Donnerstag, 2. September

September. Der Monat, in dem meine Schwester ein Jahr älter wird. Außerdem ist er der letzte echte Sommermonat, auf den mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit der Herbst folgen muss. Im Oktober läuft man durch lange Schatten oder man läuft durch den kalten Regen, die Straßen verwandeln sich in stumpfe Spiegel und der Wind fühlt sich bereits nach Winter an. Man sucht die dicke Jacke heraus und hängt die leichte in den Schrank. Man wechselt die Bettdecken, dreht die Heizung auf, verfolgt das zurückweichende Licht. Das Licht holt den Tag nicht mehr ein, die Nacht vergrößert sich, sie nimmt sich das zurück, was sie den Sommer über eingebüßt hat und irgendwann beginnen die Bäume zu schwächeln und verlieren stoßweise ihr Laub. Wie jedes Jahr werde ich den Abflug der Zugvögel verpassen, obwohl ich sie eine Zeit lang zu dichten Gruppen gedrängt bei ihren Reisevorbereitungen in den Platanen beobachten kann. Dann sieht es so aus, als berieten sie sich nervös über die beste Route und könnten den bevorstehenden Abflug kaum erwarten. Von einem Tag auf den anderen werden die Platanen plötzlich leer sein und die Vögel spurlos verschwunden. Am Ufer wächst das hohe Gras im Wind, Wolken ziehen vorüber, das Wasser fühlt sich eisig an, fließt ansonsten aber unverändert durch die Stadt.

Gestern habe ich mit K darüber gesprochen, wie schnell uns die Zeit davonläuft. Die Wochen: ein kurzes sich Wundern. Die Monate: als kehrte man nach einem Ausflug in die Wohnung zurück. Das Jahr: ein paar verstreute Bilder, deren Ordnung sich nur schwer bestimmen lässt. Ich bin hierhin und dorthin gegangen, ich habe meinen Rhythmus gefunden, habe einige Bücher gelesen, eins herausgebracht und an zwei weiteren geschrieben, doch ich bin das Gefühl nicht losgeworden, weiter bloß auf diesem See zu schwimmen, dessen Grenzen sich mit jedem meiner Züge verschieben, ein See von ungewisser Ausdehnung und Tiefe und auch der Himmel darüber wirkt weder nah noch fern in seiner unverständlichen Klarheit, als zählte er sich selbst zu einer anderen Welt. Während ich schwimme, sage ich mir, alles, das Wasser, der verborgene Grund und selbst die blaue Kuppel über meinem Kopf, müsse sich mit den Fingern berühren lassen, legte ich es nur darauf an. Ich werfe meine Arme nach vor, tauche sie in die Wellen, strampele mit meinen Beinen und fühle, wie sehr mein Herz vor Anstrengung und Erwartung schlägt. Immer hat es auf irgendetwas gewartet. Die Erwartungen ist es niemals losgeworden.

In den letzten Monaten bin ich so viel wie seit Jahren nicht gelaufen, immer am Flussufer entlang. An manchen Tage lief ich in Richtung des Klinikums, wo viele Leute unterwegs sind oder auf den Bänken sitzen, die meisten Tage allerdings habe ich mich in Richtung Schleuse auf den Weg gemacht. Ich habe mehrmals die vor Anker liegende Missouri beobachtet, wie sie von einem Kran mit bunten Metallcontainern beladen wurde. Ein Schiff, das mit Sicherheit niemals etwas anderes als Neckar und Rhein gesehen hat und überhaupt nicht weiß, welchen märchenhaften Namen es trägt. Ich stelle mir vor, wie sein Kapitän an einem Abend ganz unerwartet beschließt – die Sonne ist bereits untergegangen und die Arbeiten längst eingestellt –, das Lastschiff in Richtung Nordsee und dann in Richtung Ozean zu steuern. Er weiß selbst nicht warum, aber am nächsten Morgen ist er nach New York unterwegs, obwohl sein Schiff nicht hochseetauglich ist. Er hat niemandem Bescheid gegeben und der Mann, der den Containerkran steuert, wundert sich eine Weile, wo die Missouri bleibt.

Auf meinen Spaziergängen in dieser Woche habe ich über eine Widmung nachgedacht, die ich dem Jahr der Fahnen voranstellen möchte. Wahrscheinlich werde ich noch einiges umschreiben oder komplett streichen, aber das ist das bislang mein Ergebnis: 

Dieses Buch ist allen Freunden gewidmet, die ich aus den Augen verloren habe. 

Es handelt von einem Jahr. Es handelt von einem Buch. Es handelt von der verlorenen Zeit. 

Es geht um die Zweifel, das Flüchten und um die Sehnsucht. Die Sehnsucht ist alles! 

Es handelt von einem Gefühl, für das ich keine Worte finden konnte. Auch im Jahr der Fahnen nicht.