Dienstag, 21. September

K arbeitet jetzt manchmal so lang, dass ich bis um neun am Schreibtisch sitze und schreibe. Ich schreibe ungestört vor mich hin, stelle einige Abschnitte im Jahr der Fahnen um, lese vieles zum zweiten Mal und denke, jetzt schaust du also bereits wieder zurück, obwohl doch erst September ist. Aber es stimmt, das Jahr geht voran und wird sein drittes Viertel bald erreichen und dann gibt es bloß noch diesen verschwindenden Abschnitt, an dessen Ende Weihnachten und der Jahreswechsel warten.

In meiner Mittagspause verlasse ich die Universität und laufe zum Bahnhof, kaufe mir eine Salzbrezel und verbringe eine halbe Stunde im Reisecenter. Ich möchte Zugtickets nach Florenz buchen, doch eine nette Frau am Schalter schüttelt lächelnd ihren Kopf. Nein, am ersten November sei der Zug bereits voll. Am zweiten auch? Auch am zweiten. Und am dritten? Am dritten genauso. 

Für einen Augenblick glaube ich, ich könnte dieses Spiel ewig in die Länge ziehen.

Wie sieht es mit dem vierten November aus?

Leider ebenso schlecht.

Und der Fünfte?

Schade, da sind auch alle Plätze reserviert.

Aber am sechsten, da muss doch etwas möglich sein!

Ich schaue gleich nach. Nein, was für ein Pech!

Ohne Tickets verlasse ich schließlich den Schalter, denke an Monica Vitti in der Roten Wüste, ein Film, den man wahrscheinlich auch vor der Industriekulisse in Ludwigshafen hätte drehen können und betrete einen kleinen Supermarkt. Ich besorge mir zwei Müsliriegel, die ich an einer Kasse eigenhändig abscanne und dann mit meiner Karte bezahle. Bevor ich das mache, sehe ich mich im Laden nach einem Verkäufer um, aber nirgendwo ist ein Angestellter zu sehen. Zwischen den Regalen voller Bioprodukte und Kichererbsenchips wimmelt bloß eine Gruppe junger Mädchen mit Reiserucksäcken und Rollkoffern herum und deshalb werde ich notgedrungen selbst zum Angestellten des Supermarkts und beginne meine Müsliriegel abzukassieren. 

Self service steht über dem Kassenautomaten in Großbuchstaben. 

Als wäre das ein Versprechen, eine Art Befreiung. Ein Schriftzug in Leuchtbuchstaben und dahinter liegt die Erfüllung eines lange gehegten Traums.

Als ich fünf Minuten später durch die Bahnhofshalle in Richtung Vorplatz laufe, stehen überall Leute herum. Irgendein Zug hat Verspätung, ich höre Menschen, die sich aufgeregt auf Französisch unterhalten. Vielleicht der TGV, der nach Paris fährt, denke ich, vielleicht ist dieser Zug heute ausgefallen und jetzt stranden die Menschen hier für Stunden und verpassen alle möglichen Anschlüsse und Flüge. Doch am Ende kommen ja immer alle irgendwo an. Warum also dieser Lärm?

Ich muss lächeln und verlasse den Bahnhof. Auf dem Weg zurück zur Universität denke ich an eine Unterhaltung mit K.

Wir saßen am Küchentisch, tranken Bier und aßen Gurkensalat mit Thunfisch.

„Wie konnte ich ausgerechnet im Museum landen?“, sagte sie und ihre Frage klang, als wäre sie nicht an mich gerichtet. 

„Das habe ich mich auch ein paar Mal gefragt“, antwortete ich dennoch.

„Ausgerechnet im Museum.“

Sie schüttelte ungläubig ihren Kopf.

„Darin ähneln wir den meisten, denke ich.“

„Was meinst du?“

„An einer Stelle herauszukommen, mit der man nicht gerechnet hat.“

Während K in ihrem Salat stocherte, fragte ich mich, ob das stimmte. Waren wir tatsächlich an einer Stelle angelangt, mit der wir nicht gerechnet hatten?

„Mir hat einmal ein Freund gesagt“, schob ich nach, „dass sich derjenige, der nicht weiß, wohin er eigentlich will, auch nicht über den Fleck beschweren darf, an dem er schließlich landet.“

„Wer soll das denn gesagt haben?“, fragte K misstrauisch.

„Ein Freund eben. Simon, Stefan, ich bin mir nicht mehr sicher. Es ist ja auch schon ein paar Jahre her.“

„Du hast mir noch nie von einem Freund erzählt, der Stefan heißt.“

Ich seufzte und griff nach meiner halb vollen Bierdose.

