Zwei Tage (1), 27. August

Von weitem sehen die Leute auf der Wiese so aus, als wären sie nur mit Handtüchern bekleidet. Es weht ein schwacher Wind, ein richtiger Nachmittagswind, denke ich, etwas träge, manchmal sogar ziemlich frisch, eine passende Abwechslung zur heißen Sonne, die sich heute wieder blicken lässt. Die Leute tragen natürlich keine Handtücher, aber manche von ihnen, besonders ein paar Frauen und Mädchen, laufen in eng anliegenden, einfarbigen Kleidern herum, die aus der Entfernung tatsächlich so wirken. Ich folge den Spaziergängern, die sich geistesabwesend durch einen schnellen Wechsel aus Licht und Schatten bewegen. Die Wolken öffnen und schließen sich wie ein engmaschiger Zaun, durch den die Sonne fällt und die Menschen treten auf helle und dunkle Bereiche, die das Flussufer in sekundenschnellem Wechsel überspülen. Manche laufen Hunden hinterher oder die Hunde hinter ihnen, was nicht immer leicht zu unterscheiden ist. Hin und wieder bleibt jemand an der Uferböschung stehen, schaut auf das Wasser oder auch zurück in Richtung Stadt, als wüsste er nicht genau, woher er kommt und wohin er gerade geht. Als könnte er nicht sagen, warum er sich ausgerechnet an diesem Abschnitt des Flusses befindet und nicht an einer ganz anderen Stelle. Eine merkwürdige Vergesslichkeit scheint die Leute zu befallen. Vielleicht hängt diese Vergesslichkeit mit dem Fluss zusammen, der sich unablässig auf ein Ziel zubewegt, das von unserem Standpunkt aus nicht mehr ist als ein undeutlicher Gedanke. Die Vorstellung einer Mündung, eines Meeres, eines Himmels darüber. Die Wolken aus Blei, das Wasser aus einem noch dunkleren Material, vielleicht aus Basalt oder aus einem anderen Gestein, für das mir kein Name einfallen will. Ein geronnenes Meer und der Fluss schwappt über die Steine, trägt den hellgrauen Staub und kleinere Kiesel davon, stößt mit gleichmütigem Rhythmus auf die verwitterten Steine, um in kaum wahrzunehmender Langsamkeit Atom für Atom abzutragen. Das steinerne Meer und der Fluss.

* * *

Bevor ich die Brücke erreiche, entdecke ich eine Krähe in der Mitte des asphaltierten Wegs. Sie macht sich über eine braune Papiertüte her, die sich im Näherkommen als eine McDonalds-Tüte herausstellt. Große, dunkle Fettflecken sind an der aufgerissenen Seite zu erkennen und das gelbe Logo leuchtet herausfordernd im Licht. Die Krähe arbeitet konzentriert, als wäre sie mit einer von langer Hand geplanten Ausgrabung beschäftigt und nicht einfach nur mit weggeworfenen Verpackungen. Sie macht sich gründlich über die zurückgelassenen Reste her und bemerkt mein Näherkommen deshalb erst in letzter Sekunde. Ich schlage einen Bogen, laufe in gehörigem Abstand an ihr vorbei, scheine allerdings keinen wesentlichen Eindruck auf sie zu machen, denn der Vogel rührt nicht einmal seine Flügelspitzen. Er dreht nur aufmerksam seinen Kopf, zeigt mir dabei nie den kompletten Schädel, sondern immer das Profil. Wie alle Vögel eigentlich. Alle Vögel starren uns Menschen bloß mit einem Auge an.

Sekundenlang halte ich dem schwarzen Auge stand, das einem Stecknadelkopf ähnelt und mir interessiert, aber nicht im mindesten eingeschüchtert folgt. Das Auge kommt ohne jene manchmal bodenlos wirkende Tiefe aus, die ein menschliches Auge besitzen kann. Besonders braune Augen wirken hin und wieder so, sie verwandeln sich in einen Strudel, der nach unten zieht, nicht in den Menschen hinein, der diese Augen besitzt, sondern eher in uns selbst. Dann fühlt es sich an, als würden die Augen etwas aus unserer eigenen Tiefe nach oben befördern und in den anderen hinein, als fände ein merkwürdiger, fließender Austausch statt, gegen den man sich instinktiv wehrt. Man wehrt sich, aber man verliert. Man bleibt den abgründigen Augen des anderen ausgeliefert.

