Danny, 22. Februar

Vor meinem Fenster legt sich das Licht, es sind noch einige Menschen auf den Balkonen und bepflanzen Blumenkörbe, denn jetzt plötzlich ist es warm und der Frühling fast da und ich höre ein wenig Danny Clay, der so alt ist wie ich selbst und in Los Angeles ganz unwahrscheinliche Musik unter sehr magischen Titeln wie echo park, new jerusalem und ganymede komponiert. Vor einigen Jahren haben wir ein paar Mails gewechselt, wenn mich nicht alles täuscht, hat er an irgendeiner amerikanischen Universität Musik studiert, aber was er jetzt macht, weiß ich nicht. Er wird sich durchschlagen, nehme ich an, lebt von Stipendien und hin und wieder nimmt er eine Platte auf, die etwa zweihundert oder dreihundert Leute kaufen, alle verstreut auf der Welt und dann hört man so eine Danny-Clay-Komposition in Singapur und Wellington, Berlin, Brest und San Francisco. Irre.

Ich habe heute an einer längeren Erzählung geschrieben, die noch keinen Titel besitzt, dafür aber rund achtzig Seiten. Noch einmal achtzig und ich bin fertig, ich kann das Ende bereits sehen und freue mich darauf. Der zweite Roman ist jetzt abgeschlossen, bald werde ich mich an das Exposé machen müssen für die Verlagsrundfahrt und vor diesem Exposé graut es mir bereits, nur ist da eben nichts zu machen. Jeder stirbt ja irgendeinen Tod und mein Tod wird vom Exposéschreiben angekurbelt, von diesen anbiedernden Werbetexten, die am Ende ein namenloser Praktikant zwischen die Finger bekommt und gleich wieder vergisst. 

Aber gut, so ist das nun einmal und lange Jeremiaden bringen auch nichts. Man macht einfach weiter, mein Generalspruch seit ca. 2004. Etwas Besseres ist mir bislang, auch nach weiteren zwanzig durchgemachten Jahren, nicht eingefallen. Man macht weiter, denn das Aufgeben ist keine Option. Ich wünschte, mir hätte sich in der Zwischenzeit ein poetischerer Mantel für diese nicht sehr tief reichende Weisheit offenbart, aber das hat er leider nicht. Irgendwie gefällt mir dieser leicht blödsinnige Spruch in seiner Trotzhaftigkeit auch. Man macht einfach weiter. Darin äußert sich der Starrsinn des Bauern und auch die Weisheit eines Thomas von Aquin. Die wichtigsten Losungen im Leben scheinen ja stets zur Hälfte der Dummheit abgelauscht, ich glaube Herbert Achternbusch würde mir da recht geben.

Jetzt klingelt es aus den Lautsprechern meines Macbooks. Danny Clay spielt Xylophon oder ein Glockenspiel (den Unterschied habe ich nie begriffen) und ich fühle mich sofort ganz wohl dabei und denke, ja, Danny, klimper einfach weiter auf diesen Metallglöckchen herum, ich höre dir gern dabei zu und stelle mir vor, dass du irgendwo in Echo Park ein Apartment besitzt und von einer großen Aufnahme träumst, die dich berühmt machen wird, obwohl du das Rampenlicht natürlich meidest. Dann spielst du mit deinen Kassettenrekordern plötzlich in der Lincoln Hall in New York und setzt dich später ans Klavier und das Publikum äugt ganz begeistert aus dem Raum und hört dir atemlos zu. Selbst die senilen Alten, die man aus allen Winkeln der Metropole rankarrt zu deinem Konzert, sind endlich einmal still, obwohl sie überhaupt nicht wissen, wo sie sich befinden, vielleicht sogar annehmen, dort unten spiele schon wieder so ein nervtötender Europäer. Und später kommen alle im Foyer zusammen und flüstern, sie hätten das ja immer geahnt, sie wussten stets, irgendwann müsse ein neues amerikanisches Genie von sich Reden machen und natürlich stamme ein solches Genie aus dem Westen des Landes, aus Los Angeles, der Stadt des Films, der Erdbeben und operierten Engel und nun könne man sich also wieder nach Hause begeben nach diesem wunderbaren, schmerzhaft schönen Konzert.

Draußen ist die Sonne weg, aber die Luft fühlt sich noch immer frühsommerlich an. Ich glaube, unsere Nachbarn haben Streit, die Nachbarn direkt gegenüber. Ich habe sie schon länger nicht mehr gemeinsam auf der Terrasse gesehen, auch wirken die meisten Gewächse der früher ziemlich üppigen Bepflanzung ziemlich tot. Aber das kann natürlich auch am Winter liegen. 

