Norwegen (1), 21. Mai

Bald liegen auch diese Zugfahrten hinter dir, denke ich und beobachte die Weinberge im grauen Licht, die wie immer verlassen sind. In diesen Bergen habe ich noch nie einen Menschen gesehen, als wüchsen die Reben dort ohne jede Einmischung vor sich hin, bedürften keinerlei Pflege und Beobachtung. Als habe man sie vergessen. Sie stehen im Licht, später stehen sie im Regen, der Verkehr fließt unablässig an den Flanken der Hügel entlang, bis ein Gewitter niedergeht und die Erde schwarz färbt, die hellen Blätter dunkelgrün, als bedeckte sie ein Schatten und ich plötzlich, während sich auf der Scheibe Quecksilberbäche bilden, an den Anfangssatz aus Hamsuns Pan denken muss. 

In den letzten Tagen dachte und dachte ich an des Nordlandsommers ewigen Tag. 

Den ewigen Tag. Dachte und dachte ich!

Könnte man doch heute noch so schreiben. 

Mit einer märchenhaften Wiederholung in der Satzmitte und diesem aus der Zeit gefallenen Rhythmus, der sich nicht mehr auf die gleiche Weise formulieren lässt. Wiederholt man ihn jetzt, als versuchte man Hamsuns Sprache im Jahr 2021 zu imitieren, wirkt er ein wenig antiquiert. Dieser erste Satz gehört in seine eigene Zeit und dort bleibt er auch, abgeschlossen hinter Glas, niemand kann mehr so schreiben und auf diese Weise an den Nordlandsommer denken, an des Nordlandsommers ewigen Tag, in Stein gemeißelten Genitiv.

Der Zug folgt dem Tal und dem Fluß, die wenigen Leute im Abteil sehen nach draußen oder auf die Displays ihrer Handys. Nur die Geräusche der Bahn sind zu hören, das tok tok, sobald wir über eine Weiche fahren, ein tok tok, das in Lars von Triers Europa eine schreckliche Präsenz gewinnt, da es auf das nahende Ende weist. Ich habe Max von Sydows Stimme im Ohr, die leise flüstert, and then you arrive in … Europa!, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob es genau diese Worte sind, die er wählt, während die Schwellen und Weichen in einem fast einschläfernden Rhythmus metallisch schlagen und an so etwas wie eine Glocke oder einen Gong erinnern oder an das Gleichmaß von Wellen, die ein Schiff auf und ab bewegen. Nur an die Betonung des verheißungsvollen und grausamen Wortes Europa kann ich mich erinnern. Europa!, flüstert Max von Sydow, und nicht etwa Europe!, während das Licht des Zuges im Film auf nächtliche Schienen fällt und es ist immer deutlicher wird, dass in diesem Europa ein Abgrund auf jenen wartet, der den Zug bestiegen hat. Denn das Licht legt nur die Schienen bloß und nicht das Land ringsum, das völlig schwarz bleibt in seiner unheimlichen Finsternis.

Als ich nach Hause komme, ist K noch unterwegs. Ich lege meine Sachen ab, mache mir die Suppe von gestern Abend warm und klappe am Schreibtisch meinen Laptop auf, während Hamsuns Satz in mir weiter seine Kreise zieht.

Im Sommer 2017 war ich mit K zum ersten Mal gemeinsam unterwegs. Wir hatten uns ein halbes Jahr zuvor im Museum kennengelernt, in dem wir beide arbeiteten und wenige Monate später beschlossen wir, für zwei Wochen in den Urlaub nach Norwegen zu fliegen.

K war nach dem Abitur mit einer Freundin in Schweden gewesen, ich hatte bislang nur Dänemark auf Familienurlauben mit meinen Eltern und meiner Schwester während der Sommerferien kennengelernt, aber das war schon lange her. Nach Norwegen waren wir damals nie gelangt, sondern immer auf der dänischen Hauptinsel in einem Ferienhaus hängen geblieben. Nicht einmal nach Kopenhagen hatten wir es geschafft. 

Wir landeten in Oslo und fuhren mit der Metro in eines der äußeren Stadtviertel, in dem wir ein AirBnb angemietet hatten. Obwohl K und ich zum ersten Mal gemeinsam verreisten, gab es keine Verständigungsprobleme zwischen uns, als wären wir schon dutzende Male miteinander unterwegs gewesen. Wir lagen hier, wie in so vielem anderen auch, auf einer Wellenlänge und deshalb gab es keine Diskussionen. Nach dem Flug in unsere Wohnung zu fahren, um kurz auszuruhen und später das Viertel zu erkunden, darüber mussten wir uns nicht erst unterhalten, es stand einfach fest.

Die S-Bahn brauchte etwa eine halbe Stunde hinaus. In Oslo war es kühl, obwohl die letzte Juliwoche angebrochen war und die Sonne glänzend zwischen winzigen Wolken am blauen Himmel stand. Doch aus irgendeinem Grund wirkte sie hier im Norden schwach, besaß nicht die Energie, die sie im Süden hatte. 

Wir stiegen in einem Viertel am Rand der Stadt aus und sofort war uns klar, dass wir uns tatsächlich am Rand der Stadt befanden. Alles wirkte ausgesprochen ländlich und es hätte mich nicht gewundert, wenn weite Felder hinter dem nächsten Straßenzug aufgetaucht wären, was dann allerdings doch nicht geschah.

K lotste uns eine schmale Straße hinauf, wir brachten einen Hügel hinter uns, auf dem alte Vorortvillen ganz aus Holz gefertigt im Nachmittagslicht standen und als wir oben auf dem Hügel anlangten, bemerkte ich rechterhand ein modernes Schulgebäude mit der Bronzeskulptur eines Wildschweins vor dem Eingang.

„Stell dich mal vor das Schwein“, sagte ich zu K.

„Warum denn?“

„Für ein Foto natürlich!“

Sie lief hinüber, stellte sich neben das auf den Hinterläufen sitzende Schwein, was ich etwas eigenartig fand, denn dadurch erinnerte der Keiler eher an einen abgerichteten Hund, und legte dem Bronzetier einen Arm um den massiven Hals, um gleichzeitig einen Kuss anzudeuten.

Ich hatte mein Handy bereits im Anschlag und knipste ein Bild. Ein Jahr später sollte ich in Thailand eine exakte Kopie dieses Fotos schießen, nur dass der Keiler durch einen Miniaturdinosaurier ersetzt worden war und das Schulgebäude durch eine Bar am Strand von Kho Lanta.

Nachdem wir unsere Sachen in der Unterkunft abgelegt hatten, kauften wir in einem nahe gelegenen Supermarkt Brot, Bier, Würstchen und Senf, Gemüse und ein paar Äpfel, um möglichst wenig Geld auszugeben. Seit etwa einem Jahr hatten wir unsere ersten richtigen Jobs mit entsprechenden Gehältern, waren aber immer noch vorsichtig, weil wir unsere Ausgaben in Norwegen nur schlecht abschätzen konnten. Deshalb mieden wir erst einmal alle Restaurants in der Angst, gleich am Anfang des Urlaubs zu viel Geld auf einmal auszugeben und aßen in der kleinen Küche unserer Wohnung, während wir die nächsten Tage planten. 

In Oslo wollten wir nur über das Wochenende bleiben und dann mit dem Zug hinüber an die Westküste Norwegens, um uns Bergen anzusehen. Die Tickets hatten wir bereits Monate im Voraus gebucht. In Bergen würden wir uns ein Auto mieten, was für uns beide eine echte Premiere war, und uns dann auf den Weg in Richtung Norden machen, immer entlang an der Schärenküste und den Fjorden.

Am nächsten Morgen fuhren wir mit der S-Bahn zurück in die Innenstadt. Die Sonne stand hoch und im Gegensatz zum zurückliegenden Tag war es plötzlich warm, genau wie im Sommer. Ich fühlte mich noch ebenso unruhig wie in Deutschland, als würde ich gleich zurück ins Büro pendeln, als stünde die Arbeit und nicht ein Ausflug an. Aber im leeren Abteil der S-Bahn, den Blick nach draußen gerichtet, begann sich meine Anspannung langsam zu legen.

Wir spazierten durch Oslos Zentrum und mieden instinktiv alle Sehenswürdigkeiten. Ich war ausgesprochen glücklich, dass K genauso wenig auf touristische Highlights Wert legte wie ich selbst, denn für das alles hatte ich überhaupt nichts übrig. Auch wenn ich wusste, dass ich mich äußerlich von den übrigen Touristen kaum unterschied, dass ich genauso wenig in Oslo heimisch war, die Geschwindigkeit der Stadt nicht kannte, mich deshalb zögerlich bewegte und nicht mit dieser flüssigen Selbstverständlichkeit, die den Bewohnern einer Stadt überhaupt nicht mehr auffiel, hielt ich dennoch an meinem Anderssein fest, das mich von den Touristengruppen zumindest innerlich unterscheiden musste. Ich wollte die Stadt auf andere Weise kennenlernen und diese Weise war der Verzicht auf das klassische Programm. Lieber saß ich den ganzen Vormittag in einem Park, um in einem Buch zu lesen und so zu tun, als täte ich das jeden Tag, als wäre ich bereits ein Teil der fremden Stadt. Dass ich dafür aber nicht erst eine Reise nach Norwegen hätte unternehmen müssen, ließ ich nicht gelten. Ich wollte auf eine etwas verschrobene Weise die beiden Wochen verbringen, die wir uns frei genommen hatten.

Da K und ich in Deutschland allerdings in einem Museum arbeiteten, konnten wir in Oslo nicht einfach bloß durch die Straßen und Parks spazieren, um später in einem Café die Zeit totzuschlagen. Unsere Kollegen würden nach unserer Rückkehr Fragen stellen, sie würden eine Liste von Museen parat haben und uns mit großen und irritierten Augen mustern, falls wir erklärten, wir hätten kein einziges Museum besucht. Mit schlechtem Gewissen machten wir uns deshalb zum Munch-Museum auf, in dem Karl Ove Knausgård damals gerade eine Ausstellung mit vielen Werken des norwegischen Malers kuratierte.

Wir liefen durch die Säle, hielten vor den Malereien an, ich las Knausgårds Zitate und fühlte mich sofort zurückversetzt in sein autobiographisches Projekt, diese sechs Bände, die in Deutschland nicht unter ihrem eigentlichen Titel – Mein Kampf – hatten erscheinen können. 

Knausgårds Bücher waren meine Rettung gewesen, bevor ich im Museum angefangen hatte zu arbeiten. Als ich sie durch einen bloßen Zufall entdeckte, lebte ich noch in Ludwigsburg und arbeitete als Volontär in einem Archiv, eine Arbeit, die ich bald schon hasste, obwohl ich mir anfangs monatelang einzureden versuchte, durch sie einen mir jahrelang verschlossenen Ort erreicht zu haben. Dieser Ort, dachte ich damals, sollte mir so etwas wie eine Ankunft ermöglichen, eine Ankunft, die den kurzen Abschnitt meines Lebens nach dem Studium und meinem Umzug nach Leipzig beendete. Ein Abschnitt, der von Unbeständigkeit und dem niemals verschwindenden Gefühl, an keinem Ort heimisch werden zu können, bestimmt gewesen war.

