischen Konstruktion, die so etwas wie ein Kran auf Schienen ist. Ein dumpfes Beben dringt zu uns herüber, sobald die Container auf die Ladefläche des Lastschiffs stoßen.

EVERGREEN, lese ich,

HAMBURG SÜD

MAI LING

MAERSK

Die Frau blickt weiterhin neben uns auf den Fluss. Sie trägt ihre Sonnenbrille, obwohl wir uns im Schatten befinden, scheint aber keine Containerschiffliebhaberin zu sein, sondern nur zufällig hier in Abendkleidung zu sitzen, ein Zufall, der sofort mein Mitleid weckt, denn die Frau macht auf mich einen niedergeschlagenen Eindruck, ich weiß nicht warum. Vielleicht liegt es an ihrer Einsamkeit. Hat sie sich schließlich nicht in den Schutz dieses Brückenpfeilers zurückgezogen, um den Blicken möglicher Spaziergänger auf der Uferwiese zu entgehen? Sie wollte ja verschwinden, um allein zu sein und dazu noch in diesen Klamotten, in diesem Kleid, das mich an eine vergebliche Nacht denken lässt, die mit großen Erwartungen begann, aber nur in Enttäuschungen endete, in dieser grundlegenden, tiefen Enttäuschung, wie es sie nur am Ende einer Party gibt, die ja jetzt auch wieder in kleinerem Kreis möglich sind, eine Party, von der man sich alles Mögliche erhoffte, das Unglaubliche sogar, den Umschlag des Lebens, etwas unbedingt Neues, das in den Augen eines anderen seinen Anfang nimmt und das dann schließlich nirgendwo zu finden ist, weil man alle Gesichter kennt und auch die Gespräche und der Rausch, in den man sich sofort trinkt, nicht ewig anhält, sondern nur bis zu diesem Flussufer, an das es einen aus wer weiß welchen Gründen am nächsten Morgen zieht, als würde dort die Antwort auf eine Frage warten, die man selbst nicht formulieren kann, deren genauer Wortlaut schon eine Art Erlösung wäre.

Als wir wieder zu Hause sind, lege ich mich gleich ins Bett und klappe den Rechner auf, um nach meinen Mails zu sehen. Ich warte auf eine Antwort vom Verlag, denn ich habe in der letzten Woche die Fahnenkorrektur an meinem Roman abgeschlossen und wieder einmal zahllose Veränderungen in das Dokument eingearbeitet. Am Ende waren es fast eintausenddreihundert, was vor allem daran liegt, dass die Formatierungen beim Satz durcheinander gekommen sind und jetzt viele Zeilenumbrüche fehlen, was mich natürlich rasend macht. Aber ich finde auch weitere Tippfehler, die mich wiederum daran denken lassen, wie viele weitere Fehler ich übersehen habe, obwohl ich diesen Roman mit Sicherheit das sechste oder siebente Mal kontrolliere und ihn langsam wirklich nicht mehr ertragen kann.

„Ich habe die Schnauze voll“, erkläre ich K. „Es reicht!“

„Aber es ist doch dein erster Roman!“, erwidert sie. „Wie kann man da die Schnauze voll haben?“

„Was heißt hier erster Roman?“, rufe ich. „Ich will mich endlich um die anderen Bücher kümmern, die genauso abgeschlossen sind und die ich endlich rumschicken muss. Ich halte das Warten nicht mehr aus!“

Es gibt keine Antwort vom Verlag und ich beschließe, am Sonntag einmal nachzufragen, wie man meinen Änderungskatalog aufgenommen hat. Das dreitägige Schweigen scheint mir jedenfalls ein schlechtes Zeichen zu sein.

