Zwei Tage (1), 27. August

Von weitem sehen die Leute auf der Wiese so aus, als wären sie nur mit Handtüchern bekleidet. Es weht ein schwacher Wind, ein richtiger Nachmittagswind, denke ich, etwas träge, manchmal sogar ziemlich frisch, eine passende Abwechslung zur heißen Sonne, die sich heute wieder blicken lässt. Die Leute tragen natürlich keine Handtücher, aber manche von ihnen, besonders ein paar Frauen und Mädchen, laufen in eng anliegenden, einfarbigen Kleidern herum, die aus der Entfernung tatsächlich so wirken. Ich folge den Spaziergängern, die sich geistesabwesend durch einen schnellen Wechsel aus Licht und Schatten bewegen. Die Wolken öffnen und schließen sich wie ein engmaschiger Zaun, durch den die Sonne fällt und die Menschen treten auf helle und dunkle Bereiche, die das Flussufer in sekundenschnellem Wechsel überspülen. Manche laufen Hunden hinterher oder die Hunde hinter ihnen, was nicht immer leicht zu unterscheiden ist. Hin und wieder bleibt jemand an der Uferböschung stehen, schaut auf das Wasser oder auch zurück in Richtung Stadt, als wüsste er nicht genau, woher er kommt und wohin er gerade geht. Als könnte er nicht sagen, warum er sich ausgerechnet an diesem Abschnitt des Flusses befindet und nicht an einer ganz anderen Stelle. Eine merkwürdige Vergesslichkeit scheint die Leute zu befallen. Vielleicht hängt diese Vergesslichkeit mit dem Fluss zusammen, der sich unablässig auf ein Ziel zubewegt, das von unserem Standpunkt aus nicht mehr ist als ein undeutlicher Gedanke. Die Vorstellung einer Mündung, eines Meeres, eines Himmels darüber. Die Wolken aus Blei, das Wasser aus einem noch dunkleren Material, vielleicht aus Basalt oder aus einem anderen Gestein, für das mir kein Name einfallen will. Ein geronnenes Meer und der Fluss schwappt über die Steine, trägt den hellgrauen Staub und kleinere Kiesel davon, stößt mit gleichmütigem Rhythmus auf die verwitterten Steine, um in kaum wahrzunehmender Langsamkeit Atom für Atom abzutragen. Das steinerne Meer und der Fluss.

* * *

Bevor ich die Brücke erreiche, entdecke ich eine Krähe in der Mitte des asphaltierten Wegs. Sie macht sich über eine braune Papiertüte her, die sich im Näherkommen als eine McDonalds-Tüte herausstellt. Große, dunkle Fettflecken sind an der aufgerissenen Seite zu erkennen und das gelbe Logo leuchtet herausfordernd im Licht. Die Krähe arbeitet konzentriert, als wäre sie mit einer von langer Hand geplanten Ausgrabung beschäftigt und nicht einfach nur mit weggeworfenen Verpackungen. Sie macht sich gründlich über die zurückgelassenen Reste her und bemerkt mein Näherkommen deshalb erst in letzter Sekunde. Ich schlage einen Bogen, laufe in gehörigem Abstand an ihr vorbei, scheine allerdings keinen wesentlichen Eindruck auf sie zu machen, denn der Vogel rührt nicht einmal seine Flügelspitzen. Er dreht nur aufmerksam seinen Kopf, zeigt mir dabei nie den kompletten Schädel, sondern immer das Profil. Wie alle Vögel eigentlich. Alle Vögel starren uns Menschen bloß mit einem Auge an.

Sekundenlang halte ich dem schwarzen Auge stand, das einem Stecknadelkopf ähnelt und mir interessiert, aber nicht im mindesten eingeschüchtert folgt. Das Auge kommt ohne jene manchmal bodenlos wirkende Tiefe aus, die ein menschliches Auge besitzen kann. Besonders braune Augen wirken hin und wieder so, sie verwandeln sich in einen Strudel, der nach unten zieht, nicht in den Menschen hinein, der diese Augen besitzt, sondern eher in uns selbst. Dann fühlt es sich an, als würden die Augen etwas aus unserer eigenen Tiefe nach oben befördern und in den anderen hinein, als fände ein merkwürdiger, fließender Austausch statt, gegen den man sich instinktiv wehrt. Man wehrt sich, aber man verliert. Man bleibt den abgründigen Augen des anderen ausgeliefert.

Das schwarzglänzende Halbrund der Krähe besitzt diese Art von Tiefe nicht, aber es reflektiert die Sonne und erinnert mich dadurch an poliertes und getöntes Glas, das nur auf einer Seite lichtdurchlässig ist. Der Hals der Krähe ist von grauen Federn durchsetzt. Eine alte Krähe, denke ich, während ich weiterlaufe, eine mit Erfahrung. McDonalds-Tüten, tote Hasen und verendete Stadttauben am Ufer. Hochwasser, Trockenheit, achtunddreißig Grad. Alles bereits gesehen. Aus diesem Grund auch besitzt sie unbewegliche, schwarze Augen, die sich durch nichts einschüchtern lassen. Das grau durchsetzte Gefieder wiederum erinnert mich an einen zusätzlichen, vielleicht sogar überflüssigen Nackenpanzer. Ein Kettengeflecht, das sich an mittelalterliche Ritterhelme knüpfen lässt, um gegen Schwerthiebe zu schützen.

* * *

Zwei Augenpaare sind mir in Erinnerung geblieben. Mit Mitte Zwanzig stand ich hinter der Kasse eines Buchladens in Berlin und Seçil stand an meiner Seite. Eines der beiden Augenpaare, an das ich mich hin und wieder erinnere, gehörte ihr. Tiefbraune Augen, in denen sich die Pupille nicht ausmachen ließ, so tiefbraun, das Seçils Blick im passenden Lichteinfall manchmal wirkte, als wäre er schwarz. Vielleicht hängt die Intensität eines solchen Blicks aus sehr braunen Augen mit einer optischen Täuschung zusammen. Da die farblose Pupille mit der tiefbraunen und damit ebenfalls ausgesprochen dunklen Iris zusammenfließt, lassen sich beide Zonen sehr schwer unterscheiden. Die Pupille wirkt vergrößert und vergrößerte Pupillen machen stets den Eindruck, als blickten sie direkt in uns hinein, als besäßen all unsere einstudierten Posen, mit denen wir unsere innerste Wahrheit vor den anderen zu verschleiern versuchen, was uns in den meisten Fällen sogar ausgesprochen gut gelingt, plötzlich keinerlei Gewicht. Als wären sie dünnes Papier, ein ganz und gar hilfloser und unbrauchbarer Schutz.

Dem zweiten Augenpaar bin ich im gleichen Buchladen begegnet. Es muss mein erster Sommer im Geschäft gewesen sein und ich stand wie immer an der Kasse. Im Sommer tauchten viele Touristen bei uns auf, denn der Laden befand sich in einem weitläufigen Einkaufscenter am Potsdamer Platz. Die Touristen besuchten die Neue Nationalgalerie und die etwas versteckte Gemäldegalerie, vielleicht auch das Kupferstichkabinett und die Philharmonie. Sie liefen an der ebenfalls von Hans Scharoun gebauten Staatsbibliothek vorbei, in der ich tagsüber an meiner Abschlussarbeit schrieb, und verliefen sich irgendwann in diesem Center voll identischer Geschäfte. Klamottenläden, so weit das Auge reichte, eine Apotheke, Boutiquen, die Kleinkram und billige Mitbringsel verkauften. Auch unser Buchladen verkaufte solche Dinge, die meine Kollegen, gestandene Buchhändler, die sich über den Wandel des Buchmarkts und die anziehende Digitalisierung, fast täglich beschwerten, als Nonbooks bezeichneten.

Der Nachmittag floss träge dahin. Ich kassierte die Kunden ab, verkaufte Harry Potter und jede Menge Stieg Larsson. Larssons Romantrilogie war damals gerade auf Deutsch erschienen und ein absoluter Bestseller. Ein richtiger Bestseller taucht nicht einfach nur auf einer Liste im Spiegel oder in sonst einer Zeitschrift auf. Einen waschechten Bestseller erkennt man an Leuten, die eine Buchhandlung betreten, direkt zur Kasse laufen, ohne sich auch nur einmal im Geschäft umzusehen, und mit fiebriger Stimme fragen, wo der neue Stieg Larsson liege. Menschen, die nicht stöbern, sondern auf der Jagd nach einem Buch sind.

Lief ich am Abend zur S-Bahn, standen Larssons Romantitel in Leuchtschrift vor meinen Augen. Verblendung, Verdammnis, Vergebung. Das ließ sich wie ein Mantra murmeln. Besonders, wenn man die drei Titel schnell aneinander hängte.

Verblendung.

Verdammnis.

Vergebung.

Verblendungverdammnisvergebung.

Und so weiter.

An jenem Nachmittag war ich hauptsächlich mit meinen Larsson-Verkäufen beschäftigt, als eine Frauengruppe das Geschäft betrat. Schon von weitem sahen sie wie Touristen aus, für die ich im Buchladen schnell ein gewisses Gespür entwickelte. Italiener erkannte ich beispielsweise in einem Augenaufschlag. Merkwürdig übertriebene Brillenmodelle, glänzende Daunenwesten in schreienden Farben und die Männer trugen ausnahmslos braune Lederschuhe. 

Die Frauengruppe machte auf mich einen eher nordeuropäischen Eindruck und stach aufgrund ihrer ziemlich geschmackvollen Kleidung heraus. Deutsche konnte das auf keinen Fall sein, Österreicher noch weniger. Wobei in modischer Hinsicht der deutsche Totalausfall dem österreichischen natürlich in nichts nachstand. 

Ich versuchte den Gesprächen der Frauen eine vertraute Sprache abzulauschen und stellte bald fest, dass es sich um Däninnen handeln musste. Aha, dachte ich, das passt. Blonde Haare, relativ schlanke Figuren und die meisten ausnahmslos attraktiver als deutsche Frauen im gleichen Alter.

Eine kleine Gruppe löste sich von den anderen und steuerte auf die Kasse zu. Innerlich bereitete ich mich auf einen kurzen Wortwechsel vor und brachte meine englischen Universalfloskeln in Stellung.

We most certainly have some books in foreign languages. Are you looking for novels in English?

