Langsamer Abschluss (3)

K steuerte unseren Fiat den immer steiler werdenden Hügel hinauf. Hochgewachsene Zypressen säumten die Ränder der geschotterten Straße und der vom Verkehr aufgewirbelte Staub hatte das dichte Nadelkleid knapp oberhalb des Bodens mit einer grauen Schicht überzogen. Die unbiegsamen Bäume sahen so aus, als trügen sie schmutzige Bäuche vor sich her, während der Split der Schotterpiste monoton gegen die Radkästen unseres Mietwagens trommelte.

Ich ließ den rechten Seitenspiegel nicht aus dem Auge.

„Kannst du sie noch sehen?“, fragte ich.

K schaute in den Rückspiegel.

„Ich glaube nicht.“

„Wo können wir sie denn verloren haben?“

„Sicher unten an der Kreuzung. Aber Perle kennt den Weg nach Montefioralle, das hat sie doch vorhin gesagt.“

„Ich meine ja nur.“

„Wir werden uns schon wiederfinden. Die Dörfer bestehen hier aus fünf Häusern und zwei Straßen.“

Nach etwa zehn Minuten erreichten wir die Anhöhe. Alte, von der warmen Nachmittagssonne beschienene Steingebäude, in denen Petrarca, Dante und Tasso ihr Unwesen getrieben haben mochten, grenzten dicht an einen Hang. Weinstöcke mit rotem und gelbem Laub zogen sich auf diesem Hang in weichen Wellen hinab ins Tal. Es sah nicht unbedingt danach aus, als stünde der Hügel in Flammen, doch der Farbverlauf von Gelb nach Rot erinnerte tatsächlich entfernt an ein Feuer. An ein etwas eingerostetes, starres Feuer zumindest, in dem jede Bewegung erloschen war.

Wir bogen nach rechts auf einen überraschend weiträumigen Parkplatz ein, der selbst für Reisebusse Stellflächen bot, und hielten unter der massiven Steinmauer eines alten Schlosses oder einer Kirche. In der Toskana war es nicht immer leicht, das Profane vom Sakralen zu unterscheiden, was ich aus einem undurchsichtigen Grund überaus bezeichnend fand.

Hohe Kastanien wuchsen auf dem fast vollständig leeren Parkplatz. Ein paar Meter von uns entfernt versuchte eine junge Familie aus Frankreich gerade, ihren Sohn zu einem Spaziergang zu überreden, obwohl sich dieser mit Händen und Füßen dagegen wehrte.

„Wo sie nur bleiben?“, fragte ich K und nahm die Schlossmauer in den Blick.

Die Mauer war massiv, ihre Tiefe nur schwer zu bestimmen. Erst in etwa zehn Metern Höhe sah ich Fensterschlitze, die auf bewohnbare Zimmer deuteten, doch darunter gab es nur diese Wand aus kompaktem, solidem Gestein, das die Bewohner von Montefioralle vor Jahrhunderten gegen eine außergewöhnliche, uns in der Zwischenzeit unverständlich gewordene Bedrohung errichtet haben mussten. 

Eigentlich, dachte ich, habe ich hier eine Alptraummauer vor mir. Eine Mauer, die vor dem Weltuntergang schützen soll. Vor allem, was Angst macht.

Aus Richtung der Straße tauchte das Geräusch eines Autos auf und einen Augenblick später bog der graue Peugeot auf den Parkplatz ein. 

„Hat sich jemand übergeben?“, fragte ich mit einem Lächeln, als Christian gerade ausgestiegen war.

„Sehr lustig“, antwortete er. „Nein, diesmal sind wir trocken geblieben. Aber nach den Nudeln und der Pizza müssen wir die Kinder jetzt erstmal wieder wach bekommen.“

Das Mittagessen in der Pizzeria war anfangs ruhig verlaufen. Bis auf uns war nur ein weiterer Tisch mit einer Männergruppe im vorgerückten Alter besetzt, die in Wanderklamotten am anderen Ende des Gastraums saßen, um sich eine Karaffe Wein zu teilen. Irgendwann hatte Arthur es allerdings nicht mehr ausgehalten, konzentriert seine Pizza con Wurstl zu essen und plötzlich ein Messer mit voller Wucht quer durch den Raum geworfen. 

Das Projektil flog in hohem Bogen direkt auf die Männergruppe zu und ging scheppernd auf den hellen Fliesen des Restaurants zu Boden. Die Männer blickten erschreckt auf, ihr Gespräch verstummte. Auch an unserem Tisch wurde es mucksmäuschenstill. Ich sah, dass Christian mit rotem Kopf Perle anschaute, fast so, als wüsste er nicht genau, wie diese Situation zu bewältigen sei.

Dann nahm er Arthur in den Blick.

„Also wirklich, Arthur, das geht echt nicht.“

Arthur blickte amüsiert zu seinem Vater auf.

„Ich meine das ernst, du kannst doch nicht einfach so dein Messer durch den Laden schmeißen!“

Arthur wurde unsicher. Sein Vater schien viel weniger begeistert zu sein, als er es offensichtlich angenommen hatte.

Christian stand auf und lief quer durch den Raum. Mit einem Gemisch aus Französisch und Italienisch gab er der Männergruppe zu verstehen, dass es ihm leid täte. Am Ende sagte er mit einem entwaffnenden Lachen und in die Luft geworfenen Händen „Ah, Bambini!“, was die Männer zu herzhaftem Gelächter animierte und die Wogen völlig glättete. Wie konnte man diesem freundlichen jungen Vater und seinem messerwerfenden Sohn böse sein? Der Junge war schließlich ein Kind!

Nach etwa einer halben Stunde, in der K und ich einen halben Liter Hauswein in uns hineingeschüttet hatten, kapitulierte Perle schließlich vor Charlies Gegenwehr, der jede weitere Gabel mit Nudeln verweigerte. Als Arthur allerdings ein Eis von der ein wenig angespannten Kellnerin bekam, schien auch der Appetit des Zweijährigen zurückzukehren. Arthur lehnte aber jeden von Christians Versuchen rigoros ab, der auf eine gerechte Teilung des Eisbechers hinauslief. Erst unter Androhung aller möglicher Strafen ließ er sich dazu bewegen, einige Löffel der Portion, die er später zur Hälfte stehen ließ, seinem Bruder abzugeben.

Bis auf diese kurzen Szenen verlief das Mittagessen ohne größere Vorfälle. Während ich meine Pizza aß und mit jedem Schluck Wein entspannter wurde, zeigte mir Arthur eine Reihe von Fotos auf Christians Handy, die er entweder selbst geschossen hatte oder auf denen er zu sehen war.

„Regardes!“, sagte er im Sekundentakt und blätterte mit flinken Fingern durch die Fotosammlung.

„Wow“, sagte ich. „Bist du das?“

Arthur wechselte fließend ins Deutsche.

„Ja, das bin ich.“

„Was machst du denn da?“, fragte Christian, der sich gerade ein Stück Schinkenpizza in den Mund stopfte.

„Ich stehe auf einer Rutsche“, antwortete Arthur.

„Eine Rutsche“, sagte ich. „Ist ja nicht zu fassen!“

Arthur lachte begeistert.

Normalerweise machten mich Gespräche mit Kindern nervös, aber mit Arthur kam ich gut zurecht. Unterhaltungen mit Kindern konnten etwas Entwaffnendes besitzen. Besonders ihre Fragen folgten anderen Regeln, die sich nicht um die Regeln der Erwachsenen scherten. Ein Gespräch unter fremden Erwachsenen ähnelte einem Tanz mit vielen unausgesprochenen Fallen. Kinder verstanden Andeutungen und Ironie noch nicht, für sie lief alles genau auf das hinaus, was man sagte, die Sprache besaß nach ihrem Verständnis keine Zwischentöne. Für sie existierte damit keine Doppeldeutigkeit, keine Hintergedanken. Die Welt war vielleicht rätselhaft, aber mit Hilfe einiger Worte oder Sätze, mit Hilfe der Sprache, ließ sich diese Rätselhaftigkeit in den meisten Fällen bezwingen. Außerdem ging ich ständig davon aus, dass der scharfe Blick eines Kindes meine eigene Unsicherheiten sofort durchschaute. Ich war es nicht gewohnt, in dieser vertrauten Weise zu sprechen, wie es meine Freunde taten, die bereits Kinder und damit ein Familienleben hatten und an solche Gespräche gewöhnt waren. Stattdessen fühlte ich mich wie ein unbeholfener Automat, der versuchte, zu einer halbvertrauten Spezies Kontakt aufzunehmen und sich dabei völlig hölzern verhielt. Wie jemand, der ein Gespräch zu imitieren versuchte, ohne genau zu wissen, auf welche Details und Wendungen es tatsächlich ankam.

Arthur verlor schnell das Interesse an seiner Diaschau und widmete sich einem roten Spielzeugauto, das er irgendwo hervorgezaubert hatte. 

„C’est un camion de glaces“, sagte er wie zu sich selbst.

„Ein was?“

„Ein Eiswagen“, übersetzte Christian, ohne von seiner Pizza aufzusehen.

Während Arthur neben mir täuschend echte Motorengeräusche erzeugte, beobachtete ich Christian und Perle, die sich eingespielt um ihre Kinder kümmerten. Ihre unaufgeregten Handgriffe ließen jene vorauseilende Besorgnis vermissen, die ich an manchen meiner Freunde wahrnahm. Sie behielten ihre Kinder ständig argwöhnisch im Auge, um eine Katastrophe möglichst noch im Entstehen zu verhindern und machten ihren Nachwuchs dadurch erst doppelt nervös. Christian und Perle dagegen schienen in sich zu ruhen und aßen gemütlich ihre Pizza.

„Wie sieht es mit einem dritten Kind bei euch aus?“, fragte ich plötzlich, ohne zu wissen, warum mir ausgerechnet diese Frage in den Sinn gekommen war.

Beide schüttelten vehement ihre Köpfe.

„Auf keine Fall“, sagte Christian.

„Seid froh, dass ihr keine Kinder habt“, sagte Perle.

K und ich lachten.

„Ich meine es ernst“, schob Perle nach. „Ich habe seit vier Jahren keinen Tag mehr für mich gehabt. Als Charlie auf die Welt kam, hätte ich in Elternzeit gehen sollen, aber dann kam die Pandemie und alle Kindergärten waren mit einem Mal zu. Arthur blieb dadurch natürlich auch zu Hause und Christian konnte sich nicht um alles kümmern. Also war auch diese Zeit sofort weg. Seit vier Jahren habe ich nicht mehr als eine halbe Stunde für mich gehabt. Kurz vor dem Einschlafen.“

„Aber das wird ja bald besser“, wandte Christian etwas verlegen ein.

Perle schwieg.