K hat sich in der Zwischenzeit in unser Wohnzimmer zurückgezogen und ich schaue mir Quer durch den Olivenhain von Abbas Kiarostami an, den ich ganz gut finde, der mich aber auch nicht wirklich umhaut. Die letzte Szene, in der Hossein seiner Liebe Tahereh durch den Olivenhain folgt, um endlich eine Antwort auf seine Frage, ob sie ihn heiraten wolle oder nicht, zu erzwingen, ist schön, weil die Einstellung super ist. Die Verfolgungsszene wird von einem Hügel aus gefilmt, der Olivenhain (silbernes Laub) liegt im Tal, links daneben ein grünes Feld, auf dem vielleicht Getreide wächst, und diagonal durch das Getreide zieht sich ein kaum zu erkennender Pfad. Tahereh läuft zunächst senkrecht, von unten nach oben, durch das Bild, sie läuft direkt durch den Olivenhain, der etwa im unteren Drittel eine schmale Lichtung besitzt. Zuerst verschwindet ihr Körper, dann taucht er auf dieser Licht wieder auf, Tahereh wendet sich nach links, verschwindet erneut hinter den alten Olivenbäumen, um dann den diagonalen Pfad im Feld zu erreichen. Hossein hat jetzt bereits die Verfolgung aufgenommen, die Kameraeinstellung ändert sich nicht mehr, die ganze Szene spielt sich ungeschnitten ab. Er holt Tahereh nach zwei oder drei Minuten ein, kurz bevor beide aus dem Bild verschwinden müssten (sie sind jetzt am oberen, linken Bildrand angelangt), und nun endlich dreht sich die ewig schweigende, stolze Tahereh zu Hossein um und scheint ihm ihre Antwort entgegenzurufen, auch wenn man diese Antwort natürlich nicht verstehen kann, denn die beiden sind viel zu weit von der Kamera entfernt. Hossein bleibt stehen und macht dann sofort kehrt, folgt nun nicht mehr dem diagonalen Pfad, sondern arbeitet sich quer durch das Getreidefeld hindurch, während Tahereh ihren Weg wieder fortsetzt, und damit endet der Film in einem etwas zu geplanten Kunstgriff. Denn natürlich kommt er auf diese Weise um die Auflösung seiner Kernfrage herum: was wird Tahereh, die den gesamten Film über kein einziges Wort an Hossein gerichtet hat, schlussendlich antworten? Wäre es ein einfaches Nein, verlöre der Film sofort seinen Reiz, da seine Spannung auf der widerspenstigen Stummheit Taherehs gründet. Sagte sie Ja, müsste der Film eine komplizierte Erklärung für ihr langes Schweigen bieten, die am Ende vielleicht ebenso unbefriedigend wie ein Nein bleiben muss. So nutzt der Film einen planvollen Kunstgriff und überlässt die Entscheidung der Frage dem Publikum, was ich trotz der genialen Kameraeinstellung nicht leiden kann, denn ich will es von den Figuren hören und nicht von mir, ich will etwas anderes hören, als das, was ich ohnehin schon weiß oder mir zusammenreimen kann.

Nach dem Ende des Films stehe ich auf, doch mein Kreislauf macht nicht richtig mit und die Kopfschmerzen kehren stechend zurück. Deshalb laufe ich ins Bad, werfe eine Ipuprofen ein und gehe anschließend ins Wohnzimmer, um nach K zu sehen. 

Sie sitzt auf der Couch und schreibt in ihr Notizbuch, während irgendeine Serie neben ihr auf dem Laptop läuft.

„Was machst du?“, frage ich.

„Ich gehe noch einmal über die Gästeliste für meine Geburtstagsfeier im Park“, erklärt sie freudestrahlend. 

K hat nicht einfach nur Geburtstag. Sie feiert eine ganze Woche lang, aber daran habe ich mich mittlerweile längst gewöhnt, obwohl Geburtstage für mich komplette Nebensächlichkeiten sind.

Erst neulich beim Abendessen fiel mir plötzlich auf, dass ich in diesem Jahr erst siebenunddreißig werde und nicht achtunddreißig, wie ich die ganze Zeit über angenommen hatte.

„Ich werde ja erst siebenunddreißig!“, sagte ich perplex. „Ich dachte, ich bin schon ein Jahr älter.“

K schaute mich verständnislos an.

„Wie kann man denn so etwas vergessen?“, wollte sie wissen.

„Keine Ahnung“, erwiderte ich und war gleichzeitig froh, nicht achtunddreißig zu werden und damit ein ganzes, falsch gezähltes Jahr zurückzugewinnen.

Am Abend taucht das Krähenpaar wieder in der Buche im Hinterhof auf. Wir beäugen uns jetzt seit einigen Wochen, auch wenn ich natürlich nicht genau sagen kann, ob es wirklich auch dasselbe Krähenpaar ist, das seine Stellung auf den wippenden Zweigen bezieht. Vielleicht ist es auch kein Paar und das sind nur Freunde, eine Art Krähenduo, dass Unfug im Hof anstellt, kleinere Zweige von den Ästen bricht, um diese dann zum Spaß in den Hinterhof fallen zu lassen.

Ist es heiß, sperren die Krähen ihre Schnäbel auf und hocken regungslos auf ihrem Platz. Manchmal putzen sie ihr Gefieder oder hüpfen auf der angrenzenden Mauer herum oder sie jagen eine dicke Straßentaube davon, die sich unvorsichtigerweise in ihren Baum verirrt.

