Besuch aus Saint Joseph (3), 31. Juli

Ich stehe mit André in der Nähe der Tramhaltestelle. Sein Zug zurück nach Berlin geht in einer halben Stunde und wir warten auf eine Straßenbahn, die ihn zum Hauptbahnhof bringt.

„Ich kann gern mitkommen, wenn du magst“, sage ich.

„Das ist nicht nötig“, antwortet er. „Die Tram fährt doch bis zum Hauptbahnhof durch, oder?“

Ich nicke.

„Die Fahrt dauert nicht länger als fünfzehn Minuten.“

„Dann kann ich mir sogar noch etwas zu essen besorgen.“

„Genau.“

Wir schweigen einander an. Der Moment des Abschieds ist gekommen, aber mir fällt nichts Passendes ein, was ich sagen könnte. Ich stehe einfach nur da und versuche, unauffällig an André vorbeizusehen, fast so, als betrachtete ich die anderen Leute, die auf die Ankunft der Tram warten. 

„Lass mich noch ein Foto von dir machen“, sage ich dann.

„Hier?“

Er sieht sich verwundert auf dem geschotterten Platz mit den jungen, ziemlich kränklich wirkenden Bäumen um. Die Sonne brennt auf uns hinab. Es ist kurz vor Mittag und heiß, aber noch genauso stürmisch wie gestern, als uns das Gewitter im Park überraschte und wir klatschnass geworden sind.

Ich zücke mein Handy und drücke zweimal auf den Auslöser. Später fällt mir auf, dass ich gegen die Sonne fotografiert habe, so dass von André nicht viel mehr als eine dunkle Silhouette zu erkennen ist. Betrachtet man das Foto genauer, treten seine Züge aus den dunklen Bereichen. André sieht verlegen nach rechts aus dem Bild und steht ansonsten genauso steif und mit hochgezogenen Schultern in der Bildmitte, wie er vor zehn oder fünfzehn Jahren auf alten Fotos stand. Auch daran hat sich nichts geändert.

Als die Tram kommt, geht alles sehr schnell. Er setzt sich seine OP-Maske auf und wir umarmen uns hölzern. Ich klopfe ihm kurz auf den Rücken und sage, dass mich sein Besuch wirklich gefreut habe und ich ihn in den USA bald besuchen wolle, ich sei ja noch nie im mittleren Westen gewesen. Vielleicht schaffte ich es mit K ja schon im nächsten Jahr, je nachdem, wie es mit der Arbeit laufen würde.

„Ihr seid immer willkommen“, erwidert er und macht sich auf.

Der Kies knirscht unter seinen Schritten, ein paar Fahrradfahrer kreuzen seinen Weg. Aber André scheint sie kaum wahrzunehmen.

„Hast du auch nichts vergessen?“, rufe ich ihm nach und senke sofort meine Stimme. Ich will nicht, dass die anderen mich für einen übervorsorglichen Verwandten halten, gleichzeitig aber möchte ich ihm nicht einfach stumm und angewurzelt hinterher blicken.

„Pass auf dich auf“, rufe ich ein letztes Mal.

„Du auch.“

Die Türen der Tram schließen sich mit einem Ruck und noch bevor die Straßenbahn abgefahren ist, drehe ich mich um und laufe zurück in Richtung Wohnung. Ich habe nicht versucht, André hinter den breiten Fenster der Bahn ausfindig zu machen. Wir haben uns voneinander verabschiedet, warum sollte wir uns also noch einmal aus der Ferne zuwinken? Dennoch kommt es mir nun so vor, als hätte sich unsere Verabschiedung hastig und überstürzt vollzogen, als wäre noch nicht alles gesagt. Doch was fehlt, was blieb unausgesprochen? Was kann man alles sagen in zwei Tagen und nach vier oder fünf Jahren, in denen man einander nicht gesehen hat?

Auf dem Rückweg fühle ich mich niedergeschlagen. Es ist nicht sonderlich dramatisch, eher ein schwacher Anflug von Melancholie, wie ich ihn seit meiner Kindheit mit Momenten des Abschieds in Verbindung bringe. Er hat etwas mit dem Verschwinden der Menschen zu tun, mit einer Trennung, die absehbar war und dennoch plötzlich, fast unerwartet, kommt. Etwas Ähnliches habe ich viel intensiver während meines Studiums gefühlt, immer dann, wenn ich die Stadt meiner Eltern verließ, wenn ich im Zug saß, um nach draußen auf den nun leeren Bahnsteig zu schauen, auf dem eben noch die anderen Reisenden mit mir gewartet hatten. Der Zug stand noch immer, er fuhr nicht los, und dann dachte ich an mein Leben in Berlin und wie unglücklich ich eigentlich war und dass ich auch hier, in der Stadt meiner Jugend und meiner Eltern insgeheim unglücklich gewesen war und niemals weitergewusst hatte, so wie ich das ja auch jetzt nicht wusste, ich konnte ganz einfach nicht sagen, wohin mit mir, ich fand keine Ruhe, obwohl ich instinktiv spürte, diese Ruhe finden zu müssen und vielleicht auch aus diesem Grund schmerzte es, nun wieder abzufahren, mich auf den Weg zu machen in Richtung des Unbekannten und Lieblosen, denn insgeheim verband ich die Lieblosigkeit mit Berlin, obwohl ich das damals eher erahnte, als verstand. Letztendlich war es auch nicht alles, was mir diese Stadt bedeutete, aber das habe ich erst sehr viel später bemerkt. Damals existierte für mich keine Liebe in Berlin, niemand, der auf mich wartete und das wurde mir während der Abfahrt schlagartig bewusst, der Zug wartete weiterhin auf ein Signal, sich bewegen zu dürfen, er wartete auf einem Gleis in der Stadt meiner Eltern, in der Stadt, in der ich aufgewachsen war, achtzehn Jahre gelebt hatte und wie so häufig begann ich erneut, mir eine eingespielte Rechnung vorzunehmen, darin lag fast etwas Manisches, etwas Krankhaftes, ständig diese Rechnungen, wie alt man war und wie alt die anderen und dann der Vergleich, was hatten sie geschafft mit dreiundzwanzig und was hatte ich geschafft und wie viel Zeit würde mir noch bleiben und auch jetzt rechnete ich die Jahre aus, die ich bereits in Berlin verbracht hatte und die Gesichter meiner Freunde tauchten vor mir auf, als hätten sie nur auf diese Wiederholung einer alten Gleichung gewartet, meine Freunde, die merkwürdigerweise zurecht kamen, deren Leben sich unablässig veränderten, zum Bessern, wie ich dachte, die Leben begannen Kontur zu gewinnen, die Planlosigkeit verschwand nach und nach, sie liefen längst nicht mehr in dieser allumfassenden Unbestimmtheit herum wie früher, sondern fanden Dinge, an denen sie festzuhalten versuchten auch über das Studium hinaus. Mein eigenes Leben allerdings floß träge wie ein schmaler Bach mit geringem Gefälle und als der Zug sich endlich in Bewegung setzte, brach die Melancholie über mich herein, eine wirkliche Welle, wahnsinnig und hoch, sie begrub mich wie eine Mauer unter sich, während ich nach draußen sah und eigentlich nichts vor den Fenstern unterschied, regnete es?, schien die Sonne?, wehte ein Wind?, ich konnte es nicht sagen, ich spürte nur jene Bodenlosigkeit in mir und dass ich weder in die eine noch in die andere Stadt gehörte und damit allein war, vollkommen allein, auch wenn das natürlich nicht stimmte. 

Vielleicht hing meine Niedergeschlagenheit aber auch mit dem Gefühl zusammen, stets mit leeren Händen in der Stadt meiner Eltern zu erscheinen und genauso wieder zu verschwinden. Hatte mein Leben in Berlin nicht ganz unglaubliche Ausmaße annehmen sollen? Als ich zu Hause ausgezogen war, hatte ich an nichts anderes gedacht, ich hatte keinen konkreten Gedanken in mir, sondern nur dieses unglaublich drängende Gefühl, jetzt endlich müsse etwas Außergewöhnliches beginnen, etwas Großes, Grundlegendes, eine Veränderung müsse sich für mich und in mir vollziehen, deren Ausmaße alles sprengten, was mir bisher untergekommen war und das einzige Bild, das in dieser konfusen und gestaltlosen Sehnsucht ein wenig Selbständigkeit gewann, war ein Mädchen, die Liebe, denn das war es doch auch, wonach ich mich so wahnsinnig sehnte, ein Mädchen!, die Liebe!, verdammte Scheiße, das musste doch möglich sein, die Sehnsucht, die Möglichkeit, das Offene, aber auch die Verunsicherung, das Unverständnis, die Unerfahrenheit.

Ich laufe über die Langstraße, ich entdecke Menschen, die in weißen Plastikstühlen vor einer neu eröffneten Bar sitzen, die ich niemals betreten werde und biege auf die Laurentiusstraße ein. Eigentlich ist das ein Umweg. Nach der Verabschiedung von André hatte ich vor, direkt nach Hause zu gehen und mich hinzulegen, denn gestern waren wir ziemlich lange wach und haben einiges getrunken, doch nun spüre ich diese Unruhe in mir und möchte mich noch ein bisschen bewegen.

Ich quere die Dammstraße, laufe dann weiter in Richtung Fluss. Das Ufer taucht auf mit seinem Gestank, der noch immer vom Hochwasser geblieben ist, das Wasser zieht sich unendlich langsam von der Uferwiese zurück. Noch behalten die Enten und Schwäne die Oberhand und können sich sicher fühlen, bald aber wird das Wasser verschwunden sein und dann machen die Leute den Vögeln ihr Revier wieder streitig.

Ganz automatisch schlage ich den langen Weg in Richtung Schleuse ein. Ich sage mir, jetzt läufst du den langen Weg in Richtung Schleuse, obwohl dieser Weg tatsächlich eher unbedeutend ist. Eine halbe Stunde hin und eine halbe Stunde zurück, meine Uhr sagt mir nach jedem Spaziergang, ich hätte knapp zweihundert Kalorien verbrannt, was ich ausgezeichnet finde, es ist ein kleiner, völlig unbedeutender Sieg.

