Dienstag, 21. September

K arbeitet jetzt manchmal so lang, dass ich bis um neun am Schreibtisch sitze und schreibe. Ich schreibe ungestört vor mich hin, stelle einige Abschnitte im Jahr der Fahnen um, lese vieles zum zweiten Mal und denke, jetzt schaust du also bereits wieder zurück, obwohl doch erst September ist. Aber es stimmt, das Jahr geht voran und wird sein drittes Viertel bald erreichen und dann gibt es bloß noch diesen verschwindenden Abschnitt, an dessen Ende Weihnachten und der Jahreswechsel warten.

In meiner Mittagspause verlasse ich die Universität und laufe zum Bahnhof, kaufe mir eine Salzbrezel und verbringe eine halbe Stunde im Reisecenter. Ich möchte Zugtickets nach Florenz buchen, doch eine nette Frau am Schalter schüttelt lächelnd ihren Kopf. Nein, am ersten November sei der Zug bereits voll. Am zweiten auch? Auch am zweiten. Und am dritten? Am dritten genauso. 

Für einen Augenblick glaube ich, ich könnte dieses Spiel ewig in die Länge ziehen.

Wie sieht es mit dem vierten November aus?

Leider ebenso schlecht.

Und der Fünfte?

Schade, da sind auch alle Plätze reserviert.

Aber am sechsten, da muss doch etwas möglich sein!

Ich schaue gleich nach. Nein, was für ein Pech!

Ohne Tickets verlasse ich schließlich den Schalter, denke an Monica Vitti in der Roten Wüste, ein Film, den man wahrscheinlich auch vor der Industriekulisse in Ludwigshafen hätte drehen können und betrete einen kleinen Supermarkt. Ich besorge mir zwei Müsliriegel, die ich an einer Kasse eigenhändig abscanne und dann mit meiner Karte bezahle. Bevor ich das mache, sehe ich mich im Laden nach einem Verkäufer um, aber nirgendwo ist ein Angestellter zu sehen. Zwischen den Regalen voller Bioprodukte und Kichererbsenchips wimmelt bloß eine Gruppe junger Mädchen mit Reiserucksäcken und Rollkoffern herum und deshalb werde ich notgedrungen selbst zum Angestellten des Supermarkts und beginne meine Müsliriegel abzukassieren. 

Self service steht über dem Kassenautomaten in Großbuchstaben. 

Als wäre das ein Versprechen, eine Art Befreiung. Ein Schriftzug in Leuchtbuchstaben und dahinter liegt die Erfüllung eines lange gehegten Traums.

Als ich fünf Minuten später durch die Bahnhofshalle in Richtung Vorplatz laufe, stehen überall Leute herum. Irgendein Zug hat Verspätung, ich höre Menschen, die sich aufgeregt auf Französisch unterhalten. Vielleicht der TGV, der nach Paris fährt, denke ich, vielleicht ist dieser Zug heute ausgefallen und jetzt stranden die Menschen hier für Stunden und verpassen alle möglichen Anschlüsse und Flüge. Doch am Ende kommen ja immer alle irgendwo an. Warum also dieser Lärm?

Ich muss lächeln und verlasse den Bahnhof. Auf dem Weg zurück zur Universität denke ich an eine Unterhaltung mit K.

Wir saßen am Küchentisch, tranken Bier und aßen Gurkensalat mit Thunfisch.

„Wie konnte ich ausgerechnet im Museum landen?“, sagte sie und ihre Frage klang, als wäre sie nicht an mich gerichtet. 

„Das habe ich mich auch ein paar Mal gefragt“, antwortete ich dennoch.

„Ausgerechnet im Museum.“

Sie schüttelte ungläubig ihren Kopf.

„Darin ähneln wir den meisten, denke ich.“

„Was meinst du?“

„An einer Stelle herauszukommen, mit der man nicht gerechnet hat.“

Während K in ihrem Salat stocherte, fragte ich mich, ob das stimmte. Waren wir tatsächlich an einer Stelle angelangt, mit der wir nicht gerechnet hatten?

„Mir hat einmal ein Freund gesagt“, schob ich nach, „dass sich derjenige, der nicht weiß, wohin er eigentlich will, auch nicht über den Fleck beschweren darf, an dem er schließlich landet.“

„Wer soll das denn gesagt haben?“, fragte K misstrauisch.

„Ein Freund eben. Simon, Stefan, ich bin mir nicht mehr sicher. Es ist ja auch schon ein paar Jahre her.“

„Du hast mir noch nie von einem Freund erzählt, der Stefan heißt.“

Ich seufzte und griff nach meiner halb vollen Bierdose.

„Ist ja auch egal. Ich denke aber, dass er recht hatte.“

„Können wir nicht einfach ins Ausland gehen? Du könntest dir doch sicher ein Stipendium besorgen, jetzt, nachdem dein Roman erschienen ist.“

„Das ist schwieriger, als du denkst. Nehme ich zumindest an.“

„Ich würde dann einfach mitkommen und in Singapur herumspazieren, während du schreibst.“

„Wenn das so einfach wäre!“

„Ich würde im Botanischen Garten spazieren und in den food courts alles mögliche essen.“

„Hm-m.“

„Klingt das nicht wunderbar?“

„Kann schon sein“, sagte ich und trank einen weiteren Schluck Bier.

„Wir könnten auch eine Bar aufmachen“, fügte ich hinzu.

„Eine Bar?“

„Ja, eine Kneipe. Ich spiele die ganze Zeit irgendwelche verrückte Musik und stehe mürrisch hinter der Theke, um die Leute anzufunkeln.“

K musste lachen.

„Klasse. Mit dir hinter der Theke geht unsere Kneipe doch im ersten Monat pleite.“

„Das kann ich natürlich nicht ganz ausschließen.“

„Ein besserer Plan muss her.“

„Ich bin für alles zu haben.“

* * *

Aus irgendeinem Grund geht es immer weiter. Nicht die Zeit trägt an der Entwicklung der Dinge Schuld, denn die Dinge entwickeln sich nicht unabhängig von den Menschen und ihrer Verantwortung für das Leben, für das, was sie tun, behaupten und unterlassen. Was sie für Erklärungen finden, für Rechtfertigungen. Es gibt Rechtfertigungen, die von Lügen kaum zu unterscheiden sind und genauso einfach zu gebrauchen. Man spricht ein unwahres Wort und hängt ein weiteres unwahres Wort an das erste. Man muss diese Worte nicht einmal laut vor einem anderen aussprechen, die innere Stimme reicht bereits aus. Und schon kommt man um eine schmerzhafte Wahrheit herum. Ich kenne niemanden, der nicht irgendwo in sich einen Rest von schlechtem Gewissen trägt, weil ihm etwas misslungen ist, er etwas unterlassen hat, sich für eine Schwäche oder Feigheit schämt. Niederlagen lassen sich vergessen, Momente der Unsicherheit und des Zögerns aber verfolgen einen bis zum Schluss. Ein Wort, das man hätte aussprechen sollen oder aber zurückhalten, eine Handlung, vor der man zurückschreckte aus welchen Gründen auch immer. Man lernt das schlechte Gewissen zu beruhigen, aber es verschwindet nie ganz. Ein Haus, das seine Risse irgendwo im Schatten verbirgt, denke ich, in jenem Bereich, der meist nicht in den Blick fällt, ein dunkler Bereich, der aber nicht allzu schwer aufzufinden ist, wenn man weiß, wonach man sucht. Einer der überraschendsten Momente nach dem Ende der Kindheit ist die Entdeckung, niemand, nicht die eigenen Eltern und Verwandten, kein Erwachsener, einfach niemand, dem man je begegnet ist, besitze eine Antwort auf die Frage, wie man es anstellen müsse mit dem Leben. Alle schwimmen mehr oder weniger im luftleeren Raum, probieren etwas aus, folgen unsicheren Ratschlägen oder vertrauen ganz auf ihren Instinkt. Eine verlässliche Antwort aber hat niemand parat. Und darin liegt das Unfassbare. Kurz nach dem Auftauchen der ersten Menschen muss sich die Frage gebildet haben, warum man etwas unternimmt und dafür etwas anderes unterlässt. Warum man überhaupt etwas tut. Und was man am besten unternehmen sollte. Die große Frage nach dem Sinn und Zweck. Und obwohl die Menschheit nun angeblich ein paar Tausend Generationen alt ist (sofern man eine Generation in fünfundzwanzig Jahren misst), gibt es immer noch keine Antwort, an die man sich halten könnte.