„Außerdem fliegst du doch vielleicht nach Florida“, setzte er nach. „Ganz allein.“

„Soll ich das denn wirklich machen?“, fragte Perle wie zu sich selbst. „Ich könnte auf die Hochzeit meines Bruders nach Florida fliegen“, erklärte sie uns dann. „Vielleicht hänge ich sogar noch eine Woche dran und fliege nach Kuba weiter, mache richtig Urlaub.“

„Also das höre ich jetzt aber zum ersten Mal“, sagte Christian verblüfft. „Das hieße ja, ich müsste zwei Wochen komplett allein mit diesen Wahnsinnigen verbringen.“

Er zeigte auf Charlie, der sich gerade eine Nudel mit Tomatensoße über den Daumen gestülpt hatte und nun damit zu wackeln begann.

„Meine Eltern sind ja auch in Marseille“, wandte Perle ein.

„War auch nur ein Scherz“, erwiderte Christian. „Du kannst ruhig zwei Wochen Urlaub machen. Wir kommen schon klar.“

„Mal schauen“, sagte Perle.

* * *

Wir spazierten mit den Kindern durch Montefioralle. Das Dörfchen wirkte ausgestorben, als kehrte das Leben nur während der Saison in die alten Mauern zurück und bliebe auch dann bloß eine Vorspiegelung falscher Tatsachen. An einem Trinkbrunnen füllten K und ich unsere Wasserflaschen auf, während Arthur seinen Bruder eine Dusche verpasste, der vom Wasser geblendet und prustend mit nach vorn gestreckten Händen die Flucht in eine der anliegenden Gassen ergriff. 

Nach einer Viertelstunde hatten wir den Ort bereits vollständig erkundet und stießen durch Zufall auf einen Spielplatz, den man außerhalb der alten Stadtmauern auf einer Wiese untergebracht hatte. Es gab eine Schaukel und eine kleine Ritterburg samt Rutsche. Alles sah ausgesprochen neu aus, das verarbeitete Holz hatte sicher noch keine zwei Winter erlebt.

Christian setzte Charlie in die Schaukel und stieß ihn sanft an. Charlies Füße ragten starr aus dem korbähnlichen Sitz heraus, er war noch viel zu klein, als dass er mit seinen Beinen hätte Schwung holen können. Arthur kletterte währenddessen von Perle beobachtet auf der Ritterburg herum und bereitete sich darauf vor, die in der Sonne glänzende Rutsche auszuprobieren.

Ich lehnte mich neben K an einen Holzzaun und behielt Christian und die Kinder im Blick. In gewisser Weise hatte uns nichts auf einen solchen Augenblick vorbereitet und vielleicht blieb meine Verwirrung an diesen Umstand geknüpft. Doch dann, was bereitete einen schließlich auf jene Abfolge an Augenblicken vor, der man sich täglich gegenüber sah? Was bereitete einen zum Beispiel auf einen Abschied vor oder auf die unaufhaltsam verstreichende Zeit? Auf einen Novembernachmittag im Jahr Zweitausendundeinundzwanzig, an dem das Leben mit einem Mal weit vorgerückt schien, als hätte es einen unmerklichen Sprung getan und damit eine große Strecke zurückgelegt? Wahrscheinlich versuchte jeder sich insgeheim auf solche Momente vorzubereiten, in denen das Leben unberührbar zu werden begann und den Eindruck erweckte, als spielte sich alles ohne unser Zutun ab. Man bereitete sich vor, um der Gegenwart die Spitze zu nehmen und damit jenes überraschende Moment zu besänftigen, das einen völlig überrumpelte. Deshalb hörte man den Erzählungen der anderen zu und versuchte aus ihnen zu lernen, man las, dachte über das nach, was alles passieren konnte, was vielleicht sogar passieren würde, wovor man, mit etwas Glück, womöglich sogar herum kam. Das Leben war voller Wendungen und blieb ein Rätsel. Sobald man es im Griff zu haben glaubte, entglitten uns die ersten Fäden. Fast jeder lief mit großen Erwartungen herum, es gab eine Zeit, in der das Leben aus nichts anderem als großen Erwartungen bestanden hatte und die Anzahl der Tage ins Unendliche verlief, die Zeit weder Macht noch Bedeutung besaß. Doch dann tauchte eines Tages unerwartet einer jener Augenblicke auf, von denen man die anderen immer nur hatte sprechen hören und unsere Vorbereitungen stellten sich als ganz und gar nutzlos heraus, wurden dem Augenblick nicht im Mindesten gerecht.

Obwohl ich mich zusammenriss, um für die anderen normal zu erscheinen, blickte ich staunend auf den Spielplatz. Ich verfolgte die Bewegungen meines Freundes voller Verblüffung, der wenige Meter von mir entfernt seinen Sohn auf einer Schaukel anschob und dabei so wirkte, als hätte er niemals etwas anderes getan. Vielleicht war es gerade diese Vertrautheit, die mich durcheinander brachte. Wenn ich Christian sah, sah ich noch immer meinen alten Freund, einen Menschen, dem ich vor langer Zeit begegnet war und der jetzt plötzlich vor mir stand mit einer Familie, um sich genauso zu verhalten, wie ein Familienmensch sich normalerweise verhielt. Er spielte mit seinen Kindern, er schien glücklich, mit seinen Kindern zu spielen und Zeit mit ihnen zu verbringen. Doch zwischen demjenigen, der er früher gewesen war und als den ich ihn kennengelernt hatte und diesem Menschen, der vor mir an der Schaukel stand, klaffte ein Spalt. Kein sehr großer Spalt, der Erinnerung und Gegenwart auseinderfallen ließ, so als bestünde zwischen beiden kein Zusammenhang, sondern ein diffuser Unterschied, als betrachtete ich das Bild eines Projektors, dessen Linse man nicht korrekt eingestellt hatte. Die Umrisse der Menschen wurden doppelt und dreifach auf die Leinwand projiziert und blieben die ganze Zeit lang unscharf.

„Was ist jetzt eigentlich mit deinem Roman?“, fragte Christian von der Schaukel aus.

„Was soll schon damit sein?“, antwortete ich ihm.

„Ach komm, du weißt doch genau, wonach ich frage.“

Ich suchte nach einer Antwort.

„Nichts ist damit“, erklärte ich dann. „Genau wie ich es im Januar vorausgesagt habe.“

„Gab es irgendwo eine Besprechung?“

„Nicht, dass ich wüsste.“

„Hast du eine Lesung gemacht? Du wolltest doch eine Releaseparty für das Buch organisieren, wenn ich mich richtig erinnere.“

„Das ging alles nicht.“

„Und warum?“

„Die Pandemie, du weißt schon. Veranstaltungen waren nicht drin.“

„Da ging bei euch selbst im Sommer nichts?“

„So ist es.“

Christian verstummte, doch ich wusste, dass ich ihm etwas vormachte. Selbstverständlich waren im Sommer Veranstaltungen wieder möglich gewesen, das Leben hatte für einige Monate fast normal gewirkt, sah man über kleinere Auflagen, wie die Masken, die jeder im Supermarkt auch weiterhin tragen musste, einmal hinweg. Unter bestimmten Bedingungen waren auch Veranstaltungen wieder erlaubt, es hatte Partys und Konzerte gegeben und natürlich auch Lesungen und ich selbst war zwei oder drei Mal im Kino gewesen, aber das war auch schon alles. K hatte mich mehrmals gefragt, ob sie bei der Organisation einer kleinen Party zum Erscheinen meines Romans helfen solle und sogar angeboten, sich um eine Räumlichkeit zu kümmern, aber ich hatte alles rundweg abgelehnt.

„Ich könnte im Café Rost nachfragen“, hatte sie gesagt. „Man kann doch sicher für eine geschlossene Gesellschaft etwas anmieten.“

„Ich weiß nicht so recht.“

„Und warum? Das wäre doch klasse. Wir könnten unsere Freunde einladen. Auch Skafte zum Beispiel und Inge. Die würden sich darüber sicher freuen, zumal sie dich doch immer unterstützen.“

„Und was soll ich dann dort machen?“

K sah mich wie vor den Kopf gestoßen an.

„Du liest natürlich aus deinem Roman vor, was denn sonst? Und dann trinken wir alle was und unterhalten uns. Das wird sicher ein netter Abend.“

„Sollte sowas nicht besser der Verlag organisieren? Das fühlt sich doch komplett amateurmäßig an.“

„Wir müssen das aber selbst machen, sonst passiert nichts!“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Also?“

„Ich muss erstmal darüber nachdenken.“

K rollte mit den Augen und lief aus dem Zimmer.

Am Ende war ich nicht in der Lage, mich zu ihrem Vorschlag durchzuringen und irgendwann stellte sie ihre Versuche schließlich ein. Das lag nicht an ihrem Plan, sondern einfach daran, dass ich mittlerweile, nur wenige Monate nach Erscheinen des Buches, mit meinem Roman nichts mehr anzufangen wusste. Ich wollte nicht länger an ihn denken, ich wollte mit ihm ganz einfach nichts mehr zu tun haben. Er war nicht gänzlich missglückt, es gab ein paar Passagen, die ich immer noch mochte, den tagebuchartigen Teil ganz zum Schluss beispielsweise, doch sobald ich das Buch an einer anderen Stelle aufschlug, wurde ich rot und verfluchte mich.

Das ist es also, was du nach zehn Jahren zustande gebracht hast, sagte ich mir. Ein mittelmäßiger Roman, ein Durchschnittsbuch. Was hast du dir bloß dabei gedacht?

Ich fand keine Antwort. Mit einem Mal hatte sich meine Überzeugung, ein gutes Buch geschrieben zu haben, verflüchtigt. Ich konnte schwer sagen, weshalb mir nicht früher Zweifel gekommen waren, Zweifel noch bevor der Verlag meinen Roman herausgebracht hatte. Vielleicht lag darin so etwas wie ein verborgener Überlebenswille, ein irritierend einfältiger Instinkt, der mich ein Vorhaben zum Abschluss bringen ließ, das ich mehr als zehn Jahren mit mir herumgeschleppt hatte, den Plan nämlich, nach allen abgebrochenen und gescheiterten Versuchen nun endlich ein Buch zustande zu bringen. 

Doch plötzlich war ich wieder hin und her gerissen. Vielleicht hatte ich dieses Buch mit aller Gewalt erzwungen. Und dieser rücksichtslose, auf ein einziges Ziel gerichtete Zwang hatte mich ringsum alles vergessen lassen, mir jedes Gespür für die Qualität des Ganzen genommen. Vielleicht hatte mein Wille ganz einfach mein Urteilsvermögen getrübt. Er musste meine Urteilsfähigkeit vernebelt haben, denn wie anders sollte es zu erklären sein, dass ein Buch, das ich noch gestern für gut gehalten hatte, sich einen Tag später bereits als mittelmäßig herausstellte, als ganz und gar durchschnittlich?