Das schwarzglänzende Halbrund der Krähe besitzt diese Art von Tiefe nicht, aber es reflektiert die Sonne und erinnert mich dadurch an poliertes und getöntes Glas, das nur auf einer Seite lichtdurchlässig ist. Der Hals der Krähe ist von grauen Federn durchsetzt. Eine alte Krähe, denke ich, während ich weiterlaufe, eine mit Erfahrung. McDonalds-Tüten, tote Hasen und verendete Stadttauben am Ufer. Hochwasser, Trockenheit, achtunddreißig Grad. Alles bereits gesehen. Aus diesem Grund auch besitzt sie unbewegliche, schwarze Augen, die sich durch nichts einschüchtern lassen. Das grau durchsetzte Gefieder wiederum erinnert mich an einen zusätzlichen, vielleicht sogar überflüssigen Nackenpanzer. Ein Kettengeflecht, das sich an mittelalterliche Ritterhelme knüpfen lässt, um gegen Schwerthiebe zu schützen.

* * *

Zwei Augenpaare sind mir in Erinnerung geblieben. Mit Mitte Zwanzig stand ich hinter der Kasse eines Buchladens in Berlin und Seçil stand an meiner Seite. Eines der beiden Augenpaare, an das ich mich hin und wieder erinnere, gehörte ihr. Tiefbraune Augen, in denen sich die Pupille nicht ausmachen ließ, so tiefbraun, das Seçils Blick im passenden Lichteinfall manchmal wirkte, als wäre er schwarz. Vielleicht hängt die Intensität eines solchen Blicks aus sehr braunen Augen mit einer optischen Täuschung zusammen. Da die farblose Pupille mit der tiefbraunen und damit ebenfalls ausgesprochen dunklen Iris zusammenfließt, lassen sich beide Zonen sehr schwer unterscheiden. Die Pupille wirkt vergrößert und vergrößerte Pupillen machen stets den Eindruck, als blickten sie direkt in uns hinein, als besäßen all unsere einstudierten Posen, mit denen wir unsere innerste Wahrheit vor den anderen zu verschleiern versuchen, was uns in den meisten Fällen sogar ausgesprochen gut gelingt, plötzlich keinerlei Gewicht. Als wären sie dünnes Papier, ein ganz und gar hilfloser und unbrauchbarer Schutz.

Dem zweiten Augenpaar bin ich im gleichen Buchladen begegnet. Es muss mein erster Sommer im Geschäft gewesen sein und ich stand wie immer an der Kasse. Im Sommer tauchten viele Touristen bei uns auf, denn der Laden befand sich in einem weitläufigen Einkaufscenter am Potsdamer Platz. Die Touristen besuchten die Neue Nationalgalerie und die etwas versteckte Gemäldegalerie, vielleicht auch das Kupferstichkabinett und die Philharmonie. Sie liefen an der ebenfalls von Hans Scharoun gebauten Staatsbibliothek vorbei, in der ich tagsüber an meiner Abschlussarbeit schrieb, und verliefen sich irgendwann in diesem Center voll identischer Geschäfte. Klamottenläden, so weit das Auge reichte, eine Apotheke, Boutiquen, die Kleinkram und billige Mitbringsel verkauften. Auch unser Buchladen verkaufte solche Dinge, die meine Kollegen, gestandene Buchhändler, die sich über den Wandel des Buchmarkts und die anziehende Digitalisierung, fast täglich beschwerten, als Nonbooks bezeichneten.

Der Nachmittag floss träge dahin. Ich kassierte die Kunden ab, verkaufte Harry Potter und jede Menge Stieg Larsson. Larssons Romantrilogie war damals gerade auf Deutsch erschienen und ein absoluter Bestseller. Ein richtiger Bestseller taucht nicht einfach nur auf einer Liste im Spiegel oder in sonst einer Zeitschrift auf. Einen waschechten Bestseller erkennt man an Leuten, die eine Buchhandlung betreten, direkt zur Kasse laufen, ohne sich auch nur einmal im Geschäft umzusehen, und mit fiebriger Stimme fragen, wo der neue Stieg Larsson liege. Menschen, die nicht stöbern, sondern auf der Jagd nach einem Buch sind.

