Sonntag, 10. Oktober

Es ist kurz vor elf. Es ist Sonntag, ein Sonntag im Oktober. Jemand zieht eine Wohnungstür hinter sich ins Schloss und läuft durch das Treppenhaus, von dem mich unsere Schlafzimmerwand trennt. Es hört sich nach eiligen Schritten an, vielleicht hat derjenige, der gerade die Treppen nach unten läuft, eine Verabredung und wird sich verspäten. Ich halte die Fenster geschlossen, denn draußen ist es kalt, obwohl die Sonne in den Hinterhof fällt. Die Sonne verliert mit jedem Tag an Kraft, wir haben die zweite Hälfte des Jahres längst erreicht und auf der Südhalbkugel beginnt wahrscheinlich gerade der Sommer. Über den Sommer auf der Südhalbkugel mache ich mir selten Gedanken, er fällt mir nur dann ein, sobald ich zufällig um Weihnachten herum auf australische Weihnachtsmänner im Fernsehprogramm stoße, die am Strand eine Party feiern, eiskaltes Bier trinken und dicke Rindersteaks grillen. Merkwürdigerweise sind im Hintergrund der Aufnahmen immer Surfer zu erkennen, die von den Wellen des Pazifiks in Richtung Strand getragen werden. Aus der Entfernung sieht es so aus, als spülte die Brandung Strandgut in Richtung Küste, besonders dann, wenn es die Surfer von ihren Brettern hebt. Große Bündel unzerstörbarem Plastiks, die von der Gischt an Land getragen werden.

Das Licht, das von der Sonne ausgeht, erreicht die Erde nach knapp achteinhalb Minuten. Wir laufen durch verspätete Sonnenstrahlen, zwischen dem Entstehen der Strahlen und ihrer Ankunft bei uns liegt eine fast zehnminütige Trennung, eine sehr präzise und glückliche Trennung, die das Leben möglich macht. Die Erde dreht sich um ihre Achse, dadurch entstehen Tag und Nacht. Ihre Neigung ist einer der Gründe für den Wechsel der Jahreszeiten. Das alles ist eigentlich gar nicht so kompliziert, aber ich brauche doch immer ein paar Bilder und einfache Erklärungen, um wirklich zu verstehen, warum der Himmel blau ist, die Erde geneigt und es die Jahreszeiten und nicht einfach nur einen permanenten, niemals endenden Sommer oder Winter gibt.

Ich stehe vom Schreibtisch auf und laufe in die Küche, leere den Filter des Espressokochers in den Mülleimer aus und setze neuen Kaffee auf. Dabei fällt mein Blick auf meine Uhr. Es ist halb zwölf. Ich halte meine kalten Hände über das rot glühende Kochfeld auf dem Herd. In der Mitte des leuchtenden Kreises steht der Espressokocher und blubbert leise vor sich hin und ich fühle mich, als würde ich meine Finger über einer brennenden Tonne unter einer Brücke wärmen, während über mir der Verkehr einer namenlosen Stadt in verschiedene Richtungen tobt. Ich höre auf die Geräusche der Fahrzeuge und versuche zu erraten, wie das Ziel aussieht, auf das sie sich zubewegen. Und plötzlich kommt mir der Gedanke, dass am Ende alle Ziele vielleicht nichts weiter sind als unser geheimer Wunsch, es müsse diese Ziele unbedingt geben. Ohne diese Ziele ergäben weder der Verkehr, noch die Stadt oder unser Leben einen Sinn. 

Zurück am Schreibtisch mache ich eine einfache Übung und zähle die verstreichenden Sekunden. Ich komme bis achtunddreißig, dann schweifen meine Gedanken ab und ich schaue nach rechts in den Hinterhof. Eine junge Frau hängt auf einem der gegenüberliegenden Balkone frisch gewaschene Wäsche in das milde Licht. Sie hängt diese Wäsche in Strahlen mit zehnminütiger Verspätung und diese Verspätung macht keinerlei Unterschied. Sie sollte einen Unterschied machen, denke ich, jede Verspätung macht schließlich einen Unterschied, meist wirkt sie sich in irgendeiner Form negativ für uns aus und verlängert das Warten. In diesem Augenblick aber schlägt sich die Verspätung auf unsere Seite und wenn nicht auf unsere Seite so doch zumindest auf die Seite dieser jungen Frau auf dem Balkon, die gerade ihre Wäsche mit ruhigen, wie einstudiert wirkenden Bewegungen auf die Leinen hängt, als vollführte sie dort oben im vierten Stock einen selbstvergessenen Tanz, der sich an niemanden richtet. Und während sie das tut, wende ich mich wieder zurück in Richtung Schreibtisch und denke an die Sekunden, die ich zu zählen versuche. Doch das Ergebnis will mir einfach nicht mehr einfallen und deshalb lehne ich mich zurück, spüre die langsam in meine Finger zurückkehrende Kälte und beginne von vorn. Achteinhalb Minuten ergeben knapp fünfhundert Sekunden und ich fange bei eins an und zähle hinauf, schaue zurück in Richtung Balkon und auch die Frau steht weiterhin da und hängt die Wäsche ungerührt ins Licht, eine Flut an Wäsche, die vielleicht niemals ein Ende nimmt, wie ich mir sage, die unerschöpflich bleibt.