Monticchiello, 10. November

Ich atme auf, als wir Florenz in unserem Mietwagen verlassen, einem Fiat 500, den K noch in der Tiefgarage in ihr Herz schließt. 

„Jetzt kann es endlich richtig losgehen“, sagt sie begeistert, während sie ein aufgeregtes Foto vor dem Auto macht und danach jedes Detail genauestens inspiziert. Für mich sieht es nach einem ganz normalen Kleinwagen in mausgrauer Lackierung aus, alles ist sehr rund und weich und diese Formen finde ich nicht wirklich ansprechend, sondern eher lustig. K allerdings schwärmt von Filmen, die ich nie gesehen habe, und in denen das italienische Lebensgefühl genau in einem solchen Fiat 500 beschlossen liegen soll. 

„Mir grauer Lackierung?“, frage ich.

Sie schüttelt ihren Kopf.

Nein, im Film wäre ein solcher Fiat natürlich rot oder weiß, aber man könne eben nicht alles haben. Dennoch sei sie voll und ganz zufrieden und ich solle jetzt endlich einsteigen und nicht weiter fachsimpeln, was ich dann auch ohne Widerrede tue.

* * *

Als wir Siena erreichen, weht ein heftiger, kalter Wind. Aber das ändert sich bereits am folgenden Tag. Wir sitzen bei zwanzig Grad vor der Kathedrale in der Sonne, ich habe meine Jacke und den Pullover ausgezogen und die Ärmel meines Hemds aufgekrempelt. Um uns herum sind noch viele Touristen unterwegs, aber die Saison geht spürbar auf ihr Ende zu, wie uns Fabio am Frühstückstisch unseres Bed-and-Breakfast erklärt. Er hat ein üppiges Buffet mit Croissants, Kuchen und selbst gebackenem Bananenbrot aufgebaut, an dem wir uns allerdings nicht bedienen dürfen, denn das lassen die Hygienevorschriften nicht zu. Stattdessen steht Fabio mit einer OP-Maske im Frühstückszimmer der Villa, unterhält sich mit uns und fragt hin und wieder aufmerksam, ob wir noch etwas haben möchten. 

„Ich nehme noch einen Kaffee“, sage ich.

„Americano?“, fragt er.

Ich nicke und fühle mich schlecht, denn natürlich trinkt kein Italiener einen mit heißem Wasser verdünnten Espresso am Morgen, aber etwas anderes bekomme ich um diese Uhrzeit einfach nicht runter.

K sitzt währenddessen neben mir und ist vollkommen glücklich. Als sie die verschiedenen Kuchen beim Betreten des Zimmer entdeckte, vergrößerten sich ihre Augen und sie lief mit einem seltsam verklärten Blick in Richtung unseres Tisches, um dann eine ziemlich umfangreiche Bestellung aufzugeben. Jetzt isst sie leise vor sich hin, starrt dabei auf die Tischdecke und nimmt ab und zu einen gedankenverlorenen Schluck von ihrem Cappuccino.

Fabio hat eine Zeit lang in London gelebt und erzählt in gutem Englisch von der Rückkehr nach Siena mit seiner Frau, die aus Japan stammt. Seit einigen Jahren betreiben sie gemeinsam das Hotel, das in der Villa seines Großvaters aus den Zwanziger Jahren untergebracht ist.

„Mein Großvater war ziemlich wohlhabend“, sagt er. „Aber er hat uns kein Geld hinterlassen. Nur dieses Haus.“

„Immerhin“, erwidere ich.

„Stimmt. Besser als nichts.“

Eigentlich stamme er aus Rom, aber mittlerweile fühle er sich in Siena sehr wohl. Die Leute seien hier entspannter, auf jeden Fall entspannter als in Florenz oder Venedig. Aber Venedig sei ohnehin die Hölle. Nur die Arbeit im Hotel wäre manchmal zu viel, besonders jetzt, nachdem die Wäscherei während der langen Auszeit in den Pandemiemonaten eingegangen ist und er und seine Frau sich um die anfallenden Hotelwäsche kümmern müssten. 

„Die meisten Leute bleiben nur ein oder zwei Nächte und dann muss das ganze Bettzeug gewaschen und auch wieder getrocknet werden. Und ich hasse es aufzuräumen!“

Ich nicke und bestelle ein Rosinenbrötchen mit Salami und Mayonnaise, das ich einpacke und mit in die Stadt nehmen will. Ich kann am Morgen nichts essen. Mein Magen wacht erst um die Mittagszeit auf, was Fabio für ganz unmöglich hält, für eine exzentrische Charaktereigenschaft. Bevor K und ich das Frühstückszimmer verlassen, komme ich mir für einen Augenblick wie der verzärtelte Bewohner dieser Villa vor, die auch in einen Roman von Thomas Mann passen würde. Der Appetit bleibt stets nur ein Symptom, hinter dem sich eine weitaus kompliziertere Landschaft versteckt.

