Montag–Donnerstag, 17. Juni

Die letzte Woche im Museum bricht an. Noch zwei Tage werde ich mit den gewohnten Gesichtern in den Zug steigen und sie dann wie etwas vergessen, das sich plötzlich als bedeutungslos erweist, etwas, das mich stets nur oberflächlich berührte, so wie die Nachbarn einen immer nur oberflächlich berühren. Ihr Verschwinden bemerkt man erst spät, manchmal vergehen Wochen oder Monate, bis man versteht, wer dort eigentlich ausgezogen ist und auch dann bleibt nur ein verschwommenes Gesicht zurück, dem man meist keinen Namen zuordnen kann. Die Gesichter, denen ich eineinhalb Jahre lang jeden Morgen auf dem Bahnsteig begegnete, werden mich mit einer Geschwindigkeit verlassen, als stürzten sie über eine Klippe in einen Abgrund hinab, sie werden in diesen undurchsichtigen Bereich zurücksinken, der uns überall umgibt, ob wir das wollen oder nicht, ein Bereich unklarer Verbindlichkeiten, die man für bestimmender hält, als sie es tatsächlich sind, ein Bereich, der sich aus Umrissen zusammensetzt, die Menschen zwar auffallend ähneln, allerdings in den seltensten Fällen eine klare, lebensnahe Gestalt gewinnen. Eine Gestalt, die ein Gewicht besitzt, eine gewisse Dichte, so etwas wie ein befragbares Leben, das im Schatten alles Flüchtigen existiert. Stattdessen bewegen sich Schemen hinter Milchglas und das eigene Leben mit seinen täglichen Erfordernissen, Hunderten von Erfordernissen (doch stimmt diese Zahl?), lässt keine Zeit, hinter das Milchglas zu schauen, obwohl man weiß, dass dieser Blick immer möglich ist und nur wenig Kraft kosten würde. Am Ende aber lässt man es bleiben, man lässt diesen weitläufigen, alltäglichen Bereich in Ruhe, der sich damit weiter und weiter in die Unschärfe schiebt. Man lässt ihn unangetastet, weil man das Interesse an den schwach gezeichneten Gestalten mit den Jahren verliert, das Interesse an den Gesprächen, die man alle kennt und die keine Überraschungen mehr bieten, das Interesse an dieser mit ähnlichen Wünschen, Enttäuschungen und Durchhalteparolen verzierten Halle, in der jeder seine eigene Nische bezieht, um den anderen hin und wieder ängstlich oder unbeteiligt Einblick zu gewähren.

Ich werde im Büro meine Sachen packen, meinen Schreibtisch aufräumen, mich von meinen Kollegen verabschieden und dann verschwinden. Die Verabschiedungen werden mir wie stets sehr lästig sein, ich denke jetzt bereits darüber nach, ob ich Sekt mitbringen sollte oder Kuchen und was genau ich in meiner Abschiedsmail schreiben werde, die ich an das gesamte Museum richten muss, denn ich möchte nicht unhöflich sein, selbst jetzt nicht, da alles bereits ganz gleichgültig ist. Ich könnte eine Mail voller Klischees und falscher Worte fabrizieren, denn dafür ist die Arbeit schließlich da. Falsche Worte, sinnlose Tätigkeiten, Zeitverschwendung, so weit man sieht, doch das liegt mir nicht im Blut. Stattdessen werde ich eine sehr sachliche Nachricht aufsetzen und einfach die Fakten für sich sprechen lassen.

Achtzehn Monate habe ich Museum gearbeitet, werde ich schreiben, die Aufgaben waren umfangreich, aber jetzt ist es Zeit für mich zu gehen. Alles Gute und viel Glück. Das werden wir schließlich alle brauchen.

Ich sehe dem Abschied gelassen und ohne jede Euphorie entgegen. Ich bin nur glücklich über die beiden Wochen, die mir bis zum Ende des Monats bleiben, fünfzehn Tage, die ich ganz für mich habe, bis ich am ersten Juli meine neue Stelle in der Bibliothek antreten werde. 

Vier Stellen in sieben Jahren, das ist kein schlechter Schnitt. Ich habe mich eingelebt in diesen Arbeitsalltag, der niemandem passt, an dem sich die meisten unaufhörlich stoßen. Ich hasse das Arbeiten nicht, aber ich hasse die Verstellungen, denen man sich notgedrungen unterwirft. Das Meer so vieler anfangs unbequemer, dafür aber auch unbedeutend wirkender Lügen, die mit der Zeit unerträglich werden, die an die Substanz gehen, falls man stur bleibt und unfähig ist, sich in die Regeln des Spiels zu fügen. Die vielen Male, die ich an mich gehalten habe, statt meinem Gegenüber zu sagen, er sei ein kompletter Idiot, kann ich nicht zählen, meine Abneigung gegen andere, mit denen ich dennoch notgedrungen verkehren musste, um dabei so zu tun, als herrschte zwischen uns nicht Feindseligkeit, sondern eine Art neutrale, sachliche Beziehung, hat mich diese sieben Jahre nie verlassen. Sobald man die Welt der Arbeit betritt, lässt man ein wesentliches Stück der eigenen Aufrichtigkeit zurück. Man beginnt sich in verschlüsselten Formen zu bewegen, sagt nicht mehr, was man wirklich denkt, was man von einem anderen hält. Für das Ungefilterte gib es keinen Raum und dadurch wird die Wahrheit unmöglich. Es gibt keinen künstlicheren, weniger authentischen Ort als eine Besprechung unter Kollegen, einen Ort, der so weit weg ist vom Leben, das es einem Schauer über den Rücken jagt. Die Hälfte dieser Menschen kann man nicht ausstehen und dennoch spricht man miteinander in derart ausgesuchter Höflichkeit, dass die Heuchelei in jeder Sekunde mit Händen zu greifen ist. Und alle machen mit. Man selbst macht immer viel zu lange mit und steckt einen Großteil der eigenen Zeit in ausgefeilte Rechtfertigungsversuche, um alles zu ertragen. Aber der Heuchelei entgeht man nicht und das ist es, was mich wahnsinnig macht. Im Büro lauert hinter jeder Ecke die Unaufrichtigkeit.

Die Hitze am Nachmittag ist drückend, vergessen sind der viel zu kühle Mai und April. Als ich auf die Straße trete, ist sie wie leergefegt, die Straße ist die Straße einer Geisterstadt, durch die ein Steppenwind streicht. Der Wind treibt mir sofort den Schweiß auf die Stirn und ich fahre im Glauben mit der Zunge über meine Lippen, jetzt endlich auf den feinkörnigen Sand einer Wüste zu stoßen, die seit längerer Zeit nahezu unbemerkt außerhalb der Stadtgrenzen wächst und in den nächsten Wochen alle Viertel unter sich begraben wird.

Im Supermarkt laufe ich auf der Suche nach abgepacktem Eis durch die Gänge mit den Kühlregalen, um nach Ks Rückkehr am Abend eine schnelle Folge schwerer Apérol-Spritz-Gläser herzustellen, aber natürlich gibt es im Discounter kein abgepacktes Eis. Als ich in eine der riesigen Tiefkühltruhen voll gefrorenem Blumenkohl, Brokkoli, Erbsen, Spinat und Mischgemüse schaue, spüre ich die Wut in mir aufsteigen, weil ich weiß, jetzt unverrichteter Dinge wieder nach draußen in die Hitze zu müssen, um im Edeka und Rewe mein Glück zu versuchen.

Auch auf dem Messplatz herrscht Totenstille. Zwar sitzen einige Frauen auf den Bänken unter der gnadenlosen Sonne, aber von diesen Frauen geht keinerlei Leben mehr aus. In katatonischer Erstarrung verharren sie als leere Hüllen, die bei der geringsten Berührung in sich zusammenfallen müssten und im Vorbeigehen denke ich an einen von Termiten ausgehöhlten Baumstumpf, dem äußerlich nichts zu fehlen scheint, obwohl dort nur noch eine hauchdünne Borkenschicht zurückgeblieben ist, die keinen Inhalt mehr besitzt, eine Schicht, die sich unter den Fingern anfühlt wie Papier.

Im Edeka werde ich überraschenderweise fündig und ziehe einen Zweikilosack crushed ice aus dem Tiefkühlschrank, um mich vor der Kasse in eine Schlange mittlerer Ausprägung zu stellen. Es geht nur stockend voran, eine Frau wartet vor mir und sieht abwesend in Richtung Ausgang. Das schwarze Transportband, auf dem sich die von uns ausgewählten Artikel befinden – die Packung Eis, abgepackter Käse, unreife Avocados, ein paar Salatgurken, eine Flasche Weißwein – summt widerwillig und erschöpft und ich frage mich, auf welches Ziel sich alles zu bewegt, die Waren wie auch wir, denn das Band läuft ins Leer, die Schlange wird sich auflösen und man selbst nimmt das Warten an einem anderen Ort wieder auf.

Auf dem Rückweg presse ich die Eispackung an mich und fühle, wie die Kälte bei jedem Schritt in meinen Brustkorb und den rechten Arm hinauf zieht. Eigentlich ist es unglaublich, dass ich erst durch das halbe Viertel marschieren muss, um an diesen Eisbeutel zu kommen, hier sind uns die Amerikaner einfach um Längen voraus. In den Romanen Fantes, Burroughs und Thompsons laufen die Protagonisten ständig mit Beuteln voller Eis durch die Gegend, ein solcher Eisbeutel ist so etwas wie ein unabdingbares Accessoires auf den Straßen von Los Angeles und San Juan und nur in Deutschland setzt die Suche nach Eis eine Odyssee in Gang, als befände man sich plötzlich auf der Jagd nach dem Heiligen Graal.

