Pessoa – Wien, 4. September

Ich höre den Schlüssel in der Wohnungstür und lege Pessoas Buch der Unruhe auf dem Küchentisch ab. Es ist kurz vor halb acht und K kommt spät nach Hause. Die ganze Woche über machte sie sich neun Uhr morgens auf den Weg und kehrte erst gegen sieben zurück, denn im Museum laufen die Vorbereitungen für eine Ausstellungen auf Hochtouren, die in der nächsten Woche eröffnen soll. 

Während ich die wenigen Schritte zum Herd gehe, um eine Kochplatte für die Pfanne anzustellen, hängt mir einer von Pessoas Sätzen nach. Er folgt mir wie ein Geruch oder eine Melodie, die sich als dichter Nebel in mir auszubreiten beginnt. Ich war immer nur eine Spur, ein Trugbild meiner selbst. Besser kann man es nicht ausdrücken, denke ich und gieße Öl in die Pfanne, die ein leises Zischen von sich gibt. Ich bin mir sicher, diesen Satz vor dreizehn Jahren, als ich zufällig auf Pessoas Bücher in einer Wiener Buchhandlung stieß, genauso empfunden zu haben wie heute, in diesem Augenblick. Im Jahr Zweitausendundeinundzwanzig. Im Monat September. An einem Abend, der weder warm ist noch kalt. In den Geräuschen des Hinterhofs. In der Musik, die aus einer angrenzenden Wohnung kommt. Wie damals erschrecke ich über die Wahrheit eines solchen Satzes, über seine Treffsicherheit. Ich zucke regelrecht zusammen, als hätte jemand in unmittelbarer Nähe eine Pistole abgedrückt. Pessoas Sätze legen etwas offen, falten etwas auf wie die Blätter einer Blüte im Licht und dann schaut man in den Kelch und spürt diese merkwürdige Verunsicherung einer Wirklichkeit gegenüber, vor der man sich zwangsläufig verschließen muss, um weiterzumachen. Es ist zu gefährlich oder zu schön, denn die Schönheit ist schrecklich. Am Ende ist wahre Schönheit ebenso schrecklich wie unverstellter Hass oder rohe Gewalt, denn auch sie trifft schonungslos das Herz. Man bleibt ihr schutzlos ausgeliefert.

K kommt müde in die Küche und legt ihren rosafarbenen Fjällräven-Rucksack auf einen der beiden Stühle. 

„Ich gehe schnell unter die Dusche“, sagt sie, „aber im Rucksack ist Bier.“

Sie dreht sich um und verschwindet, fragt mit lauter Stimme aus dem Bad, was es heute zu essen gebe.

„Fisch-Tacos“, rufe ich nach draußen in den dunklen Flur, denn das Badezimmer bekomme ich vom Herd aus nicht in den Blick.

„Eher ein Fisch-Burrito“, schiebe ich nach, obwohl ich bereits die Dusche höre und damit weiß, dass K mich nicht hören kann.

* * *

Wahrscheinlich bleiben wir alle bloß Spuren und vergessen irgendwann, dass wir nichts anderes als diese Spuren sind. Spuren auf einem Weg, von dem man sich unweigerlich entfernt, man tritt auf die Wiese, läuft einige Meter orientierungslos herum, findet den Weg erneut, folgt ihm ein weiteres Stück, obwohl man ahnt, in gewisser Weise im Dunkeln zu tappen. Dann kommt ein Abzweig, man bleibt verunsichert und etwas eingeschüchtert vor dieser unerwarteten Möglichkeit stehen und entscheidet sich kurze Zeit später für den rechten oder linken Weg. Sicher kehren manche auch einfach um und glauben damit der Entscheidung zu entgehen, aber das ist natürlich ein Trugschluss. Das Zurückkehren folgt dem Weg bloß auf andere Weise. Man entscheidet sich also für einen der Abzweige. Nicht, weil man weiß, was man tut, sondern weil man irgendetwas tun muss. Die Gegenwart fordert auf und schiebt voran, niemand bleibt so ungestraft vor einer Kreuzung stehen, egal wie diese auch beschaffen ist. Die Gegenwart rollt heran, sie drückt uns ihre Hände in den Rücken und schon geraten wir ins Stolpern, um im Nachhinein zu behaupten, alles habe seine Richtigkeit gehabt. Wir hätten zwischen verschiedenen Möglichkeiten gewählt und wir hätten es aus freien Stücken und nach reiflicher Überlegung getan. Am Ende sei doch alles ganz glücklich verlaufen. Überhaupt hätten wir eine ganze Menge Glück gehabt und hinter oder vielmehr unter diesem Glück leuchtet noch immer jene Spur, die wir einmal waren und noch immer sind. Etwas Unvollständiges. Etwas, das unvollendet bleibt. Wer kann von sich behaupten, etwas anderes als unvollständig zu sein? 