Die drei Frauen hielten vor der Kasse. Eine von ihnen war ausgesprochen schön. Aber das war es nicht, was mich von der ersten Sekunde an anzog. Ich hatte noch nie eine solche Augenfarbe wie ihre gesehen und habe sie auch später niemals mehr an einem Menschen entdeckt. Die Augen der Frau leuchteten fast violett, ein intensives, merkwürdiges Blau, so strahlend und kraftvoll, dass ich anfangs überhaupt nicht verstand, wonach sie mich fragte.

„Sorry“, antwortete ich und wurde rot.

Sie lächelte, aber eigentlich sah ich nur diese unglaublichen blauen Augen, in die hinein der gesamte mich umgebende Raum zu strömen schien. Der ganze Laden floss in diese Augen wie in ein schwarzes Loch.

„Hast du Reiseführer?“, wiederholte sie ihre Frage.

Sie duzte mich und wählte ihre Worte etwas unsicher, aber ihre Ansprache steigerte meine Verwirrung bloß.

Reiseführer? Hatten wir Reiseführer? 

Ich war mir ziemlich sicher, wusste aber plötzlich nicht mehr, in welcher Ecke des zweigeschossigen Ladens sie sich befanden.

Noch immer verwirrt, zeigte ich nach oben.

„Maps are upstairs“, antwortete ich schließlich in gebrochenem Englisch, obwohl die Frau ja deutsch mit mir gesprochen hatte. „Just take the escalator.“

Die drei Däninnen lächelten. Für den Bruchteil einer Sekunde lag das leuchtende Blau noch auf mir, dann verschwand es hinter zwinkernden Wimpern und die Frau verschwand.

Noch heute frage ich mich manchmal, ob sie Kontaktlinsen trug. Kann ein menschliches Auge überhaupt dieses intensive, erschütternde Blau besitzen, das mich damals völlig aus der Fassung brachte? Ich bilde mir das Ganze schließlich nicht ein. Es hat diese Frau und das Blauviolett ihrer Augen gegeben. Genauso wie es das weiche Braun von Seçils Augen gegeben hat. Kann man sich eine Frau Anfang Fünfzig überhaupt vorstellen, die gefärbte Kontaktlinsen trägt? Ich bin mir sicher, dass alles echt gewesen ist und keine Verstellung, keine leere Eitelkeit. Augen so strahlend, als schwämmen sie in einer Lösung aus Indigo und Aquamarin.

* * *

Für eine Weile folge ich dem Weg am Ufer. Später setze ich mich auf eine Treppe direkt in die Sonne und krempele die Ärmel meines T-Shirts auf. In diesem Sommer war ich häufig draußen unterwegs, meine Unterarme und die Hälfte meiner Oberarme sind gebräunt, in Richtung Schultern allerdings kann man mich auch weiterhin mit einer Garnele verwechseln. Es gibt einen harten Schnitt zwischen gebräunter und weißer Haut und diesen Schnitt versuche ich jetzt unter der Nachmittagssonne abzumildern.

Fahrräder ziehen auf dem Uferweg an mir vorbei. Manchmal surren die Ketten schon von weitem und jede besitzt einen eigenen Klang. Rasselt die Kette laut, muss sich ein altes, ungepflegtes Rad nähern. Ist sie kaum zu hören, wird es ein neues Fahrrad mit Elektroantrieb und hoher Spitzengeschwindigkeit sein. Auch die Leute unseres Viertels haben sich angewöhnt, auf Viertausendeurorädern durch die Gegend zu fahren. Dass sie ihre Räder länger als eine Woche besitzen, kommt mir wie ein Wunder, wie eine kaum zu begreifende Ungeheuerlichkeit vor. Aber vielleicht wird der Markt mit geklauten Elektrorädern derzeit auch überschwemmt und ist dadurch gesättigt. Wer weiß.

Ich ziehe ein Buch aus meinem Rucksack, Wenn der Wind singt von Haruki Murakami, schlage es im ersten Drittel auf und beginne zu lesen. In den Sträuchern, die hinter mir den Hang bewachsen, macht sich nach wenigen Momenten ein lautes Rascheln bemerkbar. Ich lege meinen Zeigefinger zwischen die Seiten, schlage das Buch zu und drehe mich langsam um. Im Dickicht der Büsche sitzt eine Krähe und starrt mich herausfordernd an. Sie tut ganz offensichtlich so, als hätte sie mit den Geräuschen, die mich beim Lesen stören, nichts zu tun, aber ich durchschaue ihren hilflosen Versuch, von der Ursache des Störgeräusches abzulenken. Vielleicht ist es die gleiche Krähe, denke ich kurz, die Krähe vom Weg mit der Papiertüte. Vielleicht ist diese alte Krähe nicht so harmlos, wie ich anfangs dachte. Andererseits ist das natürlich ein ganz idiotischer Gedanke.

Ich lese weiter, greife nach dem Thermosbecher mit Kaffee, den ich von zu Hause mitgenommen habe und schraube den Deckel auf. Selbst im Sonnenlicht sind die kleinen Dampfwolken zu erkennen, die von der heißen schwarzen Flüssigkeit in die Luft aufsteigen. Ich lege den Kunststoffdeckel neben mich auf die Treppenstufe und höre hinter mir, oberhalb der Dammböschung, auf der eine von Platanen bestandene Allee in Richtung Klinikum verläuft, die laute Stimme einer Frau. Zuerst glaube ich, sie würde telefonieren, dann allerdings werden ihre Schreie immer kraftvoller. Sie spricht die Worte eigenartig aus, zieht sie in die Länge, wobei die Lautstärke zum Wortende hin zunimmt. 

waaaaAAASSS?, schreit sie beispielsweise und richtet ihre Frage nicht an jemand Bestimmten, sondern an uns alle. Und nicht einmal an uns alle, die wir auf den Wegen und auf der Uferwiese unterwegs sind, sondern an wirklich alles, an das Schulgebäude, an die Wohntürme, an das kopfsteingepflasterte Monstrum eines Stufenaufgangs mit Geländer, selbst an die Vögel, die erschreckt das Weite suchen. Die Schreie aller Verrückten richten sich unweigerlich an die Welt und gehen selbst über die Welt hinaus. Sie haben die Gesichter und Namen lange hinter sich gelassen und suchen das Grenzenlose. Die ultimative Anklage sozusagen.

Natürlich ist die Frau verrückt oder betrunken und damit wahrscheinlich auch ungefährlich. Vor betrunkenen Männern muss man sich in Acht nehmen, bei Frauen sieht es glücklicherweise anders aus. Von meinem Treppenabsatz kann ich sie zwar nicht erkennen, doch dem Volumen ihrer Stimme nach, schlurft sie gerade direkt über mir durch die Allee.

er hat wwwaaaAAAASSSSS?, brüllt sie. 

er hat wwwaaaAAAASSSSS GESSAAGGGT?

Auf jeden Schrei folgt betretene Stille. Als hätten sich alle untereinander abgesprochen, dem Wahnsinn, der mit allen Mitteln nach einer Reaktion, nach einer Antwort sucht, genau das zu entziehen, wonach es ihm am bittersten verlangt. 

Schließlich werden die Schreie leiser. Die Stimme der Frau ebbt ab, als würde ein Schiff den Neckar hinauf verschwinden und hin und wieder in das Nebelhorn stoßen. Ein entferntes Zeichen, das an etwas erinnert, an ein aus dem Alltag gefallenes Ereignis. Doch die Blase, in der ich mich befinde und die mein Alltag ist, schließt sich bereits wieder. Der Riss im Nachmittag wächst zusammen, als wäre die mich umgebende Masse aus Gelee. Und die Schnitte heilen in Sekundenschnelle.

* * *

Murakamis erster Roman, der 1979 erschien, ist auf schwerem Papier gedruckt. Man muss die widerspenstigen Seiten energisch umschlagen, sie regelrecht falzen, denn ansonsten klappen sie eigensinnig zurück. Über mir rauschen die Blätter namenloser Bäume, hin und wieder macht sich das Rascheln in meinem Rücken bemerkbar, das Rascheln der zwielichtigen Krähe.

Murakami beschreibt einen Hund, mehrere Hunde eigentlich. Eine ganze Meute von Hunden, die sich unbeaufsichtigt in einem kleinen Fischerdorf vermehrt, eine Bande bildet und schließlich begreift, dass die Bewohner des kleinen Küstenstädtchens eine gewisse Angst vor ihnen entwickelt. Das stachelt die Hunde an, sie weichen den Leuten nicht mehr zurückhaltend aus, sondern wittern plötzlich die eigene Überlegenheit. In der Nacht gehen sie auf Beutezug, plündern Mülltonnen, zerreissen Fischernetze, heulen den Vollmond an. Für die wenigen Menschen, die in den Häusern zurückgeblieben sind (die Mehrheit der einstigen Bewohner, besonders aber die jungen Leute, leben längst in größeren Städten), lassen sich die Laute der Hunde von Wolfsstimmen kaum unterscheiden. Die Menschen sitzen in der Dunkelheit und hören dem anschwellenden Geheul wie einem Unwetter zu, das über die Bergkämme zieht, um sich mit unberechenbaren Windstößen anzukündigen. Bald schon machen Gerüchte die Runde, es hätten sich wirklich Wölfe dem hündischen Stadtrudel angeschlossen. Schließlich seien beide Gruppen, Hunde wie Wölfe, miteinander verwandt. Denjenigen, die diese Gerüchte vehement bezweifeln und erklären, es gebe rund um das Fischerdorf ganz einfach überhaupt keine Wolfspopulation und das bereits seit Jahrzehnten nicht mehr, deutet man schweigend in Richtung der bewaldeten Bergkette, die auf der vom Meer abgewandten Dorfseite den Himmel berührt. Von dort oben kommen die Wölfe zu uns, erklärt man, sie seien durch ganz Japan gewandert, mieden die großen Städte und suchten im Ländlichen Zuflucht. Das Geheul der Hunde im Dorf zöge sie an, wahrscheinlich erinnerte es sie an irgendetwas, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Fremde Klänge, die doch irgendwie vertraut erscheinen. Das Geheul der Hunde muss auf die Wölfe wirken, als riefe im Dorf jemand in einem alten, fast vergessenen Dialekt. Eine halbvertraute, aber doch unverständliche Sprache.