Als ich wieder zu Hause bin, verstaue ich das Eis im Kühlschrank und räume die Spülmaschine ein. Es ist kurz vor zwei und für eine Sekunde weiß ich nichts mit mir anzufangen. Ich stehe in der Küche und denke daran, dass ich an diesem Montag nichts weiter vorhabe, dass mir der ganze Nachmittag offen steht. Ich könnte schreiben, ich könnte weiter in T.C. Boyles Tortilla Curtain lesen und mich zu Tode langweilen, ich könnte an Limas Paradiso denken, das ich mir endlich vornehmen muss, von dem ich so viel erwarte, aber ich tue nichts dergleichen. Ich stehe einfach nur in der Küche und betrachte die Einrichtung, die unwirkliche Spüle, den ebenso unwirklichen Herd, das Maul der offenen Waschmaschine, die nie Müde werdend auf Nahrung wartet, als eine Bewegung in den Bäumen draußen vor dem Balkon meine Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Ein Krähenpaar sitzt im Schatten des Buchenlaubs, krächzt und sperrt die Schnäbel weit auf. Die Äste, auf denen die schwarzen Vögel sitzen, schwanken unruhig auf und ab, die Krähen wirken nervös und schlagen manchmal wild mit ihren Flügeln, als versuchten sie sich dadurch frische Luft zu verschaffen. Dann krächzen sie, zwei krahs kurz hintereinander und wie immer frage ich mich, was das soll, was diese Vögel damit zum Ausdruck zu bringen versuchen. Unbehagen, weil es heiß ist? Die Versicherung der eigenen Anwesenheit, damit der Partner nicht unruhig wird? 

Die beiden Vögel verstecken sich in der schattigen Baumkrone. Manchmal habe ich den Eindruck, sie würden meinen Blick durch die geöffnete Balkontür erwidern, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Als ich wieder auf meine Uhr sehe, ist es acht Minuten nach zwei und ich beschließe, nachdem ich einen fast schon lächerlich großen Überdruss in mir überwunden habe, der das alltägliche Maß bei weitem sprengt, in den Park zu gehen und mich zwischen die im Schatten dösenden Alten zu setzen, deren Münder wie die Schnäbel der Krähen offen stehen und die sich erst wieder gegen Abend regen, als hätte man sie von den Toten erweckt.

Asphalt, 11. Juni

Kurz nach sechs stehe ich in unserer Küche vor der offenen Balkontür und sehe in den Hinterhof hinaus. K schläft noch im angrenzenden Zimmer und ich blicke auf den grünen Laubvorhang, der mir zur Hälfte die Sicht nimmt. Das Licht fällt schräg von oben in den Hof, die ersten beleuchteten Flecken schieben sich an der Fassade des gegenüberliegenden Gebäudes entlang, das in Ausschnitten hinter den Buchenblättern erscheint, und über allem liegt dieser Teppich aus Stille, den es nur am Morgen gibt. Eine Stille, die nicht friedlich ist, denke ich, und auch nicht kraftlos oder erschöpft, sondern neutral, ein Zwischenbereich, als würde man auf ein Zeichen warten, das zum Einstieg in ein Flugzeug aufruft oder die Ankunft eines Zugs verkündet, auf den man eine halbe Stunde lang gewartet hat.

Ich folge den Lichtflecken, die Stück für Stück über das gelb verputzte Mauerwerk kriechen, unmerklich, dachte ich früher als Kind, viel zu langsam, als dass meine kindliche Aufmerksamkeit die millimeterweise Wanderung der Lichter und Schatten hätte wahrnehmen können. Jetzt aber fällt es mir nicht mehr schwer, eine Viertelstunde lang abzuwarten, um denselben Bewegungen wie vor zwanzig Jahren zu folgen und damit den eigenartigen Veränderungen der erleuchteten Bereiche, denen eine unbeständige Geometrie zugrunde liegt, die biegsam sind und flüchtig. Überhaupt sind Licht und Schatten viel flüchtiger, als ich es mit elf oder zwölf Jahren angenommen hatte. In diesem Alter scheint alles unverrückbar zu sein, unsterblich sogar, der Gedanke an Anfang und Ende hat noch nicht jenes umfassende Maß erreicht, das auch die Welt, das Leben und alle sich dem Leben und der Welt unterordnenden Phänomene einbezieht. Die Welt scheint einfach da zu sein, in einer unbeschreiblichen, außerhalb der Zeit liegenden Zone, von der insbesondere die Märchen und Kinderbücher wissen, eine zeitlose Zeit, in der nichts wird, nichts vergeht, sondern alles nur ist. Die Eltern, die Geschwister, das Haus, in dem man lebt, die Zimmer darin, die Gärten und dann die Straßen, erst die wenig befahrene, die man hinunter läuft in Richtung des alten Kindergartens, dann die etwas stärker befahrene Straße mit der Ampelkreuzung, die ewig auf das Grün warten lässt, und dahinter schließlich die Stadt, mit dem Wald an ihren Rändern und der verfallenen Schlossruine auf einem nicht sehr hohen Berg. Jeder Zentimeter, den man in diesem Alter betritt, liegt außerhalb der Zeit, ist ewig und auch wenn man zufällig von der Geschichte der Dinge erfährt, von einer Familie beispielsweise, die vor Jahren dieselben Zimmer bewohnte, in denen nun die eigene Familie wohnt, macht sich hinter dieser Geschichte dennoch nur die Zeitlosigkeit aller Vorkommnisse bemerkbar, der Gegenstände wie der Lebewesen, die Bestätigung, dass dieses Haus von Anbeginn an existierte, auch wenn man ahnt, dass es irgendwann vor Jahren (aber was bedeutet dieses vor Jahren schon?) gebaut worden war, so wie die Eltern und die anderen Familien und auch die Menschen, denen man tagtäglich begegnet, immer existierten, als wären sie täuschend echte Figuren hinter Glas, bewegliche Exponate in den weitläufigen Dioramen eines unsichtbaren Museums, das keinen Eintritt verlangt.

Gegen Mittag ist es draußen bereits so heiß, dass die Alten vom schattenlosen Messplatz verschwinden, um sich in die Eingänge der Häuser zurückzuziehen. Dort sitzen sie auf den Treppenstufen und starren auf die Straße oder sie stehen im Eingang der Getränkeläden und rauchen billige Zigaretten. Kinder rennen nackt durch das Wasserspiel auf dem Platz, scheinbar unbeaufsichtigt, aber sicher warten die Eltern irgendwo versteckt, um alles genau im Auge zu behalten. 

Die Luft hat sich derart aufgeheizt, dass sie stillzustehen scheint. Das Leben selbst scheint nach drei erträglichen Stunden am Morgen erneut in eine Starre zu verfallen, während ich in das Testzelt vorgelassen werde und mich ein junger Typ in Vollschutz und Maske fragt, ob ich einen Termin habe.

Ich bejahe und sehe flüchtig auf seine Hände. An jedem Finger steckt ein Ring, alle sind silber, ein paar mit schwarzen Steinen verziert. Hätte sich das Interesse meiner Eltern an erdgeschichtlichen Fragen auch auf mich vererbt, könnte ich jetzt diese Steine bestimmen, doch da ich dazu nicht in der Lage bin, beschließe ich kurzerhand, es müsse sich um Onyxe handeln.

Die Ringe wirken billig, aber ganz offensichtlich steckt in ihnen so etwas wie der Ausdruck eines Lebensgefühls, das sich mir komplett verschließt, dafür aber im energiegeladenen Charakter meines Gegenübers seinen ungehemmten Ausdruck findet.

„Heute keine Wartezeiten!“, schießt es begeistert aus ihm heraus, als befänden wir uns vor dem Einlass eines angesagten Clubs. „Sie kennen den Ablauf?“

Ich nicke, auch wenn ich keine Ahnung habe, wovon er spricht.

„Klasse, wirklich klasse!“, ruft er und tippt dynamisch auf einem Laptop herum, während ich meinen neuen Reisepass vorzeige und mir wieder einmal einfällt, ich müsse endlich meinen Personalausweis abholen, der seit knapp einem Jahr im Bürgerzentrum auf mich wartet.

Nachdem ich den Coronatest hinter mich gebracht habe, laufe ich in Richtung Kletterhalle. Die Hitze ist drückend, aber ich möchte mich nicht beschweren und denke plötzlich, als ich eine Straße quere und meinen Schuhabdruck in einer von der Sonne aufgeweichten Asphaltnaht hinterlasse, an die vielen ähnlichen, gummiartigen Nähte, mit denen wir uns in längst verschwundenen Sommern nach Unterrichtsende beschäftigten. 

Dieses Spiel wurde ganz einfach nicht alt. Kurz nach eins hatten sich die Straßen derart aufgeheizt, dass die Masse, mit der die Stadtverwaltung manchmal Schnitte oder Risse in der Fahrbahn reparierte, weich wie Gummi war und das Sohlenprofil unserer Schuhe wie frisch gegossener Beton speicherte. 

Ich glaube, dass uns damals die unerwartete Verwandlung der Fahrbahn faszinierte. Die Straßen waren immer hart und anders gar nicht vorstellbar, sie wirkten unverletzlich, zeigten nicht den Hauch einer Schramme, sobald wir unsere Fahrräder auf den Bordstein fallen ließen und die Pedale über den schwarzen Asphalt kratzten. Natürlich gab es Schlaglöcher, die auf die Zerstörbarkeit der dunklen Oberfläche deuteten, aber die Ursache dieser Löcher entzog sich uns ganz. Es gab nichts Besseres, als eines der riesigen Straßenbaufahrzeuge dabei zu beobachten, wie der heiße Asphalt gegossen wurde, besonders im Sommer. Man roch den kochenden Teer, noch bevor man die Maschine mitten auf der Straße entdeckte, an deren Ende Arbeiter mit nackten und tiefbraunen Oberkörpern zugange waren. Manchmal verteilten sie die träge Masse mit Schaufeln, manchmal war bereits einer der Männer mit einer hüpfenden, ohrenbetäubend lauten Maschine auf der frischen Schicht unterwegs. Damals kam es mir so vor, als würde sich ein Strom schwarzer Lava auf die Fahrbahn ergießen, ein überaus gefährlicher Strom sogar, eine Masse, mit der nicht zu spaßen war, die gezähmt werden musste.

