Samstag, 23. Oktober

Robert Scott singt vom Verlassen eines Zimmers, während ich über den Alten Messplatz laufe. Ein Sturm hat in der vergangenen Nacht sechs oder sieben der im Frühling gepflanzten Bäume derart mitgenommen, dass die Stadtverwaltung sie kurzerhand fällen musste, um keine Unfälle zu riskieren. Jetzt liegen die Bäume zu kleinen Holzstapeln geschichtet auf dem Platz. Ihre Kronen sind noch vollständig belaubt und die Blätter grün und merkwürdigerweise wirkt es so, als wüchsen plötzlich kniehohe Büsche auf dem Schotter, die der Wind tanzen lässt.

Im April hast du über diese jungen Bäume geschrieben, denke ich und gehe weiter in Richtung Brücke. Ich habe kein rechtes Ziel vor Augen und versuche mich an etwas zu erinnern. War es tatsächlich April, als ich über die Bäume schrieb? Oder war es März, war es vielleicht sogar Mai? Hat in der Stadt niemand mit einem Sturm gerechnet? Und was passiert jetzt, pflanzt man im Frühjahr einfach neue Bäume und hofft, sie würden den kommenden Stürmen entgehen?

Kurz vor der Brücke, die in die Innenstadt führt, tauchen viele Leute auf. Ich reihe mich ein, folge einem Pulk von Menschen, die auf die andere Flussseite wechseln. Die Tramhaltestelle ist seit einigen Tagen außer Betrieb, eine riesige Baustelle hat sich an ihrer Stelle gebildet und reißt die Straßenbahnschienen akribisch aus dem Asphalt. Baufahrzeuge und Metallcontainer nehmen die Kreuzung ein, die Straße ist zur Hälfte gesperrt und überall stehen Arbeiter in leuchtenden gelben Klamotten herum. Einer von ihnen macht sich mitten in der aufgerissenen Fahrbahn an einer Maschine zu schaffen, die ihren Geist aufgegeben hat, während eine Handvoll seiner Kollegen am Rand wartet, Zigaretten raucht und seine Bewegungen aufmerksam verfolgen. Niemand spricht ein Wort. Über der Gruppe liegt eine Art andächtiges Schweigen, als hätte sie etwas aus der Welt Gefallenes vor Augen, dem man nur mit wachsamer Ungerührtheit begegnen kann. Aus einigen Metern Entfernung lässt sich diese Ungerührtheit allerdings auch leicht mit gewöhnlicher Langeweile verwechseln.

Ich quere mit den anderen die Brücke. Der Wind frischt auf und wird scharf, erinnert mich an den Sturm, der gestern durch unseren Hinterhof fegte. Er ist so stark, dass er Wellen mit weißen Kämmen entgegen der Flussrichtung treibt. Fast alle Wasservögel sind heute verschwunden, die normalerweise am Morgen direkt unter der Brücke auf das knochenharte Brot warten, das Rentner wie Streubomben nach unten fallen lassen. Bloß ein einsamer Schwan treibt auf der stürmischen See. Vielleicht ist er verrückt, denke ich. Auch Tiere werden schließlich manchmal wahnsinnig. Oder er will irgendjemandem etwas beweisen.

Zehn Minuten später spaziere ich durch die Quadrate. Die meisten Leute haben es um diese Zeit eilig und laufen zur Arbeit, sie laufen in Richtung eines Geschäfts oder eines Büros und stecken mit dem Kopf bereits in einer Aufgabe, die sie am Abend versuchen werden zu vergessen. Im Russischen heißt Büro Офис und wird Ofiss ausgesprochen, fast wie das office im Englischen. Nur das O am Wortanfang klingt etwas dunkler und wird weiter hinten im Halsansatz gebildet. Das habe ich vor einigen Tagen gelernt und muss daran denken, als eine junge Frau in schicker Daunenjacke und hohen Schuhen an mir vorbei läuft und dabei so gequält aussieht, als durchlebte sie in dieser Sekunde eine Tortur von unvorstellbarem Ausmaß, eine Passion, deren Folter sich uns anderen komplett entzieht, deren Intensität wir nicht ansatzweise begreifen.

* * *

Zwei Stunden später kehre ich zurück, hänge meine Jacke in den Flur und ziehe meine Schuhe aus. Die Wohnung liegt so still, als wäre sie unbewohnt und ich ein Eindringling, der sich unerlaubterweise in ihr bewegt. Ich setze mich an meinen Schreibtisch, blättere in einigen Büchern, ohne eine Zeile zu lesen und stehe dann wieder auf. Ich laufe zurück durch den Flur, beginne im Wohnzimmer Wäsche abzuhängen, ohne mich zu dieser Handlung zu entschließen. Plötzlich hänge ich ganz einfach Wäsche ab, ich stehe in der Mitte des Zimmers vor einem klapprigen IKEA-Gestell und greife nach Handtüchern, die sich so trocken und steif anfühlen, dass es mich nicht wundern würde, wenn sie beim Falten leise knackten. 

Noch immer hält die Unruhe in mir an, die mich durch die halbe Stadt getrieben hat. Diese Unruhe besitzt keine Ursache, sie taucht einfach auf wie Wolken in einem ansonsten strahlend blauen Himmel. Ich versuche ihr zu entgehen, indem ich mich bewege und dabei erschöpfe. Mit der Erschöpfung nehmen die Gedanken ab, sie werden kraftlos, verlieren ihre Schärfe, als gäben sie endlich vor lauter Anstrengung auf. Doch heute kam selbst mein ausgedehnter Spaziergang nicht gegen diese Unruhe an, die mir sagt, irgendetwas sei nicht in Ordnung. 

Doch was, frage ich mich, was ist denn hier nicht in Ordnung? 

Keine Antwort.

Irgendetwas muss es sein, denke ich, und warte vergeblich auf eine Reaktion, während ich den Handtuchstapel säuberlich gefaltet in unser Bad trage, um ihn dort nach Größe geordnet auf das schmale Regal über der Toilette zu verteilen. Die großen Handtücher kommen ganz nach oben, unsere Geschirrtücher etwa in die Mitte.

* * *

Die Steigung hat es in sich, denke ich, stehe vom Sattel auf und trete kräftig in die Pedale. Die Straße zum Kloster ist viel steiler, als ich vom Flussufer aus angenommen habe. Es hätte noch eine andere Route mit etwas sanfterem Gefälle gegeben, aber das wäre ein größerer Umweg gewesen, den wir nicht auf uns nehmen wollten, wofür ich mittlerweile mehr als dankbar bin.

Ich fühle meinen schneller werdenden Puls und hole tief Luft. Dann schalte ich in einen kleineren Gang und lege gleich noch einmal nach, doch obwohl der Widerstand der Pedale abnimmt und ich eine Erleichterung bemerke, tritt mir der Schweiß auf die Stirn. Bevor wir eine Kurve und die erste Klostermauer erreichen, überholt uns ein Pärchen Anfang sechzig auf Elektrorädern. Sie scheinen sich kaum anzustrengen, bewegen ihre Beine fast herausfordernd langsam und haben für unsere Verausgabung nur ein müdes Lächeln übrig. Ein paar Spaziergänger auf dem Fußweg, die kurz davor sind, den Klostergarten durch ein Eisentor zu betreten, rufen sich einander zu, wie angenehm es sei, auf einem Elektrorad zu sitzen. 

„Man kommt doch ganz schön ins Schwitzen“, sagt ein Mann laut, „gerade bei einem solchen Hügel und auf einem simplen Rad.“

Ein simples Rad, denke ich. 

Nicht zu fassen.

Ich stemme mich wieder in die Pedale, hebe mich dadurch erneut aus dem Sattel und konzentriere mich ganz auf meine Verachtung für Elektroräder. Unerwarteterweise kitzelt meine Abneigung den letzten Rest an Kraft aus mir heraus, was mich vor dem Stehenbleiben rettet. Ich krieche im Schneckentempo den Hügel hinauf, was nicht nur die Leute auf dem Gehweg überrascht, sondern auch mich.

Als ich die Hügelkuppe endlich erreiche, denke ich noch immer an das Pärchen mit Elektroantrieb. Wieder einmal haben es die Unsportlichen geschafft, Sportlichkeit vorzutäuschen. Überall fahren jetzt Männer in Tour-de-France-Klamotten durch die Gegend, obwohl ihre Bierbäuche jegliche Aerodynamik verhindern und dabei werden sie von Bosch-Motoren unterstützt, die Steigungen auf Gebirgsniveau wie eine Uferstraße in Holland wirken lassen. Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als man sich ein solches Trikot verdienen musste und nicht einfach irgendwo kaufen konnte. Man musste tatsächlich auf einem Rad sitzen, an einem Rennen teilnehmen und die anderen Fahrer auf der Strecke lassen, damit man ein solches Trikot verliehen bekam. Heute sehen dagegen alle aus, als hätten sie die Tour drei mal in Folge gewonnen und danach unglücklicherweise ein paar Kilo zugelegt.

Jakob scheint das alles nicht wahrzunehmen. Seit einer Dreiviertelstunde hetzt er in Höchstgeschwindigkeit vor mir her, als nähmen wir tatsächlich an einem Rennen teil, so dass ich ihn bereits ein paar Mal aus den Augen verloren habe. Die ganze Fahrt über sieht er weder nach links noch nach rechts, starrt stattdessen konzentriert gerade aus und tritt wie verrückt in die Pedale, als gelte es, einen neuen Streckenrekord aufzustellen. Neben uns lag für Kilometer der Fluss, es ist ein wunderbarer Tag, die Sonne steht hinter den Hügeln und schlägt auf der Wasseroberfläche silberne Funken. Die Luft ist frisch, aber nicht kalt, es ist wunderbar auf den Beinen zu sein, durch die Gegend und diese Landschaft zu fahren, die aus irgendeinem Grund beruhigend auf mich wirkt und in manchen Abschnitten regelrecht schön.

Was für eine wunderbare Landschaft, denke ich, was für Hügel, was für eine Sonne!

