Freitag, 1. Oktober

Vor uns liegt ein Weg, den ich viele Male vom Zugfenster aus gesehen habe. Damals fuhr der Zug von Berlin nach Potsdam und der Weg lag unsichtbar hinter hohen Kiefern versteckt. Nur an einigen Streckenabschnitten tauchte er unvermittelt auf, zog sich aber in der nächsten Sekunde wieder hinter die schlanken Kiefernstämme zurück. Der Boden war sandig und voller Nadeln und das Gleis führte schnurgerade durch diesen Wald, als hätte man die Strecke mit Lineal und Bleistift auf einem Blatt Papier gezogen und sich über die Ausformungen der Landschaft keine größeren Gedanken gemacht. Vielleicht tauchte der Kiefernwald sogar erst später in den Überlegungen der Planer als Umstand höherer Ordnung auf, als riesiger, merkwürdiger Zufall. 

Der Teil des Landes, in dem wir uns befinden, ist ein anderer, ansonsten aber wirkt alles gleich. Es fiele nicht schwer, diese Landschaft mit der anderen zu verwechseln und umgekehrt, was kein geringer Vorteil ist. Somit besteht noch immer die Möglichkeit, dem unsichtbaren Weg hinter den Kiefern zu folgen, als würde ich weiterhin unter der Woche mit einem Regionalexpress von Berlin nach Potsdam fahren, als lägen all die Jahre nicht zwischen mir und diesem Pfad. Der Wald und die Wege ähneln sich und diese Ähnlichkeit, sage ich mir, stellt einen Zugang dar, eine Durchfahrt beispielsweise, hinter der sich nicht mehr zweifelsfrei sagen lässt, auf welchem Weg man sich nun eigentlich befindet. Hier und Dort haben ihren Inhalt getauscht.

* * *

„Jedenfalls“, sage ich zu K, die nach unserer Wanderung mit rotem Gesicht neben mir steht und ziemlich aus der Puste gekommen ist, „habe ich diesen Waldweg immer nur vom Zug aus gesehen und mir vorgestellt, wie schön es wäre, mit jemandem zwischen den Kiefern unterwegs zu sein.“

„Ach ja?“, antwortet sie, stemmt die Hände in ihre Hüfte und atmet tief durch.

Ich nicke.

„Aber ich bin nie ausgestiegen. In der Nähe gibt es auch keinen Bahnhof.“

„Aha.“

„Man müsste wahrscheinlich vom Wannsee aus loslaufen“, überlege ich und versuche in mir erfolglos eine topographische Karte der Region wachzurufen, „und dann würde man sicher ganz automatisch auf diesen Weg stoßen.“

Wir sehen uns um. 

Die Kiefern stehen stumm in greifbarer Nähe, kein Wind rüttelt sie aus ihrem Schlaf. Sie lassen die Köpfe zwar nicht wie Trauerweiden sinken, scheinen aber alles darauf anzulegen. Der Wald wirkt ein wenig melancholisch, selbst im Sonnenlicht. Vielleicht liegt das an der Kälte der Luft, die den nahenden Herbst ankündigt. Ein schwacher Geruch von mit Kiefernnadeln vermischtem Sand macht sich noch immer bemerkbar, aber er besitzt nicht mehr jene Intensität, die eine kräftige Sonne im Hochsommer entstehen lässt.

„Kannst du noch?“, frage ich.

„Noch ein bisschen“, antwortet K.

* * *

Wir folgen dem Weg für eine halbe Stunde. Die Kiefern stehen nicht besonders dicht, man kann weit in den Wald hinein sehen, doch irgendwann ist auch hier Schluss und die Bäume verstellen mir die Sicht auf das, was hinter ihnen liegt. Ich muss mir den Hintergrund dazudenken, den Himmel, einen Fluss, ein paar Felder, alles sehr flach, ein unfassbar flaches und altes Gebiet und davor ein Netz aus Kiefernstämmen in sehr gleichmäßigem Abstand, die mir die Sicht auf diesen Hintergrund versperren.

Es ist noch etwas kühler geworden. 

Im Wald ist es immer kühler, sage ich mir, selbst in einem Kiefernwald, in dem die Bäume voneinander Abstand nehmen. Wahrscheinlich stellt die Kiefer im Reich der Nadelbäume eine Ausnahme dar. Sie lässt die Gemeinschaft zwar zu, kümmert sich aber auch nicht besonders um sie. Sie ist ein wenig eigenbrötlerisch, hegt eine gewisse Abneigung gegen alles, was ihr zu nahe tritt. In gewisser Weise, kann ich sie gut verstehen. Vielleicht aber liege ich mit meiner naturkundlichen Interpretation auch völlig falsch.