In der unbarmherzigen Mittagshitze nach dem Ende des Unterrichts begann die Straße zu kochen und das, was die meiste Zeit des Jahres hart und unnachgiebig blieb, ließ sich plötzlich mit den eigenen Schuhen bearbeiten. Der Abdruck unserer Schuhe würde auch erhalten bleiben, wenn die Temperaturen wieder fielen, was ein ganz irrer Gedanke war, denn schließlich konnte man dadurch etwas Bleibendes schaffen, eine Art Denkmal sozusagen, unser eigenes Denkmal, wenn man es genau nahm. Jeder, der nach uns zufällig über die Straße lief und nach unten auf die schwarzen Nähte im Asphalt blickte, musste unsere Schuhabdrücke entdecken und damit unsere Spuren. Als mir das aufging, fasste ich sofort einen Plan.

„Wir müssen die ganze Linie ablaufen“, sagte ich zu Thomas, meinem besten Freund in der Grundschulzeit. Neben dem gemeinsamen Vornamen verband uns vor allem unsere Außenseiterstellung, die wir in der Klasse von Beginn an eingenommen hatten.

Thomas saß auf der Bordsteinkante, die Beine angewinkelt auf dem Asphalt. Es war kurz vor halb zwei. Die Hitze schien ihn ordentlich mitzunehmen, denn er hatte sich seit gut fünf Minuten nicht mehr bewegt.

„Warum?“, fragte er träge.

„Weil sich die Leute dann fragen werden, wer das hier gemacht hat.“

„Was gemacht hat?“

„Das Muster in diesem weichen Zeug.“

Ich zeigte auf die Asphaltnaht.

Thomas sah mich einen Augenblick lang an.

„Okay“, sagte er und stand auf.

Wir setzten Fuß neben Fuß, eng an eng, damit keine freie Fläche übrig blieb. Manchmal veränderten wir den Winkel, mit dem wir auf die schwarze Gummiwulst traten, manchmal den Schuhabschnitt, Ferse, Ballen und so weiter, damit das Muster nicht zu eintönig geriet.

Die Naht auf der Fahrbahn war etwa drei Meter lang und zog sich parallel zur Bordsteinkante den Hügel hinab. Schritt für Schritt arbeiteten wir uns von beiden Enden aus in Richtung Mitte vor. Thomas übernahm den ruhmvollen Abschluss und setzte den letzten Schuhabdruck in die weiche Schicht.

„Was machen wir jetzt?“, fragte er dann.

Ich sah mich auf der Straße um. 

In der Nähe gab es keine weiteren Nähte und meine anfängliche Euphorie war in der Zwischenzeit verflogen. Es war ganz einfach zu heiß. Man konnte keinen klaren Gedanken fassen.

„Keine Ahnung“, antwortete ich.

Thomas setzte sich wieder auf die Bordsteinkante und stierte ins Nichts.

Wenn es so weiter ging, würde dieser Nachmittag ins Wasser fallen, so viel stand fest. Und ich hatte absolut keine Lust, weiter auf der Straße in dieser unerträglichen Hitze herumzusitzen und auf irgendein Zeichen zu warten, das am Ende wahrscheinlich sogar ausbleiben würde. 

„Lass uns in den Wald fahren“, sagte ich deshalb.

„Du willst schon wieder zum Schwimmbecken?“

Er klang alles andere, als begeistert.

„Warum denn nicht?“, wollte ich wissen.

„Da sind wir doch ständig. Wir fahren die ganze Zeit im Kreis!“

Natürlich hatte er recht. Das alte Schwimmbecken in einem schmalen Waldabschnitt, nicht weit vom Haus meiner Eltern entfernt, war vor Jahren bereits aufgegeben worden. In den sanften Schwüngen des Beckens fuhren wir manchmal stundenlang mit unseren BMX-Rädern im Kreis.

„Warum machst du nicht mal einen Vorschlag?“, sagte ich.

Thomas dachte angestrengt nach.

„Vielleicht fahr ich nach Hause“, sagte er.

Ich sah ihn an.

„Nach Hause? Es ist doch noch gar nicht Abend.“

„Heute ist nichts los“, erklärte er.

„Dann lass uns zumindest in Richtung Wald fahren. In der Sonne ist es viel zu heiß.“

„Na gut.“

Wir setzten uns auf unsere Räder, wobei ich es vermied, den Metallrahmen anzufassen, der sich in der Sonne derart aufheizte, dass man sich an ihm verbrennen konnte, und radelten los. 

Der Fahrtwind kühlte mich etwas ab und auch in Thomas kehrten die Lebensgeister zurück.

„Das tut gut“, sagte er und streckte sein Gesicht in den Wind. Ich nickte.

Wir fuhren den Hügel hinab, bogen rechts auf die Kurt-Keicher-Straße und dann wieder nach links auf die Gagarinstraße ein. Ihr konnten wir bis zum Ende folgen, dann war der kleine Waldabschnitt nicht mehr weit. 

Thomas wohnte mit seiner Familie ganz in der Nähe, aber wir radelten stumm an seiner Straße vorbei, ohne in sie einzubiegen. Links und rechts wuchsen Fünfgeschosser mit Satteldächern in den Himmel, die fünfzehngeschossigen Plattenbauten, in denen für eine gewisse Zeit auch Christoph wohnte, mit dem ich mich am Ende der vierten Klasse anzufreunden begann, waren noch nicht in Sicht. 

Die Gegend selbst war etwas heikel, denn nur wenige Parallelstraßen weiter wohnten einige unserer ärgsten Feinde aus der Klasse, die uns sicher liebend gern zwischen ihre Finger bekommen hätten. Besonders gefährlich war Ramonat, ein rothaariges Scheusal, das keine Chance verstreichen ließ, ohne Thomas und mich vor allen anderen lächerlich zu machen, auch wenn seine stumpfsinnigen Versuche hin und wieder misslangen. Manche sagten hinter vorgehaltener Hand, er wäre geistig minderbemittelt und stünde an der Grenze zur Schwachsinnigkeit, was ich unbesehen glaubte, denn ich hatte ebenso über ihn sagen hören, dass er während einer Mittagspause auf dem Schulhof ein Stück alte Hundescheiße für fünf Mark Belohnung gegessen hatte. Beide Gerüchte, Ramonats Schwachsinnigkeit und sein Speiseplan, ergaben für mich zweifellos Sinn, was ihn aber auch nicht daran hinderte, eine Schar Geistesgestörter um sich zu versammeln. Insgeheim hielt ich ihn für einen kompletten, dafür aber umso gefährlicheren Idioten. Man durfte die Idioten niemals unterschätzen. Kam es hart auf hart, mobilisierten gerade die Schwachsinnigen ungeahnte Kräfte, um sich an denjenigen zu rächen, denen sie aufgrund ihrer einfachen Gemütsverfassung ständig unterlegen waren. Der zurückgebliebene Ramonat gab dafür das beste Beispiel ab.

Die Fünfgeschosser verschwanden und auf der gegenüberliegenden Straßenseite tauchte eine Schrebergartensiedlung auf. Wir fuhren linkerhand an einer Wiese vorbei und hinter dieser Wiese entdeckte ich etwas, das mich aus dem Gleichgewicht brachte.

„Siehst du das?“, fragte ich.

Thomas schaute nach links und wir stoppten unsere Räder.

Hinter der Wiese stieg dichter Qualm auf. Eine unwahrscheinliche grauschwarze Rauchsäule wanderte in den windlosen Nachmittagshimmel. Nicht geschmeidig und in den bedächtigen Schlangenlinien wie der Rauch über einer Kerzenflamme, sondern heftig, kompakt und voller Gewalt.

„Ist dort hinten nicht die Tankstelle?“, wollte Thomas wissen.

Wir schoben unsere Räder über das Gras bis zur Grenze des sanft abfallenden Hangs und blickten in Richtung der grauen, sich wild bewegenden Säule.

Das Feuer hatte die gesamte Tankstelle erfasst. Die Flammen schlugen meterhoch, flatterten wie wildgewordene Fahnen in einem Wind, den es nicht gab. Obwohl die Tankstelle etwa einhundert Meter von unserem Standpunkt entfernt war, wirkten die Flammen riesig. Sie leckten an der Überdachung der Tanksäulen, schlugen bizarre, blitzschnelle Haken und entfalteten eine beeindruckende Zerstörungswut. Ich hatte noch nie ein vergleichbares Feuer gesehen.

„Irre“, sagte Thomas.

Wir hörten die Sirenen und beobachteten die Ankunft der Feuerwehr. Lange, rote Leiterwagen schossen heran und hielten abrupt, Löschzüge rasten von links und rechts auf die brennende Tankstelle zu.

Eigenartigerweise machte das Feuer keinerlei Geräusch. In meiner Erinnerung brennt die Tankerstelle lichterloh, aber in vollständiger Stille, als hätte ich einen Stummfilm vor Augen. Nur die Sirenen der Feuerwehr zerreißen den Nachmittag. Der Brand selbst aber spielt sich in kompletter Tonlosigkeit ab.

„Sind wir hier sicher?“, fragte ich Thomas.

„Ich denke schon“, antwortete er.

„Was ist, wenn die Tankstelle explodiert?“

Plötzlich wirkte er nicht mehr ganz so überzeugt.

„Wenn wir weiter zurück gehen, sehen wir nichts mehr“, wandte er ein.

Das war tatsächlich nicht von der Hand zu weisen.

Wir standen noch immer gebannt und verfolgten die völlig wirkungslosen Löscharbeiten, als mehr und mehr Leute neben uns auftauchten. Erwachsene, Familienväter darunter, Kinder in unserem Alter. 

Um uns herum bildete sich eine kleine Menschenmenge. Einige unterhielten sich miteinander, die meisten aber schwiegen und betrachteten das lautlose Feuer ebenso gefesselt wie wir.