Aber da ist Jakob bereits um die nächste Kurve verschwunden und ich beschließe, die Verfolgung aufzugeben. Ich fahre so schnell, wie ich möchte und fühle mich zu nichts verpflichtet. Sechsunddreißig Jahre habe ich gebraucht, um eine so simple Regel ohne Gewissensbisse oder falsche Scham zu befolgen.

Am Rand des Klosters befindet sich ein kleines Restaurant, das jetzt, um die Mittagszeit, gut besucht ist. Die Leute sitzen an Holztischen in der Sonne, es ist Oktober und bald wird es kalt und regnerisch werden, weshalb es die meisten heute noch einmal nach draußen treibt. 

„Das war keine schlechte Steigung“, sagt Jakob, der noch immer auf seinem Rad sitzt.

„Willst du etwas trinken?“, frage ich, obwohl ich eigentlich keine Lust habe, mich zu setzen und diese Fahrt unnötig in die Länge zu ziehen.

„Nicht unbedingt. Willst du?“

„Eigentlich nicht.“

Ein Kellern taucht aus dem Klostergemäuer auf und trägt auf einem Tablett drei dampfende Teller zu einem der Tische. 

Das Essen sieht gut aus, richtiges Ausflugsessen, wie man es nach einer langen Wanderung gern hat. Kartoffeln, Rotkraut und Fleisch. Etwas in diese Richtung zumindest.

„Hast du Hunger?“, frage ich.

„Ich hab ja erst vor einer Stunde gegessen.“

„Stimmt.“

Ich sehe mich um. Es ist tatsächlich ein strahlender Tag, ein Tag wie aus dem Bilderbuch. Die bewaldeten Hügel, die das Kloster umgeben, zeigen erste Verfärbungen, doch das Verschwinden des Grüns spielt sich langsam ab. Nur kleinere Flecken in Gelb und Orange sind hier und da zu erkennen. 

Warum hetzen wir so durch den Tag?, frage ich mich und sehne mich danach, allein zu sein. 

Ich möchte mich allein an den Rückweg machen, allein durch den Herbst fahren, den Fluss an meiner Seite.

„Dort hinten ist die Klosterbrauerei“, sage ich stattdessen. „Wir könnten uns frisches Bier besorgen.“

„Für die Fahrt?“

„Warum denn nicht?“

„Ich kann doch jetzt nichts trinken“, sagt Jakob. „Wir haben schließlich noch etwas Strecke vor uns.“

Ich unterdrücke ein Stöhnen und frage mich, weshalb ich dieser Radtour mit meinem Kollegen überhaupt zugestimmt habe. Normalerweise käme mir nie der Gedanke, einen halben Tag mit einem Menschen zu verbringen, den ich nur flüchtig kenne. Und hier oben, die Klostermauer zu meiner Rechten, fällt mir auch plötzlich wieder ein, warum ich an diesem Vorsatz bislang immer eisern festgehalten habe.

„Das Bier ist gut“, versuche ich es erneut. „Du hast doch auch eine Tasche am Rad. Wir könnten einfach ein oder zwei Flaschen kaufen und mitnehmen. Die kann man schließlich auch zu Hause trinken.“

„Nur wenn du willst.“

„Ich will.“

Wir steigen ab und schieben unsere Räder ein paar Meter die Straße entlang, um schließlich auf einen Hof einzubiegen. Die Gebäude der Brauerei wurden außerhalb des Klosters errichtet, allerdings bis an die äußere Klostermauer heran gezogen, so dass sich Brauerei und Kloster berühren. Vor einigen Jahrhunderten wimmelte es hier sicher vor Mönchen.

Ich habe mir Kloster und Brauerei bereits mit Kathrin angesehen und kenne deshalb den Weg. Von weitem mache ich den Verkaufsstand aus und auch zwei Frauen, die vor einer Hauswand im Schatten sitzen und sich miteinander unterhalten.

„Können wir bei Ihnen Bier kaufen?“, frage ich und bleibe stehen.

„Natürlich könnt ihr das“, sagt eine der Frauen, die ich auf Ende Zwanzig schätze und lächelt mich an. Sie ist klein und etwas füllig, hat ihre blonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und trägt eine Schürze, die ihr das Aussehen einer Hausfrau verleiht.

Sie steht auf und ich folge ihr zum Stand hinüber, einer Theke, die man an die Seite eines Schuppens gezimmert hat. Auf der Theke steht ein Sortiment aus Bierflaschen, die Getränkekarte sozusagen.

„Ich nehme eine Flasche Rotfuchs“, sage ich kurzentschlossen und krame mein Portemonnaie hervor. 

„Einmal Rotfuchs“, wiederholt das Mädchen meine Bestellung und verschwindet im Schuppen.

Mittlerweile taucht auch Jakob neben mir auf und sieht sich die Bierflaschen an.

„Das Rotfuchs kann ich empfehlen“, sage ich und versuche mich zusammenzureißen. „Das schmeckt wirklich gut.“

„Ich mag eher Helles“, erwidert Jakob.

„Haben sie auch. Aber das Rotfuchs ist naturtrüb.“

„Naturtrüb sind die doch alle.“

Er zeigt auf die Etiketten und hat recht. Genauso wenig wie bei Wein kenne ich mich bei Bier aus und habe das naturtrübe Rotfuchs für etwas ganz Besonderes gehalten.

„Stimmt“, antworte ich.

Jakob kauft eine Literflasche Helles und eine weitere Literflasche Rotfuchs.

Na endlich, denke ich, während er umständlich die beiden Bierflaschen in seiner Radtasche verstaut.

Wir verabschieden uns von den Frauen, die in der Zwischenzeit wieder im Schatten Platz genommen haben und uns ausgelassen einen schönen Tag wünschen. Dann schieben wir unsere Räder zurück zum Hof.

„Lass uns kurz in die Sonne setzen“, sage ich.

„Hast du keine Lust weiterzufahren? Wir haben doch gerade mal fünfundzwanzig Kilometer geschafft.“

„Eine Pause wäre doch nicht schlecht“, versuche ich es diplomatisch.

„Wenn du unbedingt willst“, antwortet er. „Meinetwegen.“

Es klingt wie das enttäuschte Eingeständnis einer unentschuldbaren Schwäche.

Doch das ist mir erstaunlicherweise vollkommen egal.

* * *

Ich biete Jakob eine Banane und danach einen Proteinriegel an. Beides lehnt er ab. Zumindest zu einem Becher Kaffee, den ich in einer Thermoskanne von zu Hause mitgebracht habe und mit ihm teilen will, lässt er sich überreden.

Wir sitzen auf einem scharfkantigen Felsen, der etwas abseits auf dem Brauereiparkplatz von kniehohem Gras umwachsen wird und schweigen uns an.

Ich schließe die Augen und halte mein Gesicht in die Sonne.

Wunderbar, denke ich und achte auf die Wärme.

Wärme auf meinen geschlossenen Lidern, meiner Stirn, meiner Nase, meinen Lippen.

Besser kann es eigentlich kaum sein.

Besser wäre es nur, wenn ich allein auf diesem Felsen in der Sonne sitzen könnte, ohne mich mit der Laune eines anderen Menschen herumzuschlagen.

„Hast du mal was Dinu Lipatti gehört?“, frage ich plötzlich. 

Ich weiß nicht, warum ich das frage. Seit Monaten, vielleicht sogar seit Jahren habe ich nicht mehr an Dinu Lipatti gedacht. Ich habe nicht einmal das Auftauchen seines Namens in mir gespürt und abwesend eine Frage formuliert, die mir jetzt ganz unsinnig erscheint. Warum um alles in der Welt will ich wissen, ob Jakob Dinu Lipatti kennt?

„Wer?“, antwortet er verwundert.

Natürlich kann ich mich nach diesem Auftakt nicht mehr aus der Affäre ziehen.

„Dinu Lipatti“, sage ich deshalb kleinlaut. „Ein Pianist.“

„Ein Pianist?“

Ich nicke.

„Ich glaube, er kam aus Ungarn.“

„Interessierst du dich für klassische Musik?“

Ich schüttele meine Kopf und kann noch immer nicht fassen, was ich mit meiner idiotischen Frage losgetreten habe. 

„Ich habe keine Ahnung von klassischer Musik“, erwidere ich. „Bis auf ein paar Allgemeinplätze.“

„Zum Beispiel?“

„Die Goldbergvariationen von Gould sind große Klasse. Beim Kyrie eleison aus der Matthäuspassion kommen mir die Tränen. So was eben.“

„Die Matthäuspassion von Bach?“

„Genau.“

„Die ist super.“

„Ich kenne nur das Kyrie, den Rest halte ich nie durch.“

„Und was ist jetzt mit deinem ungarischen Komponisten?“

„Dinu Lipatti?“

„Ja.“

„Ich bin mir nicht mal sicher, ob er wirklich Ungar war. Vielleicht war er auch Bulgare.“

„Lipatti klingt eigentlich eher rumänisch.“

„Rumänien, stimmt!“, rufe ich. „Wenn mich nicht alles täuscht, war Lipatti Rumäne.“

„Und er war ein großer Pianist?“

„Der Größte!“, sage ich, ohne den Hauch einer Ahnung zu besitzen. Ich bin nicht ansatzweise in der Lage, die Qualität einer Aufnahme einzuschätzen, stochere völlig im Dunkeln.

„Früher habe ich ab und zu das letzte Konzert von Lipatti gehört. Er spielt Mozart und Franz Schubert und am Ende Chopin und es war sein letztes Konzert. Ein paar Tage danach ist er mit dreiunddreißig Jahren gestorben. Wenn ich mich richtig erinnere, hat man ihn als ein Genie gehandelt. Einen wie Glenn Gould.“

„Woran ist er gestorben?“

„Ein Autounfall? Tuberkulose? Ich kann mich nicht mehr erinnern.“

„Und sein letztes Konzert ist gut?“

„Ich denke schon. Mir zumindest gefällt es. Die Aufnahme klingt nach den Fünfzigerjahren, etwas stumpf, das hat einen ganz eigenen Charme. Vielleicht mag ich sein letztes Konzert auch bloß deshalb, aufgrund der schlechten Tonqualität. Die Musik klingt, als wäre sie aus der Zeit gefallen, als hätte sie keinen richtigen Ort. Die Töne wirken nicht mehr klar, etwas hat sich sozusagen auf ihnen abgelegt. Staub zum Beispiel.“

„Staub?“

Ich zucke mit meinen Schultern.

