Sonntag, 26. September

Es gibt Tage, an denen ich so benommen durch die Gegend laufe, dass alles um mich herum verschwimmt. Nicht bloß die Ereignisse, zum Beispiel ein Straßenzug, auf dem sich Menschen in verschiedene Richtungen bewegen und hinter ihnen der Verkehr. Es gibt einen Himmel darüber, auf dem sich erste Gewitterwolken bemerkbar machen und darunter den mit schwachen Vogelrufen vermischten Straßenlärm. Ein ganz verrücktes Durcheinander von Formen, Farben, Geräuschen und Gerüchen strömt auf mich ein, vielleicht liegt darin die Kraft der Ereignisse, aus denen ein Sog entsteht, eine Art Dröhnen und am Ende dieses Dröhnens, auf der gegenüberliegenden Seite sozusagen, wartet die Zeit. Die Zeit verschwimmt in manchen Stunden wie ein Straßenzug am Morgen, sobald sich alle in Richtung Arbeit bewegen. Plötzlich ist es Mittag und Augenblicke später bereits eins. Ich bin verabredet, sehe erschreckt auf meine Uhr, ja, es ist tatsächlich eins und ich komme viel zu spät. Als mir das nächste Mal auffällt, an welchem Punkt ich mich befinde (ein genau zu bezeichnender Punkt auf einer Straße, in einem Viertel, einer Stadt), liegen zwischen mir und der Universität bereits zweihundert, vielleicht auch dreihundert Meter. Ich habe vier Kreuzungen hinter mich gebracht, zwei Ampeln darunter, und bin mehrere Male abgebogen. Aber ich kann nicht im Ansatz sagen, ob ich vor einer roten Ampel stehen geblieben oder bei Grün auf die Fahrbahn gelaufen bin. Das alles ist mir abhanden bekommen, genauso wie mir die Menschen abhanden gekommen sind. Wie viele Leute habe ich überholt und wie viele sind mir auf den Bürgersteigen entgegen gelaufen? Ich erinnere mich dunkel an eine Frau in nachtblauem Kostüm mit weichem Seidenschal und hellblauer OP-Maske. Es sah so aus, als hätte sie diese Maske farblich auf Rock und Jacke abgestimmt, aber das ist schon alles. Wo sind die anderen Menschen, die ich gesehen haben muss, von denen mich nur Zentimeter trennten? Ich habe sie so schnell vergessen, dass keine Spur in mir zurückgeblieben ist.

So taucht die Welt manchmal ab, sage ich mir, während sich meine Benommenheit etwas lichtet, und laufe in Richtung Wasserturm. Doch wenn sie abtaucht und verschwindet, wo befinden wir uns in einem solchen Augenblick? Ich stelle mir vor, wir würden in diesen Sekunden mit einem Bein die Welt verlassen und für kurze Zeit über ihre Grenze hinaus treten. Etwas von uns bleibt zurück, sitzt weiter stumm an einem Schreibtisch, wartet in einer Schlange, tippt eine lange Nummer in ein Telefon oder kocht eine Kanne Kaffee, doch die andere Hälfte von uns ist nicht mehr da, sie ist hinter diese Tür getreten, ohne sie zu schließen. Die Tür bleibt nur angelehnt, steht ein Spalt breit offen.

Und was befindet sich hinter dieser Tür?

Hinter der Tür warten Zeitlosigkeit und Vergessen. Plötzlich gibt es uns nicht mehr. Wir schrumpfen zusammen, von uns bleibt nur ein vegetativer Rest zurück, der weiterhin atmet und sich gelegentlich bewegt, den die Reize der Außenwelt aber nicht mehr erreichen. Alles auf der anderen Seite der nur angelehnten Tür findet weiterhin statt, doch es findet ohne uns statt, wie einmal alles ohne uns stattgefunden hat und irgendwann erneut ohne uns stattfinden wird. Doch davon bemerken wir erstaunlicherweise nichts.

Und das ist vielleicht sogar beruhigend.

Zumindest denke ich, es sei beruhigend, während ich K am Brunnenrand entdecke, hinter ihr die hellen Wasserfontänen, die als weiße Linien in den Himmel sprühen. 

Sie sitzt auf der grauen Daunenweste, die sie mir vor drei Jahren in Neuseeland zum Geburtstag geschenkt hat und die mittlerweile in ihren Besitz übergegangen ist. Sie schaut auf ihr Telefon. 

