Sonntag, 26. September

Es gibt Tage, an denen ich so benommen durch die Gegend laufe, dass alles um mich herum verschwimmt. Nicht bloß die Ereignisse, zum Beispiel ein Straßenzug, auf dem sich Menschen in verschiedene Richtungen bewegen und hinter ihnen der Verkehr. Es gibt einen Himmel darüber, auf dem sich erste Gewitterwolken bemerkbar machen und darunter den mit schwachen Vogelrufen vermischten Straßenlärm. Ein ganz verrücktes Durcheinander von Formen, Farben, Geräuschen und Gerüchen strömt auf mich ein, vielleicht liegt darin die Kraft der Ereignisse, aus denen ein Sog entsteht, eine Art Dröhnen und am Ende dieses Dröhnens, auf der gegenüberliegenden Seite sozusagen, wartet die Zeit. Die Zeit verschwimmt in manchen Stunden wie ein Straßenzug am Morgen, sobald sich alle in Richtung Arbeit bewegen. Plötzlich ist es Mittag und Augenblicke später bereits eins. Ich bin verabredet, sehe erschreckt auf meine Uhr, ja, es ist tatsächlich eins und ich komme viel zu spät. Als mir das nächste Mal auffällt, an welchem Punkt ich mich befinde (ein genau zu bezeichnender Punkt auf einer Straße, in einem Viertel, einer Stadt), liegen zwischen mir und der Universität bereits zweihundert, vielleicht auch dreihundert Meter. Ich habe vier Kreuzungen hinter mich gebracht, zwei Ampeln darunter, und bin mehrere Male abgebogen. Aber ich kann nicht im Ansatz sagen, ob ich vor einer roten Ampel stehen geblieben oder bei Grün auf die Fahrbahn gelaufen bin. Das alles ist mir abhanden bekommen, genauso wie mir die Menschen abhanden gekommen sind. Wie viele Leute habe ich überholt und wie viele sind mir auf den Bürgersteigen entgegen gelaufen? Ich erinnere mich dunkel an eine Frau in nachtblauem Kostüm mit weichem Seidenschal und hellblauer OP-Maske. Es sah so aus, als hätte sie diese Maske farblich auf Rock und Jacke abgestimmt, aber das ist schon alles. Wo sind die anderen Menschen, die ich gesehen haben muss, von denen mich nur Zentimeter trennten? Ich habe sie so schnell vergessen, dass keine Spur in mir zurückgeblieben ist.

So taucht die Welt manchmal ab, sage ich mir, während sich meine Benommenheit etwas lichtet, und laufe in Richtung Wasserturm. Doch wenn sie abtaucht und verschwindet, wo befinden wir uns in einem solchen Augenblick? Ich stelle mir vor, wir würden in diesen Sekunden mit einem Bein die Welt verlassen und für kurze Zeit über ihre Grenze hinaus treten. Etwas von uns bleibt zurück, sitzt weiter stumm an einem Schreibtisch, wartet in einer Schlange, tippt eine lange Nummer in ein Telefon oder kocht eine Kanne Kaffee, doch die andere Hälfte von uns ist nicht mehr da, sie ist hinter diese Tür getreten, ohne sie zu schließen. Die Tür bleibt nur angelehnt, steht ein Spalt breit offen.

Und was befindet sich hinter dieser Tür?

Hinter der Tür warten Zeitlosigkeit und Vergessen. Plötzlich gibt es uns nicht mehr. Wir schrumpfen zusammen, von uns bleibt nur ein vegetativer Rest zurück, der weiterhin atmet und sich gelegentlich bewegt, den die Reize der Außenwelt aber nicht mehr erreichen. Alles auf der anderen Seite der nur angelehnten Tür findet weiterhin statt, doch es findet ohne uns statt, wie einmal alles ohne uns stattgefunden hat und irgendwann erneut ohne uns stattfinden wird. Doch davon bemerken wir erstaunlicherweise nichts.

Und das ist vielleicht sogar beruhigend.

Zumindest denke ich, es sei beruhigend, während ich K am Brunnenrand entdecke, hinter ihr die hellen Wasserfontänen, die als weiße Linien in den Himmel sprühen. 

Sie sitzt auf der grauen Daunenweste, die sie mir vor drei Jahren in Neuseeland zum Geburtstag geschenkt hat und die mittlerweile in ihren Besitz übergegangen ist. Sie schaut auf ihr Telefon. 

„Tut mir leid“, rufe ich und laufe über den knirschenden Kies. „Ich bin einfach nicht früher losgekommen.“

Sie sieht zu mir auf.

Wie stets liegt auf ihrem Gesicht nicht die Andeutung eines Vorwurfs und ich frage mich unsicher, ob ich auf eine halbstündige Verspätung mit ähnlicher Gelassenheit reagieren würde.

„Macht nichts“, sagt sie lächelnd, greift nach einer Papiertüte, in der sich unser Mittagessen befindet, und steht auf.

Wir suchen nach einem Platz, doch viele Bänke sind nass und schmutzig. Nach der dritten Bank, die wir inspizieren, breite ich meine Regenjacke über den grün gestrichenen Holzlatten aus und wir setzen uns.

K hat in einem Imbiss Gyros zum Mitnehmen bestellt und da ich heute noch nichts gegessen habe, mache ich mich ohne größere Umschweife über die Kartoffelecken und eine wirklich riesige Fleischladung her. Es gibt Tzaziki in einem Extratöpfchen und dazu Salat.

Wir essen schweigend mit Blick auf den Springbrunnen. In den belaubten, aus rötlichem Sandstein konstruierten Arkadengängen sitzen Menschen im Schatten, junge Leute haben sich auf den Wiesen einen Platz gesucht und unterhalten sich miteinander. Die Laute ihrer Stimmen trägt der Wind davon, es sieht so aus, als bewegten sie nur zum Spaß ihre Lippen. 

Auf den Kieswegen laufen Spaziergänger in ihrer Mittagspause durch die Sonne. Menschen, die sich Bewegung verschaffen und gerade etwas in den Restaurants der Innenstadt gegessen haben. Männer mit Bauchansatz, ausgewaschenen Jeans und blaukarierten Hemden. Frauen in unförmigen Hosen, sandfarbenen Blusen und ein wenig aus der Mode gekommenen Frisuren. Ich weiß nicht, wohin sie gehen und möchte das auch nicht wissen. Ich weiß nur, dass in diesem Gehen zu einer genau festgesetzten Stunde eine Trostlosigkeit liegt, die den Gesichtern in manchen Augenblicken, besonders dann, wenn sie sich unbeobachtet fühlen, problemlos anzusehen ist. Fast so, als folgte man den feinen Verästelungen eines ausgetrockneten Wasserlaufs, der Spuren in den Sedimenten hinterlassen hat. 

Und dann frage ich mich, wann dieser Tausch stattfand, in welchem Augenblick sich das offene Leben in einen halbstündigen Spaziergang verwandelte, den man fünf Mal in der Woche zur Mittagszeit absolviert. Auf den man sich freut, der einem Erleichterung verschafft. 

Es muss diesen Augenblick gegeben haben, der alles verwandelte. Der Nullpunkt sozusagen, von dem etwas ausging. 

Der Anfang der Veränderung und des Übergangs.

Irgendwann einmal sollte alles anders sein. Man gibt diesem Irgendwann einen zweiten Namen und nennt es Früher.

Man denkt sich in das Früher hinein. Niemals hätte man mit diesen Menschen getauscht. Man hätte sie bemitleidet und sich geschworen, alles anders zu machen. 

Und man hat auch einiges anders gemacht. Aber eben nicht alles.

Worauf kam es also am Ende an?

Und wer behielt hier die Oberhand über das Leben?

Es gibt Menschen, die das Leben verstehen. Ich hatte solche Menschen kennengelernt, aber sie längst aus den Augen verloren. Sie nahmen das Leben in die Hand, als würden sie nach einem beliebigen Gegenstand greifen, für sie existierte keine falsche Scheu und Zögerlichkeit. Sie machten etwas mit diesem Gegenstand in ihren Händen, weil man am Ende eben etwas damit anfangen musste. Der Gegenstand stellte eine Aufgabe dar und diese Aufgabe nahm man ganz einfach an, weil Herausforderungen zwar Angst machten, aber ebenso gut überwunden werden konnten.

Doch es gab natürlich auch die anderen. Die anderen griffen das Leben ähnlich euphorisch an, besaßen aber zwei linke Hände und machten dadurch alles unnötig kompliziert. Oder sie beschäftigten sich viel zu lange mit trockener Theorie und vergaßen darüber, sich irgendwann auf den Weg zu machen.

Es gab auch diejenigen, die quer zu Welt standen und niemals festen Boden unter die Füße bekamen. Auch solche hatte ich kennengelernt. Einmal hatte mich sogar ein Vermieter über die Orientierungslosen aufgeklärt.