Dafür treten jetzt andere Menschen auf ihre Balkone, sie schieben den Schmutz durch den Spalt unter der Brüstung und der Staub, gemischt mit vertrockneten Blättern, wird vom Wind in die Hinterhöfen geweht. Ich kann die Worte nicht verstehen, die sie untereinander wechseln, aber zumindest dort drüben, auf den Balkonen, wirkt die Welt in diesem Augenblick ganz in Ordnung. Es herrscht eine echte Abendstimmung, eine richtige Abendphantasiestimmung. Bloß der Herd fehlt und der rauchende Schornstein und Schäfer und Schafe gibt es hier natürlich längst nicht mehr. 

In der Küche rappelt sich unsere Waschmaschine zum altersschwachen Schleuderabschnitt auf und rumpelt merklich vor sich hin. Auch die Gegenstände entwickeln mit den Jahren ihre Schrullen. Unfassbar, worauf man so alles achten muss, welche Sensibilitäten selbst die tote Welt im Verlauf der Zeit hervorbringt. Ich freue mich wie ein Kind über jeden erfolgreich absolvierten Waschgang und rede der Maschine einfühlsam zu. Einmal klappt das noch, sage ich. Du hast jetzt dreißig Jahre durchgehalten, was zählt da noch ein weiteres Jahr? Ein weiteres Jahr ist doch überhaupt nicht der Rede wert.

Altbau, 21. Februar

Wir stehen im Hochparterre eines Altbaus in der Innenstadt, ein richtiges Paradebeispiel eines Altbauhochparterres, denke ich, dunkel, schlauchartig, endlose Zimmerfluchten, eine Küche zum Fürchten, in der es mir vorkommt, als wären hier ein paar Dutzend Leute gestorben und dann so ein winziges Fenster, das natürlich auf einen Hinterhof zeigt, beziehungsweise auf eine niederschmetternde Ziegelwand. Die Wohnung wirkt insgesamt total düster und muffig, eine richtige Beerdigungsangelegenheit. Schon nach fünf Minuten glaube ich, mich unter Wasser zu befinden, in einem Sumpfgebiet, auf Grund gelaufen. Draußen ist es hell und die Sonne scheint, hier drinnen aber herrscht eine Halbdunkelheit, die mich an Berlin erinnert, diese Halbdunkelheit, die nach einigen Wochen sofort auch von den Menschen Besitz ergreift, um sie in komplizierte, übersensible Dauerprojektemacher zu verwandeln. 

Nur in einem Zimmer sehen wir geschliffene Dielen, überall sonst liegt PVC oder einfach ein Teppich aus einer biologisch abbaubaren Ökofaser, wie uns die aktuelle Mieterin erklärt, eine wirklich unglaubliche Faser, die besser ist, als alles, was man sonst so auf dem Teppichmarkt bekommt und während sie weiter die Vorteile dieser unschlagbaren, mundgezwirbelten Ökofaser auflistet, beginnen meine vom Fairtrade-Teppich geschundenen Fußsohlen wilde Schmerzsignale auszusenden. Ich trage dicke Puma-Socken, so richtig scheußliche Sportexemplare, schwarz, aber mit grauen Abteilungen für Ferse und Zehen und obwohl diese dicken Baumwollsocken gegen alles mögliche schützen, kommen sie nicht im Ansatz gegen das zerstörerische Profil der sagenhaften Friedensfaser an, die natürlich nicht ganz billig war, nein, dreitausend Euro hat die Verbrüderungsfaser gekostet und auch aus diesem Grund bat uns das Mädchen, das ich auf Anfang dreißig schätze, beim Betreten der Wohnung unsere Schuhe auszuziehen.

So was finde ich natürlich total bescheuert, richtig provinziell, wer zum Teufel fordert denn zum Ausziehen der Schuhen auf, sind wir unsere Eltern oder vielleicht sogar noch Großeltern? Aber ich lasse mir natürlich nichts anmerken, ich möchte ja eigentlich keinen Streit und deshalb lächle ich bezaubernd und finde die Zimmerhöhe ein paar Augenblicke später wunderbar und auch das Bad hat ja Fenster! Wirklich toll!, rufe ich und das Duschwasser wird auch wirklich heiß? Ja, das wird es. Toll! Fernwärme? Ja. Das ist ja klasse! 

