Mittwoch, 6. Oktober

Jetzt hält sich die Dunkelheit am Morgen wieder eine ganze Zeit vor unseren Fenstern auf, als umklammerte sie die Äste der Birke und der Buche. Nach einigen Minuten geht das Schwarz in ein tiefes Blau über, ein Blau, hinter dem eine zweite, violette Ebene vibriert. Die Dunkelheit verliert zunächst an Kraft und dann an Tiefe, die Flanken der Gebäude zeichnen sich ab, die Balkone am gegenüberliegenden Haus tauchen aus der Finsternis auf und kurz danach zerfällt die Nacht in einen grauen Bereich, der den Tag ankündigt, selbst aber nichts mit ihm zu tun hat. Das Grau weist bloß auf etwas hin und noch bevor die ersten Rollläden laut in ihre Kästen hinauf gezogen werden und ich aus unserem Bett steige, sieht es draußen für einige Sekunden danach aus, als könnte sich eine Umkehr ereignen, als würde nicht besonders viel fehlen, um den gewohnten Ablauf der Ereignisse in sein Gegenteil zu verkehren. Dann zöge sich der Tag zurück und die Nacht kehrte wieder in den Hof, breitete ihr Indigo über uns wie eine weite, ziemlich schwere Schleppe aus. Die Erde würde sich in die entgegengesetzte Richtung drehen, die Zeit ihre Form und das Alltägliche seine mehr oder weniger verbindliche Macht einbüßen. Alles kehrte so um, kehrte zum Ausgang zurück.

* * *

Wir nehmen Platz und warten auf einen Kellner. Aus den Lautsprechern des Restaurants dringt etwas, das an traditionelle mexikanische Musik erinnern soll. Wir sitzen zu sechst an einer langen Tafel mit aufgemalten Kacheln unter Wachstuch und schweigen uns an. Eine jüngere Frau, die nicht zu unserer Abteilung gehört, sitzt mir gegenüber. Wir versuchen beide, am jeweils anderen vorbeizusehen.

Ich schaue über die Köpfe meiner Kollegen hinweg nach draußen auf ein graues Bürogebäude mit runden Fenstern. Es wirkt genauso grau wie dieser verregnete Tag. Die Menschen sind mit Schirmen unterwegs, die ersten haben bereits Mützen auf und tragen dickere Jacken. Auf dem Weg zum Restaurant hätte mich vor einer Kreuzung ein Streifenwagen fast über den Haufen gefahren. Der Polizist am Steuer hielt erschreckt die Hände in die Höhe und entschuldigte sich nervös, was mir aus irgendeinem Grund wie das verfrühte Eingeständnis seiner Schuld erschien, die noch nicht zweifelsfrei bewiesen war.

Während ich an das Gesicht des Polizisten denke, schweigen sich meine Kollegen hartnäckig an. Früher hätte mich ein solches Schweigen, dem das plötzliche Bewusstsein für die Künstlichkeit einer Gemeinschaft zugrunde liegt, die sich zufällig an einem Arbeitsplatz gebildet hat, unruhig auf meinem Stuhl vor und zurück rutschen lassen. Allerdings macht mir das mittlerweile nichts mehr aus.

An diesem Tisch verbindet mich mit niemandem etwas, denke ich. Zumindest nichts, was in die Tiefe geht. 

Wir interessieren uns wahrscheinlich für ähnliche Themen, wir mögen sogar ein paar Sachen gemeinsam haben. Doch sobald ich meine Unruhe ansprechen würde und den Wunsch, in dieser Sekunde an einem völlig anderen Ort zu sein, etwas ganz anderes zu tun, vielleicht zu schreiben, vielleicht alles zu vergessen, sähe die Geschichte anders aus.

Würde ich schon morgen keinem der anderen mehr begegnen, wäre das weder schmerzhaft noch traurig. Es machte mir ganz einfach nichts aus.

Ich bin mir sicher, dass in diesem Gedanken etwas Unverhältnismäßiges liegt.

Dabei sind mir die anderen sogar einigermaßen sympathisch.

* * *

In einem Roman, der ich gerade lese, stehen plötzlich zwei Monde am Himmel.