* * *

Jetzt vor dem Brunnen kamen mir die Orientierungslosen wieder in den Sinn. Sie legten sich auf die Spaziergänger, die Menschen verschmolzen miteinander und plötzlich, als hätte es einen Zaubertrick gegeben, war zwischen beiden – denjenigen, die auf Beinen aus Gelee standen und den anderen, die aufrecht und ohne zu zögern über den knirschenden Kies liefen – nicht mehr zu unterscheiden.

* * *

Ich stand in einem möblierten Zimmer in Ludwigsburg und starrte auf die hässlichste Schrankwand, die mir jemals untergekommen war. Eine hellblaue, durchgelegene Schlafcouch hatte man unter eines der beiden Fenster gerückt und ein nierenförmiger Schreibtisch, der mich an die Einrichtung eines Kinderzimmers erinnerte, befand sich an der gegenüberliegenden Wand. 

Keines der Möbelstücke besaß nur den Hauch von Charakter. Alles, das sah ich auf den ersten Blick, war so übertrieben charakterlos und tot, dass es bereits wieder lächerlich war und mich aus irgendeinem Grund mit meinem Schicksal versöhnte.

„Nimmst du das Zimmer?“, fragte mich Fauser, ein zwei Meter großer Mann mittleren Alters. Sowohl Haare als auch Bart waren bereits ergraut. Beide trug er kurz geschnitten. Zu meiner Enttäuschung zeigte er keinerlei Ähnlichkeit mit dem gleichnamigen Schriftsteller, von dem Rohstoff stammte, ein Roman, den ich erst vor wenigen Monaten gelesen und der mir auf Anhieb gefallen hatte. Er stand für mich in einer Reihe mit Romanen wie Post Office von Charles Bukowski, Ask the Dusk von John Fante, Wind der Welt von Blaise Cendrars, Junky von William S. Burroughs und dem Rum Diary von Hunter S. Thompson.

„Wie teuer soll das Zimmer noch einmal sein?“, antwortete ich, um etwas Zeit zu schinden und mir mein Leben in diesem fünfzehn Quadratmeter großen Raum vorzustellen. Ein Raum, den ich für meinen ersten richtigen Job anmieten, in dem ich zwei Jahre leben würde. Den ich nach meiner Zeit in Berlin und Leipzig als Volontär in einem Archiv bezog. 

Ich war neunundzwanzig, hatte meine Stelle vor eineinhalb Wochen angetreten und schlief zur Überbrückung in einem Wohnheim, bis ich eine passende Unterkunft gefunden hatte. 

„Der Preis ist natürlich unschlagbar“, hörte ich Fausers Stimme in meinem Rücken. Dann nannte er irgendeine Zahl.

Das stimmte. Ich hatte mir bereits ein Dutzend Zimmer angesehen, denn für eine ganze Wohnung reichte mein Gehalt nicht aus. Ich arbeitete zwar Vollzeit, bekam allerdings nur die Hälfte des tariflichen Lohns, da ein Volontariat als Ausbildung zählte. Im Archiv wimmelte es von Volontären, denn sie waren als billige Arbeitskräfte überaus beliebt.

Dummerweise war ich zum Semesteranfang in die Nähe von Stuttgart gezogen und da überall Wohnungsmangel herrschte, schossen die Preise selbst für winzige Abstellkammern in die Höhe. Mittlerweile wurde ich mit jedem Tag nervöser, ob ich am Ende überhaupt ein passendes Zimmer für mich fand, aber das hier, dieser Raum, der eher einem Kinderzimmer glich, wie sollte ich darin ein selbstbestimmtes Leben führen? Ich war schließlich nicht mehr Anfang Zwanzig, mein Studium lag hinter mir, ich wollte endlich schreiben und ein Buch zustande bringen, ich wollte das Leben auf dieser Arbeit ausprobieren und mir einen Platz erkämpfen in der Welt. Doch wie sollte das alles ausgerechnet in diesem Zimmer möglich sein?

„Ich würde es gern nehmen“, sagte ich dumpf und drehte mich unschlüssig in Fausers Richtung um.

„Du arbeitest, hast du gesagt?“

Ich nickte.

Mein Mund fühlte sich so ausgetrocknet an, als hätte ich seit Tagen nichts mehr getrunken.

„Ist deine Stelle befristet?“

„Ja.“

„Hmm.“

Offensichtlich gefiel ihm das nicht.

„Eine unbefristete Stelle ist natürlich eine Sicherheit. Darauf kann man sich als Vermieter verlassen.“

„Stimmt.“

„Da ist selbst eine Bürgschaft überflüssig.“

„Ich kann die drei Kaltmieten im Voraus bezahlen. Das ist kein Problem.“

Fausers Augen wurden groß. Aber nur für den Bruchteil einer Sekunde.

„Das klingt natürlich gut.“

Ich nickte erneut und dachte unsinngerweise, du nickst wie eine Maschine.

„Für die Möbel wird auch ein Abschlag fällig.“

„Kein Problem.“

„Und ich möchte das Geld, bevor du einziehst. Plus die erste Monatsmiete.“

Ich musterte ihn. Irgendwie kam mir dieses ganze Gerede über Abschläge, Monatsmieten und Vorausbezahlung albern und unerträglich kleinbürgerlich vor. Hatte dieser Mann auch nur die leiseste Ahnung, wo wir uns befanden? 

Sein Zimmer war schrecklich! Man hätte Geld dafür verlangen müssen, an diesem Nierenschreibtisch zu sitzen. Was bildete er sich eigentlich ein?

„Ich kann alles im Voraus bezahlen“, hörte ich mich stattdessen sagen.

Fauser schien endlich befriedigt und nickte zufrieden.

„Dann kannst du das Zimmer gern haben.“

„Super.“

„Ich wünsche mir einen Mieter, der sich an die Abmachungen hält.“

„Verstehe.“

„Der letzte Mieter hat nämlich irgendwann aufgehört zu zahlen.“

„Aha.“

„Am Anfang schien er ganz nett. Er muss sogar in deinem Alter gewesen sein.“

Klasse, dachte ich.

„Aber dann hat er nicht mehr gezahlt und am Ende mussten wir ihn rausholen.“

„Wir?“

„Ich und die Polizei.“

Ich starrte ihn an.

„Mir ging es nicht ums Geld, obwohl er mir damals schon vier Mieten geschuldet hat. Aber die anderen Parteien im Haus haben sich Sorgen gemacht. Ich kenne hier ja auch alle persönlich. Seine Freundin hatte sich von ihm getrennt und dann ist er wohl in so etwas wie eine Depression gefallen, hat seine Arbeit verloren und das war’s.“

Warum erzählt er mir diese ganze Geschichte?, fragte ich mich.

„Und aus dieser Depression ist er auch nicht mehr rausgekommen. Wobei mir erst viel später aufgefallen ist, dass er wahrscheinlich niemals etwas anderes war als depressiv. Jedenfalls habe ich erst nach seinem Rauschmiss verstanden, dass er einer derjenigen gewesen ist, die niemals auf die Füsse fallen.“

Ich stutzte.

„Niemals auf die Füße fallen?“, fragte ich.

Fauser nickte.

„Genau.“

„Das habe ich noch nie gehört. Diesen Ausdruck meine ich.“

„Das jemand nicht auf die Füße fällt?“

„Ja.“

Er zuckte mit seinen Schultern.

„Nicht auf die Beine kommen oder nicht auf die Füße fallen, nenn es, wie du willst. Ich möchte jedenfalls nicht, dass sich das alles wiederholt.“

* * *

Aus irgendeinem Grund bezog ich diese Geschichte auf mich. Das hing weniger mit Fauser und diesem Zimmer zusammen, in das ich ein paar Tage später tatsächlich zog, als mit einer Grundstimmung, die mich seit Jahren, vielleicht seit meinem Umzug nach Berlin, begleitete. Hörte ich von jemandem erzählen, der mit dem Leben nicht zurecht kam, fühlte ich jedes Mal einen Stich in der Brust, als spräche man insgeheim auch über mich. Ich fühlte mich demjenigen, der plötzlich nicht mehr weiter wusste, der sich zurückgezogen hatte, von einem Tag auf den anderen alles aufgab, merkwürdig nah, ohne genau sagen zu können, warum ich das tat. Zwischen den Gescheiterten und mir existierte ein unsichtbares Band, das sich irgendwann geknüpft haben musste. Äußerlich merkte man mir wahrscheinlich nichts an, doch jahrelang wurde ich das Gefühl nicht los, es fehlte nur ein einziger Schritt, ein Stolpern, eine Unachtsamkeit und ich würde für alle sichtbar mein Gleichgewicht verlieren und das Schicksal der aus dem Tritt Gekommenen teilen. Dann würde nicht mehr von der Hand zu weisen sein, was ich innerlich die ganze Zeit über gespürt hatte, mein völliges Unvermögen, meine Unsicherheit, die Ahnung, ich könnte im nächsten Augenblick am Ende sein, ganz grundsätzlich mit meinem Latein am Ende. Tatsächlich, aber das verstand ich erst viel später, hatte ich mich mit dem Gefühl einer drohenden Niederlage auf den Weg gemacht. Eine über dir schwebende Katastrophe, die genau dann hereinbricht, wenn du es am wenigsten erwartest. Sie lauert nicht hinter der nächsten Häuserecke, vielleicht bricht sie nicht einmal in dieser Stadt und in diesem Jahr über dich herein, doch irgendwann wird sie kommen, sie holt dich schließlich ein und dann sehen die anderen, dass du all die Jahre damit verbracht hast, eine Rolle zu spielen, hinter der es nichts anderes gab als einen von Beginn an zum Scheitern Verurteilten. Denn obwohl es für einen Unbeteiligten so ausgesehen hat, als bewegtest du dich wie alle anderen auch durch die Straßen, haben deine Füßen doch niemals den Boden berührt.