Ich bekomme mich gar nicht mehr ein, obwohl ich sofort weiß, in diesen Sarg unter keinen Umständen zu ziehen, hier schleifen mich keine zehn Pferde rein, lieber campiere ich unter einer Brücke oder wandere aus. Die armen Leute, die hier früher leben mussten, stets im Wissen, über ihnen sei die eigentliche bel étage und damit das wahre, echte, komfortable Leben, hier unten dagegen herrsche bloß so eine Art Bergwerksatmosphäre, der man höchstens tagsüber entkam. Morgens beim Verlassen der Wohnung verließ man auch den Schacht, um seine zehn oder zwölf Stunden in der Fabrik abzusitzen und dann kehrte man abends wieder zurück in diesen Schacht, die Hoffnung im Hirn, alles wäre vielleicht doch endlich eingestürzt, die Balken hätten nicht mehr standgehalten gegen das Erdreich, die so sanfte Mutter, und man selbst sei somit endgültig aus dem Schneider, könne sich ein und für alle Mal aus dem Staub machen. Welt ade, ich verschwinde, danke und viel Glück!

Mein positives Wohnungsfeedback allerdings reizt natürlich auch das Mädchen und sie beginnt zu erzählen. Früher sei das hier die Wohnung ihres Vaters gewesen, der aber sei gestorben und nun –. Sie bricht ab. Für eine Sekunde sieht es ganz danach aus, als würde sie jeden Moment anfangen zu weinen und K und ich stehen nur stumm in der Gegend rum, während ich auch das noch denke. Das darf doch alles nicht wahr sein, wir möchten doch gar nicht wirklich umziehen, sind nur neugierig und ehe man sich versieht, bauen sich Psychotherapiekulissen um einen herum auf. 

Das Mädchen ist sehr hippiemäßig angezogen, sie trägt mehrere durchlöcherte Wollpullover in gedeckten, erdverbundenen Farben und ein paar selbstgehäkelte Rockschichten. Bald möchte sie wissen, ob die Stimmung der Wohnung für uns in Ordnung sei oder ob wir noch Zeit bräuchten, um diese Stimmung auf uns weiter wirken zu lassen. Sehr gern könnten wir auch eine Nacht hier schlafen, um ein besseres Gefühl für das Quantenbewusstsein der Räume zu bekommen und als dieser Vorschlag fällt, schrillen in mir natürlich alle möglichen Alarmglocken. Es ist ja ganz klar, dass in diesem Hochparterre eine richtige Poe-Nacht auf uns wartet, mit schlagenden Herzen unter den Dielen und komplettem Wahnsinn am nächsten Morgen.

„Ich glaube, das wird nicht nötig sein, auch wenn das ein wunderbares Angebot ist“, sage ich, während ich überlege, wie wir aus dieser Sache so schnell wie möglich wieder herauskommen.

„Können wir uns noch einmal die anderen Zimmer ansehen?“, frage ich deshalb. Wir befinden uns mittlerweile in einer Art Werkstatt. Hier wird wahrscheinlich Schmuck fabriziert, sicher bin ich mir allerdings nicht, denn die ganzen Gerätschaften sind mir fremd. 

„Natürlich“, erklärt das Mädchen. „Ihr könnt euch alles so lange ansehen, wie ihr wollt.“

Super, denke ich und steuere durch das Bad voller Grünpflanzen zurück in die Zimmer. K folgt mir nach und ich gebe hier Zeichen, die sie nicht versteht. Also gibt es nur einen Ausweg. Wir kehren zurück und ich führe eine letzte Interessentenunterhaltung, da ich nicht fähig bin, einem anderen Menschen ins Gesicht zu sagen, diese Wohnung wäre nichts für uns. Schließlich hat der andere ja Unannehmlichkeiten mit unserem Besuch und ein so klares Urteil käme damit einer unhöflichen Zeitverschwendung gleich. Das ist natürlich Unsinn, aber so denke ich nun einmal und mache die mir verabreichte Erziehung für alles verantwortlich.

„Gut, wir melden uns dann also am Freitag wieder bei dir.“

„Ja, macht das. Ich möchte den Vermietern bald Bescheid geben.“

„Klar, das wäre gut.“

„Die sind immer etwas langsam, wenn es um Ausbesserungen hier in der Wohnung geht, aber bei einem Mieterwechsel geht es natürlich um die Wurst.“

„Typisch.“

„Genau. Denkt als an die Schufa-Auskunft und natürlich die drei Gehaltsauszüge und an euren Arbeitsvertrag und an die Mieterselbstauskunft und bitte auch an die Mietfreiheitsbescheinigung eures jetzigen Vermieters.“

„Natürlich, das ist doch selbstverständlich. Wir haben ja überhaupt nichts zu verbergen.“

„Ja und ihr habt ja unbefristete Arbeitsverträge.“

„Na klar, ansonsten würden wir uns doch lächerlich machen!“

Als wir endlich draußen sind, atme ich auf.