* * *

Am Abend fahre ich auf meinem Fahrrad am Ufer entlang. Kurz vor der Schleuse fällt mir ein hoher Schornstein ins Auge, der zur Ölfabrik gehört. Über ihm steht eine bewegliche, in Zaum gehaltene Flamme. Zwei Bäume rahmen das Bild links und rechts und in der Mitte leuchtet die Flamme unverbunden in der Luft, als hätte sie mit diesem Schlot nicht wirklich etwas zu tun. Das Feuer steht niemals still, es ist voller Leben, zuckt unablässig und unruhig, als hielte man es zurück. Es ist so lebendig, dass es fast schmerzt. Diese richtungslose Energie, die sich mit Nachdruck entladen will und die ganze Zeit zurückgehalten wird. Das Feuer bleibt an den Schlot gekettet und dennoch versiegt das glühende Anrennen hinauf in den Abendhimmel nie, dieser Versuch zu entkommen, aufzusteigen in die frühe Dunkelheit, sich für immer von allem zu lösen. Während ich auf meinem Rad weiter dem Weg folge, behalte ich das Feuer im Auge, ich sehe nur die Flamme, achte kaum noch auf den Weg, ich beobachte das Feuer so lang, bis es mir schließlich entwischt und irgendwo hinter den Bäumen verschwindet.

Mittwoch, 8. September

Die letzten Tage lösen einander ab, als gäbe es zwischen ihnen keinen Unterschied. Am Morgen fahre ich auf meinem Rad über die Brücke, der Fluss liegt wie von einem Messer glatt gezogen unter mir und glänzt warm in der Sonne. Ein paar Schwäne gleiten als Standbilder durch das Wasser und es sieht so aus, als würden sie verschlafen in Richtung Ufer treiben, um dort gegen die Steine zu stoßen und dann von der Strömung wieder hinaus in die Flussmitte gespült zu werden. Ich sehe in das Licht und dann zur anderen Brückenseite. Im Hintergrund ragen die Spitzen der Fabrikanlagen in den wolkenlosen Himmel, Striche im Blau, kalkweiß gegen das Licht und die Anlagen wirken, als hätte man sie vor Jahren bereits aufgegeben, als könnte über diesen Schloten niemals Rauch aufsteigen. Als wäre das alles endgültig vorbei. Im intensiven Gelb der Sonne erinnere ich mich an einen Abend vor etwa zwanzig Jahren und an eines der wenigen Male, als mich die Natur völlig überwältigt hat. An eines der wenigen Male, als die Natur der Auslöser für eine bleibende Erinnerung gewesen ist, für einen regelrechten Schock. 

Ich war in Richtung Stadtzentrum unterwegs, es muss im Sommer gewesen sein, wahrscheinlich kurz nach meinem Abitur. Ich lief über eine Kreuzung, der Abend brach bereits herein, das Licht fühlte sich wie am Morgen mild an und sanft und die Hitze des Hochsommermittags hatte spürbar nachgelassen. Ich bog in eine Straße voller Wohnblöcke ein. Rechts neben mir grenzte ein altersschwacher Holzzaun eine Kolonie von Schrebergärten ab, die an der Grenze des Wohngebiets merkwürdig deplatziert wirkten. Einige Meter folgte ich dem Kopfsteinpflaster und dachte an den bevorstehenden Abend im Blue Note, dem einzigen echten Café in der Stadt, in dem meine Freunde auf mich warteten, in dem wir Bier trinken und über Mädchen sprechen würden, um uns gegen Mitternacht auf die Suche nach einem Ereignis zu machen, nach einem echten Erlebnis, der großen Liebe zum Beispiel oder einem anderen Abenteuer, das ihr gleichkam oder zumindest einen Anfang darstellte, eine Party beispielsweise, auf die uns jemand einlud, der unverhoffte Blick zweier Augen, die ein paar Sätze auslösen mussten und schließlich ein Gespräch. An diese Möglichkeiten dachte ich, während ich über das Kopfsteinpflaster lief und einen leichten Abhang erreichte. Dort blieb ich wie angewurzelt stehen. Die Sonne ging gerade unter, sie verschwand hinter den Dächern eines Straßenzugs, der gut einhundert Meter von mir entfernt lag, doch ihr Verschwinden spielte sich nicht lautlos ab. Es sah vielmehr aus, als stünde der Himmel in Flammen, als wäre die Sonne explodiert und hätte im Augenblick ihres Verlöschens die aufgeworfenen Wolken über dem Horizont mit strahlendem Gold überzogen. Der Abendhimmel brannte so wild, dass ich mich für eine Sekunde abwenden musste. Und als ich wieder zurück in das Licht blickte, das plötzlich alles umgab, jeden Zentimeter der Welt und meines Körpers mit einer sanften, aber unergründlichen Wärme überzog, sagte ich mir, diesen Augenblick wirst du nicht vergessen. 

Du darfst ihn nicht vergessen. 

Bis heute weiß ich nicht, warum ich das damals dachte. Warum dieser Abendhimmel so bedeutsam für mich war, warum ich stehen blieb, um den goldüberstrahlten Himmel zu betrachten und die Wolken, die sich im Licht förmlich auflösten, als würde die untergehende Sonne alles, was existierte, überwältigen und in seine Bestandteile zerlegen, als spielte sich vor meinen Augen eine umgekehrte Schöpfung ab, in der das Licht etwas zurücknahm, statt einen Anfang zu schenken, in der die zerstörerische Macht des Lichts mit einem Mal mächtiger wurde als die Finsternis selbst. 

Etwas Bedeutungsvolles lag in diesem Himmel, der eigenartigerweise auch dem Meer glich, einer Abendszene am Strand oder einer Küste. Das Licht machte Sinn, sein Umfang und seine Stärke waren unbeschreiblich, vielleicht war dieser Abend das Größte, das mir jemals untergekommen war. Irgendwann machte ich mich los und ging langsam weiter, überrascht, dass ich noch laufen konnte, dass sich meine Beine wie gewohnt bewegten, mein Herz weiterhin schlug, alles noch genauso aussah wie vor wenigen Minuten. Das Pflaster, die Häuser, die geparkten Autos. Selbst die Müllcontainer und die Schrebergärten hinter dem Zaun. Und im Weitergehen wiederholte ich mir, diesen Abendhimmel darfst du nicht vergessen, du musst ihn behalten und du wirst ihn behalten. Und während ich mit den Jahren zahllose Dinge vergessen habe, die ich mir im jeweiligen Augenblick genauso fest einzuprägen versuchte wie diesen Sommerabend, Gespräche, Gesichter und Gefühle, Eindrücke und Gedanken, während ich all diese Momente verloren habe, weil sie am Ende vielleicht nicht ganz so bedeutsam gewesen sind, wie ich damals dachte, steht mir dieser Abend vor so und so vielen Jahren, kurz vor meinem achtzehnten Geburtstag, noch in gleicher Schärfe vor Augen, als wäre ich gerade erst aus jenem Licht zurückgekehrt. Ich kann das Bild ohne Schwierigkeiten erneut betreten. Nach all der Zeit stehe ich wieder auf dem Kopfsteinpflaster, ich bin fast genauso so jung wie damals und ich sage mir erneut, diesen Abend darfst du nicht vergessen. Auch wenn ich mich heute frage warum. Weshalb darf ich das alles nicht vergessen? Warum soll ich den Abendhimmel und das verlöschende Licht nicht wie so vieles andere auch aus den Augen verlieren? Weil es wichtiger ist? Weil es eine Bedeutung besitzt? Welche Bedeutung hat dieser Abend am Ende gehabt?