* * *

Ich öffne eine von Ks mitgebrachten Bierdosen und trinke einen Schluck. Dann mache ich mich über meinen Fisch-Burrito her, der mir erstaunlich gut gelungen ist, wie ich finde. K stimmt mir sogar zu und ihr Urteil wiegt schwer, denn sie besitzt eine weitaus feinere Zunge. Natürlich lässt sich mein zusammengewürfelter Burrito nicht ansatzweise mit Pepe’s Fisch-Tacos vergleichen, die wir vor drei Jahren in Mexiko gegessen haben, aber das wäre auch ein wenig zu hoch gegriffen. Dabei ging mir alles ziemlich leicht von der Hand und ich beginne allmählich so etwas wie ein Gefühl für das Kochen zu entwickeln, für das Zusammenspiel einfacher Zutaten zumindest. Auf dem angewärmten Tortilla verstreiche ich Ingwer-Hummus und verteile Kidney-Bohnen, grüne Paprikawürfel, Tomate und Gurke. Darüber kommt das gebratene Fischfilet, das ich umgehend mit Mangochutney bestreiche. Noch etwas gehackte Petersilie und alles ist fertig. 

Während K bis spätabends im Museum bleibt, verwandele ich mich widerstrebend in eine Reinigungskraft. Ich wasche Wäsche und hänge sie auf. Ich kümmere mich um das Geschirr und um den Müll. Ich putze das Bad, sauge Staub, schüttele unsere Betten aus. Komme ich gegen Mittag aus der Bibliothek, erledige ich schnell einige Handgriffe, um mein Gewissen zu beruhigen und mich danach an den Schreibtisch zu setzen. Das alles knabbert nicht an meiner Männlichkeit, einen solchen Charakterzug habe ich glücklicherweise nie besessen. Jeder muss Ordnung halten, so ist das nun einmal. Aber ich räume auch nicht begeistert auf, fühle mich danach nie, als hätte ich etwas zustande gebracht. Aus irgendeinem Grund siegt die Unordnung stets und bereits zwei oder drei Tage später machen sich erste Spuren bemerkbar, die das einmal Erreichte als flüchtigen Zustand kenntlich machen, der in endloser Wiederholung erneut hergestellt werden muss. Als betrachtete man eine weiße Wand, auf der sich in kürzester Zeit feine Risse bilden. Dann sehe ich den Staub, der sich auf den Fliesen im Bad und auf unserem Waschbecken bildet und greife wieder zum Lappen, endlos zu einem Lappen, der im Abstand der Wochen seine Farbe wechselt. Mal ist er grün, dann gelb, irgendwann auch rot. Ich wische über die Fliesen, ich putze das Bad, die Küche und unser Wohnzimmer und am Ende siegt dennoch der Staub. Manchmal kommt mir der Gedanke, meine Eltern müssten sehen, wie ich Ordnung halte. Das war schließlich der Generalvorwurf meiner Kindheit, nie hältst du Ordnung, du lebst im völligen Chaos. Im Schweinestall.

„Was machen wir jetzt eigentlich mit deinem Roman?“, fragt K mit vollem Mund. Sie sieht müde aus. Ihre blonden Haare sind nass und zurückgekämmt und leichte Schatten liegen unter ihren Augen.

„Was sollen wir mit dem Buch schon machen?“

„Was ist mit einer Releaseparty? Wir laden alle Freunde ein und du liest ein Kapitel.“

„Ein ganzes Kapitel?“

„Dann eben ein paar Seiten. Das ist ganz egal.“

„Das Buch ist doch aber schon ein paar Wochen draußen.“

„Das macht nichts.“

„Ich weiß nicht.“

K atmet hörbar aus.

„Warum bist du nie mit etwas zufrieden?“, fragt sie dann.

„Woher soll ich das wissen?“, erwidere ich.

Sie klappt ihren Laptop auf und startet eine Folge Killing Eve. Letztes Wochenende habe ich zwei russische Filme gesehen, in denen es auch um Auftragsmörder ging. Bruder 1 und 2 von Alexei Balabanow. Der erste Teil war richtig gut. Ein junger, gut aussehender Russe legt sich in Leningrad mit der Mafia an und erschießt einige Leute, bis er sich nach Moskau absetzt. Denn dort herrscht das wirkliche, das große Verbrechen. Und damit natürlich das Geld. Der Film ist durchzogen von patriotischen Botschaften, die im zweiten Teil immer plakativer werden, aber die rohe, bedrohliche Atmosphäre, die heruntergekommenen Straßen und die ebenso heruntergekommenen Menschen ziehen mich eigenartig an. Außerdem erinnert mich vieles an Taxi Driver, den ich irgendwann einmal gesehen habe. Aber das ist eine halbe Ewigkeit her.