Wir erreichen eine Kreuzung, an der sich der Waldweg in zwei unterschiedliche Pfade teilt. Einer führt direkt in den Wald, der andere führt weiter parallel an den Bahngleisen entlang. Es gibt kein auf Wanderer ausgelegtes Schild mit den Namen von Dörfern, Sehenswürdigkeiten und Distanzangaben, so dass ich erstmal nicht weiterweiß.

„Sollen wir den Schienen folgen?“, frage ich.

K mustert beide Wege intensiv, ohne etwas zu erwidern. Ich kann nicht sagen, wonach sie Ausschau hält, um zu einer Entscheidung zu gelangen. Für mich sehen beide Wege ziemlich gleich aus. Es geht nur darum, einen Abzweig zu nehmen oder dieser Strecke weiter zu folgen, wie wir es seit einer halben Stunden tun.

„Lass uns abbiegen“, sagt sie schließlich.

„Bist du sicher?“

„Warum fragst du mich, wenn du weiter geradeaus willst?“

„Das war eher eine rhetorische Frage. Nur um sicher zu gehen.“

„Abbiegen“, sagt K kategorisch.

„Alles klar. Dann los.“

* * *

Auf diese Weise geht dein lange gehegter Traum in Erfüllung, sage ich mir. Die Kiefern umgeben uns, sie wachsen vor uns und hinter uns, links und rechts neben dem Weg. Ihre Wipfel stehen über unseren Köpfen und zwischen ihnen ist der irritierend blaue Himmel zu sehen. Ein Himmel, der sich zurückgezogen hat und von uns nicht unbedingt etwas wissen will. Ein Himmel, der gut ohne uns auskommen könnte, der sich für unsere Belange kaum interessiert.

Mit einem Mal halte ich an.

„Hast du das gehört?“, frage ich K.

„Ich glaube schon.“

„Was war das?“

„Irgendein Tier, nehme ich an“, sagt sie unsicher.

Hinter den Kiefern ist nichts zu erkennen, der Waldabschnitt liegt ruhig und ein größeres Tier, ein Wildschwein oder so etwas, würde mir mit Sicherheit sofort auffallen.

Wir laufen weiter, der Weg beschreibt eine sanfte Kurve.

„Sieh mal“, sagt K.

Mitten auf dem Weg, etwa einhundert Meter von uns entfernt, sitzen drei schwarze Saatkrähen und rupfen an etwas herum. Die Vögel haben uns bemerkt, halten in ihren Bewegungen inne und recken ihre Schnäbel in die Luft, als versuchten sie zu wittern, ob von uns Gefahr ausginge oder nicht.

„Zwielichtige Krähen“, sage ich und setze mich in Bewegung.

Die Vögel scheinen hin- und hergerissen. Unser Näherkommen versetzt sie in nervöse, ruckartige Bewegungen, die mit jedem unserer Schritte panischer werden. Sie können sich ganz offensichtlich nur schwer entscheiden, ob es hier um Flucht oder um die gnadenlose Verteidigung ihrer Beute geht.

Am Ende allerdings überwiegt ihr Instinkt und die schwarzen Vögel erheben sich unter ärgerlichem Gekrächze in die Luft. Sie schlagen schnell und wild mit den Flügeln und ihre Stimmen klingen so, als würden sie uns verfluchen.

Wir treten näher.

Vor meinen Füßen liegt eine weiße Plastiktüte und in dieser Tüte ist alles voller Abfall, zerbrochene Eierschalen, Kaffeereste, das Kerngehäuse einer Paprika, Bananenschalen. Das Ganze sieht nach sehr gewöhnlichem Hausmüll aus. Aber ausgerechnet hier? Mitten im Wald?

„Für die Krähen war das offensichtlich ein Fest“, sagt K.

„Wer wirft seinen Hausmüll einfach so in den Wald?“

„Und noch dazu mitten auf den Weg.“

„Genau.“

„Vielleicht hat jemand die Tüte verloren.“

„Und wer fährt mit einer Mülltüte durch den Wald?“

Ich zucke mit den Schultern.