Je länger wir auf der Wiese standen, ohne die Tankstelle dabei aus den Augen zu lassen, um so klarer wurde mir, dass ich auf das Unumgängliche wartete. Und nicht einfach nur darauf wartete, sondern ihm regelrecht entgegenfieberte. Die Gewalt des Feuers machte mir Angst, aber sie faszinierte mich auch, sie war so unvorstellbar wütend und zerstörerisch, dass ich es kaum glauben konnte. Dabei stellte das Feuer genau genommen bloß ein Zeichen von etwas noch viel Größerem dar, es arbeitete sich in Richtung eines sehr genauen Zieles vor, blieb das Mittel zu einem genau umschriebenem Zweck. 

Ich wartete auf die Explosion und fürchtete mich gleichzeitig vor ihr. Während wir weiter mit den anderen auf der Wiese standen und die unermüdlichen Flammen betrachteten, wälzte ich unablässig und mit schlagendem Puls die Frage, ob wir uns in Sicherheit befanden, sobald dort unten alles in die Luft flog und ob ich mich auf die Erde werfen sollte, sobald ein Feuerball in Richtung Himmel schoss.

Wir mussten eine ganze Weile so gestanden haben, denn als ich aus meiner Trance erwachte, begann sich die Gruppe, die sich anfänglich um uns herum gebildet hatte, langsam aufzulösen. Die Leute verloren merklich das Interesse und erinnerten sich an das, was sie eigentlich hatten erledigen wollen, als das Feuer dazwischen gekommen war. Und tatsächlich schien auch die Feuerwehr den Brand in der Zwischenzeit unter Kontrolle gebracht zu haben. Die Flammen verloren an Höhe und kamen mir plötzlich viel weniger beweglich und aggressiv vor als noch vor zehn oder fünfzehn Minuten.

Bevor der Brand seinen Höhepunkt – die Explosion – erreichte, fiel alles in sich zusammen. Ich spürte eine zweifelhafte Enttäuschung, die sich mit ehrlicher Erleichterung mischte und wusste, dass ich bis zur Schwelle von etwas geradezu Unglaublichem gelangt war, ohne es gänzlich zwischen meine Finger bekommen zu haben. Jedes Feuer ist ein Versprechen, aber nur dieses Feuer damals war in der Lage, die gnadenlose Zerstörung einzulösen, die sich am Grund jeder Flamme versteckt. 

Noch immer aufgeregt und durcheinander griffen wir nach unseren Rädern, die wir auf der Wiese abgelegt hatten. Wir schoben sie zurück auf den Bürgersteig und setzten den unterbrochenen Weg zum Wald schweigend fort.

An einer Kreuzung hielten wir an und ich spürte, dass die Anspannung mich endlich verließ, dass sie in Richtung Boden sackte, ein und für alle Mal verschwand. Sie ließ einen stumpfen Zustand zurück, eine Mischung aus Erschöpfung und Überdruss, wie nach einer langen, unbefriedigten Aufgabe, die man für die Schule zu erledigen hatte.

Später saß ich mit Thomas unter den alten Kastanien des kleinen Wäldchens. Die Sonne fiel in Flecken durch das hohe Laub und die kühlere Luft fühlte sich um einiges angenehmer an. 

Unser Gespräch wollte nicht mehr recht in Gang kommen, auch wenn wir mehrmals versuchten, über das Feuer zu reden. Doch was gab es da eigentlich noch zu erzählen? Die Flammen waren gelöscht und das Feuer gezähmt. Das war das Ende der Geschichte. Ganz einfach.

„Ich denke, ich fahre bald heim“, sagte ich.

„Hast du noch Hausaufgaben?“, fragte Thomas.

„Ja.“

„Okay. Dann mache ich mich wohl auch besser auf den Weg.“

„Sehen wir uns morgen wieder?“

„Klar, komm einfach bei mir vorbei. Mein Bruder hat auch ein neues Spiel.“

„Ist es gut?“

„Es ist ganz in Ordnung. Vielleicht lässt er uns auch mal ran.“

„Alles klar.“

Wir stiegen auf unsere Fahrräder und verabschiedeten uns. Dann radelten wir in entgegengesetzte Richtungen davon. Das grelle Sonnenlicht hatte Thomas bereits geschluckt, als ich noch durch den Schatten fuhr, in dem das Licht nichts zu sagen hatte, in dem es seinen Gültigkeitsanspruch verlor. Ich fuhr, stemmte mich in die Pedale, um mich vom Sattel zu erheben und noch schneller beschleunigen zu können. Und dann sah ich die Sonne als klar umschriebenen Bereich auf dem Asphalt, sah die Trennung zwischen Schatten und Licht, diese ewige, verbissene und doch gleichgültige Trennung und kehrte in die Hitze des Nachmittags zurück.

Dienstag, 8. Juni

Das Jahr

Die Sirenen hinter der Stadt

Die schnellen Gewitter

Ich kehre mit den Einkäufen heim

Und gehe durch den staubigen Flur in das Bad

Ich wasche im Dunkeln meine Hände

Ich denke über eine neue Wohnung nach

Ich denke über das Zubettgehen nach

Über den Schlaf um elf am Morgen

Dann stelle ich die Waschmaschine an

Ich hänge die nasse Wäsche auf

Hänge sie in den Regen

Und in die Rufe der Kinder hinein

Eine Glocke schlägt in einem unsichtbaren Turm

Es ist Zeit, denke ich

Und gehe durch den staubigen Flur

Ich schließe die Türen

Manchmal warte ich ab

Und höre auf die Geräusche meiner Nachbarn

Die ihre unsichtbaren Möbel über den Boden ziehen

Das ist der Widerspruch der Existenz

Geräusche, die am Ende nichts beweisen

Immer ohne Ursprung sind

Ich stehe auf, strecke mich

Draußen droht jemand einem anderen Schläge an

Er sagt das zurückhaltend und ruhig

Wie einer, der weiß, wovon er spricht

Ich räume den Abwasch in die Spülmaschine

Ich schreibe ein paar Zeilen

Ich glaube, für ziemlich alles zu spät zu sein

Und doch so vieles bereits hinter mir zu haben

In dieser Jahreshälfte

In diesem Jahr

Samstag, 5. Juni

Am späten Nachmittag laufe ich mit K über den alten Messplatz. Es ist heiß und schwül und wird bald gewittern, die Luft riecht bereits nach Regen, obwohl die Straßen noch staubtrocken sind. Der Messplatz ist voller Leute, die sich auf den Bänken verteilen, Großfamilien, Gruppen von Alkoholikern und gelangweilten Jugendlichen, ein paar nervtötende Studenten dazwischen, die auf dem Schotter vor der Tramhaltestelle mit begeisterten Gesichtern Boule spielen, als würde sie die magische Atmosphäre des Platzes regelrecht elektrisieren. 

Auf den Bänken ist kein Zentimeter frei, die Menschen hocken in dichten Trauben aufeinander, dabei ist der Fluss und die frisch gemähte Uferwiese nur wenige Meter von uns entfernt. Noch gestern habe ich dort unten eines jener grünen Mähfahrzeuge gesehen, die normalerweise auf den Feldern außerhalb der Stadt unterwegs sind, um irgendeine Arbeit zu verrichten, die weniger notwendig als idyllisch erscheint, doch die Leute hier oben zieht es unbegreiflicherweise nicht auf diese Wiese, sondern auf den Platz, auf dem McDonalds-Verpackungen, Plastiktüten und weggeworfene Einwegmasken vom Wind raschelnd über die dunklen Steinplatten getragen werden.

Das allseitige Stimmengewirr erinnert mich an ein Volksfest, andererseits aber wirken die Leute lethargisch und von der Hitze weichgekocht. Übergewichtige Frauen fächeln sich mit improvisierten Hilfsmitteln Luft zu. Sie sitzen regungslos nebeneinander, ihre Arme und Schenkel berühren sich, sie schwitzen und starren auf einen unsichtbaren, blinden Punkt. Wären die Kinder nicht, die mit ausgestreckten Armen durch die im Boden eingelassenen Wasserdüsen rennen, fast so, als rechneten sie ständig damit, aus heiterem Himmel zu stürzen, gäbe es keinerlei Bewegung in diesem Bild. Dann existierte nur eine wartende Menge unter einer glühenden Sonne, eine Menge, die sich lautstark unterhält, obwohl ihre Lippen und Münder regungslos verharren und die Stimmen vom Band kommen könnten. Vorgebliche Stimmen, fiktive Gespräche, ausgebreitet über einer schweigenden Versammlung, aus der das Leben unaufhaltsam wie aus einem alten Fahrradschlauch weicht. 

Alles hier ist erschöpft, denke ich im Vorbeigehen, alles ist kraftlos und ohne jede Energie. Selbst die jungen Bäume, die vor wenigen Wochen gepflanzt worden sind, wirken vor diesem Hintergrund grotesk in ihrer schutzlosen Zerbrechlichkeit. Sie geben keinerlei Schatten, dafür braucht es sicher noch zwanzig Jahre und bis dahin, denke ich und muss lächeln, ist die Hälfte der hier Sitzenden ohnehin längst tot. Wenn alles gut läuft, bin ich in zwanzig Jahren sechsundfünfzig und wir schreiben das Jahr Zweitausendeinundvierzig. Alle Kinder meiner Freunde sind dann bereits erwachsen und womöglich gerade dabei, eigene Familien zu gründen. Und natürlich werden sie mit allen Mitteln versuchen, ein anderes Leben zu führen, als es ihre Eltern führten, denn das gehört nun einmal dazu. 

Bevor wir die Kreuzung zur Langstraße queren, sehe ich an der Ampel nach rechts. An dieser Ampel bleibt kein Fußgänger stehen, das Rot ist so etwas wie eine sanfte Mahnung, die niemanden interessiert, da man auf der Einbahnstraße den ankommenden Verkehr von weitem sehen kann.

„Was macht der Assistorch hier?“, fragte K entgeistert und wir bleiben überrascht stehen.