In den Büchern Knausgårds fand ich mich wieder oder vielmehr meine Erinnerung, meine Kindheit und Jugend, meine Träume und Sehnsüchte. In gewisser Weise blickte ich in diesen Texten auf ein Leben, das in Erfüllung gegangen war. 

Knausgårds Hemmungen, seine Schüchternheit und Selbstzweifel, seine Probleme mit den Mädchen, der große Traum vom Schreiben und die Frage, ob man für das Schreiben überhaupt geschaffen war, all das schien aus mir selbst zu stammen, ich erkannte mich in fast jedem Satz wieder, obwohl Knausgård zwanzig Jahre älter war als ich selbst. Es gab nur einen entscheidenden Unterschied, der mich von ihm trennte und das war der Erfolg. Der Erfolg eines trotz aller Widerstände geglückten Lebens, denn Knausgård hatte es geschafft und seine Zweifel besiegt. Er war ein Schriftsteller geworden, hatte mit seinem ersten Roman gleich einen wichtigen norwegischen Literaturpreis gewonnen, er hatte die Frau geheiratet, in die er sich während seines Literaturstudiums verliebte und weiter Bücher geschrieben, um schließlich mit seinem autobiographischen Projekt etwas nicht für möglich Gehaltenes zu schaffen, ein viele tausend Seiten umfassendes Werk, das derart authentisch wirkte, dass ich glaubte, die Verunsicherungen und Sehnsucht meiner Jugend in allen Einzelheiten erneut zu durchleben.

Ich las mich in seine Romane hinein und fand mich überall selbst. Es ist idiotisch, die Bücher als Spiegel zu gebrauchen, aber damals kam ich über diese Binsenweisheit nicht hinaus. Ebenso wenig kam ich über die Trennung hinaus. Während Knausgård seine Erfolge feierte und von der gesamten Welt als Autor bejubelt wurde, der am Puls der Zeit schrieb, blieb mein eigenes Schreiben weiterhin unsichtbar. Ich brachte kein Buch zustande und quälte mich, weil ich unfähig war. Ich sah, dass es einem gelang, der in so unendlich vielen Dingen fühlte wie ich selbst, ohne dass sich dadurch etwas für mich veränderte. Ich fuhr zur Arbeit, ich versuchte zu schreiben, ich hatte in Ludwigsburg nur einen Freund und war allein. An Mädchen war in dieser Zeit nicht einmal zu denken. Von meinen Träumen und Wünschen war ich so unendlich weit entfernt, dass ich mich kaum noch getraute, sie einem anderen gegenüber anzusprechen. Vielleicht war ich für das Schreiben einfach nicht gemacht. Vielleicht gab es etwas an mir, das ich nicht in der Lage war zu erkennen, eine Eigenheit, die meine Unfähigkeit verriet und die Knausgård entweder überwunden oder aber nie besessen hatte.

Im Museum in Oslo zogen mich weniger die Gemälde Edvard Munchs an als die Bilder jener Künstler, die einige Jahre vor dessen Durchbruch in Norwegen gemalt hatten.

Ich blieb vor einem Interieur Vilhelm Hammershøis stehen, einem fast leeren und weißen Raum, der gut in die großbürgerliche Vorstadtvilla gepasst haben würde, an der wir auf dem Weg zu unserer Unterkunft am Stadtrand Oslos vorbei gelaufen waren.

Wie auf einem Gemälde Pieter de Hoochs sah ich ein Zimmer mit einem Tisch und einem Stuhl, auf dem eine weibliche Rückenfigur in schwarzem Kleid saß. Vor diesem Tisch befand sich eine offene Tür, die den Blick auf einen Flur erlaubte. Die Wände des Flurs und des Zimmers waren weiß gestrichen und nur ein einziges Bild hing an einer Wand. Ansonsten blieb der Raum vollständig leer. Keine Regale, kein Sofa, kein Bett, nicht einmal ein weiterer Stuhl, den man an den Tisch gerückt hatte. Alles wirkte, als wäre diese Frau erst vor wenigen Stunden in das Haus eingezogen, als wäre sie am Morgen womöglich erst angekommen, um sich nun, gegen Mittag, für einige Minuten auf diesem weißen Holzstuhl auszuruhen, während das Licht (war es Frühling, war es Sommer?) am anderen Ende des Flurs über den Holzboden strich.

Da die Frau mit dem Rücken zum Betrachter saß, blieb es unmöglich zu sagen, was sie dachte oder fühlte. Ihr Kopf war leicht geneigt, an ihrem Nacken und ihrer Frisur ließ sich ablesen, dass sie jung sein musste. Vielleicht hatte sie die Dreißig noch nicht erreicht, vielleicht hatte sie gerade geheiratet und bezog nun mit ihrem Mann ein neues Haus, in dem sie eine Familie gründen würde. Vielleicht bezeichnete das Gemälde einen stillen Punkt, von dem aus ein Leben Gestalt annahm, das noch im Ungefähren lag. Ein Leben, von dem die junge Frau nichts ahnte, die so still, fast versunken, auf ihrem Stuhl am Tisch saß und auf etwas wartete.

Eigenartig war die Stille, die in diesem Gemälde herrschte. In Hammershøis Zimmer schien ein Gespräch ganz unmöglich zu sein. Vielleicht blieb selbst die Begegnung zwischen zwei Menschen in diesen Zimmern unmöglich, vielleicht gingen sich die schwarz gekleideten Figuren in den weißen Räumen aus dem Weg, verfehlten einander, schwiegen sich an, fragten sich, was sie eigentlich in einem solchen Haus verloren hatten.

Im Gegensatz zu Edward Hopper, der ebenso gern Innenräume zeigte, um die Einsamkeit und Sehnsucht seinen Figuren offen und unmissverständlich ins Gesicht zu legen, trat Hammershøi in gewisser Weise seinen Charakteren nicht zu nahe. Er zog sich zurück, wahrte die Integrität seiner Figuren, zeigte distanziert ihren Rücken, gab ihre Innenwelt dem Betrachter nicht preis. Die Gesichter blieben dadurch unkenntlich. Das, was sie dachten oder fühlten, lag im Dunkeln. Merkwürdigerweise aber erschien mir die junge Frau damals im Munch-Museum, deren Gesicht ich nicht erkennen konnte, tausendmal verletzlicher und verlassener als alle Figuren, die Hopper jemals auf die Leinwand gebracht hatte. Diese junge Frau im schwarzen Kleid saß allein, unüberwindbar allein. Es war unmöglich, zu ihr zu gelangen und ein Wort an sie zu richten. Sie war die fleischgewordene Einsamkeit.

Nach dem Munch-Museum spazierten wir durch den Botanischen Garten, vorbei am Palmenhaus, das mich an Berlin erinnerte, und lagen dann für eine Weile müde auf einer Wiese herum.

Neben Hammershøis Interieur war mir noch ein Gemälde Niels Bjerres im Gedächtnis geblieben, das eine kleine Gruppe von Menschen außerhalb einer Kirche zeigte. Vielleicht stellte das Gemälde eine Trauergemeinde dar, vielleicht nur Menschen nach dem sonntäglichen Gottesdienst in bestem Staat, schwarze Anzüge mit Hut, obwohl es sich um Bauern, Handwerker und Kaufleute handeln musste. 

Die Einfachheit des Bildes faszinierte mich. Wieder gab es da diese Stille. Eine Stille, als stünden die Menschen immer am Rand der Sprachlosigkeit und gelangten nur unter höchsten Anstrengungen zum jeweils anderen hinüber.

„Und?“, fragte ich K, die auf der Wiese lag. „Fühlst du dich schon, als wären wir im Urlaub?“

„Ich bin noch so angespannt, als könnte mich in jeder Sekunde jemand anrufen“, sagte sie.

„Wahrscheinlich brauchen wir ein paar Tage, um runter zu kommen.“

K wälzte sich im Gras, ohne etwas zu erwidern und ich spürte, dass sie das Thema wechseln wollte. Sie sprach ungern über die Arbeit, besonders an unseren freien Tagen, denn sie bekämpfte ihre Nervosität fast krampfhaft, indem sie jeden Gedanken an das Museum verdrängte. Sprach man es zufällig an, konnte es ihr auf einen Schlag die Stimmung und den ganzen Tag verderben.

Ich fragte mich, ob uns die kleine Gemeinde auf Bjerres Gemälde verstanden hätte. Auch sie hatten Sorgen gekannt, Sorgen, die derart klar zu Tage lagen, als wären sie auf diese Gesichter geschrieben. Hunger, Arbeitslosigkeit und Krankheit. Ein hartes Leben, das für uns der Hölle glich, für sie aber nichts anderes gewesen war als ein gottgegebenes Los, das man aus irgendeinem Grund gezogen hatte, ohne nach dem Grund der Mühsal fragen zu dürfen, so wie jeder andere auch, den man kannte und am Sonntag in der Kirche traf.

Hätten diese Menschen über unsere Sorgen gelächelt? Über eine Arbeit, deren Nutzen ihnen völlig unverständlich geblieben wäre, die Arbeit in einem Museum? Hätten sie nicht den Kopf geschüttelt über uns, die wir versuchten zu erklären, wie sehr uns die Stunden im Museum zermürbten, da man nur selten an einer Sache arbeitete und den Großteil der Zeit mit den Befindlichkeiten seiner Kollegen und Vorgesetzten verbrachte? Dass die Kunst eigentlich keine Rolle in einem Museum spielte, so wenig wie die Literatur in jenem Archiv, in dem ich gearbeitet hatte? 

Die kleine Gruppe auf Bjerres Bild hätte uns verständnislos angesehen. Ihre Sorgen waren mit Händen zu greifen. Sie standen auf einem Feld oder sie fuhren mit einem Fischerboot bei schlechtem Wetter hinaus, um am Abend mit magerem Fang zurückzukehren. Niemand wurde alt. Das Alter besaß noch eine mythische Qualität wie in den Büchern des Alten Testaments. Im Alter lag Weisheit, die auf keinem anderen Wege zu erreichen war. 

„Wann geht unser Zug nach Bergen?“, fragte ich K gedankenverloren.

„Erst gegen zwölf“, antwortete sie. „Wir können uns Morgen also Zeit lassen und ausschlafen.“ 

Dienstag, 18. Mai

Plötzlich geht doch alles sehr schnell. Ich reiche meine Kündigung im Museum ein, denn am Freitag habe ich die Zusage für eine neue Stelle an der Unibibliothek erhalten. Am ersten Juli werde ich anfangen, ich werde nicht mehr nach Mainz pendeln müssen, die abstrusen Fahrpläne und Zugausfälle der Bahn werden hinter mir liegen, meine Wutanfälle werden hinter mir liegen, wenn sich ein Zug wieder einmal um eine halbe Stunde verspätet oder ganz gestrichen wird. Ich werde nicht mehr eineinhalb Stunden bis zur Arbeit brauchen und gegen acht Uhr abends erst wieder zu Hause sein und ich werde das Museum nicht vermissen, nicht eine Spur. Es wird sofort aus meinen Gedanken verschwinden, nachdem ich meine Sachen am letzten Tag, irgendwann Mitte Juni, gepackt und mich von allen verabschiedet haben werde.

