Samstag, 23. Oktober

Robert Scott singt vom Verlassen eines Zimmers, während ich über den Alten Messplatz laufe. Ein Sturm hat in der vergangenen Nacht sechs oder sieben der im Frühling gepflanzten Bäume derart mitgenommen, dass die Stadtverwaltung sie kurzerhand fällen musste, um keine Unfälle zu riskieren. Jetzt liegen die Bäume zu kleinen Holzstapeln geschichtet auf dem Platz. Ihre Kronen sind noch vollständig belaubt und die Blätter grün und merkwürdigerweise wirkt es so, als wüchsen plötzlich kniehohe Büsche auf dem Schotter, die der Wind tanzen lässt.

Im April hast du über diese jungen Bäume geschrieben, denke ich und gehe weiter in Richtung Brücke. Ich habe kein rechtes Ziel vor Augen und versuche mich an etwas zu erinnern. War es tatsächlich April, als ich über die Bäume schrieb? Oder war es März, war es vielleicht sogar Mai? Hat in der Stadt niemand mit einem Sturm gerechnet? Und was passiert jetzt, pflanzt man im Frühjahr einfach neue Bäume und hofft, sie würden den kommenden Stürmen entgehen?

Kurz vor der Brücke, die in die Innenstadt führt, tauchen viele Leute auf. Ich reihe mich ein, folge einem Pulk von Menschen, die auf die andere Flussseite wechseln. Die Tramhaltestelle ist seit einigen Tagen außer Betrieb, eine riesige Baustelle hat sich an ihrer Stelle gebildet und reißt die Straßenbahnschienen akribisch aus dem Asphalt. Baufahrzeuge und Metallcontainer nehmen die Kreuzung ein, die Straße ist zur Hälfte gesperrt und überall stehen Arbeiter in leuchtenden gelben Klamotten herum. Einer von ihnen macht sich mitten in der aufgerissenen Fahrbahn an einer Maschine zu schaffen, die ihren Geist aufgegeben hat, während eine Handvoll seiner Kollegen am Rand wartet, Zigaretten raucht und seine Bewegungen aufmerksam verfolgt. Niemand spricht ein Wort. Über der Gruppe liegt eine Art andächtiges Schweigen, als hätte sie etwas aus der Welt Gefallenes vor Augen, dem man nur mit wachsamer Ungerührtheit begegnen kann. Aus einigen Metern Entfernung lässt sich diese Ungerührtheit allerdings auch leicht mit gewöhnlicher Langeweile verwechseln.

Ich quere mit den anderen die Brücke. Der Wind frischt auf und wird scharf, erinnert mich an den Sturm, der gestern durch unseren Hinterhof fegte. Er ist so stark, dass er Wellen mit weißen Kämmen entgegen der Flussrichtung treibt. Fast alle Wasservögel sind heute verschwunden, die normalerweise am Morgen direkt unter der Brücke auf das knochenharte Brot warten, das Rentner wie Streubomben nach unten fallen lassen. Bloß ein einsamer Schwan treibt auf der stürmischen See. Vielleicht ist er verrückt, denke ich. Auch Tiere werden schließlich manchmal wahnsinnig. Oder er will irgendjemandem etwas beweisen.

Zehn Minuten später spaziere ich durch die Quadrate. Die meisten Leute haben es um diese Zeit eilig und laufen zur Arbeit, sie laufen in Richtung eines Geschäfts oder eines Büros und stecken mit dem Kopf bereits in einer Aufgabe, die sie am Abend versuchen werden zu vergessen. Im Russischen heißt Büro Офис und wird Ofiss ausgesprochen, fast wie das office im Englischen. Nur das O am Wortanfang klingt etwas dunkler und wird weiter hinten im Halsansatz gebildet. Das habe ich vor einigen Tagen gelernt und muss daran denken, als eine junge Frau in schicker Daunenjacke und hohen Schuhen an mir vorbei läuft und dabei so gequält aussieht, als durchlebte sie in dieser Sekunde eine Tortur von unvorstellbarem Ausmaß, eine Passion, deren Folter sich uns anderen komplett entzieht, deren Intensität wir nicht ansatzweise begreifen.