* * *

„Kommst du heute Abend zum Konzert?“, fragt mich K.

In der Zwischenzeit habe ich meine Gyrosportion aufgegessen und könnte mich sofort zu den anderen ins Gras legen, um auf der Stelle einzuschlafen. Mein Magen fühlt sich an, als hätte man ihn mit Beton ausgegossen.

„Eher nicht“, antworte ich.

„Warum denn nicht?“

„Ich saß heute drei Stunden in einem Termin und bin noch überhaupt nicht zu meiner eigentlichen Arbeit gekommen. Ich muss wieder zurück ins Büro.“

„Aber es ist doch Freitag!“

„Du arbeitest doch auch bis halb zehn!“

K schweigt und stochert in den zerfledderten Resten ihres Mittagessens herum.

„Willst du das noch?“

Ich zeige auf eine angeknabberte Pitahälfte und obwohl mein Magen ernstzunehmende Warnsignale sendet, läuft mir doch wieder das Wasser im Mund zusammen.

„Nicht wirklich. Kannst du gern haben.“

„Danke.“

„Was machen wir am Wochenende?“, fragt sie nach einer Pause.

„Such dir was aus“, bringe ich mit vollgestopftem Mund hervor.

„Hm-m.“

Ich beobachte die Wassersäulen des Springbrunnens, die in etwa drei Metern Höhe einen Halbkreis umschreiben und dann hinab in Richtung Boden fallen. Obwohl sich die Fontänen in jedem Augenblick verändern, wirken sie aus der Entfernung dennoch so, als würde es keine größeren Variationen geben, als bliebe das Wasser, das sich in eine nahezu unendliche Kette immer kleiner werdender Tropfen zerlegen lässt, bis man irgendwann die Ebene der Atome erreicht, immer gleich.

„Vielleicht habe ich keine Lust auf einen Ausflug am Wochenende“, sagt K.

„Wir müssen auch nicht unbedingt einen Ausflug machen“, antworte ich.

„Aber ich will auch nicht einfach nur zu Hause bleiben. Das Wochenende geht so viel zu schnell vorbei.“

Ich merke, wie müde und abgeschlagen sie ist. Doch ich weiß auch, wie wenig ich daran ändern kann. Nicht mehr zumindest, als mich um den Haushalt zu kümmern, einzukaufen, unsere Zimmer zu saugen und abends etwas zu kochen. Mir fällt es bereits schwer, mich an ein Wochenende zu erinnern, an dem K nicht gearbeitet hat. Das alles scheint, als läge es seit Ewigkeiten hinter uns. Ein Zeitabschnitt, den man bereits vor Monaten aus den Augen verloren hat.

„Ich glaube, ich muss zurück“, sagt sie dann.

„Musst du wirklich bis halb zehn arbeiten?“, frage ich.

Sie nickt und zieht die Mundwinkel nach unten.

„Es geht nicht anders. Ich muss bei diesem Konzert aushelfen.“

„Vielleicht hole ich dich heute Abend einfach ab?“

Ihre Augen leuchten auf.

„Wirklich?“

„Warum nicht? Ich bin mit dem Fahrrad doch in in zehn Minuten hier.“

„Das wäre klasse. Aber du musst vorsichtig fahren.“

„Selbstverständlich“, antworte ich und stehe auf.

* * *

Es ist bereits dunkel, als ich auf meinem Rad die Straße hinunter fahre. Noch ist es warm und viele Leute sind unterwegs, auf dem alten Messplatz steht eine Bühne, auf der eine Band schreckliche Rockmusik spielt. Ich bin mir sicher, jemand schreit gerade Freedom ins Mikrofon, als ich über die Kreuzung fahre und einer Gruppe Teenagern ausweiche, die Klamotten aus den Neunzigern tragen, Baggyjeans, bauchfreie Oberteile und die jungen Mädchen haben sich ihre Lippen dunkelrot angemalt, obwohl sie noch aussehen wie Kinder.

Aus irgendeinem Grund frage ich mich, ob diese Jugendlichen in diesem Augenblick, in dieser Sekunde, als ich an ihnen vorbei fahre, glücklich sind.

Alle Glücklichen heben bitte einmal die Hand!

Sie umklammern Bierflaschen und winzige Taschen und ihre gespielte Gelassenheit ist von weitem an ihren Gesichtern abzulesen. Tatsächlich aber bringt sie jeder fragende Blick, jeder Blick, der eine Sekunde zu lang auf ihnen liegt, völlig aus dem Konzept. Jetzt verschwinden sie in Richtung Fluss und gehen in den Abend ein, der für sie voller Erwartungen ist, es wird Bier und Wein im Überfluss geben und irgendwelche Augenpaare, die anziehen oder abstoßen, ein paar Stimmen, die man nicht kennt, hinter denen sich aber eine neue Welt verbirgt.

Auf dem Radweg weiche ich den bereits herabgefallenen Kastanien aus. Ich schlängle mich ziemlich geschickt, wie ich finde, um diese runden Hindernisse herum, die im Lichtkegel meiner Fahrradlampe erst sehr spät auftauchen, so dass ich blitzschnell reagieren muss. Der Radweg ist leer, ich lasse den Lärm der Band hinter mir und bin mir sicher, dort oben auf der Bühne lässt noch immer ein Fünfundvierzigjähriger sein Freedom über die Verstärker schallen. 

Aus dem Mund eines Jugendlichen klingt ein Ruf wie Freedom noch real. Hinter ihm liegt eine Welt aus Trotz, berechtigtem Widerstand und der Sehnsucht nach Veränderung, die sich selbst in einer Floskel Luft machen kann, die dieser Floskel sogar Leben einzuhauchen imstande ist, sie authentisch werden lässt. Ein Mann Ende Vierzig aber, der auf einer Bühne steht und nach Freiheit ruft, was tut er eigentlich? Er ahmt etwas nach, er spielt etwas vor, er hat den Raum des Authentischen verlassen und weiß das sehr genau. Umschlösse er das, was er ins Mikrofon ruft, in seinem Inneren, stünde er nicht auf dieser Bühne.  

Ich trete in die Pedale und beschleunige. Der Wind streicht mir kühl über das Gesicht, die Lichter verlängern sich zu Linien, die meine Fahrt am Ufer begleiten. Es ist kurz vor halb zehn, eine Nacht im September und ich glaube plötzlich zu verstehen, wie verschieden die Nächte für uns sind. Jeder bewegt sich durch seine eigene Nacht, so wie sich jeder durch seinen eigenen Tag bewegt. Die Lichtverhältnisse mögen sich ähneln, zumindest an einem genau zu umschreibenden geographischen Punkt, aber das ist bereits auch schon alles. Wir bewegen uns als Irrlichter durch die Finsternis, ein anderer versteht unsere erratischen Bewegungen nicht oder begreift sie nur zur Hälfe. Für ihn sehen die leuchtenden Schlangenbewegungen, die wir hinterlassen, im glücklichsten Fall schön, zumindest aber doch ausgesprochen unverständlich aus und so gehen wir in jeder Nacht in die Obhut dieses riesigen, monumentalen Netzes aus winzigen Lichtpunkten ein, die sich alle in eine unbestimmte Richtung auf den Weg gemacht haben, um dabei doch so auszusehen, als spiele nur der Wind mit ihnen, immer der Wind, als trüge ein Windstoß sie ständig davon.

Dienstag, 21. September

K arbeitet jetzt manchmal so lang, dass ich bis um neun am Schreibtisch sitze und schreibe. Ich schreibe ungestört vor mich hin, stelle einige Abschnitte im Jahr der Fahnen um, lese vieles zum zweiten Mal und denke, jetzt schaust du also bereits wieder zurück, obwohl doch erst September ist. Aber es stimmt, das Jahr geht voran und wird sein drittes Viertel bald erreichen und dann gibt es bloß noch diesen verschwindenden Abschnitt, an dessen Ende Weihnachten und der Jahreswechsel warten.

In meiner Mittagspause verlasse ich die Universität und laufe zum Bahnhof, kaufe mir eine Salzbrezel und verbringe eine halbe Stunde im Reisecenter. Ich möchte Zugtickets nach Florenz buchen, doch eine nette Frau am Schalter schüttelt lächelnd ihren Kopf. Nein, am ersten November sei der Zug bereits voll. Am zweiten auch? Auch am zweiten. Und am dritten? Am dritten genauso. 