„Bekommen wir eigentlich irgendwann unser Autorenexemplar?“, fragte Christian, der gerade dabei war, einen Streit zwischen Charlie und Arthur zu schlichten. Beide erhoben Anspruch auf den gleichen Schaukelsitz, obwohl zwei zur Verfügung standen.

„Ich dachte, ihr hättet schon längst ein Exemplar bekommen?“

„Woher denn?“

Christians Rückfrage brachte mich durcheinander. Ich war ganz einfach davon ausgegangen, dass er sich den Roman gekauft hatte. Schließlich war das doch nicht irgendein Ereignis. Ich hatte einen Roman geschrieben und dieser Roman war endlich erschienen!

„Ich kann euch das Buch gern mit der Post schicken, wenn du mir eure Adresse gibst.“

„Die hab ich dir doch schon tausendmal geschickt.“

„Wirklich?“

„Na klar! Und schreib gefälligst eine Widmung rein.“

Ich stöhnte auf. 

„Warum will jeder unbedingt eine Widmung?“

„Das gehört ganz einfach dazu.“

„Genau, das ist doch so viel persönlicher“, stimmte K ein.

„Aber ich hasse Widmungen. Mir fällt einfach nie etwas Passendes ein.“

„Lass es fließen“, sagte Christian, der Arthur und Charlie mittlerweile auf getrennten Sitzen der Schaukel untergebracht hatte.

„Lass es fließen?“, fragte ich. „Was soll das denn heißen?“

„Ein Widmung ist ja wohl nicht zu viel verlangt. In ewiger Ergebenheit und endloser Verehrung, Thomas Liefhold. Ha ha.“

Ich lachte.

„Okay, das schreib ich dir gern ins Buch.“

„Na bitte.“

* * *

Gegen vier liefen wir zurück und verabschiedeten uns auf dem Parkplatz voneinander. Christian und Perle fuhren mit den Kindern am Ende der Woche zurück nach Marseille, während ich mit K nach Siena weiterreiste. Wir sahen den beiden zu, wie sie Arthur und Charlie auf den Kindersitzen anschnallten und ihre Spielsachen im Kofferraum verstauten. Dann umarmten wir einander flüchtig. 

„Es war schön, euch zu sehen“, sagte Perle.

„Ja, das war es wirklich“, antwortete ich.

Sie stiegen ein, Perle startete den Motor und K und ich winkten zum Abschied. Dann fuhr der graue Peugeot langsam zur Kreuzung am Ende des Parkplatzes, bog nach rechts und verschwand hinter einem Haus.

„Sollen wir los?“, fragte K.

Ich nickte, während ich weiter die Ecke im Blick behielt, hinter der das Auto eben verschwunden war.

„Das war doch ein schöner Nachmittag“, sagte sie, als wir im Auto saßen und den Hügel mit den staubigen Zypressen wieder hinunterfuhren.

„Stimmt“, sagte ich. „Es war wirklich schön.“

„Schön, die beiden mal wiedergesehen zu haben. Und endlich habe ich auch mal Arthur und Charlie kennengelernt.“

Ich nickte, während ich die staubigen Zypressen am Straßenrand betrachtete. Wie nach den meisten Abschieden auch fühlte ich eine merkwürdige Traurigkeit in mir aufsteigen, deren Grund sich nur schwer bestimmen ließ. Es fühlte sich jedes Mal danach an, als wäre nicht alles ausgesprochen wurden, als hätte man einander nicht alles gesagt. Als wäre der Moment eines echten, das Alltägliche übersteigenden Einverständnisses ungenutzt verstrichen. Ein Einverständnis, das uns alles überwinden lassen musste, vor allem aber die hinter uns liegende Zeit. Es war schwer zu sagen, was ich damit meinte, denn ich verstand es selbst nicht genau. Vor Jahren hatte ich in einem Buch gelesen, dass die Melancholie nach einem Abschied der Gewissheit entspringt, nicht nur die Menschen, von denen wir uns trennen, würden uns unweigerlich vergessen, sondern auch die Dingen selbst, die Gegenstände, Straßen und Häuser, Zimmer und Möbel, all jene Objekte also, mit denen wir uns Jahrzehnte lang umgeben haben, verlören uns irgendwann aus dem Blick, als wären wir Fremde und hätten nicht all diese Zeit miteinander verbracht. Doch ich war mir nicht sicher, ob das tatsächlich stimmte und ob es überhaupt dem entsprach, was ich an diesem Novembernachmittag empfand. Und dann dachte ich etwas Eigenartiges, etwas, das ich wahrscheinlich zum ersten Mal dachte. Du sehnst dich nach einer Gewissheit, die außerhalb des Vergänglichen liegt und von der Gegenwart aus nicht erreicht werden kann. Doch was für eine Gewissheit sollte das sein?, wandte ich in Gedanken ein. Was kann es für eine Gewissheit außerhalb des Vergänglichen geben?

Während die Sonne langsam unterging, zog das Spalier der Zypressen ungerührt an uns vorbei. K schaltete das Radio ein, doch ich achtete nicht auf die Musik. Ich hörte nur auf das Trommeln der winzigen Kieselsteine, die ohne Pause von den Reifen aufgewirbelt gegen die Radkästen geschleudert wurden. Es klang, als stünden K und ich unter Beschuss. Als würden wir durch ein ungefährliches Streufeuer fahren und dabei nichts Wesentliches aufs Spiel setzen. Ich fragte mich, wie es Perle und Christian gerade ging und worüber sie miteinander sprachen. Ob Charlie und Arthur auf der Rückbank schliefen? Was würden die beiden von diesem Nachmittag behalten? 

Wir erreichten das Ende der Schotterpiste und bogen auf eine asphaltierte Straße ab. Alles war so ländlich, dass nicht einmal Straßenlaternen existierten. Wir fuhren durch eine halbdunkle Landschaft, die Schatten wurden länger, die ersten Sterne tauchten über uns auf. 

„Hier draußen ist der Himmel wunderschön“, sagte K und ich nickte. 

Der Himmel war tatsächlich schön. Und es war schwer zu sagen, ob das an den Sternen und der Dunkelheit lag oder an den abgeernteten Feldern um uns herum, die in der kühler werdenden Luft auf die kommende Saat warteten.

Langsamer Abschluss (2)

„Kannst du mir jetzt endlich mal helfen?“, fragte Perle und wedelte mit den schmutzigen Taschentüchern in ihrer Hand herum.

„Ich komme“, antwortete Christian und lief zum Auto zurück, um die Heckklappe des Peugeot zu öffnen, in dem absolute Unordnung herrschte. Rucksäcke und Plastiktüten lagen wild durcheinander, dazwischen ein verstreutes Paar Schuhe, eine Regenjacke und ein zusammengeklappter Kinderwagen. Im Kofferraum gab es kaum noch Platz. Alles machte den Eindruck einer längeren Reise, obwohl wir uns nur für ein Mittagessen und einen kurzen Spaziergang verabredet hatten.

Mit einer leeren Plastiktüte lief Christian zurück zu Perle, die ihre Taschentücher endlich loswurde, um sich wieder den Kindern zu widmen, die noch immer angeschnallt auf der Rückbank saßen.

„Hast du Zigaretten?“, fragte sie aus dem Inneren des Autos heraus.

„Die liegen sicher im Ferienhaus“, antwortete Christian.

„Ich dachte, du hättest mit dem Rauchen aufgehört?“, fragte ich.

„Habe ich auch. Nur abends rauche ich mal eine zum Wein.“

„Verstehe.“

„Mist“, sagte Perle, die noch immer auf dem Fahrersitz kniete und sich mit den Kindern beschäftigte. „Ich muss mir Tabak kaufen. Kannst du so lange auf Charlie aufpassen? Arthur schläft ja noch.“

„Kein Problem“, erwiderte Christian.

Perle stieg wieder aus.

„Super“, sagte sie und atmete tief durch. Sie sah so aus, als wäre sie die ganze Nacht lang gefahren, von Marseille über Nizza bis nach Florenz, alles ohne jede Pause.

„Tut mir leid, aber ich muss mir schnell Tabak besorgen“, wiederholte sie.

„Die Pizzeria hat erst vor ein paar Minuten aufgemacht. Wir haben also Zeit“, sagte ich.

Ohne etwas zu erwidern, stieg sie auf den Fahrersitz, während Christian die hintere Tür geöffnet hatte, um Charlie aus einem komplizierten Netz verschiedener Sicherheitsgurte zu befreien. 

Wie immer fiel es mir schwer zu sagen, ob Perle mich mochte oder nicht. Sie zwang sich zu keiner Antwort, wenn ihr nicht danach war und ließ all jene aufgesetzten Höflichkeitsfloskeln vermissen, die ich ständig einsetzte, um selbst jenen Menschen zu gefallen, die ich nicht leiden konnte. Deshalb lächelte ich oft und nickte häufig, antwortete selbst dann eher ausweichend, wenn ich etwas hörte, das mir komplett widersprach, das mich richtiggehend krank machte. Perle verzichtete auf diese zweideutigen, sogar heuchlerischen Zeichen, ihr kam es nicht auf den Zuspruch eines anderen an. Sie lächelte nur dann, wenn sie etwas wirklich lustig fand und antwortete nur, wenn ihr eine Antwort angebracht erschien. Eine Reaktion aus reiner Höflichkeit kam für sie nicht in Frage, was ich insgeheim bewunderte. So sieht ein integrer Charakter aus, dachte ich, jemand, der niemandem zu schmeicheln versucht und nur das gibt, was er wirklich geben will. Dennoch verunsicherte mich ihr stoisches Gesicht jedes Mal aufs Neue. Da alle Zeichen guten Willens fehlten, kam ich mir ständig so vor, als müsste ich mich um ihre Sympathie mit zweifelhaften Mitteln bemühen, mich für ein Lächeln regelrecht anstrengen. Als müsste ich aus irgendeinem Grund eine Hypothek abbauen.

Christian hatte in der Zwischenzeit den letzten Gurt gelöst, um Charlie aus seinem Astronautensitz zu befreien und hob den Zweijährigen aus dem Auto heraus. Charlie stand nun auf etwas wackligen Beinen auf der Straße und sah lächelnd zu uns auf. Seine nackenlangen blonden Haare wehten im Wind. Ganz offensichtlich hatte er das eben angerichtete Chaos während der Fahrt schon völlig vergessen. Er umklammerte mit einer Hand Christians Hose und rieb sich mit der anderen seine Augen. Dann ließ er plötzlich los und rannte davon.

„Das darf doch nicht wahr sein“, sagte Christian und nahm die Verfolgung auf.

„Wir sehen uns in zehn Minuten“, rief Perle aus dem Auto und ließ den Motor an.

K und ich liefen Christian und Charlie hinterher, während der dunkelgraue Peugeot auf die Straße bog, die zum Zentrum des Ortes führte.  