Lief ich am Abend zur S-Bahn, standen Larssons Romantitel in Leuchtschrift vor meinen Augen. Verblendung, Verdammnis, Vergebung. Das ließ sich wie ein Mantra murmeln. Besonders, wenn man die drei Titel schnell aneinander hängte.

Verblendung.

Verdammnis.

Vergebung.

Verblendungverdammnisvergebung.

Und so weiter.

An jenem Nachmittag war ich hauptsächlich mit meinen Larsson-Verkäufen beschäftigt, als eine Frauengruppe das Geschäft betrat. Schon von weitem sahen sie wie Touristen aus, für die ich im Buchladen schnell ein gewisses Gespür entwickelte. Italiener erkannte ich beispielsweise in einem Augenaufschlag. Merkwürdig übertriebene Brillenmodelle, glänzende Daunenwesten in schreienden Farben und die Männer trugen ausnahmslos braune Lederschuhe. 

Die Frauengruppe machte auf mich einen eher nordeuropäischen Eindruck und stach aufgrund ihrer ziemlich geschmackvollen Kleidung heraus. Deutsche konnte das auf keinen Fall sein, Österreicher noch weniger. Wobei in modischer Hinsicht der deutsche Totalausfall dem österreichischen natürlich in nichts nachstand. 

Ich versuchte den Gesprächen der Frauen eine vertraute Sprache abzulauschen und stellte bald fest, dass es sich um Däninnen handeln musste. Aha, dachte ich, das passt. Blonde Haare, relativ schlanke Figuren und die meisten ausnahmslos attraktiver als deutsche Frauen im gleichen Alter.

Eine kleine Gruppe löste sich von den anderen und steuerte auf die Kasse zu. Innerlich bereitete ich mich auf einen kurzen Wortwechsel vor und brachte meine englischen Universalfloskeln in Stellung.

We most certainly have some books in foreign languages. Are you looking for novels in English?

Die drei Frauen hielten vor der Kasse. Eine von ihnen war ausgesprochen schön. Aber das war es nicht, was mich von der ersten Sekunde an anzog. Ich hatte noch nie eine solche Augenfarbe wie ihre gesehen und habe sie auch später niemals mehr an einem Menschen entdeckt. Die Augen der Frau leuchteten fast violett, ein intensives, merkwürdiges Blau, so strahlend und kraftvoll, dass ich anfangs überhaupt nicht verstand, wonach sie mich fragte.

„Sorry“, antwortete ich und wurde rot.

Sie lächelte, aber eigentlich sah ich nur diese unglaublichen blauen Augen, in die hinein der gesamte mich umgebende Raum zu strömen schien. Der ganze Laden floss in diese Augen wie in ein schwarzes Loch.

„Hast du Reiseführer?“, wiederholte sie ihre Frage.

Sie duzte mich und wählte ihre Worte etwas unsicher, aber ihre Ansprache steigerte meine Verwirrung bloß.

Reiseführer? Hatten wir Reiseführer? 

Ich war mir ziemlich sicher, wusste aber plötzlich nicht mehr, in welcher Ecke des zweigeschossigen Ladens sie sich befanden.

Noch immer verwirrt, zeigte ich nach oben.

„Maps are upstairs“, antwortete ich schließlich in gebrochenem Englisch, obwohl die Frau ja deutsch mit mir gesprochen hatte. „Just take the escalator.“

Die drei Däninnen lächelten. Für den Bruchteil einer Sekunde lag das leuchtende Blau noch auf mir, dann verschwand es hinter zwinkernden Wimpern und die Frau verschwand.

Noch heute frage ich mich manchmal, ob sie Kontaktlinsen trug. Kann ein menschliches Auge überhaupt dieses intensive, erschütternde Blau besitzen, das mich damals völlig aus der Fassung brachte? Ich bilde mir das Ganze schließlich nicht ein. Es hat diese Frau und das Blauviolett ihrer Augen gegeben. Genauso wie es das weiche Braun von Seçils Augen gegeben hat. Kann man sich eine Frau Anfang Fünfzig überhaupt vorstellen, die gefärbte Kontaktlinsen trägt? Ich bin mir sicher, dass alles echt gewesen ist und keine Verstellung, keine leere Eitelkeit. Augen so strahlend, als schwämmen sie in einer Lösung aus Indigo und Aquamarin.