„Tut mir leid“, rufe ich und laufe über den knirschenden Kies. „Ich bin einfach nicht früher losgekommen.“

Sie sieht zu mir auf.

Wie stets liegt auf ihrem Gesicht nicht die Andeutung eines Vorwurfs und ich frage mich unsicher, ob ich auf eine halbstündige Verspätung mit ähnlicher Gelassenheit reagieren würde.

„Macht nichts“, sagt sie lächelnd, greift nach einer Papiertüte, in der sich unser Mittagessen befindet, und steht auf.

Wir suchen nach einem Platz, doch viele Bänke sind nass und schmutzig. Nach der dritten Bank, die wir inspizieren, breite ich meine Regenjacke über den grün gestrichenen Holzlatten aus und wir setzen uns.

K hat in einem Imbiss Gyros zum Mitnehmen bestellt und da ich heute noch nichts gegessen habe, mache ich mich ohne größere Umschweife über die Kartoffelecken und eine wirklich riesige Fleischladung her. Es gibt Tzaziki in einem Extratöpfchen und dazu Salat.

Wir essen schweigend mit Blick auf den Springbrunnen. In den belaubten, aus rötlichem Sandstein konstruierten Arkadengängen sitzen Menschen im Schatten, junge Leute haben sich auf den Wiesen einen Platz gesucht und unterhalten sich miteinander. Die Laute ihrer Stimmen trägt der Wind davon, es sieht so aus, als bewegten sie nur zum Spaß ihre Lippen. 

Auf den Kieswegen laufen Spaziergänger in ihrer Mittagspause durch die Sonne. Menschen, die sich Bewegung verschaffen und gerade etwas in den Restaurants der Innenstadt gegessen haben. Männer mit Bauchansatz, ausgewaschenen Jeans und blaukarierten Hemden. Frauen in unförmigen Hosen, sandfarbenen Blusen und ein wenig aus der Mode gekommenen Frisuren. Ich weiß nicht, wohin sie gehen und möchte das auch nicht wissen. Ich weiß nur, dass in diesem Gehen zu einer genau festgesetzten Stunde eine Trostlosigkeit liegt, die den Gesichtern in manchen Augenblicken, besonders dann, wenn sie sich unbeobachtet fühlen, problemlos anzusehen ist. Fast so, als folgte man den feinen Verästelungen eines ausgetrockneten Wasserlaufs, der Spuren in den Sedimenten hinterlassen hat. 

Und dann frage ich mich, wann dieser Tausch stattfand, in welchem Augenblick sich das offene Leben in einen halbstündigen Spaziergang verwandelte, den man fünf Mal in der Woche zur Mittagszeit absolviert. Auf den man sich freut, der einem Erleichterung verschafft. 

Es muss diesen Augenblick gegeben haben, der alles verwandelte. Der Nullpunkt sozusagen, von dem etwas ausging. 

Der Anfang der Veränderung und des Übergangs.

Irgendwann einmal sollte alles anders sein. Man gibt diesem Irgendwann einen zweiten Namen und nennt es Früher.

Man denkt sich in das Früher hinein. Niemals hätte man mit diesen Menschen getauscht. Man hätte sie bemitleidet und sich geschworen, alles anders zu machen. 

Und man hat auch einiges anders gemacht. Aber eben nicht alles.

Worauf kam es also am Ende an?

Und wer behielt hier die Oberhand über das Leben?

Es gibt Menschen, die das Leben verstehen. Ich hatte solche Menschen kennengelernt, aber sie längst aus den Augen verloren. Sie nahmen das Leben in die Hand, als würden sie nach einem beliebigen Gegenstand greifen, für sie existierte keine falsche Scheu und Zögerlichkeit. Sie machten etwas mit diesem Gegenstand in ihren Händen, weil man am Ende eben etwas damit anfangen musste. Der Gegenstand stellte eine Aufgabe dar und diese Aufgabe nahm man ganz einfach an, weil Herausforderungen zwar Angst machten, aber ebenso gut überwunden werden konnten.

Doch es gab natürlich auch die anderen. Die anderen griffen das Leben ähnlich euphorisch an, besaßen aber zwei linke Hände und machten dadurch alles unnötig kompliziert. Oder sie beschäftigten sich viel zu lange mit trockener Theorie und vergaßen darüber, sich irgendwann auf den Weg zu machen.