Für einen Augenblick glaube ich, ich könnte dieses Spiel ewig in die Länge ziehen.

Wie sieht es mit dem vierten November aus?

Leider ebenso schlecht.

Und der Fünfte?

Schade, da sind auch alle Plätze reserviert.

Aber am sechsten, da muss doch etwas möglich sein!

Ich schaue gleich nach. Nein, was für ein Pech!

Ohne Tickets verlasse ich schließlich den Schalter, denke an Monica Vitti in der Roten Wüste, ein Film, den man wahrscheinlich auch vor der Industriekulisse in Ludwigshafen hätte drehen können und betrete einen kleinen Supermarkt. Ich besorge mir zwei Müsliriegel, die ich an einer Kasse eigenhändig abscanne und dann mit meiner Karte bezahle. Bevor ich das mache, sehe ich mich im Laden nach einem Verkäufer um, aber nirgendwo ist ein Angestellter zu sehen. Zwischen den Regalen voller Bioprodukte und Kichererbsenchips wimmelt bloß eine Gruppe junger Mädchen mit Reiserucksäcken und Rollkoffern herum und deshalb werde ich notgedrungen selbst zum Angestellten des Supermarkts und beginne meine Müsliriegel abzukassieren. 

Self service steht über dem Kassenautomaten in Großbuchstaben. 

Als wäre das ein Versprechen, eine Art Befreiung. Ein Schriftzug in Leuchtbuchstaben und dahinter liegt die Erfüllung eines lange gehegten Traums.

Als ich fünf Minuten später durch die Bahnhofshalle in Richtung Vorplatz laufe, stehen überall Leute herum. Irgendein Zug hat Verspätung, ich höre Menschen, die sich aufgeregt auf Französisch unterhalten. Vielleicht der TGV, der nach Paris fährt, denke ich, vielleicht ist dieser Zug heute ausgefallen und jetzt stranden die Menschen hier für Stunden und verpassen alle möglichen Anschlüsse und Flüge. Doch am Ende kommen ja immer alle irgendwo an. Warum also dieser Lärm?

Ich muss lächeln und verlasse den Bahnhof. Auf dem Weg zurück zur Universität denke ich an eine Unterhaltung mit K.

Wir saßen am Küchentisch, tranken Bier und aßen Gurkensalat mit Thunfisch.

„Wie konnte ich ausgerechnet im Museum landen?“, sagte sie und ihre Frage klang, als wäre sie nicht an mich gerichtet. 

„Das habe ich mich auch ein paar Mal gefragt“, antwortete ich dennoch.

„Ausgerechnet im Museum.“

Sie schüttelte ungläubig ihren Kopf.

„Darin ähneln wir den meisten, denke ich.“

„Was meinst du?“

„An einer Stelle herauszukommen, mit der man nicht gerechnet hat.“

Während K in ihrem Salat stocherte, fragte ich mich, ob das stimmte. Waren wir tatsächlich an einer Stelle angelangt, mit der wir nicht gerechnet hatten?

„Mir hat einmal ein Freund gesagt“, schob ich nach, „dass sich derjenige, der nicht weiß, wohin er eigentlich will, auch nicht über den Fleck beschweren darf, an dem er schließlich landet.“

„Wer soll das denn gesagt haben?“, fragte K misstrauisch.

„Ein Freund eben. Simon, Stefan, ich bin mir nicht mehr sicher. Es ist ja auch schon ein paar Jahre her.“

„Du hast mir noch nie von einem Freund erzählt, der Stefan heißt.“

Ich seufzte und griff nach meiner halb vollen Bierdose.

„Ist ja auch egal. Ich denke aber, dass er recht hatte.“

„Können wir nicht einfach ins Ausland gehen? Du könntest dir doch sicher ein Stipendium besorgen, jetzt, nachdem dein Roman erschienen ist.“

„Das ist schwieriger, als du denkst. Nehme ich zumindest an.“

„Ich würde dann einfach mitkommen und in Singapur herumspazieren, während du schreibst.“

„Wenn das so einfach wäre!“

„Ich würde im Botanischen Garten spazieren und in den food courts alles mögliche essen.“

„Hm-m.“

„Klingt das nicht wunderbar?“

„Kann schon sein“, sagte ich und trank einen weiteren Schluck Bier.

„Wir könnten auch eine Bar aufmachen“, fügte ich hinzu.

„Eine Bar?“

„Ja, eine Kneipe. Ich spiele die ganze Zeit irgendwelche verrückte Musik und stehe mürrisch hinter der Theke, um die Leute anzufunkeln.“

K musste lachen.

„Klasse. Mit dir hinter der Theke geht unsere Kneipe doch im ersten Monat pleite.“

„Das kann ich natürlich nicht ganz ausschließen.“

„Ein besserer Plan muss her.“

„Ich bin für alles zu haben.“

* * *

Aus irgendeinem Grund geht es immer weiter. Nicht die Zeit trägt an der Entwicklung der Dinge Schuld, denn die Dinge entwickeln sich nicht unabhängig von den Menschen und ihrer Verantwortung für das Leben, für das, was sie tun, behaupten und unterlassen. Was sie für Erklärungen finden, für Rechtfertigungen. Es gibt Rechtfertigungen, die von Lügen kaum zu unterscheiden sind und genauso einfach zu gebrauchen. Man spricht ein unwahres Wort und hängt ein weiteres unwahres Wort an das erste. Man muss diese Worte nicht einmal laut vor einem anderen aussprechen, die innere Stimme reicht bereits aus. Und schon kommt man um eine schmerzhafte Wahrheit herum. Ich kenne niemanden, der nicht irgendwo in sich einen Rest von schlechtem Gewissen trägt, weil ihm etwas misslungen ist, er etwas unterlassen hat, sich für eine Schwäche oder Feigheit schämt. Niederlagen lassen sich vergessen, Momente der Unsicherheit und des Zögerns aber verfolgen einen bis zum Schluss. Ein Wort, das man hätte aussprechen sollen oder aber zurückhalten, eine Handlung, vor der man zurückschreckte aus welchen Gründen auch immer. Man lernt das schlechte Gewissen zu beruhigen, aber es verschwindet nie ganz. Ein Haus, das seine Risse irgendwo im Schatten verbirgt, denke ich, in jenem Bereich, der meist nicht in den Blick fällt, ein dunkler Bereich, der aber nicht allzu schwer aufzufinden ist, wenn man weiß, wonach man sucht. Einer der überraschendsten Momente nach dem Ende der Kindheit ist die Entdeckung, niemand, nicht die eigenen Eltern und Verwandten, kein Erwachsener, einfach niemand, dem man je begegnet ist, besitze eine Antwort auf die Frage, wie man es anstellen müsse mit dem Leben. Alle schwimmen mehr oder weniger im luftleeren Raum, probieren etwas aus, folgen unsicheren Ratschlägen oder vertrauen ganz auf ihren Instinkt. Eine verlässliche Antwort aber hat niemand parat. Und darin liegt das Unfassbare. Kurz nach dem Auftauchen der ersten Menschen muss sich die Frage gebildet haben, warum man etwas unternimmt und dafür etwas anderes unterlässt. Warum man überhaupt etwas tut. Und was man am besten unternehmen sollte. Die große Frage nach dem Sinn und Zweck. Und obwohl die Menschheit nun angeblich ein paar Tausend Generationen alt ist (sofern man eine Generation in fünfundzwanzig Jahren misst), gibt es immer noch keine Antwort, an die man sich halten könnte.

* * *

Am Abend fahre ich auf meinem Fahrrad am Ufer entlang. Kurz vor der Schleuse fällt mir ein hoher Schornstein ins Auge, der zur Ölfabrik gehört. Über ihm steht eine bewegliche, in Zaum gehaltene Flamme. Zwei Bäume rahmen das Bild links und rechts und in der Mitte leuchtet die Flamme unverbunden in der Luft, als hätte sie mit diesem Schlot nicht wirklich etwas zu tun. Das Feuer steht niemals still, es ist voller Leben, zuckt unablässig und unruhig, als hielte man es zurück. Es ist so lebendig, dass es fast schmerzt. Diese richtungslose Energie, die sich mit Nachdruck entladen will und die ganze Zeit zurückgehalten wird. Das Feuer bleibt an den Schlot gekettet und dennoch versiegt das glühende Anrennen hinauf in den Abendhimmel nie, dieser Versuch zu entkommen, aufzusteigen in die frühe Dunkelheit, sich für immer von allem zu lösen. Während ich auf meinem Rad weiter dem Weg folge, behalte ich das Feuer im Auge, ich sehe nur die Flamme, achte kaum noch auf den Weg, ich beobachte das Feuer so lang, bis es mir schließlich entwischt und irgendwo hinter den Bäumen verschwindet.