„Staub, Zeit, etwas, das über die Musik hinausgeht.“

„Ich werde mir das Konzert mal anhören“, sagt Jakob.

„Mach das“, erwidere ich.

* * *

Ich trinke einen Schluck des mittlerweile abgekühlten Kaffees und fühle, wie die warme Flüssigkeit durch meine Speiseröhre in Richtung Magen fließt. Versuche ich mir den Weg vorzustellen, den die Flüssigkeit in völliger Dunkelheit zurücklegt, überfällt mich ein leichtes Gruseln. In den Vorgängen des eigenen Körpers steckt etwas Unheimliches. Man muss nur einige Minuten auf dieses unaufhörliche Tätigsein achten, das sich in kompletter Finsternis vollzieht und auf das wir einen sehr geringen Einfluss besitzen, damit einem schwindlig wird. Milliarden von Zellen, die sich täglich erneuern, absterben und auftauchen, ohne dass wir daran etwas ändern könnten. Haare und Nägel, die wachsen, ob wir das wollen oder nicht. Das unablässig schlagende Herz, es kennt keine Pause. Auch der Atem kennt keine Pause. Man stößt ihn nicht willentlich an, muss sich nicht zum Atemholen zwingen oder überreden. Genauso wenig wie man sich um die verschachtelten Gänge in unseren Körpern kümmern muss, die beharrlich ihre Arbeit verrichten. Verdauungstrakte, Blutbahnen und Nervenfasern, die ohne unser Zutun das Leben möglich machen. Und alles hält aufgrund einer undurchsichtigen Gesetzmäßigkeit zusammen, fällt nicht einfach auseinander oder gibt seinen Geist auf. Heute zumindest noch nicht.

„Vielleicht brauche ich eine andere Stelle“, sagt Jakob.

Ich öffne meine Augen. Noch immer steht der strahlende Himmel über uns und in diesem Himmel ein heller, leuchtender Kreis.

„Eine neue Stelle?“, frage ich.

„Ich halte es in der Bibliothek nicht mehr aus.“

„Was willst du stattdessen machen?“

„Vielleicht eröffne ich ein Café. Bei uns im Dorf gibt es kein Café, aber viele Mütter mit Kindern. Und es gibt einen Kindergarten. Gleich gegenüber könnte man ein Café aufmachen, das wäre eine super Lage, denn die Mütter würden sicher kurz reinschauen, sobald sie ihre Kinder abgegeben oder abgeholt haben.“

„Keine schlechte Idee.“

„Oder ich mache einen Radladen auf.“

„Auch nicht übel.“

Jakob steht auf und läuft unruhig auf dem Brauereiparkplatz herum. Dabei hält er weiterhin den gelben Plastikbecher in der Hand, den ich zur Hälfte mit Kaffee gefüllt habe. Bisher hat er noch keinen Schluck getrunken. Ich habe nicht daran gedacht, Milch oder Zucker einzupacken und glaube mich plötzlich zu erinnern, dass Jakob eigentlich Milch für seinen Kaffee braucht. Aber ich bin auch kein wandelnder Lebensmittelhändler, der für alle Eventualitäten ausgestattet ist.

„Wie gefällt dir eigentlich dein Job bei uns?“, fragt er mich. „Du bist ja mittlerweile seit drei Monaten dabei.“

Er hat sich eine dunkle Sonnenbrille aufgesetzt, die etwas feminin wirkt, wie ich finde. Ich mag es nicht besonders, mich mit Leuten zu unterhalten, die Sonnenbrillen tragen, denn ich weiß nie, ob sie mir in die Augen sehen oder nicht.

„Mir gefällt es ganz gut“, antworte ich. „Eigentlich ist es sehr entspannt.“

„Findest du?“, fragt er entgeistert. „Du findest es entspannt?“

Ich nicke.

„Mit Abstand der entspanntestes Job, den ich jemals hatte.“

Jakob bleibt stehen und schaut mich an. Auf seinem Gesicht liegt ein ungläubiger Ausdruck.

„Nerven dich die anderen nicht?“

„Nicht unbedingt.“

„Aber die sind alle nicht vom Fach.“

„Macht das einen Unterschied? Sie erledigen ihre Arbeit.“

Er schüttelt energisch seinen Kopf.

„Sie erledigen ihre Arbeit, da hast du vielleicht recht. Aber sie erledigen sie umständlich und meist nicht einmal richtig.“

Er schnauft, weil er sich in Rage redet. 

Ich setze meinen Kaffeebecher an und trinke einen weiteren Schluck.

„Als ich vor drei Jahren in die Abteilung kam, habe ich mich sofort unbeliebt gemacht“, setzt Jakob fort.

„Warum?“

„Weil ich, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, direkt gesagt habe, was falsch läuft.“

„Das lieben die Leute“, antworte ich mit einem Lächeln.

Er hält verdutzt inne und sieht mich fragend an.

„Was meinst du?“

„Das ihnen ein neuer Kollege sagt, was sie alles falsch machen und wie es besser geht.“

Der entgeisterte Ausdruck weicht nicht von seinem Gesicht. Für eine Sekunde frage ich mich, ob er eigentlich versteht, was ich ihm zu sagen versuche. 

„Aber hier geht es doch nicht um Befindlichkeiten“, antwortet er, „sondern um die Lösung von Problemen. Ich will lösungsorientiert arbeiten und mich nicht um irgendwelche Gefühle kümmern müssen. Wenn es ein Problem gibt, dann findet man die schnellste, praktikabelste Lösung und macht nicht einen Riesenumweg, nur weil man das eben seit Jahren so tut.“

Ich unterdrücke ein Lächeln.

Bei meinem ersten Job habe ich genauso gedacht, aber das ist schon sieben Jahre her. Obwohl Jakob Anfang vierzig ist und damit älter als ich, setzt ihm seine erste richtige Stelle genauso zu, wie sie das damals bei mir getan hat. Die Arbeitswelt ist nicht zu unterschätzen. In ihr gelten andere Regeln, denen man sich, ob man das will oder nicht, nach und nach anpassen muss. Meist vollzieht sich diese Anpassung unbewusst, schließlich geht es um das eigene Überleben. Man entwickelt eine gewisse Gleichgültigkeit den Abläufen und Spielregeln gegenüber, eine Distanz, die den Wahnsinn erträglich macht. Irgendwann fällt es schwer zu entscheiden, ob in dieser Distanz eine prophylaktische Zurückhaltung liegt oder nichts anderes als willige Resignation, die das Rad am Laufen hält. Das macht die Arbeit zur zweideutigen Grauzone. In den Grauzonen entscheidet sich, wer du tatsächlich bist. Außerhalb der Grauzonen kann jeder große Worte schwingen und so tun, als führte er ein makelloses, ganz integres Leben.

Ich stelle meinen Kaffeebecher auf dem rauen Felsen ab.

„Das ist jetzt meine vierte Stelle“, sage ich. „Ich war immer in Museen und Bibliotheken unterwegs und habe eins gelernt. Probleme lösen zu können, macht nur fünfzig Prozent der eigentlichen Arbeit aus. Vielleicht nicht einmal fünfzig Prozent. Der Rest wird für Befindlichkeiten verwendet. Das kann man als verschwendete Zeit verstehen oder einfach akzeptieren. Die Leute wollen gehört werden, denn jeder denkt, dass er etwas zu sagen hat. Und wenn sie das tun sollen, was du von ihnen möchtest, ist es unter Umständen besser, ihnen gut zuzureden, als ihnen zu erklären, sie machten ihre Arbeit falsch und zwar seit Jahren.“

„Aber sie machen ihre Arbeit doch falsch!“

Ich muss lachen.

„Das ist nicht der Punkt.“

„Sondern?“

„Du leitest ein Team und das besteht aus Menschen mit Meinungen und Ansichten und vielleicht sogar einigen Fähigkeiten. Alles davon kann falsch sein oder zumindest nicht das, was du willst oder brauchst. Am Ende aber wirst du diese Leute nicht los, du musst mit ihnen klar kommen, ansonsten verweigern sie die Arbeit und machen dir das Leben doppelt schwer. Und deshalb wirst du manchmal Umwege gehen müssen, um die Befindlichkeiten dieser Leute zu befriedigen. Am Ende brauchst du sie ganz einfach. Ob du willst oder nicht, du bist auf sie angewiesen, egal wie schlecht sie ihren Job erledigen. Dieser Eiertanz gehört dazu, das ist die Arbeit. Oder du kündigst und verschwindest. Das wäre die andere Alternative.“

Jakob stöhnt wie ein verwundetes Tier. In seinem Stöhnen mischen sich Erschöpfung und Wut.

„Hätte ich doch nur meinen Doktor zu Ende gemacht“, sagt er dann und setzt sich wieder neben mich auf den Felsen. „Oder irgendetwas Sinnvolles.“

Ich erwidere nichts.

„Alle, die ich damals kennengelernt habe, sind mittlerweile ganz woanders. Sie schreiben mir aus Kanada oder Israel. Alle haben ihre Arbeit abgeschlossen und manche sogar richtig Karriere gemacht.“

„Du könntest doch sicher wieder einsteigen, oder? Deine Doktorarbeit einfach fortsetzen?“

„Das ist zu lange her. Und ich bin viel zu lange aus allem raus. Ich habe alle Zelte in der Schweiz und in Amsterdam abgebrochen und bin zurückgezogen zu meinen Eltern.“

Ich nicke.

„Und meine Doktormutter ist schließlich auch nicht mehr da.“

„Sie ist nicht mehr am CERN?“

Jakob schüttelt seinen Kopf.

„Sie ist vor drei Jahren gestorben“, erwidert er. „Damals war sie nur ein wenig älter, als ich heute bin.“

„Verstehe.“

„Ich war sogar auf ihrer Beerdigung. Sie bekam Krebs und das wars. Auf dem Friedhof habe ich zum ersten Mal ihren Mann und die beiden Kinder gesehen. Ein paar Monate später war ich weg.“

„Und jetzt bist du hier“, sage ich.

Jakob gibt ein pfeifendes Geräusch von sich.

