Mittwoch, 8. September

Die letzten Tage lösen einander ab, als gäbe es zwischen ihnen keinen Unterschied. Am Morgen fahre ich auf meinem Rad über die Brücke, der Fluss liegt wie von einem Messer glatt gezogen unter mir und glänzt warm in der Sonne. Ein paar Schwäne gleiten als Standbilder durch das Wasser und es sieht so aus, als würden sie verschlafen in Richtung Ufer treiben, um dort gegen die Steine zu stoßen und dann von der Strömung wieder hinaus in die Flussmitte gespült zu werden. Ich sehe in das Licht und dann zur anderen Brückenseite. Im Hintergrund ragen die Spitzen der Fabrikanlagen in den wolkenlosen Himmel, Striche im Blau, kalkweiß gegen das Licht und die Anlagen wirken, als hätte man sie vor Jahren bereits aufgegeben, als könnte über diesen Schloten niemals Rauch aufsteigen. Als wäre das alles endgültig vorbei. Im intensiven Gelb der Sonne erinnere ich mich an einen Abend vor etwa zwanzig Jahren und an eines der wenigen Male, als mich die Natur völlig überwältigt hat. An eines der wenigen Male, als die Natur der Auslöser für eine bleibende Erinnerung gewesen ist, für einen regelrechten Schock. 

Ich war in Richtung Stadtzentrum unterwegs, es muss im Sommer gewesen sein, wahrscheinlich kurz nach meinem Abitur. Ich lief über eine Kreuzung, der Abend brach bereits herein, das Licht fühlte sich wie am Morgen mild an und sanft und die Hitze des Hochsommermittags hatte spürbar nachgelassen. Ich bog in eine Straße voller Wohnblöcke ein. Rechts neben mir grenzte ein altersschwacher Holzzaun eine Kolonie von Schrebergärten ab, die an der Grenze des Wohngebiets merkwürdig deplatziert wirkten. Einige Meter folgte ich dem Kopfsteinpflaster und dachte an den bevorstehenden Abend im Blue Note, dem einzigen echten Café in der Stadt, in dem meine Freunde auf mich warteten, in dem wir Bier trinken und über Mädchen sprechen würden, um uns gegen Mitternacht auf die Suche nach einem Ereignis zu machen, nach einem echten Erlebnis, der großen Liebe zum Beispiel oder einem anderen Abenteuer, das ihr gleichkam oder zumindest einen Anfang darstellte, eine Party beispielsweise, auf die uns jemand einlud, der unverhoffte Blick zweier Augen, die ein paar Sätze auslösen mussten und schließlich ein Gespräch. An diese Möglichkeiten dachte ich, während ich über das Kopfsteinpflaster lief und einen leichten Abhang erreichte. Dort blieb ich wie angewurzelt stehen. Die Sonne ging gerade unter, sie verschwand hinter den Dächern eines Straßenzugs, der gut einhundert Meter von mir entfernt lag, doch ihr Verschwinden spielte sich nicht lautlos ab. Es sah vielmehr aus, als stünde der Himmel in Flammen, als wäre die Sonne explodiert und hätte im Augenblick ihres Verlöschens die aufgeworfenen Wolken über dem Horizont mit strahlendem Gold überzogen. Der Abendhimmel brannte so wild, dass ich mich für eine Sekunde abwenden musste. Und als ich wieder zurück in das Licht blickte, das plötzlich alles umgab, jeden Zentimeter der Welt und meines Körpers mit einer sanften, aber unergründlichen Wärme überzog, sagte ich mir, diesen Augenblick wirst du nicht vergessen. 

Du darfst ihn nicht vergessen. 

Bis heute weiß ich nicht, warum ich das damals dachte. Warum dieser Abendhimmel so bedeutsam für mich war, warum ich stehen blieb, um den goldüberstrahlten Himmel zu betrachten und die Wolken, die sich im Licht förmlich auflösten, als würde die untergehende Sonne alles, was existierte, überwältigen und in seine Bestandteile zerlegen, als spielte sich vor meinen Augen eine umgekehrte Schöpfung ab, in der das Licht etwas zurücknahm, statt einen Anfang zu schenken, in der die zerstörerische Macht des Lichts mit einem Mal mächtiger wurde als die Finsternis selbst. 