Die meisten Menschen, die mir auf dem Weg begegnen, sind Hundebesitzer. Hin und wieder überholen mich Jogger in knallbunten Klamotten, rosa und neongelb, enge Hosen, die komplette Kostümierung mitteleuropäischer Sportlichkeit im Jahre Zweitausendeinundzwanzig. Die Leute wirken ausgesprochen gesund, sie schwitzen kaum, ihre Gesichter strahlen eine mich überfordernde Zufriedenheit aus und ich denke aus Trotz, so möchte ich auch durch den Tag gehen, obwohl ich weiß, dass ich längst nicht mehr so unzufrieden bin wie in jener Zeit, die ich gemeinsam mit André und den anderen in Berlin verbrachte.

Mit der für ihn typischen Gelassenheit setzte André mir gestern seinen Plan für die nächsten Jahre auseinander. Um in den Beamtendienst der amerikanischen Universität übernommen zu werden, müsse er in den kommenden fünf Jahren einiges publizieren und auch nicht irgendwo, es mussten bedeutende Fachzeitschriften sein und das zöge sich mitunter in die Länge. Einer seiner Aufsätze würde nun seit bereits einem Jahr in einer Redaktion liegen, um dort auf die Bewertung durch irgendwelche Gutachter zu warten und dieses Jahr, erklärte mir André, sei unglaublich schnell vergangen, viel zu schnell eigentlich, und noch immer könne ihm niemand sagen, ob sein Aufsatz am Ende überhaupt publiziert werden oder ihn einfach nur die Antwort erreichen würde, danke, aber das ist dann doch nichts für uns. Allerdings seien das lediglich die bürokratischen Hürden, um an eine sichere Stelle zu gelangen und er wolle sich keinesfalls beschweren. Außerdem befände er sich auch nicht in einer Stadt, an der sich die Leute gegenseitig massakrierten, um einen Posten zu erhalten, die Konkurrenz in New York, Chicago, San Francisco und an anderen Standorten mit Eliteuniversitäten sei um einiges schlimmer, viel schlimmer sogar, als man sich das als Außenstehender wahrscheinlich vorstellen konnte. Von daher sei alles gut, fünf Jahre mit einem sicheren Einkommen, er und Andrea ließen sich das nicht nehmen und wenn alles weiterhin nach Plan verliefe, würde er im kommenden Jahr ein Sabbatical nehmen und dann würden sie gemeinsam wieder in der Welt herum reisen, zwölf Monate lang ohne jede berufliche Verpflichtung, wie er mit einem Grinsen erklärte, der Balkan würde sie interessieren, ein Roadtrip durch den Südosten Europas.

Überhaupt, setzte er nach einer Pause fort, liefe es für ihn und seine Frau darauf hinaus, nur so viel wie nötig zu arbeiten. Die Arbeit als Selbstzweck, das sollte man den Menschen mit protestantischer Lebenseinstellung überlassen. Nur so viel arbeiten, wie unbedingt nötig ist und in der arbeitsfreien Zeit lernt man Sprachen, man verbringt sie auf Reisen, liest Bücher, macht etwas tatsächlich Brauchbares, etwas Wesentliches, das mit dem Leben und nicht mit dem Nützlichen zusammenhängt. Das Nützliche ist auf das Geld ausgerichtet und damit vollkommen wertlos, auch wenn man natürlich nicht außerhalb des Geldes existieren kann, wir sind schließlich alle nicht reich, erklärte er, wir müssen alle unsere Miete bezahlen und die Einkäufe und auch wenn sich diese Ausgaben reduzieren lassen, bringt man sie doch niemals auf null, ohne in die vollkommene Abhängigkeit von Land und Feldarbeit zurückzukehren, was ja wohl nicht unser Ziel sein kann, denn das wäre komplett idiotisch. Schon damals in Marseille, kurz nach dem Abschluss seines Studiums, habe er gewusst, so frei und ungebunden wie nur möglich leben zu wollen, darin lag das Ziel und wo war man freier als Dozent an einer Uni? Weißt du, wie oft ich im Büro sein muss?, fragte er mich. Ich schüttelte meinen Kopf. Zwei Tage in der Woche, antwortete er und lächelte. Zwei Tage für ein paar Stunden. Natürlich muss ich nebenher an meinen Aufsätzen schreiben und forschen, aber das ist ja keine zwangsverordnete Arbeit, sondern eine Beschäftigung, mit der ich gern und eher leben kann, als mit allen anderen Beschäftigungen, die mir sonst einfallen würden. Und darüber hinaus werde ich auch noch für diese Beschäftigung bezahlt. Andrea und ich haben Zeit, Thomas, wir haben tatsächlich Zeit. Sie kann ihre Sprachkurse überall auf der Welt über das Internet durchführen, das ist überhaupt kein Problem. Erst im letzten Jahr war sie zwei Monate lang in Kolumbien, um Freunde zu besuchen und die Sprachkurse haben ihren kompletten Aufenthalt in Südamerika finanziert. Wir werden so weiter machen. Schon damals in Marseille habe ich gehofft, wir könnten ein solches Leben führen und jetzt ist es für uns erreichbar. Eigentlich sei es die ganzen Jahre erreichbar gewesen, erklärte er. Sie führten ja ein solches Leben, sie bereiteten sich nicht mehr länger darauf vor.

Während André sprach, wurde ich immer stiller. Irgendwann schwieg ich ganz und beschränkte mich darauf, mit knappen Worten zu signalisieren, dass ich ihm weiter zuhörte. Unglaublich, klasse, dass euch das gelingt. Jetzt auf dem Damm, das Hochwassergebiet wie eine Sumpflandschaft unter mir, frage ich mich, weshalb André in der Lage ist, dieses Leben, das auch mich unglaublich anzieht, so problemlos einzurichten. Ihm fällt das alles nicht zu, auch für ihn und Andrea gab es schwierige Entscheidungen, doch er musste nicht erst sechs Jahre in aufreibenden Vollzeitjobs verbringen, nur um festzustellen, wie wenig diese Wirklichkeit seiner Vorstellung eines angemessenen Lebens entsprach. Und das Wahnsinnige daran ist, dass auch ich von Anfang an wusste, niemals ein solches Leben zu meinem Leben machen zu können und dennoch benötigte ich sechs ganze Jahre, um endlich eine Halbtagsstelle zu erwischen, die das Schreiben aus seiner Randexistenz erlöst. Sechs Jahre habe ich dafür gebraucht. Man könnte auch sagen, dass ich sechs Jahre mit dem Unwesentlichen verschwendet habe. Doch warum? Ich finde keine Antwort. Ich weiß nur, dass ich jede einzelne Stelle wie ein Schlafwandler antrat, in völlig ungläubigem Staunen, was sich da plötzlich um mich herum tat, als hätte mich ein unsichtbares Gericht zur Lagerhaft verurteilt. Manchmal fühlte ich mich regelrecht gebrochen und bis heute bin ich der Meinung, mich besonders in der Anfangszeit meines Arbeitslebens, in Marbach und Mannheim, komplett aus den Augen verloren zu haben. Eine Strömung treibt dich aufs Meer und dann kommt es auf deine Schwimmkunst und Ausdauer an, so ist es wahrscheinlich immer im Leben. Nicht einmal die Küste ist noch in Sicht und es wirkt verführerisch und vielleicht sogar sinnvoll, sich treiben zu lassen und auf Rettung zu hoffen, eine Rettung, die ja immer kommen kann, vielleicht wissen die anderen sogar von der Strömung und halten nach den Unglücklichen Ausschau. Aber die Rettung liegt in solchen Fällen stets in der eigenen Angst und die Angst hält dich vor dem Aufbruch zurück. Sie möchte, dass du nichts wagst, dass du bleibst, wo du bist, sie will nicht weiter ins Unbekannte hinaus und deshalb muss man die Angst hinter sich lassen und anfangen zu schwimmen, egal wohin, in welche Richtung auch immer. Ob man dabei untergeht oder nicht, die Angst vor dem Aufbruch ist das unmissverständliche Zeichen, dass man sich auf den Weg machen muss, dass sich der Aufbruch lohnt. Die Angst ist die Spur, der man folgen muss, denn man schreckt nur vor jenen Dingen zurück, die Bedeutung besitzen, deren unheimlichen, befreienden Wert man erahnt. Die Angst ist der Nullpunkt der Freiheit, immer und überall, denn die Freiheit bestimmt nicht über Glück und Unglück, Sieg oder Niederlage, sie ist einfach nur da, sie ist ein Raum, den man betreten kann oder nicht, eine offene, gestaltlose Fläche, nicht mehr und nicht weniger, sie ist eine Möglichkeit, in der alles aufs Spiel gesetzt werden muss und deshalb gibt es die Angst, denn sie erahnt dieses Spiel und sie weiß von der Möglichkeit, doch unsere Angst, unsere Angst darf nicht zählen, man darf ihr nicht unterliegen, niemals.

Besuch aus Saint Joseph (2), 27. Juli

Weit unterhalb des Hügels sehe ich die Kinder auf der Holzkonstruktion eines gestrandeten Schiffs. Sie spielen, als machte ihnen die drückende Luft nichts aus, die Schwüle, die ein Gewitter ankündigt, dessen erste Ausläufer als geschwollene, graue Zungen bereits den Himmel bedecken und während ich die Muster verfolge, mit denen die Kinder über diesen, aus der Entfernung fast winzig erscheinenden Spielplatz rennen, erratische Muster, wie ich denke, unberechenbar und deshalb frei und ehrlich, spüre ich, wie sehr die Hitze auch André zusetzt, der neben mir auf seinem blauen Metallstuhl zentimeterweise vor und zurück rutscht, als fiele es ihm schwer, eine bequeme Position zu finden. 

Vor einer halben Stunde haben wir versucht, mit Ks Jahreskarte über einen Nebeneingang in den Park zu gelangen. 

„Das ist überhaupt kein Problem“, sagte ich, „du scannst einfach den Strichcode und schon bist du drin. Ks Foto ist dabei ganz egal, der Scanner sieht schließlich nicht, ob der Besitzer auch zur Karte passt.“

Als wir uns wenig später durch das Drehkreuz schlängelten, tauchte zu meiner vollständigen Überraschung ein junger Typ aus so etwas wie einem Bauwagen auf. Er trug eine gelbe Warnweste und kam ohne zu zögern auf uns zu.