* * *

Ich hatte Christian seit über zwei Jahren nicht mehr gesehen, doch sofort fühlte sich alles wieder so an, als läge unser letztes Treffen erst wenige Wochen zurück. 

„Seht ihr Charlie eigentlich zum ersten Mal?“, fragte er, während der Zweijährige über eine Wiese stolperte, auf der wir nach einem kurzen Spaziergang angekommen waren. 

Ich nickte.

„Verrückt. Dabei ist er jetzt schon zwei Jahre alt.“

„Wir haben uns ja auch länger nicht gesehen.“

„Aber Arthur kennt ihr schon, oder?“

„Ich noch nicht“, antwortete K. „Perle war mit ihm gerade schwanger, als wir zum letzten Mal bei euch in Marseille gewesen sind.“

„Aber du kennst Arthur?“, fragte mich Christian verwundert.

„Ich habe euch mal in Berlin mit ihm getroffen. Irgendwann im Sommer.“

Er dachte angestrengt nach, während Charlie plötzlich vor uns stehen blieb und mit blinzelnden Augen seine Handflächen in Richtung Sonne streckte.

„Du hast damals dieses verrückte T-Shirt in Netzoptik getragen“, versuchte ich Christian auf die Sprünge zu helfen.

„Stimmt, in diesem Sommer war es so unglaublich heiß und ich bin die ganze Zeit in Sportklamotten von Uniqlo herumgelaufen.“

„Genau.“

„Aber da muss Arthur ja noch winzig gewesen sein.“

„War er auch, falls ich mich richtig erinnere. Ihr habt ihn die ganze Zeit im Kinderwagen rumgefahren und er hat eigentlich nur geschlafen.“

„So so.“

Charlie hatte seine Sonnenanbeterpose aufgegeben und klammerte sich wieder an das Bein seines Vaters, während er K und mich schüchtern anlächelte.

Seines Vaters, dachte ich verwirrt.

Ich konnte mich noch genau an meine erste Begegnung mit Christian im Café der Universität erinnern. Damals hatte er eine Schiebermütze aus Tweed getragen, eine saubere Jeans plus burgunderfarbenem Wollpullover und scheußliche Lederschuhe von Clarks, die eine wulstige Naht direkt auf dem Spann besaßen. Erst viel später hatte ich herausgefunden, dass er von seiner damaligen Freundin, die alle aus irgendeinem Grund nur Gurke nannten, derart ausstaffiert worden war, weil sich das für einen Studenten der Literaturwissenschaft ganz einfach so gehörte. Kurze Zeit später hingen wir ständig in seiner Wohnung in der Stubbenkammerstraße herum. Christian war drei Jahre älter als ich und schrieb Gedichte, die in Zeitschriften erschienen, später auch im Jahrbuch der Lyrik und anderen Anthologien. Daneben nahm er Lo-Fi-Gitarrenmusik auf seinem weißen Apple-Laptop auf, die er mir hin und wieder vorspielte.

„Charlie wirkt ja total entspannt“, sagte K.

Christian lachte.

„Der Schein trügt. Charlie ist ein wahnsinniger Terrorist.“

„Ach Quatsch“, sagte ich und musste ebenfalls lachen. „Charlie ist doch super freundlich.“

„Das kann sich in jeder Sekunde ändern. Und plötzlich wirft er mit Dreck oder suhlt sich in einer Pfütze.“

„Ha ha.“

„Neulich hat ihn Perle den Autoschlüssel gegeben, weil er damit auf der Straße spielen wollte und fünf Minuten später musste ich ihn vom Nachbarauto wegschnappen. Der Typ war kurz davor, seinen Namen einzuritzen.“

K und ich lachten.

„Es ist unglaublich, wie ähnlich er dir sieht“, sagte ich.

„Stimmt.“

„Arthur dagegen sieht komplett aus wie Perle“, sagte K.

Christian nickte.

„Das hören wir ständig“, erklärte er. „Auf der Herfahrt aus Marseille hat uns auf einer Raststätte eine Frau aus dem Nichts angesprochen und sich kaum noch einbekommen. Der sieht aus wie ihre Frau, aber der andere sieht ja komplett aus wie sie. So was gibts doch gar nicht. Ha ha.“

Wir lachten.

„Jetzt hast du also zwei Kinder“, sagte ich nach einer Pause.

„So sieht es wohl aus.“

Während Charlie mit seinen Gummistiefeln eine Pfütze ganz in unserer Nähe bearbeitete, erinnerte ich mich an Berlin. Ich versuchte fünfzehn Jahre zurück zu denken, damals, als es weder Arthur noch Charlie gegeben, Christian und Perle sich nicht gekannt hatten und Marseille bloß der Name einer Stadt am Mittelmeer gewesen war, mit der ich nicht viel mehr verband als den großen Exodus so vieler Menschen während des Zweiten Weltkriegs. Wenn ich mich richtig erinnerte, waren Remarque und Einstein über Marseille geflohen. Oder war das Lissabon gewesen? 

Jetzt standen wir uns in Italien gegenüber. Wir standen uns nach all dieser Zeit in Italien gegenüber und doch fühlte es sich so an, als hätte es jene Zeitspanne, die zwischen Berlin und Italien lag, überhaupt nicht gegeben. Als würden die Jahre kein Gewicht besitzen, als hätten sie kaum Spuren hinterlassen, als ließen sich alle wichtigen Ereignisse in diesem doch unüberschaubaren Meer voll vergangener Zeit mit einer Hand umschließen.

Im Sommer war Christian vierzig geworden und Ende November würde ich siebenunddreißig werden. Ich versuchte in mir unsere fünfzehn Jahre jüngeren Gesichter wachzurufen, ich versuchte mich zu erinnern, wie wir in Christians Wohnung gesessen hatten, um Musik aufzunehmen oder an unseren Literaturmagazinen zu basteln. Ich versuchte an unsere Gespräche zurückzudenken, aber alles wirkte, als befände es sich hinter Glas. Die, die wir gewesen waren, gab es nicht mehr. Und damals hätte keiner von uns geglaubt, fünfzehn Jahre später in Italien zu stehen, mit Kindern und Freundinnen, einer Arbeit, einem Buch in der Tasche, das für keinerlei Aufmerksamkeit sorgte, noch immer mit dem Wunsch in der Brust, irgendwann anzukommen und etwas zu erreichen, das nicht zufällig und alltäglich blieb. Und das Merkwürdige war, dass mir dieses gläserne Zimmer, in dem ich uns weiterhin an einem alten Holztisch vor Christians weißem Apple-Laptop sitzen sah, gleichzeitig verschlossen und völlig präsent erschien, als könnte ich es durch eine versteckte Tür erneut betreten, eine Tür, die alle Jahre ungeschehen machte. Wie konnten fünfzehn Jahre vergangen sein, wenn sich doch alles anfühlte, als wäre es erst gestern passiert?

„Wie lange macht ihr noch in Italien Urlaub?“, fragte Christian auf dem Weg zurück zum Restaurant. Er trug Charlie auf seinen Armen, der den Ausblick sichtlich genoss.

„Noch eine Woche“, antwortete ich. „Und ihr?“

„Wir fahren am Freitag wieder zurück.“

„Also seid ihr nur eine Woche unterwegs gewesen?“

„Genau. Für Perle beginnt die Arbeit nach dem Wochenende wieder und für mich natürlich auch.“

„Betreust du noch immer deine verhaltensauffälligen Kinder?“

„So sieht es aus. Daran hat sich nichts verändert. Nur die Anzahl der Kinder ist etwas größer geworden.“

„Und du kommst klar?“

„Wir kommen gut zurecht, würde ich sagen.“

Wir standen keine zwei Minuten vor dem Restaurant, als der graue Peugeot wieder vor uns hielt. 

Perle stieg aus und lächelte zum ersten Mal an diesem Tag.

„Arthur ist wach und ich habe Tabak gekauft“, rief sie uns erleichtert zu.

Langsamer Abschluss (1)

Ich bereite mich darauf vor, das Jahr der Fahnen abzuschließen. Ein Monat bleibt mir noch, ich werde fünf oder sechs neue Einträge schreiben, vielleicht aber auch nur zwei oder drei, um dann alles in eine neue Form zu bringen. Ich werde einen letzten Satz schreiben, von dem ich jetzt noch nichts weiß, ich werde ein paar weitere Seiten in meinem Schreibprogramm füllen, das Ganze speichern und dann meinen Laptop schließen. Vielleicht sehe ich später aus dem Schlafzimmerfenster hinaus auf ein Bild, das mich zwölf Monate begleitet hat und das ich viel zu oft beschrieben habe, wie Christian vor einigen Wochen meinte.

„Wenn ich wieder von deiner Birke und der Buche im Hinterhof lese, muss ich mich wirklich zusammenreißen!“, sagte er lachend, als wir ihn auf unserem Italienurlaub in der Nähe von Florenz trafen.

Es war kurz nach zwölf und wir standen in einem kleinen toskanischen Dorf vor dem Eingang einer Pizzeria, die gerade erst aufgemacht hatte. K und ich waren früher angekommen, als gedacht und dann ein wenig an der ziemlich dicht befahrenen Straße entlang spaziert. Die Pizzeria lag am Ende des Ortes zwischen heruntergekommenen Wohnhäusern, Garagen und düsteren Bauruinen voller Schutt. Keine besonders einladende Gegend, aber die Bewertungen des Restaurants waren gut und das Essen nicht besonders teuer, was Christian und seiner Familie sehr entgegen kam, wie ich dachte.

Zum Eingang der Pizzeria führte ein frisch gegossene Betontreppe, vor der wir uns gerade aufstellten, als ein dunkelgrauer SUV um die Ecke bog und abrupt in einer freien Parklücke zum Halten kam.

„Da sind sie ja schon“, sagte ich.

Die Beifahrertür öffnete sich und Christian stieg aus, lief zwei Schritte und streckte sich. Er trug eine weinrote, bis weit über die Knöchel aufgekrempelte Stoffhose, Schuhe, die mich aus irgendeinem Grund an die slipperähnlichen Espadrilles von Bruce Lee erinnerten und eine dunkelblaue Kapuzenjacke. Als er uns auf dem Gehweg bemerkte, lächelte er breit, strich sich einmal über die Stirn, als verscheuchte er einen schlechten Traum, und winkte uns dann zu.

„Charlie hat uns gerade ordentlich ins Auto gekotzt“, rief er fröhlich.

„Ist er krank?“, fragte ich, während wir die wenigen Meter hinüber zum Auto liefen.

Christian schüttelte seinen Kopf.

„Das liegt an den vielen Serpentinen. Für die Kinder ist das hier in Italien echt kein Spaß.“

„Und was macht Arthur?“, fragte ich, während ich erfolglos versuchte, durch die Scheiben ins Innere des Autos zu sehen.