„Zwei Monde“, sage ich zu K, „das ist doch nicht zu fassen.“

„Das würde ich auch gerne sehen“, antwortet sie. „Zwei Monde in der Nacht sind doch sicher sehr schön.“

„Das kommt darauf an.“

„Worauf denn?“

„Ob der zweite Mond am Ende wirklich schön ist. Er könnte ja zum Beispiel auch giftgrün und winzig sein.“

„Du gehst immer vom Schlechten aus. Das liegt daran, dass du ein Pessimist bist.“

„Es macht doch keinen Sinn, zwei mal den gleichen Mond am Himmel zu haben. Nebeneinander meine ich.“

„Ich fände das nicht schlecht.“

„Ich habe lieber einen Mond als zwei mal den gleichen.“

„Weil du ein Pessimist bist.“

„Das hat doch damit nichts zu tun.“

„Du möchtest einfach keine Veränderung.“

„Da wäre ich mir nicht so sicher.“

K schaut mich herausfordernd an.

Ich möchte eigentlich alles, aber das spreche ich nicht aus. Ich möchte die Veränderung, das Grenzenlose, ich lehne den Kompromiss und das Zufriedensein ab. Warum, habe ich nie verstanden und mit den Jahren auch nur ansatzweise entschlüsseln können. In manchen Augenblicken würde ich mich gern auf die Seite der Verbrecher schlagen, einer sein wie Jean Genet, aber dazu tauge ich natürlich nicht. Meine Konstitution entspricht noch immer der eines durchschnittlichen mitteleuropäischen Studenten, obwohl ich in den Tropen gewesen bin und über den Äquator hinaus. Das teile ich mit Roberto Bolaño, der bis zu seinem Tod nicht sagen konnte, ob er das Schriftstellerdasein lieber mit dem Leben eines Kommissars oder Verbrechers vertauscht haben würde.

* * *

Es gab eine Zeit, in der eine gemeinsam mit Kollegen verbrachte Mittagspause das Gegenteil des Lebens war. Im Leben musste alles echt sein, es durfte keine Lüge geben, keine Verstellung, kein aufgesetztes Lächeln. Ein erzwungenes Gespräch erstickte das Leben, das Leben konnte in der Lüge nicht existieren. Aber das Leben ließ sich in beide Richtungen verlernen. Sowohl in Richtung der Kompromisse, was stets zur Abkehr vom Authentischen führte, als auch in Richtung der eigenen Engstirnigkeit. Die eigene Engstirnigkeit brachte das Leben zum Stocken, es trocknete das Leben aus wie anhaltende Dürre einen Bach. Die Engstirnigkeit nahm dem Leben die Luft.

* * *

Nur die Augen der jungen Frau sind zu erkennen, da eine blaue OP-Maske den Großteil ihres Gesichts verdeckt. Ihre dunkelbraunen Augen sind auf mich gerichtet. Sie blickt mich fragend an.

Ich bestelle etwas mit Reis und Hühnchen und dazu einen Zitroneneistee und weiß im selben Augenblick, dass ich überhaupt nichts davon haben will.

Zitroneneistee, fluche ich innerlich, so was habe ich zuletzt mit fünfzehn getrunken.

Die anderen am Tisch bestellen hausgemachte Limonade und unterhalten sich über die Schwierigkeit, Säure und Süße bei einer selbst hergestellten Limonade ins Gleichgewicht zu bringen. Ich sehe staunend die Gesichter in der Runde an und kann nicht glauben, dass alle etwas zu dieser kniffligen Angelegenheit beizutragen haben. Offensichtlich hat hier jeder schon einmal hausgemachte Limonade hergestellt.

Die junge Frau, die mir gegenübersitzt, beginnt vom neuen James-Bond-Film zu erzählen, den sie sich bald im Original ansehen möchte, denn schließlich sei es Daniel Craigs letzter Film der Reihe. Meine James-Bond-Kenntnisse sind mit Pierce Brosnan eingeschlafen, aber das verschweige ich lieber, denn in kürzester Zeit entspinnt sich eine wirklich ausufernde Unterhaltung über das ausgeklügelte Verhältnis von Actionszenen und übriger Handlung, die mich stark an die Limonadendiskussion erinnert.