„Vielleicht gibt es hier irgendwo einen Abfallhof oder so etwas.“

„Kann schon sein.“

Ich starre auf die Überreste eines fremden Haushalts und fremder Menschen, während über unseren Köpfen weiterhin die Saatkrähen kreisen. An ihrer Stelle würde ich uns wahrscheinlich genauso wenig aus den Augen lassen. Eigenartigerweise kommt es mir irgendwann so vor, als hätte ich nicht bloß den Müll einiger unbekannter Menschen vor Augen, sondern eine Art Zeichen. Ein Signal, das eine weite Strecke überwunden hat, Rauch am Ende einer Hügelkette, kleine graue Wolken, die besagen, dieser Landstrich sei bewohnt, es gebe noch andere Leute in der Nähe, andere Menschen, die ihre Zeit mit der Zubereitung eines Mittagessens und dem Kochen von Kaffee verbringen. Der Geruch der Kiefernnadeln dringt zu mir, für einen Augenblick glaube ich, eine Spur des Kaffeesatzes darin wahrzunehmen, aber vielleicht bilde ich mir das auch ein.

Und dann frage ich mich, auf welche Weise wir den anderen ein Zeichen unserer Anwesenheit zukommen lassen könnten. Wir sind ja auch hier. Wir sind auch in diesem Wald.

* * *

Ich bin mir nicht sicher, was mit meinem Roman noch geschieht. Wird er gelesen? Ich nehme es nicht an. Um ehrlich zu sein, denke ich aber auch nicht ständig darüber nach. Manchmal werfe ich mir vor, mir dürfe es nicht gleichgültig sein, ob dieser Roman nun gelesen werde oder nicht, aber das passiert nur in kurzen, unbedeutenden Momenten. Ich sehe zum Beispiel auf den vertrauten Birkenstamm im Hof, folge der schwarzweißen Musterung und denke, was wird jetzt aus diesem Roman und wie geht alles weiter? Ist das Kapitel abgeschlossen? Was machst du jetzt?

Natürlich weiß ich sehr genau, dass für mich in dieser Angelegenheit keine Wahl existiert. Selbstverständlich mache ich weiter, ich mache weiter wie all die Jahre zuvor, arbeite weiter, schreibe weiter, verteile die Zeit, sitze am Schreibtisch, tippe auf meinem Rechner herum, es werden Bücher entstehen, da bin ich mir sicher, das Jahr der Fahnen entsteht ja schließlich auch, und während ich nur für mich schreibe, denn am Ende findet das Schreiben ja doch und entgegen aller Behauptung der Experten im Geheimen statt, während ich also schreibe, denke ich, ich möchte ein gutes Buch schreiben, irgendwann, ein wirkliches, echtes, gutes Buch. Das ist nicht zu viel verlangt, das muss doch möglich sein.

Obwohl meine Freunde und besonders K anderer Meinung sind, fühle ich mich nicht, als hätte ich etwas erreicht. Das fühle ich ohnehin in den seltensten Momenten. Ich habe nichts überwunden, keinen größeren, nicht einmal einen kleinen Erfolg erzielt, obwohl es mir um das, was man gemeinhin unter einem Erfolg versteht, auch überhaupt nicht geht. Dennoch muss ich über diesen Gedanken schmunzeln, denn es ist ja zum Lachen, Fernando Pessoa würde mich da sehr gut verstehen. Ich wünschte, ich fühlte mich denjenigen näher, die mir vertraut sind, auf denen ich in manchen Augenblicken wie auf eine Rettung in letzter Sekunde hoffe, diejenigen, deren Bücher ich in mir wie eine wirkliche, ursprüngliche Landkarte behalten habe, eine Landkarte, die mir entspricht und vielleicht keinem anderen. Doch es fühlt sich noch immer so an, als hätte ich mich ihnen wie ein ungebetener Gast am Rande einer Gartenparty genähert, der insgeheim darauf hofft, mit offenen Armen empfangen zu werden. Ich hätte es so gern, wenn sie mir zuriefen, jetzt komm doch endlich zu uns herüber, wir führen hier gerade ein sehr unterhaltsames Gespräch und brauchen dringend deine Meinung.

Kein Problem, würde ich zögerlich antworten, denn insgeheim misstraute ich der ganzen Sache natürlich immer noch. Aber auf eine solche Einladung, auf ein solches Zeichen sollte man auch nicht abschlägig reagieren. 

Und dann würde ich hinüber laufen und Grüße ausrichten und mich für eine Einladung bedanken, die ich nie erhalten hatte. Ich würde zwischen all den anderen stehen und in mich hineinhören und auf ein weiteres Zeichen warten, das mir sagte, nun sei endlich alles gut, ich hätte mein Ziel erreicht.