Etwas Bedeutungsvolles lag in diesem Himmel, der eigenartigerweise auch dem Meer glich, einer Abendszene am Strand oder einer Küste. Das Licht machte Sinn, sein Umfang und seine Stärke waren unbeschreiblich, vielleicht war dieser Abend das Größte, das mir jemals untergekommen war. Irgendwann machte ich mich los und ging langsam weiter, überrascht, dass ich noch laufen konnte, dass sich meine Beine wie gewohnt bewegten, mein Herz weiterhin schlug, alles noch genauso aussah wie vor wenigen Minuten. Das Pflaster, die Häuser, die geparkten Autos. Selbst die Müllcontainer und die Schrebergärten hinter dem Zaun. Und im Weitergehen wiederholte ich mir, diesen Abendhimmel darfst du nicht vergessen, du musst ihn behalten und du wirst ihn behalten. Und während ich mit den Jahren zahllose Dinge vergessen habe, die ich mir im jeweiligen Augenblick genauso fest einzuprägen versuchte wie diesen Sommerabend, Gespräche, Gesichter und Gefühle, Eindrücke und Gedanken, während ich all diese Momente verloren habe, weil sie am Ende vielleicht nicht ganz so bedeutsam gewesen sind, wie ich damals dachte, steht mir dieser Abend vor so und so vielen Jahren, kurz vor meinem achtzehnten Geburtstag, noch in gleicher Schärfe vor Augen, als wäre ich gerade erst aus jenem Licht zurückgekehrt. Ich kann das Bild ohne Schwierigkeiten erneut betreten. Nach all der Zeit stehe ich wieder auf dem Kopfsteinpflaster, ich bin fast genauso so jung wie damals und ich sage mir erneut, diesen Abend darfst du nicht vergessen. Auch wenn ich mich heute frage warum. Weshalb darf ich das alles nicht vergessen? Warum soll ich den Abendhimmel und das verlöschende Licht nicht wie so vieles andere auch aus den Augen verlieren? Weil es wichtiger ist? Weil es eine Bedeutung besitzt? Welche Bedeutung hat dieser Abend am Ende gehabt?

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Anfang der Woche begann das neue Semester und zum ersten Mal, seitdem ich im Juli meine Stelle in der Bibliothek angetreten habe, laufen Studenten durch die Gänge. Das alles fühlt sich ungewohnt an, ich schaue in junge, konzentrierte Gesichter (zumindest ihre Augen kann ich erkennen, denn alle tragen Masken), ich schnappe die Bruchstücke von Unterhaltungen auf. Mein erstes Semester BWL, sagt ein Mädchen und ihre Stimme klingt erwartungsvoll und glücklich und sofort überfällt mich eine ganz idiotische Traurigkeit. Während ich den Treppenaufgang in die Bibliotheksverwaltung nehme, denke ich an diesen Satz, ich denke an das Fach Betriebswirtschaftslehre, ich denke an ähnliche Fächer, die zu nichts anderem dienen, als möglichst viel Geld in die Hände zu bekommen und damit das Leben als eine von Beginn an eintönige und unsinnige Aufgabe zu begreifen. Ich denke an die Zeitverschwendung, die sich in einem Fach wie Betriebswirtschaftslehre offenbart, an die abstoßende Lieblosigkeit eines solchen Begriffs, der keinerlei Geheimnis, allerdings die grenzenlose Banalität des Geschäfts umschließt und ich denke an die vielen jungen Leute, die gerade in einer Vorlesung oder vor ihrem Laptop sitzen und einige ihrer besten Jahre an das Studium dieser Wissenschaft verschwenden. Ich denke auch an die Borniertheit eines solchen Gedankengangs, denn natürlich ist es keinesfalls besser, Philosophie oder Sprachen zu studieren oder meinetwegen Medizin und Literatur. Doch wer sich für Betriebswirtschaftslehre entscheidet, begreift das Leben nicht als eine unermessliche Angelegenheit, die das Potential des Unfassbaren in sich schließt, sondern er begreift das Leben als eine nüchterne, traumlose Einrichtung, in der es keinerlei Geheimnisse, nichts im Ansatz Magisches und Überwältigendes gibt. Jemand, der Betriebswirtschaftslehre studiert, hat sich die Trostlosigkeit dieses Begriffes voll und ganz verdient. Meinetwegen kann er in seiner stumpfsinnigen, komplett entzauberten Welt achtzig oder neunzig Jahre vegetieren. 