Mittwoch, 8. September

Die letzten Tage lösen einander ab, als gäbe es zwischen ihnen keinen Unterschied. Am Morgen fahre ich auf meinem Rad über die Brücke, der Fluss liegt wie von einem Messer glatt gezogen unter mir und glänzt warm in der Sonne. Ein paar Schwäne gleiten als Standbilder durch das Wasser und es sieht so aus, als würden sie verschlafen in Richtung Ufer treiben, um dort gegen die Steine zu stoßen und dann von der Strömung wieder hinaus in die Flussmitte gespült zu werden. Ich sehe in das Licht und dann zur anderen Brückenseite. Im Hintergrund ragen die Spitzen der Fabrikanlagen in den wolkenlosen Himmel, Striche im Blau, kalkweiß gegen das Licht und die Anlagen wirken, als hätte man sie vor Jahren bereits aufgegeben, als könnte über diesen Schloten niemals Rauch aufsteigen. Als wäre das alles endgültig vorbei. Im intensiven Gelb der Sonne erinnere ich mich an einen Abend vor etwa zwanzig Jahren und an eines der wenigen Male, als mich die Natur völlig überwältigt hat. An eines der wenigen Male, als die Natur der Auslöser für eine bleibende Erinnerung gewesen ist, für einen regelrechten Schock. 

Ich war in Richtung Stadtzentrum unterwegs, es muss im Sommer gewesen sein, wahrscheinlich kurz nach meinem Abitur. Ich lief über eine Kreuzung, der Abend brach bereits herein, das Licht fühlte sich wie am Morgen mild an und sanft und die Hitze des Hochsommermittags hatte spürbar nachgelassen. Ich bog in eine Straße voller Wohnblöcke ein. Rechts neben mir grenzte ein altersschwacher Holzzaun eine Kolonie von Schrebergärten ab, die an der Grenze des Wohngebiets merkwürdig deplatziert wirkten. Einige Meter folgte ich dem Kopfsteinpflaster und dachte an den bevorstehenden Abend im Blue Note, dem einzigen echten Café in der Stadt, in dem meine Freunde auf mich warteten, in dem wir Bier trinken und über Mädchen sprechen würden, um uns gegen Mitternacht auf die Suche nach einem Ereignis zu machen, nach einem echten Erlebnis, der großen Liebe zum Beispiel oder einem anderen Abenteuer, das ihr gleichkam oder zumindest einen Anfang darstellte, eine Party beispielsweise, auf die uns jemand einlud, der unverhoffte Blick zweier Augen, die ein paar Sätze auslösen mussten und schließlich ein Gespräch. An diese Möglichkeiten dachte ich, während ich über das Kopfsteinpflaster lief und einen leichten Abhang erreichte. Dort blieb ich wie angewurzelt stehen. Die Sonne ging gerade unter, sie verschwand hinter den Dächern eines Straßenzugs, der gut einhundert Meter von mir entfernt lag, doch ihr Verschwinden spielte sich nicht lautlos ab. Es sah vielmehr aus, als stünde der Himmel in Flammen, als wäre die Sonne explodiert und hätte im Augenblick ihres Verlöschens die aufgeworfenen Wolken über dem Horizont mit strahlendem Gold überzogen. Der Abendhimmel brannte so wild, dass ich mich für eine Sekunde abwenden musste. Und als ich wieder zurück in das Licht blickte, das plötzlich alles umgab, jeden Zentimeter der Welt und meines Körpers mit einer sanften, aber unergründlichen Wärme überzog, sagte ich mir, diesen Augenblick wirst du nicht vergessen. 

Du darfst ihn nicht vergessen. 

Bis heute weiß ich nicht, warum ich das damals dachte. Warum dieser Abendhimmel so bedeutsam für mich war, warum ich stehen blieb, um den goldüberstrahlten Himmel zu betrachten und die Wolken, die sich im Licht förmlich auflösten, als würde die untergehende Sonne alles, was existierte, überwältigen und in seine Bestandteile zerlegen, als spielte sich vor meinen Augen eine umgekehrte Schöpfung ab, in der das Licht etwas zurücknahm, statt einen Anfang zu schenken, in der die zerstörerische Macht des Lichts mit einem Mal mächtiger wurde als die Finsternis selbst. 

Etwas Bedeutungsvolles lag in diesem Himmel, der eigenartigerweise auch dem Meer glich, einer Abendszene am Strand oder einer Küste. Das Licht machte Sinn, sein Umfang und seine Stärke waren unbeschreiblich, vielleicht war dieser Abend das Größte, das mir jemals untergekommen war. Irgendwann machte ich mich los und ging langsam weiter, überrascht, dass ich noch laufen konnte, dass sich meine Beine wie gewohnt bewegten, mein Herz weiterhin schlug, alles noch genauso aussah wie vor wenigen Minuten. Das Pflaster, die Häuser, die geparkten Autos. Selbst die Müllcontainer und die Schrebergärten hinter dem Zaun. Und im Weitergehen wiederholte ich mir, diesen Abendhimmel darfst du nicht vergessen, du musst ihn behalten und du wirst ihn behalten. Und während ich mit den Jahren zahllose Dinge vergessen habe, die ich mir im jeweiligen Augenblick genauso fest einzuprägen versuchte wie diesen Sommerabend, Gespräche, Gesichter und Gefühle, Eindrücke und Gedanken, während ich all diese Momente verloren habe, weil sie am Ende vielleicht nicht ganz so bedeutsam gewesen sind, wie ich damals dachte, steht mir dieser Abend vor so und so vielen Jahren, kurz vor meinem achtzehnten Geburtstag, noch in gleicher Schärfe vor Augen, als wäre ich gerade erst aus jenem Licht zurückgekehrt. Ich kann das Bild ohne Schwierigkeiten erneut betreten. Nach all der Zeit stehe ich wieder auf dem Kopfsteinpflaster, ich bin fast genauso so jung wie damals und ich sage mir erneut, diesen Abend darfst du nicht vergessen. Auch wenn ich mich heute frage warum. Weshalb darf ich das alles nicht vergessen? Warum soll ich den Abendhimmel und das verlöschende Licht nicht wie so vieles andere auch aus den Augen verlieren? Weil es wichtiger ist? Weil es eine Bedeutung besitzt? Welche Bedeutung hat dieser Abend am Ende gehabt?

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Anfang der Woche begann das neue Semester und zum ersten Mal, seitdem ich im Juli meine Stelle in der Bibliothek angetreten habe, laufen Studenten durch die Gänge. Das alles fühlt sich ungewohnt an, ich schaue in junge, konzentrierte Gesichter (zumindest ihre Augen kann ich erkennen, denn alle tragen Masken), ich schnappe die Bruchstücke von Unterhaltungen auf. Mein erstes Semester BWL, sagt ein Mädchen und ihre Stimme klingt erwartungsvoll und glücklich und sofort überfällt mich eine ganz idiotische Traurigkeit. Während ich den Treppenaufgang in die Bibliotheksverwaltung nehme, denke ich an diesen Satz, ich denke an das Fach Betriebswirtschaftslehre, ich denke an ähnliche Fächer, die zu nichts anderem dienen, als möglichst viel Geld in die Hände zu bekommen und damit das Leben als eine von Beginn an eintönige und unsinnige Aufgabe zu begreifen. Ich denke an die Zeitverschwendung, die sich in einem Fach wie Betriebswirtschaftslehre offenbart, an die abstoßende Lieblosigkeit eines solchen Begriffs, der keinerlei Geheimnis, allerdings die grenzenlose Banalität des Geschäfts umschließt und ich denke an die vielen jungen Leute, die gerade in einer Vorlesung oder vor ihrem Laptop sitzen und einige ihrer besten Jahre an das Studium dieser Wissenschaft verschwenden. Ich denke auch an die Borniertheit eines solchen Gedankengangs, denn natürlich ist es keinesfalls besser, Philosophie oder Sprachen zu studieren oder meinetwegen Medizin und Literatur. Doch wer sich für Betriebswirtschaftslehre entscheidet, begreift das Leben nicht als eine unermessliche Angelegenheit, die das Potential des Unfassbaren in sich schließt, sondern er begreift das Leben als eine nüchterne, traumlose Einrichtung, in der es keinerlei Geheimnisse, nichts im Ansatz Magisches und Überwältigendes gibt. Jemand, der Betriebswirtschaftslehre studiert, hat sich die Trostlosigkeit dieses Begriffes voll und ganz verdient. Meinetwegen kann er in seiner stumpfsinnigen, komplett entzauberten Welt achtzig oder neunzig Jahre vegetieren. 

Zum ersten Mal schließe ich mich am Montag einem meiner Kollegen zum Mittagessen an. Wir sitzen in einem Restaurant, das vor allem von Angestellten frequentiert wird. Die meisten essen ihre preiswerten Salate und Nudelgerichte stillschweigend, ohne sich mit den anderen am Tisch zu unterhalten. Hin und wieder nehmen sie ihre Telefone zur Hand und und tippen eine Nachricht auf dem Display ein. 