„Darf ich mal eure Eintrittskarten sehen, bitte“, sagte er und mein Herz begann aufgeregt zu schlagen, auch wenn ich äußerlich vollkommen ruhig blieb. Zumindest war ich davon überzeugt.

Ich hielt meinen Ausweis in die Höhe und der andere verglich mein Gesicht mit dem aufgedruckten Foto, ohne sonderlich überzeugt zu sein. Dann musterte er André und den Ausweis von K und zögerte sofort.

„Das da auf dem Foto ist eine Frau“, sagte er und wirkte mit einem Mal weniger gefährlich als schüchtern und irritiert. Fast so, als müsste er gegen seinen Willen diese unangenehme Situation in Ordnung bringen.

„Das kann doch nicht sein!“, antwortete ich, um so zu tun, als hätte ich das alles und besonders die Verwechslung von Anfang an geahnt. 

„Hast du wieder die falsche Karte eingesteckt?“, warf ich André zu und hoffte, dass er meine Finte verstand. Aber er erwiderte nur irritiert und verständnislos meinen Blick.

„Wir legen unsere Jahreskarten in der WG immer an dieselbe Stelle“, erklärte ich dem Parkwächter. „Wahrscheinlich hat er sich aus Versehen die falsche Karte geschnappt. Das ist schon mal passiert.“

Ich schob ein Lächeln nach, dass gewinnend wirken sollte.

„Tut mir leid“, gab der Wachmann ungerührt zurück, der ähnliche und sicher auch weitaus bessere Erklärungen auswendig zu kennen schien und mit keiner Wimper auf meine Geschichte reagierte. „Ich darf nur Leute reinlassen, die mit dem Foto auf der Karte übereinstimmen. Ihr müsst wieder gehen.“

„Kannst du keine Ausnahme machen?“, fragte André ohne jeden Anflug von Nervosität.

Der andere schüttelte betroffen seinen Kopf, was mir sofort ein schlechtes Gewissen machte. Mit einem Mal sah es so als, als würden wir ihn in eine ausweglose Lage bringen, als drängten wir ihn eine Ecke, indem wir an seine Mitmenschlichkeit appellierten, obwohl er einfach nur gezwungen war, seinen Job zu tun. Genau dafür hatte man ihn schließlich eingestellt, er sollte Leute wie uns aus der Menge der übrigen Besucher filtern.

„Alles klar“, hörte ich André sagen, „wir gehen einfach wieder. Tut uns leid.“

„Kein Problem“, erwiderte der Parkwächter erleichtert. „Ich könnte wirklich Ärger bekommen, müsst ihr wissen.“

„Stimmt, tut uns leid“, schob auch ich nach und wir machen kehrt.

Als wir die Drehtür hinter uns gebracht hatten und wieder draußen im unteren Luisenpark standen, schaute ich André an.

„Ich wollte nicht, dass er Ärger bekommt“, erklärte er.

„Geht mir genauso.“

„Und jetzt?“

Ich dachte einen Augenblick nach.

„Wir könnten einfach zum Haupteingang laufen und dir eine Tageskarte holen. Die kostet nicht viel und der Park ist wirklich schön. Er ist sogar echt sehenswert.“

„Ist es noch weit bis zum Eingang?“

„Zehn Minuten, nicht mehr.“

„Dann machen wir das.“

„Super.“

Eine halbe Stunde später stehen wir vor den Vogelvolieren im hinteren Teil des Parks und schauen uns eine Schneeeule an.

„Die ist ja riesig“, sage ich begeistert.

„Das hätte ich wirklich nicht gedacht“, erwidert André.

Ich bin froh, dass wir die Volieren auf Anhieb gefunden haben und dass ihm die Tiere gefallen. Aus irgendeinem Grund habe ich immer das Gefühl, mein Besuch dürfe sich auf keinen Fall langweilen. Ich bin stets für die gute Laune der anderen verantwortlich.

„Nur schade, dass die Vögel hier nicht fliegen können“, sagt André. „Die Käfige sind ja winzig.“

„Ein Trauerspiel.“

„Absolut.“

Wir laufen weiter, weichen Familien mit kleinen Kindern aus, die unter wildem Geschrei in Richtung der Käfige stürmen. Im Vorbeigehen fällt mir ein eigenartiger Vogel mit einem faustgroßen Körper auf, der auf hohen, stelzenartigen Beinen geht und einen unwahrscheinlich langen, dafür aber dünnen und an der Spitze nach oben gebogenen Schnabel besitzt.

„Was soll das denn sein?“, sage ich und zeige auf das Tier, das in diesem Moment stehen bleibt und mich ansieht, als fühlte es sich durch meine Frage unangenehm berührt. „Das ist doch wohl ein Witz!“

André beginnt zu lachen. 

„So einen habe ich ja noch nie gesehen!“, sagt er. „Der ist ja total lächerlich!“

Der Vogel trippelt mit schnellen Schritten davon, als hätte ihn unsere Beleidigung tödlich getroffen. Allerdings kommt er nicht besonders weit, denn sein Käfig bietet auf den ersten Blick kaum Rückzugsmöglichkeiten, er ist vollgestopft mit zahllosen anderen Artgenossen, kleine, große, manche zu zweit, viele allein. Eine zusammengewürfelte Gruppe hat sich um ein Wasserloch herum versammelt und scheint lethargisch zu überlegen, ob sich das Ertrinken lohne oder ob man einfach weitermachen soll wie bisher. Währenddessen fliegen Spatzen in die Voliere hinein und wieder heraus und machen sich am Futter der exotischen Geschwister zu schaffen. Ihre Körper sind klein genug, um durch die Maschen der Drahtverschläge zu passen und das, denke ich, muss für die anderen Vögel das eigentliche Martyrium sein, eine Freiheit, die greifbar, aber doch unmöglich ist. Fast wie bei Tantalos, vor dem das Wasser und die Früchte Reißaus nahmen, sobald er zu trinken oder zu essen versuchte.

Während wir weiter durch den Park spazieren, fällt mir wieder einmal auf, wie riesig diese Anlage eigentlich ist und wie viel Arbeit in ihr steckt. Mein Blick fällt auf aufwendig gestaltete Beete und Bepflanzungen, die Wiesen sind grün und wirken gesund, manchmal kommen wir an unbekannten Bäumen vorbei, die möglicherweise aus Asien oder Südamerika stammen und die mir deutlich vor Augen führen, wie wenig ich in der Lage bin, Bäume zu unterscheiden, ihre Namen zu kennen. Mein gesamtes Wissen erschöpft sich in einigen wenigen Bezeichnungen, in Linde, Kastanie, Buche und Esche. Ich würde noch eine Araukarie erkennen, aber auch nur deshalb, weil man sie im Deutschen Andentanne nennt und ich irgendwann dieses unglaubliche Gebirge sehen möchte, das im Rücken von Santiago de Chile liegt.

„Der Park ist wirklich schön“, sagt André, als wir uns dem asiatischen Teehaus nähern, vor dem sich eine Menschenmenge angesammelt hat. Leute machen Fotos, viele Touristen darunter, wir müssen keine Masken mehr tragen, zumindest für eine gewisse Zeit und das verleiht dem Ganzen ein wenig Normalität oder aber ein Gefühl von Nostalgie.

„Ja“, erwidere ich, „mit den Parks, die wir in Berlin hatten, ist das alles nicht zu vergleichen. Am ehesten wahrscheinlich mit dem Botanischen Garten, aber der Mauerpark oder Volkspark, die sahen doch im Sommer immer aus, als wären sie tot.“

„Man hat sich direkt in den Staub gesetzt.“

„Genau.“

Ich überlege kurz, ob sich darin unser Alter äußert, in diesem Gefallen an einem gepflegten Park, der Eintritt kostet und nicht jedem zur Verfügung steht. Ich denke an die merkwürdigen Vögel und die Spatzen, die ein- und ausgehen, wie es ihnen passt und ich denke zurück an die Jahre, die ich mit André in Berlin verbracht habe. Der Staub hat uns damals nicht interessiert, wir haben ihn nicht einmal wahrgenommen. Und wir hätten über Menschen gelächelt, die wie wir, zwei Männer Ende dreißig, durch einen kostenpflichtigen Park spazieren, um die Vorzüge von Ordnung, Rasenpflege und gut angelegten Beeten zu bewundern. 

Doch dann denke ich plötzlich, dass in einem Mann, der sich dem Ende der Dreißig nähert, und der noch genauso gern im Staub der vertrockneten Parks sitzt, wie er es mit Anfang zwanzig tat, auch keine Rettung liegt. Auch in seinem Festhalten, in seiner Ablehnung, macht sich die Lüge bemerkbar, denn er nimmt den Staub am Ende deutlich wahr, er sieht die vertrocknete Wiese, er erkennt sie und macht sich aus Trotz über die Lust am Gepflegten lustig, als läge darin bereits ein tieferer Unterschied und nicht etwa eine bloße, austauschbare Vorliebe, vielleicht sogar nichts anderes als Heuchelei. Die Lüge macht sich immer bemerkbar. Sie holt schließlich jeden ein, niemand kommt an ihr vorbei. Die Frage liegt nur darin, wie groß die Lüge wird, die man sich auflädt, unfreiwillig auflädt sogar und wie lange man in der Lage ist, die Lüge zu ertragen. Jeder bleibt am Ende mit seiner Lüge allein, auch wenn er glaubt, der Ausverkauf existiere bloß für die anderen. Mit Anfang zwanzig allerdings weiß man davon nichts und die Lügen warten im Hintergrund, sie haben die Schwelle noch nicht übertreten, weil sie von der Zeit wissen, die ihnen bleibt. Die Zeit spielt von Anfang an auf der Seite der Lüge, Lüge und Zeit gehen Hand in Hand.

„Was Colonel Parks jetzt wohl macht?“, frage ich André, als wir uns zwei der blauen Metallstühle schnappen und sie auf einen Hügel unter eine Gruppe hoher Pappeln stellen. Unter uns liegt der Spielplatz mit dem aus Baumstämmen gezimmerten Holzschiff in seiner Mitte.