* * *

Wir liegen auf unserem Bett und ich schaue zur Decke hinauf. Jetzt, um kurz vor neun, ist es draußen bereits dunkel. Die Dunkelheit ist noch nicht vollständig, aber sie wird es bald sein. In fünf oder zehn Minuten vielleicht.

Ich denke an meinen Roman. Ich denke an das Urteil meiner Freunde und ich denke an mein eigenes Urteil. In letzter Zeit denke ich häufig über die Folgenlosigkeit des eigenen Handelns nach. Bewege ich tatsächlich etwas, nähere ich mich einem Ziel, zumindest dem Ende eines Abschnitts? Es gibt Augenblicke, in denen ich nicht mehr unterscheiden kann, ob das, was ich tue, gut ist oder nicht. Ob ich mich mit Mittelmäßigkeiten beschäftige, in einer Spur zerfalle, nur noch Trugbild bin, wie es Pessoa nennt. Was mache ich hier eigentlich?, frage ich dann K. Du schreibst und hast ein Buch veröffentlicht, antwortet sie fast automatisch, denn sie kennt dieses Spiel. Die Verzweiflung stellt sich immer ein, sie bleibt nie aus. Das ist der mir entsprechende Wechsel. Mein Uhrwerk sozusagen.

Wir liegen nebeneinander im Bett und plötzlich tue ich etwas, das ich seit Jahren nicht getan habe. Ich versuche aufzuzählen, wofür ich dankbar bin an diesem Tag. Das ist eine esoterische Übung, die ich meinen Freunden gegenüber niemals eingestehen würde, denn das wäre mir unendlich peinlich.

Ich bin dafür dankbar, dass ich gesund bin und ewig nicht zum Arzt gehen musste.

Das ist das erste, was mir einfällt.

Ich bin für K dankbar, die mich und mein endloses Lamentieren erträgt. Was für eine Gnade!

Ich bin für die Zeit dankbar, die mir jetzt plötzlich außerhalb der Arbeit für das Schreiben bleibt. Noch im Juni hat mich das Museum gequält und jetzt plötzlich gibt es diese Halbtagsstelle, die das Schreiben ermöglicht. Etwas, auf das ich mich sechs Jahre lang zubewegt habe, um manchmal fast daran zu verzweifeln.

Irgendwann kommen mir ganz unsinnige Gedanken.

Ich bin für das Licht dankbar, für den Himmel, dafür, dass ich atmen kann.

Oh Gott, flüstere ich und greife nach dem Bier, der zweiten Dose an diesem Abend.

„Woran denkst du?“, fragt K, die neben mir mittlerweile eine Kochsendung auf Youtube schaut.

Jemand sucht nach dem ultimativen Pizzarezept und reist dafür durch die ganze Welt. Gerade ist er mit strahlendem Gesicht in Indonesien unterwegs und erschreckt die Einheimischen mit seinem euphorischen Gehabe.

„Ich denke an meinen freien Tag.“

„Hast du etwas vor?“

„Das weiß ich noch nicht so genau.“

„Dir fällt schon was ein.“

K widmet sich wieder ihrer Sendung und ich denke an den bevorstehenden Tag. Ich werde weiter in Liebe ist eine einsame Sache lesen, ich werde mich um den Haushalt kümmern, vielleicht gehe ich klettern. Ich folge irgendeiner Spur, werde mir wieder selbst zum Rätsel, wundere mich über alles, was folgenlos bleibt. Dann schaue ich nach rechts, auf Ks Bildschirm. Der grenzenlose Urwald Indonesiens flutet durch das Bild und ich weiß nicht, was dieser Urwald mit einem Pizzarezept zu tun haben kann. Ein undurchdringliches Dickicht leuchtet mich an, tiefgrün und gleichzeitig von einem eigenartigen Gewicht, von einer anziehenden, aber auch gefahrvollen Dunkelheit erfüllt. Ich erinnere mich an das Kanonenboot in Herz der Finsternis, das scheinbar grundlos in die bewaldeten Klippen einer namenlosen Küste feuert. Und dann schließe ich für eine Sekunde meine Augen und stelle mir vor, an der Grenze dieses Dschungels zu stehen, das weit entfernte Krachen der Kanonen im Ohr, das fast unhörbar leise geworden ist. Die Hitze auf meiner Haut, das Summen tausender Insekten ganz dicht an meinem Ohr. Rufe von Tieren, die keinen Namen tragen, nirgendwo verzeichnet sind. Und der Schweiß, der mir in die Augen läuft und dort wie Feuer brennt.