Mittwoch, 13. Oktober

Ich laufe durch den Regen nach Hause. Der Regen fällt seit dem frühen Morgen und hat nur gegen Mittag eine halbe Stunde lang ausgesetzt. Kurz vor sieben, als der Hinterhof noch dunkel lag, konnte man ihn durch das geschlossene Schlafzimmerfenster nicht hören, doch nachdem ich es geöffnet hatte, spülte sein Rauschen alle Geräusche in der Wohnung davon. Mit einem Mal gab es das Klappern der Tassen nicht mehr und auch nicht das Rütteln der Spülmaschine, die K eben angestellt hatte, obwohl das gesamte Haus noch schlief. Alles ging im Regen unter. Selbst die Zimmerlampen nahmen eine andere Färbung an, als hätte der Regen nicht nur Einfluss auf die Dunkelheit im Hof, sondern auch auf das künstliche Licht. Vielleicht sollten wir die Glühbirnen wechseln, dachte ich kurz, vielleicht geben die Glühbirnen bald ihren Geist auf und wir bleiben im Dunkeln zurück. Ich dachte an einen Leuchtturm auf einer Steilküste, dessen Licht ganz plötzlich verlöscht. In einem Moment ist er aus weiter Distanz mit den bloßen Augen noch zu erkennen und in der nächsten Sekunde ist er verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben.

Kurz vor unserer Haustür fällt mir ein Mann auf der anderen Straßenseite auf. Er ist ziemlich groß, etwa sechzig Jahre alt, trägt einen schwarzen, knielangen Mantel und eine graue Wollmütze. Seine Klamotten sind sauber und ordentlich, aber aus der Mode gekommen und ein wenig abgetragen, was ich selbst durch den strömenden Regen hindurch erkenne. Er wird diesen Mantel seit fünfzehn oder zwanzig Jahren tragen und hält ihn doch in aufmerksamer Ordnung. Im Frühling hängt er ihn in den Schrank und holt ihn im Herbst wieder aus demselben Schrank hervor. Wahrscheinlich ist es sein einziger Wintermantel und wäre nicht so einfach zu ersetzen.

Der Mann trägt eine rote Stofftasche und nimmt mich kaum wahr. Er hat seine Hände vor der Brust gefaltet, als versuchte er sie unter seinem Atem zu erwärmen, was mir eigenartig vorkommt, dann aber sieht es wiederum auch so aus, als würde er ein Gebet sprechen, was noch verrückter ist. Ein Gebet, hier, mitten auf der Straße und im strömenden Regen. Als ich an ihm vorbeilaufe, fällt mein Blick auf die rote Stofftasche, die an seiner Schulter baumelt. Lenins Portrait ist in schwarzer Farbe auf den Stoff gedruckt und streckt die rechte Hand zur Faust geballt in die Luft. Lenin sieht weder mich, noch den Mann, noch sonst jemanden an. Er schaut in die Ferne, schaut auf einen Fleck, den niemand außer ihm selbst erkennen kann und überblickt doch scheinbar alles zugleich. Er hält noch immer die Zukunft fest im Blick, das neue Leben, wahrscheinlich sogar den neuen Menschen, auf den schon längst niemand mehr wartet. Das Verfallsdatum des neuen Menschen ist seit längerem abgelaufen. Doch davon ahnt der Mann in seinem alten Wollmantel nichts. Oder er hat es irgendwann einmal geahnt und nun ist es ihm ziemlich egal.

Ich laufe an Lenin vorbei, der mich nicht sieht, dafür aber weiter stoisch in Richtung Zukunft blickt und schließe unsere Haustür auf. In der Wohnung lege ich meine nassen Sachen ab, hänge die triefende Regenjacke an die Garderobe im Flur, ziehe meine Schuhe aus und hole Zeitungspapier unter der Spüle hervor, um sie damit auszustopfen. Im Schlafzimmer steige ich aus meinen Klamotten, zuerst aus den nassen Socken, danach aus der Hose und schließlich dem flaschengrünen Pullover. Meine Zehen sind eiskalt, ich gehe ein paar Schritte über das Parkett, das ebenso kalt ist, stelle dann die Heizung auf eins und schließlich auf eineinhalb. Alles über zwei führt zu tropischer Hitze, als hätte man sich in ein Palmenhaus verirrt. Die Fenster beschlagen, Dampf steigt auf und die Wohnung verwandelt sich innerhalb kürzester Zeit zum Treibhaus, in dem man nur im T-Shirt überleben kann. Das Thermostat auf Stufe drei oder gar vier zu drehen, ist völlig unvorstellbar.

Simon hat während unseres Studiums häufig von Lenin gesprochen, denke ich dann und setze mich an meinen Schreibtisch. Roland hat von Lenin gesprochen, aber das alles ist jetzt fünfzehn Jahre her. Und schon damals habe ich das Gerede kaum ertragen. 

Eine Zukunft, in der niemand auf der Strecke bleiben muss, das ist wunderbar, dafür sollte man vielleicht sogar kämpfen. Allerdings gibt es immer die anderen, die währenddessen auf der Strecke bleiben. Einige haben es vielleicht sogar verdient. Die meisten wahrscheinlich nicht. 