„Ja. Jetzt bin ich hier.“

Wir schweigen. Ich weiß nicht, was Jakob hinter seinen dunklen Brillengläsern fokussiert, ich aber nehme ein weiteres Mal die Hügel um uns herum in den Blick. Alles ist voller Leben und für einen Moment spüre ich eine tiefe Dankbarkeit, dieses Leben wahrnehmen zu können und selbst am Leben zu sein. In letzter Zeit taucht hin und wieder diese merkwürdige Dankbarkeit den lebendigen Dingen gegenüber in mir auf, ein Gefühl, das mir anfangs fremd war, mich sogar überraschte. Es muss sich irgendwann in mir gebildet haben wie eine Frucht, die im Sonnenlicht reift. Lange Zeit nimmt man sie kaum war, kann sie vom vielen Grün nicht unterscheiden. Und dann platzt etwas auf und man erkennt die Frucht und wundert sich, warum sie einem nicht schon viel früher aufgefallen ist. 

Ich atme tief ein.

„Manchmal glaube ich, mein Leben ist komplett wirr.“

Ich erwidere nichts.

„Ich führe ein wirres Leben. Ein Leben ohne Richtung.“

„Warum glaubst du das?“

Jakob kratzt sich am Kopf. Dann lässt er seine rechte Hand kraftlos auf den Oberschenkel fallen.

„Ich bin vierundvierzig und wohne bei meinen Eltern. Ich habe meine Doktorarbeit geschmissen und ewig im Laden meines Vaters gearbeitet, bis ich den Job in der Bibliothek bekommen habe. Nicht einmal die Leute in der Bibliothek wollten mich, nur die Direktorin hatte etwas für mich übrig und sich deshalb auch für mich eingesetzt. Alle meine Freunde sind verheiratet. Fast alle haben Kinder und führen ein Familienleben. Sie bauen Häuser und kaufen sich größere Autos und haben darüber hinaus keine Zeit mehr übrig. Und ich hänge allein herum und weiß nicht, was ich eigentlich machen soll.“

Ich verstehe Jakob sehr gut. Doch merkwürdigerweise fällt mir in dieser Sekunde keine passende Antwort ein. Und dann taucht ein eigenartiger Gedanke in mir auf.

Darüber bist du glücklicherweise hinaus.

Ich denke an die Geschichte meines Vermieters aus Ludwigsburg zurück. Es gab da einen, der nicht auf die Füße gefallen ist, sein Leben im luftleeren Raum führen musste, bevor er nicht mehr weiterkam. Es gab da einen, der niemals auf die Füße fiel.

Und es gibt Augenblicke, in denen auch das Mitgefühl versagt. Vielleicht versagt es nicht ganz, aber es findet keine Worte. Doch ein Mitgefühl, das sich nicht äußern kann, ist schrecklich. Es ist, als existierte es nicht.

„Dein Leben ist nicht wirr“, sage ich. Ich ringe mir diese stumpfe Antwort regelrecht ab und weiß sofort, dass in ihr keinerlei Hilfe liegt, vielleicht nicht einmal ein schwacher Trost.

Jakob schweigt.

„Vielleicht brauchst du wirklich einen anderen Job“, sage ich dann. „Oder du gehst auf eine Reise oder so etwas.“

„Wohin soll ich denn reisen?“

„Keine Ahnung. Es gibt doch tausend Möglichkeiten. Wie wär’s mit Teneriffa?“

„Ich halte meinen CO2-Abdruck lieber gering.“

„Dann fahr mit dem Zug. Ins Baltikum zum Beispiel.“

„Ich bin nicht gern mit vielen Leuten im Abteil. Und besonders nicht für mehrere Stunden.“

Ich seufze und spüre, dass ich allmählich das Interesse verliere. Ich eigne mich nicht zum Seelsorger, so viel zumindest steht fest. 

„Kein Zug, kein Flugzeug“, erwidere ich.

„Richtig.“

„Das lässt nicht viele Möglichkeiten offen.“

„Ich könnte mit dem Rad fahren.“

„Hast du dazu Lust?“

Jakob setzt den gelben Plastikbecher an seine Lippen und trinkt einen Schluck. Der Kaffee muss mittlerweile kalt sein.

„Keine Ahnung“, sagt er dann.

Ich schweige und nehme die Hügelkette erneut in den Blick. Es fällt mir leicht, meine rudimentären Geografiekenntnisse abzuschütteln, die Vorstellung einer Landschaft und der in ihr befindlichen Siedlungen und Gewerbegebiete. Es fällt mir leicht, diesen Wald, der auf der Hügelkette wächst, ins Endlose zu erweitern, in ein neues Sibirien zu verwandeln, ein Wald, der unerschlossen zehntausende Kilometer umspannt, niemals ein Ende findet, von keinen Straßen oder Wegen durchschnitten wird. Ein endloser Wald, der nichts Gefährliches besitzt, sondern beruhigend wirkt in seinem eisernen Schweigen. Die Bäume fließen sanft über die Hügel und in die Täler hinein, immer weiter, bis sie an so etwas wie eine natürliche Grenze stoßen. An einen breiten Fluss, einen noch breiteren See. An den Ozean oder das Meer. 

Mittwoch, 13. Oktober

Ich laufe durch den Regen nach Hause. Der Regen fällt seit dem frühen Morgen und hat nur gegen Mittag eine halbe Stunde lang ausgesetzt. Kurz vor sieben, als der Hinterhof noch dunkel lag, konnte man ihn durch das geschlossene Schlafzimmerfenster nicht hören, doch nachdem ich es geöffnet hatte, spülte sein Rauschen alle Geräusche in der Wohnung davon. Mit einem Mal gab es das Klappern der Tassen nicht mehr und auch nicht das Rütteln der Spülmaschine, die K eben angestellt hatte, obwohl das gesamte Haus noch schlief. Alles ging im Regen unter. Selbst die Zimmerlampen nahmen eine andere Färbung an, als hätte der Regen nicht nur Einfluss auf die Dunkelheit im Hof, sondern auch auf das künstliche Licht. Vielleicht sollten wir die Glühbirnen wechseln, dachte ich kurz, vielleicht geben die Glühbirnen bald ihren Geist auf und wir bleiben im Dunkeln zurück. Ich dachte an einen Leuchtturm auf einer Steilküste, dessen Licht ganz plötzlich verlöscht. In einem Moment ist er aus weiter Distanz mit den bloßen Augen noch zu erkennen und in der nächsten Sekunde ist er verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben.

Kurz vor unserer Haustür fällt mir ein Mann auf der anderen Straßenseite auf. Er ist ziemlich groß, etwa sechzig Jahre alt, trägt einen schwarzen, knielangen Mantel und eine graue Wollmütze. Seine Klamotten sind sauber und ordentlich, aber aus der Mode gekommen und ein wenig abgetragen, was ich selbst durch den strömenden Regen hindurch erkenne. Er wird diesen Mantel seit fünfzehn oder zwanzig Jahren tragen und hält ihn doch in aufmerksamer Ordnung. Im Frühling hängt er ihn in den Schrank und holt ihn im Herbst wieder aus demselben Schrank hervor. Wahrscheinlich ist es sein einziger Wintermantel und wäre nicht so einfach zu ersetzen.

Der Mann trägt eine rote Stofftasche und nimmt mich kaum wahr. Er hat seine Hände vor der Brust gefaltet, als versuchte er sie unter seinem Atem zu erwärmen, was mir eigenartig vorkommt, dann aber sieht es wiederum auch so aus, als würde er ein Gebet sprechen, was noch verrückter ist. Ein Gebet, hier, mitten auf der Straße und im strömenden Regen. Als ich an ihm vorbeilaufe, fällt mein Blick auf die rote Stofftasche, die an seiner Schulter baumelt. Lenins Portrait ist in schwarzer Farbe auf den Stoff gedruckt und streckt die rechte Hand zur Faust geballt in die Luft. Lenin sieht weder mich, noch den Mann, noch sonst jemanden an. Er schaut in die Ferne, schaut auf einen Fleck, den niemand außer ihm selbst erkennen kann und überblickt doch scheinbar alles zugleich. Er hält noch immer die Zukunft fest im Blick, das neue Leben, wahrscheinlich sogar den neuen Menschen, auf den schon längst niemand mehr wartet. Das Verfallsdatum des neuen Menschen ist seit längerem abgelaufen. Doch davon ahnt der Mann in seinem alten Wollmantel nichts. Oder er hat es irgendwann einmal geahnt und nun ist es ihm ziemlich egal.

Ich laufe an Lenin vorbei, der mich nicht sieht, dafür aber weiter stoisch in Richtung Zukunft blickt und schließe unsere Haustür auf. In der Wohnung lege ich meine nassen Sachen ab, hänge die triefende Regenjacke an die Garderobe im Flur, ziehe meine Schuhe aus und hole Zeitungspapier unter der Spüle hervor, um sie damit auszustopfen. Im Schlafzimmer steige ich aus meinen Klamotten, zuerst aus den nassen Socken, danach aus der Hose und schließlich dem flaschengrünen Pullover. Meine Zehen sind eiskalt, ich gehe ein paar Schritte über das Parkett, das ebenso kalt ist, stelle dann die Heizung auf eins und schließlich auf eineinhalb. Alles über zwei führt zu tropischer Hitze, als hätte man sich in ein Palmenhaus verirrt. Die Fenster beschlagen, Dampf steigt auf und die Wohnung verwandelt sich innerhalb kürzester Zeit zum Treibhaus, in dem man nur im T-Shirt überleben kann. Das Thermostat auf Stufe drei oder gar vier zu drehen, ist völlig unvorstellbar.

Simon hat während unseres Studiums häufig von Lenin gesprochen, denke ich dann und setze mich an meinen Schreibtisch. Roland hat von Lenin gesprochen, aber das alles ist jetzt fünfzehn Jahre her. Und schon damals habe ich das Gerede kaum ertragen. 

Eine Zukunft, in der niemand auf der Strecke bleiben muss, das ist wunderbar, dafür sollte man vielleicht sogar kämpfen. Allerdings gibt es immer die anderen, die währenddessen auf der Strecke bleiben. Einige haben es vielleicht sogar verdient. Die meisten wahrscheinlich nicht. 