Zum ersten Mal schließe ich mich am Montag einem meiner Kollegen zum Mittagessen an. Wir sitzen in einem Restaurant, das vor allem von Angestellten frequentiert wird. Die meisten essen ihre preiswerten Salate und Nudelgerichte stillschweigend, ohne sich mit den anderen am Tisch zu unterhalten. Hin und wieder nehmen sie ihre Telefone zur Hand und und tippen eine Nachricht auf dem Display ein. 

David erzählt mir von seiner Stelle am CERN, damals, als er noch an seiner Doktorarbeit schrieb. Er versucht mir den Teilchenbeschleuniger zu erklären, aber leider verstehe ich kein Wort. Dann berichtet er von seiner Zeit in Amsterdam, von einem Wohnheim und der günstigen Miete, doch als er zufällig den Grund seiner niemals beendeten Doktorarbeit berührt, bricht er mit einem Mal ab und wird still. Ich frage ihn, wie ich mir den Kontrollraum des Teilchenbeschleunigers vorstellen müsse. Wie in einem Atomkraftwerk? So ungefähr, antwortet er. Es gibt einen Haufen Bildschirme und Knöpfe und jeder, der am CERN arbeitet, schiebe dort Servicedienste. Bis auf die wissenschaftlichen Koryphäen natürlich. Er sei vor allem nachts im Einsatz gewesen, das sei die beste Zeit. Man bliebe ungestört, könne sich ganz mit seinen Datensätzen beschäftigen. Ich male mir das alles sehr naiv und blumig aus, als lauschte man ins All, direkt in die Unendlichkeit, als suchte man nach einem Lebenszeichen, nach irgendwelcher Strahlung, fremden Wellen oder etwas in diese Richtung. Aber David meint, die Arbeit wäre nicht ganz so aufregend. Es liefe vor allem auf viele Datensätze und mehr oder weniger große Abweichungen von anfangs getroffenen Annahmen hinaus, die mal stimmten und mal nicht. Wie das eben überall im Leben so sei.

Nachdem wir unsere mittelmäßigen Salate mit Hühnerbruststreifen gegessen haben, laufen wir zurück zur Universität. Am Tisch wollte ich David noch etwas fragen, ich wollte mehr über sein Leben in Amsterdam und der Schweiz wissen, doch plötzlich verspüre ich dazu keine Lust. Wir laufen nebeneinander und ich weiche den uns entgegenkommenden Leuten aus. Es ist sehr warm und ich schwitze. David trägt eine dunkle Sonnenbrille und ich weiß nie, ob er mir in die Augen sieht oder einfach an mir vorbei.

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Vor einigen Wochen schrieb ich einem alten, vielleicht meinem ältesten Freund, mit dem ich viele Abende im Blue Note verbrachte. Wir haben uns seit mehreren Jahren nicht mehr gesehen und ich fragte ihn, wie wir es schaffen könnten, ein abenteuerliches Leben zu führen. Was meinst du mit abenteuerlich?, schrieb er zurück.

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Die Nachmittage verbringe ich immer häufiger auf meinem Treppenabsatz in der Nähe der Uferwiese. Ich lese Agnar Mykle, trinke Kaffee und ziehe manchmal an meiner elektronischen Zigarette, um eine riesige Rauchwolke auszustoßen. 

Ganz in der Nähe gibt es einen Basketballplatz, auf dem sich hin und wieder Jugendliche ein paar Bälle zuwerfen. Die Körbe haben weder Netze noch Ketten, es sind einfache Metallringe, die man mit dem Ball treffen muss. Um zu meinem Treppenabsatz zu gelangen, laufe ich an diesem Platz vorbei und gestern fiel mir schon von weitem etwas Seltsames ins Auge. Keine Jugendlichen, die mit orangen Bällen warfen, sondern ein Mädchen in einem Rollstuhl und ihre Begleitung in unmittelbarer Nähe. Beide Mädchen waren jung, aber das war nicht das Eigenartige. Das Mädchen, das laufen konnte, bewegte sich merkwürdig um die im Rollstuhl Sitzende herum und erst nach einigen weiteren Meter, die ich völlig gebannt zurücklegte, begriff ich, dass sie um den Rollstuhl tanzte. Sie hielt eine Hand des sitzenden Mädchens und tanzte in langsamen, sehr vorsichtigen Schritten am Rollstuhl entlang, sie tanzte durch die warme Nachmittagssonne und es sah so aus, als umschriebe sie einen Kreis, in dessen Zentrum das gelähmte Mädchen leicht zur Seite geneigt saß. Es sah so aus, als würde dieses Mädchen im Rollstuhl das, was mit ihrer Hand und ihrem nach oben gestreckten Arm passierte, diese sanfte und unmerkliche Bewegung überhaupt nicht bemerken. Sie starrte in eine ganz andere Richtung, wie ich aus der Nähe begriff, sie sah eher in Richtung Boden oder Uferwiese, aber vielleicht fühlte sie die Bewegung ihres Armes und ihrer Hand dennoch, vielleicht fühlte sie die Luft, die um ihre Finger strich, die Berührung und Wärme einer Hand, die die ihre hielt und ihre andere Hand lag gekrümmt und seltsam angewinkelt in ihrem Schoß. Sie zuckte leicht mit dem Oberkörper, als folgte sie einem Takt, den weder das tanzende Mädchen noch ein anderer Mensch verstand, mit dem sie ganz allein und für sich war. Ich lief an beiden vorbei und verschwand wenig später im Schatten der Brücke.