„Der schläft natürlich“, antwortete Christian und lachte. „Arthur hat Charlies Kotzattacke sicher überhaupt nicht registriert. Wenn er schläft, schläft er richtig.“

„War es schlimm?“, fragte K.

„Jeder hat was abbekommen“, erwiderte er ungerührt. „Perle bereinigt gerade noch die letzten Spuren.“

Christians Gelassenheit war kaum zu glauben. Seitdem ich ihn kannte, existierten für ihn weder Kopflosigkeit noch hektische Panik und auch in dieser Ausnahmesituation, die chaotischer nicht hätte sein können, blieb er völlig ruhig, als wäre ein bei voller Fahrt sich übergebendes Kleinkind auf dem Rücksitz nicht weiter der Rede wert. Ich bewunderte seine ungezwungene Ruhe. Er ließ sich ganz einfach nicht aus dem Gleichgewicht bringen, weshalb ihn schon in Berlin jeder als Sonntagskind bezeichnet hatte, das immer irgendwie zurecht kam und genau aus diesem Grund auch Bewunderung verdiente.

„Wartet ihr schon lange auf uns?“, fragte er.

„Wir sind erst vor zehn Minuten angekommen.“

„Dann ist ja alles gut.“

Die Fahrertür öffnete sich und Perle stieg aus. Das, was Christian an Gereiztheit fehlte, stand ihr unübersehbar ins Gesicht geschrieben. Sie blickte uns ziemlich mitgenommen an, während sie in ihrer rechten Hand ein Knäuel benutzter Taschentücher hielt.

„Gibt es hier irgendwo einen Mülleimer?“, fragte sie Christian auf Deutsch, obwohl sie ihre Frage genauso gut auch auf Französisch hätte stellen können. Vielleicht wollte sie K und mich nicht ausschließen, da wir nur schlecht Französisch verstanden, um uns in die vorliegende Familienkrise einzubeziehen. Vielleicht war aber auch alles nur der etwas verwickelten Situation geschuldet.  

Perle stammte aus Frankreich und hatte Christian während ihres Studiums in Berlin kennengelernt. Beide lebten nun seit knapp acht Jahren zusammen in Marseille. Viel zu selten war ich in den TGV gestiegen, der von Mannheim aus gerade einmal sieben Stunden bis an die französische Mittelmeerküste brauchte und in Städten wie Lyon, Avignon und Aix-en-Provence hielt. 

Aix-en-Provence, was für ein eigenartiger Name für eine Stadt, dachte ich jedes Mal und versuchte mir mein Leben in Südfrankreich vorzustellen, was ganz unmöglich war und mich stets aufs Neue irritierte. 

Christian hatte mir seinen bevorstehenden Umzug nach Frankreich an einem Winterabend vor dem U-Bahnhof Osloer Straße angekündigt und ich war aus allen Wolken gefallen. Damals lag mein Studium gerade hinter mir und ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte.

„Du ziehst nach Marseille?“, hatte ich ihn entgeistert gefragt.

„Perle hat die Zusage an einer Schule für hörgeschädigte Kinder bekommen und ich werde mal schauen, was in Frankreich so los ist.“

„Hast du die Nase voll von Berlin?“

„Nicht wirklich“, antwortete er. „Mir geht es da nicht wie dir.“

Er lächelte.

„Außerdem ziehst du doch jetzt selbst nach Leipzig“, schob er nach. „Oder hat sich an deinem Plan etwas geändert?“

„Nein, daran hat sich tatsächlich nichts geändert.“

„Siehst du.“

Für einige Augenblicke schwiegen wir uns an. Der dunkelblaue Himmel stand voller Wolken und die Laternen über uns streuten ihr schwerfälliges Licht über das Pflaster des Gehwegs aus. Es war Mitte November und ziemlich kalt. Die Leute um uns herum verschwanden, so schnell sie konnten, über die Rolltreppen in Richtung der U-Bahn-Gleise, während wir uns eigentlich nur kurz von einander verabschieden wollten.

„Wann zieht ihr um?“, fragte ich.

„In zwei Wochen. Ich muss noch meine Möbel loswerden und ein paar Sachen bei meinen Eltern unterstellen und dann geht es schon los.“

„Und Perle?“

„Perle ist seit vorgestern in Marseille und unterschreibt den Mietvertrag. Ihre Eltern haben da wohl irgendwelche Kontakte, aber ganz genau weiß ich nicht Bescheid.“

„Verrückt.“

„Ja.“

Mit einem Mal begann ich zu verstehen, dass wir uns voneinander verabschiedeten. Nicht für den Abend und die Nacht, sondern für die nächsten Wochen und Monate. Wir verabschiedeten uns für die nächste Zeit. Christian musste seinen Umzug in den Süden Frankreichs aus bloßer Unsicherheit bis zum letzten Augenblick aufgeschoben haben. Er sprach nie offen über seine Gefühle, ganz im Gegensatz zu einigen meiner Freunde, mit denen ich ständig Therapiegespräche führte. Wir trafen uns bei einem Bier, sprachen anfangs über Bücher und Mädchen und eine halbe Stunde später lief alles bereits auf halbreligiöse Erweckungserlebnisse und die Schwere der Existenz hinaus. 

„Was machen wir hier eigentlich?“, fragte Simon theatralisch. „Wir haben doch alle keinen blassen Schimmer, was wir mit uns anfangen sollen!“

„Und warum sollte das schlecht sein?“, warf Lars ein, dem ein Gedichtband Paul Celans aus dem Cordjackett ragte und zwar so, dass der Titel Atemwende für alle gut sichtbar blieb. „Die kaschierte Unwissenheit ist ja wohl der exakte Ausdruck unserer verblödeten Zeit.“

„Alles ist so unendlich banal“, sagte Simon.

„Weshalb?“, wollte ich wissen.

„Weil ich etwas will und nicht einmal genau weiß, was ich überhaupt will. Ich fühle mich manchmal, als befände ich mich auf dem falschen Planeten.“

„Du bist ein Außerirdischer“, gab Lars zu bedenken und fummelte an seiner dunkelbraunen Brecht-Kappe aus Lederimitat herum.

Ich musste lachen.

„Wir sind doch alle Außerirdische“, sagte ich.

Ob es Christian gut ging oder nicht, worüber er nachdachte, wo seiner Unsicherheiten lagen, das alles behielt er für sich. Wir hatten gemeinsam über Bücher diskutiert, unsere, in den Copy-Shops des Prenzlauer Bergs, zusammengeschnürten Untergrundzeitschriften herausgebracht, in zwei oder drei Bands gespielt und waren sogar gemeinsam auf eine kleine Tour quer durch Deutschland gegangen. Doch woran Christian zweifelte, wovor er Angst hatte oder was ihn wahnsinnig machte, hatte ich nie erfahren. Und auch an diesem Nachmittag waren wir gemeinsam unterwegs gewesen, um über alles mögliche zu sprechen, nur nicht über die Stadt, in der wir uns vor sieben Jahren zum ersten Mal in einem Café der Universität über den Weg gelaufen waren und die wir nun verließen. 

Wir zogen fort und niemand wusste in diesem Augenblick vor dem Eingang zum U-Bahnhof Osloer Straße zu sagen, wann und wo wir uns das nächste Mal wiedersehen würden. Und wir ließen nicht einfach nur die Stadt zurück. Unsere Zeit in Berlin kam zu einem Ende und was vor uns lag, blieb ungewiss. Was würde Christian mit Perle in Marseille beginnen und was würde ich in Leipzig machen? Je öfter ich über meinen Umzug nachdachte, umso undurchsichtiger erschien mir mein Plan. Wenn ich es mir recht überlegte, zog mich eine zweifelhafte Ahnung von Berlin aus in den Osten. Vielleicht nicht mal eine Ahnung, sondern ein dummer Traum, ein idiotisches Luftschloss. Meine Unruhe zog mich in eine neue Stadt, in der ich mir vorstellte, ein völlig anderes Leben zu führen. Ein Leben, das in seiner unbeschriebenen Offenheit weitaus anziehender wirkte als mein zielloses Dasein in Berlin, das sich seit dem Abschluss meines Studiums in keine Richtung bewegte. 

Ich werde arbeiten müssen, dachte ich an manchen Abenden in meiner Wohnung am Rande des Friedrichshain. Nur was soll ich arbeiten? Ich werde Geld verdienen müssen, um weiter in meiner winzigen Dachgeschosswohnung zu leben. Doch womit soll ich dieses Geld verdienen?

„Also gut, ich hau dann mal ab“, sagte Christian.

„Alles klar“, erwiderte ich. „Du kannst ja schreiben, sobald du in Marseille angekommen bist.“

„Das werde ich machen.“

„Dann mach’s gut.“

„Du auch.“

* * *

Fast alle bedeutsamen Augenblicke im Leben, jene Augenblicke zumindest, in denen eine Entscheidung fällt, eine Veränderung in uns einsetzt oder etwas sein Ende findet, erscheinen im Moment ihres Erlebens nebensächlich, heben sich kaum von den anderen Eindrücken ab, in die sie unvermeidlich eingebettet sind. In die Tageszeit, die Räumlichkeiten, die an- oder abwesenden Menschen, das, was man fühlte oder zu fühlen glaubte, die Gespräche, die folgenden Stunden, die alles umschließen, was an diesem Tag noch erledigt werden muss. Manchmal glauben wir die Tragweite eines solchen Augenblicks noch im Moment seines Erlebens zu verstehen, als werfe die Situation, in der wir uns befinden und das, was wir beispielsweise gerade hören, einen langen Schatten voraus. Aber dieser Schatten kann trügen, man vergißt ihn bereits nach einer Woche und stellt später unvermittelt fest, wie sehr wir uns in der Bedeutung der Ereignisse selbst dann täuschen können, wenn sie etwas in uns auslösen, das sich wie ein Schock anfühlt, der alles zum Halten bringt. Viel häufiger allerdings geht man über diese Augenblicke hinweg, so wie man über vieles andere auch hinweg geht, ohne es zu beachten. Denn man weiß, wie viel Unerhebliches uns täglich begegnet, um im Lauf der kommenden Zeit restlos zu verschwinden. Vielleicht lagert sich selbst das Unerhebliche in uns ab und wir erfahren nie oder nur selten davon, doch sicher geht das meiste für immer verloren. Und erst im Nachgang gewinnen die Dinge an Bedeutung, es ist, als schaffe die Erinnerung einen Raum, in dem unsere Erlebnisse einen zweiten Platz erhalten, um in ein helleres, klares Licht gerückt zu werden. Zum ersten Mal kann man die Dinge nun eingehender und in Ruhe betrachten. Unsere Erinnerung wählt aus, verleiht Bedeutung, übergibt unbemerkt vieles dem Vergessen. Jetzt erst begreift man, was vor einem steht und was uns damals bereits vor Augen stand, ohne dass wir es wussten. Vor uns liegt ein Abschied, der sieben Jahre umschließt. Sieben Jahre sind keine kurze Zeit, in sieben Jahren kann viel passieren. Man hat sehr einfache Worte gewählt, aber diese einfachen Worte wurden der Sache nicht gerecht. Mit jedem vergehenden Jahr stellt man fest, wie selten Worte und Sachen übereinstimmen, als gäbe es zwischen ihnen keine rechte Verbindung. Man trennt sich voneinander, weil man andere Wege gehen muss. Man entschließt sich beispielsweise für einen Umzug, während das Leben weiterläuft. Irgendwo tickt eine Uhr, aber das Leben lässt sich nicht als das bloße Ablaufen von Zeit verstehen. Das Leben ist komplizierter als das Bild dieser unablässig tickenden Uhr, die das Vergehen von Sekunden, Minuten und Stunden spiegelt, auch wenn das Leben den Stunden, Minuten und Sekunden unterliegt. Später wird man sich wieder treffen und die Zeit und der Abschied werden wirken, als hätte man sie an einem anderen Ufer zurückgelassen, als stünde man mit demjenigen, der man damals gewesen war, nicht mehr oder nur noch in einer eher losen, zufälligen Verbindung. Die Reichweite der Ereignisse, die sich uns ständig entzieht, ist furchtbar. Man geht, aber eigentlich ist das kein Gehen. Man verabschiedet sich, aber der Abschied ist um so vieles größer. Alles wirkt ständig, als stünde das Leben selbst auf dem Spiel und wenn nicht auf dem Spiel, dann doch zumindest in Frage. Das Leben in dieser exakten, genau zu bezeichnenden Sekunde an einem Abend im November zum Beispiel, mit dem schwachen Licht der Straßenlaternen über unseren Köpfen.