„Du weißt, wie das mit der Wohnungssuche abläuft, oder?“, frage ich K, während wir nach Hause laufen.

„Wie denn?“, antwortet sie.

„Bei Wohnungen gibt es keine Kompromisse. Ein Veto und die Wohnung wird nicht genommen, egal wer sich dagegen ausspricht.“

„Echt jetzt?“

„Natürlich! Das gehört zum allgemeinverbindlichen Ü30-Wohnungsleitfaden!“

K sagt nichts.

„Und?“, fragt sie dann. „Was denkst du?“

„Auf gar keinen Fall!“, rufe ich und mache mir Luft.

Sie wirkt konsterniert.

„Warum hast du dann die ganze Zeit so getan, als würden wir gleich morgen einziehen? Ich dachte, dir gefällt die Wohnung.“

„Ich konnte doch nicht unhöflich sein!“, gebe ich zurück. „Das Mädchen hat uns schließlich eine halbe Stunde geopfert.“

„Aber jetzt denkt sie, dass sie schon einen Nachmieter hat.“

„Sie bekommt die Wohnung auch ohne uns los. Es herrscht ja nun wirklich kein Mangel an mietwilligen Gutverdienern. Diese ganzen BASF-Leute schwimmen doch im Geld.“

„Ja, aber wir hätten uns die halbe Stunde auch sparen können.“

„Ich weiß. Tut mir leid.“

„Ich fand die Wohnung übrigens ganz schön.“

„Was?“

„Ja, aber du hast dein Veto ja schon gegeben.“

„Mea culpa!“, rufe ich. „Mea culpa!“

Alles auf neu, 19. Februar

Ich verbringe den Morgen damit, meine Musiksammlung auf dem Rechner komplett zu überarbeiten, nachdem ich gestern eine halbe Stunde lang durch Hunderte von Alben scrollen musste, ohne etwas Passendes zu finden. Heute lösche ich alles, sichere die Sammlung aber zuerst auf meiner externen Festplatte, um dann für zwei Stunden Bandcamp zu durchstöbern. Ich kaufe mir einige Alben, die schon längere Zeit auf meiner Wunschliste stehen und verfolge den Downloadbalken des Browsers aufmerksam, eine rote Linie, die nur langsam anwächst, denn unsere Internetverbindung ist ziemlich schlecht. Manchmal komme ich selbst mit meinem Handy nicht ins Netz, bin aber zu faul, diesem Fehler auf den Grund zu gehen.

Als ich die alte Musik von meinem Laptop lösche, wird dieser Vorgang von einem Gefühl der Erleichterung begleitet. Der ganze Mist verschwindet und jetzt ist da erst einmal nichts, nur eine graue Fläche im virtuellen Raum, die erneut gefüllt werden kann. In einigen Wochen beginnt das Spiel dann von vorn, in diesem Löschen und Anfüllen verbirgt sich die Logik des Verbrauchs, ein Verlangen nach dem Neuen, das sich auf den ungewissen Wert des Alten stützt. Ganz verrückt scheint mir die Vorstellung, es müsse ein Zeitalter gegeben haben, in dem ein Haushalt bloß eine einzige Schallplatte besaß, um diese zwanzig oder dreißig Jahre lang zu besonderen Gelegenheiten abzuspielen, so wie man auch nur einen einzigen Esstisch in seinem Leben besaß und maximal zwei verschiedene Sofas. Angeblich hielten früher die Gegenstände mehrere Generationen lang, angeblich war alles für die Ewigkeit gemacht und wenn diese auf die Ewigkeit angelegten Gegenstände verschwinden, was bedeutet das Verschwinden für den Begriff der Ewigkeit selbst? 

Es muss eine Zeit gegeben haben, in der sich die Dinge länger hielten als die Menschen, die mit ihnen lebten. Heute erscheint mir das seltsam, denn die Dinge sind für uns in ihrer Flüchtigkeit kaum noch wahrzunehmen, sie sind viel vergänglicher als wir. Ihre Dauer ist auf winzige Lebensläufe zusammengeschrumpft, auf den zwangsläufigen Ersatz. Heute vererbt man noch ein Bild, aber man vererbt keine Wohnzimmereinrichtung mehr. Ein solcher Gedanke ist völlig abwegig. Früher haben sie in Zimmern gelebt, in denen bereits die Eltern und Großeltern gelebt haben und aus den Spuren der Benutzung wurden irgendwann die Spuren der Toten. 