Achtzehn Monate habe ich im Museum gearbeitet und morgens und abends im Zug geschrieben. In diesen achtzehn Monaten habe ich zwei Romane abgeschlossen, einer davon ist komplett fertig, hat aber noch keinen Verlag, der zweite ist mir nicht gelungen, aber das ist kein Problem. Bevor ich mit dem Lektorat der Gärten in der Wildnis begann, schrieb ich an einem dritten Roman, der in Mexiko spielt und dem die Schlusskapitel fehlen. Ich bin im letzten Viertel angelangt, meine Handlungsskizze auf gelbem Papier liegt irgendwo auf meinem Schreibtisch, doch ich hatte keine Zeit, das Buch zu beenden. Ich musste ins Museum fahren, ich musste an der lektorierten Fassung der Gärten arbeiten, eigentlich stand auch noch das Exposé des zweiten Romans auf dem Plan und dieses Exposé kostet mehr Nerven und Zeit als jedes Buch. Außerdem schrieb ich am Jahr der Fahnen, auch das war ein Projekt, das ich nicht vernachlässigen durfte, eines dieser Experimente, die man auf sich nimmt, ohne zu wissen, was sie alles für Verpflichtungen nach sich ziehen. Anfangs habe ich mir mantraartig eingeflüstert, nur dann zu schreiben, wenn ich wirklich schreiben will und muss, aber das möchte ich ja die ganze Zeit. Glücklicherweise besteht das Jahr der Fahnen aus kurzen Episoden, ich halte also keinen komplizierten roten Faden in der Hand, den man schnell verliert, wobei ich für einen solchen Faden auch überhaupt nicht geschaffen bin. Ein Buch wie Rayuela zum Beispiel oder Perecs Gebrauchsanweisung brächte ich niemals zustande. Das Jahr der Fahnen ist im Vergleich zu allem anderen fast so etwas wie Erholung. 

Nebenbei noch meine Mexikogeschichte zu einem Ende zu bringen, war deshalb völlig ausgeschlossen. Allerdings weiß ich auch, dass ich mir die letzten Kapitel ohne Probleme später wieder vornehmen kann. Ich habe den Schlussabschnitt bereits im Kopf, ich sehe den alten Ortega vor mir, ich weiß, was er in seiner Wüste in der Hütte tragen wird und was er auf seiner altersschwachen Schreibmaschine tippt, sobald die vier Freunde, drei Europäer und ein Mexikaner, ihn, den Totgesagten, der in den ersten Kapiteln bereits beerdigt werden soll, endlich erreichen. 

Am Donnerstag haben K und ich unsere erste Impfung erhalten. Wir leben in einem Problembezirk, zumindest laut der Stadtverwaltung, und als Bewohner eines solchen Bezirks hat uns die Gnade einer frühen Impfung erreicht. Sechs Stunden standen wir für die Spritze an, dann klärte uns ein Arzt im Vollschutz über irgendetwas auf, das ich nicht verstand, denn er trug nicht bloß eine Maske, sondern saß für seine Belehrung auch hinter einer schalldämpfenden Plexiglasscheibe. Wir haben zu allem genickt und seine einzige verständliche Frage, weshalb wir gegen Gelbfieber und Tollwut geimpft seien, mit einem Lächeln quittiert, das ihn nicht schlauer gemacht haben dürfte, allerdings fragte er auch nicht weiter nach. Dann konnten wir endlich die Spritze empfangen, von der so vieles mit einem Mal abhängt. In den Urlaub fahren oder nicht, sich mit mehreren Freunden treffen oder nicht, auf der Intensivstation landen oder nicht. 

Im angrenzenden Saal warten wir für eine Viertelstunde noch auf einen möglichen anaphylaktischen Schock, was mich ziemlich nervös werden lässt. Das liegt weniger am Schock als an der Vorstellung, vor allen anderen plötzlich umzukippen und damit die gesamte Aufmerksamkeit des Saals auf mich zu ziehen. Lieber röchle ich still und heimlich vor mich hin und gebe den Geist auf, als irgendwelche Umstände zu machen. Keinesfalls möchte ich aus dem Raster des Normalen fallen, denn sobald man aus diesem Raster fällt, wird man sichtbar für die anderen.

Am Ende verläuft alles ohne Probleme. Ein paar ältere Leute liegen am Rand des Saals auf bereitgestellten Bänken, offensichtlich vertrugen sie das lange Warten weniger gut als wir. Später fällt mir auf, dass ich noch nie Bedenken wegen einer Impfung hatte und erst in den letzten Tagen Angst vor Nebenwirkungen bekomme. Vor drei Jahren habe ich mir alle zwei Wochen irgendwelche Impfungen abgeholt, eine Tetanusauffrischung, Hepatitis, Tollwut, Gelbfieber, alles für die lange Reise, ohne dass mich auch nur im Ansatz interessierte, wer für die Herstellung und möglichen Nebenwirkungen dieser Stoffe verantwortlich war. Und jetzt plötzlich macht man sich über all das Gedanken und ist froh, Moderna statt AstraZeneca in den Arm gespritzt zu bekommen. Der totale Irrsinn.

Am Wochenende sehe ich mir Daguerreotypen von Agnès Varda auf Mubi an. Anfangs bin ich etwas genervt und weiß nicht, ob ich eine Dokumentation mit Untertiteln und wenig Handlung aushalten werde, als aber ein sentimentaler Friseur auftritt, der sich über die möglichen, allerdings nie umgesetzten Verläufe seines Lebens Gedanken macht, bin ich froh, bis zum Ende dabei geblieben zu sein. 

Vardas Film stammt aus den Siebzigern und ist in Farbe gedreht, die meisten Protagonisten sind allerdings um 1910 geboren und somit längst tot. Fast alle Gesichter in diesem Film sind tot. Die Kinder sind jetzt um die fünfzig, die Alten nicht mehr da. Zwischen den Schauspielern in noch älteren Schwarzweißfilmen existiert eine greifbare Trennung, sie scheinen nicht wirklich in der gleichen Welt zu leben, in der man sich bewegt, denn ihre Welt ist schwarzweiß und dieses Schwarzweiß schiebt sie ein Stückweit in das Irreale hinaus. Die Menschen in Farbfilmen wirken vertrauter, aber auch für sie läuft die Zeit unaufhaltsam ab. Die Jahre vergehen so schnell, die Rue Daguerre in Paris, in der Vardas Film spielt, verändert sich unaufhaltsam und plötzlich sind all die vertrauten Menschen verschwunden, ohne eine Lücke zu hinterlassen, denn in ihren Wohnungen und in den Geschäften, die sie führten, haben Menschen, die nur wenige Jahrzehnte jünger sind, ihre Plätze eingenommen und schauen nun genauso wie der sentimentale Friseur durch die Schaufenster nach draußen, um sich zu fragen, was nicht alles möglich gewesen wäre, was man nicht alles hätte tun und sagen können. An welchem Leben man aus purem Zufall vorbeigelaufen ist.

Ich gehe hinaus. Die Straße riecht nach Regen und die Häuser sehen nach Regen aus. Der Himmel ist eine plane, raue Fläche, die sich über das quadratische Muster der Innenstadt schiebt, ohne einen Anfang und ein Ende zu besitzen. Ich laufe in Richtung Fluss, etwas anderes fällt mir nicht ein. Dort warte ich eine halbe Stunde vergeblich auf ein Lastschiff, bis ich wieder umkehre und die Treppen hinauf zur Straße nehme. Ich bin ruhelos, weiß aber nicht, weshalb und beschließe, mich morgen darum zu kümmern. Alles hat seine Zeit, sage ich mir. Die Unruhe, die neue Arbeit, das Schreiben. Alles holt dich irgendwann ein, fordert eine Handlung, zumindest deine Aufmerksamkeit heraus. Als ich die Tür hinter mir ins Schloss ziehe, liegt die Wohnung so still, als sei jede Erinnerung an mich während meines kurzen Spaziergangs abhanden gekommen. Als hätte mich alles vergessen, die Zimmer, die Möbel, meine Bücher, selbst der Tisch, an den ich mich wieder setze.

Regen, Sonntag, 16. Mai

Es regnet seit Tagen. Zwischen den Schauern taucht die Sonne auf und erinnert daran, dass die ersten Wochen im Mai bereits vergangen sind. Als ich am Fluss spazieren gehe, sitzen überall Angler in dunkelgrünen Regenklamotten. Einige haben drei oder vier Ruten ausgelegt und sich vorausschauend unter die Brücken gesetzt, denn der nächste Regenschauer kommt bestimmt. Ich frage mich im Vorbeigehen, ob die Angler jemals etwas fangen oder ob ihre Anwesenheit am Fluss bloßes Theater ist, denn ich habe niemals einen dieser Männer aufgeregt an seinen Geräten herumfummeln sehen, nie halten sie einen eben erst gefangenen Fisch in den Händen. Egal, wo und wann ich auf sie treffe, sie sitzen stets in einem Campingstuhl, betrachten das Wasser, als läsen sie dort etwas ab, das allen Nichtanglern entgeht, und strömen eine geheimnisvolle Seelenruhe aus, die mich misstrauisch macht. So gelassen kann ein Fluss und die Aussicht auf einen Fisch am Ende nicht sein, denke ich und laufe weiter bis zur Schleuse, um mich dort auf eine Treppe zu setzen, die nach unten zum Wasser führt. 

Ich schlage den dritten Band von Tove Ditlevsens Kopenhagen-Trilogie auf und lese über ihre Drogensucht. Es kommt mir eigenartig vor, dass Leute wie Burroughs zur selben Zeit in einem ganz anderen Land die Drogen ausprobieren, so wie Ditlevsen das tut, aber keiner etwas vom anderen weiß. 

Hin und wieder tauchen Spaziergänger in meiner Nähe auf, einige haben Hunde dabei. Ich drehe mich nicht nach ihnen um, sondern bleibe auf meiner Treppenstufe sitzen, verharre in meiner eigenen, stillen Zone, ohne mich von den anderen stören zu lassen. Sobald die Wolken für einige Minuten aufreißen, muss ich meine Augen zusammenkneifen, um mich vor der auf dem weißen Papier reflektierenden Sonne zu schützen.

Das Wasser erzeugt keinen Laut. 

Es weht ein kühler Wind. 

Ruderer ziehen auf dem Fluss an mir vorbei, wie immer so, dass sie unmöglich erkennen können, auf welches Ziel sie sich zubewegen. Eigenartigerweise, überlege ich, gleichen sie damit Walter Benjamins Engel der Geschichte. Das Rudern bleibt wahrscheinlich der einzige Sport, bei dem man jenen Punkt im Blick behält, von dem man sich unweigerlich entfernt. Allerdings ist das sicher auch alles, was das Rudern mit Benjamins Engel verbindet.

Am gegenüberliegenden Ufer leert ein Mann eine Plastiktüte mit altem Brot klatschend in das Wasser, obwohl kein einziger Vogel in der Nähe ist. Für einen Moment scheint er abzuwarten und sich über das Ausbleiben der Schwäne und Enten zu wundern, doch dann bemerkt er mich auf meiner Treppe, wird unsicher und verschwindet. 

Vielleicht war das seine einzige Beschäftigung an diesem Tag, denke ich. Vielleicht hat dieser Mann die ganze Woche über Brot gesammelt und sich auf untreu gewordene Schwäne und Enten gefreut. Unverrichteter Dinge zieht er jetzt ab, die Wohnung wartet, die neue Woche wartet, es wird wieder Brot geben, das alt wird und hart und sich im hohen Bogen Wasservögeln an den Kopf werfen lässt.