Weißer Wal im Wald, 19. November

Kurz nach dem Regen hat sich der Waldboden in eine aufgeweichte, schlammige Zone verwandelt. Von den Bäumen tropft es auf uns herab und manchmal landet einer dieser Tropfen auf meiner Stirn. Es lässt sich nicht genau sagen, aus welcher Höhe er fällt, genauso wenig wie sich sagen lässt, von welchem Blatt er sich löst. Vielleicht rollen die Tropfen nicht einmal von den Blättern der Bäume ins Nichts. Vielleicht fallen sie bloß von sehr weit oben, lösen sich von einer imaginären Höhlendecke, die irgendwo über uns steht und sich in Dunkelheit hüllt. Womöglich reicht das Licht nicht mehr aus, um diese Decke über uns freizulegen und somit fielen die Tropfen aus einem scheinbar leeren Raum, sie setzten sich vom Dunkel ab und stürzten hinab, erreichten nach einem langen Flug durch einen seltsamen Zwischenbereich endlich den Wald, in dem wir uns den Hang hinunter tasten. Wo immer möglich halten wir uns an den Stämmen der Bäume fest und suchen die verschlammte Erde nach aufgeworfenen Wurzeln ab, die unseren Abstieg erleichtern. Wir sind nicht allein im Wald, können die anderen aber nicht sehen. Wir sehen auch den Weißen Wal noch nicht, obwohl er sich ganz in unserer Nähe befinden muss. 

„Er ist sicher irgendwo“, sagt K und zurrt ihren Rucksack mit den Badesachen zurecht.

Es ist November und noch immer sind es in Italien achtzehn Grad. Gäbe es das farbige Laub der Bäume über unseren Köpfen nicht und auch nicht die kühlen Abende, die sich im Handumdrehen in dunkelste Nacht verwandeln, könnte man glauben, Herbst und Winter ließen noch Monate auf sich warten. Als ich am Morgen den Wetterbericht auf meinem Telefon überflog, hatten Deutschland in der Nacht die ersten Minusgrade erreicht. Ich stellte mir eine Wiese mit erstarrten, von weißen Kristallen überzogenen Grashalmen vor, die unter den Schuhen leise knisterten. Der Atem der Menschen verwandelte sich in milchweißen Rauch und in den Fingerspitzen begann es nach einigen Minuten in der Kälte zu kribbeln. 

Wir bleiben stehen und horchen in den Wald hinein. Alles ist still. Keine Stimmen und keine Vogelrufe sind zu hören, der ganze Waldabschnitt scheint ausgestorben zu sein. In der Luft macht sich ein eigenartiger Geruch bemerkbar, der allerdings nur eine Andeutung bleibt. Auch wenn mich jemand dazu zwingen würde, wäre ich nicht in der Lage, diesen Geruch zu beschreiben. 

Das muss die Quelle sein, denke ich.

Wir schlittern weiter den Abhang hinab. Der Waldweg löst sich nun vollends in Matsch auf, nirgendwo ist ein Rest von Gras oder Moos übrig geblieben. Selbst die von den Bäumen gefallenen Blätter gehen in der glatten, braunen Erde unter, die von zahllosen Schritten umgepflügt worden ist und nun der Randzone einer Baustelle gleicht. 

Nach etwa zehn Minuten glaube ich etwas Weißes hinter den Bäumen zu erkennen.

„Siehst du das?“, frage ich K.

Sie schaut nach vorn.

„Ob es das ist?“

„Ich denke schon.“

Hinter den schlanken, braunen Baumstämmen ragt eine weiße Wand in den Himmel hinauf. Nach einigen weiteren Schritten höre ich das Wasser und sehe Dampf aufsteigen. Wir lassen die letzten Bäume hinter uns und treten nah an einen Bach heran, hinter dem die ersten Terrassen, über die das heiße Wasser der Quelle fließt, wie ein gigantischer, außerirdischer Pilz in die Höhe ragen. Die Flanke des Hügels ist von karstigen, weißen Ausstülpungen überzogen. Dort, wo das heiße Quellwasser über die Felsen fließt, haben jahrtausendealte Ablagerungen weiche, grauweiße Formen entstehen lassen, deren Farbe mich tatsächlich an die Haut eines Wals erinnert. Die Felsen sind von diesem Weiß überzogen, ihre Kanten haben sich in Rundungen und sanfte Kurven verwandelt, die nun Becken und kleinere Bassins bilden, in denen sich das Wasser sammelt. Ganz oben muss die Quelle sein, doch von unserem Standpunkt aus können wir sie nicht erkennen. Das Wasser rauscht über die kalkweißen Terrassen hinab und erzeugt nur wenige Meter von uns entfernt einen Pool, in dem vier oder fünf Leute in Badesachen liegen und uns beobachten.

Ich versuche sie zu ignorieren, was mir allerdings nicht gelingt.

„Wir sehen ein bisschen wie Spanner aus“, flüstere ich.

„Ach Quatsch“, erwidert K.

„Aber die Leute sehen uns an.“

„Wo sind denn hier Leute?“

„Na dort unten im Becken neben dem Wasserfall.“

K sucht den Weißen Wal ab, bis sie die Badenden entdeckt.

„Die sehen uns ja wirklich an.“

„Sag ich doch.“

„Dann lass uns schnell ins Wasser gehen.“

Wir folgen dem Bach, bis wir einen Maschendrahtzaun erreichen. Am Zaun sind Hinweisschilder angebracht und obwohl ich kein Italienisch verstehe, begreife ich sofort, dass wir es mit einer Reihe von Verboten zu tun haben. Wahrscheinlich darf die Quelle nicht betreten werden, aber schließlich liegen schon andere im warmen Wasser und lassen es sich gut gehen. Wer auch immer diese Schilder angebracht hat, scheint sich zumindest nicht übermäßig um eine Einhaltung der Vorschriften zu kümmern.

An einer Stelle besitzt der Drahtzaun ein Loch, durch das die anderen geschlüpft sein müssen. Der Boden ist an dieser Stelle genauso rutschig wie im Wald, so dass wir uns vorsichtig vorantasten, um dann nur wenige Meter entfernt vom Wasser anzuhalten.

Wir setzen unsere Rucksäcke ab und ich hole die beiden Badehandtücher hervor, um sie über den Drahtzaun zu hängen, genauso, wie es die anderen getan haben, die uns noch immer nicht aus den Augen lassen. Vielleicht ist diese Quelle nur etwas für Einheimische, denke ich nervös, vielleicht stößt sich die Dorfjugend an unserem Auftauchen. Vielleicht machen wir, ohne es zu ahnen, jemandem die Quelle streitig. Womöglich ist der Weiße Wal nicht für alle da.

Mir ist es etwas peinlich, mich vor den anderen auszuziehen, weshalb ich ihnen den Rücken zudrehe. Glücklicherweise trage ich meine Badehose unter meiner Jeans, was alles etwas einfacher macht. K allerdings braucht ein Stück, um aus ihren Schuhen und Klamotten heraus zu kommen und deshalb warte ich hilflos und halbnackt neben ihr, bis sie fertig ist. Mit einem Mal kommt mir die Herbstluft nicht mehr ganz so mild vor, wie noch eben im Wald. In der Zwischenzeit tue ich so, als würde ich die Waldgrenze aufmerksam betrachten und als spielte sich dort etwas ganz Unwahrscheinliches ab.

„Kann los gehen“, sagt K endlich.

„Sehr gut“, antworte ich und taste mich den Felsen hinauf in Richtung Becken.

Das Wasser ist trübe, ich kann den Boden nicht erkennen und deshalb auch nicht einschätzen, wie tief hinab der natürliche Pool an dieser Stelle reicht. Ich strecke meinen Fuß hinein und halte irritiert inne. 

Das Wasser ist kalt.

„Das Wasser ist überhaupt nicht warm“, sage ich leise.

„Vielleicht ist es bloß hier vorn etwas kühler. Lauf einfach weiter hinein.“

K steigt hinter mir in das Becken, dessen Wasser uns bis zu den Knien reicht. Unter meinen Fußsohlen fühle ich Kiesel, manchmal auch etwas gröbere Steine und deshalb taste ich mich langsam und schwankend voran. Die Leute im zweiten, von unserem Pool abgetrennten Bassin verfolgen unsere Bewegungen interessiert. Es sind drei Frauen und ein Mann und ich versuche es mit einem Lächeln, das keinerlei Reaktion in den Gesichtern der anderen hervorruft.

Wir tasten uns in Richtung des Wasserfalls. Als wir ihn erreichen und ich meine Hand ausstrecke, spüre ich mit Erleichterung die Wärme des Wassers. Es fühlt sich nach einer warmen Dusche an. Eine warme Dusche mitten im Wald.

„Das Wasser ist warm“, sage ich erleichtert.

„Wirklich?“

Ich halte meine Hände an den Felsen.

„Auch die Steine sind warm.“

K kommt langsam näher und stützt sich mit ihren Händen auf den Fels.