* * *

K steuert unseren Fiat durch ein Meer aus Serpentinen. Wir befinden uns irgendwo in der Toskana, der Wind hat sich gelegt und nur wenige Wolken schwimmen durch das strahlende Blau, das mir sanfter als in Deutschland erscheint. Wir fahren durch eine Landschaft ohne Weite, die einen für mich fremden Charakter besitzt. Die Hügelketten gehen weich ineinander über, die Hügel selbst sind kompakt und klein und rollen sanft dahin, sie rollen wie ein Gewässer, wie eine Reihe von kurzen, geschlossenen Wellen. Die abgeernteten Felder auf den Hügeln laufen weich bis zum Horizont aus, doch diese Hügel sind so zahlreich und in ihren Dimensionen konzentriert, dass nur selten der Eindruck einer grenzenlosen, unüberschaubaren Weite entsteht. Ich habe eine Steppenlandschaft in Nevada gesehen, mit vertrocknetem, gelben Gras, das ungehindert bis zu den Ausläufern eines Gebirges wuchs und in dieser Steppe lag eine unbeherrschbare, vielleicht sogar verständnislose Weite, eine Weite, die ohne den Menschen auskam, nie mit ihm rechnete. Die Hügellandschaft, durch die wir nun fahren, braucht den Menschen, sie kommt ohne ihn nicht aus. Um uns herum existiert nichts Harsches, kein abweisendes Gebirge, keine nie zu bezähmende Steppe. Es gibt nur anschmiegsame Erhebungen, moosgrüne Zypressen und Pfade, die wie ausgetrocknete Bäche die ockerfarbenen Flanken der Hügel in sanften Schwüngen zerteilen. 

* * *

Abends liege ich in den Betten unserer Unterkünfte in Florenz, Siena, Ragga und Montichiello und denke über das Schreiben nach. Wie schließe ich das Jahr der Fahnen ab? Die Betten sind weich oder hart, es gibt zahllose Kissen und die Decken sind so fest unter die Matratzen geschoben, dass ich mir wie eine Ölsardine vorkomme, wie ein zur Mumie verpacktes Kleinkind in einer Krippe des fünfzehnten Jahrhunderts. Draußen stürmt es, der Wind wird nicht müde. Wir haben den Leuten bei der Olivenernte zugesehen. Man breitet Netze unter den knochigen Bäumen mit ihren schmalen, silbernen Blättern aus und dann schüttelt man die Bäume leicht und die Oliven fallen herab. Niemand pflückt Oliven, man sammelt sie ein. Wir stehen im Morgengrauen auf und ziehen uns bei Eintritt der Nacht in unsere Unterkünfte zurück. Nach sieben verlassen wir nicht mehr das Haus, wir schließen uns in unseren Zimmer ein. Es wäre nicht besonders schwer, wieder Angst vor der Dunkelheit zu bekommen, besonders hier draußen auf dem Land. Die erleuchteten Siedlungen wirken weit voneinander entfernt, sie wirken wie in Finsternis gestreute Inseln, die man aus großer Höhe hinabgeworfen hat. Die Straßen und Wege, die am Tag zu ihnen führen, wischt die Nacht in einem Handstreich weg, als nähme sie etwas Unnatürliches zurück. Während K neben mir liegt und eine Serie auf ihrem Handy schaut, denke ich an das Schreiben. Ich müsste schreiben. Schreibe ich nicht, holt mich das schlechte Gewissen ein. Das Jahr der Fahnen, mein seltsamer, ausufernder Bericht. Jetzt spielt das Jahr der Fahnen sogar in Italien, sage ich mir. Kaum zu glauben.

* * *

„Sieht für dich auch alles gleich aus?“, fragt K.

Wir quälen uns einen steilen Anstieg hinauf. Der Anstieg führt zur Spitze der Stadt, das Straßenpflaster ist nach Jahrhunderten der Benutzung krumm und rau und ich knicke ein paar Mal fast um. Amerikaner sitzen vor den Bars und unterhalten sich laut. Mir kommt es stets so vor, als unterhielten sie sich auf einer anderen Frequenz, als versuchten sie ständig, der Welt etwas mitzuteilen, eine unglaubliche, nur ihnen verständliche Entdeckung.

„Irgendwie schon“, sage ich erschöpft. „Zumindest was die Kirchen anbelangt.“

„Ich kann keine Kirche mehr sehen.“

„Dann lassen wir das.“

„Oder willst du noch in eine hinein?“

„Nicht unbedingt.“

Wir erreichen schnaufend die alte Stadtmauer, passieren ein großes Tor und ich denke, vielleicht stammt dieses Tor aus der Zeit der Römer oder Etrusker. Vor zwei Tagen hat uns eine Frau in einem Lebensmittelgeschäft, auf dessen Front in Großbuchstaben FOODSTUFFS stand, nach unserem Einkauf in einen Keller geführt, der aus der Etruskerzeit stammte. Wir mussten eine lange Treppe hinab in das Dunkel steigen, die Luft roch ein wenig muffig, aber nicht feucht und dann standen wir in einem schmalen, überraschend trockenen Raum, der vor wenigen Jahrtausenden zur Aufbewahrung von Lebensmitteln diente. Jetzt befand sich in diesem Keller nichts weiter als ein bauchiges Gefäß aus Terracotta und eine Lampe, die nicht sonderlich viel Licht abgab und ich versuchte, eine gewisse Begeisterung in mir wachzurufen, was mir allerdings ganz einfach nicht gelang.