Einige Minuten später läuft ein altersschwacher Hund mit braunem Fell an mir vorbei und beginnt lautstark aus dem Wasser zu trinken. Hunde besitzen starke Mägen, sie halten einiges aus. Als er seinen Durst gestillt hat, dreht er sich um und sieht mich fragend an. Ich erwidere seinen Blick, versuche ein stummes Einverständnis zwischen Tier und Mensch von seinen Augen abzulesen, bis sich die schwarze Nasenspitze prüfend bewegt und er wieder im hohen Ufergras verschwindet. Ich schaue mich nach einem Besitzer um, entdecke aber keinen Menschen in meiner Nähe.

Auf dem Rückweg steht die Sonne ununterbrochen über der Uferwiese und heizt die Luft derart auf, dass ich meine Regenjacke ausziehen muss. Im hinteren Teil des Ufers, noch auf Höhe der Schleuse, steht das wilde Gras hüfthoch, darunter viel angewehtes Getreide, das der Wind in rollende Wellen verwandelt. Die Ähren glänzen silbern und erinnern mich an Samt, an das Grau von Weidenkätzchen. Es würde mich nicht wundern, wenn zahllose Hunde durch das hüfthohe Gras hetzten, ohne dass man davon etwas mitbekäme. Sie buddelten Löcher, lebten in verzweigten Höhlen und in der Nacht kämen sie manchmal an die kalte Luft, um den Mond anzuheulen.

Dann spüre ich einen Tropfen auf meiner Stirn und sehe hinauf in Richtung Himmel, als mich ein zweiter Tropfen erwischt. Ich ziehe meine rote Regenjacke wieder an und nach fünf oder sechs Metern laufe ich bereits durch dichten Regen. Unter der Brücke erwarten mich die Angler genauso unbeweglich und mit sphinxhaften Gesichtern wie vor einer Dreiviertelstunde. Die Sonne, der Regen, der Mann mit seinem Brot und die unsichtbaren Hunde, die Angler wussten von Beginn an Bescheid und haben für das Muster der Dinge nur ein müdes Lächeln übrig.

Berlin (letztes Zimmer), 14. Mai

Über das Wochenende fahren wir zu Ks Eltern und schlafen in einem Teil des Wohnzimmers, der sich mit einem Vorhang abtrennen lässt. Die Wohnung liegt in der ersten Etage, besitzt allerdings einen Garten auf der von der Straße abgewandten Seite, einen Garten, der höher liegt als das Erdgeschoss und auch über einige Treppenstufen gleich neben der Haustür zu erreichen ist. Man nimmt die wenigen Stufen, biegt in einen schmalen Gang, den das Wohnhaus auf der rechten und der Zaun des Nachbargrundstücks auf der linken Seite begrenzen, und landet schließlich vor einem blauen Tor. Dieses Tor ist immer abgeschlossen, denn nur Ks Eltern haben Zutritt zum Garten, an dessen Rändern hohe Hecken wachsen. Allerdings betritt man das Grundstück normalerweise nicht auf diesem Weg, sondern über eine mannshohe Schiebetür, ein großes Quadrat aus Glas, welches das Wohnzimmer mit dem Garten verbindet.

Der Garten muss ein Neidobjekt für alle anderen Mieter sein, denke ich. Die übrigen Wohnungen in der zweiten und dritten Etage besitzen ausladende Balkone, aber ein Balkon ist mit einem Garten natürlich überhaupt nicht zu vergleichen. Egal wie aufwändig man einen Balkon auch herzurichten versucht, egal wie viele Blumentöpfe und exotische Pflanzen man zusammenträgt, am Ende bleibt doch alles eine eher traurige Angelegenheit und reicht an das, was man nachbilden möchte, nicht heran, einen Garten nämlich.

Es gibt Beete voller Tulpen mit roten Kelchen, die Wiese ist von Gänseblümchen übersät, die Erde in den hohen Blumenkübeln mit Brennnesseln bedeckt, die gegen Schädlinge schützen. Vergissmeinnicht wächst in der Sonne und an einem Erdbeerstrauch hängen die ersten Früchte, die eigentlich Nüsse sind, aber wer denkt im Alltagsverkehr schon an eine Nuss, wenn er an eine Erdbeere denkt.

Ich darf eine der Beeren pflücken und halte sie fachmännisch unter meine Nase, als würde ich die Güte des Naturprodukts prüfen.

„Die riecht ja richtig nach Erdbeere“, sage ich.

Ich beiße die Hälfte der ziemlich großen Beere ab und stelle fest, dass sie auch ausgesprochen intensiv nach Erdbeere schmeckt. Hat man sich erst einmal an Supermarktfrüchte gewöhnt, stellt die Begegnung mit einer tatsächlichen Frucht stets so etwas wie ein religiöses Erlebnis dar, das einem blitzartig das falsche Bewusstsein offenbart, mit dem man sich jahrelang der Welt der Früchte angenähert hat.

Ich laufe über die Wiese, sehe mir das Trampolin an, das Ks Eltern für die Enkelkinder aufgestellt haben, sehe die alte Zwetschge, den Apfelbaum und schließlich jene Skulptur aus Speckstein, die K vor fünfzehn Jahren im Kunstunterricht angefertigt hat – das unverwechselbare Gesicht aus Munchs Der Schrei mit dem Titel Exclamatio auf der Plinthe, der mich etwas irritiert, denn ich frage mich, ob Ks Kunstlehrerin vor fast zwei Jahrzehnten möglicherweise eine Verbindung zwischen Lessing und den norwegischen Maler herzustellen versuchte. Dann beobachte ich ein paar Bienen, die torkelnd das Vergissmeinnicht umschwirren und, sobald sie ihre pollenbeschwerten Körper auf den blauen Landezonen niederlassen, die gesamte Pflanze in Richtung Boden drücken.

Heute ist ein schöner Tag. Die Luft ist mild und die wenigen Wolken über uns lösen sich sehr schnell auf. Man läuft im Garten herum, schaut nach oben, da ist eine Wolke, dann setzt man sich auf einen der Gartenstühle und schon ist die Wolke über dir spurlos verschwunden.

Ein unsichtbarer Rasensprenger läuft in einem der angrenzenden Gärten und füllt mit seinem abgehackten Staccato den Nachmittag aus. Ich frage mich, wie viel Wasser dieser unsichtbare Garten verträgt und ob seine ebenso unsichtbaren Besitzer möglicherweise einen Wüstenabschnitt bewässern, ein Grundstück, in dem ein einzigartiges Mikroklima herrscht, das besondere Aufmerksamkeit verdient.

Hin und wieder setzt sich auch das hölzerne Windspiel in Gang und schlägt einige Takte. Dumpf, hell, ein träger Wechsel der Töne, die Klangfarben sind dabei ganz unterschiedlich, doch es entsteht keine Melodie. Eher eine verlorene Abfolge unverbundener Klopfgeräusche. Das Spiel dreht sich im Wind um sich selbst, der Klöppel führt ein Eigenleben und die verschieden langen Röhren aus Holz pendeln schwerelos, schlagen aneinander, schwingen von einer zur anderen Seite, immer im Wechsel, bis der Wind an Kraft verliert.

Vom Wohnzimmer aus bekommt man den Großteil des Gartens in den Blick und sieht den Apfelbaum.

Von einem Zimmer aus einen Baum betrachten zu können, besonders einen Baum, der sehr nah an der Hauswand wächst und sich aus diesem Grund gut beobachten lässt, ist ein nicht zu unterschätzendes Glück. 

Als ich unsere WG in der Danziger Straße am Ende meines Studiums verließ, um in meine erste, eigene Wohnung in der Heinz-Kapelle-Straße zu ziehen, war es ein solcher Baum, den ich gleich beim Eintreten in die Dachgeschosswohnung hinter den Fenstern entdeckte, ein riesiger, alter Ahorn, der vor der Brandmauer des gegenüberliegenden Gebäudes wuchs. 

Ich unterbrach den Vortrag der Maklerin, die mich an eine Exfreundin meines Onkels erinnerte, eine füllige Frau Mitte dreißig mit blonden Haaren und undefinierbarer Kleidung und sagte, dass ich die Wohnung nehmen würde.

„Aber sie haben doch erst den Flur gesehen“, antwortete sie.

„Die Tür zum Zimmer steht offen“, erklärte ich, fühlte mich aber dennoch ertappt und meine Befähigung zur Bewertung von Mietwohnungen klar in Frage gestellt. Bis heute geben mir Makler das Gefühl, stets die wirklich wichtigen Details zu übersehen, die über die Güte eine Wohnung entscheiden und mich damit als hilfloser Amateur zu erkennen zu geben, den man am Ende spielend über den Tisch ziehen kann. 

Ein paar Minuten später standen wir in der Küche, einem quadratischen Raum mit einem Fenster, einer Spüle und einem Herd.

„Einer unserer Mieter hat sich einen Flachbildschirm in die Küche montiert“, sagte sie und zeigte auf die dem Fenster gegenüberliegende Wand.

Irgendetwas Trostloses lag in dieser Bemerkung, die mir wahrscheinlich die Vorzüge der Wohnung vor Augen führen sollte, in mir aber nur das Bild eines Mannes jenseits der Vierzig wachrief, der allein in einer winzigen Einraumwohnung lebte und, da er unter Platzmangel litt, seinen Fernseher in der Küche unterbringen musste. Dort starrte er auf den Bildschirm, den durch das Fenster fallenden Hinterhof im Rücken, ohne von der Außenwelt etwas mitzubekommen.

„Ich habe keinen Fernseher“, sagte ich, was eine dumme Antwort war, denn wie sollte ein anderer schon auf einen solchen Satz reagieren? Damals dachte ich wahrscheinlich, mein Anderssein durch eine derartige Bemerkung herauszustellen, doch vom verwunderten Blick der Frau las ich nichts weiter ab als die Irritation über einen verschrobenen Fünfundzwanzigjährigen, der vielleicht noch ein Student war, vielleicht aber auch nicht.

Ohne die Bürgschaft meiner Eltern hätte ich die Wohnung damals nicht bekommen. Sie war bezahlbar, ich konnte sie mit meinem Nebenjob im Buchladen finanzieren, aber die Kaution blieb dennoch zu hoch.

Als ich die Zusage schließlich erhielt, war ich gerade auf der Greifswalder Straße unterwegs, brachte eine Kreuzung hinter mich und bog auf die Danziger Straße in Richtung meiner alten Wohnung ein.

Zum zweiten Mal in meinem Leben erfasste mich eine alles Maß sprengende Euphorie. Das erste Mal hatte mich diese Euphorie in Wien überrascht, als ich mich in ein Mädchen verliebte. Plötzlich schien sich die Welt, die ich bis dahin eher distanziert beobachtet hatte, ohne wirklich an ihr teilzunehmen, vor mir zu öffnen und ich, ich hatte keine Bedenken mehr. Meine Ängste lösten sich mit einem Mal auf, sie verschwanden mit schockierender Geschwindigkeit und gaben mir dadurch zu verstehen, wie unerheblich die Angst am Ende war, die ich für so unüberwindlich gehalten hatte, für eine Macht, gegen die man nicht ankam, vor der man sich verstecken, vor der man kapitulieren musste. Damals, in meinem Austauschsemester in Wien, begann ich sogar zu verstehen, dass von einem bestimmten Standpunkt aus überhaupt keine Angst existierte, dass man hinter der Angst einen Bereich betreten konnte, der Unbeschwertheit hieß, einen ungewohnten, aber wunderbaren Bereich, den ich nicht für möglich gehalten hatte.