Es gab auch diejenigen, die quer zu Welt standen und niemals festen Boden unter die Füße bekamen. Auch solche hatte ich kennengelernt. Einmal hatte mich sogar ein Vermieter über die Orientierungslosen aufgeklärt.

* * *

Jetzt vor dem Brunnen kamen mir die Orientierungslosen wieder in den Sinn. Sie legten sich auf die Spaziergänger, die Menschen verschmolzen miteinander und plötzlich, als hätte es einen Zaubertrick gegeben, war zwischen beiden – denjenigen, die auf Beinen aus Gelee standen und den anderen, die aufrecht und ohne zu zögern über den knirschenden Kies liefen – nicht mehr zu unterscheiden.

* * *

Ich stand in einem möblierten Zimmer in Ludwigsburg und starrte auf die hässlichste Schrankwand, die mir jemals untergekommen war. Eine hellblaue, durchgelegene Schlafcouch hatte man unter eines der beiden Fenster gerückt und ein nierenförmiger Schreibtisch, der mich an die Einrichtung eines Kinderzimmers erinnerte, befand sich an der gegenüberliegenden Wand. 

Keines der Möbelstücke besaß nur den Hauch von Charakter. Alles, das sah ich auf den ersten Blick, war so übertrieben charakterlos und tot, dass es bereits wieder lächerlich war und mich aus irgendeinem Grund mit meinem Schicksal versöhnte.

„Nimmst du das Zimmer?“, fragte mich Fauser, ein zwei Meter großer Mann mittleren Alters. Sowohl Haare als auch Bart waren bereits ergraut. Beide trug er kurz geschnitten. Zu meiner Enttäuschung zeigte er keinerlei Ähnlichkeit mit dem gleichnamigen Schriftsteller, von dem Rohstoff stammte, ein Roman, den ich erst vor wenigen Monaten gelesen und der mir auf Anhieb gefallen hatte. Er stand für mich in einer Reihe mit Romanen wie Post Office von Charles Bukowski, Ask the Dusk von John Fante, Wind der Welt von Blaise Cendrars, Junky von William S. Burroughs und dem Rum Diary von Hunter S. Thompson.

„Wie teuer soll das Zimmer noch einmal sein?“, antwortete ich, um etwas Zeit zu schinden und mir mein Leben in diesem fünfzehn Quadratmeter großen Raum vorzustellen. Ein Raum, den ich für meinen ersten richtigen Job anmieten, in dem ich zwei Jahre leben würde. Den ich nach meiner Zeit in Berlin und Leipzig als Volontär in einem Archiv bezog. 

Ich war neunundzwanzig, hatte meine Stelle vor eineinhalb Wochen angetreten und schlief zur Überbrückung in einem Wohnheim, bis ich eine passende Unterkunft gefunden hatte. 

„Der Preis ist natürlich unschlagbar“, hörte ich Fausers Stimme in meinem Rücken. Dann nannte er irgendeine Zahl.

Das stimmte. Ich hatte mir bereits ein Dutzend Zimmer angesehen, denn für eine ganze Wohnung reichte mein Gehalt nicht aus. Ich arbeitete zwar Vollzeit, bekam allerdings nur die Hälfte des tariflichen Lohns, da ein Volontariat als Ausbildung zählte. Im Archiv wimmelte es von Volontären, denn sie waren als billige Arbeitskräfte überaus beliebt.

Dummerweise war ich zum Semesteranfang in die Nähe von Stuttgart gezogen und da überall Wohnungsmangel herrschte, schossen die Preise selbst für winzige Abstellkammern in die Höhe. Mittlerweile wurde ich mit jedem Tag nervöser, ob ich am Ende überhaupt ein passendes Zimmer für mich fand, aber das hier, dieser Raum, der eher einem Kinderzimmer glich, wie sollte ich darin ein selbstbestimmtes Leben führen? Ich war schließlich nicht mehr Anfang Zwanzig, mein Studium lag hinter mir, ich wollte endlich schreiben und ein Buch zustande bringen, ich wollte das Leben auf dieser Arbeit ausprobieren und mir einen Platz erkämpfen in der Welt. Doch wie sollte das alles ausgerechnet in diesem Zimmer möglich sein?

„Ich würde es gern nehmen“, sagte ich dumpf und drehte mich unschlüssig in Fausers Richtung um.

„Du arbeitest, hast du gesagt?“

Ich nickte.

Mein Mund fühlte sich so ausgetrocknet an, als hätte ich seit Tagen nichts mehr getrunken.