„Daran will ich lieber nicht denken“, erwidert André. „Wahrscheinlich macht er sich gerade wieder an ein paar junge Studentinnen ran.“

„Obwohl er so bibeltreu ist?“

„Das ist ja kein Hindernis.“

„Stimmt.“

Ein Windstoß setzt die Blätter über uns in Bewegung, das Laub rauscht, ich kann das Gewitter bereits fühlen, auch wenn noch kein Tropfen gefallen ist.

„Die Studenten in Alabama waren so merkwürdig. Ich bin so froh, dort weg zu sein.“

„Warum merkwürdig?“

André denkt kurz nach.

„Sie waren alle gleich. Es ist schwer zu erklären, aber am Ende hatte ich in meinen Kursen tatsächlich nur einen einzigen Studenten sitzen. Einen Archetypen sozusagen.“

„Und wie sah der aus?“

„Alle waren weiß, obwohl Alabama ja in den Südstaaten liegt, alle waren total homogen. Auf dem Campus herrschte eine eigenartige Konformität, bis in die Kleidung hinein. Und dabei waren ja alle jung, erst Anfang zwanzig.“

Er holt Luft.

„Die Mädchen glichen einander wie in einem Horrorfilm. Glatte, blonde, lange Haare, schön gescheitelt. Dazu ein ausgewaschener Pullover in Übergröße mit dem Logo eines Footballteams und Hot-Pants, die unter dem Pullover verschwanden, so dass die Mädchen eigentlich immer so aussahen, als wären sie untenrum nackt. Und die Typen waren noch schlimmer. Helle slacks, also Khakihosen in Beige, und darüber Polohemden in Pastelloptik. Und alle waren genauso gekleidet, genau in dieser Einheitskluft, als hätte man sie endlos kopiert und in den Campus eingefügt. Die totale, umfassende Konformität!“

„Aber es muss doch auch Punks oder so etwas gegeben haben. Ich meine, die waren doch jung.“

„Nein, wenn auf dem Campus jemand mit gefärbten Haaren herum lief, dann war das zwangsläufig ein überalterter, eitler Professor, der seine grauen Strähnen nicht ertrug. Und alle sprechen dich mit dieser merkwürdigen Unterwürfigkeit an. Es ist keine Höflichkeit, sondern eine ernste, ganz devote Unterwürfigkeit.“

Ich blicke ihn fragend an.

„Alle sagen yes, Sir. Thank you, Sir!

„Was? Deine Studenten haben dich wie bei der Armee mit Sir angesprochen?“

„Ja!“

„Das darf doch nicht wahr sein.“

„Ist es aber. Ich konnte es anfangs selbst nicht fassen.“

„Also gab es nichts Alternatives, keine Gegenkultur oder so etwas?“

André schüttelt energisch seinen Kopf.

„Nicht im Ansatz. In der Stadt selbst gab es nicht einmal einen Buchladen.“

„Du nimmst mich auf den Arm.“

„Sehe ich so aus?“

Ich lächele ihn herausfordern an.

„Kann sein“, sage ich dann.

„Tue ich aber nicht. In der Stadt, in dieser Universitätsstadt mit dreißigtausend Studenten, gab es keinen einzigen Buchladen.“

„Unglaublich.“

„Ja.“

Wir schweigen uns für eine Sekunde an, in der André Atem holt.

„Als ich in meinem Kurs zur zeitgenössischen German Culture einen Film von Ulrich Seidel gezeigt habe“, setzt er dann fort, „wären die mir fast an die Kehle gesprungen.“

„Welcher Film war das?“

Paradies Liebe.“

„Der ist doch total gut! Verstörend, aber gut.“

„Die haben das überhaupt nicht begriffen, nicht im Ansatz. Die konnten mit dieser Direktheit nicht umgehen und mit einer Protagonistin, die moralisch schlecht ist, die keine Heldin ist, sondern andere willentlich ausnutzt, eine Sextouristin eben. Und die dann auch noch ganz doppeldeutig wird, weil sie am Ende eben nur nach Liebe und Nähe sucht, weil sie ein Mensch ist, aber ein Mensch, der sich regelrecht unmenschlich verhält.“

„Und das haben deine Studenten nicht verstanden?“

„Die waren ausnahmslos schockiert. Warum?, wollte ich von ihnen wissen. Weil das keine liebenswerte Heldin sei, mit der man sich identifizieren könne, bekam ich zurück. Warum wollt ihr eine liebenswerte Heldin, die gibt es doch draußen, in der richtigen Welt, genauso wenig. Da ist der halbe Kurs fast ausgetickt und an die Decke gegangen.“

„Das ist doch nicht wahr!“

„Doch und dabei halten die sich alle für absolut aufgeklärt, wittern ständig die Unterdrückung einer Minderheit, was ja auch gut ist, was ja letzten Endes auch für ihre Sensibilität spricht, aber dass diese Frau in Seidels Film als zwiespältige Kolonisatorin auftrat, das haben sie überhaupt nicht verarbeiten können. Dass am Ende das widersprüchlich Menschliche durchkam, das machte meinen Kurs wahnsinnig, denn im Film gab es nicht einfach nur Schwarz und Weiß, die Guten und die Bösen, sondern es gab eine Böse, die in Ansätzen auch gut war, weil sie Mitleid weckte, weil sie sich nach Liebe sehnte, verlassen und einsam war. Und das ging einfach nicht, diese Graustufen durfte es nicht geben. Die Welt ist doch klar, zeigt mit die Bösen und ich zeige euch die Guten, es ist doch alles ganz einfach!“

„Mein Gott.“

„Ja.“

„Nicht zu fassen.“

„Und das waren alles gläubige Christenmenschen, frei nach Luther. Aber in Seidls Film haben sie den Menschen nicht erkannt, sondern nur den Teufel. Und selbst das haben sie nicht richtig auf die Reihe bekommen, denn auch der Teufel hat zwei Seiten.“

Wir schweigen uns an.

„Aber genug von der Uni. Ich habe das alles erst in der letzten Woche Chris und Ulrike erzählt und langsam wird es langweilig.“

„Chris und Ulrike?“

Unser gemeinsamer Ausflug an den Teufelssee taucht plötzlich vor mir auf, damals, als ich mit Chris zusammen in der WG wohnte und wir an einem Sommerabend mit unseren Rädern hinaus gefahren waren. Später hatte uns eine Wildschweinfamilie direkt am Wasser überrascht.

„Sind die beiden noch zusammen?“, will ich wissen.

„Ja, alles ist noch wie gehabt.“

„Und was machen sie?“

„Sie studieren.“

„Immer noch?“

André lacht.

„Ja, das sind jetzt echte Langzeitstudenten. Aber sie arbeiten natürlich auch nebenher. Ich glaube, sie sind nur noch pro forma eingeschrieben, wenn mich nicht alles täuscht.“

„Wo arbeiten sie?“

„Chris macht so etwas wie Wissenschaftskommunikation, aber genau weiß ich es nicht. Und Ulrike arbeitet in irgendeiner Stiftung. Oder war es eine Agentur? Ich blicke da nicht richtig durch.“

„Ich habe die beiden seit acht oder neun Jahren nicht mehr gesehen.“

„So lang ist das her?“

Ich nicke.

„Irgendwie habe ich mal wieder den Anschluss verpasst. Ich habe mich einfach nicht mehr gemeldet.“

„Ja, das fällt dir nicht leicht.“

Ich schaue ihn an. Aus irgendeinem Grund trifft mich seine Bemerkung, wahrscheinlich weil sie etwas anrührt, das ungeschützt in mir liegt, das nicht von der Hand zu weisen ist. 

„Ich weiß auch nicht warum“, versuche ich mich zu erklären, „aber nach ein paar Jahren ist es für eine Nachricht zu spät. Ich tue mich in dieser Beziehung wirklich schwer.“

André nickt.

„Eigenartigerweise“, sage ich dann, „habe ich dich für genauso schwerfällig gehalten. Aber im Gegensatz zu mir hast du noch mit allen Kontakt. Du hast unsere Berliner Freunde nie aus den Augen verloren.“

„Ein paar natürlich schon, aber den Großteil treffe ich regelmäßig. Ich bin ja auch fast jedes Jahr in Berlin. Bis auf die Pandemie natürlich, da sind wir aus den USA nicht rausgekommen.“

Ich sehe in Richtung des hölzernen Schiffs. Für einen Moment liegt der Spielplatz merkwürdig ruhig, die Kinder stehen still und nehmen die schweren Wolken über ihren Köpfen nicht wahr. Auch die Mütter und Väter am Rand wirken regungslos, die Menschen haben sich verwandelt, sind wie ein Standbild eingefroren und dann taucht das Rauschen wieder auf, das Rauschen des Laubes über mir, durch das der Wind pflügt und plötzlich spüre ich einen Tropfen auf meiner Haut. Ich sehe nach oben, aber ich sehe nur das Laub der Pappeln, dichtes, dunkelgrünes Laub, eine einzige Ebene von zweifelhafter Geometrie, die sich nach oben in Richtung des unsichtbaren Himmels verjüngt, aber das ist von hier unten, von meinem Platz aus, nur undeutlich zu erkennen. Das Licht des Nachmittags wirkt abendlich, als hätte uns die Dämmerung eingeholt. Und während ich mich frage, wie spät es wohl ist, fällt ein zweiter Tropfen auf meine Haut.

„Gleich wird es regnen“, sage ich.

André schaut nach oben, dann blickt er mich an.

„Meinst du, wir sitzen hier gut?“

„Unter den Bäumen?“

„Ja.“

Ich nicke.