Und noch etwas anderes wurde mir schlagartig klar.

Ich wollte hinein in die Welt.

Zum ersten Mal dachte ich damals diesen Gedanken. Ich wollte hinein in die Welt, das Reisen erschien mir plötzlich nicht mehr unmöglich und fremd, es wurde vielmehr zu einer Notwendigkeit. Fernweh tauchte in mir auf. Hatten meine Freunde früher über dieses Fernweh gesprochen, verstand ich nie ganz, was sie mit ihren Sätzen meinten. Jetzt aber begriff ich ganz unerwartet, wovon sie damals mit großen Augen erzählt hatten. Ich wollte mit dem Mädchen verreisen, ich würde alles aufgeben, ich würde zum Nomaden werden und meinetwegen auch zum Beduinen, ich würde Rancher sein in Argentinien, ich würde einfach alles sein, denn das Leben, das ich plötzlich in mir fühlte, war kein Bruchstück, es war ein Ganzes und deshalb musste derjenige, der ein Leben lebte, auch alles erleben, er musste alles sein, alles fühlen, nicht einfach nur die moderaten, geglätteten Wogen des Alltags, nein, er musste brennen wie im Fieber, ein Zustand, von dem ich immer nur gelesen hatte, um gleichzeitig zu glauben, dass alles wäre bloße Fiktion, eine solche Leidenschaft sei im Leben kaum möglich.

Mit einem Mal schreckte mich nichts mehr ab. Ich musste hinaus, einfach nur hinaus, die Freiheit war greifbar, sie stand mir offen, hatte mir sogar immer offen gestanden, obwohl ich für sie keinen Blick besessen hatte. Ich war blind, ja, am Ende war ich unter all meiner Unsicherheit und Ängstlichkeit blind für die Welt.

Jetzt lief ich über den breiten Bürgersteig in Berlin, der dem Bürgersteig in Wien ein wenig ähnlicher sah also zuvor, lief vorbei an der Praxis des Zahnarztes, der sich einmal kaum noch eingekriegt hatte, als ich ihm erzählte, ich würde Literaturwissenschaften studieren, ein Lachen, das er nur schwer unter Kontrolle brachte, derart absurd kam ihm dieses Studium vor, obwohl seine Praxis ganz und gar nicht danach aussah, als gehörte er zu jener Klasse Zahnärzte, die sich mit allen möglichen Prothesen eine goldene Nase verdienten, und während ich die leicht ansteigende Danziger Straße in Richtung Prenzlauer Allee hinauflief, überstürzte sich alles mir, plötzlich gab es dieses unfassbare Drängen wieder wie damals in Wien, eine richtungslose Energie, eine Leidenschaft ohne Namen, mein ganzer Körper stand unter Strom.

In diesem Augenblick, mit der Zusage für meine erste eigene Wohnung in der Tasche, fühlte ich mich frei. Einer der wenigen Momente in meinem Leben, in dem die Freiheit nicht ein ungefährer Begriff blieb, dessen Bedeutung man dunkel erahnte, sondern eine unleugbare Präsenz, die das Verständnis für die Dimensionen echter Freiheit enthielt, für das, was Freiheit in manchen Momenten bedeuten kann. 

Einige Wochen später zog ich aus der WG aus, in der ich fast fünf Jahre gelebt hatte. Ich ließ Chris und Hannes, der erst vor wenigen Monaten zu uns gezogen war, nachdem Melli die Wohnung verlassen hatte, zurück. Mara, die an der Freien Universität ihren Master in Soziologie beendete, lebte mit uns zusammen, aber wer meinen Platz in der alten Wohnung einnahm, kann ich heute nicht mehr sagen. 

Die Zeit unserer kleinen Gemeinschaft schien ohnehin gezählt und ich hatte mich, ohne das zu bemerken, in den letzten Überlebenden einer ursprünglichen Besatzung verwandelt. Micha lebte seit gut zwei Jahren mit seiner Frau in Wien, André seit Monaten in Marseille, um sich für die Aufnahmeprüfung in Stanford vorzubereiten. Melli hatte erst vor Kurzem die WG verlassen und wohnte nun außerhalb des Rings in einer Einraumwohnung. Und jetzt machte auch ich mich also auf den Weg und spürte, dass ich damit ein Kapitel beendete, eine Geschichte zum Abschluss brachte, die mein Studium enthielt und alles, was sich in den Jahren meines Studiums abgespielt hatte. 

Selten gab es diese klaren Schnitte im Leben, ein deutliches Gefühl für einen Anfang und ein Ende und das, was zwischen beiden lag. Ein Gefühl für die durchlebten Episoden gewann man häufig erst später, sobald man zurückblickte, um die groben Linien auszumachen, denen man bewusst oder, ohne davon zu ahnen, gefolgt war, die einen bewegt hatten, in eine unbestimmte Richtung gespült. Als ich auszog, verstand ich, was passierte. Ich fühlte das Ende jenes Zeitabschnitts, der sich von mir unaufhaltsam entfernte, doch meine Euphorie ließ damals keine sentimentale Traurigkeit zu. Ich spürte das Ende, doch der Neubeginn besaß eine weitaus größere Macht.

Gemeinsam mit meinem Vater und meiner Schwester richtete ich die neue Wohnung ein. Wir verlegten einen Teppich in meinem Zimmer, denn alle Böden waren mit scheußlichem Linoleum versehen, das ich, zumindest dort, wo ich schlafen und schreiben wollte, nicht ertrug. Wir kauften einige Möbel bei IKEA und ich platzierte meine Einzelmatratze ohne Bettgestell und Rost unter den Fenstern. Davon hatte ich immer geträumt. Kein Bettgestell, sondern die Matratze direkt auf dem Boden, wie in einem französischen Film, wie in Permanent Vacation von Jim Jarmusch und dazu Bücherstapel überall, kleine Büchertürme vor den Wänden.

Als mein Vater und meine Schwester sich wieder auf den Weg machten, begann ich, die Kartons auszupacken und Bilder aufzuhängen. 

Ich schlug einen Nagel in die Wand und hängte die gerahmte Collage von Katharina daran auf, die sie mir zum Geburtstag geschenkt hatte. Dann verteilte ich die Fotos und die aus Zeitungen ausgeschnittenen Bildern, die ich mit Klebestreifen befestigte. Ich packte meine Bücher aus, räumte sie in die weißen Billy-Regale, darunter das tonnenschwere zehnbändige Kunstlexikon, in das ich für meine Abschlussprüfung in Kunstgeschichte einmal geschaut hatte und das ansonsten nichts weiter war als ein unnötiges Gewicht, das Staubflusen magisch an sich zog. Ich holte meinen alten Marantz-Plattenspieler aus einer der Umzugskisten, positionierte ihn am Ende meiner Matratze und schob die Platten in ihren durchsichtigen Plastikkästen an seine Seite. 

Den neu gekauften, runden Tisch aus dunklem Holz platzierte ich in der Mitte des Zimmers. Ich hatte viel Wert auf diesen Tisch gelegt und mich von meiner Entscheidung auch nicht abbringen lassen, als mein Vater erklärte, der Tisch sei zu wuchtig und außerdem kein Schreibtisch, sondern ein Esstisch.

Jetzt, im montierten Zustand und in der Mitte meines nicht allzu großen Zimmers, versuchte ich mir immer noch einzureden, ich hätte die richtige Wahl getroffen und dieser Tisch aus dunklem Holz sei nicht einmal ansatzweise wuchtig oder sperrig, sondern füge sich wunderbar in meine neue Wohnung ein. Doch je öfter ich mein Zimmer betrat, umso nachdrücklicher musste ich mich gegen den in mir aufsteigenden Zweifel wehren, wahrscheinlich doch ein viel zu klobiges Möbelstück gekauft zu haben, während ich mich an dem dunkelbraunen Ungetüm vorbeizwängte. Im Möbelladen hatte alles gepasst, ich hatte mir ein geglücktes Arrangement vorgestellt, doch jetzt, in meinem tatsächlichen Zimmer, wurde ich den Zweifel nicht mehr los. Warum hatte ich überhaupt einen runden Holztisch ausgesucht? Warum ausgerechnet dunkles Holz?

Obwohl meine Prüfungen und die Magisterarbeit hinter mir lagen, blieb ich für das laufende Semester eingeschrieben. Deshalb konnte ich mein Studententicket für die Öffentlichen weiter nutzen und auch im Buchladen arbeiten, denn die Stelle, die mir etwas mehr als zehn Euro in der Stunde einbrachte, was damals ziemlich ungewöhnlich war, knüpfte sich an meinen Studentenstatus.

Es dauerte einige Wochen, bis ich mich an die Stille in meinem Zimmer gewöhnte. Niemand wartete auf mich, wenn ich die Wohnung betrat. Ich konnte sogar ganze Tage in ihr verbringen, ohne mit einem anderen Menschen ein Wort zu wechseln und begann allmählich zu begreifen, was es hieß, allein zu sein in diesen Zimmern.

Ich saß am Tisch und begann eine längere Erzählung über einen Jungen zu schreiben, der glaubt, etwas verloren zu haben, das er nicht benennen kann. Er irrt durch die Nacht, trifft den Besitzer eines Kiosks, danach einen Straßenkehrer und später ein Mädchen, kann aber niemandem erklären, was er verloren hat. Nur dass er auf der Suche ist, macht er den anderen begreiflich. 

Die Leute sehen ihn verwundert an. Wer kann schon etwas suchen, das sich nicht in Worte fassen lässt?

Ich schrieb immer weiter an dieser Erzählung, ohne recht zu wissen, was ich eigentlich mit dem Schreiben bezweckte. Schrieb ich an einem ersten Buch oder versuchte ich bloß die leere Zeit zu füllen, die es seit meinem Umzug überall gab? Lebte man allein, musste man sich mit seinen Freunden verabreden, man musste sie anrufen oder ihnen schreiben, man traf sie nicht mehr wie früher in der Wohnung oder der Gemeinschaftsküche an. 

Ein simpler Kinobesuch erforderte Planung, da wir in unterschiedlichen Vierteln lebten und einige von uns bereits eine Arbeit gefunden hatten. Erzählten sie von ihren Stellen, von der plötzlichen Veränderung ihrer Tage, die nun hauptsächlich durch die Anwesenheit in einem Büro geprägt wurden, fiel es mir schwer, in einer anderen Weise als völligem Unglauben auf diese Berichte zu reagieren.

In wenigen Monaten würde ich offiziell die Uni verlassen und danach ebenfalls eine Arbeit benötigen, irgendeinen Job, der mich über Wasser hielte. Allerdings war ich nicht im Ansatz in der Lage, mir einen solchen Job vorzustellen. Allein die Beschäftigung mit dieser Frage machte mich nervös und schien die eben erst erkämpfte Freiheit wieder einzuzäunen. Meine Freiheit, wurde mir plötzlich klar, stand auf kraftlosen Füßen, sie war der Begeisterung eines Augenblicks geschuldet, doch ob ich die Kraft besitzen würde, sie zu verteidigen, stand in den Sternen. 