Mein Besitz kommt ohne jede Erinnerung aus. Ich habe kein einziges Möbelstück meiner Eltern oder gar meiner Großeltern in Gebrauch. Ich besitze, was ich mir gekauft habe, meist bei IKEA oder einem billigen Second-Hand-Möbelladen. Natürlich träume auch ich von einem Eames-Chair, doch dieser Sessel, den ich mir nie leisten werde können, trüge eine Erinnerung, die ich nicht verstünde. Jeder ist ja blind für die Spuren einer fremden Familie.

Bei Robert Walser findet man noch das Gedächtnis der Dinge, denn nur so ist zu erklären, warum Walser den unscheinbarsten Resten – der Asche, dem Staub und dem Bleistift – einen solchen Wert beimisst. Das sind eben keine leicht zu ersetzenden Überbleibsel des Gebrauchs oder bloße Nebensächlichkeiten, sondern es sind Dinge, die einmal eng mit dem Leben eines Menschen verknüpft waren und deshalb Aufmerksamkeit verdienen. Keiner meiner Gegenstände, meiner Möbel, elektronischen Geräte, Musikinstrumente und Kleidungsstücke ist älter als zehn Jahre; nur die Bücher reißen aus. Ich besitze weder ein Erinnerungsstück aus meiner Kindheit noch aus meiner Jugend. Alles, was ich mit zwanzig besessen habe, ist verschwunden, wurde abgelöst von neuen oder gebrauchten, anonymen Objekten, die nicht schlechter oder besser sind als ihre Vorgänger. Nur die Geschichte hat sich verflüchtigt. Selbstverständlich existieren Hunderte Fotos. Doch was sind diese Fotos tatsächlich wert?

Gegen elf schließe ich die Renovierarbeiten auf meinem Rechner ab. 27 Alben stehen mir nun zur Verfügung, davor waren es knapp 1.000 und eine solche, fast obszöne Sammlung ist natürlich absoluter Irrsinn. Jetzt gehe ich meine Liste durch und freue mich auf diese neue Übersichtlichkeit, mit der ich für einige Wochen zu leben beschließe:

Lawrence English – Lassitude
The Dead C – Unknowns
The Dead C – All Goodbye
Gate – Falling Ghosts
Space Afrika – hybtwibt?
Markus Floats – Third Album
Helen Svoboda – dormant, I lay
Kevin Drumm – MayerOfPosen
Kevin Drumm – October(Early Warning)
Kevin Drumm – A Small Register Of Motion
Kevin Drumm – 1204
Kassel Jaeger – Swamps / Things
Jim O’Rourke – sleep like it’s winter
Jim O’Rourke – Disengage
Jim O’Rourke – steamroom 53
FUTURAT – Incinerat
Jana Winderen – Pasvikdalen
Julius Eastman – Femenine
Keiji Haino + Sumac – Even for just the briefest moment / Keep charging this “expiation” / Plug in to making it slightly better
Max Bober – Poema
Rome Streetz – Kontraband
Rome Streetz – Noise Kandy 4
Rome Streetz – TKKTK
Ultimate Spinach – Ultimate Spinach
Unseen Worlds – A Young Person's Guide to Unseen Worlds - Mixed by Visible Cloaks
Alio Die & Zeit – Sunja
Ashley Paul – Ray

18. Februar

Gestern Mittag schickt mir meine Mutter eine Nachricht, in der sie schreibt, heute vor dreiundzwanzig Jahren ist dein Großvater gestorben. Vor dreiundzwanzig Jahren war ich dreizehn Jahre alt und wahrscheinlich in der siebten Klasse eines Gymnasiums, das es längst nicht mehr gibt. Ich erinnere mich noch genau an diesen Tag im Februar und sehe mich nach der Schule (es muss kurz nach zwei Uhr gewesen sein) auf der sanft ansteigenden Straße, an der unser Haus lag, ich sehe das eingeschossige Gebäude des Schusters noch vor der Kreuzung, die in diese Straße führt, sehe auch den Kindergarten, in dem ich selbst einige Jahre gewesen bin, auch wenn mir das jetzt alles unendlich fern erscheint, wie aus einer anderen Welt.

Ich laufe unsere Straße hinauf, meinen Rucksack auf dem Rücken und nehme den Weg kaum wahr. Ich bin ihn so oft gegangen, dass ich jeden Zentimeter kenne, die Abfolge der Häuser links und rechts, die Anordnung der Laternen, das Auftauchen des Abzweigs auch, der keine Straße, sondern nur ein Pfad ist und hinunter führt in Richtung der Schrebergärten. Ich habe auf dieser Straße längst einen ganz automatischen Gang angenommen, der mir nicht mehr ins Bewusstsein dringt und spüre, ohne meinen Blick vom Fußweg zu heben, wie weit das Haus meiner Eltern entfernt ist (das erkenne ich aus den Augenwinkeln an den an mir vorbeifließenden Lattenzäunen der Vorgärten).