David erzählt mir von seiner Stelle am CERN, damals, als er noch an seiner Doktorarbeit schrieb. Er versucht mir den Teilchenbeschleuniger zu erklären, aber leider verstehe ich kein Wort. Dann berichtet er von seiner Zeit in Amsterdam, von einem Wohnheim und der günstigen Miete, doch als er zufällig den Grund seiner niemals beendeten Doktorarbeit berührt, bricht er mit einem Mal ab und wird still. Ich frage ihn, wie ich mir den Kontrollraum des Teilchenbeschleunigers vorstellen müsse. Wie in einem Atomkraftwerk? So ungefähr, antwortet er. Es gibt einen Haufen Bildschirme und Knöpfe und jeder, der am CERN arbeitet, schiebe dort Servicedienste. Bis auf die wissenschaftlichen Koryphäen natürlich. Er sei vor allem nachts im Einsatz gewesen, das sei die beste Zeit. Man bliebe ungestört, könne sich ganz mit seinen Datensätzen beschäftigen. Ich male mir das alles sehr naiv und blumig aus, als lauschte man ins All, direkt in die Unendlichkeit, als suchte man nach einem Lebenszeichen, nach irgendwelcher Strahlung, fremden Wellen oder etwas in diese Richtung. Aber David meint, die Arbeit wäre nicht ganz so aufregend. Es liefe vor allem auf viele Datensätze und mehr oder weniger große Abweichungen von anfangs getroffenen Annahmen hinaus, die mal stimmten und mal nicht. Wie das eben überall im Leben so sei.

Nachdem wir unsere mittelmäßigen Salate mit Hühnerbruststreifen gegessen haben, laufen wir zurück zur Universität. Am Tisch wollte ich David noch etwas fragen, ich wollte mehr über sein Leben in Amsterdam und der Schweiz wissen, doch plötzlich verspüre ich dazu keine Lust. Wir laufen nebeneinander und ich weiche den uns entgegenkommenden Leuten aus. Es ist sehr warm und ich schwitze. David trägt eine dunkle Sonnenbrille und ich weiß nie, ob er mir in die Augen sieht oder einfach an mir vorbei.

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Vor einigen Wochen schrieb ich einem alten, vielleicht meinem ältesten Freund, mit dem ich viele Abende im Blue Note verbrachte. Wir haben uns seit mehreren Jahren nicht mehr gesehen und ich fragte ihn, wie wir es schaffen könnten, ein abenteuerliches Leben zu führen. Was meinst du mit abenteuerlich?, schrieb er zurück.

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Die Nachmittage verbringe ich immer häufiger auf meinem Treppenabsatz in der Nähe der Uferwiese. Ich lese Agnar Mykle, trinke Kaffee und ziehe manchmal an meiner elektronischen Zigarette, um eine riesige Rauchwolke auszustoßen. 

Ganz in der Nähe gibt es einen Basketballplatz, auf dem sich hin und wieder Jugendliche ein paar Bälle zuwerfen. Die Körbe haben weder Netze noch Ketten, es sind einfache Metallringe, die man mit dem Ball treffen muss. Um zu meinem Treppenabsatz zu gelangen, laufe ich an diesem Platz vorbei und gestern fiel mir schon von weitem etwas Seltsames ins Auge. Keine Jugendlichen, die mit orangen Bällen warfen, sondern ein Mädchen in einem Rollstuhl und ihre Begleitung in unmittelbarer Nähe. Beide Mädchen waren jung, aber das war nicht das Eigenartige. Das Mädchen, das laufen konnte, bewegte sich merkwürdig um die im Rollstuhl Sitzende herum und erst nach einigen weiteren Meter, die ich völlig gebannt zurücklegte, begriff ich, dass sie um den Rollstuhl tanzte. Sie hielt eine Hand des sitzenden Mädchens und tanzte in langsamen, sehr vorsichtigen Schritten am Rollstuhl entlang, sie tanzte durch die warme Nachmittagssonne und es sah so aus, als umschriebe sie einen Kreis, in dessen Zentrum das gelähmte Mädchen leicht zur Seite geneigt saß. Es sah so aus, als würde dieses Mädchen im Rollstuhl das, was mit ihrer Hand und ihrem nach oben gestreckten Arm passierte, diese sanfte und unmerkliche Bewegung überhaupt nicht bemerken. Sie starrte in eine ganz andere Richtung, wie ich aus der Nähe begriff, sie sah eher in Richtung Boden oder Uferwiese, aber vielleicht fühlte sie die Bewegung ihres Armes und ihrer Hand dennoch, vielleicht fühlte sie die Luft, die um ihre Finger strich, die Berührung und Wärme einer Hand, die die ihre hielt und ihre andere Hand lag gekrümmt und seltsam angewinkelt in ihrem Schoß. Sie zuckte leicht mit dem Oberkörper, als folgte sie einem Takt, den weder das tanzende Mädchen noch ein anderer Mensch verstand, mit dem sie ganz allein und für sich war. Ich lief an beiden vorbei und verschwand wenig später im Schatten der Brücke.

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Um die Mittagszeit ziehen sich die Leute in den Schattenbereich der Brücken zurück. Auf der Uferwiese wachsen nur wenige Bäume und die meisten von ihnen sind jung und eignen sich nicht als Sonnenschutz. Dann sitzen die Menschen zu kleinen Gruppen versammelt unter den hohen Betonübergängen und folgen nach und nach der dunklen, wandernden Schattenzone, was eine Prozession in endloser Wiederholung erzeugt.

Bis zum Abend kommt hier niemand zur Ruhe. Familien grillen und hören Musik über mitgebrachte Lautsprecher, andere versuchen vergeblich zu schlafen, einige unterhalten sich. Unter einer der Brücken hat die Stadtverwaltung in den letzten Wochen Sportgeräte aufgestellt. Zuerst haben Arbeiter den Beton mit Presslufthämmern aufgerissen, dann die gelben Metallgeräte fest im Boden verankert und abschließend alles mit hellblauen Gummimatten ausgestattet. Komme ich jetzt hier entlang, trainieren halbnackte Typen an den Reckstangen Klimmzüge oder Muscle-Ups bis spät in die Nacht. Manche wirken dabei so, als gingen sie niemals heim, hätten vielleicht auch kein Zuhause. Alles spielt sich in einer fast andächtigen, religiösen Ruhe ab. Im Gegensatz zur Schattenzone der zweiten Brücke ist Musik in diesem Bereich verboten. Es herrscht eine klosterhafte Stille, in die sich hin und wieder ein leises Schnaufen mischt, sobald jemand seinen achtzigsten Klimmzug absolviert, um sich dann vollkommen lautlos von der Reckstange auf den Gummiboden gleiten zu lassen.

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Ich koche für K, die spät aus dem Museum kommt und völlig fertig ist. Wir unterhalten uns kurz, verschwinden dann gemeinsam ins Bett und sehen uns noch etwas auf ihrem neuen Macbook an. Gegen zehn schalten wir das Licht aus und ich schlafe sofort ein. Ich träume von einem geschotterten Feldweg. Ich fahre auf einem nagelneuen Fahrrad und weiche größeren Steinen auf der staubigen, ockerfarbenen Strecke aus. Es fühlt sich an, als würde ich Slalom fahren, immer um die unweigerlich auftauchenden Hindernisse herum. Gleichzeitig beschleicht mich das Gefühl, es müsse Morgen sein, sehr früh am Morgen sogar, obwohl das Licht, durch das ich mich bewege, eher auf Mittag schließen lässt, denn die Sonne steht sehr hoch und die umliegenden Felder werfen grellweißes Licht zu mir zurück. Doch ich habe keine Zeit, meine Vermutung zu überprüfen, denn die Hindernisse reißen nicht ab und ich muss mein Vorderrad ständig im Blick behalten, um die plötzlich vor mir auftauchenden Schlaglöcher und Steine zu umfahren. Es weht ein warmer Wind, meine Stirn ist schweißnass. Ich weiß, dass es einen Fluss ganz in meiner Nähe gibt, in dem ich schwimmen und mich abkühlen könnte, doch ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn erreichen will. Aus irgendeinem Grund bereitet mir das Fahren auf dem durchlöcherten Feldweg eine unerklärliche Freude. Und deshalb trete ich weiter in die Pedale und beschleunige meine Fahrt.

Pessoa – Wien, 4. September

Ich höre den Schlüssel in der Wohnungstür und lege Pessoas Buch der Unruhe auf dem Küchentisch ab. Es ist kurz vor halb acht und K kommt spät nach Hause. Die ganze Woche über machte sie sich neun Uhr morgens auf den Weg und kehrte erst gegen sieben zurück, denn im Museum laufen die Vorbereitungen für eine Ausstellungen auf Hochtouren, die in der nächsten Woche eröffnen soll. 