* * *

Zwei Stunden später kehre ich zurück, hänge meine Jacke in den Flur und ziehe meine Schuhe aus. Die Wohnung liegt so still, als wäre sie unbewohnt und ich ein Eindringling, der sich unerlaubterweise in ihr bewegt. Ich setze mich an meinen Schreibtisch, blättere in einigen Büchern, ohne eine Zeile zu lesen und stehe dann wieder auf. Ich laufe zurück durch den Flur, beginne im Wohnzimmer Wäsche abzuhängen, ohne mich zu dieser Handlung zu entschließen. Plötzlich hänge ich ganz einfach Wäsche ab, ich stehe in der Mitte des Zimmers vor einem klapprigen IKEA-Gestell und greife nach Handtüchern, die sich so trocken und steif anfühlen, dass es mich nicht wundern würde, wenn sie beim Falten leise knackten. 

Noch immer hält die Unruhe in mir an, die mich durch die halbe Stadt getrieben hat. Diese Unruhe besitzt keine Ursache, sie taucht einfach auf wie Wolken in einem ansonsten strahlend blauen Himmel. Ich versuche ihr zu entgehen, indem ich mich bewege und dabei erschöpfe. Mit der Erschöpfung nehmen die Gedanken ab, sie werden kraftlos, verlieren ihre Schärfe, als gäben sie endlich vor lauter Anstrengung auf. Doch heute kam selbst mein ausgedehnter Spaziergang nicht gegen diese Unruhe an, die mir sagt, irgendetwas sei nicht in Ordnung. 

Doch was, frage ich mich, was ist denn hier nicht in Ordnung? 

Keine Antwort.

Irgendetwas muss es sein, denke ich, und warte vergeblich auf eine Reaktion, während ich den Handtuchstapel säuberlich gefaltet in unser Bad trage, um ihn dort nach Größe geordnet auf das schmale Regal über der Toilette zu verteilen. Die großen Handtücher kommen ganz nach oben, unsere Geschirrtücher etwa in die Mitte.

* * *

Die Steigung hat es in sich, denke ich, stehe vom Sattel auf und trete kräftig in die Pedale. Die Straße zum Kloster ist viel steiler, als ich vom Flussufer aus angenommen habe. Es hätte noch eine andere Route mit etwas sanfterem Gefälle gegeben, aber das wäre ein größerer Umweg gewesen, den wir nicht auf uns nehmen wollten, wofür ich mittlerweile mehr als dankbar bin.

Ich fühle meinen schneller werdenden Puls und hole tief Luft. Dann schalte ich in einen kleineren Gang und lege gleich noch einmal nach, doch obwohl der Widerstand der Pedale abnimmt und ich eine Erleichterung bemerke, tritt mir der Schweiß auf die Stirn. Bevor wir eine Kurve und die erste Klostermauer erreichen, überholt uns ein Pärchen Anfang sechzig auf Elektrorädern. Sie scheinen sich kaum anzustrengen, bewegen ihre Beine fast herausfordernd langsam und haben für unsere Verausgabung nur ein müdes Lächeln übrig. Ein paar Spaziergänger auf dem Fußweg, die kurz davor sind, den Klostergarten durch ein Eisentor zu betreten, rufen sich einander zu, wie angenehm es sei, auf einem Elektrorad zu sitzen. 

„Man kommt doch ganz schön ins Schwitzen“, sagt ein Mann laut, „gerade bei einem solchen Hügel und auf einem simplen Rad.“

Ein simples Rad, denke ich. 

Nicht zu fassen.

Ich stemme mich wieder in die Pedale, hebe mich dadurch erneut aus dem Sattel und konzentriere mich ganz auf meine Verachtung für Elektroräder. Unerwarteterweise kitzelt meine Abneigung den letzten Rest an Kraft aus mir heraus, was mich vor dem Stehenbleiben rettet. Ich krieche im Schneckentempo den Hügel hinauf, was nicht nur die Leute auf dem Gehweg überrascht, sondern auch mich.

Als ich die Hügelkuppe endlich erreiche, denke ich noch immer an das Pärchen mit Elektroantrieb. Wieder einmal haben es die Unsportlichen geschafft, Sportlichkeit vorzutäuschen. Überall fahren jetzt Männer in Tour-de-France-Klamotten durch die Gegend, obwohl ihre Bierbäuche jegliche Aerodynamik verhindern und dabei werden sie von Bosch-Motoren unterstützt, die Steigungen auf Gebirgsniveau wie eine Uferstraße in Holland wirken lassen. Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als man sich ein solches Trikot verdienen musste und nicht einfach irgendwo kaufen konnte. Man musste tatsächlich auf einem Rad sitzen, an einem Rennen teilnehmen und die anderen Fahrer auf der Strecke lassen, damit man ein solches Trikot verliehen bekam. Heute sehen dagegen alle aus, als hätten sie die Tour drei mal in Folge gewonnen und danach unglücklicherweise ein paar Kilo zugelegt.