So in etwa hat sich Jakob an einem Herbstnachmittag im Morgenrot ausgedrückt, einem Café in Berlin. 

„Die Geschichte kennt nur Sieger und Verlierer“, sagte er, „das ist natürlich wahr, aber nach einhundert oder zweihundert Jahren kann keiner mehr so genau sagen, wer nun eigentlich gewonnen hat und wer verloren. In den meisten Fällen zumindest.“

Alle am Tisch schwiegen.

Jakobs Theorie hinkte ein wenig, aber auch ich sagte nichts und griff stattdessen nach meiner Kaffeetasse.

Die Bäume auf der Kastanienallee standen im Herbstlaub, die Blätter leuchteten rot, gelb und orange in der Sonne. Unter einem bestimmten Winkel ähnelten die glühenden Blätter manchmal einem Stück Haut, das durchleuchtet wird und feine Adern erkennen lässt. Vielleicht war es Samstag. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es ein Samstag gewesen sein muss.

„Aus der Entfernung“, setzte Jakob fort, „macht man sich darüber natürlich keine Gedanken. Außerdem verliert die Aufteilung in Opfer und Sieger irgendwann einfach an Gewicht.“

„An Gewicht?“, fragte Roland.

„Die Zeit macht alle gleich.“

„So ein Quatsch“, schaltete sich Simon ein. „Es gibt ja wohl einen großen Unterschied, ob du im Lager stirbst oder das Lager bewachst.“

„Auch nach einhundert Jahren?“

„Selbstverständlich.“

„Nach tausend?“

„Warum sollte die Zeit etwas an der Verteilung der Rollen ändern?“

Jakob zuckte mit den Schultern.

„Das tut sie doch ständig“, sagte er.

Ich stellte meine Kaffeetasse wieder auf dem Holztisch ab.

Wir saßen ziemlich allein auf dem Bürgersteig. Die Bewohner des Viertels liefen vor uns durch die Sonne, Frauen, Männer, Kinder, Leute in unserem Alter. Manche begegneten meinem Blick, andere schienen mit sich selbst beschäftigt zu sein. Die Sonne verfing sich manchmal hinter hellen Wolken, die ein starker Wind eilig über den Himmel trieb. Es fehlte nicht viel und sie würde hinter dem Dach des gegenüberliegenden Hauses verschwinden.

Ich trug eine neue schwarze Jacke mit Tartan-Innenfutter und kam mir aus irgendeinem Grund sehr gefährlich vor. Ich hatte sie über das Internet direkt aus England bestellt und eine Menge Geld dafür bezahlt. Ein waschechter britischer Donkey mit Schulterbesatz in Lederoptik, das war schon was. Das rot-grüne Karomuster des Futters erinnerte mich an die zahllosen Nazischläger, die in meiner Jugend Thüringen unsicher gemacht hatten und vor denen ich mit meinen Freunden ständig auf der Flucht gewesen war. Mittlerweile arbeiteten die meisten von ihnen bei der Polizei oder auf dem Bau, aber damals hatte es kaum ein Wochenende gegeben, an dem sie in der Innenstadt nicht Jagd auf Linke oder Ausländer gemacht hatten. 

Zufälligerweise erinnerte ich mich im Café an ein Wort aus dieser Zeit. Die Mädchen der Hooligans trugen kahlgeschorene Schädel, wobei sie sich eine Art Pony mit langen Schläfenlocken stehen ließen, was in Nazikreisen wohl der letzte Schrei in Sachen Frisuren um Zweitausend herum gewesen sein muss. Wenn ich mich richtig erinnerte, nannten meine Freunde diese Mädchen weenies.

„Warum hießen die Hooliganmädchen eigentlich weenies?“, fragte ich.

Alle am Tisch sahen mich an.

„Wie kommst du jetzt ausgerechnet darauf?“, fragte Simon.

„Ist mir gerade so eingefallen.“

„Also wir versuchen hier eine wichtige geschichtsphilosophische Debatte zu führen“, sagte Roland mit einem Lächeln, „und dann kommst du mit einer Frage zum Glossar. Das ist ja wohl nicht zu fassen.“

„Aber die Mädchen hießen doch weenies, oder etwa nicht?“

„Kann schon sein“, sagte Simon.

„Und warum?“, fragte ich.

Keiner antwortete.

„Das macht wahrscheinlich auch der zeitliche Abstand“, sagte ich. „Das große Vergessen.“

Wir schwiegen uns an.

„Jedenfalls“, schob sich Jakob nach einer Pause zurück ins Gespräch, „möchte ich eigentlich bloß festhalten, dass die Geschichte eine riesige, monumentale Grauzone ist und viel weniger eindeutig, als wir immer denken. Oder man es uns beigebracht hat.“

„Das ist ja wohl unstrittig“, sagte Roland.

„Ist es das?“

„Ich denke schon.“

„Lenin zum Beispiel“, setzte Jakob fort. „Man kann sagen, was man will, aber ob man Lenin nun zu den Bösen oder den Guten rechnen soll, ist ja wohl nicht mehr eindeutig festzustellen.“

„Was soll das denn heißen?“, fragte Simon.

„Man kann Lenin als Vorreiter und Revolutionär betrachten“, erklärte Jakob, „der die kommunistische Utopie versuchte Wirklichkeit werden zu lassen, um den ausgebeuteten Massen des Hochkapitalismus so etwas wie ein Leben zurückzugeben. Ein Leben, das es für sie doch längst nicht mehr gab. Oder man sieht in ihm den Wegbereiter Stalins und was Stalin mit dem Staat angefangen hat, den er übernahm, ist ja bekannt. Das Gulag.“

„Du kannst Lenin ja wohl kaum für Stalins Unternehmungen verantwortlich machen“, entgegnete Simon.

„Ohne Lenin hätte Stalin niemals jene Mittel für seine Terrorherrschaft vorgefunden. Einen funktionierenden Staat und eine übereifrige Bürokratie. Die brauchte es ja für das Netz der Lager. Ohne Lenin also kein Gulag.“

„Wieso sollte das zusammenpassen?“

„Weil es Ursache und Wirkung gibt. In der Geschichte greift alles ineinander.“

„Aber Lenin hat doch selbst vor Stalin gewarnt“, warf Roland ein.

„Das ist egal.“

„Egal?“

„Ich will eigentlich auch nur sagen“, lenkte Jakob ein, der sich auf dünnem Eis bewegte, „dass heute jeder mit Lenin machen kann, was er will. Trotz Lenins Schriften, der Geschichtsschreibung und den hunderttausend Regalmetern, die über die russische Revolution geschrieben worden sind. Es gibt keinen objektiven Lenin mehr. Es gibt nicht einmal mehr den Menschen Lenin, das heißt, die Erinnerung an einen ganz konkreten Menschen, der in einem plombierten Zugabteil nach Zürich ins Exil gefahren ist. Dieser konkrete Mensch ist nicht einfach nur verschwunden, weil er am einundzwanzigsten Januar Neunzehnhundertvierundzwanzig gestorben ist, sondern weil die Zeit, beziehungsweise der Abstand von knapp einem Jahrhundert, ihn gelöscht hat. Neunzehnhundertdreißig hat es diesen konkreten Menschen noch gegeben, aber heute, im Jahr Zweitausendundsechs, gibt es ihn nicht mehr. Es gab ihn sozusagen nie. Natürlich nur von unserem heutigen Standpunkt aus. Lenins objektive Wahrheit hat sich in Luft aufgelöst. Er ist nur noch eine Variable in einer Gleichung. Eine Art Fiktion.“

Ich atmete erschöpft aus, wobei es wie ein Seufzen klang.

„Alles in Ordnung, Genosse?“, fragte Roland mit seinem Lächeln.

Ich nickte, ohne ein Wort zu erwidern.

Die anderen nahmen die Unterhaltung bald wieder auf, aber ich hörte nicht mehr zu. Normalerweise überfiel mich in solchen Gesprächen häufig der Drang, mitzuhalten, mitzudiskutieren und damit nervös unter Beweis zu stellen, dass ich verstand, worum es ging, dass ich kluge, eigene Gedanken hatte und mich eloquent erklären konnte. Doch an diesem Nachmittag hatte ich darauf einfach keine Lust. 

Stattdessen beobachtete ich die Straße und die Menschen, die an uns vorbeiliefen, ohne auf eines unserer Worte zu achten. Unsere Worte waren überflüssig. Sie waren flüchtig, sie waren weder wahr noch falsch, sie waren so etwas wie der Rauch einer Kerze, die nach einer Party ausgeblasen wird. 

Statt aufzustehen und etwas zu erleben, sprachen wir über einen toten Russen in einem ebenso toten Staat. Vor uns spazierte das Leben auf und ab, das Leben in all seiner unwahrscheinlichen Pracht, die sich auf die Entfaltung einer Möglichkeit gründete. 

Aufstehen, sagte ich mir, ein Mädchen anhalten, ihre Hand nehmen, ohne ein Wort zu sagen. Das Verständnis kommt ohne Worte aus. Mein Blick und diese Berührung genügen.

Doch ich blieb sitzen, während die anderen ein neues Thema fanden und über ihre Seminare und Vorlesungen zu sprechen begannen. Plötzlich sehnte ich mich zurück in mein Zimmer im Wedding, das nachts von einer Maus heimgesucht wurde. Ich hatte eindeutige Spuren gefunden, aber es nicht über das Herz gebracht, die frisch gekauften Mausefallen länger als eine Nacht aufzustellen. Roland sprach bereits von einem Kammerjäger, aber ich sah nur diese Maus, die über eines der Heizungsrohre schlich. Ein winziger Körper, dessen Gewicht man wahrscheinlich kaum in der eigenen Hand spüren würde. Eine namenlose Maus, die durch unsere Wohnungen schlich.

Ein Windstoß spülte einen Plastikbecher klappernd über das Pflaster und schreckte mich auf. 

Zurück zur Gemeinschaft der Mäuse, dachte ich dann und suchte in meiner Hosentasche nach Geld, um mich nach einem der Kellner umzusehen.

