Weißer Wal im Wald, 19. November

Kurz nach dem Regen hat sich der Waldboden in eine aufgeweichte, schlammige Zone verwandelt. Von den Bäumen tropft es auf uns herab und manchmal landet einer dieser Tropfen auf meiner Stirn. Es lässt sich nicht genau sagen, aus welcher Höhe er fällt, genauso wenig wie sich sagen lässt, von welchem Blatt er sich löst. Vielleicht rollen die Tropfen nicht einmal von den Blättern der Bäume ins Nichts. Vielleicht fallen sie bloß von sehr weit oben, lösen sich von einer imaginären Höhlendecke, die irgendwo über uns steht und sich in Dunkelheit hüllt. Womöglich reicht das Licht nicht mehr aus, um diese Decke über uns freizulegen und somit fielen die Tropfen aus einem scheinbar leeren Raum, sie setzten sich vom Dunkel ab und stürzten hinab, erreichten nach einem langen Flug durch einen seltsamen Zwischenbereich endlich den Wald, in dem wir uns den Hang hinunter tasten. Wo immer möglich halten wir uns an den Stämmen der Bäume fest und suchen die verschlammte Erde nach aufgeworfenen Wurzeln ab, die unseren Abstieg erleichtern. Wir sind nicht allein im Wald, können die anderen aber nicht sehen. Wir sehen auch den Weißen Wal noch nicht, obwohl er sich ganz in unserer Nähe befinden muss. 

„Er ist sicher irgendwo“, sagt K und zurrt ihren Rucksack mit den Badesachen zurecht.

Es ist November und noch immer sind es in Italien achtzehn Grad. Gäbe es das farbige Laub der Bäume über unseren Köpfen nicht und auch nicht die kühlen Abende, die sich im Handumdrehen in dunkelste Nacht verwandeln, könnte man glauben, Herbst und Winter ließen noch Monate auf sich warten. Als ich am Morgen den Wetterbericht auf meinem Telefon überflog, hatten Deutschland in der Nacht die ersten Minusgrade erreicht. Ich stellte mir eine Wiese mit erstarrten, von weißen Kristallen überzogenen Grashalmen vor, die unter den Schuhen leise knisterten. Der Atem der Menschen verwandelte sich in milchweißen Rauch und in den Fingerspitzen begann es nach einigen Minuten in der Kälte zu kribbeln. 

Wir bleiben stehen und horchen in den Wald hinein. Alles ist still. Keine Stimmen und keine Vogelrufe sind zu hören, der ganze Waldabschnitt scheint ausgestorben zu sein. In der Luft macht sich ein eigenartiger Geruch bemerkbar, der allerdings nur eine Andeutung bleibt. Auch wenn mich jemand dazu zwingen würde, wäre ich nicht in der Lage, diesen Geruch zu beschreiben. 

Das muss die Quelle sein, denke ich.

Wir schlittern weiter den Abhang hinab. Der Waldweg löst sich nun vollends in Matsch auf, nirgendwo ist ein Rest von Gras oder Moos übrig geblieben. Selbst die von den Bäumen gefallenen Blätter gehen in der glatten, braunen Erde unter, die von zahllosen Schritten umgepflügt worden ist und nun der Randzone einer Baustelle gleicht. 

Nach etwa zehn Minuten glaube ich etwas Weißes hinter den Bäumen zu erkennen.

„Siehst du das?“, frage ich K.

Sie schaut nach vorn.