„Vielleicht wird es nur ein kurzer Schauer.“

Besuch aus Saint Joseph, 25. Juli

In der Bahnhofshalle laufen die Züge über die breite, zweispaltige Anzeigetafel, auf der ich nach einem ICE aus Richtung Berlin suche. Hatte er nicht eine dreistellige Nummer?, frage ich mich unsicher, obwohl ich die Nummer genau wie die Ankunftszeit des Zuges den gesamten Vormittag im Auge und im Gedächtnis behalten habe, das mich jetzt plötzlich im Stich lässt, vielleicht, sage ich mir sofort, weil ich ein wenig aufgeregt bin, obwohl es dafür genau genommen keinen Grund und auch keine Veranlassung gibt. Doch was soll man machen, die Aufregung kommt ohnehin, wann und wo sie will, und natürlich fast immer in den unpassendsten Momenten, sie lässt sich ganz einfach nicht kontrollieren und deshalb greife ich nach meinem Telefon, um mir ein weiteres Mal die Fahrtnummer und die Ankunftszeit des Zuges anzusehen. Als ich meine Hand an die Tasche meiner kurzen, grauen Hose führe, denn es ist warm an diesem Freitagnachmittag mitten im Juli, fällt mein Blick auf die verschwommenen, von der Geschwindigkeit des Gehens verwischten Gesichter der Reisenden, zahllose Körper mit Rucksäcken und Taschen, Rollkoffern und Fahrrädern, die in Richtung Ausgang strömen, in dessen Nähe ich mich erst vor einer Minute aufgestellt habe. Wie immer in Bahnhofshallen, Museen und Kirchen vermischen sich die Stimmen der Menschen ins Undeutliche, es ist, als haftete diesen hohen, steinernen Gebäuden etwas an, das zur Sprachlosigkeit und zum Missverständnis führt, an diesen Orten, denke ich, während ich auf mein Handy starre und mir zum hundertsten Mal die Zugnummer 586 in Richtung München einzuprägen versuche, an diesen Orten zählt das vereinzelte Sprechen nichts, es geht im Chaos anderer Stimmen unter, in einem sich ausbreitenden Murmeln, das knapp unterhalb der Deckengewölbe aufgrund mir unverständlicher Gesetze des Schalls und der Akustik hängen bleibt.

Ich suche den ICE 586 auf der Anzeigetafel und finde ihn sofort. Der Zug hat nur fünf Minuten Verspätung, was ganz unglaublich ist, denn einige andere Züge auf der Tafel werden bereits mit siebzig Minuten Verspätung angekündigt. Ich mache mich auf in Richtung Gleis, nehme die Treppen, denn ich habe keine Lust mich in das Pulk all jener einzureihen, die wie willenlose Bergarbeiter auf der Rolltreppe nach unten befördert werden, und steige zwei Minuten später eine weitere Treppe hinauf, die mich aus der Unterführung nach oben zum Bahnsteig bringt. 

Als ich oben ankomme, ist der Steig völlig überfüllt. Wahrscheinlich treffen hier in Kürze zwei verspätete Züge an den beiden gegenüberliegenden Gleisen ein und ich begreife, wie aussichtslos es ist, in diesem Chaos jemanden ausfindig machen zu wollen. Am Gleis ist es total voll, tippe ich deshalb in mein Telefon, ich warte in der Eingangshalle auf dich.

Zurück im Bahnhof nehme ich denselben Platz ein, den ich vor fünf Minuten verlassen habe und beobachte nun abwechselnd die Anzeigetafel und die mir entgegenkommenden Menschen. Ich halte nach André Ausschau, mit dem ich in Berlin studiert habe und der seit ungefähr zehn Jahren in den USA lebt, dort promoviert hat und mittlerweile als Assistant Professor an einer amerikanischen Universität lehrt. André, den ich auf einem Gang des sprachwissenschaftlichen Instituts in Potsdam vor mehr als sechzehn Jahren kennenlernte, in einem Außenstandort der Universität mit dem schrecklichen Namen Golm

Ich habe ihn seit etwa vier Jahren nicht mehr gesehen, auch wenn mir die genaue Berechnung dieses Zeitraums überaus schwer fällt. Das letzte Mal muss es um Weihnachten herum gewesen sein, in einer Bar in Berlin, in der wir uns mit vielen anderen Freunden getroffen hatten. Draußen lag Schnee, was wir alle aus irgendeinem Grund ganz wunderbar fanden, denn Schnee gab es doch kaum im Winter und jetzt plötzlich tauchte er also wieder auf und verwandelte die Stadt nicht in etwas Märchenhaftes, sondern etwas Ungemütliches, Schmutziges und Kaltes. Schwere Flocken fielen in das warme Orange der Laternen und sammelten sich auf dem Bürgersteig und die Menschen liefen in dicken Wintermänteln herum und versuchten, auf dem glatten Kopfsteinpflaster nicht auszurutschen.

André und ich hatten uns damals vor dem Treffen mit den anderen in einem thailändischen Imbiss verabredet. Ich saß bereits an einem Tisch, das Restaurant war komplett leer und es flimmerten ein paar stumm geschaltete Flachbildschirme an den Wänden, als er mit kurz rasierten Haaren und einem dicken, beigen Strickpullover aus dem Second Hand im Restaurant erschien. Er hatte sich zu mir an den Tisch gesetzt und für einen Augenblick war ich nicht in der Lage gewesen, etwas zu sagen, mit einem Mal, vielleicht, weil wir uns nach Jahren des Zusammenwohnens so lange schon nicht mehr gesehen hatte, spürte ich meine Nervosität in aller Deutlichkeit und machte mir diese idiotische Gefühlsregung zum Vorwurf. Du triffst hier einen alten Freund, sagte ich mir, warum wirst du so nervös? Es ist doch überhaupt nichts dabei.

Dieselbe Aufregung spüre ich auch jetzt in der Bahnhofshalle. In den letzten vier Jahren haben André und ich uns selten geschrieben, wir haben nie miteinander telefoniert, niemals eine längere Mail gewechselt. Ich kann mich nicht einmal an den Namen der Stadt erinnern, in der er mittlerweile lebt und arbeitet, ich weiß nicht, was seine Freundin macht, die immer noch dieselbe Freundin ist, die er damals, während eines Austauschsemesters, im Goethe-Institut in Glasgow kennenlernte, ich weiß nicht, was er in den letzten Jahren erlebt hat, wo er überall gewesen ist. Nur selten und meist aus heiterem Himmel tauchte ein Lebenszeichen von ihm auf und er schrieb, sich gerade in Brasilien zu befinden oder in Yucatan oder Rom. Über diese Ortsangaben kamen wir nie hinaus, als teilten wir dem anderen in der Hoffnung unsere Standorte mit, mit dieser unbestimmten Information bereits alles Notwendige zu sagen.

Ich stehe und warte und werde nervös. Der ICE muss in der Zwischenzeit angekommen sein, auch wenn die Ansagen auf den Gleisen hier in der Bahnhofsvorhalle unerklärlicherweise nicht zu hören sind. Vielleicht aber habe ich sie auch einfach überhört. Ich rechne, dass André etwa fünf Minuten brauchen wird, um aus dem Zug zu steigen und durch die Unterführung zu mir zu gelangen, schließlich kennt er diesen Bahnhof nicht, er ist noch nie in dieser Stadt gewesen. Meine Aufregung ist jetzt nicht mehr zu ignorieren und plötzlich fällt mir eine andere Aufregung ein, die mich völlig verblüffte, eine Aufregung, die ebenfalls Jahre zurückliegen muss, damals, als ich zum ersten Mal C in Marseille besuchte. Mit dem TGV fuhr ich über Karlsruhe in die Stadt am Mittelmeer, C holte mich am Bahnhof ab und später in der Wohnung erklärte mir seine Freundin Pauline, sie hätte ihn noch nie so erlebt, er wäre den ganzen Morgen aufgeregt gewesen.

„Weshalb?“, wollte ich wissen.

„Weil du uns heute besuchst natürlich.“

Ich konnte es nicht glauben. C war aufgeregt, weil ich ihn besuchte? C, der immer so abgeklärt und gelassen wirkte, den nichts aus dem Gleichgewicht warf? Ich musste lächeln. 

Im Hintergrund taucht ein Kopf mit dunkelblonden Haaren auf, der die meisten Reisenden ein ganzes Stück überragt. Ich weiß sofort, dass sich mir da André nähert und behalte recht. Mit einem etwas schlurfenden Gang und phlegmatischer Ruhe nähert er sich mir, er trägt ein rotes T-Shirt mit Sonic-Youth-Aufdruck, eine schwarze, aufgekrempelte Hose und abgelaufene, weiße Turnschuhe. So weit ich von meinem Standort aus erkennen kann, hat er nur einen Rucksack und eine kleine Bauchtausche dabei. Eine Bauchtasche, denke ich und muss lächeln, das ist neu.

Als sich unsere Blicke begegnen, macht André große Augen. Ich winke ihm zu, setze mich in Bewegung und Momente später umarmen wir uns und klopfen uns gegenseitig auf den Rücken.

Professore“, sage ich, „da bist du ja endlich.“

Diese Anrede habe ich mir schon vor Tagen zurecht gelegt, finde sie aber in genau jenem Moment völlig idiotisch, als sie mir über die Lippen geht. Aber da ist es natürlich bereits zu spät.

André lacht, wir tauschen ein paar schnelle Worte aus. 

„Was ist denn mit deinen Armen los?“, fragt er und zeigt auf meine Tätowierungen, die er noch nicht kennt.

„Ach die“, antworte ich etwas verlegen. „Die sind auf der Reise dazugekommen.“

„Auf eurer Weltreise?“

Ich nicke.

Wir lassen die Bahnhofshalle hinter uns und betreten den in der Sonne liegenden Vorplatz. Die Hitze ist spürbar, allerdings auch nicht gnadenlos und ich überlege, ob ich mit André nachher noch in den Park gehen soll oder ob wir die Stunden bis zum Abend in meiner Wohnung verbringen. Schließlich gibt es so viel, über das wir reden müssen, so vieles, das wir vom anderen nicht wissen.

André besorgt sich ein Ticket für die Tram, wir steigen ein und fahren durch die Stadt. Ich versuche ihm so etwas wie eine abgespeckte Stadtführung zu geben, kenne mich aber selbst nicht gut genug dafür aus. Um ehrlich zu sein, bin ich kaum in der Innenstadt, ich meide die Fußgängerzone so gut es nur geht.

„Da ist der Wasserturm“, sage ich und André schaut sofort interessiert aus dem Fenster der Straßenbahn. „Das ist so etwas wie das Wahrzeichen hier.“

„Warum?“, will er wissen.

Ich schaue ihn überrascht an.