Durch einen Zufall stoße ich später – die Krähen sind zu diesem Zeitpunkt längst verschwunden – auf eine Liste berühmter Hunde, die jemand auf Wikipedia eingestellt hat. 

Belka und Strelka lese ich, waren die ersten Hunde, die lebendig von einem Weltraumflug zurückgekehrt sind. Zwei Hunde, die, was den Weltraum anbelangte, der gesamten Menschheit zu diesem Zeitpunkt etwas ganz gewaltig voraus hatten und im Nachgang mit allerhand Orden beehrt worden sind.

In San Francisco machte in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ein berühmtes Straßenköterpärchen die Innenstadt unsicher, zwei Berühmtheiten mit den Namen Bummer und Lazarus, auf die selbst Mark Twain einen Nachruf geschrieben hat und die angeblich meisterhafte Rattenfänger gewesen sind. Ihr Rekord lag in einer zwanzigminütigen Jagd, bei der fünfundsechzig Ratten den Tod gefunden haben, was für die damaligen Verhältnisse wohl eine ganz außerordentliche Leistung gewesen sein muss. Bummer und Lazarus hatten wohl allerdings auch eine etwas düstere Seite und haben sich gemeinsam an kleineren Raubüberfällen auf Fleischereien beteiligt, um ziemlich aggressiv auf menschliche Gegenwehr zu reagieren. Lazarus starb an den Folgen eines Fußtritts durch einen Betrunkenen, den die Stadt San Francisco zu fünfundzwanzig Dollar Strafe verurteilte, Bummer war irgendwann einfach zu alt. Angeblich hat ein langer Trauerzug, der sich durch halb San Francisco schlängelte, Bummer zu Grabe betragen, aber das scheint wohl nur eine Legende zu sein, die sich jetzt nicht mehr überprüfen lässt.

Montag–Donnerstag, 17. Juni

Die letzte Woche im Museum bricht an. Noch zwei Tage werde ich mit den gewohnten Gesichtern in den Zug steigen und sie dann wie etwas vergessen, das sich plötzlich als bedeutungslos erweist, etwas, das mich stets nur oberflächlich berührte, so wie die Nachbarn einen immer nur oberflächlich berühren. Ihr Verschwinden bemerkt man erst spät, manchmal vergehen Wochen oder Monate, bis man versteht, wer dort eigentlich ausgezogen ist und auch dann bleibt nur ein verschwommenes Gesicht zurück, dem man meist keinen Namen zuordnen kann. Die Gesichter, denen ich eineinhalb Jahre lang jeden Morgen auf dem Bahnsteig begegnete, werden mich mit einer Geschwindigkeit verlassen, als stürzten sie über eine Klippe in einen Abgrund hinab, sie werden in diesen undurchsichtigen Bereich zurücksinken, der uns überall umgibt, ob wir das wollen oder nicht, ein Bereich unklarer Verbindlichkeiten, die man für bestimmender hält, als sie es tatsächlich sind, ein Bereich, der sich aus Umrissen zusammensetzt, die Menschen zwar auffallend ähneln, allerdings in den seltensten Fällen eine klare, lebensnahe Gestalt gewinnen. Eine Gestalt, die ein Gewicht besitzt, eine gewisse Dichte, so etwas wie ein befragbares Leben, das im Schatten alles Flüchtigen existiert. Stattdessen bewegen sich Schemen hinter Milchglas und das eigene Leben mit seinen täglichen Erfordernissen, Hunderten von Erfordernissen (doch stimmt diese Zahl?), lässt keine Zeit, hinter das Milchglas zu schauen, obwohl man weiß, dass dieser Blick immer möglich ist und nur wenig Kraft kosten würde. Am Ende aber lässt man es bleiben, man lässt diesen weitläufigen, alltäglichen Bereich in Ruhe, der sich damit weiter und weiter in die Unschärfe schiebt. Man lässt ihn unangetastet, weil man das Interesse an den schwach gezeichneten Gestalten mit den Jahren verliert, das Interesse an den Gesprächen, die man alle kennt und die keine Überraschungen mehr bieten, das Interesse an dieser mit ähnlichen Wünschen, Enttäuschungen und Durchhalteparolen verzierten Halle, in der jeder seine eigene Nische bezieht, um den anderen hin und wieder ängstlich oder unbeteiligt Einblick zu gewähren.