Unterhalb der Stadtmauer breitet sich die Landschaft aus. Der Wind hat an Stärke zurückgewonnen, es fühlt sich an, als hätte er in den vergangenen Stunden bloß eine Pause gemacht, um wieder Kraft zu sammeln. Im Hintergrund nehme ich einen Gebirgszug wahr, doch die Berge verschwinden zur Hälfte in schweren, grauen Wolken. Aus der Entfernung sieht es so aus, als würde über den Feldern ein Schauer niedergehen. Der Regen fällt in einem präzise abgesteckten Bereich, er geht auf den Olivenhainen und Feldern nieder und der Wind trägt die schweren Wolken in unsere Richtung.

Ich spüre, dass ich weder Lust auf einen Kaffee noch auf eine weitere Stadt habe. Ich habe so viel Kaffee getrunken wie noch nie. So viel guten Kaffee wie ein einzelner Mensch nur aushalten kann. Alles schmeckt derart gut, dass es mich fast ein wenig krank macht. Jedes Abendessen ist eine kaum zu ertragende Offenbarung.

Alles hier ist schön, die Landschaft, die Kirchen, die Städte.

Der Kaffee ist hervorragend, das Essen unglaublich, der Wein der beste der Welt.

Aber ich kann keine Kirche mehr sehen, ich habe die Altare satt. Die von uns besuchten Fresken reichen für ein ganzes Leben aus.

Ich möchte auch keinen Wein mehr. Ich möchte einen Salat und Wasser und das ist bereits alles.

Ich möchte mich über irgendetwas beklagen dürfen, denke ich dann.

Ich möchte mich über die Schönheit beklagen dürfen!

K sieht mich an.

„Was möchtest du jetzt machen?“

„Vielleicht setzen wir uns irgendwohin. Eine kleine Pause wäre doch nicht schlecht.“

„Oder wir fahren weiter.“

„Ein weiteres Dorf?“

„Hier soll es doch diese heißen Quellen geben. Wir könnten baden gehen.“

„Stimmt.“

„Oder wir fahren ins Bagno Vignoni.“

Ich sehe sie fragend an.

„Du weißt schon, dort hat Tarkowski Nostalghia gedreht.“

„Ach ja“, erwidere ich. „Das müssen wir uns unbedingt ansehen.“

„Auch wenn ich den Film natürlich nicht kenne.“

„Das ist nicht schlimm. Ich erzähle dir einfach alles auf dem Weg.“

K verdreht ihre Augen.

„Muss das sein?“

Ich schaue sie an.

„Ich kann auch alles für mich behalten.“

„Super!“

Ich lehne mich auf die Mauer, verschränke meine Hände und sehe zu den Wolken hinüber. Ein paar Sonnenstrahlen brechen in dieser Sekunde durch das Grau, doch von meinem Standpunkt aus ist es unmöglich, die Lücke auszumachen, durch die sich das Licht hindurch arbeitet. Die Strahlen wirken wie auf einem Gemälde. Ein Himmelszeichen, der Fingerzeig einer höheren Macht, die im Verschwinden begriffen ist, je weiter man in Richtung Norden reist. Hier unten dagegen sind die Kirchen noch gut besucht. Die Menschen suchen sie auf, sie bekreuzigen sich beim Betreten, die Gebete vollziehen sich in aller Ruhe und Verschwiegenheit. Manchmal spielt in den Kirchen leise Musik vom Band und es wirkt, als spielte diese Musik aus unsichtbaren Lautsprechern. Fast jedes Dorf, fällt mir plötzlich ein, besitzt eine Straße, die nach Dante benannt ist. Ein Fresko mit der Höllendarstellung, wie Dante sie beschrieben hat, ist mir in Erinnerung geblieben. Der dreiköpfige Teufel kniet auf den Erzverrätern Judas, Brutus und irgendeinem Italiener, der mir im Vergleich nicht besonders wichtig erschien, für Dantes Zeitgenossen aber keine geringe Bedeutung besessen haben muss. Durch Dantes Purgatorio habe ich es noch geschafft, aber das Paradiso war bereits zu viel. Eigenartigerweise bringt man bis heute Dante mit seiner Hölle in Verbindung und nicht mit den beiden anderen Teilen der Göttlichen Komödie, die aufgrund ihrer christlichen Symbolik komplett unverständlich sind. Ich erinnere mich noch an einen Wagen im Himmel, gezogen von zwölf Löwen mit zwölf Leuchtern oder so etwas und während ich an diesen unwahrscheinlichen Wagen denke, der so entfernt ist von uns, das man ihn schneller vergißt als die Hölle, die uns mit ihren unvorstellbaren Qualen weitaus plausibler erscheint als jedes Paradies, schweben die Regenwolken weiter über dem Land, als warteten sie auf irgendein Zeichen.