Jakob scheint das alles nicht wahrzunehmen. Seit einer Dreiviertelstunde hetzt er in Höchstgeschwindigkeit vor mir her, als nähmen wir tatsächlich an einem Rennen teil, so dass ich ihn bereits ein paar Mal aus den Augen verloren habe. Die ganze Fahrt über sieht er weder nach links noch nach rechts, starrt stattdessen konzentriert gerade aus und tritt wie verrückt in die Pedale, als gelte es, einen neuen Streckenrekord aufzustellen. Neben uns lag für Kilometer der Fluss, es ist ein wunderbarer Tag, die Sonne steht hinter den Hügeln und schlägt auf der Wasseroberfläche silberne Funken. Die Luft ist frisch, aber nicht kalt, es ist wunderbar auf den Beinen zu sein, durch die Gegend und diese Landschaft zu fahren, die aus irgendeinem Grund beruhigend auf mich wirkt und in manchen Abschnitten regelrecht schön.

Was für eine wunderbare Landschaft, denke ich, was für Hügel, was für eine Sonne!

Aber da ist Jakob bereits um die nächste Kurve verschwunden und ich beschließe, die Verfolgung aufzugeben. Ich fahre so schnell, wie ich möchte und fühle mich zu nichts verpflichtet. Sechsunddreißig Jahre habe ich gebraucht, um eine so simple Regel ohne Gewissensbisse oder falsche Scham zu befolgen.

Am Rand des Klosters befindet sich ein kleines Restaurant, das jetzt, um die Mittagszeit, gut besucht ist. Die Leute sitzen an Holztischen in der Sonne, es ist Oktober und bald wird es kalt und regnerisch werden, weshalb es die meisten heute noch einmal nach draußen treibt. 

„Das war keine schlechte Steigung“, sagt Jakob, der noch immer auf seinem Rad sitzt.

„Willst du etwas trinken?“, frage ich, obwohl ich eigentlich keine Lust habe, mich zu setzen und diese Fahrt unnötig in die Länge zu ziehen.

„Nicht unbedingt. Willst du?“

„Eigentlich nicht.“

Ein Kellner taucht aus dem Klostergemäuer auf und trägt auf einem Tablett drei dampfende Teller zu einem der Tische. 

Das Essen sieht gut aus, richtiges Ausflugsessen, wie man es nach einer langen Wanderung braucht. Kartoffeln, Rotkraut und Fleisch. Etwas in diese Richtung zumindest.

„Hast du Hunger?“, frage ich.

„Ich hab ja erst vor einer Stunde gegessen.“

„Stimmt.“

Ich sehe mich um. Es ist tatsächlich ein strahlender Tag, ein Tag wie aus dem Bilderbuch. Die bewaldeten Hügel, die das Kloster umgeben, zeigen erste Verfärbungen, doch das Verschwinden des Grüns spielt sich langsam ab. Nur kleinere Flecken in Gelb und Orange sind hier und da zu erkennen. 

Warum hetzen wir so durch den Tag?, frage ich mich und sehne mich danach, allein zu sein. 

Ich möchte mich allein an den Rückweg machen, allein durch den Herbst fahren, den Fluss an meiner Seite.

„Dort hinten ist die Klosterbrauerei“, sage ich stattdessen. „Wir könnten uns frisches Bier besorgen.“

„Für die Fahrt?“

„Warum denn nicht?“

„Ich kann doch jetzt nichts trinken“, sagt Jakob. „Wir haben schließlich noch etwas Strecke vor uns.“

Ich unterdrücke ein Stöhnen und frage mich, weshalb ich dieser Radtour mit meinem Kollegen überhaupt zugestimmt habe. Normalerweise käme mir nie der Gedanke, einen halben Tag mit einem Menschen zu verbringen, den ich nur flüchtig kenne. Und hier oben, die Klostermauer zu meiner Rechten, fällt mir auch plötzlich wieder ein, warum ich an diesem Vorsatz bislang immer eisern festgehalten habe.

„Das Bier ist gut“, versuche ich es erneut. „Du hast doch auch eine Tasche am Rad. Wir könnten einfach ein oder zwei Flaschen kaufen und mitnehmen. Die kann man schließlich auch zu Hause trinken.“

„Nur wenn du willst.“

„Ich will.“

Wir steigen ab und schieben unsere Räder ein paar Meter die Straße entlang, um schließlich auf einen Hof einzubiegen. Die Gebäude der Brauerei wurden außerhalb des Klosters errichtet, allerdings bis an die äußere Klostermauer heran gezogen, so dass sich Brauerei und Kloster berühren. Vor einigen Jahrhunderten wimmelte es hier sicher vor Mönchen.