Als ich mir sicher bin, unser Gartentor zu erreichen, hebe ich meinen Blick und bleibe stehen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite parkt das Auto meines Vaters, ein schwarzer, fünftüriger Mazda. Seit ich in der Schule bin, ist mein Vater niemals um die Mittagszeit zu Hause gewesen, er fährt morgens um sechs Uhr zur Arbeit und kehrt abends um sieben zurück. Ich weiß sofort, dass etwas vorgefallen ist, etwas muss ganz einfach passiert sein, aber natürlich ahne ich nicht, was genau das ist.

In jeder Familie existieren geheime Zeichen, die für das Außerordentliche stehen, ein Katalog aus dem Alltag fallender Symbole, der nur für diese Familie Verbindlichkeit besitzt und deshalb auch nur von ihren Mitgliedern verstanden werden kann. Diese Zeichen speisen sich aus dem Abstand zum Gewöhnlichen, es sind die Brüche im Muster des Alltäglichen, das Unerwartbare, das sich den Abläufen entzieht. Da die Abläufe in jeder Familie verschieden sind, trifft das auch auf das Unerwartete zu, auf die Ereignisse, die alles zum Stillstand bringen und dabei zeigen, wie fragil und wirkungslos unsere Routinen sind, mit denen wir das Leben überziehen, die uns Halt geben sollen und Sicherheit, eine Sicherheit, die sich genau dann als vollkommen unerheblich und fiktiv entpuppt, wenn man sie am nötigsten hat.

Ich betrat den Flur, zog meine Schuhe aus und legte meinen Rucksack und die Winterjacke ab. Im Wohnzimmer lief der Fernseher. Ich öffnete die nur angelehnte weiße Tür und trat hinein. Meine Schwester saß auf dem Teppich und sah sich einen Zeichentrickfilm an, was nichts Ungewöhnliches war. Sie ging noch in die Grundschule und hatte früher Schluss und deshalb traf ich sie bei meiner Rückkehr meist vor dem Fernseher, was nicht selten zu Streit führte, denn natürlich wollten wir beide über das Programm bestimmen und bekamen uns dadurch ständig in die Haare.

Heute aber lag eine ganz merkwürdige Stille im Raum und als ich näher trat, entdeckte ich meinen Vater auf der Couch. Er saß und sah dem Zeichentrickfilm zu, als wäre das etwas ganz Normales, als läge darin der Sinn dieses Tages und nicht die Andeutung des Wahnsinns und Zusammenbruchs der Welt. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich bin mir nicht einmal sicher, ihn begrüßt zu haben. Ich stand nur irgendwie im Raum und suchte nach einer Erklärung, die sich nicht finden ließ, nach einer Andeutung für die Verschiebung unserer Welt.

„Dein Großvater ist heute gestorben“, sagte mein Vater, als er mich endlich bemerkte. Er sagte das so, als mache er eine einfache Feststellung, als stünde er an einem der Fenster, die in den Garten zeigten, und sagte, „Wir müssen den Rasen mähen“ oder „Ich werde den Apfelbaum im Sommer beschneiden“. Nur wirkte er in sich gekehrter als sonst, er wirkte ernst und dieser Ernst hing mit der Stille und der Schwere zusammen, die auf dem Wohnzimmer lag und nach diesem Satz meines Vaters anzuwachsen begann, sie füllte alles restlos aus und nahm mir allmählich die Luft.

Meine Schwester verfolgte noch immer das Geschehen auf dem Fernseher. Die comichaften Soundeffekte des Trickfilms prasselten ungehindert auf uns ein. Nichts schien dem Tod zu entsprechen. Ich spürte, dass etwas Unglaubliches vorgefallen war, auf das aber niemand von uns angemessen reagierte. Mein Vater brach nicht in Tränen aus, er wirkte nicht verzweifelt, sondern nur bedrückt. Meine Schwester lief nicht kopflos und heulend durch die Gegend. Und auch ich spürte keinerlei Trauer, sondern nur die Verwirrung darüber, keine Trauer zu verspüren. 