* * *

Anfang der Woche begann das neue Semester und zum ersten Mal, seitdem ich im Juli meine Stelle in der Bibliothek angetreten habe, laufen Studenten durch die Gänge. Das alles fühlt sich ungewohnt an, ich schaue in junge, konzentrierte Gesichter (zumindest ihre Augen kann ich erkennen, denn alle tragen Masken), ich schnappe die Bruchstücke von Unterhaltungen auf. Mein erstes Semester BWL, sagt ein Mädchen und ihre Stimme klingt erwartungsvoll und glücklich und sofort überfällt mich eine ganz idiotische Traurigkeit. Während ich den Treppenaufgang in die Bibliotheksverwaltung nehme, denke ich an diesen Satz, ich denke an das Fach Betriebswirtschaftslehre, ich denke an ähnliche Fächer, die zu nichts anderem dienen, als möglichst viel Geld in die Hände zu bekommen und damit das Leben als eine von Beginn an eintönige und unsinnige Aufgabe zu begreifen. Ich denke an die Zeitverschwendung, die sich in einem Fach wie Betriebswirtschaftslehre offenbart, an die abstoßende Lieblosigkeit eines solchen Begriffs, der keinerlei Geheimnis, allerdings die grenzenlose Banalität des Geschäfts umschließt und ich denke an die vielen jungen Leute, die gerade in einer Vorlesung oder vor ihrem Laptop sitzen und einige ihrer besten Jahre an das Studium dieser Wissenschaft verschwenden. Ich denke auch an die Borniertheit eines solchen Gedankengangs, denn natürlich ist es keinesfalls besser, Philosophie oder Sprachen zu studieren oder meinetwegen Medizin und Literatur. Doch wer sich für Betriebswirtschaftslehre entscheidet, begreift das Leben nicht als eine unermessliche Angelegenheit, die das Potential des Unfassbaren in sich schließt, sondern er begreift das Leben als eine nüchterne, traumlose Einrichtung, in der es keinerlei Geheimnisse, nichts im Ansatz Magisches und Überwältigendes gibt. Jemand, der Betriebswirtschaftslehre studiert, hat sich die Trostlosigkeit dieses Begriffes voll und ganz verdient. Meinetwegen kann er in seiner stumpfsinnigen, komplett entzauberten Welt achtzig oder neunzig Jahre vegetieren. 

Zum ersten Mal schließe ich mich am Montag einem meiner Kollegen zum Mittagessen an. Wir sitzen in einem Restaurant, das vor allem von Angestellten frequentiert wird. Die meisten essen ihre preiswerten Salate und Nudelgerichte stillschweigend, ohne sich mit den anderen am Tisch zu unterhalten. Hin und wieder nehmen sie ihre Telefone zur Hand und und tippen eine Nachricht auf dem Display ein. 

David erzählt mir von seiner Stelle am CERN, damals, als er noch an seiner Doktorarbeit schrieb. Er versucht mir den Teilchenbeschleuniger zu erklären, aber leider verstehe ich kein Wort. Dann berichtet er von seiner Zeit in Amsterdam, von einem Wohnheim und der günstigen Miete, doch als er zufällig den Grund seiner niemals beendeten Doktorarbeit berührt, bricht er mit einem Mal ab und wird still. Ich frage ihn, wie ich mir den Kontrollraum des Teilchenbeschleunigers vorstellen müsse. Wie in einem Atomkraftwerk? So ungefähr, antwortet er. Es gibt einen Haufen Bildschirme und Knöpfe und jeder, der am CERN arbeitet, schiebe dort Servicedienste. Bis auf die wissenschaftlichen Koryphäen natürlich. Er sei vor allem nachts im Einsatz gewesen, das sei die beste Zeit. Man bliebe ungestört, könne sich ganz mit seinen Datensätzen beschäftigen. Ich male mir das alles sehr naiv und blumig aus, als lauschte man ins All, direkt in die Unendlichkeit, als suchte man nach einem Lebenszeichen, nach irgendwelcher Strahlung, fremden Wellen oder etwas in diese Richtung. Aber David meint, die Arbeit wäre nicht ganz so aufregend. Es liefe vor allem auf viele Datensätze und mehr oder weniger große Abweichungen von anfangs getroffenen Annahmen hinaus, die mal stimmten und mal nicht. Wie das eben überall im Leben so sei.

Nachdem wir unsere mittelmäßigen Salate mit Hühnerbruststreifen gegessen haben, laufen wir zurück zur Universität. Am Tisch wollte ich David noch etwas fragen, ich wollte mehr über sein Leben in Amsterdam und der Schweiz wissen, doch plötzlich verspüre ich dazu keine Lust. Wir laufen nebeneinander und ich weiche den uns entgegenkommenden Leuten aus. Es ist sehr warm und ich schwitze. David trägt eine dunkle Sonnenbrille und ich weiß nie, ob er mir in die Augen sieht oder einfach an mir vorbei.

* * *

Vor einigen Wochen schrieb ich einem alten, vielleicht meinem ältesten Freund, mit dem ich viele Abende im Blue Note verbrachte. Wir haben uns seit mehreren Jahren nicht mehr gesehen und ich fragte ihn, wie wir es schaffen könnten, ein abenteuerliches Leben zu führen. Was meinst du mit abenteuerlich?, schrieb er zurück.

* * *

Die Nachmittage verbringe ich immer häufiger auf meinem Treppenabsatz in der Nähe der Uferwiese. Ich lese Agnar Mykle, trinke Kaffee und ziehe manchmal an meiner elektronischen Zigarette, um eine riesige Rauchwolke auszustoßen. 

Ganz in der Nähe gibt es einen Basketballplatz, auf dem sich hin und wieder Jugendliche ein paar Bälle zuwerfen. Die Körbe haben weder Netze noch Ketten, es sind einfache Metallringe, die man mit dem Ball treffen muss. Um zu meinem Treppenabsatz zu gelangen, laufe ich an diesem Platz vorbei und gestern fiel mir schon von weitem etwas Seltsames ins Auge. Keine Jugendlichen, die mit orangen Bällen warfen, sondern ein Mädchen in einem Rollstuhl und ihre Begleitung in unmittelbarer Nähe. Beide Mädchen waren jung, aber das war nicht das Eigenartige. Das Mädchen, das laufen konnte, bewegte sich merkwürdig um die im Rollstuhl Sitzende herum und erst nach einigen weiteren Meter, die ich völlig gebannt zurücklegte, begriff ich, dass sie um den Rollstuhl tanzte. Sie hielt eine Hand des sitzenden Mädchens und tanzte in langsamen, sehr vorsichtigen Schritten am Rollstuhl entlang, sie tanzte durch die warme Nachmittagssonne und es sah so aus, als umschriebe sie einen Kreis, in dessen Zentrum das gelähmte Mädchen leicht zur Seite geneigt saß. Es sah so aus, als würde dieses Mädchen im Rollstuhl das, was mit ihrer Hand und ihrem nach oben gestreckten Arm passierte, diese sanfte und unmerkliche Bewegung überhaupt nicht bemerken. Sie starrte in eine ganz andere Richtung, wie ich aus der Nähe begriff, sie sah eher in Richtung Boden oder Uferwiese, aber vielleicht fühlte sie die Bewegung ihres Armes und ihrer Hand dennoch, vielleicht fühlte sie die Luft, die um ihre Finger strich, die Berührung und Wärme einer Hand, die die ihre hielt und ihre andere Hand lag gekrümmt und seltsam angewinkelt in ihrem Schoß. Sie zuckte leicht mit dem Oberkörper, als folgte sie einem Takt, den weder das tanzende Mädchen noch ein anderer Mensch verstand, mit dem sie ganz allein und für sich war. Ich lief an beiden vorbei und verschwand wenig später im Schatten der Brücke.

* * *

Um die Mittagszeit ziehen sich die Leute in den Schattenbereich der Brücken zurück. Auf der Uferwiese wachsen nur wenige Bäume und die meisten von ihnen sind jung und eignen sich nicht als Sonnenschutz. Dann sitzen die Menschen zu kleinen Gruppen versammelt unter den hohen Betonübergängen und folgen nach und nach der dunklen, wandernden Schattenzone, was eine Prozession in endloser Wiederholung erzeugt.