Ich habe mir Kloster und Brauerei bereits mit Kathrin angesehen und kenne deshalb den Weg. Von weitem mache ich den Verkaufsstand aus und auch zwei Frauen, die vor einer Hauswand im Schatten sitzen und sich miteinander unterhalten.

„Können wir bei Ihnen Bier kaufen?“, frage ich und bleibe stehen.

„Natürlich könnt ihr das“, sagt eine der Frauen, die ich auf Ende Zwanzig schätze und lächelt mich an. Sie ist klein und etwas füllig, hat ihre blonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und trägt eine Schürze, die ihr das Aussehen einer Hausfrau verleiht.

Sie steht auf und ich folge ihr zum Stand hinüber, einer Theke, die man an die Seite eines Schuppens gezimmert hat. Auf der Theke steht ein Sortiment aus Bierflaschen, die Getränkekarte sozusagen.

„Ich nehme eine Flasche Rotfuchs“, sage ich kurzentschlossen und krame mein Portemonnaie hervor. 

„Einmal Rotfuchs“, wiederholt das Mädchen meine Bestellung und verschwindet im Schuppen.

Mittlerweile taucht auch Jakob neben mir auf und sieht sich die Bierflaschen an.

„Das Rotfuchs kann ich empfehlen“, sage ich und versuche mich zusammenzureißen. „Das schmeckt wirklich gut.“

„Ich mag eher Helles“, erwidert Jakob.

„Haben sie auch. Aber das Rotfuchs ist naturtrüb.“

„Naturtrüb sind die doch alle.“

Er zeigt auf die Etiketten und hat recht. Genauso wenig wie bei Wein kenne ich mich bei Bier aus und habe das naturtrübe Rotfuchs für etwas ganz Besonderes gehalten.

„Stimmt“, antworte ich.

Jakob kauft eine Literflasche Helles und eine weitere Literflasche Rotfuchs.

Na endlich, denke ich, während er umständlich die beiden Bierflaschen in seiner Radtasche verstaut.

Wir verabschieden uns von den Frauen, die in der Zwischenzeit wieder im Schatten Platz genommen haben und uns ausgelassen einen schönen Tag wünschen. Dann schieben wir unsere Räder zurück zum Hof.

„Lass uns kurz in die Sonne setzen“, sage ich.

„Hast du keine Lust weiterzufahren? Wir haben doch gerade mal fünfundzwanzig Kilometer geschafft.“

„Eine Pause wäre doch nicht schlecht“, versuche ich es diplomatisch.

„Wenn du unbedingt willst“, antwortet er. „Meinetwegen.“

Es klingt wie das enttäuschte Eingeständnis einer unentschuldbaren Schwäche.

Doch das ist mir erstaunlicherweise vollkommen egal.

* * *

Ich biete Jakob eine Banane und danach einen Proteinriegel an. Beides lehnt er ab. Zumindest zu einem Becher Kaffee, den ich in einer Thermoskanne von zu Hause mitgebracht habe und mit ihm teilen will, lässt er sich überreden.

Wir sitzen auf einem scharfkantigen Felsen, der etwas abseits auf dem Brauereiparkplatz von kniehohem Gras umwachsen wird und schweigen uns an.

Ich schließe die Augen und halte mein Gesicht in die Sonne.

Wunderbar, denke ich und achte auf die Wärme.

Wärme auf meinen geschlossenen Lidern, meiner Stirn, meiner Nase, meinen Lippen.

Besser kann es eigentlich kaum sein.

Besser wäre es nur, wenn ich allein auf diesem Felsen in der Sonne sitzen könnte, ohne mich mit der Laune eines anderen Menschen herumzuschlagen.

„Hast du mal was Dinu Lipatti gehört?“, frage ich plötzlich. 

Ich weiß nicht, warum ich das frage. Seit Monaten, vielleicht sogar seit Jahren habe ich nicht mehr an Dinu Lipatti gedacht. Ich habe nicht einmal das Auftauchen seines Namens in mir gespürt und abwesend eine Frage formuliert, die mir jetzt ganz unsinnig erscheint. Warum um alles in der Welt will ich wissen, ob Jakob Dinu Lipatti kennt?

„Wer?“, antwortet er verwundert.

Natürlich kann ich mich nach diesem Auftakt nicht mehr aus der Affäre ziehen.