„Der ist ja wirklich richtig warm!“

Wir stellen uns gemeinsam unter den Wasserfall und ich schließe meine Augen. Ich vergesse die kleine Gruppe, die sich in unmittelbarer Nähe befindet, als wäre ich mit K allein, als lehnten nur wir zwei am Weißen Wal, der unablässig warmes Quellwasser über uns ergießt. Das Rauschen des Wasserfalls legt sich über die Gespräche der anderen. Obwohl ich mir nicht sicher bin, glaube ich doch, dass sich die Gruppe wieder miteinander unterhält. Sicher ist es drüben im Becken noch ein wenig wärmer, denke ich, aber hier, direkt unter dem Wasserfall, könnte es wunderbarer nicht sein. Ich könnte ewig so stehen, gelehnt an den Weißen Wal, von dem Melville mit Sicherheit nichts wusste und während ich an den unbestechlichen Zollbeamten Herman Melville denke, den das Leben mit so ziemlich allem strafte, was man sich nur vorstellen kann, taste ich den warmen Felsen ab, gehe in die Knie und drücke meinen Rücken an den Stein.

Als ich meine Augen wieder öffne, sitzt K neben mir im Wasser und schaut in Richtung der Bäume.

„Hier ist es schön“, sagt sie.

„Stimmt“, gebe ich zu.

„Hier könnte ich eine ganze Weile bleiben.“

„Uns hetzt ja auch niemand. Und es ist gerade erst Mittag.“

„Ja.“

„Vielleicht bleiben wir also einfach so lange im Wasser, bis wir nicht mehr können.“

„Und unsere Finger ganz verschrumpelt sind.“

„Genau.“

Ich taste nach den Kieselsteinen am Boden des Beckens. Das Wasser erinnert mich weiterhin an Milch und auch die Steine in meiner Handfläche tragen die weiße Farbe des Wals. 

Ich platziere einen Kiesel auf Ks linkem Knie, das aus dem Wasser ragt. Dann nehme ich einen zweiten und lege ihn auf ihrem rechten Knie ab. Dasselbe wiederhole ich auch bei mir.

Das Ablegen der Kiesel kommt mir wie ein uraltes Ritual vor. Wir sind Urzeitmenschen, denke ich, unsere Zugehörigkeit ist für alle zu erkennen. Das sind diejenigen, die runde Kiesel auf den Knien tragen. Ein eigener Stamm. Zwei Leute, die weder ein whirlpoolartiges Bassin noch die anderen brauchen.

Ich halte meinen Kopf unter den warmen Wasserfall.

Queequeg hatte seine polynesischen Tätowierungen und wir haben unsere weißen Kieselsteine. Mit etwas Phantasie ließen sich sowohl die schwarzen Zeichnungen auf Queequegs Haut als auch unsere Kiesel als schutzbringende Talismane verstehen. Vor nicht allzu langer Zeit wäre niemand auf den Gedanken gekommen, etwas anderes in ihnen zu vermuten, ihre Zauberkraft anzuzweifeln. Doch wovor würden uns diese Talismane heute noch beschützen?

„Ich möchte wissen, wer schon alles hier drin gesessen hat“, sagt K irgendwann.

„Eine ganze Menge Leute, nehme ich an.“

„Sicher auch die alten Römer.“

„Stimmt.“

„Irgendwelche Senatoren und Militärs. Für die einfachen Leute waren die Quellen bestimmt verboten.“

Ich nicke.

„Das kann gut sein.“

„Typisch“, antwortet K und plätschert mit ihren Händen im Wasser. „Die Reichen raffen einfach alles zusammen.“

„Aber wir sind doch jetzt auch hier.“

„Nur hat das zweitausend Jahre gebraucht. Und wie viele Leute standen dort drüben im Wald und durften hier nicht rein!“

„Warum fällt dir ausgerechnet jetzt die Ungerechtigkeit der Welt ein?“

K schaut mich an, als suchte sie nach einer Antwort.

Dann zuckt sie mit den Schultern und plätschert wieder im Wasser.

„Ich bin gerade etwas aufmüpfig“, antwortet sie und ich lächele.

Der Wald gegenüber steht ruhig, kein Wind setzt ihn in Bewegung. Ein Großteil des farbigen Laubs hängt noch an den Zweigen, die es vor zweitausend Jahren sicher nicht gegeben hat. Der Wald macht auf mich einen jungen Eindruck, aber ich bin natürlich kein Baumexperte. Vielleicht hegen die Bäume den Weißen Wal tatsächlich seit zweitausend Jahren ein und schon die Römer schlichen durch den Schlamm, um die heilende Quelle zu erreichen und einen halben Tag lang entspannt im Wasser zu liegen. Für heiße Quellen hatten die Römer schließlich immer etwas übrig. 

Mich überkommt ein eigenartiges Gefühl, als ich mir diese Römer vorzustellen versuche, Menschen, von denen mich Jahrhunderte trennen und die doch äußerlich von mir nur schwer zu unterscheiden wären, ließe man die Klamotten einmal weg. Die Unterschiede, die zwei Jahrtausende hervorbringen, sind sicher sehr gering, sofern man nur die menschliche Gestalt im Auge behält. Wahrscheinlich haben sie sich auf ebenso wackeligen Beinen durch das Wasser getastet wie wir, einen Ausdruck von Vorfreude und Unsicherheit im Gesicht. Sicher war das Wasser ebenso milchig wie heute und die Wärme des Wasserfalls genauso befriedigend. Die Gefühle sind vergleichbar, weil die Zeit keine Macht über sie besitzt. Das unsichere Tasten durch das Wasser, die Kälte und dann der Wechsel, den die Wärme mit sich bringt. Das allmähliche Abklingen der Gedanken unter dem herabstürzenden Wasser, die Ruhe, die immer da gewesen ist und sich nun zurück an die Oberfläche arbeiten kann. Die Entspannung der Muskeln und Glieder, das Aufweichen der Haut, die verschrumpelten Fingerspitzen. Eine zweitausend Jahre alte Hand ist am Ende sehr jung, denke ich und betrachte meine Handfläche mit den vielen durchbrochenen Linien. Drüben im Wald macht sich ein Vogel bemerkbar und ich schaue zu den Wipfeln hinauf. Sie stehen wie riesige Pinselspitzen im Blau, unbewegt und ein wenig steif, als versuchten sie ein Bild gelassener Ruhe abzugeben. Dann stürzt etwas durch das Bild, ein winziger schwarzer Fleck, in dem ich den Vogel erkennen will, dessen Ruf mich aufschrecken ließ. Doch er stürzt so schnell herab, dass ich nicht in der Lage bin, seinem Flug zu folgen. Und dann starre ich erneut auf den unbeweglichen jungen oder auch sehr alten Waldabschnitt, der mit einem Mal wieder totenstill und menschenleer erscheint.

Monticchiello, 10. November

Ich atme auf, als wir Florenz in unserem Mietwagen verlassen, einem Fiat 500, den K noch in der Tiefgarage in ihr Herz schließt. 

„Jetzt kann es endlich richtig losgehen“, sagt sie begeistert, während sie ein aufgeregtes Foto vor dem Auto macht und danach jedes Detail genauestens inspiziert. Für mich sieht es nach einem ganz normalen Kleinwagen in mausgrauer Lackierung aus, alles ist sehr rund und weich und diese Formen finde ich nicht wirklich ansprechend, sondern eher lustig. K allerdings schwärmt von Filmen, die ich nie gesehen habe, und in denen das italienische Lebensgefühl genau in einem solchen Fiat 500 beschlossen liegen soll. 

„Mir grauer Lackierung?“, frage ich.

Sie schüttelt ihren Kopf.

Nein, im Film wäre ein solcher Fiat natürlich rot oder weiß, aber man könne eben nicht alles haben. Dennoch sei sie voll und ganz zufrieden und ich solle jetzt endlich einsteigen und nicht weiter fachsimpeln, was ich dann auch ohne Widerrede tue.

* * *

Als wir Siena erreichen, weht ein heftiger, kalter Wind. Aber das ändert sich bereits am folgenden Tag. Wir sitzen bei zwanzig Grad vor der Kathedrale in der Sonne, ich habe meine Jacke und den Pullover ausgezogen und die Ärmel meines Hemds aufgekrempelt. Um uns herum sind noch viele Touristen unterwegs, aber die Saison geht spürbar auf ihr Ende zu, wie uns Fabio am Frühstückstisch unseres Bed-and-Breakfast erklärt. Er hat ein üppiges Buffet mit Croissants, Kuchen und selbst gebackenem Bananenbrot aufgebaut, an dem wir uns allerdings nicht bedienen dürfen, denn das lassen die Hygienevorschriften nicht zu. Stattdessen steht Fabio mit einer OP-Maske im Frühstückszimmer der Villa, unterhält sich mit uns und fragt hin und wieder aufmerksam, ob wir noch etwas haben möchten. 

„Ich nehme noch einen Kaffee“, sage ich.

„Americano?“, fragt er.

Ich nicke und fühle mich schlecht, denn natürlich trinkt kein Italiener einen mit heißem Wasser verdünnten Espresso am Morgen, aber etwas anderes bekomme ich um diese Uhrzeit einfach nicht runter.

K sitzt währenddessen neben mir und ist vollkommen glücklich. Als sie die verschiedenen Kuchen beim Betreten des Zimmer entdeckte, vergrößerten sich ihre Augen und sie lief mit einem seltsam verklärten Blick in Richtung unseres Tisches, um dann eine ziemlich umfangreiche Bestellung aufzugeben. Jetzt isst sie leise vor sich hin, starrt dabei auf die Tischdecke und nimmt ab und zu einen gedankenverlorenen Schluck von ihrem Cappuccino.

Fabio hat eine Zeit lang in London gelebt und erzählt in gutem Englisch von der Rückkehr nach Siena mit seiner Frau, die aus Japan stammt. Seit einigen Jahren betreiben sie gemeinsam das Hotel, das in der Villa seines Großvaters aus den Zwanziger Jahren untergebracht ist.

„Mein Großvater war ziemlich wohlhabend“, sagt er. „Aber er hat uns kein Geld hinterlassen. Nur dieses Haus.“

„Immerhin“, erwidere ich.

„Stimmt. Besser als nichts.“

Eigentlich stamme er aus Rom, aber mittlerweile fühle er sich in Siena sehr wohl. Die Leute seien hier entspannter, auf jeden Fall entspannter als in Florenz oder Venedig. Aber Venedig sei ohnehin die Hölle. Nur die Arbeit im Hotel wäre manchmal zu viel, besonders jetzt, nachdem die Wäscherei während der langen Auszeit in den Pandemiemonaten eingegangen ist und er und seine Frau sich um die anfallenden Hotelwäsche kümmern müssten. 