„Ist ja auch egal. Ich denke aber, dass er recht hatte.“

„Können wir nicht einfach ins Ausland gehen? Du könntest dir doch sicher ein Stipendium besorgen, jetzt, nachdem dein Roman erschienen ist.“

„Das ist schwieriger, als du denkst. Nehme ich zumindest an.“

„Ich würde dann einfach mitkommen und in Singapur herumspazieren, während du schreibst.“

„Wenn das so einfach wäre!“

„Ich würde im Botanischen Garten spazieren und in den food courts alles mögliche essen.“

„Hm-m.“

„Klingt das nicht wunderbar?“

„Kann schon sein“, sagte ich und trank einen weiteren Schluck Bier.

„Wir könnten auch eine Bar aufmachen“, fügte ich hinzu.

„Eine Bar?“

„Ja, eine Kneipe. Ich spiele die ganze Zeit irgendwelche verrückte Musik und stehe mürrisch hinter der Theke, um die Leute anzufunkeln.“

K musste lachen.

„Klasse. Mit dir hinter der Theke geht unsere Kneipe doch im ersten Monat pleite.“

„Das kann ich natürlich nicht ganz ausschließen.“

„Ein besserer Plan muss her.“

„Ich bin für alles zu haben.“

* * *

Aus irgendeinem Grund geht es immer weiter. Nicht die Zeit trägt an der Entwicklung der Dinge Schuld, denn die Dinge entwickeln sich nicht unabhängig von den Menschen und ihrer Verantwortung für das Leben, für das, was sie tun, behaupten und unterlassen. Was sie für Erklärungen finden, für Rechtfertigungen. Es gibt Rechtfertigungen, die von Lügen kaum zu unterscheiden sind und genauso einfach zu gebrauchen. Man spricht ein unwahres Wort und hängt ein weiteres unwahres Wort an das erste. Man muss diese Worte nicht einmal laut vor einem anderen aussprechen, die innere Stimme reicht bereits aus. Und schon kommt man um eine schmerzhafte Wahrheit herum. Ich kenne niemanden, der nicht irgendwo in sich einen Rest von schlechtem Gewissen trägt, weil ihm etwas misslungen ist, er etwas unterlassen hat, sich für eine Schwäche oder Feigheit schämt. Niederlagen lassen sich vergessen, Momente der Unsicherheit und des Zögerns aber verfolgen einen bis zum Schluss. Ein Wort, das man hätte aussprechen sollen oder aber zurückhalten, eine Handlung, vor der man zurückschreckte aus welchen Gründen auch immer. Man lernt das schlechte Gewissen zu beruhigen, aber es verschwindet nie ganz. Ein Haus, das seine Risse irgendwo im Schatten verbirgt, denke ich, in jenem Bereich, der meist nicht in den Blick fällt, ein dunkler Bereich, der aber nicht allzu schwer aufzufinden ist, wenn man weiß, wonach man sucht. Einer der überraschendsten Momente nach dem Ende der Kindheit ist die Entdeckung, niemand, nicht die eigenen Eltern und Verwandten, kein Erwachsener, einfach niemand, dem man je begegnet ist, besitze eine Antwort auf die Frage, wie man es anstellen müsse mit dem Leben. Alle schwimmen mehr oder weniger im luftleeren Raum, probieren etwas aus, folgen unsicheren Ratschlägen oder vertrauen ganz auf ihren Instinkt. Eine verlässliche Antwort aber hat niemand parat. Und darin liegt das Unfassbare. Kurz nach dem Auftauchen der ersten Menschen muss sich die Frage gebildet haben, warum man etwas unternimmt und dafür etwas anderes unterlässt. Warum man überhaupt etwas tut. Und was man am besten unternehmen sollte. Die große Frage nach dem Sinn und Zweck. Und obwohl die Menschheit nun angeblich ein paar Tausend Generationen alt ist (sofern man eine Generation in fünfundzwanzig Jahren misst), gibt es immer noch keine Antwort, an die man sich halten könnte.

* * *

Am Abend fahre ich auf meinem Fahrrad am Ufer entlang. Kurz vor der Schleuse fällt mir ein hoher Schornstein ins Auge, der zur Ölfabrik gehört. Über ihm steht eine bewegliche, in Zaum gehaltene Flamme. Zwei Bäume rahmen das Bild links und rechts und in der Mitte leuchtet die Flamme unverbunden in der Luft, als hätte sie mit diesem Schlot nicht wirklich etwas zu tun. Das Feuer steht niemals still, es ist voller Leben, zuckt unablässig und unruhig, als hielte man es zurück. Es ist so lebendig, dass es fast schmerzt. Diese richtungslose Energie, die sich mit Nachdruck entladen will und die ganze Zeit zurückgehalten wird. Das Feuer bleibt an den Schlot gekettet und dennoch versiegt das glühende Anrennen hinauf in den Abendhimmel nie, dieser Versuch zu entkommen, aufzusteigen in die frühe Dunkelheit, sich für immer von allem zu lösen. Während ich auf meinem Rad weiter dem Weg folge, behalte ich das Feuer im Auge, ich sehe nur die Flamme, achte kaum noch auf den Weg, ich beobachte das Feuer so lang, bis es mir schließlich entwischt und irgendwo hinter den Bäumen verschwindet.