„Gute Frage“, erkläre ich dann. „Das weiß ich selbst nicht.“

An den Haltestellen steigen Leute ein und wieder aus, bald drängt sich alles in den Gängen. In der Tram ist es heiß, wir müssen unsere Masken tragen und ich beginne zu schwitzen. Allerdings fällt mir auch auf, wie weit sich meine Nervosität zurückgezogen hat, ich kann sie kaum noch spüren. Nur ein Rest ist übrig geblieben, aber dieser Rest rückt mehr und mehr in den Hintergrund, denn André und ich sprechen miteinander, als hätte wir uns nicht vier Jahre lang weder gesehen noch gehört, sondern lediglich ein paar Monate. Es gibt keine Scheu, keine Sprachlosigkeit, nicht einmal eine jener unangenehmen Pausen, in denen keiner so recht weiß, was er sagen soll, in denen sich das Gespräch in ein ernstes Geschäft verwandelt, eine anstrengende Aufgabe sogar, der man nicht wirklich gewachsen ist.

Eine Viertelstunde später führe ich André durch unsere Wohnung. Er folgt mir gespannt, sieht sich die Bücherregale im Flur an und will wissen, warum in meiner Proustausgabe alles voller Zettel ist. Weil ich mir einige Passagen markiert habe, natürlich, gebe ich zurück. Welche Passagen? Woher soll ich das wissen? Dafür habe ich sie mir doch markiert und das ist vierzehn Jahre her!

Ich zeige ihm unser Schlafzimmer mit meinem Arbeitsplatz, singe ein Loblied auf den Hinterhof, in dem die Buche und die Birke wachsen. Dann stehen wir im Wohnzimmer, in dem es nicht besonders viel zu sehen gibt und machen uns schließlich in die dunkle Küche auf. Draußen auf dem Balkon hängt alles voller Wäsche und diese Wäsche schluckt das Licht, so dass es in der Küche wirkt, als herrschte draußen Dämmerung, der Einbruch der Nacht.

„Möchtest du einen Kaffee?“, frage ich.

„Na klar.“

„Brauchst du Milch? Ich glaube nämlich, dass wir keine mehr haben.“

„Ich kann den Kaffee schwarz trinken, kein Problem.“

Während ich die Kaffeemühle bearbeite, fällt mir wieder auf, wie heruntergekommen unsere Küche auf einen Fremden wirken muss. Früher hatte ich für so etwas keinerlei Blick, das Heruntergekommene machte auf mich sogar Eindruck, beruhigte mich, es kam mir entgegen, denn alles Neue stieß mich ab und weckte mein Misstrauen. Jetzt plötzlich aber sehe ich die Gebrauchsspuren an unserer Spüle und den weißen Hängeschränken, die man wahrscheinlich vor dreißig Jahren an Ort und Stelle platzierte und obwohl ich in den letzten beiden Tagen wie ein Derwisch alle Räume unserer Wohnung geputzt habe, komme ich gegen den hartnäckigen Schmutz doch nicht an, die Wohnung ist ganz einfach in die Jahre gekommen. 

Ich denke an unsere Dusche, die nie richtig warm wird, obwohl der Durchlauferhitzer auf Höchsttemperatur eingestellt ist, ich denke an den schwachen Wasserdruck im Bad, an das alte gelbbraune Linoleum in der Küche, an unseren Balkon, den man nicht betreten kann, weil er unter einer Altglassammlung, nie bepflanzten Blumentöpfen und Klettersachen völlig untergeht. Leben meine Freunde nicht ganz anders?, denke ich mit einem Mal und erinnere mich an aufgeräumte und ordentliche Zimmer, in denen alles sauber und hell ist, sich alles am richtigen Platz befindet.

André scheint meine kurzzeitige Verwirrung nicht zu bemerken. Um ehrlich zu sein, äußert er sich in keiner Weise zu unserer Wohnung. Weder sagt er, ihr wohnt hier aber recht beengt, noch teilt er mir mit, eine so wahnsinnig gemütliche Wohnung würde es in den USA nirgendwo geben. Stattdessen sitzt er am Küchentisch und hört meinem Bericht über das Viertel zu, über die Impfkampagne, die von der Stadtverwaltung vor einigen Wochen umgesetzt worden ist, um auch die Problembezirke zu versorgen. Dann spreche ich über die kleineren Cafés und Restaurants der Gegend.

„Hast du heute Abend Lust, etwas essen zu gehen?“, frage ich irgendwann.

„Klar, warum nicht. Kannst du etwas empfehlen?“

„Wir haben ein sehr gutes Thairestaurant um die Ecke und dann noch eine kleine Kneipe mit günstigem Essen. Alles vegan, aber wirklich gut. Die Kneipe erinnert mich ein bisschen an das Morgenrot, falls du dich daran noch erinnern kannst.“

„Das Morgenrot auf der Pappelallee?“

„Genau das“, sage ich und muss lächeln. „Aber vielleicht warten wir noch, bis K kommt und dann bestelle ich einen Tisch.“

„Auch gut“, erwidert er.

K und André kennen sich noch nicht. Bei unserem letzten Treffen in Berlin war ich mit ihr frisch zusammen und sie verbrachte die Weihnachtstage bei ihren Eltern. Erst im darauffolgenden Jahr fuhren wir zum ersten Mal quer durch Deutschland, um zunächst bei meinen Eltern zu feiern und dann im Kreis von Ks Familie.

„Hast du Lust auf ein Stück Kuchen?“, frage ich ihn. „Wir haben eine ziemlich gute Bäckerei um die Ecke, die ist stadtbekannt.“

„Warum nicht?“, sagt er.

Ich schalte den Herd aus, auf dem bereits die Espressokanne steht, aber noch nicht geköchelt hat und wir ziehen uns im Flur wieder unsere Schuhe an. Bis zur Bäckerei brauchen wir nur zwei Minuten. Sie befindet sich in einer Parallelstraße und ist jetzt, kurz nach drei am Nachmittag, kaum besucht. 

„K holt sich meist ein Stück Himbeerbaisertorte, die kann ich wärmstens empfehlen.“

„Was für ein schmutziges Wort“, sagte André mit einem Lächeln.

Ich blicke ihn verständnislos an.

„Baiser“, erklärt er. „Das sagt kein Franzose, auch wenn es sich hartnäckig in Deutschland hält.“

„Warum?“

„Naja, weil es eher was mit dem Geschlechtsakt zu tun hat. Baiser, du weißt schon. Ums Küssen geht es da nicht.“

„Was sagen die Franzosen denn dann?“, will ich wissen und fühle mich wie ein unwissender Provinzler.

„Meringue“, erwidert André, der überall gelebt hat und wahrscheinlich ein waschechter Kosmopolit ist. Er ist kein Weltreisender, wie es sie heute überall gibt, sondern ein wirklicher Weltbürger mit Freunden in Italien und Portugal, Frankreich und Estland, den USA und Brasilien. Gegen ihn bin ich nichts weiter als ein Tourist, der es nur unter größten Anstrengungen und für einen sehr begrenzten Zeitraum aus Europa hinaus geschafft hat.

Später sitzen wir wieder in meiner Küche, ich habe mir ein Stück Mohnkuchen besorgt, André hingegen ein Stück Käsekuchen, der Kaffee steht vor uns auf dem Tisch und André spricht über seine Zeit an einer Universität in den Südstaaten. Zwei Jahre, wie er sagt, die ganz unglaublich gewesen sind, eine Art Qual, aber das habe ich erst später realisiert, als alles bereits vorbei war. Zwei Jahre, in denen er sein fensterloses Büro mit einem anderen Dozenten des Germanistikinstituts teilen musste, einem Colonel der US-Army mit mehreren Masterabschlüssen und perfekten Deutschkenntnissen, einem sechzigjährigen Mann mit Bürstenhaarschnitt, tief christlich, erklärt André, unvorstellbar bigott, jeder wusste, dass er eine Waffe trug, auch wenn man sie nicht sah und auch sein Auto war voller Waffen, wie es in den Südstaaten ja auch üblich und normal ist, das fällt nur einem Ausländer auf. Ein Chauvinist und Macho, der unablässig sprach, ohne auf den anderen zu achten, der den anderen nur gebrauchte, um selbst gehört zu werden, obwohl auch das nicht ganz klar geworden ist, denn womöglich, sagt André, hat er sich selbst schon längst nicht mehr gehört und verstanden, ein Mann, der eigentlich fertig war, die Einsätze im ersten Irakkrieg und später in Afghanistan müssen ihn vollkommen kaputt gemacht haben, auch wenn er über diese Einsätze nur in Andeutungen sprach, obwohl er über alles andere ständig und pausenlos redete, den Krieg allerdings ließ Colonel Parks aus, als hätte es ihnen nicht gegeben, als wäre da zwar etwas, aber als würde es sich nicht lohnen, über eine solche Nebensächlichkeit zu sprechen, obwohl natürlich allen am Institut klar gewesen ist, dass etwas passiert war auf diesen Auslandseinsätzen, etwas, dass den Colonel unablässig zum Reden veranlasste, ihn regelrecht dazu zwang und als wüsste er nur zu genau, was im Schweigen auf ihn wartete, etwas, das kein anderer sah, etwas, dem er allein begegnen würde, dem er sich nicht gewachsen fühlte.

„Warum geht jemand von der Armee ausgerechnet in die Literatur?“, frage ich André verwirrt, obwohl es dafür ja genügend Beispiele gibt.

„Das kann ich dir auch nicht sagen“, erwidert er. „Aber der Typ war völlig verrückt, das kann ich dir sagen. Das einzige wovon er faselte, war Kästner, Kästner war sein großer Held.“

„Ausgerechnet Kästner?“, rufe ich, wie vor den Kopf gestoßen. „Das ist doch total irre!“

André nickt. Die Vorliebe des Colonels für Kästners Prosa sei genauso verrückt und widersprüchlich gewesen wie vieles andere an ihm auch. Obwohl er deutsche Sprache an einem Liberal Arts College unterrichtete, hatte er für Frauen nichts übrig und war als waschechter Sexist innerhalb des Lehrkörpers verschrien. Gleichzeitig sprach er von seiner Frau fast zärtlich, als träten ihm im nächsten Moment Tränen in die Augen. Beim einzigen Besuch, den André mit seiner Freundin im Haus von Colonel Parks notgerungen absolvierte, führte der Militär ein Zimmer mit besonderer Zärtlichkeit vor, jenen Raum nämlich, den seine Frau für ihre täglichen Bibelstudien nutzte oder vielmehr zu benutzen hatte, während sich der bis an die Zähne bewaffnete Offizier in einem angrenzenden Zimmer seinen humanistischen Kästner-Studien hingab. 