Ich lese und blättere um. Hin und wieder greife ich nach dem Thermosbecher und trinke den mittlerweile abgekühlten Kaffee. Es ist kurz nach drei, die Sonne steht bereits nicht mehr ganz so hoch, aber ich merke dennoch, wie sehr ich unter meinem T-Shirt schwitze. Früher dachte ich, die Sonne träfe auf die Haut und damit wäre Schluss, aber die Wärme reicht viel tiefer. Ich kann sie bis in meine Muskeln und Nervenbahnen hinein fühlen und denke an Burroughs, der seine Heroinsucht in Junky ganz ähnlich beschrieb. Erst neulich habe ich K gefragt, warum sich nicht viel mehr Sterbenskranke mit einer Überdosis Heroin das Leben nehmen. Eine maßlose Wärme, die den Körper ergreift, dann die Bewusstlosigkeit und das Aussetzen des Herzens und der Atmung. Aber das bekommt man schon nicht mehr mit. Noch immer stehe ich fassungslos vor dem Kraftakt Herrndorfs, der es geschafft hat, sich selbst in den Kopf zu schießen, während so viele Sterbenskranke einfach eingehen. Man transportiert sie in eine Klinik, teilt ihnen ein Zimmer und ein Bett zu und dann verschwinden sie, ein Verschwinden, das sich über Wochen und Monate erstreckt. Oder manchmal auch ganz plötzlich kommt, von einem auf den anderen Tag. Ließe sich die Qual nicht durch eine Überdosis abkürzen? Weder K noch ich finden darauf eine Antwort und lassen das Thema schnell fallen. Wir suchen wie zwei Fische in einem Teich das Weite, der von einem Steinwurf durcheinander gewirbelt wird. 

Als ich meinen Kaffeebecher wieder abstellen will, wischt eine Eidechse erschreckt über das graue Pflaster und verschwindet in einer Spalte zwischen den Treppenstufen. Eidechsen wirken immer so aufgeregt und nervös, sobald sie davonlaufen, für sie existieren scheinbar nur zwei Zustände: Müßiggang im Licht und eine halsbrecherische, nervöse Flucht. Ein oder zwei Minuten lang warte ich vergeblich auf das erneute Auftauchen des Reptils und denke darüber nach, wie falsch wir seinen Namen verwenden. Ganz offensichtlich handelt es sich hier um eine Echse und damit müsste man sie eigentliche Eid-Echse nennen und nicht Ei-dechse. Schließlich gibt es keine Dechsen. Und mit Eiern hat das kleine Tier am Ende sicher genauso wenig zu tun. Jedenfalls taucht die Echse nicht mehr auf, sondern bleibt in ihrem Versteck, beobachtet mich womöglich sogar aus der Dunkelheit. Ein Riese, der auf ein Buch starrt, das auf seinen Knien liegt. Hände so groß wie sechs oder sieben eng aneinander geschmiegte Echsen, die sich vor Schreck nicht rühren und nur darauf warten, ihre Schwänze abzuwerfen.

Ich schließe meine Augen, will mich ganz in der Nachmittagshitze verlieren. Mir tritt Schweiß auf die Stirn, meine Brust unter dem T-Shirt ist klatschnass. Doch ich habe mich für diesen Platz in der prallen Sonne entschieden und will nicht in den Schatten hinüberwechseln. Auch wenn mich das grelle Licht, das von den hellen Buchseiten reflektiert, in der Zwischenzeit ziemlich stört und meine Augen müde macht. 

Währenddessen gleiten Vögel an mir hinab in Richtung Uferwiese. Es sieht so aus, als ließen sie sich von den Bäumen oben auf dem Damm im Sturzflug fallen, um dann so dicht wie möglich an mir vorbei in Richtung Wiese zu segeln. Nach einigen Minuten kommt es mir sogar so vor, als tauchten die Vögel immer dichter neben mir auf, als legten sie es regelrecht auf eine Kollision mit mir an. Natürlich habe ich die Krähe in Verdacht, die hinter allem steckt. Ich versuche mich gerade in Richtung des Gebüsches umzudrehen, in dem ich sie vor einer halben Stunde entdeckt habe, als ein junger Typ meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Er läuft auf dem Uferweg entlang und lässt mich nicht aus den Augen.

„Sorry bro!“, ruft er.

Ich sehe ihn an.

Er trägt eine schwarze Jogginghose und ein schwarzes T-Shirt. Außerdem hat er einen viel zu kleinen Rucksack auf dem Rücken, die es früher einmal bei Decathlon zu kaufen gab. Sein sorry, bro klingt etwas osteuropäisch.

Vor der ersten Treppenstufe hält er an.

„Do you have any idea, where I can buy some good cannabis?“

Ich mache eine nachdenkliches, hilfsbereites Gesicht, als könnte mir tatsächlich eine Antwort auf seine Frage einfallen. Dann bringe ich eine Art Pfeifgeräusch hervor, das meine Ratlosigkeit ausdrücken soll und sage, I have no idea.

Der Typ wirkt mit einem Mal erschrocken, als sei er sich plötzlich nicht mehr sicher, ob er einen verdeckten Ermittler oder so was vor sich habe und winkt mir hektisch zu, während er das Weite sucht.

„Sorry!“, ruft er und dreht sich noch einmal zu mir um. „Have a good day!“

Ich verfolge sein Verschwinden und greife dann erneut nach meinem Thermosbecher. Aus dem Augenwinkel nehme ich eine Bewegung wahr, ein schnelles, überrumpeltes Zucken. Das nervöse Davonhuschen der Eidechse, die wie der Typ mit dem Rucksack aufgeregt das Weite sucht. 

Sonntag, 22. August

Draußen läuten die Glocken einer Kirche, die sehr weit weg erscheint, einer Kirche, die möglicherweise kein Teil unseres Viertels ist, nicht einmal ein Teil der Stadt, sondern nur eine vage Vorstellung, die man sich automatisch zum Läuten dazudenken muss, damit alles seine Richtigkeit behält. Das Läuten verstummt irgendwann. Für ein oder zwei Sekunden bleibt ein zitterndes Echo wie die Haut auf einer Schale voll Milch zurück und dieses zitternde Echo verliert sich kurze Zeit später, es zittert davon, flacht ab, fließt stufenlos in den Hintergrund. Die Dinge verschwinden immer in den Hintergrund, sie flüchten niemals nach vorn. Sie streben von uns weg in ein maßloses Zurück, das mittlerweile derart vollgestellt sein muss mit allen möglichen verlorenen Dingen, mit all den vergessenen Bildern, Büchern, Gedanken und Gesprächen, all den verstreuten Gefühlen, Träumen, Absichten, Ankündigungen, Vorsätzen, Erklärungen und Bezichtigungen, den Vorwürfen, Beteuerungen und Klagen, dass es überhaupt keinen Platz mehr geben müsste für das ununterbrochen Hinzukommende. Wie das Läuten der Glocken an diesem Morgen zum Beispiel, für das man dennoch ohne größere Probleme einen Platz in der gigantischen Einrichtung findet. Denn der riesige Hintergrund vergrößert sich ständig, als wäre er ein unendliches Depot. Während sich eine Zelle in diesem labyrinthischen Gebäude füllt, arbeitet man wenige Gänge weiter bereits an neuen Abstellkammern, um das, was unaufhaltsam im Hintergrund verschwindet, aufzufangen. 

Ich laufe ein bisschen im Schlafzimmer herum. Eigentlich braucht es keine Kirche, denke ich dann. Das Läuten allein reichte bereits aus, es brauchte kein Gehäuse. Vielleicht bildet sich erst um das Läuten herum eine Kirche, vielleicht schafft die Glocke das Haus und nicht umgekehrt. Wer kann das schon sagen.

Als ich an das Schlafzimmerfenster trete, um in den Hinterhof zu sehen, haucht eine Motte ihre letzten Züge auf dem Fensterbrett aus. Sie dreht sich ein paar Mal im Kreis, schlägt erschreckt mit den Flügeln, versucht sich wahrscheinlich aufzuraffen zu einem letzten, erschöpften Flug und kann nicht begreifen, weshalb das nicht mehr gelingt. Nach einigen Sekunden gibt sie schließlich auf und bleibt regungslos liegen. Ein Mottenkörper atmet nicht sichtbar, ich kann also nicht erkennen, ob die Motte bereits gestorben ist oder ob sie Kraft sammelt, um sich wieder zu erheben. Erschöpft eine Motte nach einer unruhig verbrachten Nacht? Ist sie am Morgen erschlagen und müde? Diese Insekten sind nachtaktiv, sage ich mir, wer weiß was sie in unseren Zimmern treiben, während wir schlafen. Vielleicht wäre ich nach einer solchen Mottennacht am nächsten Morgen genauso erledigt und würde nicht mehr auf die Beine kommen.

Die Motte auf dem Fensterbrett erinnert mich an das Foto einer anderen Motte in W.G. Sebalds Ringen des Saturn. Dort sitzt das Insekt auf der Hand eines Mannes, die auf einem Tisch liegt oder vor eine helle Wand gehalten wird. Jedenfalls bleibt der Raum oder das Zimmer, in dem sich die Motte und die Hand befinden, eher undeutlich. Am Handgelenk des Mannes befindet sich eine Uhr. Das Armband ist aus dunklem Leder, die Uhr selbst wirkt ziemlich altmodisch. Das ist die Uhr eines Mannes über Fünfzig, dachte ich damals beim ersten Lesen des Romans. Der Nachtfalter selbst ist auffallend groß und wenn ich mich richtig erinnere, leitet Sebald über diesen Falter, der sicher eine Motte ist, zum Schmetterling über, den die Antike mit der Seele eines Menschen in Zusammenhang brachte. Während meines Studiums habe ich über ein Gemälde Dosso Dossis geschrieben, in dem Jupiter als Maler in Erscheinung tritt. Er sitzt ganz in seine Tätigkeit versunken vor einer Leinwand und malt Schmetterlinge auf die scheinbar plane Fläche, die allerdings in ihrer Farbgebung auffallend dem Himmel im Hintergrund gleicht. Jupiter malt also nicht einfach nur mit verzücktem Gesichtsausdruck einige Schmetterlinge, die für alle Ewigkeit dazu verdammt sind, Kunst und Malerei zu bleiben, sondern er erzeugt das Leben selbst, er malt, was Wirklichkeit werden wird, den leibhaftigen, lebendigen Schmetterling. Wobei der Schmetterling wiederum auch mit dem Tod in Verbindung steht, dem er als davonflatternde Seele eines Menschen entkommt, während dessen Körper zurückbleiben muss und sich in Erde, Asche und Staub verwandelt.