„Die meisten Leute bleiben nur ein oder zwei Nächte und dann muss das ganze Bettzeug gewaschen und auch wieder getrocknet werden. Und ich hasse es aufzuräumen!“

Ich nicke und bestelle ein Rosinenbrötchen mit Salami und Mayonnaise, das ich einpacke und mit in die Stadt nehmen will. Ich kann am Morgen nichts essen. Mein Magen wacht erst um die Mittagszeit auf, was Fabio für ganz unmöglich hält, für eine exzentrische Charaktereigenschaft. Bevor K und ich das Frühstückszimmer verlassen, komme ich mir für einen Augenblick wie der verzärtelte Bewohner dieser Villa vor, die auch in einen Roman von Thomas Mann passen würde. Der Appetit bleibt stets nur ein Symptom, hinter dem sich eine weitaus kompliziertere Landschaft versteckt.

* * *

K steuert unseren Fiat durch ein Meer aus Serpentinen. Wir befinden uns irgendwo in der Toskana, der Wind hat sich gelegt und nur wenige Wolken schwimmen durch das strahlende Blau, das mir sanfter als in Deutschland erscheint. Wir fahren durch eine Landschaft ohne Weite, die einen für mich fremden Charakter besitzt. Die Hügelketten gehen weich ineinander über, die Hügel selbst sind kompakt und klein und rollen sanft dahin, sie rollen wie ein Gewässer, wie eine Reihe von kurzen, geschlossenen Wellen. Die abgeernteten Felder auf den Hügeln laufen weich bis zum Horizont aus, doch diese Hügel sind so zahlreich und in ihren Dimensionen konzentriert, dass nur selten der Eindruck einer grenzenlosen, unüberschaubaren Weite entsteht. Ich habe eine Steppenlandschaft in Nevada gesehen, mit vertrocknetem, gelben Gras, das ungehindert bis zu den Ausläufern eines Gebirges wuchs und in dieser Steppe lag eine unbeherrschbare, vielleicht sogar verständnislose Weite, eine Weite, die ohne den Menschen auskam, nie mit ihm rechnete. Die Hügellandschaft, durch die wir nun fahren, braucht den Menschen, sie kommt ohne ihn nicht aus. Um uns herum existiert nichts Harsches, kein abweisendes Gebirge, keine nie zu bezähmende Steppe. Es gibt nur anschmiegsame Erhebungen, moosgrüne Zypressen und Pfade, die wie ausgetrocknete Bäche die ockerfarbenen Flanken der Hügel in sanften Schwüngen zerteilen. 

* * *

Abends liege ich in den Betten unserer Unterkünfte in Florenz, Siena, Ragga und Montichiello und denke über das Schreiben nach. Wie schließe ich das Jahr der Fahnen ab? Die Betten sind weich oder hart, es gibt zahllose Kissen und die Decken sind so fest unter die Matratzen geschoben, dass ich mir wie eine Ölsardine vorkomme, wie ein zur Mumie verpacktes Kleinkind in einer Krippe des fünfzehnten Jahrhunderts. Draußen stürmt es, der Wind wird nicht müde. Wir haben den Leuten bei der Olivenernte zugesehen. Man breitet Netze unter den knochigen Bäumen mit ihren schmalen, silbernen Blättern aus und dann schüttelt man die Bäume leicht und die Oliven fallen herab. Niemand pflückt Oliven, man sammelt sie ein. Wir stehen im Morgengrauen auf und ziehen uns bei Eintritt der Nacht in unsere Unterkünfte zurück. Nach sieben verlassen wir nicht mehr das Haus, wir schließen uns in unseren Zimmer ein. Es wäre nicht besonders schwer, wieder Angst vor der Dunkelheit zu bekommen, besonders hier draußen auf dem Land. Die erleuchteten Siedlungen wirken weit voneinander entfernt, sie wirken wie in Finsternis gestreute Inseln, die man aus großer Höhe hinabgeworfen hat. Die Straßen und Wege, die am Tag zu ihnen führen, wischt die Nacht in einem Handstreich weg, als nähme sie etwas Unnatürliches zurück. Während K neben mir liegt und eine Serie auf ihrem Handy schaut, denke ich an das Schreiben. Ich müsste schreiben. Schreibe ich nicht, holt mich das schlechte Gewissen ein. Das Jahr der Fahnen, mein seltsamer, ausufernder Bericht. Jetzt spielt das Jahr der Fahnen sogar in Italien, sage ich mir. Kaum zu glauben.

* * *

„Sieht für dich auch alles gleich aus?“, fragt K.

Wir quälen uns einen steilen Anstieg hinauf. Der Anstieg führt zur Spitze der Stadt, das Straßenpflaster ist nach Jahrhunderten der Benutzung krumm und rau und ich knicke ein paar Mal fast um. Amerikaner sitzen vor den Bars und unterhalten sich laut. Mir kommt es stets so vor, als unterhielten sie sich auf einer anderen Frequenz, als versuchten sie ständig, der Welt etwas mitzuteilen, eine unglaubliche, nur ihnen verständliche Entdeckung.

„Irgendwie schon“, sage ich erschöpft. „Zumindest was die Kirchen anbelangt.“

„Ich kann keine Kirche mehr sehen.“

„Dann lassen wir das.“

„Oder willst du noch in eine hinein?“

„Nicht unbedingt.“

Wir erreichen schnaufend die alte Stadtmauer, passieren ein großes Tor und ich denke, vielleicht stammt dieses Tor aus der Zeit der Römer oder Etrusker. Vor zwei Tagen hat uns eine Frau in einem Lebensmittelgeschäft, auf dessen Front in Großbuchstaben FOODSTUFFS stand, nach unserem Einkauf in einen Keller geführt, der aus der Etruskerzeit stammte. Wir mussten eine lange Treppe hinab in das Dunkel steigen, die Luft roch ein wenig muffig, aber nicht feucht und dann standen wir in einem schmalen, überraschend trockenen Raum, der vor wenigen Jahrtausenden zur Aufbewahrung von Lebensmitteln diente. Jetzt befand sich in diesem Keller nichts weiter als ein bauchiges Gefäß aus Terracotta und eine Lampe, die nicht sonderlich viel Licht abgab und ich versuchte, eine gewisse Begeisterung in mir wachzurufen, was mir allerdings ganz einfach nicht gelang.

Unterhalb der Stadtmauer breitet sich die Landschaft aus. Der Wind hat an Stärke zurückgewonnen, es fühlt sich an, als hätte er in den vergangenen Stunden bloß eine Pause gemacht, um wieder Kraft zu sammeln. Im Hintergrund nehme ich einen Gebirgszug wahr, doch die Berge verschwinden zur Hälfte in schweren, grauen Wolken. Aus der Entfernung sieht es so aus, als würde über den Feldern ein Schauer niedergehen. Der Regen fällt in einem präzise abgesteckten Bereich, er geht auf den Olivenhainen und Feldern nieder und der Wind trägt die schweren Wolken in unsere Richtung.

Ich spüre, dass ich weder Lust auf einen Kaffee noch auf eine weitere Stadt habe. Ich habe so viel Kaffee getrunken wie noch nie. So viel guten Kaffee wie ein einzelner Mensch nur aushalten kann. Alles schmeckt derart gut, dass es mich fast ein wenig krank macht. Jedes Abendessen ist eine kaum zu ertragende Offenbarung.

Alles hier ist schön, die Landschaft, die Kirchen, die Städte.

Der Kaffee ist hervorragend, das Essen unglaublich, der Wein der beste der Welt.

Aber ich kann keine Kirche mehr sehen, ich habe die Altare satt. Die von uns besuchten Fresken reichen für ein ganzes Leben aus.

Ich möchte auch keinen Wein mehr. Ich möchte einen Salat und Wasser und das ist bereits alles.

Ich möchte mich über irgendetwas beklagen dürfen, denke ich dann.

Ich möchte mich über die Schönheit beklagen dürfen!

K sieht mich an.

„Was möchtest du jetzt machen?“

„Vielleicht setzen wir uns irgendwohin. Eine kleine Pause wäre doch nicht schlecht.“

„Oder wir fahren weiter.“

„Ein weiteres Dorf?“

„Hier soll es doch diese heißen Quellen geben. Wir könnten baden gehen.“

„Stimmt.“

„Oder wir fahren ins Bagno Vignoni.“

Ich sehe sie fragend an.

„Du weißt schon, dort hat Tarkowski Nostalghia gedreht.“

„Ach ja“, erwidere ich. „Das müssen wir uns unbedingt ansehen.“

„Auch wenn ich den Film natürlich nicht kenne.“

„Das ist nicht schlimm. Ich erzähle dir einfach alles auf dem Weg.“

K verdreht ihre Augen.

„Muss das sein?“

Ich schaue sie an.

„Ich kann auch alles für mich behalten.“

„Super!“

Ich lehne mich auf die Mauer, verschränke meine Hände und sehe zu den Wolken hinüber. Ein paar Sonnenstrahlen brechen in dieser Sekunde durch das Grau, doch von meinem Standpunkt aus ist es unmöglich, die Lücke auszumachen, durch die sich das Licht hindurch arbeitet. Die Strahlen wirken wie auf einem Gemälde. Ein Himmelszeichen, der Fingerzeig einer höheren Macht, die im Verschwinden begriffen ist, je weiter man in Richtung Norden reist. Hier unten dagegen sind die Kirchen noch gut besucht. Die Menschen suchen sie auf, sie bekreuzigen sich beim Betreten, die Gebete vollziehen sich in aller Ruhe und Verschwiegenheit. Manchmal spielt in den Kirchen leise Musik vom Band und es wirkt, als spielte diese Musik aus unsichtbaren Lautsprechern. Fast jedes Dorf, fällt mir plötzlich ein, besitzt eine Straße, die nach Dante benannt ist. Ein Fresko mit der Höllendarstellung, wie Dante sie beschrieben hat, ist mir in Erinnerung geblieben. Der dreiköpfige Teufel kniet auf den Erzverrätern Judas, Brutus und irgendeinem Italiener, der mir im Vergleich nicht besonders wichtig erschien, für Dantes Zeitgenossen aber keine geringe Bedeutung besessen haben muss. Durch Dantes Purgatorio habe ich es noch geschafft, aber das Paradiso war bereits zu viel. Eigenartigerweise bringt man bis heute Dante mit seiner Hölle in Verbindung und nicht mit den beiden anderen Teilen der Göttlichen Komödie, die aufgrund ihrer christlichen Symbolik komplett unverständlich sind. Ich erinnere mich noch an einen Wagen im Himmel, gezogen von zwölf Löwen mit zwölf Leuchtern oder so etwas und während ich an diesen unwahrscheinlichen Wagen denke, der so entfernt ist von uns, das man ihn schneller vergißt als die Hölle, die uns mit ihren unvorstellbaren Qualen weitaus plausibler erscheint als jedes Paradies, schweben die Regenwolken weiter über dem Land, als warteten sie auf irgendein Zeichen.