„Ist deine Stelle befristet?“

„Ja.“

„Hmm.“

Offensichtlich gefiel ihm das nicht.

„Eine unbefristete Stelle ist natürlich eine Sicherheit. Darauf kann man sich als Vermieter verlassen.“

„Stimmt.“

„Da ist selbst eine Bürgschaft überflüssig.“

„Ich kann die drei Kaltmieten im Voraus bezahlen. Das ist kein Problem.“

Fausers Augen wurden groß. Aber nur für den Bruchteil einer Sekunde.

„Das klingt natürlich gut.“

Ich nickte erneut und dachte unsinngerweise, du nickst wie eine Maschine.

„Für die Möbel wird auch ein Abschlag fällig.“

„Kein Problem.“

„Und ich möchte das Geld, bevor du einziehst. Plus die erste Monatsmiete.“

Ich musterte ihn. Irgendwie kam mir dieses ganze Gerede über Abschläge, Monatsmieten und Vorausbezahlung albern und unerträglich kleinbürgerlich vor. Hatte dieser Mann auch nur die leiseste Ahnung, wo wir uns befanden? 

Sein Zimmer war schrecklich! Man hätte Geld dafür verlangen müssen, an diesem Nierenschreibtisch zu sitzen. Was bildete er sich eigentlich ein?

„Ich kann alles im Voraus bezahlen“, hörte ich mich stattdessen sagen.

Fauser schien endlich befriedigt und nickte zufrieden.

„Dann kannst du das Zimmer gern haben.“

„Super.“

„Ich wünsche mir einen Mieter, der sich an die Abmachungen hält.“

„Verstehe.“

„Der letzte Mieter hat nämlich irgendwann aufgehört zu zahlen.“

„Aha.“

„Am Anfang schien er ganz nett. Er muss sogar in deinem Alter gewesen sein.“

Klasse, dachte ich.

„Aber dann hat er nicht mehr gezahlt und am Ende mussten wir ihn rausholen.“

„Wir?“

„Ich und die Polizei.“

Ich starrte ihn an.

„Mir ging es nicht ums Geld, obwohl er mir damals schon vier Mieten geschuldet hat. Aber die anderen Parteien im Haus haben sich Sorgen gemacht. Ich kenne hier ja auch alle persönlich. Seine Freundin hatte sich von ihm getrennt und dann ist er wohl in so etwas wie eine Depression gefallen, hat seine Arbeit verloren und das war’s.“

Warum erzählt er mir diese ganze Geschichte?, fragte ich mich.

„Und aus dieser Depression ist er auch nicht mehr rausgekommen. Wobei mir erst viel später aufgefallen ist, dass er wahrscheinlich niemals etwas anderes war als depressiv. Jedenfalls habe ich erst nach seinem Rauschmiss verstanden, dass er einer derjenigen gewesen ist, die niemals auf die Füsse fallen.“

Ich stutzte.

„Niemals auf die Füße fallen?“, fragte ich.

Fauser nickte.

„Genau.“

„Das habe ich noch nie gehört. Diesen Ausdruck meine ich.“

„Das jemand nicht auf die Füße fällt?“

„Ja.“

Er zuckte mit seinen Schultern.

„Nicht auf die Beine kommen oder nicht auf die Füße fallen, nenn es, wie du willst. Ich möchte jedenfalls nicht, dass sich das alles wiederholt.“