Kurz bevor ich gestern Abend einschlafe, weckt mich das Summen einer Mücke, die ganz in meiner Nähe nach einer Angriffsfläche sucht und ich frage mich, wie hoch die Wahrscheinlichkeit eines gewaltsamen Todes für eine Mücke im Allgemeinen wohl ist. Für eine Mücke kommt ein natürlicher Tod, ein Tod aus Erschöpfung oder Altersschwäche, ja eigentlich kaum in Frage. Menschen schlagen nach Mücken, die meisten Tiere schlagen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln nach Mücken, Vögel und Fledermäuse machen Jagd auf sie. Sicher sind gut fünfundzwanzig Prozent aller Mückentodesfälle auf das Zusammenschlagen zweier Hände zurückzuführen. Ich frage mich, ob irgendjemand solche statistischen Auffälligkeiten sammelt und für die Nachwelt bewahrt. Dass eine Mückenexistenz mit hoher Wahrscheinlichkeit zwischen zwei Handflächen endet, dass die Bandbreite aller vorstellbaren Mückentode somit eher eingeschränkt ist, scheint mir jedenfalls bemerkenswert, obwohl ich nicht genau weiß, was sich mit diesem Fakt weiter anstellen lässt.

Anfang der Woche fuhr ich mit meinen Rad über die Brücke in Richtung Arbeit. Unter mir glitzerte der Fluss im Licht, ein träger, scheinbar unbeweglicher Fluss, der schwerfällig die Stadt in zwei Teile trennt. Und mitten in diesem Fluss schwamm ein nackter, sicher noch junger Mann. Vielleicht war er sogar in meinem Alter, aber das war aus der Entfernung und bei voller Fahrt schlecht zu erkennen. Ich habe im Fluss noch nie einen Menschen schwimmen gesehen. Das Wasser ist nicht auffallend verschmutzt, aber es ist auch nicht glasklar und rein, nicht wie in Basel beispielsweise, wo die Leute oberflächlich nur wenig davon abhält, direkt aus dem Rhein zu trinken. An unserem Fluss gibt es überall Industrie, große Dieselschiffe fahren im Halbstundentakt auf und ab und die Leute werfen ihren Dreck überall hin. Steht man lange genug am Ufer, taucht irgendwann stets eine einsame Plastiktüte auf und dreht schöne, manchmal auch sehr melancholische Pirouetten.

Der Mann schwamm ganz offensichtlich von einer Flussseite zur anderen und zog damit alle Blicke oberhalb der Brücke auf sich. Natürlich ist das Schwimmen im Fluss nicht ausdrücklich verboten, es gibt, zumindest so weit ich das weiß, keine Verbotsschilder, die darauf hinweisen würden, aber es existiert doch ein unausgesprochenes Gesetz, das vom Schwimmen abrät. Vielleicht macht er Frühsport, dachte ich im Vorbeifahren. Dann fragte ich mich, wo er seine Klamotten gelassen hatte. Am zurückliegenden Ufer? Würde er also, sobald er am anderen Ufer zwischen den Schwänen und Wildgänsen angelangt war, einfach kehrt machen, um zurück zu schwimmen, als brächte er zwei Bahnen im Schwimmbad hinter sich? Um die Blicke der Leute am Ufer, dort wo die Gehwege direkt am Wasser verlaufen, schien er sich nicht zu kümmern. Aber sein Gesicht, das sah ich von oben, wirkte auch nicht entspannt. Es wirkte nicht wie das Gesicht eines Menschen, den die Blicke der anderen kalt lassen, der sie nicht einmal wahrnimmt, ein Mensch, der vollständig für sich existieren kann und der für das Urteil der anderen nur ein müdes Lächeln besitzt. Der Mann wirkte eher, als versuchte er die Blicke der anderen zu ignorieren, als versuchte er, sie nicht zuzulassen. Er warf die Arme nach vorn, strampelte mit den Beinen, prustete das schmutzige Wasser aus. Seine Haare glänzten schwarz und klatschnass und er querte einen Fluss, den wahrscheinlich seit Jahrzehnten niemand mehr freiwillig durchquert hatte. Doch aus irgendeinem Grund kam es mir so vor, als würde er nicht von sich aus dort unten schwimmen, als würde er nicht schwimmen, um sich Bewegung zu verschaffen oder ein wenig Abkühlung, sondern als sei er aus Trotz in das Wasser gestiegen, in das niemand sonst steigt. Ganz als versuchte er zu sagen, ihr traut es euch nicht, ich aber traue es mir, ich denke nicht einmal darüber nach. Ich steige nur in meiner Unterhose in dieses schmutzige Wasser und schwimme hinüber. Und ich mache das nicht an einem abgelegenen Flussabschnitt, sondern direkt hier unter der Brücke, dort wo die Innenstadt auf ihre Satelliten trifft.

Das Ganze glich einer absurden und deshalb vielleicht sehr verständlichen Unternehmung. Doch was mich weiter den Mann im Blick behalten ließ, so lang, bis es nicht mehr ging und ich das Ende der Brücke auf meinem Fahrrad erreichte, war die Unsicherheit auf seinem Gesicht. Man sah ihm an, dass er das Auffällige seiner Situation zur Normalität erklären wollte, als sei überhaupt nichts dabei, durch diesen Fluss zu schwimmen, als wäre das eine ganz alltägliche Geschichte, und dass ihm dieser Versuch nicht vollständig gelang. Er schwamm, aber er schwamm nicht triumphierend und gleichgültig ans andere Ufer. Er schwamm nervös, wie einer, der sich verlaufen hat. Wie jemand, der in der Mitte eines Flusses plötzlich nicht mehr zwischen Mut und Dummheit unterscheiden kann und der zu stolz ist, seinen Beobachtern den eigenen Zweifel einzugestehen. Ihre Genugtuung lässt er nicht zu, er will sie nicht gewinnen lassen und deshalb beißt er die Zähne zusammen und hält schwankend an seiner Flussdurchquerung fest, um allen etwas zu beweisen, das er selbst nicht ganz begreift, das er vielleicht sogar schon unter all der Anstrengung vergessen hat. Denn der Fluss ist breit und die Strömung nicht zu unterschätzen und sobald man auch nur für einen Augenblick das Tempo verlangsamt, trägt einen das Wasser für vier oder fünf Meter davon und aus fünf Metern kann schnell das Doppelte werden. Außerdem ist das Wasser kalt, selbst jetzt im Sommer. Zumindest die Kälte aber scheint ihn nicht zu stören. Er wirft sich weiter mit seinen unsicheren Zügen gegen das Wasser und hat das andere Ufer fast erreicht. Noch eine Minute, sage ich mir auf meinem Rad und verliere ihn schließlich vollends aus den Augen, noch eine Minute und der erste Abschnitt liegt hinter ihm. Dann muss er nur noch zurück. Und er trägt die Gewissheit im Gepäck, bereits einmal geschafft zu haben, was er ein weiteres Mal beginnt. Als hätte sich das Blatt plötzlich und unverhofft zu seinen Gunsten gewendet.

Gärten in der Wildnis (2), 13. August

Wir kehren am späten Nachmittag von den Eltern zurück. Auf dem alten Messplatz laufen nackte Kinder durch die Wasserfontänen, die im Vorbeigehen wie durchsichtige Glasstäbe wirken. Das Licht verfängt sich in den Stäben, vibriert intensiv und verlöscht in der nächsten Sekunde. Hätte ich zufällig in eine andere Richtung geblickt, beispielsweise zum Restaurant auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes, wäre mir das fieberhafte Leuchten nicht aufgefallen. Es hätte weder das Licht noch die beweglichen Glassäulen gegeben, die hin und wieder in sich zusammenfallen.

Über dem Messplatz liegt die Hitze und die meisten Bänke sind besetzt. Einige Leute dösen, andere trinken Bier, die Stimmung wirkt gedämpft und alles fühlt sich nach einem trägen Sonntag an, einem dieser schwerfälligen, stumpfen Sonntage, die einfach nicht vergehen wollen. Man wünscht sich den Anfang der nächsten Woche zwar nicht herbei, aber der Sonntag ist dennoch schwer zu ertragen. Die Zeit scheint aus dem Tritt zu kommen, sie stolpert ungeschickt und die eigenen Bewegungen fühlen sich plötzlich an, als arbeitete man sich durch tiefen Sand oder durch die Brandung eines Ozeans hindurch. Auch die Leute auf den Straßen laufen orientierungsloser herum, als hätte plötzlich niemand mehr ein Ziel und sei nur unterwegs, um jene unendliche, auf allem lastende Trägheit abzuschütteln. Diese Sonntagsstimmung hüllt auch jetzt den Messplatz ein, obwohl wir an einem Dienstag zurückkehren und das Wochenende halbvergessen hinter uns liegt. Doch ich sehe die Trägheit, sie verfängt sich in den jungen Bäumen, spült unsichtbar über den Platz, heftet sich an die spielenden Kinder und fächelt den biertrinkenden Alten wie ein heißer Windstoß ums Gesicht. 

K schwingt sich mit dem vollgepackten Trekkingrucksack auf ihr Longboard und rollt davon. Ich will ihr nachrufen, dass sie aufpassen soll, denn überall liegen lose, kantige Steine herum, mit denen man vor einigen Woche die Bereiche zwischen den neu gepflanzten Bäumen geschottert hat. Nach und nach haben wir, und damit meine ich die Bewohner dieses Viertels, die Steine bis zur ebenmäßig gepflasterten Platzmitte getragen und jetzt besteht für jeden, der sich auf einem Longboard bewegt, erhöhte Unfallgefahr. Doch ich halte mich zurück, lasse K ziehen und rufe ihr nicht nach. Stattdessen betrachte ich ihr Davonrollen nervös. Würde sie plötzlich an einem der verstreuten Kiesel hängen bleiben und stürzen, stünde ich da wie gelähmt und wäre zu keiner Regung fähig. Allein die Vorstellung ihres Sturzes löst Übelkeit in mir aus, aber davon erwähne ich später, als wir bereits zu Hause sind und unsere Rucksäcke abgelegt haben, nichts. Schließlich hat sie Spaß und fährt gern auf ihrem rollenden Brett durch die Gegend. Was nützte also meine Angst? Meine Angst würde sie nur verunsichern und das möchte ich auf keinen Fall. Selbst die vorsorgliche Angst macht etwas kaputt, zerstört das unsichere, schwankende Glück.