Sonntag, 10. Oktober

Es ist kurz vor elf. Es ist Sonntag, ein Sonntag im Oktober. Jemand zieht eine Wohnungstür hinter sich ins Schloss und läuft durch das Treppenhaus, von dem mich unsere Schlafzimmerwand trennt. Es hört sich nach eiligen Schritten an, vielleicht hat derjenige, der gerade die Treppen nach unten läuft, eine Verabredung und wird sich verspäten. Ich halte die Fenster geschlossen, denn draußen ist es kalt, obwohl die Sonne in den Hinterhof fällt. Die Sonne verliert mit jedem Tag an Kraft, wir haben die zweite Hälfte des Jahres längst erreicht und auf der Südhalbkugel beginnt wahrscheinlich gerade der Sommer. Über den Sommer auf der Südhalbkugel mache ich mir selten Gedanken, er fällt mir nur dann ein, sobald ich zufällig um Weihnachten herum auf australische Weihnachtsmänner im Fernsehprogramm stoße, die am Strand eine Party feiern, eiskaltes Bier trinken und dicke Rindersteaks grillen. Merkwürdigerweise sind im Hintergrund der Aufnahmen immer Surfer zu erkennen, die von den Wellen des Pazifiks in Richtung Strand getragen werden. Aus der Entfernung sieht es so aus, als spülte die Brandung Strandgut in Richtung Küste, besonders dann, wenn es die Surfer von ihren Brettern hebt. Große Bündel unzerstörbarem Plastiks, die von der Gischt an Land getragen werden.

Das Licht, das von der Sonne ausgeht, erreicht die Erde nach knapp achteinhalb Minuten. Wir laufen durch verspätete Sonnenstrahlen, zwischen dem Entstehen der Strahlen und ihrer Ankunft bei uns liegt eine fast zehnminütige Trennung, eine sehr präzise und glückliche Trennung, die das Leben möglich macht. Die Erde dreht sich um ihre Achse, dadurch entstehen Tag und Nacht. Ihre Neigung ist einer der Gründe für den Wechsel der Jahreszeiten. Das alles ist eigentlich gar nicht so kompliziert, aber ich brauche doch immer ein paar Bilder und einfache Erklärungen, um wirklich zu verstehen, warum der Himmel blau ist, die Erde geneigt und es die Jahreszeiten und nicht einfach nur einen permanenten, niemals endenden Sommer oder Winter gibt.

Ich stehe vom Schreibtisch auf und laufe in die Küche, leere den Filter des Espressokochers in den Mülleimer aus und setze neuen Kaffee auf. Dabei fällt mein Blick auf meine Uhr. Es ist halb zwölf. Ich halte meine kalten Hände über das rot glühende Kochfeld auf dem Herd. In der Mitte des leuchtenden Kreises steht der Espressokocher und blubbert leise vor sich hin und ich fühle mich, als würde ich meine Finger über einer brennenden Tonne unter einer Brücke wärmen, während über mir der Verkehr einer namenlosen Stadt in verschiedene Richtungen tobt. Ich höre auf die Geräusche der Fahrzeuge und versuche zu erraten, wie das Ziel aussieht, auf das sie sich zubewegen. Und plötzlich kommt mir der Gedanke, dass am Ende alle Ziele vielleicht nichts weiter sind als unser geheimer Wunsch, es müsse diese Ziele unbedingt geben. Ohne diese Ziele ergäben weder der Verkehr, noch die Stadt oder unser Leben einen Sinn. 

Zurück am Schreibtisch mache ich eine einfache Übung und zähle die verstreichenden Sekunden. Ich komme bis achtunddreißig, dann schweifen meine Gedanken ab und ich schaue nach rechts in den Hinterhof. Eine junge Frau hängt auf einem der gegenüberliegenden Balkone frisch gewaschene Wäsche in das milde Licht. Sie hängt diese Wäsche in Strahlen mit zehnminütiger Verspätung und diese Verspätung macht keinerlei Unterschied. Sie sollte einen Unterschied machen, denke ich, jede Verspätung macht schließlich einen Unterschied, meist wirkt sie sich in irgendeiner Form negativ für uns aus und verlängert das Warten. In diesem Augenblick aber schlägt sich die Verspätung auf unsere Seite und wenn nicht auf unsere Seite so doch zumindest auf die Seite dieser jungen Frau auf dem Balkon, die gerade ihre Wäsche mit ruhigen, wie einstudiert wirkenden Bewegungen auf die Leinen hängt, als vollführte sie dort oben im vierten Stock einen selbstvergessenen Tanz, der sich an niemanden richtet. Und während sie das tut, wende ich mich wieder zurück in Richtung Schreibtisch und denke an die Sekunden, die ich zu zählen versuche. Doch das Ergebnis will mir einfach nicht mehr einfallen und deshalb lehne ich mich zurück, spüre die langsam in meine Finger zurückkehrende Kälte und beginne von vorn. Achteinhalb Minuten ergeben knapp fünfhundert Sekunden und ich fange bei eins an und zähle hinauf, schaue zurück in Richtung Balkon und auch die Frau steht weiterhin da und hängt die Wäsche ungerührt ins Licht, eine Flut an Wäsche, die vielleicht niemals ein Ende nimmt, wie ich mir sage, die unerschöpflich bleibt. 

Mittwoch, 6. Oktober

Jetzt hält sich die Dunkelheit am Morgen wieder eine ganze Zeit vor unseren Fenstern auf, als umklammerte sie die Äste der Birke und der Buche. Nach einigen Minuten geht das Schwarz in ein tiefes Blau über, ein Blau, hinter dem eine zweite, violette Ebene vibriert. Die Dunkelheit verliert zunächst an Kraft und dann an Tiefe, die Flanken der Gebäude zeichnen sich ab, die Balkone am gegenüberliegenden Haus tauchen aus der Finsternis auf und kurz danach zerfällt die Nacht in einen grauen Bereich, der den Tag ankündigt, selbst aber nichts mit ihm zu tun hat. Das Grau weist bloß auf etwas hin und noch bevor die ersten Rollläden laut in ihre Kästen hinauf gezogen werden und ich aus unserem Bett steige, sieht es draußen für einige Sekunden danach aus, als könnte sich eine Umkehr ereignen, als würde nicht besonders viel fehlen, um den gewohnten Ablauf der Ereignisse in sein Gegenteil zu verkehren. Dann zöge sich der Tag zurück und die Nacht kehrte wieder in den Hof, breitete ihr Indigo über uns wie eine weite, ziemlich schwere Schleppe aus. Die Erde würde sich in die entgegengesetzte Richtung drehen, die Zeit ihre Form und das Alltägliche seine mehr oder weniger verbindliche Macht einbüßen. Alles kehrte so um, kehrte zum Ausgang zurück.

* * *

Wir nehmen Platz und warten auf einen Kellner. Aus den Lautsprechern des Restaurants dringt etwas, das an traditionelle mexikanische Musik erinnern soll. Wir sitzen zu sechst an einer langen Tafel mit aufgemalten Kacheln unter Wachstuch und schweigen uns an. Eine jüngere Frau, die nicht zu unserer Abteilung gehört, sitzt mir gegenüber. Wir versuchen beide, am jeweils anderen vorbeizusehen.

Ich schaue über die Köpfe meiner Kollegen hinweg nach draußen auf ein graues Bürogebäude mit runden Fenstern. Es wirkt genauso grau wie dieser verregnete Tag. Die Menschen sind mit Schirmen unterwegs, die ersten haben bereits Mützen auf und tragen dickere Jacken. Auf dem Weg zum Restaurant hätte mich vor einer Kreuzung ein Streifenwagen fast über den Haufen gefahren. Der Polizist am Steuer hielt erschreckt die Hände in die Höhe und entschuldigte sich nervös, was mir aus irgendeinem Grund wie das verfrühte Eingeständnis seiner Schuld erschien, die noch nicht zweifelsfrei bewiesen war.

Während ich an das Gesicht des Polizisten denke, schweigen sich meine Kollegen hartnäckig an. Früher hätte mich ein solches Schweigen, dem das plötzliche Bewusstsein für die Künstlichkeit einer Gemeinschaft zugrunde liegt, die sich zufällig an einem Arbeitsplatz gebildet hat, unruhig auf meinem Stuhl vor und zurück rutschen lassen. Allerdings macht mir das mittlerweile nichts mehr aus.

An diesem Tisch verbindet mich mit niemandem etwas, denke ich. Zumindest nichts, was in die Tiefe geht. 

Wir interessieren uns wahrscheinlich für ähnliche Themen, wir mögen sogar ein paar Sachen gemeinsam haben. Doch sobald ich meine Unruhe ansprechen würde und den Wunsch, in dieser Sekunde an einem völlig anderen Ort zu sein, etwas ganz anderes zu tun, vielleicht zu schreiben, vielleicht alles zu vergessen, sähe die Geschichte anders aus.

Würde ich schon morgen keinem der anderen mehr begegnen, wäre das weder schmerzhaft noch traurig. Es machte mir ganz einfach nichts aus.

Ich bin mir sicher, dass in diesem Gedanken etwas Unverhältnismäßiges liegt.

Dabei sind mir die anderen sogar einigermaßen sympathisch.

* * *

In einem Roman, der ich gerade lese, stehen plötzlich zwei Monde am Himmel.

„Zwei Monde“, sage ich zu K, „das ist doch nicht zu fassen.“

„Das würde ich auch gerne sehen“, antwortet sie. „Zwei Monde in der Nacht sind doch sicher sehr schön.“

„Das kommt darauf an.“

„Worauf denn?“

„Ob der zweite Mond am Ende wirklich schön ist. Er könnte ja zum Beispiel auch giftgrün und winzig sein.“

„Du gehst immer vom Schlechten aus. Das liegt daran, dass du ein Pessimist bist.“

„Es macht doch keinen Sinn, zwei mal den gleichen Mond am Himmel zu haben. Nebeneinander meine ich.“

„Ich fände das nicht schlecht.“

„Ich habe lieber einen Mond als zwei mal den gleichen.“

„Weil du ein Pessimist bist.“

„Das hat doch damit nichts zu tun.“

„Du möchtest einfach keine Veränderung.“

„Da wäre ich mir nicht so sicher.“

K schaut mich herausfordernd an.