Auch ich entdecke den Storch. Er ist das jüngste Mitglied einer Weißstorchenfamilie, die im Herzogenriedpark brütet. K nennt ihn den Assistorch, weil sein Brustgefieder grau und schmutzig ist, als würde er ständig durch Schlamm und Abfallhalden robben. Ich hege seit langem eine tiefe Sympathie für diesen Vogel, die ich mir selbst nicht ganz erklären kann. Ich kenne ihn seit seiner Geburt und halte ihn für das schwarze Schaf der Familie, einen Außenseiter, der sich durchschlagen muss und die Härten des Lebens kennt. 

Der junge Storch steht mitten auf der Straße, etwa dreißig Meter von uns entfernt. Hinter ihm staut sich der Verkehr, aber keines der Autos getraut sich an ihm vorbei. Auf den Bürgersteigen sammeln sich bereits die ersten Gruppen und zücken ihre Telefone, die Leute rufen sich etwas zu, es herrscht Lärm und der Storch steht weiter ungerührt mitten auf der Straße und hält alles auf, als habe er sich entschlossen, in der Nachmittagshitze einen gefährlichen, vielleicht sogar lebensmüden Streik anzutreten.

Wie immer, wenn Tiere in einem Zusammenhang erscheinen, in den sie nicht gehören, glaube ich an das Schlimmste und versuche zu erkennen, ob der Vogel verletzt ist, ob ihm etwas fehlt. Aber aus der Entfernung wirkt er gesund.

Mittlerweile schreitet er sehr langsam die Fahrbahn ab, fast so, als würde ihn die Aufregung überhaupt nicht interessieren, ja, als nähme er sie nicht einmal wahr. Vielleicht ist das Trotz, denke ich, vielleicht auch Wahnsinn. 

Der Storch stolziert weiter, die Autos setzen sich langsam in Bewegung und folgen ihm als Entourage. Das Tier schaut sich gelassen um, als wäre es nicht imstande zu erkennen, wie verquer seine Anwesenheit auf dieser Straße wirkt, als habe es das Gefühl für die ihm entsprechende Umgebung komplett verloren und damit auch die Scheu und Nervosität, die Tieren instinktiv eigen ist, sobald sie sich in einer ungewohnten Umgebung befinden.

Das Verhalten des Vogels wirkt auf mich so eigenartig, dass ich wieder an eine Krankheit denke. Vielleicht steht er unter Schock, sage ich mir, vielleicht ist etwas passiert. Tiere, die das Ende spüren, neigen zu erratischem Verhalten und da Tiere immer unschuldig sind, weil sie die Zusammenhänge, in die der Mensch sie drängt, nicht durchschauen und sich dennoch in ihnen verfangen, empfinde ich sofort ein unendliches Mitleid für diesen verirrten Storch, der von der eigenen Verirrung nichts weiß, sie nicht einmal erahnt, der auch die Gefährlichkeit seiner Lage nicht bemerkt und natürlich denke ich an Nietzsche, den die Unschuld des Tieres ja zum Wahnsinn getrieben hat, dieser erschütternde Tierblick, der die Schläge nicht begreifen kann, den plötzlichen Schmerz, weil er außerhalb der Strafe steht und für nichts verantwortlich ist.

In diesem Augenblick schert ein Auto aus der aufgestauten Fahrzeugkette, ein schwerer, silberfarbener BMW, der auf dem Parkstreifen beschleunigt und natürlich nichts vom Grund des Staus weiß, den Storch auch kaum wahrnimmt und einfach an ihm vorbei rast wie ein Schwachsinniger und tatsächlich ist der Fahrer, irgendein junger Typ, dessen Kopf kaum über das Lenkrad reicht, auch komplett schwachsinnig, das sehe ich auf den ersten Blick, für ihn ist nur ein fein gestutzter Bart samt Dreihunderteuroschuhen drin, mehr ist nicht los in diesem lächerlichen Leben, und der Storch setzt sich aufgeschreckt in Bewegung, schlägt unbeholfen mit den Flügeln, denn große Vögel brauchen ewig, um abzuheben und dann fliegt er endlich davon, gewinnt allerdings kaum an Höhe und ich denke, mit ihm muss tatsächlich etwas nicht stimmen, er muss krank und verletzt sein.

Der Storch fliegt in Richtung Waldhofstraße davon und hält sich nur schwer über den Köpfen der Leute, als plötzlich ein Bus auftaucht, gegen den er in der nächsten Sekunde unweigerlich prallen muss. Mit einem halsbrecherischen Manöver schlägt er eine Kurve nach rechts, weicht dem Bus damit aus, die Leute im Inneren können kaum glauben, was sie sehen, die schwarzen Flügelspitzen des Vogels ragen senkrecht in die Luft und dann landet der Storch auf einem schmalen Wiesenstreifen direkt neben den Tramschienen und schüttelt sich, als hätte ihn ein Regenguss erwischt.

K und ich gehen endlich weiter, queren die Straße und laufen in Richtung Wohnung. In solchen Augenblicken kann man nichts tun, man kann den Tieren nicht helfen. 

Und was sollten wir schließlich auch machen? Den Dreikilostorch zu Boden ringen, um ihn gefesselt zurück in Richtung Park zu schleppen? Am Ende muss er den Ausweg aus eigener Kraft finden, genau wie wir. 

Zu Hause setze ich mich an meinen Rechner und bringe das Lektorat der Gärten in der Wildnis zu einem Ende. Der Roman soll Anfang August erscheinen und muss Ende Juni bei der Druckerei landen, was mir noch Zeit für eine letzte Fahnenkorrektur in zwei Wochen geben sollte. 

Ich entdecke wieder zahllose Fehler, schreibe auf jeder Seite um. Da der Roman in naher Zukunft spielt und am Ende ein paar Tagebuchaufzeichnungen besitzt, kontrolliere ich abschließend noch einmal alle Datierungen. Stimmen die Tagesangaben? Ist der 8. Juni 2030 tatsächlich ein Samstag?

Aufgeregt stelle ich fest, dass ich den Erzähler am 22. April 2030 sagen lasse, er hätte sich im Museum krankgemeldet, um nach seinem verschollenen Freund zu suchen. Aber der 22. April ist Ostermontag und damit ein Feiertag und das alles kann nicht stimmen. Also gehe ich noch einmal akribisch die Datierungen durch und finde weitere Fehler, falsche Verknüpfungen, die mich rasend machen, denn ich glaube sofort, in diesen flüchtigen Schnitzern die Spitze des Eisbergs zu erkennen. Wenn ich das alles nicht bemerkt habe, was ist mir noch durch die Lappen gegangen? So weit ich es erkennen kann, stimmen am Ende zumindest die Datierungen.

Jetzt habe ich fast zwei Jahre mit diesem Roman verbracht und kann ihn nicht mehr sehen. Durch das Lektorat ist er besser geworden, viel besser sogar, aber ich kann das alles nicht mehr lesen, ich will es endlich abschließen und nicht mehr daran denken müssen. 2019 habe ich den Text begonnen und beendet, Anfang 2020 an die Verlage und Literaturagenturen geschickt und für meinen Geschmack hat alles viel zu lange gedauert, sich endlos in die Länge gezogen. 

Das Warten auf eine Antwort, auf irgendein Zeichen. Und dann die unweigerlichen Absagen, mit denen man insgeheim rechnet, um sich gegen sie zu wappnen und die am Ende doch verletzen, bis man sie schließlich kaum mehr registriert. Das alles gehört dazu, sagt man sich, warum sollte es auch anders sein?

Kurz bevor ich mich in Richtung Kletterhalle aufmache, öffnen sich draußen die Wolken. In einem Augenblick ergießen sich Sturzbäche auf die Stadt, der Regen hebt nicht an, sondern besitzt sofort seine volle Kraft, als zerschnitte man einen mit Wasser gefüllten Ballon. Das Rauschen des Regens ist so laut, dass die Musik, die über die Lautsprecher meines Laptops läuft, in den Hintergrund tritt. Auch die Geräusche unserer Wohnung und des Hauses verstummen und der Regen übernimmt, er schwappt durch das geöffnete Fenster, überspült draußen das Viertel und die Straßen und auch die Rufe und Gespräche der Menschen. Der Wolkenbruch hält für etwa zehn Minuten an und endet ebenso abrupt, wie er begann. Jetzt tröpfelt es noch leise von der Buche und der Birke im Hinterhof herab auf das feuchte, faulige Laub, das den Boden vor den Garagen bedeckt, doch auf der Straße mache ich die ersten Stimmen bereits wieder aus, die sich, da bin ich mir sicher, in Richtung Messplatz bewegen, auf die Bänke zu und die schwachen, verkrüppelten Bäume.

Norwegen (2), 28. Mai

Der Zug schleppt sich in das Gebirge hinauf, folgt den Gleisen, die über die ersten Hügel in Richtung der schneebedeckten Gipfel führen, ohne sie aber jemals zu erreichen. Die Fahrt ist angenehm, fast ruhig, als würden wir uns nicht durch diese immer kantiger werdende Landschaft bewegen, auf die der Sommer scheinbar keinen Einfluss besitzt, ein Sommer, der am Bahnhof in Oslo noch zu fühlen war, die Luft warm, der Himmel blau und nur von wenigen, schwachweißen Wolken besetzt, die der auffrischende Wind in irgendeine Richtung spülte. Doch hier oben, im Gebirge, ist von diesem Sommer und der warmen Luft mit einem Mal nichts mehr zu spüren, als reisten wir nicht durch ein Land, sondern durch die Zeit, durch die Monate hindurch, bewegten uns zügig auf einen vergangenen oder zukünftigen Winter zu. 

