Donnerstag, 28. Oktober

Mir kommen ein paar Hundebesitzer entgegen, ansonsten aber ist niemand unterwegs. Die Wiese liegt vom Wind zerwühlt bis zur Kreuzung der beiden Flüsse. Auf dem anderen Ufer ragen Fabriken wie das Kraftwerk am Ende von Stalker in den Abendhimmel, riesige Industrieanlagen, die so aussehen, als hätte man alles von Bedeutung aus dem Inneren der Hallen nach draußen an die metallumrüsteten Fassaden verlegt. Manche Anlagen tragen riesige Geschwüre vor sich her, ein unendlich kompliziertes Gewirr aus Röhren, Stahlverstrebungen, Kabelgängen, aufragenden Schornsteinen und Neonlampen dazwischen, die Laufwege für abhanden gekommene Arbeiter ausleuchten sollen und hinter einem dieser wuchernden Nester blickt eine Backsteinfabrik aus dem späten neunzehnten Jahrhundert hervor, als könnte sie nicht glauben, welches Korsett man ihr angeheftet hat.

Ich fahre auf meinem Rad im Schatten der Küste entlang, einer niemals ruhenden Industrieküste, wie ich denke. Auch am Sonntag bewegen sich dort drüben Güterzüge, über den Schloten steht Rauch, meterhohe Kräne fahren auf Stelzen wie eiserne Krebse von links nach rechts, um Container vom Boden aufzuheben, die mich aus der Entfernung an Spielzeug erinnern. Alles auf der anderen Seite des Flusses scheint einem schlechten Science-Fiction-Film entsprungen. Es ist kaum zu glauben, was wir, und damit meine ich wahrscheinlich das, was sich als Menschheit bezeichnen lässt, im Verlauf der Jahrzehnte in der Landschaft unterbringen. In gewisser Weise könnte am gegenüberliegenden Ufer auch eine außerirdische Zivilisation einen Beobachtungsposten hinterlassen haben. Er würde nicht weniger anziehend und verwirrend auf mich wirken wie dieses verschwommene Bild unablässig rauchender, blinkender, lärmender Gebäude.

Ich trete in die Pedale und erreiche bald die abgeernteten Felder. Schon von weitem mache ich die Körper der Saatkrähen auf der dunklen und mit zahllosen Getreidestoppeln gezeichneten Erde aus. Der aufgeworfene Acker leuchtet schwarz, dahinter wächst in Blüte stehender Raps. Ein gelbgrünes Feld, wie von einem Schwamm betupft. Im Hintergrund erkenne ich die Ansätze weiterer Felder, die man wie das erste vor wenigen Tagen abgeerntet haben muss.

Als ich an den Krähen vorbeifahre, nehme ich die vielen schwarzen Schnäbel wahr, die sich aufmerksam, aber nicht sonderlich nervös, in meine Richtung bewegen. Ich lasse mir nichts anmerken und fahre weiter, weiche den Schlaglöchern im ramponierten Asphalt aus und atme tief ein. Die Luft ist nicht besonders gut, aber das ist sie genauso wenig in der Stadt. Also ist es besser, sich darüber keine Gedanken zu machen.

Ich biege auf einen Feldweg ein, der mich zur Straße führen wird. Die Straße verläuft bis zum Ende der Halbinsel. Am Ende der Insel liegt das Tierheim und weitere Industrieanlagen, die das Bellen der Hunde verdecken. Dort gibt es auch eine Fähre, die zwischen April und September Autos und Fahrräder auf die andere Kanalseite bringt.

Als ich einige Meter auf dem Feldweg gefahren bin, nehme ich etwas Undeutliches wahr. Doch bevor ich mich in Richtung des Feldes umdrehen kann, springt mir plötzlich ein Reh vor das Rad, so dass ich instinktiv abbremse, ohne komplett stehenzubleiben. Das Reh taucht buchstäblich aus dem Nichts auf, denn hier gibt es keinen Wald, es springt vom Acker auf den Weg und dann mit zwei langen Sätzen auf die blanke Erde des angrenzenden Feldes. Es muss mich wahrgenommen haben, denn es wirkt verängstigt und beschleunigt seinen Lauf, um Abstand zu mir zu gewinnen.

