Florenz, 1. November

Wir spazieren um neun Uhr morgens am Arno entlang. Noch sind keine Touristenmassen unterwegs, der Ponte Vecchio wirkt regelrecht verschlafen und ich sage zu K, hier gibt es keine Wasservögel, was doch ein wenig eigenartig ist. Keine Schwäne, keine Enten, nur Tauben und hin und wieder eine verirrte Möwe, die meine Theorie durchkreuzt und auf Russisch Tschaika heißt, genau wie unser Nachbar damals in Gera. Wir folgen dem Lauf des Flusses, dann bemerke ich rechterhand auf einem Hügel eine weitere Kirche. Ob wir nicht dorthin gehen wollen, schließlich sind die Entfernungen in Florenz nicht besonders groß und man läuft in einer halben Stunde durch die ganze Stadt. K stimmt zu und während wir weiter Ufer entlang laufen, erinnere ich mich an Antal Szerbs Reise im Mondschein, einen Roman, den ich in diesem Jahr gelesen habe. Auch dort geht es um eine Italienreise, allerdings um eine Reise mit ziemlich vielen Verwicklungen. Ich bekomme die Figurennamen nicht mehr zusammen, bin lediglich in der Lage, mich an die reiche Amerikanerin zu erinnern, die den Erzähler durcheinander bringt und das macht das Ganze nicht besser. Zehn Minuten später folgen wir einem Schild, das uns in Richtung eines giardino di rose leitet, vorbei an stillgelegten Brunnen, die wie Grotten aussehen, und bringen schließlich einen ziemlichen Anstieg hinter uns. Ganz oben auf dem Hügel befindet sich ein weiter Platz, der jetzt am Morgen noch leer ist, aber für riesige Reisebusse ausgelegt scheint. Wir haben eine gute Aussicht über die Stadt. Der Himmel ist bedeckt, Nebel hüllt die Berge im Hintergrund ein, so dass nur die Gipfel blassgrün über die rauchgraue Zone ragen. Der Dom wirkt gewaltig im Vergleich zu den angrenzenden Gebäuden, seine Kuppel schlägt einfach alles. Ich betrachte die Stadt, in der Hoffnung, mir werde etwas zu ihr einfallen, als mich ein Typ Anfang Dreißig auf Englisch anspricht. Ob ich ein Foto möchte? Im ersten Moment verstehe ich ihn nicht. Ein Foto? Er deutet auf K. Ob er ein Fotos von uns machen solle, Florenz im Hintergrund und wir davor. Ein Liebespaar in Florenz eben. Ich winke ab. Ob ich dann von ihm ein Foto machen könne? Na klar, sage ich. Er überreicht mir ein ramponiertes Handy mit zersplittertem Display, das, nachdem ich auf den Auslöser gedrückt habe, sofort ausgeht. That’s normal, ruft er lachend, it’s broken. Allerdings kann er so auch nicht überprüfen, ob das Foto etwas geworden ist. Doch er scheint darüber auch nicht sonderlich beunruhigt zu sein und lächelt einfach weiter. Everything is fine, sagt er, thank you!