Vor den Fenstern des kleinen Abteils (der Zug nach Bergen ist nicht besonders lang, dafür aber sind die Sitzplätze der einzelnen Abteile fast vollständig von Norwegern und Touristen in knallbunten Wanderoutfits besetzt) tauchen nach zwei Stunden die ersten Schneefelder auf, so hoch sind wir mittlerweile gelangt und diese Schneefelder haben mit der letzten Juliwoche nichts gemein. Vor den Bergkämmen im Hintergrund liegen flachere, komplett baumlose Bereiche, alles wirkt grau und dunkelgrün, die Felsen sind von Moos oder Flechten wie von dickem Filz überzogen und ragen hin und wieder aus eiskalten Bergseen auf, die viel kälter wirken als der grellweiße Schnee, eine echte, ins Mark ziehende Kälte, wie sie nur das Wasser besitzt.

Hin und wieder steht draußen in dieser leergeräumten Landschaft ein verlassenes Haus. Es scheint keine Wege zu geben, die zu diesem Haus oder von diesem Haus in Richtung einer Siedlung führten, als habe sich dort jemand von allem, besonders von den Menschen, losgesagt. Das Haus steht einfach nur inmitten einer feindlichen Kulisse, das Bergmassiv im Hintergrund wirkt fast obszön in seiner Riesenhaftigkeit und das Gebäude ähnelt einem schlechten Scherz. Es hat hier überhaupt nichts verloren, denke ich, es ist winzig, unbedeutend, kann der Landschaft, die mit Kälte und Wind auf es einstürmt, nichts entgegensetzen. Wäre es eine Hütte, die Wanderern bei schlechtem Wetter als Unterschlupf diente, machte das alles vielleicht Sinn, aber ein richtiges Haus in dieser vegetationslosen Zone deutet nur auf denjenigen, der sich über alle vernünftigen Gründe hinwegsetzte, um es trotzdem zu bauen. Ein Haus in dieser Landschaft baut man nur aus Trotz, sage ich mir, man baut es, weil die anderen nicht an einen Erfolg glauben und die Quoten auf Niederlage stehen und auf diese Weise gelangt man zu einem Holzhaus in zweitausend Metern Höhe, das für acht Wochen im Jahr einen schneefreien Ausblick bietet.

Der Zug setzt seine Fahrt ungerührt fort. Wir bringen einige Brücken und Schluchten hinter uns, gelangen ganz allmählich auf die Westseite des Gebirges und halten nun an kleineren Stationen. 

Die Touristengruppen, die im Hochgebirge einige Tage lang auf Wanderung gehen, steigen aus und das Abteil leert sich nach und nach. Neben den Norwegern bleibt noch eine deutsche Familie mit zwei Kindern zurück, die ebenso wie K und ich bis zur Endhaltestelle nach Bergen fahren. Aber ich tue so, als würde ich ihre Gespräche nicht verstehen. Ich versuche den Kontakt mit anderen Touristen um alles in der Welt zu vermeiden, als hinge davon mein Überleben ab, denn ich genieße die Anonymität. Keiner der anderen weiß, wer K und ich sind. Wir sind keine Norweger, das ist auf den ersten Blick zu erkennen, doch wo genau wir herkommen, kann niemand sagen und das beruhigt mich aus irgendeinem Grund ungemein.

Etwa eine Stunde vor unserem Ziel zieht sich der Himmel zu. Graue Wolkenbänder tauchen auf und fließen bis zum Horizont, so dass auch der letzte Rest des Sommers verschwindet. Die dunkelgrauen Wolken bilden eine Art Spalier, wobei zwischen ihnen hellere Bereiche liegen, so dass alles wie ein Wellenmuster erscheint, die Kämme allerdings dunkel sind und die Täler hell. Der graue Himmel wirkt plötzlich träge und schwerfällig, als erstarrte er, und wenige Augenblicke später gehen die Lichter im Abteil automatisch an. 

Wir erreichen die äußeren Viertel von Bergen in einem sintflutartigen Wolkenbruch. Hinter dem vom Regen überspülten Fenster ist die Stadt kaum zu erkennen, es bleiben nur Schemen und Silhouetten zurück, die an Gebäude und Straßenzüge erinnern und zwischen diesen Konturen machen sich machmal unscharfe Lichtkreise bemerkbar, die auf die Scheinwerfer eines Autos deuten. Alles wirkt, als würden wir in unserem Amphibienzug in eine lautlose Unterwasserstadt vordringen. Es gibt nur den Regen, der gegen die Zugfenster trommelt und K und ich packen schon einmal vorsorglich unsere wasserdichten Jacken aus, als über den Lautsprecher die Ansage ertönt, wir würden unsere Endhaltestelle in wenigen Minuten erreichen.

Eine Viertelstunde später stehen wir vor dem Haupteingang des Bahnhofs und sehen auf die nassen Straßen der Stadt. Es tröpfelt noch etwas, aber das Gewitter klingt ab. Selbst die Sonne blitzt durch einige Risse in den Wolken und ihr metallisches Licht bringt die zahllosen Pfützen auf dem Asphalt, die wie eine kleine Seenlandschaft wirken, in warmen Bronzetönen zum Glühen.

„Ich hoffe, wir haben in den nächsten Tagen besseres Wetter“, sage ich zu K.

„Das hoffe ich allerdings auch“, erwidert sie.

Keiner von uns weiß, dass Bergen zu den regenreichsten Städten in Nordeuropa gehört.

K läuft mit strahlendem Gesicht durch unsere Wohnung im Lille Markeveien, die wir für drei Tage über AirBnB gebucht haben. Die Wohnung ist teuer, liegt dafür aber im Herzen der Stadt, nur wenige Meter vom Hafen und dem alten Fischmarkt entfernt. Die Gasse, in der sich unser Haus befindet, wirkt wie aus einem Touristikkatalog entnommen, etwas Malerischeres kann man sich nur schwer vorstellen und K ist sofort hellauf begeistert.

„Endlich ist das Geld zu etwas nütze“, sagt sie und inspiziert, ohne zu ermüden, die kleinen Zimmer. Dann begutachtet sie enthusiastisch unsere Küche. Ich fummle währenddessen an einem Fenster im Wohnzimmer herum, bis ich den mir unbekannten Mechanismus endlich begreife und das Fenster zur Gasse hin aufstoße. Sofort dringt der Geruch des Regens zu mir und beginnt die Wohnung auszufüllen. 

Später spazieren wir durch die angrenzenden Straßen. Bergen ist hügelig und liegt in einer Art Talkessel. Wir bewundern die Sauberkeit der Stadt, was mich sofort ganz wahnsinnig macht, denn in solch einer Beobachtung glaube ich mein eigenes Spießertum zu erkennen, diesen unterschwelligen Hang zur Bürgerlichkeit, gegen den ich immer wieder fast zwanghaft ankämpfen muss. 

Das ist es also, was dir zuerst auffällt!, sage ich mir. Das darf doch nicht wahr sein! 

Doch die Sauberkeit einer Stadt, egal wo ich mich gerade befinde, springt mich zwangsläufig an. Auch in der Schweiz ist das der Fall. Ich trete auf den Bahnhofsvorplatz in Basel hinaus, sehe einen Obdachlosen auf dem wie geleckt erscheinenden Boden liegen, es ist ein Abend im September und der Obdachlose hat eine kleine, batteriebetriebene Halogenleuchte, mit der er in einem Buch liest, was mich ganz fassungslos macht, denn so etwas kann es natürlich nur in der Schweiz geben, einen Obdachlosen der am Abend vor dem Bahnhof mit einer transportablen Miniaturleuchte wahrscheinlich in Dürrenmatts Gesammelten Werken blättert oder Spenglers Untergang des Abendlands studiert, und sofort springt mir diese Sauberkeit ins Auge und macht mich verrückt, denn eigentlich müsste es mir total egal sein, wie sauber oder schmutzig Städte wie Basel oder Bergen sind, der Schmutz, sage ich mir aufbrausend und gegen meinen verkehrten Ordnungssinn rebellierend, ist ja wohl das loyalste Element, im Schmutz stecken Wahrheit und Authentizität und nicht in dieser aufgeräumten Fassadenwirklichkeit, die alles überpinselt, was dem oberflächlichen Bild von Ordnung im Wege steht und deshalb mit aller Macht verschwinden muss, damit am Ende jene Potemkinschen Dörfer entstehen, die das Unliebsame hinter toten Fassaden verstecken, ohne es aber dadurch auflösen zu können.

Dennoch aber lässt mich die Sauberkeit in Norwegen lange nicht los und als K und ich schließlich zufälligerweise auf einige Glascontainer stoßen, die uns wie hochwertige Stahlskulpturen skandinavischer Prägung im Kopfsteinpflaster eines kleinen Platzes entgegen sehen, verliere ich vollends die Fassung und muss mich in Richtung Nordsee abwenden, um nicht komplett die Nerven zu verlieren.

Auf dem alten Fischmarkt holt uns der Regen wieder ein. Da es mittlerweile Abend ist, sind die meisten Verkaufsbuden, an denen tagsüber frischer Fisch angeboten wird, schon geschlossen.

„Dort drüben ist die Markthalle“, erklärt K und schaut auf das Display ihres Handys. „Wir könnten dort etwas essen.“

Sie hat alle erwähnenswerten Restaurants der Stadt auf Google Maps markiert, aber wir sind noch immer etwas zurückhaltend, was unsere Ausgaben anbelangt. Eine so teure Wohnung wie im Lille Markeveien haben wir noch nie gebucht und auch der Mietwagen, mit dem wir die Küste in Richtung Norden hinauf fahren wollen, ist bislang nur angezahlt. 

Ich weiß, dass wir eigentlich nicht knausern müssten, weil wir beide genügend Geld gespart haben, um unseren Urlaub zu finanzieren, doch die Möglichkeit, am Ende unserer Reise für irgendeine Ausgabe, von der ich jetzt noch nichts ahne, nicht mehr aufkommen zu können, macht mich nervös. Den einzigen finanziellen Rat, den mir meine Eltern bei meinem Auszug mit auf den Weg gegeben haben, lief darauf hinaus, auf keinen Fall Schulden zu machen und daran halte ich mich eisern, als ginge es um mein Leben. Ich werde aus dieser Welt als Paradebeispiel für ein dispofreies Leben gehen. Die Berliner Sparkasse wird mir eine Bronzeplakette für den verantwortungsvollen Umgang mit kleineren, nicht der Rede werten Sparguthaben widmen. Und deshalb zerbreche ich mir über unsere Ausgaben im teuren Norwegen auch ständig den Kopf, was natürlich nur ein weiteres Zeichen für meinen spießerhaften Charakter ist.