„Ob es das ist?“

„Ich denke schon.“

Hinter den schlanken, braunen Baumstämmen ragt eine weiße Wand in den Himmel hinauf. Nach einigen weiteren Schritten höre ich das Wasser und sehe Dampf aufsteigen. Wir lassen die letzten Bäume hinter uns und treten nah an einen Bach heran, hinter dem die ersten Terrassen, über die das heiße Wasser der Quelle fließt, wie ein gigantischer, außerirdischer Pilz in die Höhe ragen. Die Flanke des Hügels ist von karstigen, weißen Ausstülpungen überzogen. Dort, wo das heiße Quellwasser über die Felsen fließt, haben jahrtausendealte Ablagerungen weiche, grauweiße Formen entstehen lassen, deren Farbe mich tatsächlich an die Haut eines Wals erinnert. Die Felsen sind von diesem Weiß überzogen, ihre Kanten haben sich in Rundungen und sanfte Kurven verwandelt, die nun Becken und kleinere Bassins bilden, in denen sich das Wasser sammelt. Ganz oben muss die Quelle sein, doch von unserem Standpunkt aus können wir sie nicht erkennen. Das Wasser rauscht über die kalkweißen Terrassen hinab und erzeugt nur wenige Meter von uns entfernt einen Pool, in dem vier oder fünf Leute in Badesachen liegen und uns beobachten.

Ich versuche sie zu ignorieren, was mir allerdings nicht gelingt.

„Wir sehen ein bisschen wie Spanner aus“, flüstere ich.

„Ach Quatsch“, erwidert K.

„Aber die Leute sehen uns an.“

„Wo sind denn hier Leute?“

„Na dort unten im Becken neben dem Wasserfall.“

K sucht den Weißen Wal ab, bis sie die Badenden entdeckt.

„Die sehen uns ja wirklich an.“

„Sag ich doch.“

„Dann lass uns schnell ins Wasser gehen.“

Wir folgen dem Bach, bis wir einen Maschendrahtzaun erreichen. Am Zaun sind Hinweisschilder angebracht und obwohl ich kein Italienisch verstehe, begreife ich sofort, dass wir es mit einer Reihe von Verboten zu tun haben. Wahrscheinlich darf die Quelle nicht betreten werden, aber schließlich liegen schon andere im warmen Wasser und lassen es sich gut gehen. Wer auch immer diese Schilder angebracht hat, scheint sich zumindest nicht übermäßig um eine Einhaltung der Vorschriften zu kümmern.

An einer Stelle besitzt der Drahtzaun ein Loch, durch das die anderen geschlüpft sein müssen. Der Boden ist an dieser Stelle genauso rutschig wie im Wald, so dass wir uns vorsichtig vorantasten, um dann nur wenige Meter entfernt vom Wasser anzuhalten.

Wir setzen unsere Rucksäcke ab und ich hole die beiden Badehandtücher hervor, um sie über den Drahtzaun zu hängen, genauso, wie es die anderen getan haben, die uns noch immer nicht aus den Augen lassen. Vielleicht ist diese Quelle nur etwas für Einheimische, denke ich nervös, vielleicht stößt sich die Dorfjugend an unserem Auftauchen. Vielleicht machen wir, ohne es zu ahnen, jemandem die Quelle streitig. Womöglich ist der Weiße Wal nicht für alle da.

Mir ist es etwas peinlich, mich vor den anderen auszuziehen, weshalb ich ihnen den Rücken zudrehe. Glücklicherweise trage ich meine Badehose unter meiner Jeans, was alles etwas einfacher macht. K allerdings braucht ein Stück, um aus ihren Schuhen und Klamotten heraus zu kommen und deshalb warte ich hilflos und halbnackt neben ihr, bis sie fertig ist. Mit einem Mal kommt mir die Herbstluft nicht mehr ganz so mild vor, wie noch eben im Wald. In der Zwischenzeit tue ich so, als würde ich die Waldgrenze aufmerksam betrachten und als spielte sich dort etwas ganz Unwahrscheinliches ab.

„Kann los gehen“, sagt K endlich.

„Sehr gut“, antworte ich und taste mich den Felsen hinauf in Richtung Becken.

Das Wasser ist trübe, ich kann den Boden nicht erkennen und deshalb auch nicht einschätzen, wie tief hinab der natürliche Pool an dieser Stelle reicht. Ich strecke meinen Fuß hinein und halte irritiert inne. 

Das Wasser ist kalt.

„Das Wasser ist überhaupt nicht warm“, sage ich leise.