Die Arbeit und das Geld klopften zum ersten Mal an meine Tür, sie besaßen ein eigenes Recht, von dem ich noch nichts ahnte, das ich sogar versuchte zu ignorieren, doch mit der Arbeit und dem Geld tauchte ein Meer aus Unsicherheit vor mir auf, dem ich nichts entgegenzusetzen hatte.

Ratlos saß ich vor meinem Rechner und schrieb an meiner Erzählung. Ich wusste nichts, hatte weder einen Plan noch den Hauch einer Idee. Mit jedem Tag kamen mir die Antworten abhanden, meine Sicherheit verlor sich wie ein Sandkorn bei starkem Wind und ließ nichts weiter als Verwirrung zurück. Ich hatte nie einen Gedanken an irgendeine Arbeit verschwendet und jetzt plötzlich lief alles auf eine solche Arbeit hinaus.

Während ich schrieb, gingen über der Stadt schwere Sommergewitter nieder. In meiner Dachgeschosswohnung wirkte es so, als berührten die dunklen Wolken die Dächer der Gebäude, als zögen sich Himmel und Erde gegenseitig an, suchten die Nähe des jeweils anderen. Der Regen peitschte gegen meine Fenster, der Wind wühlte den Ahorn vor der Brandmauer auf, der sich wie ein Tier schüttelte und am nächsten Morgen fiel mein Blick auf einen nassen Fleck an der Decke.

Das Dach war undicht und hatte dem Wolkenbruch deshalb nicht stand gehalten. Ich machte ein Foto und schickte es mit einer Nachricht an meinen Vermieter, der sich ohne jede Erklärung erst Monate später darum kümmerte. 

In der Zwischenzeit wuchs der Fleck mit jedem neuen Gewitter. Ich stellte einen Topf unter die feuchte Stelle und hörte den auf dem Metall aufschlagenden Tropfen zu. Nach einiger Zeit bedeckte das Wasser den Boden des Topfes und das Klopfen verwandelte sich in ein Plätschern.

Es war Herbst, als ich Melli fragte, ob sie mit mir nach Leipzig ziehen würde. Die Universität lag endgültig hinter mir und meine unbeholfenen Versuche einen Job zu finden, hatten mir nichts als Absagen eingebracht. Das Jobcenter steckte mich schließlich in eine achtwöchige Schulung, in der ich lernte, einen Computer anzuschalten, Microsoft Word zu öffnen, zwischen den Befehlen Laden und Speichern zu unterscheiden. 

In dieser Zeit verschwand das Gefühl für die Freiheit komplett. Der Leiter des Kurses sah aus, als hätte er erst vor wenigen Tagen einen Rave in Amsterdam organisiert und beim Bund dreißig Zentimeter Körpergröße eingebüßt – künstliche Sonnenbräune Ende Oktober, kurze, blondierte Haare und Hosen, die vorn aus Cord und hinten aus Jeans bestanden. 

Er sprach wie ein Unteroffizier, war gnadenlos überheblich und nahm die Kursteilnehmer als Unterlegene wahr, obwohl er keinen halben Satz zustande brachte. Durch seine beispielhaften Bewerbungsszenarien, die er wie Schlachtbeschreibungen zwischen uns streute, verriet er darüber hinaus, selbst niemals an einem Vorstellungsgespräch teilgenommen zu haben. In seinem Kopf gab es keinerlei Substanz oder brauchbaren Rat, alles lief auf die bloße Vortäuschung unbegründeter Dominanz hinaus. 

Er faselte etwas von power poses, stolzierte wie ein Hirnamputierter mit hinter dem Kopf verschränkten Armen im Seminarraum herum und zeigte später, wie man richtig saß, um Eindruck auf den Chef zu machen. 

„Brust raus“, sagte er. „Das gilt nicht nur für den weiblichen Teil der Bevölkerung.“

Wie er es geschafft hatte, dem Jobcenter die Tauglichkeit seines Schulungszentrums vorzulügen, blieb mir bis zum Ende des Kurses ein Rätsel. Doch ganz offensichtlich stellte dieser umfassende Betrug für ihn die einzige Möglichkeit dar, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Keine Sau würde einen solchen Volldeppen einstellen, das war von Beginn an klar, und deshalb gab es für den penetranten Zwerg auch keine andere Lösung, als sich selbst zum Coach zu erklären.

Die anderen Teilnehmer schienen genauso konsterniert wie ich selbst. Bis auf zwei Handwerker bestand der gesamte Kurs aus Akademikern. Eine Opernsängerin war darunter, ein studierter Saxophonist, ein paar Geisteswissenschaftler und zwei Informatiker.

Ich hielt mich von den anderen fern und brachte diese acht Wochen wie eine Freiheitsstrafe hinter mich, fuhr morgens mit dem Rad hinaus nach Pankow, formatierte ein paar Adresszeilen, und fuhr am Nachmittag wieder zurück.

Nach dem Kurs hatte ich alles satt und die Freiheit vergessen.

„Warum fangen wir nicht in Leipzig etwas an?“, sagte ich zu Melli. „Du hast Kontakte zum Theater. Vielleicht können wir da etwas auf die Beine stellen.“

„Du meinst als freie Mitarbeiter?“

„Zum Beispiel.“

Ich überzeugte sie schließlich und wir begannen im folgenden Jahr, uns an den Wochenenden in Leipzig umzusehen. Irgendwann fanden wir tatsächlich eine großzügige Wohnung in Stötteritz mit riesiger Wohnküche und drei Zimmern. Im Vergleich zu Berlin war der Mietpreis ein Witz, anfangs dachten wir sogar, die Makler machten sich über uns lustig, führten uns aus irgendeinem Grund hinters Licht.

Als ich Berlin verließ, spürte ich nichts. Keine Wehmut, keine Erleichterung, nur die zweideutige Freude, eine Stadt gegen eine andere zu tauschen. Vielleicht lag darin bereits ein Neuanfang, sagte ich mir. In einer fremden Stadt von vorn zu beginnen, sich etwas Neues aufzubauen. In Leipzig würde es neue Menschen und neue Möglichkeiten geben. Während ich am Ende meiner Berliner Zeit das Gefühl hatte, stillzustehen und mich in einer stumpfsinnigen Unmöglichkeit zu verlaufen, dachte ich an Leipzig, als dächte ich an ein neues Dokument auf meinem Rechner.

Ich würde mich an den Schreibtisch setzen und von vorn beginnen. Ich würde die Worte laufen lassen und die Worte liefen irgendwohin, denn sie fanden am Ende doch immer ihren Weg. Ich würde mich an eine neue Erzählung machen und die Frage ignorieren, wohin es mit mir gehen sollte. Alles hatte seine Zeit, sagte ich mir, man musste nichts überstürzen. Nur weg musste man, zuerst einmal weg, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Die Welt auf Abstand halten, so gut es eben ging, die Welt samt ihren sinnlosen Forderungen. Und über die Jahre musste man hinaus, über diese sieben Jahre in Berlin, die sich mit einem Mal in etwas verwandelten, das hinter einem lag wie eine Landschaft, die draußen vor den Fenstern des Transporters in den Abendfarben verlöschte, eine Landschaft, die weder bedrohlich noch geheimnisvoll wirkte, sondern eher vertraut. Eine Landschaft, die man sogar ein wenig satt hatte, die man gern gegen eine neue Landschaft tauschte, um endlich aufzuatmen. Eine siebenjährige Landschaft, die bereits aus den Blicken verschwand.

Danziger Straße (4. Zimmer), 5. Mai

Man hatte den gewölbeartigen Saal im Untergeschoss durch Stellwände in zwei abgetrennte Bereiche geteilt. Melli verschwand mit den Frauen nach links, während André und ich mit den Männern den rechten Teil des Saales betraten.

Aufwändig gedeckte Tische nahmen fast die gesamte Fläche des Raums ein. Es gab keine Sitzordnung, jeder setzte sich dort an einen Tisch, wo er sich gerade befand und auf diese Weise kam man schnell miteinander ins Gespräch. 

Ich griff mir neben André einen Stuhl, nahm die Papierserviette von meinem Teller und faltete sie auf. Wenn ich nervös bin oder mich in einer ungewohnten Situation befinde, muss ich meine Hände bewegen, am besten bekomme ich etwas zwischen meine Finger und lenke mich dadurch ab, während ich die anderen betrachte.

Der Saal füllte sich stetig, der Strom der Hochzeitsgäste riss nicht ab. Viele Plätze waren mittlerweile belegt, aber es hatten sich auch kleinere Gruppen gebildet, die am Rand oder zwischen den wie Inseln wirkenden Tischen standen und sich miteinander unterhielten. Viele der Anwesenden schienen sich zu kennen. Sie trafen sich wieder, vielleicht nach längerer Zeit zum ersten Mal, die Gesichter wirkten fröhlich, manche strahlten, es gab Umarmungen und erstaunte Ausrufe des Wiedererkennens.

„Wo sind Micha und Menucha?“, fragte ich André.

Auch er musterte nun mit einer für ihn typischen Gelassenheit den Saal. 

André war von nichts aus der Ruhe zu bringen. Er ertrug selbst die ungewohntesten Situationen, ohne sich in irgendeiner Weise beeindrucken zu lassen. 

„Wahrscheinlich sind sie noch nicht hier“, antwortete er.

Im hinteren Teil des Saals fiel mir ein Gesicht auf. Ein junger Mann, wahrscheinlich in meinem Alter, der mir bekannt erschien.

„Siehst du den Typen dort hinten?“

„Wen meinst du?“

„In der Nähe der Stellwand, an einem der hintersten Tische. Der mit der Glatze.“

„Ist das nicht Ari?“

Als hätte Ari unser Gespräch aus der Entfernung aufgeschnappt, richtete er in diesem Moment seinen Blick auf unseren Tisch, schien kurz zu überlegen und setzte sich dann mit einem nachdenklichen Lächeln in Bewegung.

Ari gehörte zu Michas Freunden aus Berlin. Er war ein paar Mal bei uns in der Wohnung gewesen und besuchte dieselbe Gemeinde wie Micha.

„Ihr seid also auch hier“, sagte er und gab uns die Hand.

Ari war nicht besonders groß, hatte einen kleinen Bauch, der ihn älter erscheinen ließ, als er eigentlich war und ein auffallend ovales Gesicht. Kein Bart, kaum Haare, helle Augenbrauen und Myriaden von Sommersprossen, die sich auf seinen Wangen und seiner Stirn verteilten.

„Wir haben uns wahrscheinlich vorhin in der Menge übersehen“, antwortete André.

„Ich bin auch erst später angekommen und habe nur die letzten Minuten der Zeremonie erwischt“, entgegnete Ari.

„Kommst du aus Berlin?“, fragte ich.

„Ja.“

Ein oder zwei Jahre später, Micha lebte mit seiner Frau bereits seit längerem in Wien, traf ich Ari zufällig auf der Lychener Straße in Berlin.

„Lange nicht gesehen“, sagte ich zur Begrüßung.

„Stimmt“, erwiderte er knapp.