So in etwa hat sich Jakob an einem Herbstnachmittag im Morgenrot ausgedrückt, einem Café in Berlin. 

„Die Geschichte kennt nur Sieger und Verlierer“, sagte er, „das ist natürlich wahr, aber nach einhundert oder zweihundert Jahren kann keiner mehr so genau sagen, wer nun eigentlich gewonnen hat und wer verloren. In den meisten Fällen zumindest.“

Alle am Tisch schwiegen.

Jakobs Theorie hinkte ein wenig, aber auch ich sagte nichts und griff stattdessen nach meiner Kaffeetasse.

Die Bäume auf der Kastanienallee standen im Herbstlaub, die Blätter leuchteten rot, gelb und orange in der Sonne. Unter einem bestimmten Winkel ähnelten die glühenden Blätter manchmal einem Stück Haut, das durchleuchtet wird und feine Adern erkennen lässt. Vielleicht war es Samstag. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es ein Samstag gewesen sein muss.

„Aus der Entfernung“, setzte Jakob fort, „macht man sich darüber natürlich keine Gedanken. Außerdem verliert die Aufteilung in Opfer und Sieger irgendwann einfach an Gewicht.“

„An Gewicht?“, fragte Roland.

„Die Zeit macht alle gleich.“

„So ein Quatsch“, schaltete sich Simon ein. „Es gibt ja wohl einen großen Unterschied, ob du im Lager stirbst oder das Lager bewachst.“

„Auch nach einhundert Jahren?“

„Selbstverständlich.“

„Nach tausend?“

„Warum sollte die Zeit etwas an der Verteilung der Rollen ändern?“

Jakob zuckte mit den Schultern.

„Das tut sie doch ständig“, sagte er.

Ich stellte meine Kaffeetasse wieder auf dem Holztisch ab.

Wir saßen ziemlich allein auf dem Bürgersteig. Die Bewohner des Viertels liefen vor uns durch die Sonne, Frauen, Männer, Kinder, Leute in unserem Alter. Manche begegneten meinem Blick, andere schienen mit sich selbst beschäftigt zu sein. Die Sonne verfing sich manchmal hinter hellen Wolken, die ein starker Wind eilig über den Himmel trieb. Es fehlte nicht viel und sie würde hinter dem Dach des gegenüberliegenden Hauses verschwinden.

Ich trug eine neue schwarze Jacke mit Tartan-Innenfutter und kam mir aus irgendeinem Grund sehr gefährlich vor. Ich hatte sie über das Internet direkt aus England bestellt und eine Menge Geld dafür bezahlt. Ein waschechter britischer Donkey mit Schulterbesatz in Lederoptik, das war schon was. Das rot-grüne Karomuster des Futters erinnerte mich an die zahllosen Nazischläger, die in meiner Jugend Thüringen unsicher gemacht hatten und vor denen ich mit meinen Freunden ständig auf der Flucht gewesen war. Mittlerweile arbeiteten die meisten von ihnen bei der Polizei oder auf dem Bau, aber damals hatte es kaum ein Wochenende gegeben, an dem sie in der Innenstadt nicht Jagd auf Linke oder Ausländer gemacht hatten. 

Zufälligerweise erinnerte ich mich im Café an ein Wort aus dieser Zeit. Die Mädchen der Hooligans trugen kahlgeschorene Schädel, wobei sie sich eine Art Pony mit langen Schläfenlocken stehen ließen, was in Nazikreisen wohl der letzte Schrei in Sachen Frisuren um Zweitausend herum gewesen sein muss. Wenn ich mich richtig erinnerte, nannten meine Freunde diese Mädchen weenies.

„Warum hießen die Hooliganmädchen eigentlich weenies?“, fragte ich.

Alle am Tisch sahen mich an.

„Wie kommst du jetzt ausgerechnet darauf?“, fragte Simon.

„Ist mir gerade so eingefallen.“

„Also wir versuchen hier eine wichtige geschichtsphilosophische Debatte zu führen“, sagte Roland mit einem Lächeln, „und dann kommst du mit einer Frage zum Glossar. Das ist ja wohl nicht zu fassen.“

„Aber die Mädchen hießen doch weenies, oder etwa nicht?“

„Kann schon sein“, sagte Simon.

„Und warum?“, fragte ich.

Keiner antwortete.

„Das macht wahrscheinlich auch der zeitliche Abstand“, sagte ich. „Das große Vergessen.“

Wir schwiegen uns an.

„Jedenfalls“, schob sich Jakob nach einer Pause zurück ins Gespräch, „möchte ich eigentlich bloß festhalten, dass die Geschichte eine riesige, monumentale Grauzone ist und viel weniger eindeutig, als wir immer denken. Oder man es uns beigebracht hat.“

„Das ist ja wohl unstrittig“, sagte Roland.

„Ist es das?“

„Ich denke schon.“

„Lenin zum Beispiel“, setzte Jakob fort. „Man kann sagen, was man will, aber ob man Lenin nun zu den Bösen oder den Guten rechnen soll, ist ja wohl nicht mehr eindeutig festzustellen.“

„Was soll das denn heißen?“, fragte Simon.