„Vielleicht ist es bloß hier vorn etwas kühler. Lauf einfach weiter hinein.“

K steigt hinter mir in das Becken, dessen Wasser uns bis zu den Knien reicht. Unter meinen Fußsohlen fühle ich Kiesel, manchmal auch etwas gröbere Steine und deshalb taste ich mich langsam und schwankend voran. Die Leute im zweiten, von unserem Pool abgetrennten Bassin verfolgen unsere Bewegungen interessiert. Es sind drei Frauen und ein Mann und ich versuche es mit einem Lächeln, das keinerlei Reaktion in den Gesichtern der anderen hervorruft.

Wir tasten uns in Richtung des Wasserfalls. Als wir ihn erreichen und ich meine Hand ausstrecke, spüre ich mit Erleichterung die Wärme des Wassers. Es fühlt sich nach einer warmen Dusche an. Eine warme Dusche mitten im Wald.

„Das Wasser ist warm“, sage ich erleichtert.

„Wirklich?“

Ich halte meine Hände an den Felsen.

„Auch die Steine sind warm.“

K kommt langsam näher und stützt sich mit ihren Händen auf den Fels.

„Der ist ja wirklich richtig warm!“

Wir stellen uns gemeinsam unter den Wasserfall und ich schließe meine Augen. Ich vergesse die kleine Gruppe, die sich in unmittelbarer Nähe befindet, als wäre ich mit K allein, als lehnten nur wir zwei am Weißen Wal, der unablässig warmes Quellwasser über uns ergießt. Das Rauschen des Wasserfalls legt sich über die Gespräche der anderen. Obwohl ich mir nicht sicher bin, glaube ich doch, dass sich die Gruppe wieder miteinander unterhält. Sicher ist es drüben im Becken noch ein wenig wärmer, denke ich, aber hier, direkt unter dem Wasserfall, könnte es wunderbarer nicht sein. Ich könnte ewig so stehen, gelehnt an den Weißen Wal, von dem Melville mit Sicherheit nichts wusste und während ich an den unbestechlichen Zollbeamten Herman Melville denke, den das Leben mit so ziemlich allem strafte, was man sich nur vorstellen kann, taste ich den warmen Felsen ab, gehe in die Knie und drücke meinen Rücken an den Stein.

Als ich meine Augen wieder öffne, sitzt K neben mir im Wasser und schaut in Richtung der Bäume.

„Hier ist es schön“, sagt sie.

„Stimmt“, gebe ich zu.

„Hier könnte ich eine ganze Weile bleiben.“

„Uns hetzt ja auch niemand. Und es ist gerade erst Mittag.“

„Ja.“

„Vielleicht bleiben wir also einfach so lange im Wasser, bis wir nicht mehr können.“

„Und unsere Finger ganz verschrumpelt sind.“

„Genau.“

Ich taste nach den Kieselsteinen am Boden des Beckens. Das Wasser erinnert mich weiterhin an Milch und auch die Steine in meiner Handfläche tragen die weiße Farbe des Wals. 

Ich platziere einen Kiesel auf Ks linkem Knie, das aus dem Wasser ragt. Dann nehme ich einen zweiten und lege ihn auf ihrem rechten Knie ab. Dasselbe wiederhole ich auch bei mir.

Das Ablegen der Kiesel kommt mir wie ein uraltes Ritual vor. Wir sind Urzeitmenschen, denke ich, unsere Zugehörigkeit ist für alle zu erkennen. Das sind diejenigen, die runde Kiesel auf den Knien tragen. Ein eigener Stamm. Zwei Leute, die weder ein whirlpoolartiges Bassin noch die anderen brauchen.

Ich halte meinen Kopf unter den warmen Wasserfall.

Queequeg hatte seine polynesischen Tätowierungen und wir haben unsere weißen Kieselsteine. Mit etwas Phantasie ließen sich sowohl die schwarzen Zeichnungen auf Queequegs Haut als auch unsere Kiesel als schutzbringende Talismane verstehen. Vor nicht allzu langer Zeit wäre niemand auf den Gedanken gekommen, etwas anderes in ihnen zu vermuten, ihre Zauberkraft anzuzweifeln. Doch wovor würden uns diese Talismane heute noch beschützen?