Während ich die wenigen Schritte zum Herd gehe, um eine Kochplatte für die Pfanne anzustellen, hängt mir einer von Pessoas Sätzen nach. Er folgt mir wie ein Geruch oder eine Melodie, die sich als dichter Nebel in mir auszubreiten beginnt. Ich war immer nur eine Spur, ein Trugbild meiner selbst. Besser kann man es nicht ausdrücken, denke ich und gieße Öl in die Pfanne, die ein leises Zischen von sich gibt. Ich bin mir sicher, diesen Satz vor dreizehn Jahren, als ich zufällig auf Pessoas Bücher in einer Wiener Buchhandlung stieß, genauso empfunden zu haben wie heute, in diesem Augenblick. Im Jahr Zweitausendundeinundzwanzig. Im Monat September. An einem Abend, der weder warm ist noch kalt. In den Geräuschen des Hinterhofs. In der Musik, die aus einer angrenzenden Wohnung kommt. Wie damals erschrecke ich über die Wahrheit eines solchen Satzes, über seine Treffsicherheit. Ich zucke regelrecht zusammen, als hätte jemand in unmittelbarer Nähe eine Pistole abgedrückt. Pessoas Sätze legen etwas offen, falten etwas auf wie die Blätter einer Blüte im Licht und dann schaut man in den Kelch und spürt diese merkwürdige Verunsicherung einer Wirklichkeit gegenüber, vor der man sich zwangsläufig verschließen muss, um weiterzumachen. Es ist zu gefährlich oder zu schön, denn die Schönheit ist schrecklich. Am Ende ist wahre Schönheit ebenso schrecklich wie unverstellter Hass oder rohe Gewalt, denn auch sie trifft schonungslos das Herz. Man bleibt ihr schutzlos ausgeliefert.

K kommt müde in die Küche und legt ihren rosafarbenen Fjällräven-Rucksack auf einen der beiden Stühle. 

„Ich gehe schnell unter die Dusche“, sagt sie, „aber im Rucksack ist Bier.“

Sie dreht sich um und verschwindet, fragt mit lauter Stimme aus dem Bad, was es heute zu essen gebe.

„Fisch-Tacos“, rufe ich nach draußen in den dunklen Flur, denn das Badezimmer bekomme ich vom Herd aus nicht in den Blick.

„Eher ein Fisch-Burrito“, schiebe ich nach, obwohl ich bereits die Dusche höre und damit weiß, dass K mich nicht hören kann.

* * *

Wahrscheinlich bleiben wir alle bloß Spuren und vergessen irgendwann, dass wir nichts anderes als diese Spuren sind. Spuren auf einem Weg, von dem man sich unweigerlich entfernt, man tritt auf die Wiese, läuft einige Meter orientierungslos herum, findet den Weg erneut, folgt ihm ein weiteres Stück, obwohl man ahnt, in gewisser Weise im Dunkeln zu tappen. Dann kommt ein Abzweig, man bleibt verunsichert und etwas eingeschüchtert vor dieser unerwarteten Möglichkeit stehen und entscheidet sich kurze Zeit später für den rechten oder linken Weg. Sicher kehren manche auch einfach um und glauben damit der Entscheidung zu entgehen, aber das ist natürlich ein Trugschluss. Das Zurückkehren folgt dem Weg bloß auf andere Weise. Man entscheidet sich also für einen der Abzweige. Nicht, weil man weiß, was man tut, sondern weil man irgendetwas tun muss. Die Gegenwart fordert auf und schiebt voran, niemand bleibt so ungestraft vor einer Kreuzung stehen, egal wie diese auch beschaffen ist. Die Gegenwart rollt heran, sie drückt uns ihre Hände in den Rücken und schon geraten wir ins Stolpern, um im Nachhinein zu behaupten, alles habe seine Richtigkeit gehabt. Wir hätten zwischen verschiedenen Möglichkeiten gewählt und wir hätten es aus freien Stücken und nach reiflicher Überlegung getan. Am Ende sei doch alles ganz glücklich verlaufen. Überhaupt hätten wir eine ganze Menge Glück gehabt und hinter oder vielmehr unter diesem Glück leuchtet noch immer jene Spur, die wir einmal waren und noch immer sind. Etwas Unvollständiges. Etwas, das unvollendet bleibt. Wer kann von sich behaupten, etwas anderes als unvollständig zu sein? 

* * *

Ich öffne eine von Ks mitgebrachten Bierdosen und trinke einen Schluck. Dann mache ich mich über meinen Fisch-Burrito her, der mir erstaunlich gut gelungen ist, wie ich finde. K stimmt mir sogar zu und ihr Urteil wiegt schwer, denn sie besitzt eine weitaus feinere Zunge. Natürlich lässt sich mein zusammengewürfelter Burrito nicht ansatzweise mit Pepe’s Fisch-Tacos vergleichen, die wir vor drei Jahren in Mexiko gegessen haben, aber das wäre auch ein wenig zu hoch gegriffen. Dabei ging mir alles ziemlich leicht von der Hand und ich beginne allmählich so etwas wie ein Gefühl für das Kochen zu entwickeln, für das Zusammenspiel einfacher Zutaten zumindest. Auf dem angewärmten Tortilla verstreiche ich Ingwer-Hummus und verteile Kidney-Bohnen, grüne Paprikawürfel, Tomate und Gurke. Darüber kommt das gebratene Fischfilet, das ich umgehend mit Mangochutney bestreiche. Noch etwas gehackte Petersilie und alles ist fertig. 

Während K bis spätabends im Museum bleibt, verwandele ich mich widerstrebend in eine Reinigungskraft. Ich wasche Wäsche und hänge sie auf. Ich kümmere mich um das Geschirr und um den Müll. Ich putze das Bad, sauge Staub, schüttele unsere Betten aus. Komme ich gegen Mittag aus der Bibliothek, erledige ich schnell einige Handgriffe, um mein Gewissen zu beruhigen und mich danach an den Schreibtisch zu setzen. Das alles knabbert nicht an meiner Männlichkeit, einen solchen Charakterzug habe ich glücklicherweise nie besessen. Jeder muss Ordnung halten, so ist das nun einmal. Aber ich räume auch nicht begeistert auf, fühle mich danach nie, als hätte ich etwas zustande gebracht. Aus irgendeinem Grund siegt die Unordnung stets und bereits zwei oder drei Tage später machen sich erste Spuren bemerkbar, die das einmal Erreichte als flüchtigen Zustand kenntlich machen, der in endloser Wiederholung erneut hergestellt werden muss. Als betrachtete man eine weiße Wand, auf der sich in kürzester Zeit feine Risse bilden. Dann sehe ich den Staub, der sich auf den Fliesen im Bad und auf unserem Waschbecken bildet und greife wieder zum Lappen, endlos zu einem Lappen, der im Abstand der Wochen seine Farbe wechselt. Mal ist er grün, dann gelb, irgendwann auch rot. Ich wische über die Fliesen, ich putze das Bad, die Küche und unser Wohnzimmer und am Ende siegt dennoch der Staub. Manchmal kommt mir der Gedanke, meine Eltern müssten sehen, wie ich Ordnung halte. Das war schließlich der Generalvorwurf meiner Kindheit, nie hältst du Ordnung, du lebst im völligen Chaos. Im Schweinestall.

„Was machen wir jetzt eigentlich mit deinem Roman?“, fragt K mit vollem Mund. Sie sieht müde aus. Ihre blonden Haare sind nass und zurückgekämmt und leichte Schatten liegen unter ihren Augen.

„Was sollen wir mit dem Buch schon machen?“

„Was ist mit einer Releaseparty? Wir laden alle Freunde ein und du liest ein Kapitel.“

„Ein ganzes Kapitel?“

„Dann eben ein paar Seiten. Das ist ganz egal.“

„Das Buch ist doch aber schon ein paar Wochen draußen.“

„Das macht nichts.“

„Ich weiß nicht.“

K atmet hörbar aus.

„Warum bist du nie mit etwas zufrieden?“, fragt sie dann.

„Woher soll ich das wissen?“, erwidere ich.

Sie klappt ihren Laptop auf und startet eine Folge Killing Eve. Letztes Wochenende habe ich zwei russische Filme gesehen, in denen es auch um Auftragsmörder ging. Bruder 1 und 2 von Alexei Balabanow. Der erste Teil war richtig gut. Ein junger, gut aussehender Russe legt sich in Leningrad mit der Mafia an und erschießt einige Leute, bis er sich nach Moskau absetzt. Denn dort herrscht das wirkliche, das große Verbrechen. Und damit natürlich das Geld. Der Film ist durchzogen von patriotischen Botschaften, die im zweiten Teil immer plakativer werden, aber die rohe, bedrohliche Atmosphäre, die heruntergekommenen Straßen und die ebenso heruntergekommenen Menschen ziehen mich eigenartig an. Außerdem erinnert mich vieles an Taxi Driver, den ich irgendwann einmal gesehen habe. Aber das ist eine halbe Ewigkeit her.

* * *

Wir liegen auf unserem Bett und ich schaue zur Decke hinauf. Jetzt, um kurz vor neun, ist es draußen bereits dunkel. Die Dunkelheit ist noch nicht vollständig, aber sie wird es bald sein. In fünf oder zehn Minuten vielleicht.