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Um die Mittagszeit ziehen sich die Leute in den Schattenbereich der Brücken zurück. Auf der Uferwiese wachsen nur wenige Bäume und die meisten von ihnen sind jung und eignen sich nicht als Sonnenschutz. Dann sitzen die Menschen zu kleinen Gruppen versammelt unter den hohen Betonübergängen und folgen nach und nach der dunklen, wandernden Schattenzone, was eine Prozession in endloser Wiederholung erzeugt.

Bis zum Abend kommt hier niemand zur Ruhe. Familien grillen und hören Musik über mitgebrachte Lautsprecher, andere versuchen vergeblich zu schlafen, einige unterhalten sich. Unter einer der Brücken hat die Stadtverwaltung in den letzten Wochen Sportgeräte aufgestellt. Zuerst haben Arbeiter den Beton mit Presslufthämmern aufgerissen, dann die gelben Metallgeräte fest im Boden verankert und abschließend alles mit hellblauen Gummimatten ausgestattet. Komme ich jetzt hier entlang, trainieren halbnackte Typen an den Reckstangen Klimmzüge oder Muscle-Ups bis spät in die Nacht. Manche wirken dabei so, als gingen sie niemals heim, hätten vielleicht auch kein Zuhause. Alles spielt sich in einer fast andächtigen, religiösen Ruhe ab. Im Gegensatz zur Schattenzone der zweiten Brücke ist Musik in diesem Bereich verboten. Es herrscht eine klosterhafte Stille, in die sich hin und wieder ein leises Schnaufen mischt, sobald jemand seinen achtzigsten Klimmzug absolviert, um sich dann vollkommen lautlos von der Reckstange auf den Gummiboden gleiten zu lassen.

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Ich koche für K, die spät aus dem Museum kommt und völlig fertig ist. Wir unterhalten uns kurz, verschwinden dann gemeinsam ins Bett und sehen uns noch etwas auf ihrem neuen Macbook an. Gegen zehn schalten wir das Licht aus und ich schlafe sofort ein. Ich träume von einem geschotterten Feldweg. Ich fahre auf einem nagelneuen Fahrrad und weiche größeren Steinen auf der staubigen, ockerfarbenen Strecke aus. Es fühlt sich an, als würde ich Slalom fahren, immer um die unweigerlich auftauchenden Hindernisse herum. Gleichzeitig beschleicht mich das Gefühl, es müsse Morgen sein, sehr früh am Morgen sogar, obwohl das Licht, durch das ich mich bewege, eher auf Mittag schließen lässt, denn die Sonne steht sehr hoch und die umliegenden Felder werfen grellweißes Licht zu mir zurück. Doch ich habe keine Zeit, meine Vermutung zu überprüfen, denn die Hindernisse reißen nicht ab und ich muss mein Vorderrad ständig im Blick behalten, um die plötzlich vor mir auftauchenden Schlaglöcher und Steine zu umfahren. Es weht ein warmer Wind, meine Stirn ist schweißnass. Ich weiß, dass es einen Fluss ganz in meiner Nähe gibt, in dem ich schwimmen und mich abkühlen könnte, doch ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn erreichen will. Aus irgendeinem Grund bereitet mir das Fahren auf dem durchlöcherten Feldweg eine unerklärliche Freude. Und deshalb trete ich weiter in die Pedale und beschleunige meine Fahrt.