Bis zum Abend kommt hier niemand zur Ruhe. Familien grillen und hören Musik über mitgebrachte Lautsprecher, andere versuchen vergeblich zu schlafen, einige unterhalten sich. Unter einer der Brücken hat die Stadtverwaltung in den letzten Wochen Sportgeräte aufgestellt. Zuerst haben Arbeiter den Beton mit Presslufthämmern aufgerissen, dann die gelben Metallgeräte fest im Boden verankert und abschließend alles mit hellblauen Gummimatten ausgestattet. Komme ich jetzt hier entlang, trainieren halbnackte Typen an den Reckstangen Klimmzüge oder Muscle-Ups bis spät in die Nacht. Manche wirken dabei so, als gingen sie niemals heim, hätten vielleicht auch kein Zuhause. Alles spielt sich in einer fast andächtigen, religiösen Ruhe ab. Im Gegensatz zur Schattenzone der zweiten Brücke ist Musik in diesem Bereich verboten. Es herrscht eine klosterhafte Stille, in die sich hin und wieder ein leises Schnaufen mischt, sobald jemand seinen achtzigsten Klimmzug absolviert, um sich dann vollkommen lautlos von der Reckstange auf den Gummiboden gleiten zu lassen.

* * *

Ich koche für K, die spät aus dem Museum kommt und völlig fertig ist. Wir unterhalten uns kurz, verschwinden dann gemeinsam ins Bett und sehen uns noch etwas auf ihrem neuen Macbook an. Gegen zehn schalten wir das Licht aus und ich schlafe sofort ein. Ich träume von einem geschotterten Feldweg. Ich fahre auf einem nagelneuen Fahrrad und weiche größeren Steinen auf der staubigen, ockerfarbenen Strecke aus. Es fühlt sich an, als würde ich Slalom fahren, immer um die unweigerlich auftauchenden Hindernisse herum. Gleichzeitig beschleicht mich das Gefühl, es müsse Morgen sein, sehr früh am Morgen sogar, obwohl das Licht, durch das ich mich bewege, eher auf Mittag schließen lässt, denn die Sonne steht sehr hoch und die umliegenden Felder werfen grellweißes Licht zu mir zurück. Doch ich habe keine Zeit, meine Vermutung zu überprüfen, denn die Hindernisse reißen nicht ab und ich muss mein Vorderrad ständig im Blick behalten, um die plötzlich vor mir auftauchenden Schlaglöcher und Steine zu umfahren. Es weht ein warmer Wind, meine Stirn ist schweißnass. Ich weiß, dass es einen Fluss ganz in meiner Nähe gibt, in dem ich schwimmen und mich abkühlen könnte, doch ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn erreichen will. Aus irgendeinem Grund bereitet mir das Fahren auf dem durchlöcherten Feldweg eine unerklärliche Freude. Und deshalb trete ich weiter in die Pedale und beschleunige meine Fahrt.

Pessoa – Wien, 4. September

Ich höre den Schlüssel in der Wohnungstür und lege Pessoas Buch der Unruhe auf dem Küchentisch ab. Es ist kurz vor halb acht und K kommt spät nach Hause. Die ganze Woche über machte sie sich neun Uhr morgens auf den Weg und kehrte erst gegen sieben zurück, denn im Museum laufen die Vorbereitungen für eine Ausstellungen auf Hochtouren, die in der nächsten Woche eröffnen soll. 

Während ich die wenigen Schritte zum Herd gehe, um eine Kochplatte für die Pfanne anzustellen, hängt mir einer von Pessoas Sätzen nach. Er folgt mir wie ein Geruch oder eine Melodie, die sich als dichter Nebel in mir auszubreiten beginnt. Ich war immer nur eine Spur, ein Trugbild meiner selbst. Besser kann man es nicht ausdrücken, denke ich und gieße Öl in die Pfanne, die ein leises Zischen von sich gibt. Ich bin mir sicher, diesen Satz vor dreizehn Jahren, als ich zufällig auf Pessoas Bücher in einer Wiener Buchhandlung stieß, genauso empfunden zu haben wie heute, in diesem Augenblick. Im Jahr Zweitausendundeinundzwanzig. Im Monat September. An einem Abend, der weder warm ist noch kalt. In den Geräuschen des Hinterhofs. In der Musik, die aus einer angrenzenden Wohnung kommt. Wie damals erschrecke ich über die Wahrheit eines solchen Satzes, über seine Treffsicherheit. Ich zucke regelrecht zusammen, als hätte jemand in unmittelbarer Nähe eine Pistole abgedrückt. Pessoas Sätze legen etwas offen, falten etwas auf wie die Blätter einer Blüte im Licht und dann schaut man in den Kelch und spürt diese merkwürdige Verunsicherung einer Wirklichkeit gegenüber, vor der man sich zwangsläufig verschließen muss, um weiterzumachen. Es ist zu gefährlich oder zu schön, denn die Schönheit ist schrecklich. Am Ende ist wahre Schönheit ebenso schrecklich wie unverstellter Hass oder rohe Gewalt, denn auch sie trifft schonungslos das Herz. Man bleibt ihr schutzlos ausgeliefert.

K kommt müde in die Küche und legt ihren rosafarbenen Fjällräven-Rucksack auf einen der beiden Stühle. 

„Ich gehe schnell unter die Dusche“, sagt sie, „aber im Rucksack ist Bier.“

Sie dreht sich um und verschwindet, fragt mit lauter Stimme aus dem Bad, was es heute zu essen gebe.

„Fisch-Tacos“, rufe ich nach draußen in den dunklen Flur, denn das Badezimmer bekomme ich vom Herd aus nicht in den Blick.

„Eher ein Fisch-Burrito“, schiebe ich nach, obwohl ich bereits die Dusche höre und damit weiß, dass K mich nicht hören kann.

* * *

Wahrscheinlich bleiben wir alle bloß Spuren und vergessen irgendwann, dass wir nichts anderes als diese Spuren sind. Spuren auf einem Weg, von dem man sich unweigerlich entfernt, man tritt auf die Wiese, läuft einige Meter orientierungslos herum, findet den Weg erneut, folgt ihm ein weiteres Stück, obwohl man ahnt, in gewisser Weise im Dunkeln zu tappen. Dann kommt ein Abzweig, man bleibt verunsichert und etwas eingeschüchtert vor dieser unerwarteten Möglichkeit stehen und entscheidet sich kurze Zeit später für den rechten oder linken Weg. Sicher kehren manche auch einfach um und glauben damit der Entscheidung zu entgehen, aber das ist natürlich ein Trugschluss. Das Zurückkehren folgt dem Weg bloß auf andere Weise. Man entscheidet sich also für einen der Abzweige. Nicht, weil man weiß, was man tut, sondern weil man irgendetwas tun muss. Die Gegenwart fordert auf und schiebt voran, niemand bleibt so ungestraft vor einer Kreuzung stehen, egal wie diese auch beschaffen ist. Die Gegenwart rollt heran, sie drückt uns ihre Hände in den Rücken und schon geraten wir ins Stolpern, um im Nachhinein zu behaupten, alles habe seine Richtigkeit gehabt. Wir hätten zwischen verschiedenen Möglichkeiten gewählt und wir hätten es aus freien Stücken und nach reiflicher Überlegung getan. Am Ende sei doch alles ganz glücklich verlaufen. Überhaupt hätten wir eine ganze Menge Glück gehabt und hinter oder vielmehr unter diesem Glück leuchtet noch immer jene Spur, die wir einmal waren und noch immer sind. Etwas Unvollständiges. Etwas, das unvollendet bleibt. Wer kann von sich behaupten, etwas anderes als unvollständig zu sein? 

* * *

Ich öffne eine von Ks mitgebrachten Bierdosen und trinke einen Schluck. Dann mache ich mich über meinen Fisch-Burrito her, der mir erstaunlich gut gelungen ist, wie ich finde. K stimmt mir sogar zu und ihr Urteil wiegt schwer, denn sie besitzt eine weitaus feinere Zunge. Natürlich lässt sich mein zusammengewürfelter Burrito nicht ansatzweise mit Pepe’s Fisch-Tacos vergleichen, die wir vor drei Jahren in Mexiko gegessen haben, aber das wäre auch ein wenig zu hoch gegriffen. Dabei ging mir alles ziemlich leicht von der Hand und ich beginne allmählich so etwas wie ein Gefühl für das Kochen zu entwickeln, für das Zusammenspiel einfacher Zutaten zumindest. Auf dem angewärmten Tortilla verstreiche ich Ingwer-Hummus und verteile Kidney-Bohnen, grüne Paprikawürfel, Tomate und Gurke. Darüber kommt das gebratene Fischfilet, das ich umgehend mit Mangochutney bestreiche. Noch etwas gehackte Petersilie und alles ist fertig. 