Auf unserem Wohnzimmer lag diese Stille, jene merkwürdige Schwere, doch ließ sich das aufscheinende Gewicht mit der Trauer um einen Toten gleichsetzen, die Trauer um meinen Großvater, der vor wenigen Stunden und noch dazu an seinem achtzigsten Geburtstag gestorben war? Sah so das Sterben am Ende aus, die Geräusche eines Trickfilms im Hintergrund und drei Menschen, die nicht wussten, was sie damit anfangen sollten? Den Tod hatte ich mir stets als etwas Unfassbares vorgestellt, als eine Größe, die einen umwarf und sich gar nicht recht in Worte fassen ließ und nun spulte sich das Unfassbare vor meinen Augen ohne jede Feierlichkeit ab, ohne das Drama der Verzweiflung. Es gab nur den Bruch der alltäglichen Muster, die sich in der Anwesenheit meines Vaters in unserem Wohnzimmer zeigte, doch dieser Bruch schien die Tiefe des Vorgefallenen, mit dem er in Verbindung stand, in keiner Weise auszuleuchten, er wurde dem Sterben ganz einfach nicht gerecht und ich denke heute, dass wir das damals begriffen oder zumindest erahnten und deshalb an diesem Nachmittag dem Zeichentrickfilm weiter zusahen in unserer ganz eigenen Ratlosigkeit und Verwirrung darüber, dass sich der Tod schlussendlich eben auf diese Weise einstellt, er fällt zwischen die Lebenden und die Lebenden versuchen unbeholfen mit ihm umzugehen. Und nach und nach verstehen sie, wie wenig sie vorbereitet waren auf das, was passiert, wie wenig die inneren Bilder vom Sterben den späteren, äußeren entsprechen.

* * *

Am Abend gehe ich noch einmal für einen Spaziergang hinaus. Die Sonne taucht schon unter die Wolkendecke und lässt einen richtigen Tiepolo-Himmel entstehen und wenige Minuten später laufe ich am Flussufer entlang. Das Hochwasser ist verschwunden, hat auf den Wegen aber eine Schlammwüste hinterlassen, so dass ich häufig auf das Gras ausweichen muss.

Ich laufe in Richtung Luisenpark, nehme die Treppe hinauf zur Brücke, die am Krankenhaus zum äußeren Park führt und als ich oben auf dem letzten Treppenabsatz ankomme, fährt eine Exkollegin aus dem Museum auf ihrem Rad an mir vorbei. Unsere Blicke kreuzen sich nur für den Bruchteil einer Sekunde, doch ich weiß, dass sie mich erkannt hat, spüre dieses Erkennen mit einem tierischen Instinkt, vielleicht haben unsere Vorfahren vor sechzigtausend Jahren auf diese Weise das Auge des Säbelzahntigers registriert, sage ich mir, doch da ist meine Exkollegin schon verschwunden.

Früher hat mich dieses absichtliche Wegsehen wahnsinnig gemacht, heute aber lässt es mich kalt. Ich kann das alles sogar verstehen, wir waren nie wirklich eng miteinander, warum also sollte sie jetzt vom Rad absteigen, um mit mir ein gezwungenes Gespräch zu führen, das uns nur als Zeitverschwendung im Gedächtnis bleiben wird? Warum sich quälen, wenn es auch anders geht? 

Ich laufe durch den Park, denke an die Nachricht meiner Mutter und den Todestag meines Großvaters und erreiche bald den Sportplatz im Hintergrund. Hier gibt es eine Aschenbahn, auf der die Leute joggen und auch ein Fußballfeld und Sportgeräte zum Krafttraining. 

Ich entdecke die vietnamesischen Fußballer schon von weitem. Sie haben kleine Plastikzylinder auf dem Gras verteilt und spielen zu acht gegeneinander. Sie sind sicher um einiges jünger als ich, wahrscheinlich Mitte zwanzig und sie sprechen ein aufgeregtes Vietnamesisch, das ich damals auch in Hanoi gehört habe. Eine Supersprache, denke ich, während ich ihnen für eine Weile wie einer dieser alten Männer zusehe, die scheinbar nie etwas zu tun haben. Ich wünschte, ich könnte verstehen, was sie sagen, schaffe es aber nur, den eingespielten Bewegungen der Fußballer zu folgen, die sicher auch einen deutschen Pass haben und jetzt hier mit genialen vietnamesischen Kommandorufen über den Platz wetzen. Ich frage mich, wie das wohl ist, als Kind von Einwanderern aufzuwachsen in einem Land wie Deutschland und sehe den Fußballern weiter zu, während Menschen in blauen Trainingsanzügen durch das Bild joggen.

Auf dem Heimweg höre ich Russisch und Polnisch, irgendwann auch Englisch. Das alles erscheint mir wunderbar an diesem Abend. Für einen Moment fühlt es sich wirklich so an, als würde ich in einer Großstadt leben, in der die Herkunft manchmal in den Hintergrund tritt und auch ganz unerheblich ist in vielen Augenblicken. Als wäre ich plötzlich an einem anderen Ort, müsste vielleicht nicht einmal mehr auftauchen in meiner Wohnung. Hätte mich von allem für eine Weile gelöst. 