Unser Briefkasten quillt über, obwohl wir nur fünf Tage unterwegs waren. Ich greife nach einer Büchersendung, die der Postbote trotz heftigem Widerstand in den Kasten gestopft hat und ziehe den verkeilten Umschlag, in dem sich eine Sammlung Kurzgeschichten von Andrey Platonov befindet, unter leisem Fluchen aus dem Schlitz. Auch zwei Paketbenachrichtigungen fische ich heraus. Eines der Pakete muss die Autorenexemplare meines Romans enthalten, denke ich. Glücklicherweise wurde es in eine nahe gelegene Packstation gebracht und nicht auf die Post selbst, denn dort steht man sich die Beine in den Bauch.

„Und?“, fragt K.

„Ich glaube, die Bücher sind angekommen“, sage ich.

„Das ist doch klasse!“

„Am besten hole ich das Paket gleich ab.“

„Mach das.“

Wir gehen nach oben und ich schließe unsere Wohnung auf, lege meinen Rucksack im Flur ab und mache mich wieder auf den Weg. Die Benachrichtigungskarte halte ich in meiner Hand, während ich über den Parkplatz des Supermarkts laufe, an dessen Ende sich die Packstation befindet. Ich horche aufmerksam in mich hinein, fast wie ein Arzt oder Seismologe, der nach zarten Erschütterung Ausschau hält. Aber ich höre nichts. Weder bin ich aufgeregt noch gespannt. Ich sollte es nicht erwarten können, endlich das Buch in meinen Händen zu halten, den fertigen, abgeschlossenen Roman, meinen ersten Roman, den ein Verlag herausgebracht hat, aber in mir bleibt alles vollkommen still. An der Stille, die in mir herrscht, kann ich die Bedeutung der Ereignisse bemessen. Zumindest versuche ich mir das an diesem Nachmittag einzureden. In den für meine Umgebung bedeutsamsten Momenten, jenen Momenten, denen andere mit großen Augen entgegensehen, bleibt in mir alles ruhig und ich fühle nichts als eine alles Maß sprengende Enttäuschung.

Ich versuche zu lachen und diesen idiotischen Gedanken abzuschütteln, bekomme aber nicht einmal ein Lächeln zustande. Ich laufe über einen Parkplatz, ich beobachte Menschen, die mit vollgepackten Einkaufskörben ihre Autos ansteuern, ich bewege mich auf ein Paket zu, in dem sich mein erster Roman befindet und in mir sieht es aus, als hätte man mich rechtmäßig zu zehn Jahren Straflager verurteilt. 

An der Packstation scanne ich den Strichcode auf der Karte und höre ein metallisches Klicken. Direkt über mir hat sich ein Fach geöffnet und aus diesem Fach ziehe ein ein ziemlich schweres Paket, dessen Gewicht mich anfangs irritiert. Wie viele Exemplare hat der Verlag eigentlich geschickt? Es fühlt sich an, als wären es zwanzig.

K empfängt mich mit großen Augen in unserer Wohnung.

„Das ist ja ein Riesenpaket!“, ruft sie begeistert.

Ich laufe in die Küche, hole eine Schere aus der Schublade und zerschneide das braune Klebeband. Dann ziehe ich einen dicken und in Luftpolsterfolie gehüllten Stapel aus dem Karton, reiße die Folie auf und halte das Buch in meinen Händen. Das ist es, denke ich, hier ist dein erster Roman. Dieser Augenblick sollte dein Triumph sein, sich zumindest nach einem Erfolg anfühlen. Und wenn nicht nach einem Erfolg, dann doch nach einer gewissen Erleichterung. Als hättest du einen langen Weg hinter dich gebracht und würdest jetzt endlich das Ziel deiner Wanderung erreichen. Doch aus irgendeinem Grund zieht nicht das Buch in meinen Händen die Aufmerksamkeit auf sich, sondern der Raum, in dem ich mich in diesem Augenblick befinde. Ich stehe in unserem Flur, der vollgestopft ist mit leeren Kartons, die ich längst in den Müll hätte bringen müssen, Schuhpaare liegen verstreut herum, ein wenig Dreck auf den weißen Fließen. Unser Flur ist eng, dunkel und unordentlich und ich stehe inmitten dieser chaotischen Landschaft und halte meinen Roman ins Licht, um seinen Titel besser lesen zu können. Gärten in der Wildnis. Ein Titel, der mir vor drei Jahren eingefallen ist, einfach so. Ich kann nicht mehr sagen, wo ich mich damals befand und was ich gerade machte, aber plötzlich war dieser Titel da. Ein Garten mitten in der Wildnis, mitten in dieser unbeschreiblichen Unordnung, die uns überall umgibt und der wir letztlich nie entkommen. Und mit einem Mal fällt mir auf, dass sich der Titel des Buches auch sehr religiös interpretieren lässt, als ein Paradies nämlich, eingehegt und geschützt vor der unberechenbaren Außenwelt. Ein Paradies wiederum, das kein Gott erschaffen kann, denn dafür reicht selbst die göttliche Kraft nicht ganz aus. Zumindest nicht nach meinem Verständnis, was natürlich nichts heißen soll.

„Kannst du vielleicht mal ein bisschen glücklicher aussehen?“, sagt K und starrt mich an. 

„Ich bin doch glücklich“, antworte ich.

„Dein glücklich sieht deinem deprimiert aber ziemlich ähnlich.“

Sie lächelt. Ich versuche es ebenfalls mit einem Lächeln und ringe mir einen gequälten Ausdruck ab, der mich wahnsinnig macht. Es reicht!

Ich stehe auf, laufe mit dem Buch in meiner Hand ins Schlafzimmer und trete ans Fenster. Ich drehe meinen Roman auf den Rücken und lese die kurze Passage, die Jana bei der Gestaltung des Covers an dieser Stelle platziert hat. 

Das Pflaster unter meinen Füßen fühlte sich an wie Glas und die Straße wirkte wie ein kaum beschriebenes Blatt, auf dem ein Unbekannter wenige kryptische Zeilen hinterlassen hatte. Alles, sagte ich mir, ließ sich ohne größere Schwierigkeiten überwinden. Die Worte konnten umgestellt und zu neuen Sätzen arrangiert werden, aus dem Profanen konnte etwas Wahrhaftiges entstehen. Ich fühlte, dass wir nicht mehr unendlich jung waren, aber immer noch jung genug, um weiterzumachen und an das Große zu glauben, an das perfekt beschriebene Blatt sozusagen, das sich den Zufällen der Geschichte entzog.

Noch immer mag ich diese Passage, denn sie hält ein Gefühl fest, das mich manchmal willkürlich überfällt. Ein Gefühl des Aufbruchs, dem ein leiser Zweifel unterliegt, ein schwankender Aufbruch sozusagen. Ich mag vor allem den letzten Abschnitt, der vom Gefühl spricht, nicht mehr vollständig jung zu sein und damit vom Verständnis für das Jungsein selbst, für diese kurze Phase mit Anfang und Mitte zwanzig, in der man nicht im Ansatz ahnt, was das Jungsein eigentlich bedeutet, in der man das alles noch nicht ansatzweise realisiert. Das, was an Möglichkeit in diesen kurzen Jahren steckt, diese riesige, wahrscheinlich uferlose Chance, die keine Grenzen kennen muss und nur den eigenen, blinden Wünsche unterstellt bleibt. Erst im Nachgang habe ich begriffen, was es heißt, zwanzig zu sein, was in dieser Zahl und in diesem Abschnitt schläft, träumt, sich sehnt, flüchten will. Doch für all diese Träume braucht es in gewisser Weise auch eine Kraft, die nur die wenigsten in diesem Alter besitzen. Manchmal fallen Sturheit und Selbstüberschätzung zusammen und daraus entsteht eine Form von Kraft, die Widerstände ignoriert, sich unüberlegt auf ein Ziel zubewegt und auf diesen Impuls kommt es letztlich an. Auf ein unüberlegtes Losgehen, dem alle Gründe fehlen, ein Gehen, das durch und durch unvernünftig ist. Ein Aufbruch aus Trotz und Übermut und Sturheit, der sich an eine Ahnung klammert, an ein unbestimmtes Gefühl, eine nicht in Worte zu fassende Sehnsucht. In diesem Moment verwandelt sich das Pflaster unter unseren Füßen in Glas, der Boden wird durchsichtig, wir sind allein und wissen davon, doch was für eine Freiheit liegt in diesen ersten Schritten, die Freiheit ist unglaublich, sie fängt alles ein, umschließt uns wie eine warme Jacke, wir laufen, aber wir wissen nicht in welche Richtung wir gehen und welches Ziel wir im Auge haben, wir laufen einfach gedankenlos und lassen uns von der Unruhe leiten, die mit zwanzig immer in uns ist, die nicht zur zweiten, sondern zur ersten Haut wird und in der sich das Leben versteckt, das bissig gegen die Wände schlägt, sich wie ein gefangenes Tier von einer Seite des Käfigs auf die andere wirft, immer in der Hoffnung, das Gitter zu durchstoßen und damit hinauszugelangen in das ungehinderte, maßlose Leben.

* * *

Ich stehe am Ende der Uferwiese und betrachte den Fluss. Hinter mir befindet sich eine Schleuse, die Neckar und Rhein über den Industriehafen verbindet und während der letzten Wochen aufgrund des Hochwassers außer Betrieb gewesen ist. Ich ziehe mein T-Shirt aus und setze mich in die pralle Sonne, direkt auf die abfallende Böschung des Damms. Bis zur Schleuse zieht es nur wenige Spaziergänger und jetzt ist weit und breit niemand zu erkennen, vor dem ich mich mit meinem nackten Oberkörper schämen müsste. 

Die Sonne brennt auf meiner Haut. Ich höre ein dumpfes Stampfen und entdecke im Hintergrund ein sich langsam den Neckar hinaufarbeitendes Schiff. Das Lastschiff kommt näher, das Stampfen des Dieselmotors wird immer lauter und ich sitze in der Mittagshitze und lasse das Schiff nicht aus den Augen. Als es an mir vorbeifährt, lese ich den ziemlich unpoetischen Namen Wolfgang Hegele, der in schwarzen Großbuchstaben am Bug angebracht ist und bemerke, wie tief das Schiff aufgrund seiner Ladung im Wasser liegt. Die vom Bug geteilten Wellen laufen weich in Richtung Heck. Es fehlten nur wenige Zentimeter, nicht mehr als eine Hand, denke ich, und das Wasser würde über die Reling in die Ladefläche schwappen. Doch den Kapitän scheint das nicht zu interessieren, er weiß über das Gewicht der Ladung und die Tieflage seines Schiffs Bescheid. Uns trennen nicht mehr als zwanzig Meter und ich sehe ihn hinter dem Steuerrad stehen, auch er ist mit nacktem Oberkörper unterwegs und schaut kurz zu mir herüber. Für eine Sekunde überlege ich, ob ich ihm winken soll, lasse das dann aber bleiben. Sicher würde er mich für einen Idioten halten. Das Lastschiff stampft währenddessen weiter den Neckar hinauf.