Ich schalte ab, versuche mich auf die mexikanische Folklore zu konzentrieren, die noch immer aus den Lautsprechern schallt und denke plötzlich an die beiden Labradorwelpen in Mexico City. Sie hießen Bonny und Clyde, waren noch ganz jung und wuselten in der Wohnung von Eli und Maria ständig um uns herum. 

Eli war für Maria aus New York in die mexikanische Hauptstadt gezogen und wollte mich partout nicht verstehen, als ich von unserer Autofahrt durch das verregnete Death Valley sprach. Im Januar waren die Temperaturen auch dort erträglich. Die Salzseen hinter dem Rainbow Canyon leuchteten wie Schneefelder unter einem bleischweren Himmel, der ebenso wenig eine Grenze fand wie die Landschaft, die sich vor uns ausbreitete.

Wo wir gewesen seien, fragte mich Eli.

Im Death Valley, antwortete ich.

Im was?

Im Death Valley, wiederholte ich und versuchte die beiden Worte so präzise wie möglich auszusprechen.

Das musst du mir buchstabieren, sagte er.

Du nimmst mich auf den Arm, dachte ich, begann aber trotzdem die Buchstaben aneinanderzureihen.

„Ah, you mean Death Valley!“, rief er mit einem Mal.

„That’s what I said“, antwortete ich perplex.

Meiner Meinung nach unterschied sich meine Aussprache in keiner Weise von seiner Version.

Eli, der eine Baseballmütze der New York Yankees aus schwarzem Leder trug, hatte das Death Valley nie gesehen. Fast sein gesamtes Leben hatte er an der Ostküste der USA verbracht.

Mexiko reicht mir, sagte er. Ich brauche das Death Valley nicht unbedingt. 

Ich nickte, als würde ich verstehen, was er damit sagen wollte und hakte nicht weiter nach.

* * *

Am Abend schiebe ich K auf ihrem Longboard am Fluss entlang. Sie steht auf dem Brett, das ich ihr zum Geburtstag geschenkt habe und lässt sich von mir im Schritttempo über den Asphalt schieben.

„Ich habe wieder angefangen, Tagebuch zu schreiben“, sagt sie.

„Das ist gut“, antworte ich.

„Aber ich schreibe nicht viel. Nur ein paar Zeilen.“

„Trotzdem gut.“

„Ich denke auch.“

Sie lenkt auf dem Brett nach rechts und wir weichen einem Schlagloch aus.

Mir fällt etwas ein.

„Hast du nicht im Januar oder Februar schon Tagebuch geschrieben?“

Sie nickt.

„Ich bin mein Notizheft heute durchgegangen und schon im März hören meine Einträge wieder auf.“

„Und warum?“

„Weil ich plötzlich nur noch über die Arbeit geschrieben habe.“

„Verstehe.“

K macht sich von mir los, schiebt mit einem Bein ihr Longboard an und nimmt eine Reihe von kleinen Bodenwellen mit Schwung. Am Rand des asphaltierten Wegs wächst eine alte Linde und die Wurzeln der Linde haben den Weg aufgeworfen und eine Abfolge von asphaltierten Wellen hervorgebracht.

Während K davon fährt und geschickt die Wellen nimmt, sammeln sich über uns Hunderte von Vögeln in einem Hochspannungsmast. Sobald der Wind für einen Moment aussetzt und das Rauschen des Laubs unter der Linde verstummt, höre ich ihr aufgeregtes Geschrei, das mit den stetig kürzer werdenden Tagen in Verbindung steht.

Die Vögel bereiten sich auf ihre Abreise vor, sage ich mir. Sie werden unruhig und rastlos, es zieht sie unaufhaltsam von ihren Sommerplätzen weg in Richtung Süden. 

Ich frage mich, ob sie etwas Genaues vor Auge haben, das über den blinden Instinkt des Verschwindens hinaus geht.

Vielleicht ahnen sie etwas, doch der Ort bleibt in Nebel gehüllt. Er bleibt ein ungefähres Gebiet.