17. Februar

Mit meiner Kaffeetasse trete ich an das geöffnete Schlafzimmerfenster und sehe in den Hinterhof. Auf der Mauer, die unseren Teil des Hofs vom Nachbarhaus trennt, sitzt eine Taube und schaut mich an. Ich bewege meinen Kopf, ganz langsam zunächst, um sie nicht zu verschrecken und registriere das aufflammende Interesse des Vogels. Die Taube, ein ganz gewöhnliches Exemplar, eine richtige Stadttaube, deren Verschwinden man überhaupt nicht bemerken würde, erwidert neugierig meinen Blick, dreht den Kopf mit diesen abgehackten Vogelbewegungen, um mich besser zu betrachten. Und auch ich bewege meinen Kopf, einfach um zu sehen, was die Taube daraus macht. Noch immer beobachtet sie mich interessiert. Wahrscheinlich wirkt mein aus dem Nichts aufgetauchtes Gesicht auf sie ganz verrückt, damit hat sie nicht gerechnet. Für eine Sekunde stelle ich mir vor, wie sehr sie mein plötzliches Heraustreten aus dem Fenster erschrecken müsste, ich sehe meinen Körper durch den Hinterhof schweben, direkt auf diesen Vogel zu, der vor Angst erstarrt, wie ich glaube, denn ganz sicher besitzen auch Tauben ein Gespür für die Unmöglichkeiten unserer Art, für das, was uns Menschen somit versagt bleibt, das Fliegen zum Beispiel.

Wir bewegen gemeinsam unsere Köpfe. Der kleine Kopf der grauen Taube, die den Dinosauriern weitaus ähnlicher ist, als ich das bin mit meinem geringprozentigen Neanderthalerschädel, zuckt noch immer auf der Mauer herum, doch diese Bewegungen ebben allmählich ab. Die Gewohnheit hält zwischen uns Einzug, wir verlieren zur gleichen Zeit das Interesse aneinander. Auch darin sind uns die Tiere ähnlich. In der Begeisterung am neuen Reiz, im Auftauchen des Unbekannten, das die Blicke auf sich zieht. Vielleicht besitzen am Ende auch die Tiere ein Verständnis für das Unheimliche, denke ich dann, für eine Begegnung, die aus dem Rahmen fällt, weil sich jemand eigenartig bewegt, zu lange den eigenen Blicken standhält, die Worte falsch betont.

Das noch morgendliche Licht spült weich über die Häuser. Ein wenig fühlt es sich schon nach Frühling an, jetzt, wo die Temperaturen wieder steigen. In der kommenden Woche soll es bereits fünfzehn Grad über Plus geben, lese ich vom Display meines Handys ab und das ist dann doch etwas zu viel. Fünfzehn Grad im Februar! Wie soll die Natur da nicht durcheinander kommen? Und wie sollen wir dabei nicht ganz verrückt werden? 

Im Flur probiere ich vorsichtshalber schon einmal meine gelbe Übergangsjacke von RAB an. Das mache ich vor jedem Wechsel der Jahreszeit, bevor es warm oder kalt wird. Dann stehe ich an einem Morgen vor dem Spiegel und probiere meine Winterjacken an, die ich ja zur Genüge kenne, ich weiß also, wie ich in ihnen aussehe und genauso verhält es sich auch mit meinen Übergangs- und Regenjacken. Doch obwohl ich das alles weiß, stehe ich kurz vor dem Auftauchen der Wärme oder der Kälte in unserem Flur und inszeniere eine Modenschau. Kaum etwas bereitet mir mehr Freude als dieses Anprobieren, was ich nur halb auf meine Eitelkeit schiebe.

Während ich die Jacken wechsle und mich dabei im Spiegel betrachte, habe ich das Gefühl zu einem anderen zu werden, vielleicht sogar zu einem ganz neuen Menschen. Mein Spiegelbild ist mir um Wochen voraus, steckt bereits in einer Jahreszeit, die erst noch kommen wird, die bislang nur in meiner Vorstellung existiert. Im Spiegel taucht die Zukunft bereits auf und mit ihr die Vorfreude, doch diese Zukunft ist nur halbumschrieben. Es gibt sie bloß als einen Wechsel der Temperatur, alles andere in ihr bleibt reine Möglichkeit. Ein ganz neues Leben, ein Aufbruch, der Aufruhr. Die Probe meiner Jacken bereitet mich auf diesen vor, ich teste den Aufruhr aus, ich sehne mich nach einer ganz neuen Wendung. Im Spiegel scheint sie greifbar und unendlich leicht zu sein, fast so, als zöge man sich eine neue Jacke an und liefe einfach davon.