„Wir haben uns seit Michas Hochzeit nicht mehr getroffen, oder?“

„Das kann gut sein.“

„Was hast du in der Zwischenzeit gemacht?“

Er druckste etwas herum, gab mir aber keine Antwort.

„Studierst du noch?“, hakte ich nach.

„Ich war bei der Armee“, sagte er.

Ari, der pummelige, kleine Glatzkopf bei der Armee? Ich konnte es kaum glauben.

„Warum gehst du jetzt noch zum Bund?“, fragte ich. „Aus dem Alter bist du doch längst raus!“

„Ich war bei der Luftwaffe“, erklärte er. „In Israel.“

Ich sah ihn an.

„Ist das dein Ernst?“

Ari nickte.

„Ich muss schließlich mein Land verteidigen.“

Plötzlich war ich unfähig, eine Antwort zu formulieren. Ari sprach ganz offensichtlich ungern über die Armee, er tat das aber nicht, weil er sich für seine Zeit als Soldat schämte, so wie ich es an seiner Stelle getan hätte. Mir wäre niemals in den Sinn gekommen, zur Armee zu gehen und da meine beiden Halbbrüder ihren Dienst in der NVA und der Bundeswehr geleistet hatten, kam ich um die Wehrpflicht glücklicherweise auch ohne größere Probleme herum. Irgendein Gesetz befreite den dritten Sohn einer Familie vom Dienst an der Waffe, damit am Ende jemand übrig blieb, um die Brüder im Kriegsfall zu betrauern und die Familie weiterzuführen. Wahrscheinlich steckte hinter diesem Gesetz eine lange preußische Tradition.

In der Armee verkörperte sich für mich alles, was ich hasste; Korpsgeist, stumpfte Disziplin, Gewalt und Brutalität und der unumschränkte Versuch, den wesentlichen Kern einer Armee – Krieg, Leid und Tod – hinter fadenscheinigen Begriffen zu verschleiern. Hinter den Floskeln der humanitären Einsätze, der Verteidigung der Demokratie oder hinter den fast schon perversen Werbeslogans der Bundeswehr, die von Abenteuer statt von Kriegseinsatz sprachen, von Freundschaft statt von Kollateralschaden, von Entwicklungshilfe statt von Kriegsopfern

Wikileaks hatte damals gerade Collateral Murder veröffentlicht, das Video einer US-amerikanischen Kampfhubschrauberbesatzung, die unter Jubelrufen in eine Gruppe von Irakis, darunter Journalisten und Kinder, feuerte, um sich gegenseitig zu guten Schüssen und toten Bastarden zu gratulieren. 

Das war die Armee. 

Kein Abenteuer, keine glorreiche Schar gutmütiger Helden, die Frieden und Stabilität brachten, sondern hirnamputierte Zwanzigjährige, denen lächelnde alte Herren ein unvorstellbares Waffenarsenal zur Verfügung stellten. Die ganz genau wussten, was sie taten.

Ich spürte deutlich, dass Ari so wortkarg blieb, weil er Kritik von mir erwartete. Weil er wusste, dass Leute wie ich, Studenten, die in Literaturvorlesungen an deutschen Universitäten saßen, um sich abends dreistündige Arthouse-Dokumentationen über die unfassbare Artenvielfalt am Nordpol anzusehen, niemals in ihrem Leben in die Verlegenheit geraten waren, ihre Sicherheit verteidigen zu müssen, ihr Land in einen an den Grenzen tobenden kriegerischen Konflikt verwickelt zu sehen, in Anbetracht einer echten Bedrohung somit vor der Wahl zu stehen, eine Waffe in die Hand zu nehmen oder nicht. 

Ari betrachtete mich damals auf der Lychener Straße mit einer Mischung unterdrückter Verachtung und verbissener Entschlossenheit. Er würde keine Kritik an seiner Entscheidung dulden. Und er tat es deshalb nicht, weil er wusste, dass ich von den Realitäten, in denen er sich bewegt und womöglich gekämpft hatte, nicht das Geringste verstand.

„Da sind endlich Micha und Menucha“, sagte André und wir drehten uns in Richtung der Treppe um, die vom Erdgeschoss in den Saal hinab führte.

Das Brautpaar tauchte auf und wirkte gelöst und fröhlich. Beide lächelten, Micha etwas verschämt aufgrund der umfassenden Aufmerksamkeit, die er auf sich gerichtet fühlte und nicht mochte, Menucha hingegen glücklich und befreit.

Den restlichen Abend habe ich nur in Bruchstücken in Erinnerung. Ich sehe Micha auf einem Stuhl, der von zahllosen Armen und Händen in die Höhe gehoben wird, so dass er über die Trennwand hinweg in den Bereich der Frauen sehen kann, was er verschmitzt und mit komödiantischen Gesten tut. Ich sehe einen Kreis von tanzenden Männern, die Arme auf den Schultern des jeweils Nächsten, die singen und tanzen und ich glaube, mich ihnen irgendwann angeschlossen zu haben und somit selbst ein Teil dieses Kreises geworden zu sein. Ich sehe das Essen, das fantastisch schmeckte und aus mehreren Gängen bestand und dass ich damals wusste, noch nie so gut gegessen zu haben. Ich sehe die schwarz gekleideten Männer aus Kanada und den USA, aus Israel und Deutschland, Männer und Familien, die von Leuten in meinem Alter erst vor wenigen Jahrzehnten aus ihrer Heimat vertrieben worden waren, die dem Tod knapp entkommen waren, die Verwandte besaßen, die es nicht geschafft hatten, die man in die Lager überall in Europa verfrachtet hatte, ohne dass die Welt dabei zugrunde gegangen war, und jetzt plötzlich saß ich untern ihnen und legte meine Arme um sie und sie ließen das ohne jedes Widerstreben zu, um einfach weiter ihre Lieder zu singen, deren Texte ich nicht verstand und während ich zumindest die Melodie ihrer Lieder zu imitieren versuchte, konnte ich nicht glauben, zwischen ihnen zu sein, in diesem Saal in Wien, in dieser Nacht im Sommer, auf der Hochzeit von Micha, den ich am Beginn meines Studiums kennengelernt hatte und dessen Zeit in Berlin nun zu einem Ende kam, der eine Familie gründen würde, der auf der Schwelle eines fremden Lebens stand, das sich für ihn am Ende genauso fremd und doch verheißungsvoll anfühlte wie für mich, ein Leben, dessen Pfade, Brüche und Kurven ich nicht ansatzweise erahnte, ein Leben, von dem ich in den folgenden Jahren niemals etwas erfuhr.

Nach der Hochzeit verließ Micha Berlin. Er schrieb an seiner Diplomarbeit und konnte das Studium auch außerhalb Deutschlands zu einem Abschluss bringen. Alle mündlichen Prüfungen hatte er bereits abgelegt.

Mittlerweile lebte ich mit André und Melli seit über vier Jahren zusammen. Auch wir bereiteten uns auf unsere Magisterarbeiten vor, belegten die letzten Seminare und Vorlesungen und überlegten, was wir nach dem Studium anfangen sollten.

Michas Zimmer stand leer. Er hatte im drittgrößten unserer WG gewohnt, einem Raum von etwa zwanzig Quadratmetern, der in Richtung Straße lag. Ich war die Größe meines eigenen Zimmers mittlerweile leid, auch suchte ich nach einer Veränderung und glaubte, diese Veränderung im Austausch der Räumlichkeiten zu finden. Und deshalb wechselte ich in Michas Zimmer, während Chris in mein altes Zimmer zog.

Chris stammte aus Hamburg und hatte sich beim ersten Kennenlernen als Musiker vorgestellt.

„Wir waren mal im Fernsehen“, hatte er gesagt.

„Wie heißt eure Band?“, wollte André wissen.

Mister Jupiter“, sagte Chris.

„Nie gehört“, antwortete ich.

„Vielleicht erinnert ihr euch nicht mehr so genau. Wir haben immer rote Pollunder angehabt und klingen wie Mando Diao.“

Chris zog bei uns ein. Er war zwei Meter groß und schlacksig und stotterte ein bisschen, aber das bemerkte man nicht sofort.

Bald tauchte seine Freundin, Ulrike, bei uns auf. Chris nannte sie Ulli und ich ging auch bald dazu über. 

Ulli war ziemlich hübsch und hatte eine kleine Lücke zwischen ihren Schneidezähnen, was sie in meinen Augen noch attraktiver machte. Ihre grünen Augen standen ein wenig schräg und ähnelten dadurch den Augen einer Katze.

Hin und wieder begleitete ich Chris und Ulli in eine Kneipe auf der Schönhauser Allee, kurz hinter dem U-Bahnhof Senefelder Platz.

In der Bar hingen eigenartige Gestalten ab. Die Männer trugen hautenge schwarze Jeans und Lederjacken, waren aber keine muskelbepackten Biker, sondern schmächtige Indierocker. Alle hatten sich knöchelhohe, schwarze Stiefel mit überlangen, spitzen Vorderkappen zugelegt und damit eine Einheitskluft geschaffen, die ihnen selber nicht mehr aufzufallen schien. Sie rauchten ständig Zigaretten, schwafelten von irgendwelchen Parties und unterhielten sich in einem affektierten Gemisch aus Englisch und Deutsch. Kein Satz, ohne ein englisches Einsprengsel, ohne ein whatever oder actually, was mich wahnsinnig machte. Alle versuchten, möglichst abgeklärt und cool zu wirken, als wären sie gestern noch bei Velvet Underground dabei gewesen und hätten ein paar Siebdrucke in der Factory hinterlassen. Dabei stammte die Hälfte dieser Leute aus namenlosen Dörfern in der Uckermark, die man vergessen hatte, an eine asphaltierte Straße anzuschließen.

In meinen Augen passten weder Chris noch Ulrike in diese blasierte Gruppe modischer Wichtigtuer. Allerdings legte besonders Chris einigen Wert darauf zu den anderen zu gehören, die in erster Linie Ulrikes Freunde gewesen sind. Er tat das nicht auf anbiedernde Weise, er tat es auch nicht so wie jene, die ihre angestammten Freunde vergessen, sobald sie interessantere Leute kennenlernen. Er tat es eher nervös und schüchtern, wollte einfach dazugehören.

An der Theke saß er unruhig auf einem schwarzen Hocker und befingerte unablässig seine lockige, schwarze Haartolle, um sie in Form zu bringen. Auch sein übergeschlagenes Bein wippte unablässig. Chris war die ganze Zeit angespannt, als versuchte er, bloß keine Dummheit zu begehen, die ihn in den Augen der anderen bloßstellen würde.

Einige Monate später saßen wir in unserer Küche und sprachen aus irgendeinem Grund über unsere Kindheit. Und von der Kindheit, die für uns ganz verschieden ausgefallen war, er in Hamburg und ich in Thüringen, kamen wir auf unsere Jugend zu sprechen.

„Damals habe ich angefangen, Bass zu spielen“, sagte Chris.

„Ich habe nie ein Instrument gelernt“, erklärte ich.

„Aber du spielst doch jetzt Schlagzeug bei Me, Ship!

„Ich habe das Schlagzeugspielen trotzdem nie richtig gelernt. Ich dilettiere nur total herum.“

„Das ist nicht wichtig. Hauptsache ihr spielt.“

Die Kaffeekanne stand auf dem Tisch und Chris tauchte kurz in unsere Speisekammer ab, um seine Hafermilch herauszuholen. 