Ich möchte eigentlich alles, aber das spreche ich nicht aus. Ich möchte die Veränderung, das Grenzenlose, ich lehne den Kompromiss und das Zufriedensein ab. Warum, habe ich nie verstanden und mit den Jahren auch nur ansatzweise entschlüsseln können. In manchen Augenblicken würde ich mich gern auf die Seite der Verbrecher schlagen, einer sein wie Jean Genet, aber dazu tauge ich natürlich nicht. Meine Konstitution entspricht noch immer der eines durchschnittlichen mitteleuropäischen Studenten, obwohl ich in den Tropen gewesen bin und über den Äquator hinaus. Das teile ich mit Roberto Bolaño, der bis zu seinem Tod nicht sagen konnte, ob er das Schriftstellerdasein lieber mit dem Leben eines Kommissars oder Verbrechers vertauscht haben würde.

* * *

Es gab eine Zeit, in der eine gemeinsam mit Kollegen verbrachte Mittagspause das Gegenteil des Lebens war. Im Leben musste alles echt sein, es durfte keine Lüge geben, keine Verstellung, kein aufgesetztes Lächeln. Ein erzwungenes Gespräch erstickte das Leben, das Leben konnte in der Lüge nicht existieren. Aber das Leben ließ sich in beide Richtungen verlernen. Sowohl in Richtung der Kompromisse, was stets zur Abkehr vom Authentischen führte, als auch in Richtung der eigenen Engstirnigkeit. Die eigene Engstirnigkeit brachte das Leben zum Stocken, es trocknete das Leben aus wie anhaltende Dürre einen Bach. Die Engstirnigkeit nahm dem Leben die Luft.

* * *

Nur die Augen der jungen Frau sind zu erkennen, da eine blaue OP-Maske den Großteil ihres Gesichts verdeckt. Ihre dunkelbraunen Augen sind auf mich gerichtet. Sie blickt mich fragend an.

Ich bestelle etwas mit Reis und Hühnchen und dazu einen Zitroneneistee und weiß im selben Augenblick, dass ich überhaupt nichts davon haben will.

Zitroneneistee, fluche ich innerlich, so was habe ich zuletzt mit fünfzehn getrunken.

Die anderen am Tisch bestellen hausgemachte Limonade und unterhalten sich über die Schwierigkeit, Säure und Süße bei einer selbst hergestellten Limonade ins Gleichgewicht zu bringen. Ich sehe staunend die Gesichter in der Runde an und kann nicht glauben, dass alle etwas zu dieser kniffligen Angelegenheit beizutragen haben. Offensichtlich hat hier jeder schon einmal hausgemachte Limonade hergestellt.

Die junge Frau, die mir gegenübersitzt, beginnt vom neuen James-Bond-Film zu erzählen, den sie sich bald im Original ansehen möchte, denn schließlich sei es Daniel Craigs letzter Film der Reihe. Meine James-Bond-Kenntnisse sind mit Pierce Brosnan eingeschlafen, aber das verschweige ich lieber, denn in kürzester Zeit entspinnt sich eine wirklich ausufernde Unterhaltung über das ausgeklügelte Verhältnis von Actionszenen und übriger Handlung, die mich stark an die Limonadendiskussion erinnert.

Ich schalte ab, versuche mich auf die mexikanische Folklore zu konzentrieren, die noch immer aus den Lautsprechern schallt und denke plötzlich an die beiden Labradorwelpen in Mexico City. Sie hießen Bonny und Clyde, waren noch ganz jung und wuselten in der Wohnung von Eli und Maria ständig um uns herum. 

Eli war für Maria aus New York in die mexikanische Hauptstadt gezogen und wollte mich partout nicht verstehen, als ich von unserer Autofahrt durch das verregnete Death Valley sprach. Im Januar waren die Temperaturen auch dort erträglich. Die Salzseen hinter dem Rainbow Canyon leuchteten wie Schneefelder unter einem bleischweren Himmel, der ebenso wenig eine Grenze fand wie die Landschaft, die sich vor uns ausbreitete.

Wo wir gewesen seien, fragte mich Eli.

Im Death Valley, antwortete ich.

Im was?

Im Death Valley, wiederholte ich und versuchte die beiden Worte so präzise wie möglich auszusprechen.

Das musst du mir buchstabieren, sagte er.

Du nimmst mich auf den Arm, dachte ich, begann aber trotzdem die Buchstaben aneinanderzureihen.

„Ah, you mean Death Valley!“, rief er mit einem Mal.

„That’s what I said“, antwortete ich perplex.

Meiner Meinung nach unterschied sich meine Aussprache in keiner Weise von seiner Version.

Eli, der eine Baseballmütze der New York Yankees aus schwarzem Leder trug, hatte das Death Valley nie gesehen. Fast sein gesamtes Leben hatte er an der Ostküste der USA verbracht.

Mexiko reicht mir, sagte er. Ich brauche das Death Valley nicht unbedingt. 

Ich nickte, als würde ich verstehen, was er damit sagen wollte und hakte nicht weiter nach.

* * *

Am Abend schiebe ich K auf ihrem Longboard am Fluss entlang. Sie steht auf dem Brett, das ich ihr zum Geburtstag geschenkt habe und lässt sich von mir im Schritttempo über den Asphalt schieben.

„Ich habe wieder angefangen, Tagebuch zu schreiben“, sagt sie.

„Das ist gut“, antworte ich.

„Aber ich schreibe nicht viel. Nur ein paar Zeilen.“

„Trotzdem gut.“

„Ich denke auch.“

Sie lenkt auf dem Brett nach rechts und wir weichen einem Schlagloch aus.

Mir fällt etwas ein.

„Hast du nicht im Januar oder Februar schon Tagebuch geschrieben?“

Sie nickt.

„Ich bin mein Notizheft heute durchgegangen und schon im März hören meine Einträge wieder auf.“

„Und warum?“

„Weil ich plötzlich nur noch über die Arbeit geschrieben habe.“

„Verstehe.“

K macht sich von mir los, schiebt mit einem Bein ihr Longboard an und nimmt eine Reihe von kleinen Bodenwellen mit Schwung. Am Rand des asphaltierten Wegs wächst eine alte Linde und die Wurzeln der Linde haben den Weg aufgeworfen und eine Abfolge von asphaltierten Wellen hervorgebracht.

Während K davon fährt und geschickt die Wellen nimmt, sammeln sich über uns Hunderte von Vögeln in einem Hochspannungsmast. Sobald der Wind für einen Moment aussetzt und das Rauschen des Laubs unter der Linde verstummt, höre ich ihr aufgeregtes Geschrei, das mit den stetig kürzer werdenden Tagen in Verbindung steht.

Die Vögel bereiten sich auf ihre Abreise vor, sage ich mir. Sie werden unruhig und rastlos, es zieht sie unaufhaltsam von ihren Sommerplätzen weg in Richtung Süden. 

Ich frage mich, ob sie etwas Genaues vor Auge haben, das über den blinden Instinkt des Verschwindens hinaus geht.

Vielleicht ahnen sie etwas, doch der Ort bleibt in Nebel gehüllt. Er bleibt ein ungefähres Gebiet.

Freitag, 1. Oktober

Vor uns liegt ein Weg, den ich viele Male vom Zugfenster aus gesehen habe. Damals fuhr der Zug von Berlin nach Potsdam und der Weg lag unsichtbar hinter hohen Kiefern versteckt. Nur an einigen Streckenabschnitten tauchte er unvermittelt auf, zog sich aber in der nächsten Sekunde wieder hinter die schlanken Kiefernstämme zurück. Der Boden war sandig und voller Nadeln und das Gleis führte schnurgerade durch diesen Wald, als hätte man die Strecke mit Lineal und Bleistift auf einem Blatt Papier gezogen und sich über die Ausformungen der Landschaft keine größeren Gedanken gemacht. Vielleicht tauchte der Kiefernwald sogar erst später in den Überlegungen der Planer als Umstand höherer Ordnung auf, als riesiger, merkwürdiger Zufall. 

Der Teil des Landes, in dem wir uns befinden, ist ein anderer, ansonsten aber wirkt alles gleich. Es fiele nicht schwer, diese Landschaft mit der anderen zu verwechseln und umgekehrt, was kein geringer Vorteil ist. Somit besteht noch immer die Möglichkeit, dem unsichtbaren Weg hinter den Kiefern zu folgen, als würde ich weiterhin unter der Woche mit einem Regionalexpress von Berlin nach Potsdam fahren, als lägen all die Jahre nicht zwischen mir und diesem Pfad. Der Wald und die Wege ähneln sich und diese Ähnlichkeit, sage ich mir, stellt einen Zugang dar, eine Durchfahrt beispielsweise, hinter der sich nicht mehr zweifelsfrei sagen lässt, auf welchem Weg man sich nun eigentlich befindet. Hier und Dort haben ihren Inhalt getauscht.

* * *

„Jedenfalls“, sage ich zu K, die nach unserer Wanderung mit rotem Gesicht neben mir steht und ziemlich aus der Puste gekommen ist, „habe ich diesen Waldweg immer nur vom Zug aus gesehen und mir vorgestellt, wie schön es wäre, mit jemandem zwischen den Kiefern unterwegs zu sein.“

„Ach ja?“, antwortet sie, stemmt die Hände in ihre Hüfte und atmet tief durch.

Ich nicke.

„Aber ich bin nie ausgestiegen. In der Nähe gibt es auch keinen Bahnhof.“

„Aha.“

„Man müsste wahrscheinlich vom Wannsee aus loslaufen“, überlege ich und versuche in mir erfolglos eine topographische Karte der Region wachzurufen, „und dann würde man sicher ganz automatisch auf diesen Weg stoßen.“

Wir sehen uns um. 

Die Kiefern stehen stumm in greifbarer Nähe, kein Wind rüttelt sie aus ihrem Schlaf. Sie lassen die Köpfe zwar nicht wie Trauerweiden sinken, scheinen aber alles darauf anzulegen. Der Wald wirkt ein wenig melancholisch, selbst im Sonnenlicht. Vielleicht liegt das an der Kälte der Luft, die den nahenden Herbst ankündigt. Ein schwacher Geruch von mit Kiefernnadeln vermischtem Sand macht sich noch immer bemerkbar, aber er besitzt nicht mehr jene Intensität, die eine kräftige Sonne im Hochsommer entstehen lässt.