Ich fahre langsam weiter und behalte das Reh im Auge, das nach wenigen Augenblicken mitten im Feld stehen bleibt und sich umzusehen beginnt. Genauso wenig wie ich glauben kann, hier, in dieser abgeernteten Einöde, ein Reh zu entdecken, scheint auch das Tier selbst seiner Gegenwart unsicher zu sein. Es wirkt wie ein Schlafwandler, der plötzlich erwacht und feststellen muss, sich nicht mehr zu Hause im eigenen Zimmer zu befinden, sondern auf einer lärmenden Straßenkreuzung, ohne den Hauch einer Idee, wie er unbeschadet bis dorthin gekommen ist. 

Langsam geht die Sonne unter. Die Silhouette der Fabrikanlagen verwandelt sich in einen schwarzen Scherenschnitt und das Reh wirkt so verloren wie nur ein Tier wirken kann, völlig fremd vor einem Hintergrund, dessen Sinn und Zusammenhang auch für mich ein kaum zu entwirrendes Rätsel bleibt. Ich schaue mich um, aber es gibt wirklich kein Waldstück in der Nähe. Es gibt nur Feld und Acker und mehr nicht. Woher kann das verwirrte Reh also gekommen sein? Es ist schließlich nicht einfach aus der Luft aufgetaucht, hier hat sich kein Gedanke unvermittelt materialisiert und falls doch, welcher Gedanke sollte das sein? 

Ich steuere meine Rad auf die Straße und fahre in die Richtung, aus der ich gekommen bin. Für wenige Augenblicke steht das Tier weiterhin angewurzelt mitten im Acker. Ein kleiner Punkt inmitten der zerfurchten Erde, der weiß, dass er sich verlaufen hat, der ahnungslos dem Unbegreiflichen gegenüber steht. Weit hinten am Fluss entdecke ich den nächsten Hundebesitzer und frage mich, ob dieser Hund Jagd auf das Reh machen wird, ob er es bereits wittern kann. Als hätte es meinen Gedanken über einen unsichtbaren Kanal empfangen, sprengt das Reh plötzlich los, es läuft ein paar Meter, beschleunigt seine Schritte und hebt dann mit einem langen Satz von der Erde ab, als versuchte es sich direkt in den Himmel zu katapultieren, um aus allem heraus zu kommen. Das Reh springt, berührt die Erde und setzt sofort zum nächsten Sprung an (eine kleine Staubwolke bleibt zurück). Es sprengt wie eine Gazelle durch die Felder hindurch und wirkt dabei, als hätte es alles Vertrauen in die Tragfähigkeit der Erde verloren. Es berührt den Boden so flüchtig, als stünde er in Flammen oder als hätte es endlich verstanden, dass die Erde sich vor wenigen Minuten in eine brüchige Eisfläche verwandelt hat, die unter der geringsten Berührung zerbrechen kann. Allerdings scheint es die trügerische Beschaffenheit des Eises in aller Panik zu vergessen, denn je weiter man hinaus gelangt, um so dünner wird die transparente Fläche, sie verliert mit jedem Sprung an Stärke, einen halben oder ganzen Millimeter, und irgendwann ist das Eis bereits so dünn, dass es einer Haut gleicht und mit bloßem Auge kaum noch wahrzunehmen ist. Dann wartet man auf das Knacken, die Oberfläche wird zerreißen müssen, vielleicht ist noch alles im Fluss und die Parabel des eigenen Flugs schiebt das Hinab für einen Sekundenbruchteil weiter auf. Darüber steht der Himmel und die Kulisse im Schatten auf der anderen Seite des Flusses wirkt bedrohlich und schwarz. Man versucht das eigene Gewicht loszuwerden, es wegzudenken und vielleicht schafft man es auch bis zu einem gewissen Teil, damit die Landung auf dem Eis weder einen Riss noch ein Zerbrechen nach sich zieht. Das Reh setzt auf, es ist bereits fast schwerelos, die Gravitation hat es nicht mehr vollständig im Griff. Das Tier wirkt nun, als befände es sich auf einem Mondspaziergang, das Eis unter den Hufen schmilzt in der Abendsonne und dann, ich hatte sie kaum gesehen, taucht eine Baumgruppe aus dem Nichts auf und Bäume auf dem Eis bedeuten Rettung. Das Reh schwebt schwerelos in Richtung der Pappeln, ohne die Erde zu berühren. Es hebt und senkt sich eher wie ein Luftballon, der endlich das schützende Grün erreicht und dann mit diesem Grün ununterscheidbar verschmilzt.

So spielen sich Verirrung und Gerettetwerden an diesem Abend ab.