„Dinu Lipatti“, sage ich deshalb kleinlaut. „Ein Pianist.“

„Ein Pianist?“

Ich nicke.

„Ich glaube, er kam aus Ungarn.“

„Interessierst du dich für klassische Musik?“

Ich schüttele meine Kopf und kann noch immer nicht fassen, was ich mit meiner idiotischen Frage losgetreten habe. 

„Ich habe keine Ahnung von klassischer Musik“, erwidere ich. „Bis auf ein paar Allgemeinplätze.“

„Zum Beispiel?“

„Die Goldbergvariationen von Gould sind große Klasse. Beim Kyrie eleison aus der Matthäuspassion kommen mir die Tränen. So was eben.“

„Die Matthäuspassion von Bach?“

„Genau.“

„Die ist super.“

„Ich kenne nur das Kyrie, den Rest halte ich nie durch.“

„Und was ist jetzt mit deinem ungarischen Komponisten?“

„Dinu Lipatti?“

„Ja.“

„Ich bin mir nicht mal sicher, ob er wirklich Ungar war. Vielleicht war er auch Bulgare.“

„Lipatti klingt eigentlich eher rumänisch.“

„Rumänien, stimmt!“, rufe ich. „Wenn mich nicht alles täuscht, war Lipatti Rumäne.“

„Und er war ein großer Pianist?“

„Der Größte!“, sage ich, ohne den Hauch einer Ahnung zu besitzen. Ich bin nicht ansatzweise in der Lage, die Qualität einer Aufnahme einzuschätzen, stochere völlig im Dunkeln.

„Früher habe ich ab und zu das letzte Konzert von Lipatti gehört. Er spielt Mozart und Franz Schubert und am Ende Chopin und es war sein letztes Konzert. Ein paar Tage danach ist er mit dreiunddreißig Jahren gestorben. Wenn ich mich richtig erinnere, hat man ihn als ein Genie gehandelt. Einen wie Glenn Gould.“

„Woran ist er gestorben?“

„Ein Autounfall? Tuberkulose? Ich kann mich nicht mehr erinnern.“

„Und sein letztes Konzert ist gut?“

„Ich denke schon. Mir zumindest gefällt es. Die Aufnahme klingt nach den Fünfzigerjahren, etwas stumpf, das hat einen ganz eigenen Charme. Vielleicht mag ich sein letztes Konzert auch bloß deshalb, aufgrund der schlechten Tonqualität. Die Musik klingt, als wäre sie aus der Zeit gefallen, als hätte sie keinen richtigen Ort. Die Töne wirken nicht mehr klar, etwas hat sich sozusagen auf ihnen abgelegt. Staub zum Beispiel.“

„Staub?“

Ich zucke mit meinen Schultern.

„Staub, Zeit, etwas, das über die Musik hinausgeht.“

„Ich werde mir das Konzert mal anhören“, sagt Jakob.

„Mach das“, erwidere ich.

* * *

Ich trinke einen Schluck des mittlerweile abgekühlten Kaffees und fühle, wie die warme Flüssigkeit durch meine Speiseröhre in Richtung Magen fließt. Versuche ich mir den Weg vorzustellen, den die Flüssigkeit in völliger Dunkelheit zurücklegt, überfällt mich ein leichtes Gruseln. In den Vorgängen des eigenen Körpers steckt etwas Unheimliches. Man muss nur einige Minuten auf dieses unaufhörliche Tätigsein achten, das sich in kompletter Finsternis vollzieht und auf das wir einen sehr geringen Einfluss besitzen, damit einem schwindlig wird. Milliarden von Zellen, die sich täglich erneuern, absterben und auftauchen, ohne dass wir daran etwas ändern könnten. Haare und Nägel, die wachsen, ob wir das wollen oder nicht. Das unablässig schlagende Herz, es kennt keine Pause. Auch der Atem kennt keine Pause. Man stößt ihn nicht willentlich an, muss sich nicht zum Atemholen zwingen oder überreden. Genauso wenig wie man sich um die verschachtelten Gänge in unseren Körpern kümmern muss, die beharrlich ihre Arbeit verrichten. Verdauungstrakte, Blutbahnen und Nervenfasern, die ohne unser Zutun das Leben möglich machen. Und alles hält aufgrund einer undurchsichtigen Gesetzmäßigkeit zusammen, fällt nicht einfach auseinander oder gibt seinen Geist auf. Heute zumindest noch nicht.

„Vielleicht brauche ich eine andere Stelle“, sagt Jakob.