Schließlich schlendern wir kurz durch die Markthalle, getrauen uns aber nirgendwo etwas zu kaufen. Nicht aus Knausrigkeit diesmal, sondern weil die Schlangen vor den einzelnen Ständen derart lang sind, das wir wieder nach draußen gehen, um uns in einem nahe gelegenen Supermarkt etwas zum Abendessen zu kaufen.

Am nächsten Morgen wachen wir in den Geräuschen des Regens auf. Vom Fenster aus erscheint es so, als läge ein Teil der Stadt im Nebel, doch es ist feiner und sehr dichter Regen, der in Schleiern auf den Hafen niedergeht.

Wir ziehen uns wasserdichte Klamotten über und plötzlich fühlt sich alles nach Herbst an.

„Wird es in Bergen eigentlich jemals warm?“, fragt K.

„Bestimmt“, antworte ich. „Vielleicht sind wir einfach etwas zu früh unterwegs. Sozusagen in der Vorsaison.“

„Aber es ist doch bald August!“

„Vielleicht sieht der Sommer hier einfach so aus.“

Wir laufen in Richtung Hügelkette, die über der Stadt thront, vorbei am Hafen und dem Fischmarkt, der an diesem Morgen von Menschen regelrecht überflutet ist. K besorgt sich in einer Bäckerei ein paar süße Stückchen, die Skoleboller heißen, voller Pudding sind und ziemlich gut schmecken.

Eine Seilbahn fährt zum Fløyen hinauf, aber das kommt für uns natürlich nicht in Frage, auch wenn sich K von der Bergbesteigung nicht gerade begeistert zeigt.

„Ist das nicht viel zu hoch?“

„Ach Quatsch, das ist nur ein kurzer Anstieg und dann haben wir eine super Aussicht auf die Stadt und den Hafen.“

„Aber die meisten fahren doch mit der Seilbahn.“

„Wir laufen!“

Der Weg hinauf zum Fløyberg ist steil, aber nicht besonders lang. Oben, auf einer Art Aussichtsplattform, warten viele Touristen und Gruppen und fotografieren die im Tal liegende Stadt mit der Nordsee im Rücken. 

K und ich tun so, als hätten wir dafür nichts übrig und bleiben nur kurz, um das Panorama zu bewundern. Dann beginnt es erneut zu regnen und wir verschwinden auf einem Wanderpfad, der über die waldbestandenen Gipfel führt.

Hier sind nur wenige Leute unterwegs. Der Waldboden ist nass und scheint das Wasser satt zu haben und wir folgen für einige Minuten einem gepflegten Kiesweg, der in unbestimmte Richtung führt. Das Prasseln des Regens, der sich auf unsichtbaren Pfaden durch das Laub arbeitet, folgt uns auf Schritt und Tritt. 

Etwa eine Stunde wandern wir so die Hügelkette entlang. Früher habe ich das Wandern gehasst und jetzt plötzlich finde ich es ganz wunderbar durch Regen und Wald zu stapfen. 

Während wir gehen, unterhalten wir uns über die Arbeit im Museum.

„Ich wünschte, wir könnten einfach aufhören“, sage ich.

„Um was zu tun?“

„Wenn ich das wüsste, wäre ich nicht im Museum.“

„Lass uns nicht schon wieder über die Arbeit reden. Das verdirbt mir nur wieder den Tag.“

„Ja, diesen wunderschönen, verregneten Tag!“

Wir gelangen auf eine Art Lichtung mitten im Wald. Der Wanderweg schlängelt sich durch eine grasbewachsene Hügellandschaft, die an überdimensionierte Maulwurfshügel oder an Wikingergräber erinnert. 

„Fällt dir eigentlich auf, wie wir uns anhören?“, frage ich K und ziehe mir die Kapuze meiner Outdoorjacke wieder über den Kopf. Die Bäume boten vor den fallenden Tropfen Schutz und jetzt stehen wir erneut in diesem hauchfeinen Nieselregen, der Nebelschwaden gleicht.

„Wie hören wir uns denn deiner Meinung nach an?“, antwortet sie.

„Genau wie unsere Eltern.“

„Meine Eltern haben nie so viel gejammert.“

„Dann hören wir uns eben nicht wie unsere Eltern an. Wir klingen ganz einfach, als wären wir erwachsen und unterhalten uns ständig über die Arbeit. Gibt es überhaupt noch etwas anderes?“

Ich denke an Bouvart und Pécuchet von Flaubert, die ich auf der Reise lese.

„Vielleicht müssen wir aufs Land ziehen“, erkläre ich.

„Und was machen wir dort?“, fragt K, während wir eines der maßgeblichen Hügelgräber besteigen, um dahinter nur weiter hellgrüne Hügel zu entdecken.

„Woher soll ich das wissen?“

„Wir brauchen schon einen besseren Plan, als einfach aufs Land abzuhauen.“

„Warum?“

K sieht mich an.

„Wovon sollen wir leben?“

„Uns fällt schon etwas ein“, sage ich bestimmt, fühle aber, dass ich mich belüge. Ohne einen Plan würde ich weder meine Stelle kündigen noch aufs Land ziehen. Überhaupt ist der Gedanke an ein Leben auf dem Land nichts weiter als eine dumme Idee. Ich glaube selbst nicht, was ich sage. Ich glaube nicht an diesen Ausweg.

Wir laufen weiter und gelangen nach wenigen Minuten zurück in den Wald. Ich bin mir nicht sicher, ob K auf den Weg und die Markierungen achtet, die hin und wieder an manchen Gabelungen auf uns warten. Ich jedenfalls kümmere mich darum nicht und biege ab, wie es mir passt. Meistens wähle ich die linken Wege, fällt mir später auf.

„Und was machen wir auf dem Land?“, will K von mir wissen.

„Ich stelle Möbel her“, erkläre ich kurz entschlossen.

„Möbel?“

Ich nicke ernst.

„Schränke, Tische. Vielleicht ein paar Stühle.“

„Du hast noch nie etwas bei uns in der Wohnung gebaut. Und reparieren kannst du auch nichts.“

„So etwas lernt man. Dafür braucht man Zeit. Und eine Gelegenheit.“

„Ich will nicht plötzlich allein auf dem Land sein.“

„Warum denn nicht?“

Eigentlich habe ich die Lust an unserer Diskussion längst verloren und trete nur aus Prinzip noch für die von mir eingeschlagene Richtung ein.

„Ich will nicht eine Stunde unterwegs sein, um meine Freunde zu sehen“, erklärt K fast so, als wäre unser Umzug schon beschlossene Sache. 

„Also gut“, sage ich schließlich fest, während der Regen an Stärke gewinnt und die Nässe mein Gesicht überzieht. „Unser Leben auf dem Land ist hiermit Geschichte!“

Wir verbrachten eine Woche in Oslo und Bergen und fuhren dann mit unserem Mietwagen nach Norden. Ich kann die Strecke heute nur noch ungefähr anhand der Fotos rekonstruieren, die ich auf der Reise gemacht habe, Fotos, die in Arna entstanden und in Knarvik, in Alverstraumen, Furhovden und Ølve.

Es regnete die ganze Zeit. Der Regen fiel ununterbrochen, die Wolkendecke wurde vom stetigen Wind über den Himmel getrieben und riss nur selten für eine halbe Stunde auf. Dann standen wir in einem kleinen Dorf am Fjord unter den wärmenden Strahlen und sahen auf die unbewegte Wasserfläche, in der sich das Land am gegenüberliegenden Ufer spiegelte wie auf dunklem Glas. Nichts schien diese Fläche bewegen zu können, als gäbe es plötzlich keine Wellen mehr, das Wasser lag schwer und zum ersten Mal machte es für mich Sinn, in diesem Wasser nicht nur einen Spiegel zu erkennen, sondern eine auf den Kopf gestellte Welt von eigenem Rang.

Wir hielten an kleineren Lebensmittelgeschäften, K versuchte mit den Besitzern dieser Läden etwas Norwegisch zu sprechen, was mehr oder weniger gut gelang. Wir aßen ein Fischbrötchen an einer Art Pier, während ein junger, etwas übergewichtiger Typ in meinem Alter auf einem Gabelstapler saß und Europaletten im Lager des wahrscheinlich einzigen Lebensmittelladens im Ort verstaute. 

Ich beobachte ihn heimlich und fragte mich, ob er insgeheim etwas ganz anderes machen wollte, wie ein Leben in so einem kleinen norwegischen Dorf am Ende aussah. Was tat er am Abend? Ging er in eine Kneipe, stellte dort so etwas wie den Stammgast dar? Und wo steckten seine Freunde? Sicher waren die meisten abgewandert in die Städte im Süden, um dort eine Ausbildung zu machen oder zu studieren. Und er war als einziger zurückgeblieben und hatte wahrscheinlich einen der wenigen Jobs im Ort ergattert. Und jetzt fuhr er diesen Gabelstapler, wohnte vielleicht noch bei seinen Eltern und dachte nicht im Ansatz an einen Urlaub außerhalb Norwegens, für den er darüber hinaus wahrscheinlich auch nicht das Geld besaß.

Je länger ich ihn beobachtete, um so schuldiger fühlte ich mich. Ich fuhr mit K durch eines der teuersten Länder Europas, wir konnten uns Ferienwohnungen leisten und ein Mietauto, wir mussten längst nicht mehr in Zwölfmannzimmern in stinkigen Hostels campieren und hundertmal überlegen, ob wir uns etwas leisten konnten oder nicht. Wir waren vorsichtig, das schon, aber wir mussten nicht übervorsichtig sein. Am Ende, und das war der Unterschied, hatten wir die Mittel, um tun und lassen zu können, was wir wollten.