Und dann kommen die Wellen. Sie rollen heran, laufen klatschend über die gepflasterte Böschung, wischen den Staub von den Steinen und färben sie dunkel. Überall gluckst es, die Wellen brechen, schlagen übereinander, fallen sich gegenseitig an, doch das geschieht in einem genau bestimmten Rhythmus, einer spürbaren Regelmäßigkeit. Das Schlagen des Wassers schwillt an, ich will instinktiv meine ausgestreckten Beine zurückziehen, lasse das dann aber bleiben und schon werden die Geräusche leiser, der künstliche Wellengang ebbt ab und der Fluss hat sich wieder beruhigt.

Am anderen Ufer ragen Industriegebäude in den blassen Hintergrund. Weitläufige Lagerhallen, verfallene Ruinen, ein Schrottplatz, auf dem Hügel aus Schutt und Metall wie etwas Kostbares in der Sonne glitzern. Ein grüner Kran, auf dem Heidelberger Sand und Kies in weißen Buchstaben steht, was ich selbst aus der Entfernung problemlos lesen kann. Ich weiß, dass mich immer nur die unberührten, fremden Ufer interessierten. Ufer ohne Flüsse, Landschaften, die sich vor mir verschließen und in denen das Leben, weil es unerreichbar ist, ein ganz anderes werden müsste, ein besseres, authentischeres, intensiveres Leben. Dorthin bin ich unterwegs und es gibt zahllose Vehikel, die sich stets entziehenden, anderen Ufer zu erreichen. Mein Buch, dieser Roman, der jetzt in Luftpolsterfolie in unserer Wohnung liegt, ist auch ein solches Schiff, mit dem ich über den Fluss zu setzen versuche. Nur darum geht es am Ende – wie kommst du über den Fluss? Wie kommst du über den Tag, die Woche, das Jahr? Wie erreichst du diese Landschaft, in der du zur Ruhe zu kommen glaubst, in der alles in Ordnung ist, in der du eins bist mit dem, was du irgendwann erträumt hast, eine Vorstellung vom Leben, genau genommen nicht einmal eine fest umrissene Vorstellung vom Leben, wie es sein und sich anfühlen soll, sondern nichts anderes als eine kaum umrissene Ahnung, die nicht konkreter werden kann, weil sie ortlos ist und ohne Worte auskommen muss.

Dienstag, 10. August

Die Morgensonne liegt auf dem Garten, als ich die große Schiebetür nach rechts bewege, ich sehe ein langgestrecktes Dreieck aus Licht, das auf dem frisch geschnittenen Grün liegt, wobei der Gärtner wohl etwas nachlässig war, denn zwei breite, ungemähte Streifen, die eigenartigerweise ebenfalls wie langgezogene Dreiecke wirken, befinden sich mitten auf dem Rasen und stören das Bild. Zwei struppige Flecken, die der Rasenmäher verschonte, auch wenn ich nicht genau erkennen kann weshalb. Die beiden wilden Bereiche machen auf mich nicht den Eindruck, als wären sie einzigartig, es wachsen keine seltenen Pflanzen an dieser Stelle, keine Wildgräser oder Blumen, die vielleicht für Bienen oder andere nützliche und vom Aussterben bedrohte Insekten interessant wären und so wirken diese zwei erhöhten grünen Dreiecke auf der Wiese ganz einfach, als hätte man sie zufällig übersehen. Andererseits, denke ich dann, erschließt sich mir das Kalkül des Gärtners vielleicht nicht. Womöglich steckt hinter den ungemähten Bereichen ein genauer Plan, eine Form von Rasenbewirtschaftung, die ich nicht verstehe.

Ich nehme einen weißen Liegestuhl aus Plastik in Beschlag, auf dem normalerweise Ks Mutter sitzt. Ich habe mein T-Shirt ausgezogen, um auch den flüchtigsten Strahl der immer wieder hinter breiten grauen Wolkenbändern verschwindenden Sonne aufzufangen. Wolken, die an diesem Morgen wie weiches Flechtwerk wirken und mich an Hefezöpfe erinnern, kurz bevor man sie in den Ofen schiebt. Seit drei Tagen passen K und ich auf die Wohnung ihrer Eltern auf, die nach Wien gefahren sind, um Verwandte zu besuchen, und jeden Morgen nach dem Aufstehen schiebe ich die hohe Tür, die das Wohnzimmer mit dem Garten verbindet, beiseite und trete mit nackten Füßen auf die grauen Steinplatten hinaus. Ich fühle die kühle, raue Oberfläche unter meinen Füßen, ich laufe ein paar Schritte und dann setze ich mich auf den weißen Plastikstuhl, nachdem ich die Stoffauflage mit meiner Hand betastet habe, ob sie auch nicht so nass ist wie gestern, als der Tau über Nacht einen unsichtbaren Film auf dem Polster hinterlassen hatte, den ich erst nach einer Minute bemerkte, um dann mit klammen Hintern wieder in die Wohnung zu laufen und meine Hose zu wechseln.

Sobald sich ein Spalt zwischen den Wolken auftut, bricht die Sonne mit unverstellter Kraft hervor und man spürt den Sommer, der in diesem Jahr so merkwürdig ist. Wir hatten den Dauerregen und das Hochwasser, die unglaublichen Überschwemmungen und darüber vergißt man den Sommer mit seiner Hitze fast. Besonders der August ist für Hundstage wie gemacht, Tage, an denen die geringste Bewegung aufgrund der schwülen Hitze zur Last wird und man sich zwei mal überlegt, ob man die Wohnung verlassen soll, um etwas einzukaufen. In den Nächten, wenn die Sonne bereits untergegangen ist und draußen im Hof das Zwielicht mit breiten Händen über die Fassaden streicht, öffnet man die Fenster sperrangelweit, nur um festzustellen, dass es in den aufgeheizten Zimmern unfassbarerweise kühler ist als draußen. Doch man ist zu schwach und lässt die Fenster ganz einfach offen stehen. Insgeheim hofft man auf eine Abkühlung, die erst noch kommen muss, gegen ein oder zwei Uhr nachts, während man im zerwühlten Bett liegt, nackt, schwitzend, mit einem Klopfen hinter der Stirn, das den Kopfschmerz ankündigt oder einen ganz und gar phantastischen Traum.

Über mir ziehen Wolken vorüber und ich denke an die Schönheit eines solchen Buchtitels. Wolken ziehen vorüber. Leider gibt es diesen Titel bereits, ein Film von Aki Kaurismäki trägt ihn und damit hat sich das bereits erledigt. Die Sonnenstrahlen treffen auf meine Brust, ich spüre die Wärme, schließe meine Augen und halte mein Gesicht in Richtung des Lichts. Hinter meinen Lidern wird es rot, ein Rot, das anschwillt, um kurz darauf in ein helles Orange überzugehen. In diesem Orange glimmen noch hellere, fast silberne Punkte, die sich im Handumdrehen auflösen wie in einer warmen Flüssigkeit. Ein dunkleres Netz, umbrafarben, würde ich sagen, obwohl ich nur eine ungefähre Vorstellung davon habe, welchen Farbton umbrafarben eigentlich bezeichnet, scheint diesem pulsierenden Orange zu unterliegen, ein phosphoreszierendes Glühen, das mich für wenige Augenblicke ganz umgibt und ausfüllt, als wäre mein Körper nur eine Hülle aus Ton und im Inneren dieser Hülle sammelten sich die Wärme und die Farbe, strichen dort die dunklen Wände aus, pressten sich an die Innenseite meiner Haut, ohne das kleinste Leuchten nach außen abzugeben, so dass ein zufälliger Betrachter nichts weiter entdecken würde, als einen beliebigen, relativ unscheinbaren Mann, der sich mit nacktem Oberkörper sonnt. Dann verliert das Licht an Stärke und das Orange hinter meinen geschlossenen Augen ebbt ab, als nähme man das Licht über einen stufenlosen Schalter zurück. Ich stehe auf, gehe in das Wohnzimmer und stelle verblüfft fest, dass ich alles im Raum in einem seltsamen Blauton wahrnehme, die Komplementärfarbe zum Orange, wie ich mich unsicher erinnere. Alles, die Möbel, der Holzboden, die weiß gestrichenen Wände und der unbenutzte Kamin wirkt wie hinter eine blaue Folie gerückt, als trüge ich eine Brille mit gefärbten Gläsern und das, sage ich mir, schaffen das Licht und die Wärme also auch, obwohl ich sie bereits nicht mehr so intensiv fühle wie noch vor einigen Momenten, mein Blick hat sich durch die Wärme und das Licht verändert und nicht allein mein Blick, denn für einen kurzen Moment taucht sogar der unsinnige Gedanke in mir auf, ich könnte die sich zurückziehende Wärme noch schmecken, ich könnte den Orangeton auf meiner Zunge fühlen und dieses Orange besitze eine einzige, ungebrochene Qualität, eine unwahrscheinliche, konzentrierte Wärme, als hätte jemand die Essenz des Warmen in etwas gepresst, das mir nun auf der Zunge zergeht.

(Noch etwas fällt mir ein, als ich an den Hinterhof und das Zwielicht denke. Manchmal am Abend scheint es so, als stiege die Dunkelheit aus der Erde und dem Hinterhof auf wie ein Dunst, wie Nebel, und als stünde die Dunkelheit nicht mit der Abwesenheit des Lichts in Verbindung, sondern vielmehr mit dem Erwachen und Sicherinnern der Erde. Aus dem Boden wächst dann die Dunkelheit, sie steigt auf wie schwarzer Wasserdampf, strebt in Richtung Himmel, überzieht im sanften Aufstieg alles, Straßen, Häuser, Städte, Wälder, das gesamte, unendlich fremde Land und dann erreicht dieser Dampf den Himmel und überzieht auch ihn, nur nicht ganz so kompakt und ausschließlich wie unten bei uns, denn im Himmel bleiben Risse und Löcher zurück und hinter diesen Rissen tauchen die Sterne auf.) 