Ich öffne meine Augen. Noch immer steht der strahlende Himmel über uns und in diesem Himmel ein heller, leuchtender Kreis.

„Eine neue Stelle?“, frage ich.

„Ich halte es in der Bibliothek nicht mehr aus.“

„Was willst du stattdessen machen?“

„Vielleicht eröffne ich ein Café. Bei uns im Dorf gibt es kein Café, aber viele Mütter mit Kindern. Und es gibt einen Kindergarten. Gleich gegenüber könnte man ein Café aufmachen, das wäre eine super Lage, denn die Mütter würden sicher kurz reinschauen, sobald sie ihre Kinder abgegeben oder abgeholt haben.“

„Keine schlechte Idee.“

„Oder ich mache einen Radladen auf.“

„Auch nicht übel.“

Jakob steht auf und läuft unruhig auf dem Brauereiparkplatz herum. Dabei hält er weiterhin den gelben Plastikbecher in der Hand, den ich zur Hälfte mit Kaffee gefüllt habe. Bisher hat er noch keinen Schluck getrunken. Ich habe nicht daran gedacht, Milch oder Zucker einzupacken und glaube mich plötzlich zu erinnern, dass Jakob eigentlich Milch für seinen Kaffee braucht. Aber ich bin auch kein wandelnder Lebensmittelhändler, der für alle Eventualitäten ausgestattet ist.

„Wie gefällt dir eigentlich dein Job bei uns?“, fragt er mich. „Du bist ja mittlerweile seit drei Monaten dabei.“

Er hat sich eine dunkle Sonnenbrille aufgesetzt, die etwas feminin wirkt, wie ich finde. Ich mag es nicht besonders, mich mit Leuten zu unterhalten, die Sonnenbrillen tragen, denn ich weiß nie, ob sie mir in die Augen sehen oder nicht.

„Mir gefällt es ganz gut“, antworte ich. „Eigentlich ist es sehr entspannt.“

„Findest du?“, fragt er entgeistert. „Du findest es entspannt?“

Ich nicke.

„Mit Abstand der entspanntestes Job, den ich jemals hatte.“

Jakob bleibt stehen und schaut mich an. Auf seinem Gesicht liegt ein ungläubiger Ausdruck.

„Nerven dich die anderen nicht?“

„Nicht unbedingt.“

„Aber die sind alle nicht vom Fach.“

„Macht das einen Unterschied? Sie erledigen ihre Arbeit.“

Er schüttelt energisch seinen Kopf.

„Sie erledigen ihre Arbeit, da hast du vielleicht recht. Aber sie erledigen sie umständlich und meist nicht einmal richtig.“

Er schnauft, weil er sich in Rage redet. 

Ich setze meinen Kaffeebecher an und trinke einen weiteren Schluck.

„Als ich vor drei Jahren in die Abteilung kam, habe ich mich sofort unbeliebt gemacht“, setzt Jakob fort.

„Warum?“

„Weil ich, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, direkt gesagt habe, was falsch läuft.“

„Das lieben die Leute“, antworte ich mit einem Lächeln.

Er hält verdutzt inne und sieht mich fragend an.

„Was meinst du?“

„Das ihnen ein neuer Kollege sagt, was sie alles falsch machen und wie es besser geht.“

Der entgeisterte Ausdruck weicht nicht von seinem Gesicht. Für eine Sekunde frage ich mich, ob er eigentlich versteht, was ich ihm zu sagen versuche. 

„Aber hier geht es doch nicht um Befindlichkeiten“, antwortet er, „sondern um die Lösung von Problemen. Ich will lösungsorientiert arbeiten und mich nicht um irgendwelche Gefühle kümmern müssen. Wenn es ein Problem gibt, dann findet man die schnellste, praktikabelste Lösung und macht nicht einen Riesenumweg, nur weil man das eben seit Jahren so tut.“

Ich unterdrücke ein Lächeln.

Bei meinem ersten Job habe ich genauso gedacht, aber das ist schon sieben Jahre her. Obwohl Jakob Anfang vierzig ist und damit älter als ich, setzt ihm seine erste richtige Stelle genauso zu, wie sie das damals bei mir getan hat. Die Arbeitswelt ist nicht zu unterschätzen. In ihr gelten andere Regeln, denen man sich, ob man das will oder nicht, nach und nach anpassen muss. Meist vollzieht sich diese Anpassung unbewusst, schließlich geht es um das eigene Überleben. Man entwickelt eine gewisse Gleichgültigkeit den Abläufen und Spielregeln gegenüber, eine Distanz, die den Wahnsinn erträglich macht. Irgendwann fällt es schwer zu entscheiden, ob in dieser Distanz eine prophylaktische Zurückhaltung liegt oder nichts anderes als willige Resignation, die das Rad am Laufen hält. Das macht die Arbeit zur zweideutigen Grauzone. In den Grauzonen entscheidet sich, wer du tatsächlich bist. Außerhalb der Grauzonen kann jeder große Worte schwingen und so tun, als führte er ein makelloses, ganz integres Leben.