Während K bis spätabends im Museum bleibt, verwandele ich mich widerstrebend in eine Reinigungskraft. Ich wasche Wäsche und hänge sie auf. Ich kümmere mich um das Geschirr und um den Müll. Ich putze das Bad, sauge Staub, schüttele unsere Betten aus. Komme ich gegen Mittag aus der Bibliothek, erledige ich schnell einige Handgriffe, um mein Gewissen zu beruhigen und mich danach an den Schreibtisch zu setzen. Das alles knabbert nicht an meiner Männlichkeit, einen solchen Charakterzug habe ich glücklicherweise nie besessen. Jeder muss Ordnung halten, so ist das nun einmal. Aber ich räume auch nicht begeistert auf, fühle mich danach nie, als hätte ich etwas zustande gebracht. Aus irgendeinem Grund siegt die Unordnung stets und bereits zwei oder drei Tage später machen sich erste Spuren bemerkbar, die das einmal Erreichte als flüchtigen Zustand kenntlich machen, der in endloser Wiederholung erneut hergestellt werden muss. Als betrachtete man eine weiße Wand, auf der sich in kürzester Zeit feine Risse bilden. Dann sehe ich den Staub, der sich auf den Fliesen im Bad und auf unserem Waschbecken bildet und greife wieder zum Lappen, endlos zu einem Lappen, der im Abstand der Wochen seine Farbe wechselt. Mal ist er grün, dann gelb, irgendwann auch rot. Ich wische über die Fliesen, ich putze das Bad, die Küche und unser Wohnzimmer und am Ende siegt dennoch der Staub. Manchmal kommt mir der Gedanke, meine Eltern müssten sehen, wie ich Ordnung halte. Das war schließlich der Generalvorwurf meiner Kindheit, nie hältst du Ordnung, du lebst im völligen Chaos. Im Schweinestall.

„Was machen wir jetzt eigentlich mit deinem Roman?“, fragt K mit vollem Mund. Sie sieht müde aus. Ihre blonden Haare sind nass und zurückgekämmt und leichte Schatten liegen unter ihren Augen.

„Was sollen wir mit dem Buch schon machen?“

„Was ist mit einer Releaseparty? Wir laden alle Freunde ein und du liest ein Kapitel.“

„Ein ganzes Kapitel?“

„Dann eben ein paar Seiten. Das ist ganz egal.“

„Das Buch ist doch aber schon ein paar Wochen draußen.“

„Das macht nichts.“

„Ich weiß nicht.“

K atmet hörbar aus.

„Warum bist du nie mit etwas zufrieden?“, fragt sie dann.

„Woher soll ich das wissen?“, erwidere ich.

Sie klappt ihren Laptop auf und startet eine Folge Killing Eve. Letztes Wochenende habe ich zwei russische Filme gesehen, in denen es auch um Auftragsmörder ging. Bruder 1 und 2 von Alexei Balabanow. Der erste Teil war richtig gut. Ein junger, gut aussehender Russe legt sich in Leningrad mit der Mafia an und erschießt einige Leute, bis er sich nach Moskau absetzt. Denn dort herrscht das wirkliche, das große Verbrechen. Und damit natürlich das Geld. Der Film ist durchzogen von patriotischen Botschaften, die im zweiten Teil immer plakativer werden, aber die rohe, bedrohliche Atmosphäre, die heruntergekommenen Straßen und die ebenso heruntergekommenen Menschen ziehen mich eigenartig an. Außerdem erinnert mich vieles an Taxi Driver, den ich irgendwann einmal gesehen habe. Aber das ist eine halbe Ewigkeit her.

* * *

Wir liegen auf unserem Bett und ich schaue zur Decke hinauf. Jetzt, um kurz vor neun, ist es draußen bereits dunkel. Die Dunkelheit ist noch nicht vollständig, aber sie wird es bald sein. In fünf oder zehn Minuten vielleicht.

Ich denke an meinen Roman. Ich denke an das Urteil meiner Freunde und ich denke an mein eigenes Urteil. In letzter Zeit denke ich häufig über die Folgenlosigkeit des eigenen Handelns nach. Bewege ich tatsächlich etwas, nähere ich mich einem Ziel, zumindest dem Ende eines Abschnitts? Es gibt Augenblicke, in denen ich nicht mehr unterscheiden kann, ob das, was ich tue, gut ist oder nicht. Ob ich mich mit Mittelmäßigkeiten beschäftige, in einer Spur zerfalle, nur noch Trugbild bin, wie es Pessoa nennt. Was mache ich hier eigentlich?, frage ich dann K. Du schreibst und hast ein Buch veröffentlicht, antwortet sie fast automatisch, denn sie kennt dieses Spiel. Die Verzweiflung stellt sich immer ein, sie bleibt nie aus. Das ist der mir entsprechende Wechsel. Mein Uhrwerk sozusagen.

Wir liegen nebeneinander im Bett und plötzlich tue ich etwas, das ich seit Jahren nicht getan habe. Ich versuche aufzuzählen, wofür ich dankbar bin an diesem Tag. Das ist eine esoterische Übung, die ich meinen Freunden gegenüber niemals eingestehen würde, denn das wäre mir unendlich peinlich.

Ich bin dafür dankbar, dass ich gesund bin und ewig nicht zum Arzt gehen musste.

Das ist das erste, was mir einfällt.

Ich bin für K dankbar, die mich und mein endloses Lamentieren erträgt. Was für eine Gnade!

Ich bin für die Zeit dankbar, die mir jetzt plötzlich außerhalb der Arbeit für das Schreiben bleibt. Noch im Juni hat mich das Museum gequält und jetzt plötzlich gibt es diese Halbtagsstelle, die das Schreiben ermöglicht. Etwas, auf das ich mich sechs Jahre lang zubewegt habe, um manchmal fast daran zu verzweifeln.

Irgendwann kommen mir ganz unsinnige Gedanken.

Ich bin für das Licht dankbar, für den Himmel, dafür, dass ich atmen kann.

Oh Gott, flüstere ich und greife nach dem Bier, der zweiten Dose an diesem Abend.

„Woran denkst du?“, fragt K, die neben mir mittlerweile eine Kochsendung auf Youtube schaut.

Jemand sucht nach dem ultimativen Pizzarezept und reist dafür durch die ganze Welt. Gerade ist er mit strahlendem Gesicht in Indonesien unterwegs und erschreckt die Einheimischen mit seinem euphorischen Gehabe.

„Ich denke an meinen freien Tag.“

„Hast du etwas vor?“

„Das weiß ich noch nicht so genau.“

„Dir fällt schon was ein.“

K widmet sich wieder ihrer Sendung und ich denke an den bevorstehenden Tag. Ich werde weiter in Liebe ist eine einsame Sache lesen, ich werde mich um den Haushalt kümmern, vielleicht gehe ich klettern. Ich folge irgendeiner Spur, werde mir wieder selbst zum Rätsel, wundere mich über alles, was folgenlos bleibt. Dann schaue ich nach rechts, auf Ks Bildschirm. Der grenzenlose Urwald Indonesiens flutet durch das Bild und ich weiß nicht, was dieser Urwald mit einem Pizzarezept zu tun haben kann. Ein undurchdringliches Dickicht leuchtet mich an, tiefgrün und gleichzeitig von einem eigenartigen Gewicht, von einer anziehenden, aber auch gefahrvollen Dunkelheit erfüllt. Ich erinnere mich an das Kanonenboot in Herz der Finsternis, das scheinbar grundlos in die bewaldeten Klippen einer namenlosen Küste feuert. Und dann schließe ich für eine Sekunde meine Augen und stelle mir vor, an der Grenze dieses Dschungels zu stehen, das weit entfernte Krachen der Kanonen im Ohr, das fast unhörbar leise geworden ist. Die Hitze auf meiner Haut, das Summen tausender Insekten ganz dicht an meinem Ohr. Rufe von Tieren, die keinen Namen tragen, nirgendwo verzeichnet sind. Und der Schweiß, der mir in die Augen läuft und dort wie Feuer brennt.