Den vierten Tag sitze ich jetzt im unentschiedenen Licht und behalte meine Uhr genau im Auge, denn ich will mich nicht in der Sonne verbrennen. Der Garten ist, besonders gegen neun Uhr morgens, voller Vögel, die sich in den dichten Sträuchern und den Baumkronen verstecken. Ein Strauch ganz in der Nähe wird von einer Meisengruppe bevölkert, die mich argwöhnisch mit den ruckartigen Bewegungen ihrer kleinen Köpfe betrachten, sich aber offensichtlich nicht darauf einigen können, ob es sich bei mir um eine waschechte Bedrohung oder einfach nur um einen etwas phlegmatischen Riesen handelt, der auf irgendetwas wartet, der vielleicht sogar schläft. Einige Augenblicke später höre ich mehrere sehr schnelle Flügelschläge, die nach einem größeren Vogel klingen und entdecke einen Buntspecht am Stamm des Pflaumenbaums. In diesem Jahr seien die Früchte der Zwetschge miserabel, hat uns Ks Stiefvater Freitagnachmittag nach unserer Ankunft erklärt, sie seien voller Würmer und deshalb ungenießbar, was wahrscheinlich an der Feuchtigkeit liege. Selbst die Vögel gingen da nicht mehr ran, was mich überraschte, allerdings konnte ich es ihnen auch nicht verdenken. Ich mag den Namen Zwetschge nicht besonders, aber das verschweige ich Ks Stiefvater gegenüber selbstverständlich. Ich sage also nicht, entschuldige, aber ich würde mich wohler dabei fühlen, wenn du Pflaumenbaum sagst. Etwas an diesem Wort klingt für mich zu hart, besonders der Anlaut auf den das heftige tsch folgt, während sich Pflaume gemütlich aussprechen lässt, überhaupt nicht bedrohlich und aggressiv wirkt. Mich würde es nicht wundern, wenn die Nazis einen kleinen Kampfpanzer als Zwetschge II ins Feld geführt hätten. Pflaume II hingegen ist für die moderne Kriegsführung ja komplett ungeeignet.

Der Buntspecht jedenfalls scheint unbeeindruckt von der Güte der Pflaumen und testet das Holz. Er läuft geschickt an der Vertikalen des Baums entlang, umkreist zwei mal den nicht sehr hohen Stamm und klopft hin und wieder mit seinem starken Schnabel an die Rinde. Dabei muss ihm doch klar sein, denke ich verwirrt, wie unbrauchbar dieser gedrungene Baum als Unterschlupf ist. Jede halbwegs bewegliche Katze würde die Spechtbehausung mit einem Sprung erreichen, aber das scheint den Vogel merkwürdigerweise nicht zu interessieren. Er läuft unverdrossen hinauf und hinab und prüft das Holz auf seine Eignung. Und mir wird klar, dass uns die Tiere mit demselben Unverständnis betrachten müssen, wie ich in diesem Augenblick den Specht. Die Beweggründe der anderen bleiben fast immer im Dunkeln, egal ob es sich um Menschen oder um Tiere, um diesen Specht zum Beispiel, handelt. Wir gehen von Annahmen aus, die viel eher etwas mit uns, als mit den anderen zu tun haben, und damit ordnen wir die Welt, sortieren sie, um uns in ihr zurechtzufinden. Wir kategorisieren alles nach Begriffen, die zu einem überwiegenden Teil aus unserem unsicheren, wenig eindeutigen Selbst stammen, Begriffe, die nicht einmal sonderlich durchdacht sind oder auf ihre Tragfähigkeit überprüft, sondern die wir im Laufe unseres Lebens ganz zufällig auflesen, um sie dann zu unseren eigenen zu machen und auf alles und jeden anzuwenden. Deshalb verstehen wir die anderen häufig ebenso wenig, wie wir uns selbst verstehen. Wir glauben, unser Gegenüber zu verstehen, aber wir verstehen es nur auf eine undeutliche Weise. Hakt man nach, stellt man schnell fest, wie groß das Missverständnis eigentlich ist, wie unfassbar groß sogar. Andererseits gibt es natürlich auch ein Verständnis, das ohne Worte und damit ohne Begriffe auskommen kann. Das wiederum ist womöglich aber noch seltener.

In den vier Nächten, die wir in der Wohnung von Ks Eltern verbringen, schlafe ich, zumindest anfangs, unruhig und wache mehrmals in der Nacht auf. Ich denke an den Roman, der nun erschienen ist und finde mit einem Mal alles mittelmäßig und schlecht. Was werden meine Freunde von diesem Buch halten, das ich jetzt verwirrt betrachte, das mir manchmal sogar völlig fremd erscheint? Darf jemand, der ein Buch geschrieben hat, überhaupt an seinem Buch zweifeln? Muss er nicht herausschreien, wie gut alles ist, wie unglaublich gut sogar, dass es das Beste ist, was er je zustande gebracht hat, obwohl er insgeheim vielleicht ganz anders denkt, obwohl er innerlich voller Zweifel ist, weil die Zweifel der Antrieb für das Schreiben sind, weil sie das sind, was ihn weitermachen lässt, obwohl die Widerstände manchmal überwältigend wirkend, lähmend sogar? Ich möchte ja schreien, wie wunderbar alles ist, was für ein Roman, unfassbar!, das habe ich gemacht, seht alle her! Aber ich kann es aus irgendeinem Grund nicht und konnte es nie. Monatelang wirkten die Zweifel weit weg und jetzt, mit dem Erscheinen des Buches, tauchen sie wieder missmutig vor mir auf und ich frage mich, ob ich mir nicht etwas vormache, ganz grundsätzlich etwas vormache, ob ich am Ende nicht zu jenen belächelnswerten Leuten gehöre, die sich ein Leben lang belügen. Alle anderen erkennen die Täuschung, nur derjenige, auf den es ankommt, hat für die Lüge keinen Blick. 

Das wäre ein Mangel an Selbsterkenntnis, denke ich undeutlich und übermüdet, während ich mich auf dem ausgeklappten Sofa von einer Seite auf die andere wälze. K schläft neben mir, ihre Lippen sind halbgeöffnet. Sie schläft auf dem Rücken, die Arme und Beine ausgestreckt wie ein Seestern und sie sieht aus, als schliefe sie einen unendlich tiefen, bewusstlosen Schlaf, einen richtigen Mariannengrabenschlaf, aus dem sie nichts und niemand aufwecken kann. Dein Buch ist gut, sage ich mir. Es ist okay, es ist nicht weiter schlimm. Stück für Stück schabe ich an diesem Stachel, bis am Ende nur noch ein dünnes Stöckchen übrig bleibt, das ich im Halbschlaf wie einen Bleistift zerbreche.

Am Samstagabend macht Ks Schwester einige Fotos von mir in der Stadt, denn ich brauche ein vorzeigbares Autorenfoto. Wir stehen vor dem 60/40 in Wiesbaden, einem alternativen Club oder so etwas, und Tanja hat mein iPhone in der Hand und macht von mir unendlich viele Fotos. Früher wäre mir das sehr peinlich gewesen, mitten in der Öffentlichkeit fotografiert zu werden, so als wäre ich etwas Besonderes, als wäre ich jemand, von dem man viele Fotos machen müsste, jetzt aber spüre ich, wie wenig mir die neugierigen Blicke der Spaziergänger bedeuten. Ich versuche meine Gleichgültigkeit als geglückte Abkehr vom Urteil der anderen zu werten, denn nicht einmal die amüsierten Blicke der jungen Mädchen, die auf einer großen Wiese in unmittelbarer Nähe sitzen, machen mir etwas aus.

Als ich mir die ersten Bilder anschaue, wirke ich auf jedem einzelnen arrogant und überheblich. Ich möchte natürlich nicht lächeln, schließlich machen wir ja kein Bewerbungsfoto, aber ich möchte auch nicht herablassend in die Kamera schauen. Doch das will mir einfach nicht gelingen. Tanja lässt sich von meiner Verstimmung nicht beeindrucken und arrangiert ungerührt weiter, sie gibt mir Anweisungen, sagt, ich solle aus dem Bildausschnitt nach rechts und dann wieder nach links blicken, ich solle meine Arme verschränken, damit man die Tätowierungen sieht, was ich peinlich finde, aber was soll’s, mir fällt auf Anhieb kein Autorenfoto ein, das nicht peinlich wäre, wobei die immerhin nicht im Ansatz so schlimm sind wie Porträtaufnahmen von Solomusikern, Pianisten beispielsweise, die sich auf ihrem Flügel räkeln und dabei noch möglichst professionell auszusehen versuchen. Am Ende haben wir dutzende Aufnahmen, die wir bei einem Bier bewerten. Wir essen Burger mit Pommes, Tanjas Kinder bekommen eine kleine Schinkenpizza und Handkäs‘ mit Musik, was ein hessisches Nationalgericht ist, dem ich skeptisch gegenüber stehe. K findet eines von Tanjas Fotos ziemlich gut, für das ich mich am Ende auch entscheide, um es in das Pressematerial zum Buch einzureihen und auf meine Homepage zu stellen. Ich sehe für meinen Geschmack immer noch viel zu arrogant aus, habe zum Zeitpunkt der Aufnahme aber längst aufgegeben an ein perfektes Foto zu glauben. Am Ende bleibt es eben nur ein Foto, sage ich mir und lasse mir von den anderen gut zureden. Doch der Vorwurf, auch hier hätte ich eigentlich nicht das erreicht, was mir anfangs vorschwebte, nagt den gesamten Abend über an mir.

Nun ist es Dienstag, der 10. August. Es ist elf Uhr sechsundvierzig und ich schreibe am runden Esstisch im Wohnzimmer von Ks Eltern. Alle Zweifel sind wie weggewischt. Nicht am Roman, wohl aber am Schreiben. Sobald ich zu schreiben beginne, ist alles gut, als hätte ich mich nach langem Schwimmen auf einen Felsvorsprung gerettet, um wieder zu Atem und zu Kräften zu kommen. Ich schreibe, die Worte gehen in Sätze und dann in Seiten über, ich könnte ewig so sitzen und schreiben, das wäre kein Problem.

Als ich in den Garten trete, sitzt K im Liegestuhl in der Sonne.

„Pass auf, dass du dir keinen Sonnenbrand holst“, sage ich und habe die mahnende Stimme meiner Mutter im Ohr.

„Ich sitze ja erst seit zehn Minuten hier.“

„Pass trotzdem auf.“

Ich halte mein Gesicht ins Licht und spüre erneut die Wärme, die von diesem unendlich weit entfernten Stern ausgeht. Eine Wärme, die ebenso rätselhaft bleibt, wie sie wunderbar und überwältigend ist.