Wir folgen einer Straße, die sich geduldig den Hügel hinaufschlängelt. Rechts unter uns liegt ein herbstlicher Park voll farbiger Bäume. Das Blattwerk ist so dicht, dass ich den Boden nicht erkennen kann. Dennoch kommt mir der Park verlassen vor. Vielleicht ist es zu früh für Spaziergänger, dann aber fällt mir das Fehlen eines Zugangs zu ihm auf. Wir laufen ein paar Meter über ihm, aber es gibt keine Treppe, die hinabführen würde in das Grün, Gelb und Orange. Fünf Minuten später erreichen wir schließlich den Aufgang zur Kirche, die wir vom Arno aus entdeckt haben. Im Inneren bewundern wir die Fresken und setzen uns nach dem langen Spaziergang mit müden Beinen auf eine Bank. Um uns herum sitzen bereits viele andere Leute, Ausflügler wie ich denke, doch dann schlägt die Uhr im Kirchturm zehn und ein Mönch in weißem Gewand taucht auf. Ich sage innerlich, ein Mönch in weißem Habit, habe aber keine Ahnung, ob das stimmt. Plötzlich ertönt Orgelmusik, die Morgenmesse, flüstert K, und ich sehe sie an. Sollen wir gehen? Oder lieber bleiben? Eine echte katholische Messe in Italien ist wahrscheinlich ein Ereignis. Also bleiben wir sitzen. Die Orgel spielt für einige Minuten und wer auch immer die Register bedient, verspielt sich auffällig häufig. Dann tauchen drei weitere, weiß gekleidete Mönche über eine Treppe auf, die vom Hochaltar hinab in die Basilika führt. Einer der Mönche, der größte von ihnen mit einer Glatze und aus der Entfernung sehr weich wirkenden Gesichtszügen, tritt an ein seitlich neben dem Altar aufgestelltes Mikrofon und begrüßt die versammelte Gemeinde auf Italienisch. Alles erhebt sich raschelnd. Ich überlege für eine Sekunde, ob ich noch immer mitmachen soll, doch dann gebietet es der Respekt für das, was den anderen wertvoll erscheint, jetzt mitzumachen und keinen lächerlichen und kleinlichen Protest zu üben. Der Priester spricht und die Gemeinde wiederholt einige Sätze, flechtet hin und wieder ein Amen ein. Es fühlt sich nach einem Geben und Nehmen an und dieser Austausch wirkt über lange Jahre eingespielt und routiniert, es gibt kein Missverständnis, kein Stocken, sondern nur die Sätze eines Menschen, auf die ein Chor mit weiteren Sätzen antwortet. Wie in der griechischen Tragödie, denke ich und frage mich, in wie weit die Griechen Einfluss auf die christliche Liturgie genommen haben. Über irgendwelche Umwege sicher eine ganze Menge. Der weiß gekleidete Mönch spricht einen weiteren Satz und alle setzen sich wieder. K und ich tun es ihnen nach. Ich bin ganz begeistert, zum ersten Mal eine Messe aus der Nähe mitzuerleben, doch nach einer halben Stunde, in der ich bis auf wenige Worte wie Hoffnung, Stärke und Vertrauen rein gar nichts verstehe, ebbt meine Begeisterung spürbar ab. Noch immer spricht der weiß gekleidete Mönch mit der Glatze. Sein Mikrofon hat einen Wackelkontakt, weshalb die Übertragung zu den Lautsprechern manchmal ausfällt. Das Ganze erinnert an einen schlechten Witz, mal ist der Ton an, dann fällt er beim nächsten Wort wieder aus, dann funktioniert die Übertragung für eine Minute und plötzlich herrscht erneut Stille. Schließlich tritt der Mönch genervt neben das Pult und spricht in den Saal der Kirche hinein. Er fuchtelt mit seinen Armen, wirkt angestrengt und nicht ganz in seinem Element. Ich begreife, dass er einen komplizierten Gedanken in freier Rede auseinandersetzen will, denn er hält häufig nachdenklich inne und sucht nach Worten. Doch aus irgendeinem Grund geht von diesem Mann keine Autorität und auch keine Hilfestellung aus. Er wirkt nervös und verwirrt, das kaputte Mikrofon hat ihn vollständig durcheinander gebracht und seine wilden Gesten, denen jedes Gewicht, jede Selbstsicherheit und Ruhe fehlen, machen alles nur noch schlimmer. Für einen kurzen Moment spüre ich den Impuls, aufzustehen und den aufgeregten Mönch an den Händen zu nehmen, ihn zu den anderen Mönchen am Rand zu führen und dabei zu flüstern, alles sei gut. Doch das mache ich natürlich nicht, sondern höre mir eine weitere halbe Stunde eine Predigt an, die ich nicht einmal ansatzweise verstehe. Schließlich beginnt die Gemeinde mit dem Vaterunser, doch da schlägt der nervöse Mönch die Hände vor das Gesicht und winkt abwehrend zur Menge. Ganz offensichtlich hat jemand das falsche Gebet zur falschen Zeit angestimmt. Doch die Gemeinde lässt sich nicht beirren und spricht die Verse Wort für Wort zu Ende, während der Mönch entschuldigend lächelt und nach oben zur Kirchendecke blickt.

Am Abend, es ist bereits dunkel, holt uns endlich das vorausgesagte Unwetter ein. Den ganzen Tag lang hat es nicht geregnet, obwohl es regnen sollte und dann plötzlich rauscht der Regen hinab und verjagt in wenigen Sekunden alle Leute auf den Plätzen. Doch genauso schnell wie der Regen plötzlich hereingebrochen ist, hört er auch wieder auf. Die Geräusche der Stadt kehren zurück, ein paar Stimmen, die aufgeregten Motoren der Motorroller.