Donnerstag, 2. September

September. Der Monat, in dem meine Schwester ein Jahr älter wird. Außerdem ist er der letzte echte Sommermonat, auf den mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit der Herbst folgen muss. Im Oktober läuft man durch lange Schatten oder man läuft durch den kalten Regen, die Straßen verwandeln sich in stumpfe Spiegel und der Wind fühlt sich bereits nach Winter an. Man sucht die dicke Jacke heraus und hängt die leichte in den Schrank. Man wechselt die Bettdecken, dreht die Heizung auf, verfolgt das zurückweichende Licht. Das Licht holt den Tag nicht mehr ein, die Nacht vergrößert sich, sie nimmt sich das zurück, was sie den Sommer über eingebüßt hat und irgendwann beginnen die Bäume zu schwächeln und verlieren stoßweise ihr Laub. Wie jedes Jahr werde ich den Abflug der Zugvögel verpassen, obwohl ich sie eine Zeit lang zu dichten Gruppen gedrängt bei ihren Reisevorbereitungen in den Platanen beobachten kann. Dann sieht es so aus, als berieten sie sich nervös über die beste Route und könnten den bevorstehenden Abflug kaum erwarten. Von einem Tag auf den anderen werden die Platanen plötzlich leer sein und die Vögel spurlos verschwunden. Am Ufer wächst das hohe Gras im Wind, Wolken ziehen vorüber, das Wasser fühlt sich eisig an, fließt ansonsten aber unverändert durch die Stadt.

Gestern habe ich mit K darüber gesprochen, wie schnell uns die Zeit davonläuft. Die Wochen: ein kurzes sich Wundern. Die Monate: als kehrte man nach einem Ausflug in die Wohnung zurück. Das Jahr: ein paar verstreute Bilder, deren Ordnung sich nur schwer bestimmen lässt. Ich bin hierhin und dorthin gegangen, ich habe meinen Rhythmus gefunden, habe einige Bücher gelesen, eins herausgebracht und an zwei weiteren geschrieben, doch ich bin das Gefühl nicht losgeworden, weiter bloß auf diesem See zu schwimmen, dessen Grenzen sich mit jedem meiner Züge verschieben, ein See von ungewisser Ausdehnung und Tiefe und auch der Himmel darüber wirkt weder nah noch fern in seiner unverständlichen Klarheit, als zählte er sich selbst zu einer anderen Welt. Während ich schwimme, sage ich mir, alles, das Wasser, der verborgene Grund und selbst die blaue Kuppel über meinem Kopf, müsse sich mit den Fingern berühren lassen, legte ich es nur darauf an. Ich werfe meine Arme nach vor, tauche sie in die Wellen, strampele mit meinen Beinen und fühle, wie sehr mein Herz vor Anstrengung und Erwartung schlägt. Immer hat es auf irgendetwas gewartet. Die Erwartungen ist es niemals losgeworden.

In den letzten Monaten bin ich so viel wie seit Jahren nicht gelaufen, immer am Flussufer entlang. An manchen Tage lief ich in Richtung des Klinikums, wo viele Leute unterwegs sind oder auf den Bänken sitzen, die meisten Tage allerdings habe ich mich in Richtung Schleuse auf den Weg gemacht. Ich habe mehrmals die vor Anker liegende Missouri beobachtet, wie sie von einem Kran mit bunten Metallcontainern beladen wurde. Ein Schiff, das mit Sicherheit niemals etwas anderes als Neckar und Rhein gesehen hat und überhaupt nicht weiß, welchen märchenhaften Namen es trägt. Ich stelle mir vor, wie sein Kapitän an einem Abend ganz unerwartet beschließt – die Sonne ist bereits untergegangen und die Arbeiten längst eingestellt –, das Lastschiff in Richtung Nordsee und dann in Richtung Ozean zu steuern. Er weiß selbst nicht warum, aber am nächsten Morgen ist er nach New York unterwegs, obwohl sein Schiff nicht hochseetauglich ist. Er hat niemandem Bescheid gegeben und der Mann, der den Containerkran steuert, wundert sich eine Weile, wo die Missouri bleibt.

Auf meinen Spaziergängen in dieser Woche habe ich über eine Widmung nachgedacht, die ich dem Jahr der Fahnen voranstellen möchte. Wahrscheinlich werde ich noch einiges umschreiben oder komplett streichen, aber das ist das bislang mein Ergebnis: 

Dieses Buch ist allen Freunden gewidmet, die ich aus den Augen verloren habe. 

Es handelt von einem Jahr. Es handelt von einem Buch. Es handelt von der verlorenen Zeit. 

Es geht um die Zweifel, das Flüchten und um die Sehnsucht. Die Sehnsucht ist alles! 

Es handelt von einem Gefühl, für das ich keine Worte finden konnte. Auch im Jahr der Fahnen nicht. 

Zwei Tage (2), 29. August

Der nächste Tag. Vor meinem Fenster fällt ein matter, fast unsichtbarer Nieselregen. Draußen ist noch alles ruhig und ich bin mir nicht sicher, wie spät es ist. Keine Stimmen, selbst die Vögel verhalten sich still. Sobald sich ein Windstoß in den Hof verirrt, rauschen die Birkenblätter und auf dem Fensterglas zeichnen sich feine Tropfen ab. Gehe ich ans Fenster heran, um sie mir aus der Nähe anzusehen, scheinen sich die winzigen Halbkugeln im Wind zu bewegen. Sie vibrieren, zittern sogar und ich bin mir nicht sicher, welche Kraft diese kaum messbare Oberfläche in Spannung hält, um ausgerechnet ein Halbrund entstehen zu lassen. Wäre eine flache, vollkommen plane Fläche nicht viel einfacher? Ich gehe in die Küche und trete auf den Balkon, auf dem noch immer die Wäsche wartet, die ich vor einer Woche aufgehängt habe. In der Nacht hat es sich merklich abgekühlt. Der unsichtbare Regen gleitet eher hinab, als dass er fällt und er gleitet in Formation, als ein weiches, durchscheinendes Tuch. Fast schwerelos segeln die Tropfen in Richtung Boden. Die Dächer ringsum glänzen kühl und nass und machen einen düsteren Eindruck.

* * *

Für eine Weile saß ich gestern noch auf der Uferpromenade in der Sonne, nachdem der Typ mit seinem winzigen Rucksack verschwunden war. Ich wartete auf die Rückkehr der Eidechse, doch obwohl ich mich regungslos verhielt, tauchte sie nicht mehr auf. Jemand rief nach seinem Hund, der Hugo hieß, er rief so laut, dass man es über den gesamten Uferabschnitt hören konnte und dann flitzte mit einem Mal ein winziges braunes Tier durch das Gras, ein Hund, der noch kleiner als ein Dackel war und ständig zwischen den kniehohen Grashalmen verschwand, als hätte ihn ein imaginäres Moor verschluckt. Noch immer liefen Spaziergänger über die Wiese, manche direkt am Wasser entlang, andere eher in der Mitte des Uferstreifens. Ich sah Paare und Einzelgänger. Die Älteren hielten ihre Hände hinter dem Rücken verschränkt und gingen ein wenig vornüber gebeugt, so wie ich es manchmal ebenfalls mache. Noch ist das alles eher ein Spiel. Ich ahme mit einem ironischen Lächeln die Gesten der Alten nach, aber ich spüre bereits die Bequemlichkeit dieser Position, die sich bald, in vier oder fünf Jahren vielleicht, in meine eigene verwandelt haben wird. Sie wird mir gleichen wie andere Gesten und Laute auch, für die ich mich früher geschämt hätte. Hin und wieder stoße ich beispielsweise kleine Seufzer aus, wenn ich mich setze oder aufstehe. Das sind die Geräusche älterer Leute, Väter und Mütter und so weiter, und sobald ich mich bei einem dieser Laute ertappe, schüttele ich zu gleichen Teilen belustigt und genervt meinen Kopf. Das alles kommt doch viel zu früh. Doch gibt es für das Auftauchen dieser Altersgesten überhaupt einen passenden Moment? 