* * *

Aus irgendeinem Grund bezog ich diese Geschichte auf mich. Das hing weniger mit Fauser und diesem Zimmer zusammen, in das ich ein paar Tage später tatsächlich zog, als mit einer Grundstimmung, die mich seit Jahren, vielleicht seit meinem Umzug nach Berlin, begleitete. Hörte ich von jemandem erzählen, der mit dem Leben nicht zurecht kam, fühlte ich jedes Mal einen Stich in der Brust, als spräche man insgeheim auch über mich. Ich fühlte mich demjenigen, der plötzlich nicht mehr weiter wusste, der sich zurückgezogen hatte, von einem Tag auf den anderen alles aufgab, merkwürdig nah, ohne genau sagen zu können, warum ich das tat. Zwischen den Gescheiterten und mir existierte ein unsichtbares Band, das sich irgendwann geknüpft haben musste. Äußerlich merkte man mir wahrscheinlich nichts an, doch jahrelang wurde ich das Gefühl nicht los, es fehlte nur ein einziger Schritt, ein Stolpern, eine Unachtsamkeit und ich würde für alle sichtbar mein Gleichgewicht verlieren und das Schicksal der aus dem Tritt Gekommenen teilen. Dann würde nicht mehr von der Hand zu weisen sein, was ich innerlich die ganze Zeit über gespürt hatte, mein völliges Unvermögen, meine Unsicherheit, die Ahnung, ich könnte im nächsten Augenblick am Ende sein, ganz grundsätzlich mit meinem Latein am Ende. Tatsächlich, aber das verstand ich erst viel später, hatte ich mich mit dem Gefühl einer drohenden Niederlage auf den Weg gemacht. Eine über dir schwebende Katastrophe, die genau dann hereinbricht, wenn du es am wenigsten erwartest. Sie lauert nicht hinter der nächsten Häuserecke, vielleicht bricht sie nicht einmal in dieser Stadt und in diesem Jahr über dich herein, doch irgendwann wird sie kommen, sie holt dich schließlich ein und dann sehen die anderen, dass du all die Jahre damit verbracht hast, eine Rolle zu spielen, hinter der es nichts anderes gab als einen von Beginn an zum Scheitern Verurteilten. Denn obwohl es für einen Unbeteiligten so ausgesehen hat, als bewegtest du dich wie alle anderen auch durch die Straßen, haben deine Füßen doch niemals den Boden berührt.

* * *

„Kommst du heute Abend zum Konzert?“, fragt mich K.

In der Zwischenzeit habe ich meine Gyrosportion aufgegessen und könnte mich sofort zu den anderen ins Gras legen, um auf der Stelle einzuschlafen. Mein Magen fühlt sich an, als hätte man ihn mit Beton ausgegossen.

„Eher nicht“, antworte ich.

„Warum denn nicht?“

„Ich saß heute drei Stunden in einem Termin und bin noch überhaupt nicht zu meiner eigentlichen Arbeit gekommen. Ich muss wieder zurück ins Büro.“

„Aber es ist doch Freitag!“

„Du arbeitest doch auch bis halb zehn!“

K schweigt und stochert in den zerfledderten Resten ihres Mittagessens herum.

„Willst du das noch?“

Ich zeige auf eine angeknabberte Pitahälfte und obwohl mein Magen ernstzunehmende Warnsignale sendet, läuft mir doch wieder das Wasser im Mund zusammen.

„Nicht wirklich. Kannst du gern haben.“

„Danke.“

„Was machen wir am Wochenende?“, fragt sie nach einer Pause.

„Such dir was aus“, bringe ich mit vollgestopftem Mund hervor.

„Hm-m.“

Ich beobachte die Wassersäulen des Springbrunnens, die in etwa drei Metern Höhe einen Halbkreis umschreiben und dann hinab in Richtung Boden fallen. Obwohl sich die Fontänen in jedem Augenblick verändern, wirken sie aus der Entfernung dennoch so, als würde es keine größeren Variationen geben, als bliebe das Wasser, das sich in eine nahezu unendliche Kette immer kleiner werdender Tropfen zerlegen lässt, bis man irgendwann die Ebene der Atome erreicht, immer gleich.

„Vielleicht habe ich keine Lust auf einen Ausflug am Wochenende“, sagt K.

„Wir müssen auch nicht unbedingt einen Ausflug machen“, antworte ich.

„Aber ich will auch nicht einfach nur zu Hause bleiben. Das Wochenende geht so viel zu schnell vorbei.“

Ich merke, wie müde und abgeschlagen sie ist. Doch ich weiß auch, wie wenig ich daran ändern kann. Nicht mehr zumindest, als mich um den Haushalt zu kümmern, einzukaufen, unsere Zimmer zu saugen und abends etwas zu kochen. Mir fällt es bereits schwer, mich an ein Wochenende zu erinnern, an dem K nicht gearbeitet hat. Das alles scheint, als läge es seit Ewigkeiten hinter uns. Ein Zeitabschnitt, den man bereits vor Monaten aus den Augen verloren hat.

„Ich glaube, ich muss zurück“, sagt sie dann.

„Musst du wirklich bis halb zehn arbeiten?“, frage ich.

Sie nickt und zieht die Mundwinkel nach unten.

„Es geht nicht anders. Ich muss bei diesem Konzert aushelfen.“

„Vielleicht hole ich dich heute Abend einfach ab?“

Ihre Augen leuchten auf.