„Kannst du noch?“, frage ich.

„Noch ein bisschen“, antwortet K.

* * *

Wir folgen dem Weg für eine halbe Stunde. Die Kiefern stehen nicht besonders dicht, man kann weit in den Wald hinein sehen, doch irgendwann ist auch hier Schluss und die Bäume verstellen mir die Sicht auf das, was hinter ihnen liegt. Ich muss mir den Hintergrund dazudenken, den Himmel, einen Fluss, ein paar Felder, alles sehr flach, ein unfassbar flaches und altes Gebiet und davor ein Netz aus Kiefernstämmen in sehr gleichmäßigem Abstand, die mir die Sicht auf diesen Hintergrund versperren.

Es ist noch etwas kühler geworden. 

Im Wald ist es immer kühler, sage ich mir, selbst in einem Kiefernwald, in dem die Bäume voneinander Abstand nehmen. Wahrscheinlich stellt die Kiefer im Reich der Nadelbäume eine Ausnahme dar. Sie lässt die Gemeinschaft zwar zu, kümmert sich aber auch nicht besonders um sie. Sie ist ein wenig eigenbrötlerisch, hegt eine gewisse Abneigung gegen alles, was ihr zu nahe tritt. In gewisser Weise, kann ich sie gut verstehen. Vielleicht aber liege ich mit meiner naturkundlichen Interpretation auch völlig falsch.

Wir erreichen eine Kreuzung, an der sich der Waldweg in zwei unterschiedliche Pfade teilt. Einer führt direkt in den Wald, der andere führt weiter parallel an den Bahngleisen entlang. Es gibt kein auf Wanderer ausgelegtes Schild mit den Namen von Dörfern, Sehenswürdigkeiten und Distanzangaben, so dass ich erstmal nicht weiterweiß.

„Sollen wir den Schienen folgen?“, frage ich.

K mustert beide Wege intensiv, ohne etwas zu erwidern. Ich kann nicht sagen, wonach sie Ausschau hält, um zu einer Entscheidung zu gelangen. Für mich sehen beide Wege ziemlich gleich aus. Es geht nur darum, einen Abzweig zu nehmen oder dieser Strecke weiter zu folgen, wie wir es seit einer halben Stunden tun.

„Lass uns abbiegen“, sagt sie schließlich.

„Bist du sicher?“

„Warum fragst du mich, wenn du weiter geradeaus willst?“

„Das war eher eine rhetorische Frage. Nur um sicher zu gehen.“

„Abbiegen“, sagt K kategorisch.

„Alles klar. Dann los.“

* * *

Auf diese Weise geht dein lange gehegter Traum in Erfüllung, sage ich mir. Die Kiefern umgeben uns, sie wachsen vor uns und hinter uns, links und rechts neben dem Weg. Ihre Wipfel stehen über unseren Köpfen und zwischen ihnen ist der irritierend blaue Himmel zu sehen. Ein Himmel, der sich zurückgezogen hat und von uns nicht unbedingt etwas wissen will. Ein Himmel, der gut ohne uns auskommen könnte, der sich für unsere Belange kaum interessiert.

Mit einem Mal halte ich an.

„Hast du das gehört?“, frage ich K.

„Ich glaube schon.“

„Was war das?“

„Irgendein Tier, nehme ich an“, sagt sie unsicher.

Hinter den Kiefern ist nichts zu erkennen, der Waldabschnitt liegt ruhig und ein größeres Tier, ein Wildschwein oder so etwas, würde mir mit Sicherheit sofort auffallen.

Wir laufen weiter, der Weg beschreibt eine sanfte Kurve.

„Sieh mal“, sagt K.

Mitten auf dem Weg, etwa einhundert Meter von uns entfernt, sitzen drei schwarze Saatkrähen und rupfen an etwas herum. Die Vögel haben uns bemerkt, halten in ihren Bewegungen inne und recken ihre Schnäbel in die Luft, als versuchten sie zu wittern, ob von uns Gefahr ausginge oder nicht.

„Zwielichtige Krähen“, sage ich und setze mich in Bewegung.

Die Vögel scheinen hin- und hergerissen. Unser Näherkommen versetzt sie in nervöse, ruckartige Bewegungen, die mit jedem unserer Schritte panischer werden. Sie können sich ganz offensichtlich nur schwer entscheiden, ob es hier um Flucht oder um die gnadenlose Verteidigung ihrer Beute geht.

Am Ende allerdings überwiegt ihr Instinkt und die schwarzen Vögel erheben sich unter ärgerlichem Gekrächze in die Luft. Sie schlagen schnell und wild mit den Flügeln und ihre Stimmen klingen so, als würden sie uns verfluchen.

Wir treten näher.

Vor meinen Füßen liegt eine weiße Plastiktüte und in dieser Tüte ist alles voller Abfall, zerbrochene Eierschalen, Kaffeereste, das Kerngehäuse einer Paprika, Bananenschalen. Das Ganze sieht nach sehr gewöhnlichem Hausmüll aus. Aber ausgerechnet hier? Mitten im Wald?

„Für die Krähen war das offensichtlich ein Fest“, sagt K.

„Wer wirft seinen Hausmüll einfach so in den Wald?“

„Und noch dazu mitten auf den Weg.“

„Genau.“

„Vielleicht hat jemand die Tüte verloren.“

„Und wer fährt mit einer Mülltüte durch den Wald?“

Ich zucke mit den Schultern.

„Vielleicht gibt es hier irgendwo einen Abfallhof oder so etwas.“

„Kann schon sein.“

Ich starre auf die Überreste eines fremden Haushalts und fremder Menschen, während über unseren Köpfen weiterhin die Saatkrähen kreisen. An ihrer Stelle würde ich uns wahrscheinlich genauso wenig aus den Augen lassen. Eigenartigerweise kommt es mir irgendwann so vor, als hätte ich nicht bloß den Müll einiger unbekannter Menschen vor Augen, sondern eine Art Zeichen. Ein Signal, das eine weite Strecke überwunden hat, Rauch am Ende einer Hügelkette, kleine graue Wolken, die besagen, dieser Landstrich sei bewohnt, es gebe noch andere Leute in der Nähe, andere Menschen, die ihre Zeit mit der Zubereitung eines Mittagessens und dem Kochen von Kaffee verbringen. Der Geruch der Kiefernnadeln dringt zu mir, für einen Augenblick glaube ich, eine Spur des Kaffeesatzes darin wahrzunehmen, aber vielleicht bilde ich mir das auch ein.

Und dann frage ich mich, auf welche Weise wir den anderen ein Zeichen unserer Anwesenheit zukommen lassen könnten. Wir sind ja auch hier. Wir sind auch in diesem Wald.

* * *

Ich bin mir nicht sicher, was mit meinem Roman noch geschieht. Wird er gelesen? Ich nehme es nicht an. Um ehrlich zu sein, denke ich aber auch nicht ständig darüber nach. Manchmal werfe ich mir vor, mir dürfe es nicht gleichgültig sein, ob dieser Roman nun gelesen werde oder nicht, aber das passiert nur in kurzen, unbedeutenden Momenten. Ich sehe zum Beispiel auf den vertrauten Birkenstamm im Hof, folge der schwarzweißen Musterung und denke, was wird jetzt aus diesem Roman und wie geht alles weiter? Ist das Kapitel abgeschlossen? Was machst du jetzt?

Natürlich weiß ich sehr genau, dass für mich in dieser Angelegenheit keine Wahl existiert. Selbstverständlich mache ich weiter, ich mache weiter wie all die Jahre zuvor, arbeite weiter, schreibe weiter, verteile die Zeit, sitze am Schreibtisch, tippe auf meinem Rechner herum, es werden Bücher entstehen, da bin ich mir sicher, das Jahr der Fahnen entsteht ja schließlich auch, und während ich nur für mich schreibe, denn am Ende findet das Schreiben ja doch und entgegen aller Behauptung der Experten im Geheimen statt, während ich also schreibe, denke ich, ich möchte ein gutes Buch schreiben, irgendwann, ein wirkliches, echtes, gutes Buch. Das ist nicht zu viel verlangt, das muss doch möglich sein.

Obwohl meine Freunde und besonders K anderer Meinung sind, fühle ich mich nicht, als hätte ich etwas erreicht. Das fühle ich ohnehin in den seltensten Momenten. Ich habe nichts überwunden, keinen größeren, nicht einmal einen kleinen Erfolg erzielt, obwohl es mir um das, was man gemeinhin unter einem Erfolg versteht, auch überhaupt nicht geht. Dennoch muss ich über diesen Gedanken schmunzeln, denn es ist ja zum Lachen, Fernando Pessoa würde mich da sehr gut verstehen. Ich wünschte, ich fühlte mich denjenigen näher, die mir vertraut sind, auf denen ich in manchen Augenblicken wie auf eine Rettung in letzter Sekunde hoffe, diejenigen, deren Bücher ich in mir wie eine wirkliche, ursprüngliche Landkarte behalten habe, eine Landkarte, die mir entspricht und vielleicht keinem anderen. Doch es fühlt sich noch immer so an, als hätte ich mich ihnen wie ein ungebetener Gast am Rande einer Gartenparty genähert, der insgeheim darauf hofft, mit offenen Armen empfangen zu werden. Ich hätte es so gern, wenn sie mir zuriefen, jetzt komm doch endlich zu uns herüber, wir führen hier gerade ein sehr unterhaltsames Gespräch und brauchen dringend deine Meinung.

Kein Problem, würde ich zögerlich antworten, denn insgeheim misstraute ich der ganzen Sache natürlich immer noch. Aber auf eine solche Einladung, auf ein solches Zeichen sollte man auch nicht abschlägig reagieren. 

Und dann würde ich hinüber laufen und Grüße ausrichten und mich für eine Einladung bedanken, die ich nie erhalten hatte. Ich würde zwischen all den anderen stehen und in mich hineinhören und auf ein weiteres Zeichen warten, das mir sagte, nun sei endlich alles gut, ich hätte mein Ziel erreicht.