Die letzten eineinhalb Wochen verbrachten wir in zwei Ferienhäusern. Die Lage der Häuser war atemberaubend, wir blickten direkt auf eine Fjordlandschaft, allerdings hatte das erste Haus keinen Internetzugang.

Es sei außerdem ziemlich schwer zu finden, schrieb uns die Vermieterin per Mail, wir sollten sie einfach anrufen, sobald wir in der Nähe wären und das taten wir dann auch und plötzlich stand eine Frau in knallroter Regenjacke mitten auf der Landstraße und winkte uns zu.

Wir erreichten das tiefrot gestrichene Holzhaus über mehrere, an einem Felshang befestigte Metalltreppen, die hinab in Richtung Wasser führten. Die Unterkunft hatte alles zu bieten, eine große Küche, zwei Schlafzimmer und sogar eine kleine Sauna für zwei Personen. 

„Der nächste Supermarkt“, erklärte die Vermieterin, eine Frau Ende vierzig, die ziemlich bestimmt auftrat und sich durchzusetzen wusste, „ist eine Viertelstunde mit dem Auto entfernt. Aber ein Auto habt ihr ja, das sollte also kein Problem sein.“

Sie hatte uns eine Wanderkarte bereit gelegt und führte uns abschließend in die Benutzung der Küche und des Badezimmers ein. Das Wasser für Spüle und Dusche speiste sich aus zwei großen Regenauffangbecken. Waren diese leer, gab es auch kein Wasser. Das sollten wir im Hinterkopf behalten, denn sei das Wasser erst einmal aufgebraucht, wäre es das eben gewesen und wir müssten auf den nächsten Regen warten. Außerdem sollten wir, bevor wir abreisten, unbedingt den Abwasch erledigen und danach erst duschen. Eine Gruppe Spanier hätte zuerst geduscht und dann kein Wasser mehr für den letzten Abwasch vor der Abreise gehabt, weshalb sie unfreiwillig das Zimmermädchen hätte spielen müssen. Im Übrigen sei sie auf Spanier gerade nicht besonders gut zu sprechen. 

Wir nickten mit großen Augen und erklärten uns mit allem kleinlaut einverstanden.

„Hier sind die Hausschlüssel“, sagte sie. „Am Hang wachsen wilde Himbeeren, die könnt ihr bedenkenlos essen. Ach ja, es gibt kein Internet, aber das habt ihr sicher auf AirBnb gelesen.“

Natürlich hatten wir das, doch die Tragweite dieses Umstands ging uns erst am nächsten Abend nach einer Wanderung auf.

„Jetzt ein bisschen surfen, wäre schon nicht schlecht“, sagte K, während sie die DVD-Sammlung, die auf einem Brett über dem Fernseher stand, durchging. Der Fernseher hatte natürlich keinen Empfang.

Ich schaute von meinem Buch auf und versuchte mir nicht anmerken zu lassen, dass ich ebenso gern meine eingespielten Streifzüge auf Youtube unternommen hätte.

„Hast du Lust auf einen Film?“, fragte sie.

„Was gibt es denn?“, antwortete ich.

Eat Pray Love.

„Nur über meine Leiche.“

„Aber der ist schön!“

„Auf gar keinen Fall.“

K schnaufte.

Notting Hill?

„Was soll das denn sein?“

„Was Romantisches“, sagte sie mit strahlenden Augen. „Der ist wirklich gut und Hugh Grant spielt einen Buchhändler. Das ist doch was für dich.“

„Ich schaue nichts mit Hugh Grant.“

„Was soll das heißen?“

„Ich lehne Hugh Grant ganz einfach ab!“

Am Ende rettete uns eine Star-Trek-Staffel. Jeden Abend sah ich Captain Picard, der sich mit zahllosen interstellaren Problemen beschäftigte und in Aliens verliebte, die Menschen bis aufs Haar glichen, so dass es in jeglicher Beziehung keinerlei Überraschungen gab. 

Picard war stets bei der Sache und ziemlich intelligent. Die teils galaktischen Herausforderungen, mit denen ihn der Zufall oder ein Auftrag des Sternenkomitees oder wie auch immer seine Vereinigung hieß, konfrontierte, löste er nur in den seltensten Fällen mit Gewalt. Er agierte stattdessen überlegt, wägte ab, stellte das Musterbeispiel eines kompetenten und durchsetzungsstarken Anführers dar.

„Dieser Picard“, sagte ich. „Der hat es wieder mal allen gezeigt.“

K sah mich an.

„Musst du jedes Mal in die Schlussdialoge quatschen?“

„Aber es ist doch alles gesagt!“

Und schon ertönte die Melodie des Abspanns und die nächste Episode begann.

Das letzte Haus auf unserer Reise befand sich direkt am Wasser und gehörte zu einem weitläufigen Gehöft mit Bootshaus und neuer Villa auf einem Hügel.

Es sei ein Lotsenhaus, erklärte uns der Vermieter, der mich an einen Briten erinnerte. Er war komplett in moosgrünen Wachsklamotten und hohen Gummistiefeln gekleidet, nahm den Regen aber scheinbar nicht mehr wahr. Deshalb setzte er auch die Kapuze seiner Jacke nicht auf, als weise er die Macht, die das Wetter über seine Existenz besaß, nicht unfreundlich, aber doch mit stoischer Gelassenheit zurück.  

In diesem Haus habe bis zu seinem Tod ein Mann gelebt, erklärte er, der ortsunkundige Schiffe durch den Fjord gelotst hätte und zwar sein ganzes Leben lang. Aber heute sei das natürlich nicht mehr nötig.

Diese Erklärung beeindruckte mich sehr. Ich stellte mir einen Mann mit Pfeife vor, genau wie in den Romanen Vesaas und Hamsuns. Dieser Mann saß auf einer weiß gestrichenen Holzbank vor seinem Haus und beobachtete den Fjord. Anhand der Wolken sagte er das Wetter voraus, las an der Dunkelheit der Bergflanken die Windstärke ab. 

Das Haus war außen weiß gestrichen, innen beherrschten gelbe Wände die wenigen Räume. Das Wohnzimmer befand sich im Erdgeschoss und hatte einen kleinen Kamin, den wir sofort mit einigen Holzscheiten in Gang setzten. In einer Ecke bemerkte ich eine rot gestrichene Standuhr, die nicht mehr funktionierte, eine Landkarte Westnorwegens hing an der Wand. 

Ich sah mich im Wohnzimmer um, nachdem ich unsere Rucksäcke in die obere Etage gebracht hatte, in der sich zwei Schlafzimmer und ein schmales Bad befanden. 

„Das hier sieht wie ein Modem aus“, sagte ich und zeigte auf einen schwarzen Plastikkasten.

K stand augenblicklich an meiner Seite und begutachtete das Gerät.

„Das ist ein Modem!“, rief sie begeistert.

Über die Zugangsdaten auf der Rückseite wählten wir uns mit unseren Handys ein und konnten kaum glauben, endlich wieder online zu sein. Allerdings hielt die Freude nicht besonders lang an.

„Irgendwie lädt bei mir nichts mehr“, sagte K nach einer halben Stunde.

„Bei mir auch nicht.“

„Ist das Ding kaputt?“, fragte sie.

Einige Lichter blinkten auf der Vorderseite des Modems. Alles schien normal.

„Ich glaube, am Modem liegt es nicht, aber ich starte es trotzdem einmal neu.“

Aber auch dieser Versuch brachte keine Verbesserung unserer Lage.

„Es lädt einfach nichts!“, fluchte K.

In der Zwischenzeit hatte ich einen Zettel ausfindig gemacht, der in der Küche lag.

„Es gibt ein Datenvolumen“, erklärte ich.

K erwiderte erschüttert meinen Blick.

„Ich glaube, wir haben das Volumen schon aufgebraucht.“

„Das ganze?“

„So sieht es aus.“

In den folgenden Tagen fuhren wir in einige Dörfer der Gegend, besuchten ein Freilichtmuseum, in dem man ausgediente Segelschiffe restaurierte, hielten an alten Kirchen mit angrenzenden Friedhöfen, auf dem Menschen lagen, die bereits vor einhundert Jahren gestorben waren. Wir spazierten durch den Regen, doch das Wetter setzte uns allmählich zu und wir verbrachten mehr und mehr Zeit im Lotsenhaus.

An einem Nachmittag hielt es K nicht mehr aus, lief hinaus auf die Wiese, ohne sich ihre Jacke überzuziehen und rannte dort unter wilden Verwünschungen im Kreis, als lehne sie sich gegen Himmel und Erde auf.

„Wir hätten in Bergen oder in Oslo bleiben sollen!“, rief sie wütend, während ich mit meinem Telefon ein Video ihres Anfalls filmte. „Ich sterbe hier vor Langeweile! Wie kann es Anfang August noch pausenlos regnen!“

Wir flogen von Bergen aus nach Deutschland zurück. K hatte sich wieder beruhigt, die Stadt gab ihr Kraft und außerdem hatte sie einen Imbiss entdeckt, der Rentierbratwurst mit Preiselbeersoße verkaufte. 

Ich fühlte mich nicht bereit, wieder auf Arbeit zu erscheinen, aber auch auf unserer Reise durch den Norden war mir keine Lösung meines Problems eingefallen. Wir mussten ganz einfach zurück. Ich taugte nicht zum Lotsen, ich hatte die Zimmermänner beneidet, die mit den Schiffen im Freilichtmuseum beschäftigt gewesen waren, aber auch dafür eignete ich mich nicht.

Wofür eigne ich mich überhaupt?, dachte ich im Shuttlebus zum Flughafen. Vor den Scheiben des Busses war nichts zu erkennen, weder Antwort noch Hinweis, denn es regnete in Strömen.