Ich werde im Büro meine Sachen packen, meinen Schreibtisch aufräumen, mich von meinen Kollegen verabschieden und dann verschwinden. Die Verabschiedungen werden mir wie stets sehr lästig sein, ich denke jetzt bereits darüber nach, ob ich Sekt mitbringen sollte oder Kuchen und was genau ich in meiner Abschiedsmail schreiben werde, die ich an das gesamte Museum richten muss, denn ich möchte nicht unhöflich sein, selbst jetzt nicht, da alles bereits ganz gleichgültig ist. Ich könnte eine Mail voller Klischees und falscher Worte fabrizieren, denn dafür ist die Arbeit schließlich da. Falsche Worte, sinnlose Tätigkeiten, Zeitverschwendung, so weit man sieht, doch das liegt mir nicht im Blut. Stattdessen werde ich eine sehr sachliche Nachricht aufsetzen und einfach die Fakten für sich sprechen lassen.

Achtzehn Monate habe ich Museum gearbeitet, werde ich schreiben, die Aufgaben waren umfangreich, aber jetzt ist es Zeit für mich zu gehen. Alles Gute und viel Glück. Das werden wir schließlich alle brauchen.

Ich sehe dem Abschied gelassen und ohne jede Euphorie entgegen. Ich bin nur glücklich über die beiden Wochen, die mir bis zum Ende des Monats bleiben, fünfzehn Tage, die ich ganz für mich habe, bis ich am ersten Juli meine neue Stelle in der Bibliothek antreten werde. 

Vier Stellen in sieben Jahren, das ist kein schlechter Schnitt. Ich habe mich eingelebt in diesen Arbeitsalltag, der niemandem passt, an dem sich die meisten unaufhörlich stoßen. Ich hasse das Arbeiten nicht, aber ich hasse die Verstellungen, denen man sich notgedrungen unterwirft. Das Meer so vieler anfangs unbequemer, dafür aber auch unbedeutend wirkender Lügen, die mit der Zeit unerträglich werden, die an die Substanz gehen, falls man stur bleibt und unfähig ist, sich in die Regeln des Spiels zu fügen. Die vielen Male, die ich an mich gehalten habe, statt meinem Gegenüber zu sagen, er sei ein kompletter Idiot, kann ich nicht zählen, meine Abneigung gegen andere, mit denen ich dennoch notgedrungen verkehren musste, um dabei so zu tun, als herrschte zwischen uns nicht Feindseligkeit, sondern eine Art neutrale, sachliche Beziehung, hat mich diese sieben Jahre nie verlassen. Sobald man die Welt der Arbeit betritt, lässt man ein wesentliches Stück der eigenen Aufrichtigkeit zurück. Man beginnt sich in verschlüsselten Formen zu bewegen, sagt nicht mehr, was man wirklich denkt, was man von einem anderen hält. Für das Ungefilterte gib es keinen Raum und dadurch wird die Wahrheit unmöglich. Es gibt keinen künstlicheren, weniger authentischen Ort als eine Besprechung unter Kollegen, einen Ort, der so weit weg ist vom Leben, das es einem Schauer über den Rücken jagt. Die Hälfte dieser Menschen kann man nicht ausstehen und dennoch spricht man miteinander in derart ausgesuchter Höflichkeit, dass die Heuchelei in jeder Sekunde mit Händen zu greifen ist. Und alle machen mit. Man selbst macht immer viel zu lange mit und steckt einen Großteil der eigenen Zeit in ausgefeilte Rechtfertigungsversuche, um alles zu ertragen. Aber der Heuchelei entgeht man nicht und das ist es, was mich wahnsinnig macht. Im Büro lauert hinter jeder Ecke die Unaufrichtigkeit.

Die Hitze am Nachmittag ist drückend, vergessen sind der viel zu kühle Mai und April. Als ich auf die Straße trete, ist sie wie leergefegt, die Straße ist die Straße einer Geisterstadt, durch die ein Steppenwind streicht. Der Wind treibt mir sofort den Schweiß auf die Stirn und ich fahre im Glauben mit der Zunge über meine Lippen, jetzt endlich auf den feinkörnigen Sand einer Wüste zu stoßen, die seit längerer Zeit nahezu unbemerkt außerhalb der Stadtgrenzen wächst und in den nächsten Wochen alle Viertel unter sich begraben wird.

Im Supermarkt laufe ich auf der Suche nach abgepacktem Eis durch die Gänge mit den Kühlregalen, um nach Ks Rückkehr am Abend eine schnelle Folge schwerer Apérol-Spritz-Gläser herzustellen, aber natürlich gibt es im Discounter kein abgepacktes Eis. Als ich in eine der riesigen Tiefkühltruhen voll gefrorenem Blumenkohl, Brokkoli, Erbsen, Spinat und Mischgemüse schaue, spüre ich die Wut in mir aufsteigen, weil ich weiß, jetzt unverrichteter Dinge wieder nach draußen in die Hitze zu müssen, um im Edeka und Rewe mein Glück zu versuchen.