„Wirklich?“

„Warum nicht? Ich bin mit dem Fahrrad doch in in zehn Minuten hier.“

„Das wäre klasse. Aber du musst vorsichtig fahren.“

„Selbstverständlich“, antworte ich und stehe auf.

* * *

Es ist bereits dunkel, als ich auf meinem Rad die Straße hinunter fahre. Noch ist es warm und viele Leute sind unterwegs, auf dem alten Messplatz steht eine Bühne, auf der eine Band schreckliche Rockmusik spielt. Ich bin mir sicher, jemand schreit gerade Freedom ins Mikrofon, als ich über die Kreuzung fahre und einer Gruppe Teenagern ausweiche, die Klamotten aus den Neunzigern tragen, Baggyjeans, bauchfreie Oberteile und die jungen Mädchen haben sich ihre Lippen dunkelrot angemalt, obwohl sie noch aussehen wie Kinder.

Aus irgendeinem Grund frage ich mich, ob diese Jugendlichen in diesem Augenblick, in dieser Sekunde, als ich an ihnen vorbei fahre, glücklich sind.

Alle Glücklichen heben bitte einmal die Hand!

Sie umklammern Bierflaschen und winzige Taschen und ihre gespielte Gelassenheit ist von weitem an ihren Gesichtern abzulesen. Tatsächlich aber bringt sie jeder fragende Blick, jeder Blick, der eine Sekunde zu lang auf ihnen liegt, völlig aus dem Konzept. Jetzt verschwinden sie in Richtung Fluss und gehen in den Abend ein, der für sie voller Erwartungen ist, es wird Bier und Wein im Überfluss geben und irgendwelche Augenpaare, die anziehen oder abstoßen, ein paar Stimmen, die man nicht kennt, hinter denen sich aber eine neue Welt verbirgt.

Auf dem Radweg weiche ich den bereits herabgefallenen Kastanien aus. Ich schlängle mich ziemlich geschickt, wie ich finde, um diese runden Hindernisse herum, die im Lichtkegel meiner Fahrradlampe erst sehr spät auftauchen, so dass ich blitzschnell reagieren muss. Der Radweg ist leer, ich lasse den Lärm der Band hinter mir und bin mir sicher, dort oben auf der Bühne lässt noch immer ein Fünfundvierzigjähriger sein Freedom über die Verstärker schallen. 

Aus dem Mund eines Jugendlichen klingt ein Ruf wie Freedom noch real. Hinter ihm liegt eine Welt aus Trotz, berechtigtem Widerstand und der Sehnsucht nach Veränderung, die sich selbst in einer Floskel Luft machen kann, die dieser Floskel sogar Leben einzuhauchen imstande ist, sie authentisch werden lässt. Ein Mann Ende Vierzig aber, der auf einer Bühne steht und nach Freiheit ruft, was tut er eigentlich? Er ahmt etwas nach, er spielt etwas vor, er hat den Raum des Authentischen verlassen und weiß das sehr genau. Umschlösse er das, was er ins Mikrofon ruft, in seinem Inneren, stünde er nicht auf dieser Bühne.  

Ich trete in die Pedale und beschleunige. Der Wind streicht mir kühl über das Gesicht, die Lichter verlängern sich zu Linien, die meine Fahrt am Ufer begleiten. Es ist kurz vor halb zehn, eine Nacht im September und ich glaube plötzlich zu verstehen, wie verschieden die Nächte für uns sind. Jeder bewegt sich durch seine eigene Nacht, so wie sich jeder durch seinen eigenen Tag bewegt. Die Lichtverhältnisse mögen sich ähneln, zumindest an einem genau zu umschreibenden geographischen Punkt, aber das ist bereits auch schon alles. Wir bewegen uns als Irrlichter durch die Finsternis, ein anderer versteht unsere erratischen Bewegungen nicht oder begreift sie nur zur Hälfe. Für ihn sehen die leuchtenden Schlangenbewegungen, die wir hinterlassen, im glücklichsten Fall schön, zumindest aber doch ausgesprochen unverständlich aus und so gehen wir in jeder Nacht in die Obhut dieses riesigen, monumentalen Netzes aus winzigen Lichtpunkten ein, die sich alle in eine unbestimmte Richtung auf den Weg gemacht haben, um dabei doch so auszusehen, als spiele nur der Wind mit ihnen, immer der Wind, als trüge ein Windstoß sie ständig davon.