Auf meinem Treppenabsatz las ich weiter in Murakamis Roman und arbeitete mich langsam durch den Text. Erreichte ich das Ende eines Abschnitts, sah ich auf und nahm das Ufer in den Blick. Ein Hund, zwei Spaziergänger, Mann und Frau. Beide trugen leichte Jacken, hielten sich an den Händen und sahen regungslos geradeaus, als versuchten sie den Menschen an ihrer Seite nicht zur Kenntnis zu nehmen. Darüber Wolken, weiß, an den Unterseiten grau, der blaue Himmel dazwischen, strahlendes Lapislazuli. Die Hochhäuser am gegenüberliegenden Ufer wirkten wie Riesen mit Tausenden Augen, über die sich orange Lider müde senkten, die Sonnensegel der Balkone. Die Lider flatterten träge im Wind.

Beim Weiterblättern zerdrückte ich versehentlich eine Eintagsfliege, die sich unvorsichtig auf der linken Buchseite niedergelassen hatte. Ich bemerkte die Fliege im Bruchteil einer Sekunde, registrierte sozusagen ihren Landeanflug, aber alles ging viel zu schnell und deshalb schaffte ich es nicht mehr, meinen Finger auf eine andere Stelle zu setzen. Unter dem Druck meines Daumens zerrieb ich das Insekt, von dem nur ein grünlicher Streifen und ein winziger roter Tropfen übrig blieb und dann noch so etwas wie schwärzlicher Staub. Eigentlich ist die Existenz derart fragiler Lebewesen nicht zu begreifen. Fliegen, die dem schwächsten Lufthauch kaum widerstehen und so ungeschützt sind, dass ein Daumen sie in ihre Bestandteile zerlegt. Ein Finger, der nicht einmal besonders viel Kraft aufbringen muss, und schon ist die Fliege atomisiert. Und von ihr bleibt kein nennenswerter Rest, über den man sich weiter Gedanken machen könnte, nur diese schwärzliche Spur, die einmal ein Panzer aus Molekülen gewesen ist, unter dem ein Staubkorn von Leben steckte.

Während ich weiterlas, dachte ich plötzlich an meinen Roman, der vor gut zwei Wochen erschienen ist. Ich habe einem Schriftsteller, der für ein Magazin im Netz arbeitet, ein Interview gegeben, wobei mein Verlag den Kontakt hergestellt hat. Ich habe lange gebraucht, um die wenigen Fragen zu beantworten, die mich als Textdatei per Mail erreichten. Auf die meisten Fragen fiel mir anfangs überhaupt nichts ein. Ich saß an meinem Schreibtisch und überlegte, tippte dann ein oder zwei Sätze in das Dokument, nur um später wieder alles zu löschen. Keine Formulierung fühlte sich treffend an und am Ende verstand ich selbst die Interviewfragen nur noch zur Hälfte. Worüber gab ich hier eigentlich Auskunft? Über mich? Über meinen Roman? Was hatte ich über dieses Buch überhaupt noch zu sagen?

Etwa vier Wochen schrieb ich an meinen Antworten herum, die immer länger wurden. K erklärte, das alles sei doch ganz gut, aber so richtig zufrieden war ich nicht. Schließlich schickte ich das Dokument zurück und bekam einige Tage später eine weitere Mail, in der man mich um ein Foto und eine kurze Biografie bat. An meine Antwort hängte ich das einzig brauchbare Foto, das halbwegs nach einem Autorenfoto aussieht, und das ich mittlerweile nicht mehr ausstehen kann, doch etwas Besseres fiel mir auf die Schnelle nicht ein. Meine Antworten jedenfalls schienen dem Schriftsteller zu gefallen. Zumindest dankte er mir dafür.

Ich klappte Murakamis Buch zu, verstaute es gemeinsam mit dem mittlerweile leeren Thermosbecher in meinem Rucksack und nahm ein letztes Mal das in der Nachmittagssonne leuchtende Ufer in den Blick. Ganz plötzlich wirkte die Wiese vollkommen leer und ausgestorben. Die Menschen und die Hunde waren verschwunden und mir kam es so vor, als sei ihr Verschwinden endgültig, als habe man unter eine Rechnung seine Unterschrift gesetzt. Ich stand auf, warf mir meinen Rucksack über den Rücken und lief den asphaltierten Weg in Richtung Brücke zurück. Als ich an einer überquellenden Mülltonne vorbeikam, las ich auf dem verdreckten und von zahllosen Stickern beklebten Metall den Spruch, Kool Jürgen ❤️ You.

* * *

In meinem Roman sterben einige Leute jung, tatsächlich aber ist nur einer meiner Freunde jung gestorben und er war nicht einmal ein richtiger Freund. Eher war er ein Bekannter, einer, der manchmal in unserer Runde auftauchte, damals in Gera. Er war um einiges älter als wir, die wir noch aufs Gymnasium gingen, und erst später habe ich begriffen, dass darin bereits etwas Merkwürdiges lag, ein schiefer Fakt sozusagen. Sein ungewöhnlicher Name jedenfalls machte auf mich einigen Eindruck, obwohl ich sein Gesicht komplett vergessen habe. Ich weiß nur noch, dass dieser vielleicht Einundzwanzigjährige Reik hieß und ziemlich groß und schlaksig gewesen ist. Alles andere habe ich vergessen.

Reik starb angeblich einige Jahre später, nachdem ich ihn hin und wieder im Kreis meiner Freunde gesehen hatte, beim S-Bahn-Surfen in Berlin. Wer genau von seinem angeblichen Tod in unserer Runde zum ersten Mal berichtete, kann ich heute ebenso wenig sagen, wie ich mich an Reiks Gesicht erinnern kann. Doch auf einmal stand dieses Gerücht im Raum und wir saßen abends merkwürdig betreten auf den Bänken neben dem Stadtmuseum, tranken Bier gemischt mit Cola und versuchten, die Tragweite des Geschehens zu begreifen. Ich reagierte genauso betroffen wie alle anderen auch. Zumindest äußerlich reagierte ich so, denn innerlich fühlte ich bloß eine nebulöse Taubheit, die sich mit einer schwachen Verunsicherung mischte. Fast so, als stünde man im Begriff, eine Tür zu öffnen, hinter der sich etwas Erschütterndes verbirgt, dessen Gestalt, Umfang und Gefährlichkeit man nur ansatzweise erahnt. Ein Mensch war gestorben und etwas hatte mit dem Tod dieses Menschen seinen Abschluss gefunden. Doch was war dieses Etwas? Was war zu einem Ende gekommen? Ich wusste es nicht und ahnte damals, dass auch die anderen, trotz allem Schweigen und der gespielten Trauer, es nicht wussten. Wir taten alle so, als würden wir etwas verstehen, das wir nicht wirklich verstanden. Das Sterben war noch viel zu weit von uns entfernt, als dass wir es begriffen hätten. 

Allerdings blieb Reiks Tod, dem nach und nach etwas Mythisches anzuhaften begann, bis wir schließlich an einer Art Hagiographie arbeiteten, am intensiven Leben eines Abenteurers sozusagen, das weit über unseren eigenen, kleinen und sehr alltäglichen Leben schwebte, nichts weiter als ein Gerücht. Weder meine Freunde noch ich, die wir damals damit beschäftigt waren, uns auf die Abiturprüfungen vorzubereiten, konnten die Umstände seines Todes überprüfen. Auch brachte keiner in Erfahrung, wer zum ersten Mal davon erzählt oder die Geschichte erfahren hatte. Reiks Tod hatte uns bereits im Zustand der Legendenbildung erreicht. Man hörte von dieser Legende, ihr Ursprung aber blieb wie ihr Wahrheitsgehalt im Dunkeln und lud dadurch alles tausendfach auf. Am Ende wuchs die Geschichte zu einer so bedeutungsschweren Größe heran, bis wir ihre Wahrheit schließlich komplett aus den Augen verloren. Wie konnte etwas nicht geschehen sein, das einen derartigen Eindruck auf uns machte? 