Ich stelle meinen Kaffeebecher auf dem rauen Felsen ab.

„Das ist jetzt meine vierte Stelle“, sage ich. „Ich war immer in Museen und Bibliotheken unterwegs und habe eins gelernt. Probleme lösen zu können, macht nur fünfzig Prozent der eigentlichen Arbeit aus. Vielleicht nicht einmal fünfzig Prozent. Der Rest wird für Befindlichkeiten verwendet. Das kann man als verschwendete Zeit verstehen oder einfach akzeptieren. Die Leute wollen gehört werden, denn jeder denkt, dass er etwas zu sagen hat. Und wenn sie das tun sollen, was du von ihnen möchtest, ist es unter Umständen besser, ihnen gut zuzureden, als ihnen zu erklären, sie machten ihre Arbeit falsch und zwar seit Jahren.“

„Aber sie machen ihre Arbeit doch falsch!“

Ich muss lachen.

„Das ist nicht der Punkt.“

„Sondern?“

„Du leitest ein Team und das besteht aus Menschen mit Meinungen und Ansichten und vielleicht sogar einigen Fähigkeiten. Alles davon kann falsch sein oder zumindest nicht das, was du willst oder brauchst. Am Ende aber wirst du diese Leute nicht los, du musst mit ihnen klar kommen, ansonsten verweigern sie die Arbeit und machen dir das Leben doppelt schwer. Und deshalb wirst du manchmal Umwege gehen müssen, um die Befindlichkeiten dieser Leute zu befriedigen. Am Ende brauchst du sie ganz einfach. Ob du willst oder nicht, du bist auf sie angewiesen, egal wie schlecht sie ihren Job erledigen. Dieser Eiertanz gehört dazu, das ist die Arbeit. Oder du kündigst und verschwindest. Das wäre die andere Alternative.“

Jakob stöhnt wie ein verwundetes Tier. In seinem Stöhnen mischen sich Erschöpfung und Wut.

„Hätte ich doch nur meinen Doktor zu Ende gemacht“, sagt er dann und setzt sich wieder neben mich auf den Felsen. „Oder irgendetwas Sinnvolles.“

Ich erwidere nichts.

„Alle, die ich damals kennengelernt habe, sind mittlerweile ganz woanders. Sie schreiben mir aus Kanada oder Israel. Alle haben ihre Arbeit abgeschlossen und manche sogar richtig Karriere gemacht.“

„Du könntest doch sicher wieder einsteigen, oder? Deine Doktorarbeit einfach fortsetzen?“

„Das ist zu lange her. Und ich bin viel zu lange aus allem raus. Ich habe alle Zelte in der Schweiz und in Amsterdam abgebrochen und bin zurückgezogen zu meinen Eltern.“

Ich nicke.

„Und meine Doktormutter ist schließlich auch nicht mehr da.“

„Sie ist nicht mehr am CERN?“

Jakob schüttelt seinen Kopf.

„Sie ist vor drei Jahren gestorben“, erwidert er. „Damals war sie nur ein wenig älter, als ich heute bin.“

„Verstehe.“

„Ich war sogar auf ihrer Beerdigung. Sie bekam Krebs und das wars. Auf dem Friedhof habe ich zum ersten Mal ihren Mann und die beiden Kinder gesehen. Ein paar Monate später war ich weg.“

„Und jetzt bist du hier“, sage ich.

Jakob gibt ein pfeifendes Geräusch von sich.

„Ja. Jetzt bin ich hier.“

Wir schweigen. Ich weiß nicht, was Jakob hinter seinen dunklen Brillengläsern fokussiert, ich aber nehme ein weiteres Mal die Hügel um uns herum in den Blick. Alles ist voller Leben und für einen Moment spüre ich eine tiefe Dankbarkeit, dieses Leben wahrnehmen zu können und selbst am Leben zu sein. In letzter Zeit taucht hin und wieder diese merkwürdige Dankbarkeit den lebendigen Dingen gegenüber in mir auf, ein Gefühl, das mir anfangs fremd war, mich sogar überraschte. Es muss sich irgendwann in mir gebildet haben wie eine Frucht, die im Sonnenlicht reift. Lange Zeit nimmt man sie kaum war, kann sie vom vielen Grün nicht unterscheiden. Und dann platzt etwas auf und man erkennt die Frucht und wundert sich, warum sie einem nicht schon viel früher aufgefallen ist. 

