Florenz, 31. Oktober

Vom Flieger aus kann ich auf den höchsten Gipfeln der Alpen Schnee erkennen. Darunter sieht alles aus wie grüner Samt, der sich in den Tälern in Falten legt.

Der Shuttlebus fährt uns eine halbe Ewigkeit hinaus in einen abgelegenen Teil des Flughafens. Das Flugzeug, das uns nach Florenz bringt, ist so unwahrscheinlich klein, dass selbst K auf dem Rollfeld nervös zu werden beginnt. Doch für eine Rückkehr ist es da natürlich zu spät. Ich mustere die Rückseite der Triebwerke und glaube, so etwas wie Rost zu erkennen, was mich nicht unbedingt beruhigt. Im Flieger gibt es zwei Sitzreihen mit je zwei Sitzen nebeneinander. Das Flugzeug ist voll und wir starten abrupt, während ich sehnsüchtig den Lufthansamaschinen hinterherschaue, die verlässlich und störungsfrei neben uns in der Mittagssonne glänzen. Der eineinhalbstündige Flug verläuft dann schließlich ohne jeden Zwischenfall und ist im Handumdrehen herum. Wir füllen Einreisepapiere aus, die wir nicht hätten ausfüllen müssen und leeren unsere winzigen Wasserflaschen, die wir kostenlos von den italienischen Stewardessen überreicht bekommen. Die beiden Frauen sehen aus wie erschöpfte Models, die seit fünf Uhr morgens auf dem Laufsteg unterwegs sind. Beide haben sehr dunkle, braune Augen und perfekt sitzende Frisuren. Ich schaue mich einige Male im Flieger um. Es gibt keinen Mann und auch keine Frau unter uns, die ihnen das Wasser reichen könnten. Arme, einsame Flugbegleiterinnen, ihr habt nur euch selbst.

In Florenz scheint die Sonne und es ist warm. Für Morgen allerdings wird ein Unwetter mit Regen und Sturm vorhergesagt. Wir fahren mit der Tram ins Stadtzentrum, K zieht ihren großen roten Rollkoffer ratternd über das Renaissancepflaster, das uns ohne größere Umschweife vor Santa Maria Novella halten lässt. Als ich die Kirchenfassade von Alberti entdecke, fühle ich mich zurückversetzt in die Vorlesungen von Horst Bredekamp an der Humboldt-Universität. Den verspäteten Studenten rief er entgegen, warum sie seine Vorlesung zur Volkshochschulveranstaltungen degradierten. Fast alle, die derart angesprochen wurden, liefen mit gesenkten Köpfen in eine der hinteren Reihen und verhielten sich die folgenden eineinhalb Stunden totenstill. Und dann ging es bruchlos weiter mit den gigantischen Leistungen der Baumeister des fünfzehnten Jahrhunderts in Italien, die nicht für möglich gehaltene Ingenieurleistungen zustande gebracht hatten. Dinge, die Jahrhunderte später noch Respekt einflößen und bestaunt werden müssen.