* * *

Für eine Weile folge ich dem Weg am Ufer. Später setze ich mich auf eine Treppe direkt in die Sonne und krempele die Ärmel meines T-Shirts auf. In diesem Sommer war ich häufig draußen unterwegs, meine Unterarme und die Hälfte meiner Oberarme sind gebräunt, in Richtung Schultern allerdings kann man mich auch weiterhin mit einer Garnele verwechseln. Es gibt einen harten Schnitt zwischen gebräunter und weißer Haut und diesen Schnitt versuche ich jetzt unter der Nachmittagssonne abzumildern.

Fahrräder ziehen auf dem Uferweg an mir vorbei. Manchmal surren die Ketten schon von weitem und jede besitzt einen eigenen Klang. Rasselt die Kette laut, muss sich ein altes, ungepflegtes Rad nähern. Ist sie kaum zu hören, wird es ein neues Fahrrad mit Elektroantrieb und hoher Spitzengeschwindigkeit sein. Auch die Leute unseres Viertels haben sich angewöhnt, auf Viertausendeurorädern durch die Gegend zu fahren. Dass sie ihre Räder länger als eine Woche besitzen, kommt mir wie ein Wunder, wie eine kaum zu begreifende Ungeheuerlichkeit vor. Aber vielleicht wird der Markt mit geklauten Elektrorädern derzeit auch überschwemmt und ist dadurch gesättigt. Wer weiß.

Ich ziehe ein Buch aus meinem Rucksack, Wenn der Wind singt von Haruki Murakami, schlage es im ersten Drittel auf und beginne zu lesen. In den Sträuchern, die hinter mir den Hang bewachsen, macht sich nach wenigen Momenten ein lautes Rascheln bemerkbar. Ich lege meinen Zeigefinger zwischen die Seiten, schlage das Buch zu und drehe mich langsam um. Im Dickicht der Büsche sitzt eine Krähe und starrt mich herausfordernd an. Sie tut ganz offensichtlich so, als hätte sie mit den Geräuschen, die mich beim Lesen stören, nichts zu tun, aber ich durchschaue ihren hilflosen Versuch, von der Ursache des Störgeräusches abzulenken. Vielleicht ist es die gleiche Krähe, denke ich kurz, die Krähe vom Weg mit der Papiertüte. Vielleicht ist diese alte Krähe nicht so harmlos, wie ich anfangs dachte. Andererseits ist das natürlich ein ganz idiotischer Gedanke.

Ich lese weiter, greife nach dem Thermosbecher mit Kaffee, den ich von zu Hause mitgenommen habe und schraube den Deckel auf. Selbst im Sonnenlicht sind die kleinen Dampfwolken zu erkennen, die von der heißen schwarzen Flüssigkeit in die Luft aufsteigen. Ich lege den Kunststoffdeckel neben mich auf die Treppenstufe und höre hinter mir, oberhalb der Dammböschung, auf der eine von Platanen bestandene Allee in Richtung Klinikum verläuft, die laute Stimme einer Frau. Zuerst glaube ich, sie würde telefonieren, dann allerdings werden ihre Schreie immer kraftvoller. Sie spricht die Worte eigenartig aus, zieht sie in die Länge, wobei die Lautstärke zum Wortende hin zunimmt. 

waaaaAAASSS?, schreit sie beispielsweise und richtet ihre Frage nicht an jemand Bestimmten, sondern an uns alle. Und nicht einmal an uns alle, die wir auf den Wegen und auf der Uferwiese unterwegs sind, sondern an wirklich alles, an das Schulgebäude, an die Wohntürme, an das kopfsteingepflasterte Monstrum eines Stufenaufgangs mit Geländer, selbst an die Vögel, die erschreckt das Weite suchen. Die Schreie aller Verrückten richten sich unweigerlich an die Welt und gehen selbst über die Welt hinaus. Sie haben die Gesichter und Namen lange hinter sich gelassen und suchen das Grenzenlose. Die ultimative Anklage sozusagen.