Heute würde es mich nicht besonders wundern, wenn Reik mit Frau und Kindern glücklich und zufrieden in einem kleinen Dorf in Brandenburg lebte und niemals auf dem Dach einer S-Bahn gestanden hat. Aber es schockierte mich genauso wenig, falls er damals wirklich in Berlin ums Leben gekommen sein sollte. Mittlerweile sind einige Menschen in meinem Umfeld gestorben. Noch sind es nicht viele, ich kann sie an einer Hand abzählen, doch ich besitze jetzt ein Gespür für das Sterben, das sich auf das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit gründet. Und dieses Bewusstsein hatten wir damals, als wir von Reiks angeblichem Tod erfuhren, nicht. Womöglich hatten wir eine Ahnung davon, eine Art Abglanz, der sich zwischen uns wie die Reflexion eines fernen Lichts ausbreitete, ein ernster Schatten wie in Platons Höhle. Die Idee der Sterblichkeit aber erfasste damals niemand von uns, egal wie betreten wir unter den hohen Kastanie saßen, um unser Bier zu trinken, das noch zur Hälfte mit Cola gemischt war.

* * *

Murakami schreibt, Menschen, die wir jung verlieren, blieben ewig in jenem Alter, in dem wir sie verloren haben. Das stimmt. Menschen, die jung sterben, treten einen Schritt zur Seite, als hielten sie am Weg für einen Augenblick an, vielleicht, um sich kurz auszuruhen oder ihre Schuhe zu binden. Man lässt sie zurück und vergisst sie irgendwann, so wie wir alles Zurückgelassene mit der Zeit vergessen. Vielleicht verlieren wir es nicht ganz, aber mit den Jahren wird es doch zu etwas anderem. Später erinnert man sich an jene, die einen Schritt zur Seite gegangen sind und dann erinnert man sich an ein unverändert jung gebliebenes Gesicht. Diejenigen, die an den Wegrand traten, sind nicht älter geworden, sie sind achtzehn, einundzwanzig, fünfundzwanzig. In der Zwischenzeit sind wir selbst viel älter geworden, wir sind Fünfunddreißig oder fast Vierzig, wir spüren das Alter vielleicht sogar schon, aber die jung Gestorbenen, diejenigen, die von der Straße in den Schatten traten, um sich für eine Sekunde auszuruhen, stehen außerhalb der Zeit und haben dadurch den Verfall, genauso wie das Werden und Wiederauferstehen, hinter sich gelassen. Es bedurfte nur einer fast beiläufigen Bewegung und schon lag die magische Grenze hinter ihnen, die uns für immer voneinander trennt, diese Grenze, die jeder irgendwann überschreitet und über die keiner etwas anderes zu sagen weiß, als dass sie nur in eine Richtung überschritten werden kann. Keiner weiß mehr. Weder Philosophen noch Priester. Niemand kommt zurück.

* * *

Am nächsten Tag laufe ich durch den Nieselregen in Richtung Schleuse. Die Wolken wirken so, als leckten sie über die Spitzen der Bäume und alles ist grau, grau, grau. Den hinteren Teil der Uferwiese lässt die Stadtverwaltung in Ruhe. Hier tauchen keine Mähmaschinen auf und das Gras wächst, von mächtigen Brennnesselpopulationen durchzogen, ungehindert bis zur Höhe meiner Brust. Der hintere Teil der Uferwiese erinnert mich im Zustand seiner Verwilderung stets an Tarkowskis Stalker. An jene Szene, um genau zu sein, in der sich der Stalker in das hohe Gras auf den Rücken legt, seinen Arm über die Stirn breitet und von Stachelschwein berichtet, dem die Zone seinen innigsten Wunsch erfüllt habe. Ein paar Tage danach sei er tot gewesen.

In jenem Moment, als ich unter der Eisenbahnbrücke hindurch laufe, fährt ein Zug über mir hinweg. Ein merkwürdiges Dröhnen setzt sich nach unten hin fort. Wüsste ich nicht, was ein Zug ist und was ein Zug für Geräusche verursachen kann, könnte dort oben auch gerade ein Raumschiff abheben oder landen. Irgendwann werden mit Sicherheit auch die Züge verschwunden sein und mit ihnen ihre Geräusche. So wie das Pferdegetrappel aus den Städten verschwand, was man sich vor einhundert Jahren ja überhaupt nicht hat vorstellen können. Eine zivilisierte Großstadt, ohne das allgegenwärtige Getrappel vierbeiniger Fluchttiere? Unmöglich!

Eine halbe Stunde später erreiche ich die Schleuse. Ich setze mich auf den gemauerten Damm und warte auf ein Schiff, das sich heute allerdings nicht zeigen will. Stalker habe ich damals in Berlin zum ersten Mal mit André und Melli gesehen. Ich war sofort hin und weg. Bis auf Offret zählen Tarkowskis Filme zu meinen absoluten Favoriten, obwohl ich seinen ersten Kriegsfilm nie gesehen habe. Damals suchte ich mir in den Berliner U- und S-Bahnen ausnahmslos einen Sitzplatz entgegen der Fahrtrichtung aus. War in einem Abteil ein solcher Platz nicht frei, blieb ich ganz einfach stehen. Ich sagte mir, dass ich unbedingt beobachten will, was verschwindet und nicht, was kommt. Ein völlig idiotischer Gedanke natürlich, ein Gedanke, wie man ihn nur mit Anfang Zwanzig denkt, um an ihm gleichzeitig seine Befähigung zu irgendeiner großartigen Tat abzulesen. Wobei man selbstverständlich das Prätentiöse an der ganzen Sache übersieht. Ich sah die Tunnel verschwinden, die Leuchtstoffröhren vor unterirdischen Eingängen, ich sah die zurückbleibenden Gebäude auf der Schönhauser Allee und auf dem Ring, in irgendwelchen namenlosen Zonen der Stadt. Ich betrachtete diese unmögliche Stadt, träumte von einem Buch und schrieb keine einzige Zeile. Im Abstand von Monaten schrieb ich einige schlechte Gedichte und schickte sie an irgendwelche Zeitschriften, ohne jemals eine Antwort zu erhalten. Eine Zeitlang versuchte ich es mit dem Rauchen, kaufte mir Tabak und Blättchen, rollte mir Zigaretten, aber auch das brachte nichts. Ich schleppte meinen Bass durch die Gegend, spielte später Schlagzeug in zwei oder drei kurzlebigen Bands. In Cs froschgrünem Honda fuhren wir sogar auf Tour. Da wir kein Geld hatten, fiel unser Equipment überaus dürftig aus, aber das störte in den besetzten Häusern und Jugendclubs kein Schwein. Als wir wieder in Berlin waren, verlängerte ich mein Semesterticket, ließ mich entgegen der Fahrtrichtung auf einen freien Sitz fallen und fuhr mit der S42 einmal komplett um den Ring. Ich setzte alles daran, mir diese einstündige Fahrt als Abenteuer zu verkaufen, über das sich vielleicht sogar schreiben ließ, doch mit jedem weiteren Halt stieg ein Gefühl der Beklommenheit in mir auf. Was tat ich hier eigentlich? 

Leute stiegen ein und andere stiegen aus, es herrschte ein erschöpftes, etwas ruppiges Feierabendgedränge. Manchmal schnauzte jemand einen anderen an. Dann kam es zu einem kurzen Wortgefecht und die Wogen glätteten sich wieder. Vor den Abteilfenstern existierte eine Stadt von ungenauer Dimension. Es konnte eine Stadt, genauso gut aber auch eine Nichtstadt sein, eine großangelegte, gigantische Unbestimmtheit, deren Bewohner sich pausenlos davon zu überzeugen versuchten, dort draußen sei tatsächlich etwas anderes als eine durchtriebene Maschine am Werk. Als wir die nächste Station erreichten, griff ich nach meinem Rucksack, setzte ihn auf und arbeitete mich in Richtung Tür. Jemand pfiff eine Melodie, kaum hörbar, als pfiffe er bloß für sich selbst. Erst auf der Straße war ich in der Lage, die Melodie einzusortieren. Der Verkehr flutete sechsspurig in zwei entgegengesetzten Richtungen an mir vorbei. Let it be von den Beatles, sagte ich mir. Ich verstand einfach nicht, wie die anderen es machten. Ganz offensichtlich kamen sie auf irgendeine verschrobene Weise klar, die sich mir vollständig entzog.