„Ich möchte wissen, wer schon alles hier drin gesessen hat“, sagt K irgendwann.

„Eine ganze Menge Leute, nehme ich an.“

„Sicher auch die alten Römer.“

„Stimmt.“

„Irgendwelche Senatoren und Militärs. Für die einfachen Leute waren die Quellen bestimmt verboten.“

Ich nicke.

„Das kann gut sein.“

„Typisch“, antwortet K und plätschert mit ihren Händen im Wasser. „Die Reichen raffen einfach alles zusammen.“

„Aber wir sind doch jetzt auch hier.“

„Nur hat das zweitausend Jahre gebraucht. Und wie viele Leute standen dort drüben im Wald und durften hier nicht rein!“

„Warum fällt dir ausgerechnet jetzt die Ungerechtigkeit der Welt ein?“

K schaut mich an, als suchte sie nach einer Antwort.

Dann zuckt sie mit den Schultern und plätschert wieder im Wasser.

„Ich bin gerade etwas aufmüpfig“, antwortet sie und ich lächele.

Der Wald gegenüber steht ruhig, kein Wind setzt ihn in Bewegung. Ein Großteil des farbigen Laubs hängt noch an den Zweigen, die es vor zweitausend Jahren sicher nicht gegeben hat. Der Wald macht auf mich einen jungen Eindruck, aber ich bin natürlich kein Baumexperte. Vielleicht hegen die Bäume den Weißen Wal tatsächlich seit zweitausend Jahren ein und schon die Römer schlichen durch den Schlamm, um die heilende Quelle zu erreichen und einen halben Tag lang entspannt im Wasser zu liegen. Für heiße Quellen hatten die Römer schließlich immer etwas übrig. 

Mich überkommt ein eigenartiges Gefühl, als ich mir diese Römer vorzustellen versuche, Menschen, von denen mich Jahrhunderte trennen und die doch äußerlich von mir nur schwer zu unterscheiden wären, ließe man die Klamotten einmal weg. Die Unterschiede, die zwei Jahrtausende hervorbringen, sind sicher sehr gering, sofern man nur die menschliche Gestalt im Auge behält. Wahrscheinlich haben sie sich auf ebenso wackeligen Beinen durch das Wasser getastet wie wir, einen Ausdruck von Vorfreude und Unsicherheit im Gesicht. Sicher war das Wasser ebenso milchig wie heute und die Wärme des Wasserfalls genauso befriedigend. Die Gefühle sind vergleichbar, weil die Zeit keine Macht über sie besitzt. Das unsichere Tasten durch das Wasser, die Kälte und dann der Wechsel, den die Wärme mit sich bringt. Das allmähliche Abklingen der Gedanken unter dem herabstürzenden Wasser, die Ruhe, die immer da gewesen ist und sich nun zurück an die Oberfläche arbeiten kann. Die Entspannung der Muskeln und Glieder, das Aufweichen der Haut, die verschrumpelten Fingerspitzen. Eine zweitausend Jahre alte Hand ist am Ende sehr jung, denke ich und betrachte meine Handfläche mit den vielen durchbrochenen Linien. Drüben im Wald macht sich ein Vogel bemerkbar und ich schaue zu den Wipfeln hinauf. Sie stehen wie riesige Pinselspitzen im Blau, unbewegt und ein wenig steif, als versuchten sie ein Bild gelassener Ruhe abzugeben. Dann stürzt etwas durch das Bild, ein winziger schwarzer Fleck, in dem ich den Vogel erkennen will, dessen Ruf mich aufschrecken ließ. Doch er stürzt so schnell herab, dass ich nicht in der Lage bin, seinem Flug zu folgen. Und dann starre ich erneut auf den unbeweglichen jungen oder auch sehr alten Waldabschnitt, der mit einem Mal wieder totenstill und menschenleer erscheint.