Auch auf dem Messplatz herrscht Totenstille. Zwar sitzen einige Frauen auf den Bänken unter der gnadenlosen Sonne, aber von diesen Frauen geht keinerlei Leben mehr aus. In katatonischer Erstarrung verharren sie als leere Hüllen, die bei der geringsten Berührung in sich zusammenfallen müssten und im Vorbeigehen denke ich an einen von Termiten ausgehöhlten Baumstumpf, dem äußerlich nichts zu fehlen scheint, obwohl dort nur noch eine hauchdünne Borkenschicht zurückgeblieben ist, die keinen Inhalt mehr besitzt, eine Schicht, die sich unter den Fingern anfühlt wie Papier.

Im Edeka werde ich überraschenderweise fündig und ziehe einen Zweikilosack crushed ice aus dem Tiefkühlschrank, um mich vor der Kasse in eine Schlange mittlerer Ausprägung zu stellen. Es geht nur stockend voran, eine Frau wartet vor mir und sieht abwesend in Richtung Ausgang. Das schwarze Transportband, auf dem sich die von uns ausgewählten Artikel befinden – die Packung Eis, abgepackter Käse, unreife Avocados, ein paar Salatgurken, eine Flasche Weißwein – summt widerwillig und erschöpft und ich frage mich, auf welches Ziel sich alles zu bewegt, die Waren wie auch wir, denn das Band läuft ins Leer, die Schlange wird sich auflösen und man selbst nimmt das Warten an einem anderen Ort wieder auf.

Auf dem Rückweg presse ich die Eispackung an mich und fühle, wie die Kälte bei jedem Schritt in meinen Brustkorb und den rechten Arm hinauf zieht. Eigentlich ist es unglaublich, dass ich erst durch das halbe Viertel marschieren muss, um an diesen Eisbeutel zu kommen, hier sind uns die Amerikaner einfach um Längen voraus. In den Romanen Fantes, Burroughs und Thompsons laufen die Protagonisten ständig mit Beuteln voller Eis durch die Gegend, ein solcher Eisbeutel ist so etwas wie ein unabdingbares Accessoires auf den Straßen von Los Angeles und San Juan und nur in Deutschland setzt die Suche nach Eis eine Odyssee in Gang, als befände man sich plötzlich auf der Jagd nach dem Heiligen Graal.

Als ich wieder zu Hause bin, verstaue ich das Eis im Kühlschrank und räume die Spülmaschine ein. Es ist kurz vor zwei und für eine Sekunde weiß ich nichts mit mir anzufangen. Ich stehe in der Küche und denke daran, dass ich an diesem Montag nichts weiter vorhabe, dass mir der ganze Nachmittag offen steht. Ich könnte schreiben, ich könnte weiter in T.C. Boyles Tortilla Curtain lesen und mich zu Tode langweilen, ich könnte an Limas Paradiso denken, das ich mir endlich vornehmen muss, von dem ich so viel erwarte, aber ich tue nichts dergleichen. Ich stehe einfach nur in der Küche und betrachte die Einrichtung, die unwirkliche Spüle, den ebenso unwirklichen Herd, das Maul der offenen Waschmaschine, die nie Müde werdend auf Nahrung wartet, als eine Bewegung in den Bäumen draußen vor dem Balkon meine Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Ein Krähenpaar sitzt im Schatten des Buchenlaubs, krächzt und sperrt die Schnäbel weit auf. Die Äste, auf denen die schwarzen Vögel sitzen, schwanken unruhig auf und ab, die Krähen wirken nervös und schlagen manchmal wild mit ihren Flügeln, als versuchten sie sich dadurch frische Luft zu verschaffen. Dann krächzen sie, zwei krahs kurz hintereinander und wie immer frage ich mich, was das soll, was diese Vögel damit zum Ausdruck zu bringen versuchen. Unbehagen, weil es heiß ist? Die Versicherung der eigenen Anwesenheit, damit der Partner nicht unruhig wird? 

Die beiden Vögel verstecken sich in der schattigen Baumkrone. Manchmal habe ich den Eindruck, sie würden meinen Blick durch die geöffnete Balkontür erwidern, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Als ich wieder auf meine Uhr sehe, ist es acht Minuten nach zwei und ich beschließe, nachdem ich einen fast schon lächerlich großen Überdruss in mir überwunden habe, der das alltägliche Maß bei weitem sprengt, in den Park zu gehen und mich zwischen die im Schatten dösenden Alten zu setzen, deren Münder wie die Schnäbel der Krähen offen stehen und die sich erst wieder gegen Abend regen, als hätte man sie von den Toten erweckt.