Ich breche in Lachen aus.

„Irre!“, wiederhole ich. „Das ist doch alles nicht wahr.“

„Diese zwei Jahre mit Colonel Parks waren ein einziger Alptraum“, schiebt André nach. „Du kannst gar nicht glauben, wie froh ich bin, aus diesem fensterlosen Verließ wieder heraus gekommen zu sein. Ich habe mich danach wirklich gefühlt, als hätte ich etwas Unfassbares überlebt, etwas, das mich richtig mitgenommen hat, das mich manchmal regelrecht sprachlos werden ließ. Selbst jetzt rede ich noch mit der gleichen Fassungslosigkeit wie damals, obwohl es ja bereits zwei Jahre her ist und wir mittlerweile Hunderte von Kilometern in Richtung Westen gezogen sind. Ich rede über alles, als würde ich über ein Trauma sprechen, ich begreife es selbst nicht ganz.“

André lacht ein verblüfftes, noch immer unsicheres Lachen, als wäre er sich nicht vollständig sicher, ob sein ehemaliger Bürokollege nicht im nächsten Moment in meine Küche treten würde, um einen Monolog fortzusetzen, der vor etwa zwei Jahren ein abruptes, von Außen herbeigeführtes Ende genommen hatte und als ich das denke, erinnere ich mich plötzlich an ein Krankheitsbild, von dem ich irgendwann einmal las, eine Sprachstörung, die ganz anders ist als typische Erkrankungen wie die Aphasie und ich suche nach dem Wort, während sich unvermittelt ein Schlüssel draußen im Flur bemerkbar macht, ein Schlüssel im Schloss unserer Wohnungstür und ich sehe André an, der meinen Blick mit in die Höhe gezogenen Augenbrauen erwidert, und dann denke ich, Logorrhoe, stimmt, das war es, Colonel Parks Logorrhoe, der krankhafte, niemals durchbrochene Redefluss, der keinerlei Bedeutung besitzt und nur die Stille und Leere zu verdrängen versucht, die uns außerhalb des Sprechens unüberwindbar umgibt, eine Stille, die für den Colonel unerträglich geworden war und tödlich, so unerträglich und tödlich, dass er das Sprechen zur Waffe machte, um sich in seinen freien Stunden mit den geliebten Kästner-Studien zu betäuben, dann, wenn er stumm zu Hause saß und es nur noch einen Sprechenden für ihn gab, nur noch diese einzige, trügerische Stimme im Kopf, der sich am Ende wahrscheinlich genauso wenig vertrauen ließ, wie den zerbrechlichen Stimmen der anderen.

Donnerstag, 22. Juli

Als ich nach Hause komme, steht das rechte Fenster im Schlafzimmer offen, obwohl niemand in der Wohnung ist. K muss es vergessen haben, als sie heute morgen verschwand und während ich mich innerlich über ihre Vergesslichkeit beschwere, die keinerlei Schaden angerichtet hat und damit unerheblich ist, laufe ich die wenigen Schritte zum Fenster hinüber und öffne den linken Flügel, anstatt den rechten zu schließen. Dann setze ich mich an den Schreibtisch, klappe meinen Rechner auf, drehe mich im Stuhl in Richtung Hinterhof und stelle die Füße auf das Fensterbrett. Die Bäume im Hof sind zum Greifen nah, uns trennen nicht mehr als zwei Meter und zwei Meter zählen nicht als Entfernung, ein solcher Abstand ließe sich leicht überwinden, tatsächlich, denke ich dann, sitze ich weniger in meiner Wohnung, als dass ich draußen sitze und das ist ein Glück. Ich greife nach meinem Rechner, um diesen einfachen Gedanken aufzuschreiben, während Jutta Hipp und Zoot Sims über die Lautsprecher laufen und draußen ein sanfter Wind die trägen Blätter bewegt, die Schatten verwischt, die Lichter in Unordnung bringt. Das ungeordnete Licht, sage ich mir, das träge Laub, die hellen Schatten. Die verschwiegenen Schatten, das weiche Laub und das geduldige Licht. Diese drei Bestandteile machen jetzt, in diesem Augenblick, den gesamten Hinterhof aus, drei Elemente, die eine Einheit bilden und die Frage nach der Beschaffenheit ihrer Verbindung macht keinerlei Sinn.

Ich habe am Morgen begonnen, in Agnar Mykles Das Lied vom roten Rubin zu lesen und war so geschockt von der Wirkung seiner Sprache, dass ich zu K, die neben mir im Bett lag, sagte, es sei unglaublich, dass ein solches Buch in den Fünfzigerjahren erschienen ist und nicht erst vor fünf Jahren, die Sprache ist so jung und voller Gegenwart, sie ist so nah und angefüllt mit Leben. In der deutschen Literatur gibt es zur selben Zeit nichts Vergleichbares, nicht einmal Ansätze, in den Fünfzigern schrieben alle am Krieg und diejenigen, die beispielsweise wie Peter Weiss mit seinem Kutscher experimentierten, waren hölzern und reines Papier, in ihren Büchern steckte keinerlei Glut. Während ich spreche, merke ich, wie sich mein Puls beschleunigt und ich zu einem weitschweifigen Monolog anheben will und glücklicherweise fällt mir das alles rechtzeitig auf, so dass ich plötzlich verstumme, um einfach weiterzulesen.

Jetzt, am Nachmittag, es ist noch nicht einmal zwei und auch das ist ein weites, offenes Glück, um diese Zeit zu Hause zu sein und schreiben zu können, jetzt denke ich an Agnar Mykle und möchte einen Anfang notieren, der seinen Anfängen gleicht.

Ich würde schreiben: Es gab eine Zeit. Es gab eine Zeit, in der wir früh zu Bett gegangen sind, um vor dem ersten Licht wieder aufzustehen. In der wir uns durch die totenstillen Zimmer bewegten, jeder auf Zehenspitzen und mit stockendem Atem, in der wir die Türen leise hinter uns schlossen, so leise, dass wir es selbst kaum bemerkten.

Das wäre ein Anfang wie bei Agnar Mykle und später käme ein Schiff, denn bei den Norwegern besteigt man irgendwann immer ein Schiff und fährt hinaus auf den Fjord. Ich habe es erst in dieser Woche wieder in Hamsuns Pan und Victoria gelesen, zwei Romane, die voller Fjordreisender sind. Man besteigt ein Schiff, man wartet auf die Abfahrt, ein Glockenzeichen ertönt, auf das ein zweites und dann ein drittes folgt und auf dem Kai stehen Menschen und winken der Abfahrt mit weißen Taschentüchern zu, um sich schließlich umzudrehen und einen Pfad hinaufzulaufen. Der Blick fällt auf den Rücken eines Menschen, der sich entfernt, dessen Gestalt zusammenschrumpft und man weiß, dass man diesen Menschen nie wiedersehen wird. Es gibt einen ausgetretenen Pfad, es gibt die Häuser aus Holz im Hintergrund, darüber liegen die vom Schnee überzogenen Gipfel der Berge.

Ich selbst folge nach der Arbeit auf meinem Fahrrad dem Fluss. Das Hochwasser der letzten Wochen ist verschwunden und über den Ufern hängt plötzlich ein schwerer Geruch wie am Meer. Die Wiesen, auf denen tagelang das Wasser stand, haben in der Sonne zu faulen begonnen und die Fäulnis riecht nach Algen und Tang. Mit einem Mal scheint das Meer, das so weit weg ist, sehr nah, ich fahre an den Grenzen eines Meeres entlang, das noch auf einen Namen wartet, ich fahre an einer neu entstandenen Küste entlang, ich rieche den Salzgeruch des Meeres und nicht den Geruch, den ein Fluss verströmt, der über die Ufer getreten ist. Da ist das Meer und der Himmel darüber und die Schwäne, die in Gruppen an den Ufern stehen und sich über das verschwundene Wasser wundern, sind in Wirklichkeit zu groß geratene Möwen. Man könnte auf die Ankunft hochseetauglicher Schiffe warten, es gibt genügend Bänke hier oben am Ufer und sobald ich einen Menschen auf einer solchen Bank entdecke, bin ich der Meinung, er müsste unweigerlich auf das Auftauchen der riesigen Schiffe warten, die jedes Gebäude in der Stadt überragten.

Ich sauge die Luft tief ein, die aus dem Hinterhof in unser Schlafzimmer strömt, mein Brustkorb weitet sich, ich fühle, wie die Luft in die Lunge fließt, ich fühle das Kitzeln des Luftstroms in meinem Rachen, er ist ein wenig kühl, obwohl es warm draußen ist. Ich atme aus und dann wieder ein. Alles atmet, die Bäume, die Menschen auf ihren Balkonen, die Tauben im Laub, die zwielichtigen Krähen. Alles atmet diesen Sommer ein, atmet das Leben ein, stößt die verbrauchte Luft wieder aus. Milliarden von Körpern, deren Atem eine eigene Zeitrechnung ist, ein versteckter Sekundenzeiger, über den man sich keine Gedanken macht, der Atem der Vögel, der Bäume, der Unbekannten. Der Menschen am Fluss, der Schwäne und Möwen am neuen Meer, der im Schatten spielenden Kinder. Der stockende, aus dem Tritt geratene Atem. Der Atem, der erneut beginnt, nach einer langen Pause, wie aus dem Nichts. Der Atem, der auf allem liegt als gewichtsloser Glanz, ein verbindlicher Hauch, der hin und wieder in den Blättern wühlt, ihre Muster durcheinander bringt und sie dann in Ruhe lässt, als wäre überhaupt nichts geschehen, als hätte es diese Bewegung und das Rascheln nie gegeben. 