Er legte auf eine bestimmte Marke ausgesprochen viel Wert und hatte elaborierte Studien durchgeführt, bis er endlich die perfekte geschmackliche Ausrichtung im immer breiter werdenden Angebot gefunden hatte. Nun war er in der Lage, ganze Abende mit den Vorzügen des von ihm erwählten Haferprodukts zu füllen, sofern sich jemand breitschlagen ließ, ihm zuzuhören.

„Eigentlich habe ich meine Jugend gehasst“, sagte er, als er sich mit der Hafermilchpackung zurück an den Küchentisch setzte.

„Wieso das denn?“, wollte ich wissen.

„Fandest du die Schulzeit und das alles gut?“

Ich schüttelte meinen Kopf.

„Das war totale Scheiße.“

„Siehst du. Mir ging das genauso. Die Idioten in meiner Klasse haben mich in einer Tour malträtiert.“

„Wirklich?“

Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. 

„Das lag daran, dass ich damals total fett gewesen bin.“

„Du?“

Er nickte.

„Ich war sogar saufett und das macht dich natürlich zur Zielscheibe. Die Fetten dürfen sich nicht wehren, die erdulden bloß, denn sie sind für ihr eigenes Unglück verantwortlich. Ich habe mich damals gehasst.“

„Wofür?“, fragte ich konsterniert.

„Dafür, dass ich so fett gewesen bin.“

Dieser Satz traf mich wie ein Schlag. Chris hatte nicht berechtigterweise seine Peiniger für die aufgezwungenen Qualen gehasst, sondern sich selbst zu hassen begonnen. Er hatte die grundlose Verachtung der anderen übernommen, um sich damit auf verquere Weise auf ihre Seite zu schlagen. Mir war klar, dass er das nur getan hatte, um sich zu schützen, gleichzeitig aber jagte mir die Annäherung an die Täter einen Schauer über den Rücken. Am Ende hatte Chris seinen eigenen Körper mit denselben verachtungsvollen Blicken gestraft, den seine Peiniger ihm aufgezwungen hatten. Darin, und nicht etwa in den verletzenden Worten, lag die eigentliche Abscheulichkeit.

Hin und wieder kam er am Frühstückstisch auf das Essen zu sprechen.

„Ist dir klar, wie langweilig das alles eigentlich ist?“

„Was meinst du?“

„Mich ödet das alles an. Jeden Tag die gleiche Frage, was man am Abend kochen soll und immer gibt es nur dieselben Optionen.“

„Du kannst doch kochen, was du willst“, sagte ich. „Es gibt doch tonnenweise Rezepte.“

„Ich rede von unseren Grundnahrungsmitteln“, gab er zurück.

Ich sah ihn verdutzt an.

„Nudeln, Reis, Kartoffeln“, begann er zu erklären, „und das alles in endloser Kombination. Gut, vielleicht noch Bulgur oder so etwas, aber das ist doch total öde. Es gibt einfach keine Variation!“

Mit seiner Band ging es damals nicht richtig voran. Sie hatten einen Plattenvertrag, aber das Label kümmerte sich kaum noch um sie. Die Indierockwelle ebbte gerade ab und deutscher Indierock mit englischen Texten kam einfach nicht gut an. Nur Tocotronic, Kettcar und Blumfeld mischten vorne mit, aber für das alles interessierte ich mich nicht. Ich hörte stattdessen französischen Black-Metal, Brian Enos Ambient-Alben und Four Tet.

Chris war hin- und hergerissen, wie es für ihn weitergehen sollte. Er hatte die Schule vor dem Abitur verlassen und holte seinen Abschluss nun per Fernstudium nach. Danach wollte er vielleicht studieren, sicher aber war er sich nicht. Womöglich nahm die Band ja wieder Fahrt auf, vielleicht brachte man ein neues Album heraus und dann ging alles wieder los. Erfolg, Plattenverkäufe, eine Tour. Man wusste am Ende nie, was passieren würde, was das Leben in seiner ganzen Unergründlichkeit für einen bereit hielt.

Im Sommer legte ich die letzten mündlichen Prüfungen ab, um mich auf meine Magisterarbeit zu konzentrieren. An einem Nachmittag tauchte Chris in meinem Zimmer auf.

„Willst du mit zum Teufelssee?“, fragt er. „Ulli und ich fahren mit den Rädern hin.“

„Klar, ich könnte ein bisschen Ablenkung gebrauchen.“

Ich war noch nie mit dem Rad zum Teufelssee im Grunwald gefahren. Die Strecke zog sich in die Länge, es war heiß und bereits später Nachmittag. 

Als wir den Wald endlich erreichten, fuhren wir nebeneinander auf der Straße. Sobald wir die Geräusche eines Autos in unserem Rücken hörten, lösten wir unsere Formation auf und fuhren als vorbildliche Kette weiter, aber der Verkehr hielt sich in Grenzen. Die meisten Leute waren wie wir auf Rädern unterwegs und fuhren in die entgegengesetzte Richtung. Der Badetag fand für sie bereits ein Ende.

Wir suchten uns einen Fleck auf der Wiese, legten die Fahrräder ins Gras und ich packte meinen Rucksack aus, zog das große Handtuch hervor und eine Wasserflasche.

Als ich mich gerade bis auf meine Badehose ausziehen wollte, fiel mir plötzlich auf, dass mich Ulrike noch nie mit freiem Oberkörper gesehen hatte. Natürlich war sie die Freundin von Chris, aber sie war auch attraktiv und eine Frau und das wurde mir damals am Teufelssee schlagartig bewusst. Schließlich standen wir uns nun in so etwas wie Unterwäsche gegenüber. Zumindest glaubte ich, das wir das tun würden.

Denn Chris und Ulrike hatten keine Badesachen dabei. Sie hatten sie nicht etwa vergessen, sondern ganz einfach nicht eingepackt. Sie wollten nackt ins Wasser, was an sich auch kein Problem darstellte, denn der Wiesenabschnitt hatte sich fast vollständig geleert.

Die beiden taten so, als wäre es das Normalste der Welt, sich vor mir komplett auszuziehen und dann ins Wasser zu springen. Von ihren Blicken las ich damals allerdings auch eine gewisse Verlegenheit ab, als fiele ihnen mit einem Mal auf, dass wir zwar miteinander befreundet waren, unsere Freundschaft aber noch lange nicht bedeutete, man springe nun einfach nackt voreinander herum. 

Ich überspielte die peinliche Situation, indem ich vorgab, mich erst einmal auf die Wiese zu legen und zu sonnen, obwohl ich nichts lieber getan hätte, als ins Wasser zu rennen.

Chris und Ulli zogen sich aus und ich sah wie eine Betschwester des achtzehnten Jahrhunderts ganz zufällig in eine andere Richtung. Dann stürmten die beiden ins Wasser.

Augenblicke später hörte ich ihre erleichterten Schreie und sah in Richtung See.

Einige Meter vom Ufer entfernt schwamm eine Badeinsel auf dem Wasser, auf die sich Chris und Ulli gerade hievten. Doch obwohl sie noch eben auf der Wiese so getan hatten, als würde sie ihre Nacktheit überhaupt nicht interessieren, bedeckte Ulrike nun ihre Brüste mit einem Arm und Chris hielt seinen Sack verschämt zwischen beiden Händen, sobald er von der Insel aus ins Wasser sprang. 

Eigentlich war das alles lächerlich. Wir taten so, als wären wir unendlich befreit, besaßen aber noch die gleichen Komplexe wie unsere Eltern. Ja, vielleicht hätten sich unsere Eltern an diesem See nicht einmal ansatzweise für ihre Nacktheit geschämt.

Bis zur Dämmerung wechselten wir zwischen Wasser und Wiese und zogen uns schließlich wieder an. 

Die Sonne verschwand langsam hinter den Bäumen, der Himmel färbte sich rot und die wenigen Badegäste, die neben uns am Ufer gelegen hatten, packten ihre Sachen allmählich ein.

Ich starrte in den Himmel und spürte mit einem Mal eine heftige Traurigkeit, die mit dem Ende des Sommertags zusammenhing. Es fühlte sich an, als stieße jemand mit voller Wucht gegen meine Brust. Nur ein Abend im Sommer kann derart melancholisch sein, im Frühling, Herbst und Winter ist das alles unmöglich. Wahrscheinlich lag es an der Schönheit der Farben und des Wassers, an der ganzen Vergänglichkeit um uns herum, am Verschwinden der Leute, am Verhallen ihrer Rufe, ihres Gelächters. Jeder Sommertag stellt eine Möglichkeit dar, alles scheint im Sommer greifbar und leicht, nichts steht einem Neuanfang im Wege. Und dann, am Abend, wenn die Sonne und das Licht verschwinden und nur noch ein letzter Schein übrig bleibt, der für Minuten schwerelos auf dem glänzenden Wasser liegt, holt einen das Bedauern über den ungenutzt verstrichenen Tag endlich ein. Doch was hatte man eigentlich vor? Womit hätte man den Tag füllen sollen, damit er nicht nutzlos vergeht?

Ich wusste es nicht.

Plötzlich machte sich eine Bewegung in unserem Rücken bemerkbar und ich drehte mich um. Aus dem Wald tauchte eine Wildschweinfamilie auf. Die Tiere wirkten völlig irreal, ihre Anwesenheit ergab keinen Sinn.

Die Bache lief am Kopf der kleinen Gruppe und hinter ihr folgten vier oder fünf winzige Frischlinge, die sich kaum auf den Beinen halten konnten. 

„Ach du Scheiße“, sagte ich leise, blieb ansonsten aber wie angewurzelt stehen. Mein Herz schlug heftig und ich rechnete jeden Augenblick mit dem blutrünstigen Angriff des wildgewordenen Mutterschweins.

Doch die Wildschweinfamilie kümmerte sich nicht im Ansatz um uns. Die Tiere schienen an Menschen und Badegäste gewöhnt, trippelten hintereinander die Wiese in Richtung Wasser hinab, wobei die kleinen Schweine ziemlich unbeholfen und überstürzt mit ihrer flinken Mutter Schritt zu halten versuchten. Am See angekommen, hielten sie ihre Schnauzen ins Wasser.

„Mein Gott sind die süß“, sagte Ulli.

„Ich wusste gar nicht, dass es im Grunewald Wildschweine gibt“, erwiderte Chris. „Die wirken ja überhaupt nicht gefährlich.“

Die Frischlinge tobten am Wasser herum, liefen das Ufer auf und wieder ab. Wahrscheinlich hatten sie den ganzen Tag auf das Verschwinden der Leute gewartet, um sich endlich abzukühlen.

Auch die Luft fühlte sich jetzt frischer an. Sobald die Sonne verschwand, musste man sich ein Hemd überwerfen.

„Wir sollten langsam wieder zurück“, sagte ich, während die Wildschweine damit begannen, die Hinterlassenschaften der Badegäste unter die Lupe zu nehmen. „Wir brauchen sicher eine Dreiviertelstunde, bis wir wieder in der Stadt sind.“

Chris und Ulrike nickten und wir griffen nach unseren Rädern. Hinter uns wühlten die Wildschweine weiter unbeeindruckt im Gras.