„Man kann Lenin als Vorreiter und Revolutionär betrachten“, erklärte Jakob, „der die kommunistische Utopie versuchte Wirklichkeit werden zu lassen, um den ausgebeuteten Massen des Hochkapitalismus so etwas wie ein Leben zurückzugeben. Ein Leben, das es für sie doch längst nicht mehr gab. Oder man sieht in ihm den Wegbereiter Stalins und was Stalin mit dem Staat angefangen hat, den er übernahm, ist ja bekannt. Das Gulag.“

„Du kannst Lenin ja wohl kaum für Stalins Unternehmungen verantwortlich machen“, entgegnete Simon.

„Ohne Lenin hätte Stalin niemals jene Mittel für seine Terrorherrschaft vorgefunden. Einen funktionierenden Staat und eine übereifrige Bürokratie. Die brauchte es ja für das Netz der Lager. Ohne Lenin also kein Gulag.“

„Wieso sollte das zusammenpassen?“

„Weil es Ursache und Wirkung gibt. In der Geschichte greift alles ineinander.“

„Aber Lenin hat doch selbst vor Stalin gewarnt“, warf Roland ein.

„Das ist egal.“

„Egal?“

„Ich will eigentlich auch nur sagen“, lenkte Jakob ein, der sich auf dünnem Eis bewegte, „dass heute jeder mit Lenin machen kann, was er will. Trotz Lenins Schriften, der Geschichtsschreibung und den hunderttausend Regalmetern, die über die russische Revolution geschrieben worden sind. Es gibt keinen objektiven Lenin mehr. Es gibt nicht einmal mehr den Menschen Lenin, das heißt, die Erinnerung an einen ganz konkreten Menschen, der in einem plombierten Zugabteil nach Zürich ins Exil gefahren ist. Dieser konkrete Mensch ist nicht einfach nur verschwunden, weil er am einundzwanzigsten Januar Neunzehnhundertvierundzwanzig gestorben ist, sondern weil die Zeit, beziehungsweise der Abstand von knapp einem Jahrhundert, ihn gelöscht hat. Neunzehnhundertdreißig hat es diesen konkreten Menschen noch gegeben, aber heute, im Jahr Zweitausendundsechs, gibt es ihn nicht mehr. Es gab ihn sozusagen nie. Natürlich nur von unserem heutigen Standpunkt aus. Lenins objektive Wahrheit hat sich in Luft aufgelöst. Er ist nur noch eine Variable in einer Gleichung. Eine Art Fiktion.“

Ich atmete erschöpft aus, wobei es wie ein Seufzen klang.

„Alles in Ordnung, Genosse?“, fragte Roland mit seinem Lächeln.

Ich nickte, ohne ein Wort zu erwidern.

Die anderen nahmen die Unterhaltung bald wieder auf, aber ich hörte nicht mehr zu. Normalerweise überfiel mich in solchen Gesprächen häufig der Drang, mitzuhalten, mitzudiskutieren und damit nervös unter Beweis zu stellen, dass ich verstand, worum es ging, dass ich kluge, eigene Gedanken hatte und mich eloquent erklären konnte. Doch an diesem Nachmittag hatte ich darauf einfach keine Lust. 

Stattdessen beobachtete ich die Straße und die Menschen, die an uns vorbeiliefen, ohne auf eines unserer Worte zu achten. Unsere Worte waren überflüssig. Sie waren flüchtig, sie waren weder wahr noch falsch, sie waren so etwas wie der Rauch einer Kerze, die nach einer Party ausgeblasen wird. 

Statt aufzustehen und etwas zu erleben, sprachen wir über einen toten Russen in einem ebenso toten Staat. Vor uns spazierte das Leben auf und ab, das Leben in all seiner unwahrscheinlichen Pracht, die sich auf die Entfaltung einer Möglichkeit gründete. 

Aufstehen, sagte ich mir, ein Mädchen anhalten, ihre Hand nehmen, ohne ein Wort zu sagen. Das Verständnis kommt ohne Worte aus. Mein Blick und diese Berührung genügen.

Doch ich blieb sitzen, während die anderen ein neues Thema fanden und über ihre Seminare und Vorlesungen zu sprechen begannen. Plötzlich sehnte ich mich zurück in mein Zimmer im Wedding, das nachts von einer Maus heimgesucht wurde. Ich hatte eindeutige Spuren gefunden, aber es nicht über das Herz gebracht, die frisch gekauften Mausefallen länger als eine Nacht aufzustellen. Roland sprach bereits von einem Kammerjäger, aber ich sah nur diese Maus, die über eines der Heizungsrohre schlich. Ein winziger Körper, dessen Gewicht man wahrscheinlich kaum in der eigenen Hand spüren würde. Eine namenlose Maus, die durch unsere Wohnungen schlich.

Ein Windstoß spülte einen Plastikbecher klappernd über das Pflaster und schreckte mich auf. 

Zurück zur Gemeinschaft der Mäuse, dachte ich dann und suchte in meiner Hosentasche nach Geld, um mich nach einem der Kellner umzusehen.