Besuch bei den Eltern (2), 19. Juli

Ich gehe die Straße am Waldrand entlang, ich folge der Fahrbahn, denn es gibt keinen Weg. Hin und wieder überholt mich ein Auto, ich höre, wie die Leute abbremsen und dann wieder schneller werden, vielleicht fragen sich die Menschen im Inneren der Fahrzeuge, was ich da mache, obwohl das vollkommen klar ist, ich will den Hügel hinauf und dann laufe ich durch die Wiesen, aber bevor ich die Wiesen erreiche, muss ich erst den Wald hinter mich bringen und die Eschen, Buchen und Linden, die links neben der Straße wachsen, gegenüber den Häusern der Siedlung, diese Bäume, in denen sich die Waldvögel am Morgen versammeln, deren Rufe schwer voneinander zu unterscheiden sind, auch wenn mir natürlich auffällt, dass sie ganz andere Stimmen haben als die Vögel der Stadt. 

Ich folge der Straße, die Autos überholen mich, ich laufe an der Bushaltestelle vorbei, die Häuser wirken verlassen, als würden sie nicht bewohnt, manche von ihnen sind riesig, obwohl man sie nur für eine einzige Familie gebaut hat, ihre Dimensionen sind obszön, eine regelrecht vulgäre, abstoßende Größe und ich weiß, sobald ich ihre Betonmauern passiere, mit denen sich die Bewohner vor den Blicken der anderen schützen, wie sehr ich es hassen würde, in diesen Häusern zu leben. Begegne ich zufällig ihren Bewohner, was früher manchmal vorgekommen ist, sehe ich weg, ich grüße nicht, ich sage nichts, aber ich spüre die Blicke, denn in dieser Siedlung kennt jeder den anderen, auch wenn er mit ihm selten spricht und wenn ich den Bewohnern über den Weg laufe, möchte ich, dass sie mich sehen und sich fragen, wer das ist, wer durch ihre Straßen läuft und dass sie darauf keine Antwort bekommen, nur die flüchtige Spitze meines verborgenen Blicks und genauso wenig bekommen sie ein Wort, das auf einen freundlichen Gedanken schließen lässt, sondern einfach nur dieses unverrückbare Schweigen, mit dem ich die riesigen Häusern und ihre Bewohner hinter mir lasse und die monströsen Garagen samt den immer glänzenden Autos, als müsste das alles unbedingt so sein.

Ich erreiche später die Felder, der Wind hat einigen Schaden angerichtet und das Korn an vielen Stellen niedergelegt, es in wirren Mustern auf die Erde gedrückt. Das Getreide sieht aus, als würde es verfaulen, überhaupt regnet es in diesem Sommer viel zu viel, mein Vater hat es mir erklärt, denn er besitzt eine Art Füllhorn im Garten, das den Niederschlag misst. Der Regen fällt in einen Trichter aus durchsichtigem Plastik, auf den man eine Skala aufgedruckt hat, so dass sich leicht ablesen lässt, in welchem Zeitraum wie viel Regen gefallen ist. Der Regen fällt zentimeterweise, es braucht nur wenige Stunden, das Füllhorn füllt sich, das Wasser steigt an und in das Wasser und den Regen mischt sich der Sturm, der durch die Felder pflügt und das Getreide zu Boden drückt, aber nie das ganze Feld, sondern immer nur eine merkwürdig begrenzte Zone, die für jede Ernte verloren ist, wie ich annehme, ohne mir aber wirklich sicher zu sein.

Ich gehe durch die Felder auf einem asphaltierten Weg voller Schlaglöcher, ich blicke in das Tal und auf weitere Waldstücke, die sich bis zum Horizont ziehen, dazwischen liegt die Stadt, eine eigentlich nichtssagende Stadt, die aus der Entfernung keinerlei Eindruck macht, eine Stadt, die sich problemlos vergessen lässt, die Menschen darin, in diesen aus der Distanz so winzig und unbedeutend erscheinenden Häusern, würden sicher etwas anderes dazu sagen, für sie ist ein Leben in dieser Stadt weitaus mehr, als leicht zu vergessen, so etwas fällt nur jemandem ein, der durch das Feld geht und weiß, dass er auch wieder verschwinden kann, dass er nichts zurücklässt und ich erinnere mich an den letzten Sommer, als ich genauso wie heute durch die Felder lief, denn mein Spaziergang ist eine Wiederholung, ich laufe diesen Weg fast immer, sobald ich bei den Eltern bin, es ist ein leicht zu findender, nicht allzu anstrengender Weg, der sich beliebig verlängern lässt, da er später in einen Wald führt und eine Art Kreis beschreibt, mich somit zurück zum Ausgang führt und damit zum Haus meiner Eltern, das dem Waldrand gegenüberliegt mit den hohen Buchen, Eschen und Linden und darüber ist dann der Himmel, wie hier auf dem Feld, in dem ich im letzten Sommer die Lerchen sah, die aus dem Nichts nach unten stürzten, es wirkte so, als stürzten sie lebensmüde in das in der Sonne stehende Getreide, nur um sich kurz vor dem Boden eines Besseren zu besinnen und den anhaltenden Fall wieder aufzufangen und aufgeregte Schreie auszustoßen, Schreie größten, unmissverständlichen Glücks, die mit der Jagd zusammenhingen, wie meine Mutter mir später erklärte, denn tatsächlich reizt die Vögel nicht der Fall, sondern die Aussicht auf Insekten, was mir aus irgendeinem Grund nicht passte, ich hätte es lieber gehabt, wenn die Lerchen ohne jeden Nutzen aus dem Himmel stürzten, nur zum eigenen Vergnügen.

Ich folge dem Weg und sehe die Eiche schon von weitem, es ist der größte und älteste Baum hier oben. Ein Schild gibt ihr einen Namen und ich lese diesen Namen, lese Kalte Eiche, ein Baum, den man auf sechshundert Jahre schätzt und der gerade stirbt, er trägt noch Blätter, befindet sich aber in einer Phase der Rückbildung und Altersschwäche, nachdem ihn der Wind circa Vierzehnhundertfünfzig auf diesen Hügelzug wehte, auf dem es gegen den Sturm offensichtlich niemals Schutz gegeben hat, denn deshalb heißt der alte Baum auch Kalte Eiche, hier oben pfiff immer ein kalter Wind, seit sechshundert Jahren der immergleiche, kalte Wind. 

Ich trete an den Zaun, den man um die Eiche herum in einem weitläufigen Rechteck errichtet hat. Die Schilder weisen mit Nachdruck auf die Gefahr, sich direkt unter der Krone aufzuhalten, denn jeden Augenblick kann einer der schweren Äste brechen und hinabstürzen, das Holz ist alt und trägt nicht mehr so, wie es früher getragen hat, und auch aus diesem Grund sind zwei oder drei der mächtigsten Äste mit Metallseilen am massiven Stamm befestigt, ein Stamm, um den herum sechs Menschen passen, die sich an den Händen halten, wie ich auf dem Schild lese, was ein merkwürdiges Maß ist, das nur bei Bäumen zum Einsatz kommt und immer nur hier. Vielleicht stammt dieses Maß aus einer frühen Phase der menschlichen Geschichte, die Bäume waren nah, man näherte sich ihnen auf diese körperliche Weise und stellte dadurch ihr Alter fest, ein alter Baum war ein Baum, um dessen Stamm sich fünf oder sechs Menschen verteilten und einander an den Händen hielten, für einen jungen Baum brauchte es nur zwei. 

Ich laufe weiter in Richtung Wald, ich möchte hier an dieser Eiche nicht zu lange stehen, denn ich komme immer nur auf idiotische Gedanken, ich rechne stets die Generationen aus, die dieser Baum gesehen hat, als versuchte ich, ein Barockgedicht zu zitieren, und komme unweigerlich auf zehn, falls man jeder Generation sechzig Jahre gibt, aber ich bin mir nicht sicher, ob für die Berechnung der aufeinanderfolgenden Generationen tatsächlich sechzig Jahre angesetzt werden müssen oder etwas mehr oder weniger, wahrscheinlich gibt es auch für diese Berechnung eine Formel, die ich nicht kenne. Dann denke ich, dass in jedem Jahrhundert, in jedem Jahrzehnt seit Vierzehnhundertfünfzig, Menschen wie ich selbst vor diesem Baum standen, um sich etwas ähnliches zu fragen, auf das sie doch nie eine Antwort bekamen, was hat dieser Baum alles gesehen, was hat er alles überlebt und dann denken alle stets dasselbe, Krieg, verschwindende Städte, wieder auferstehende Städte, Reisende und Eroberer und Besiegte zu Fuß, auf Pferden, im Auto und irgendwo im Unsichtbaren die Geburt von Königen und Heiligen und Menschen, über die man später schreibt und liest, die sich als genauso beständig erwiesen wie dieser Baum, der nichts anderes tat, als an einer Stelle starrsinnig und gegen alle Wahrscheinlichkeit Jahrhundert um Jahrhundert zu wachsen und zu widerstehen, was seine einzige, aber beachtenswerte Leistung blieb, eine Leistung, die am Ende doch sehr selten ist und mich durcheinander bringt, fast wie in Vertigo, denke ich, aber dann sage ich mir, hat mich die Zeit schon immer durcheinander gebracht, gerade dort, wo sie plötzlich ihre Verbindlichkeit verliert wie in diesem seit Ewigkeiten hier oben wachsenden Baum, der sechshundert Jahre lang nicht daran dachte, zu brechen, vom Blitz getroffen zu werden oder einfach einzugehen, der ja tatsächlich außerhalb der Zeit und des Verfalls stand für mehr als ein halbes Jahrtausend, sechshundert Jahre lang außerhalb allen menschlichen Maßes und der noch ein paar Jahrzehnte hier oben stehen wird, auch wenn die Wissenschaftler ihn bereits aufgegeben haben, denn auch das, sage ich mir, kommt in seiner Geschichte wohl nicht zum ersten Mal vor, die Zweifler muss es immer gegeben haben, sie zweifeln nicht aus Unwillen, sondern aus Leichtsinnigkeit und ich erreiche den Wald und betrete ihn, der Wald ist klar vom Feld zu unterscheiden, es braucht nur einen Schritt und dann ist der Weg kein Weg mehr, der durch ein Feld führt, sondern ein Weg, der im Wald liegt, der kühl ist, auf dem sich der Geruch der Kiefern mit der Nässe der Erde mischt und über mir stehen die beweglichen Wipfel der Nadelbäume und schwanken unruhig und selbstvergessen im Wind.