Ich denke an meinen Roman. Ich denke an das Urteil meiner Freunde und ich denke an mein eigenes Urteil. In letzter Zeit denke ich häufig über die Folgenlosigkeit des eigenen Handelns nach. Bewege ich tatsächlich etwas, nähere ich mich einem Ziel, zumindest dem Ende eines Abschnitts? Es gibt Augenblicke, in denen ich nicht mehr unterscheiden kann, ob das, was ich tue, gut ist oder nicht. Ob ich mich mit Mittelmäßigkeiten beschäftige, in einer Spur zerfalle, nur noch Trugbild bin, wie es Pessoa nennt. Was mache ich hier eigentlich?, frage ich dann K. Du schreibst und hast ein Buch veröffentlicht, antwortet sie fast automatisch, denn sie kennt dieses Spiel. Die Verzweiflung stellt sich immer ein, sie bleibt nie aus. Das ist der mir entsprechende Wechsel. Mein Uhrwerk sozusagen.

Wir liegen nebeneinander im Bett und plötzlich tue ich etwas, das ich seit Jahren nicht getan habe. Ich versuche aufzuzählen, wofür ich dankbar bin an diesem Tag. Das ist eine esoterische Übung, die ich meinen Freunden gegenüber niemals eingestehen würde, denn das wäre mir unendlich peinlich.

Ich bin dafür dankbar, dass ich gesund bin und ewig nicht zum Arzt gehen musste.

Das ist das erste, was mir einfällt.

Ich bin für K dankbar, die mich und mein endloses Lamentieren erträgt. Was für eine Gnade!

Ich bin für die Zeit dankbar, die mir jetzt plötzlich außerhalb der Arbeit für das Schreiben bleibt. Noch im Juni hat mich das Museum gequält und jetzt plötzlich gibt es diese Halbtagsstelle, die das Schreiben ermöglicht. Etwas, auf das ich mich sechs Jahre lang zubewegt habe, um manchmal fast daran zu verzweifeln.

Irgendwann kommen mir ganz unsinnige Gedanken.

Ich bin für das Licht dankbar, für den Himmel, dafür, dass ich atmen kann.

Oh Gott, flüstere ich und greife nach dem Bier, der zweiten Dose an diesem Abend.

„Woran denkst du?“, fragt K, die neben mir mittlerweile eine Kochsendung auf Youtube schaut.

Jemand sucht nach dem ultimativen Pizzarezept und reist dafür durch die ganze Welt. Gerade ist er mit strahlendem Gesicht in Indonesien unterwegs und erschreckt die Einheimischen mit seinem euphorischen Gehabe.

„Ich denke an meinen freien Tag.“

„Hast du etwas vor?“

„Das weiß ich noch nicht so genau.“

„Dir fällt schon was ein.“

K widmet sich wieder ihrer Sendung und ich denke an den bevorstehenden Tag. Ich werde weiter in Liebe ist eine einsame Sache lesen, ich werde mich um den Haushalt kümmern, vielleicht gehe ich klettern. Ich folge irgendeiner Spur, werde mir wieder selbst zum Rätsel, wundere mich über alles, was folgenlos bleibt. Dann schaue ich nach rechts, auf Ks Bildschirm. Der grenzenlose Urwald Indonesiens flutet durch das Bild und ich weiß nicht, was dieser Urwald mit einem Pizzarezept zu tun haben kann. Ein undurchdringliches Dickicht leuchtet mich an, tiefgrün und gleichzeitig von einem eigenartigen Gewicht, von einer anziehenden, aber auch gefahrvollen Dunkelheit erfüllt. Ich erinnere mich an das Kanonenboot in Herz der Finsternis, das scheinbar grundlos in die bewaldeten Klippen einer namenlosen Küste feuert. Und dann schließe ich für eine Sekunde meine Augen und stelle mir vor, an der Grenze dieses Dschungels zu stehen, das weit entfernte Krachen der Kanonen im Ohr, das fast unhörbar leise geworden ist. Die Hitze auf meiner Haut, das Summen tausender Insekten ganz dicht an meinem Ohr. Rufe von Tieren, die keinen Namen tragen, nirgendwo verzeichnet sind. Und der Schweiß, der mir in die Augen läuft und dort wie Feuer brennt.

Donnerstag, 2. September

September. Der Monat, in dem meine Schwester ein Jahr älter wird. Außerdem ist er der letzte echte Sommermonat, auf den mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit der Herbst folgen muss. Im Oktober läuft man durch lange Schatten oder man läuft durch den kalten Regen, die Straßen verwandeln sich in stumpfe Spiegel und der Wind fühlt sich bereits nach Winter an. Man sucht die dicke Jacke heraus und hängt die leichte in den Schrank. Man wechselt die Bettdecken, dreht die Heizung auf, verfolgt das zurückweichende Licht. Das Licht holt den Tag nicht mehr ein, die Nacht vergrößert sich, sie nimmt sich das zurück, was sie den Sommer über eingebüßt hat und irgendwann beginnen die Bäume zu schwächeln und verlieren stoßweise ihr Laub. Wie jedes Jahr werde ich den Abflug der Zugvögel verpassen, obwohl ich sie eine Zeit lang zu dichten Gruppen gedrängt bei ihren Reisevorbereitungen in den Platanen beobachten kann. Dann sieht es so aus, als berieten sie sich nervös über die beste Route und könnten den bevorstehenden Abflug kaum erwarten. Von einem Tag auf den anderen werden die Platanen plötzlich leer sein und die Vögel spurlos verschwunden. Am Ufer wächst das hohe Gras im Wind, Wolken ziehen vorüber, das Wasser fühlt sich eisig an, fließt ansonsten aber unverändert durch die Stadt.

Gestern habe ich mit K darüber gesprochen, wie schnell uns die Zeit davonläuft. Die Wochen: ein kurzes sich Wundern. Die Monate: als kehrte man nach einem Ausflug in die Wohnung zurück. Das Jahr: ein paar verstreute Bilder, deren Ordnung sich nur schwer bestimmen lässt. Ich bin hierhin und dorthin gegangen, ich habe meinen Rhythmus gefunden, habe einige Bücher gelesen, eins herausgebracht und an zwei weiteren geschrieben, doch ich bin das Gefühl nicht losgeworden, weiter bloß auf diesem See zu schwimmen, dessen Grenzen sich mit jedem meiner Züge verschieben, ein See von ungewisser Ausdehnung und Tiefe und auch der Himmel darüber wirkt weder nah noch fern in seiner unverständlichen Klarheit, als zählte er sich selbst zu einer anderen Welt. Während ich schwimme, sage ich mir, alles, das Wasser, der verborgene Grund und selbst die blaue Kuppel über meinem Kopf, müsse sich mit den Fingern berühren lassen, legte ich es nur darauf an. Ich werfe meine Arme nach vor, tauche sie in die Wellen, strampele mit meinen Beinen und fühle, wie sehr mein Herz vor Anstrengung und Erwartung schlägt. Immer hat es auf irgendetwas gewartet. Die Erwartungen ist es niemals losgeworden.

In den letzten Monaten bin ich so viel wie seit Jahren nicht gelaufen, immer am Flussufer entlang. An manchen Tage lief ich in Richtung des Klinikums, wo viele Leute unterwegs sind oder auf den Bänken sitzen, die meisten Tage allerdings habe ich mich in Richtung Schleuse auf den Weg gemacht. Ich habe mehrmals die vor Anker liegende Missouri beobachtet, wie sie von einem Kran mit bunten Metallcontainern beladen wurde. Ein Schiff, das mit Sicherheit niemals etwas anderes als Neckar und Rhein gesehen hat und überhaupt nicht weiß, welchen märchenhaften Namen es trägt. Ich stelle mir vor, wie sein Kapitän an einem Abend ganz unerwartet beschließt – die Sonne ist bereits untergegangen und die Arbeiten längst eingestellt –, das Lastschiff in Richtung Nordsee und dann in Richtung Ozean zu steuern. Er weiß selbst nicht warum, aber am nächsten Morgen ist er nach New York unterwegs, obwohl sein Schiff nicht hochseetauglich ist. Er hat niemandem Bescheid gegeben und der Mann, der den Containerkran steuert, wundert sich eine Weile, wo die Missouri bleibt.

Auf meinen Spaziergängen in dieser Woche habe ich über eine Widmung nachgedacht, die ich dem Jahr der Fahnen voranstellen möchte. Wahrscheinlich werde ich noch einiges umschreiben oder komplett streichen, aber das ist das bislang mein Ergebnis: 

Dieses Buch ist allen Freunden gewidmet, die ich aus den Augen verloren habe. 

Es handelt von einem Jahr. Es handelt von einem Buch. Es handelt von der verlorenen Zeit. 

Es geht um die Zweifel, das Flüchten und um die Sehnsucht. Die Sehnsucht ist alles! 

Es handelt von einem Gefühl, für das ich keine Worte finden konnte. Auch im Jahr der Fahnen nicht.