Zwei Schritte brauche ich, bis ich vor dem Liegestuhl zum Stehen komme.

„Spring auf“, sage ich zu K.

Sie sieht mich für eine kurze Sekunde prüfend an, steht dann aber auf und ich gehe in die Hocke. Dann klettert sie auf meinen Rücken.

„Musst du immer so die Schenkel zusammenpressen?“, frage ich, während ich ihre um meinen Hals geschlungenen Arme spüre und die feste Klammer ihrer Oberschenkel an meiner Hüfte.

„Ich versuche mich nur oben zu halten“, erklärt sie. Sie klingt glücklich, mein Vorwurf hat sie überhaupt nicht erreicht.

Mit K im Huckepack trete ich auf die Wiese. Das Gras ist noch nass und fühlt sich kühl unter meinen Schritten an. Wir laufen hinüber zum Pflaumenbaum und biegen dann um eine Mauer. Dahinter steht das Trampolin. Ich setze K vorsichtig ab und wir klettern über die dreisprossige Leiter ins Innere. Die Sonne liegt klar und heiß auf der elastischen, schwarzen Fläche. Wir hüpfen vorsichtig auf und ab und sofort fließt Wasser von den Rändern der Bespannung in Richtung Zentrum. Hält das Trampolin überhaupt unser Gewicht?, rufe ich. K bejaht mit breitem Grinsen. Wir springen abwechselnd auf und ab, dann finden wir allmählich einen Rhythmus und springen gleichzeitig, springen immer höher, unsere Sprünge gewinnen an Geschwindigkeit und Kraft, doch es fühlt sich nicht so an, als würde mein Körper ruckartig in die Höhe katapultiert, alles bleibt fließend und weich. Ich kann bereits über die Hecken in die Nachbargärten schauen und höre Ks begeistertes Lachen, wir springen, fliegen für einen Augenblick, ich bin sechsunddreißig, denke ich, und fliege über einem Kindertrampolin, ich fliege durch das Licht eines unendlich fernen Sterns, eines gigantischen Zufalls, und ich fliege mit K an meiner Seite, wir schweben, haben unser Gewicht abgelegt und alles für die Dauer eines winzigen, unendlichen Augenblicks vergessen, denn wir sind schwerelos, stehen ganz einfach still.

Mittwoch, 4. August

Seit eineinhalb Wochen ist K allein in Schweden unterwegs, denn ich habe in der Bibliothek keinen Urlaub bekommen. Seit sie verschwunden ist, schlafe ich schlecht, wir waren noch nie so lange voneinander getrennt und jetzt wache ich mitten in der Nacht manchmal auf und weiß für einen Augenblick nicht, wo ich bin. Erst kurz danach, in der nächsten oder übernächsten Sekunde, eine winzige Zeitspanne, die noch voller Panik ist, stellt sich die Gewissheit ein, dass sich nichts verändert hat, dass ich mich noch genau an jener Stelle befinde, an der ich eingeschlafen bin, in diesem Bett, in unserer Wohnung, in einem allzu bekannten Zimmer und dass deshalb keinerlei Gefahr besteht. Doch genau danach fühlt es sich an, mein Körper reagiert auf eine Gefahr, für die es keine Veranlassung gibt, zumindest nicht hier im Zustand des Wachseins, ein Zustand, der voller Zwischenbereiche ist, voller Übergänge in Richtung Schlaf und zurück. Ich bin ängstlich und werde besonders am Abend nervös, werde immer nervöser, je später es wird, je näher die übliche Zeit rückt, zu der ich mich zum Schlafen fertig mache, ins Bad gehe, um mir die Zähne zu putzen, mich danach auszuziehen, den rechten Flügel des Fenster zu öffnen und dann im Bett zunächst die Leselampe und anschließend die von K um das Kopfende des Bettgestells gewickelte Lichterkette auszuschalten. 

Unsere Wohnung kommt mir mit einem Mal größer vor, als sie eigentlich ist, sie wirkt plötzlich weitläufig und fremd, fast als hätte sich in den Zimmern unvermittelt Platz aufgetan, der uns bislang entgangen ist und ich frage mich, wie es Leuten geht, die einen Partner, mit dem sie über Jahre zusammenlebten, unerwartet verlieren, ob sie also jemals zurückfinden in die gemeinsame Wohnung oder ob sie diese Zimmer irgendwann aufgeben müssen, verlassen müssen, um wieder zu Sinnen zu kommen, um wieder Schlaf zu finden in einem neuen Raum. Nicht, weil der andere fehlt, sondern weil seine Abwesenheit zum Mitbewohner wird und das ist nicht dasselbe. Man beginnt mit den Lücken zu sprechen, man beginnt sich an die Leere zu wenden, man lehnt plötzlich an Wänden, die es nicht gibt und sagt Dinge, die kein Gegenüber beantwortet, auch wenn da eine Stimme ist, eine vertraute Stimme sogar, doch man ist allein, niemand bewegt seine Lippen und dennoch hält man sich an einer Antwort auf, man buchstabiert wie ein Kind, weil die Worte plötzlich zu kompliziert geworden sind, als erlernte man eine unbekannte, neue Sprache. 

Seitdem K in Schweden unterwegs ist, schlafe ich einen flachen, leichten, vollkommen traumlosen Schlaf, aus dem mich die unbedeutendsten Geräusche wecken. Dann liege ich in der Dunkelheit und schaue in Richtung Fenster und Hinterhof, die Möbel im Schlafzimmer sind in der Finsternis kaum voneinander zu unterscheiden, die Tür zum Flur steht offen, doch dorthin wende ich mich nicht, ich betrachte stattdessen das Fenster, diesen rechteckigen Ausschnitt, hinter dem die Nacht heller wirkt als die Dunkelheit, die mich umgibt, und dann unterscheide ich allmählich das Blattwerk der Bäume, das aus der Nacht wie ein weicherer Schatten tritt und versuche abzuschätzen, ob es draußen regnet oder nicht, ob jemand auf einem Balkon mit einem anderen spricht, vielleicht sogar flüstert, ob überhaupt etwas passiert oder nichts weiter dort draußen wartet als jene unwahrscheinliche Lautlosigkeit, hinter der sich die Schlafenden mitsamt ihren Träumen verstecken, eine schiefergraue Decke, unter der sich die Worte und der Atem verbinden, um die Seiten zu wechseln, bis es nur noch Bilder gibt, Bilder, die ohne Stimmen auskommen, die einzigen Bilder, die wir haben ohne Laut und die vielleicht aus diesem Grund so einschneidend sind, einschneidender als alles, was sich im Wachen sagen lässt.

Doch draußen im Hof höre ich nichts. Die Leute werden schlafen, sage ich mir und versuche die Zeit abzuschätzen, es muss zwei, drei, vier Uhr nachts sein, bald beginnt ein neuer Tag mit neuen Aufgaben, von denen vieles unerledigt bleiben muss und aufgeschoben wird, ein neuer Tag mit Gesprächen, mit Einkäufen, dem Abwasch, ein Tag voll zweifelhafter Verbindlichkeiten, kleiner Enttäuschungen und vielleicht auch abrupter Momente eines unvermittelten, überraschenden Glücks. Und immer läuft die Frage neben dir, weshalb so vieles so unsinnig ist und weshalb sich das Unsinnige unglaublich schwer umgehen lässt, weshalb es so widerspenstig bleibt und auch widerstandsfähig, weshalb sich also gerade das Unsinnige hält, weshalb es aushält, auf den Beinen bleibt, neben dir auf der Straße, im Park, in der Schlange vor der Kasse. 

Am nächsten Nachmittag gehe ich völlig übermüdet hinaus. Ich weiß nicht, was ich auf Arbeit erledigt habe, ich weiß nicht, ob ich vorangekommen bin. Ich laufe müde am Ufer entlang, nachdem ich versucht habe, mit K zu telefonieren. In ihrem Zimmer in Malmö ist das Internet schlecht und deshalb schreiben wir uns einige Zeilen und wünschen dem anderen einen schönen Abend. Morgen kommt sie mit dem Zug zurück, die ganze Strecke von Malmö über Hamburg bis nach Mannheim, knapp elf Stunden wird sie unterwegs sein. Ich nehme mir vor, einen Tisch im Café Rost zu reservieren und die Wohnung aufzuräumen. Ich möchte das Bad in Ordnung bringen, den Flur, ich möchte die vielen leeren Pakete in die Altpapiertonne stopfen. Dann fällt mir ein, dass ich den letzten Abend ohne K mit einem Film verbringen könnte. Das hatte ich mir kurz vor ihrer Abreise vorgenommen, jeden Abend ein Film auf MUBI. Aber diesen Plan habe ich schon am zweiten oder dritten Tag aus den Augen verloren, nachdem ich Kelly Reichhardts Old Joy gesehen habe, den ich schrecklich fand, obwohl er nicht ganz so schrecklich war wie First Cow. Ich habe wieder angefangen Pessoas Buch der Unruhe zu lesen, allerdings nur häppchenweise, hin und wieder einen Eintrag und nicht wie vor vierzehn Jahren alles am Stück. Gleich auf der ersten Seite der wunderbare, ein ganzes Buch überbrückende Satz, wenn das Herz denken könnte, stünde es still. Ich bin mir sicher, dass Tomas Espedal diesen Satz irgendwo zitiert, weiß aber nicht mehr genau an welcher Stelle, doch ich erinnere mich noch ziemlich gut an meine Überraschung, als ich auf dieses Zitat damals bei ihm stieß und dachte, unglaublich, Espedal liest also auch Pessoa!, als würde darin etwas ganz Unglaubliches liegen, das sich vernünftigerweise kaum begreifen lässt. Heute morgen habe ich den Großen Gatsby aus dem Regal gezogen, um ihn zum zweiten oder dritten Mal zu lesen. Noch viel stärker als beim ersten Mal mit siebzehn oder achtzehn habe ich schon nach wenigen Seiten das bestimmende Gefühl, einen perfekten Roman in den Händen zu halten, einen Roman, in dem alles auf eine fast schon zu präzise, formelhafte Weise funktioniert. Die Sprache, die Ironie, die Figuren, die Handlung, die Verknüpfung zwischen allem. Auf dem Buchrücken wird Hemingway zitiert, Fitzgerald sei der Größte ihrer Generation gewesen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Hemingway Fitzgerald gegenüber niemals etwas in diese Richtung angedeutet hat. Ein klassischer Satz für einen Toten, vor dem man keine Angst mehr besitzt.