Ich atme tief ein.

„Manchmal glaube ich, mein Leben ist komplett wirr.“

Ich erwidere nichts.

„Ich führe ein wirres Leben. Ein Leben ohne Richtung.“

„Warum glaubst du das?“

Jakob kratzt sich am Kopf. Dann lässt er seine rechte Hand kraftlos auf den Oberschenkel fallen.

„Ich bin vierundvierzig und wohne bei meinen Eltern. Ich habe meine Doktorarbeit geschmissen und ewig im Laden meines Vaters gearbeitet, bis ich den Job in der Bibliothek bekommen habe. Nicht einmal die Leute in der Bibliothek wollten mich, nur die Direktorin hatte etwas für mich übrig und sich deshalb auch für mich eingesetzt. Alle meine Freunde sind verheiratet. Fast alle haben Kinder und führen ein Familienleben. Sie bauen Häuser und kaufen sich größere Autos und haben darüber hinaus keine Zeit mehr übrig. Und ich hänge allein herum und weiß nicht, was ich eigentlich machen soll.“

Ich verstehe Jakob sehr gut. Doch merkwürdigerweise fällt mir in dieser Sekunde keine passende Antwort ein. Und dann taucht ein eigenartiger Gedanke in mir auf.

Darüber bist du glücklicherweise hinaus.

Ich denke an die Geschichte meines Vermieters aus Ludwigsburg zurück. Es gab da einen, der nicht auf die Füße gefallen ist, sein Leben im luftleeren Raum führen musste, bevor er nicht mehr weiterkam. Es gab da einen, der niemals auf die Füße fiel.

Und es gibt Augenblicke, in denen auch das Mitgefühl versagt. Vielleicht versagt es nicht ganz, aber es findet keine Worte. Doch ein Mitgefühl, das sich nicht äußern kann, ist schrecklich. Es ist, als existierte es nicht.

„Dein Leben ist nicht wirr“, sage ich. Ich ringe mir diese stumpfe Antwort regelrecht ab und weiß sofort, dass in ihr keinerlei Hilfe liegt, vielleicht nicht einmal ein schwacher Trost.

Jakob schweigt.

„Vielleicht brauchst du wirklich einen anderen Job“, sage ich dann. „Oder du gehst auf eine Reise oder so etwas.“

„Wohin soll ich denn reisen?“

„Keine Ahnung. Es gibt doch tausend Möglichkeiten. Wie wär’s mit Teneriffa?“

„Ich halte meinen CO2-Abdruck lieber gering.“

„Dann fahr mit dem Zug. Ins Baltikum zum Beispiel.“

„Ich bin nicht gern mit vielen Leuten im Abteil. Und besonders nicht für mehrere Stunden.“

Ich seufze und spüre, dass ich allmählich das Interesse verliere. Ich eigne mich nicht zum Seelsorger, so viel zumindest steht fest. 

„Kein Zug, kein Flugzeug“, erwidere ich.

„Richtig.“

„Das lässt nicht viele Möglichkeiten offen.“

„Ich könnte mit dem Rad fahren.“

„Hast du dazu Lust?“

Jakob setzt den gelben Plastikbecher an seine Lippen und trinkt einen Schluck. Der Kaffee muss mittlerweile kalt sein.

„Keine Ahnung“, sagt er dann.

Ich schweige und nehme die Hügelkette erneut in den Blick. Es fällt mir leicht, meine rudimentären Geografiekenntnisse abzuschütteln, die Vorstellung einer Landschaft und der in ihr befindlichen Siedlungen und Gewerbegebiete. Es fällt mir leicht, diesen Wald, der auf der Hügelkette wächst, ins Endlose zu erweitern, in ein neues Sibirien zu verwandeln, ein Wald, der unerschlossen zehntausende Kilometer umspannt, niemals ein Ende findet, von keinen Straßen oder Wegen durchschnitten wird. Ein endloser Wald, der nichts Gefährliches besitzt, sondern beruhigend wirkt in seinem eisernen Schweigen. Die Bäume fließen sanft über die Hügel und in die Täler hinein, immer weiter, bis sie an so etwas wie eine natürliche Grenze stoßen. An einen breiten Fluss, einen noch breiteren See. An den Ozean oder das Meer.