Natürlich ist die Frau verrückt oder betrunken und damit wahrscheinlich auch ungefährlich. Vor betrunkenen Männern muss man sich in Acht nehmen, bei Frauen sieht es glücklicherweise anders aus. Von meinem Treppenabsatz kann ich sie zwar nicht erkennen, doch dem Volumen ihrer Stimme nach, schlurft sie gerade direkt über mir durch die Allee.

er hat wwwaaaAAAASSSSS?, brüllt sie. 

er hat wwwaaaAAAASSSSS GESSAAGGGT?

Auf jeden Schrei folgt betretene Stille. Als hätten sich alle untereinander abgesprochen, dem Wahnsinn, der mit allen Mitteln nach einer Reaktion, nach einer Antwort sucht, genau das zu entziehen, wonach es ihm am bittersten verlangt. 

Schließlich werden die Schreie leiser. Die Stimme der Frau ebbt ab, als würde ein Schiff den Neckar hinauf verschwinden und hin und wieder in das Nebelhorn stoßen. Ein entferntes Zeichen, das an etwas erinnert, an ein aus dem Alltag gefallenes Ereignis. Doch die Blase, in der ich mich befinde und die mein Alltag ist, schließt sich bereits wieder. Der Riss im Nachmittag wächst zusammen, als wäre die mich umgebende Masse aus Gelee. Und die Schnitte heilen in Sekundenschnelle.

* * *

Murakamis erster Roman, der 1979 erschien, ist auf schwerem Papier gedruckt. Man muss die widerspenstigen Seiten energisch umschlagen, sie regelrecht falzen, denn ansonsten klappen sie eigensinnig zurück. Über mir rauschen die Blätter namenloser Bäume, hin und wieder macht sich das Rascheln in meinem Rücken bemerkbar, das Rascheln der zwielichtigen Krähe.

Murakami beschreibt einen Hund, mehrere Hunde eigentlich. Eine ganze Meute von Hunden, die sich unbeaufsichtigt in einem kleinen Fischerdorf vermehrt, eine Bande bildet und schließlich begreift, dass die Bewohner des kleinen Küstenstädtchens eine gewisse Angst vor ihnen entwickelt. Das stachelt die Hunde an, sie weichen den Leuten nicht mehr zurückhaltend aus, sondern wittern plötzlich die eigene Überlegenheit. In der Nacht gehen sie auf Beutezug, plündern Mülltonnen, zerreissen Fischernetze, heulen den Vollmond an. Für die wenigen Menschen, die in den Häusern zurückgeblieben sind (die Mehrheit der einstigen Bewohner, besonders aber die jungen Leute, leben längst in größeren Städten), lassen sich die Laute der Hunde von Wolfsstimmen kaum unterscheiden. Die Menschen sitzen in der Dunkelheit und hören dem anschwellenden Geheul wie einem Unwetter zu, das über die Bergkämme zieht, um sich mit unberechenbaren Windstößen anzukündigen. Bald schon machen Gerüchte die Runde, es hätten sich wirklich Wölfe dem hündischen Stadtrudel angeschlossen. Schließlich seien beide Gruppen, Hunde wie Wölfe, miteinander verwandt. Denjenigen, die diese Gerüchte vehement bezweifeln und erklären, es gebe rund um das Fischerdorf ganz einfach überhaupt keine Wolfspopulation und das bereits seit Jahrzehnten nicht mehr, deutet man schweigend in Richtung der bewaldeten Bergkette, die auf der vom Meer abgewandten Dorfseite den Himmel berührt. Von dort oben kommen die Wölfe zu uns, erklärt man, sie seien durch ganz Japan gewandert, mieden die großen Städte und suchten im Ländlichen Zuflucht. Das Geheul der Hunde im Dorf zöge sie an, wahrscheinlich erinnerte es sie an irgendetwas, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Fremde Klänge, die doch irgendwie vertraut erscheinen. Das Geheul der Hunde muss auf die Wölfe wirken, als riefe im Dorf jemand in einem alten, fast vergessenen Dialekt. Eine halbvertraute, aber doch unverständliche Sprache.

Ich lese und blättere um. Hin und wieder greife ich nach dem Thermosbecher und trinke den mittlerweile abgekühlten Kaffee. Es ist kurz nach drei, die Sonne steht bereits nicht mehr ganz so hoch, aber ich merke dennoch, wie sehr ich unter meinem T-Shirt schwitze. Früher dachte ich, die Sonne träfe auf die Haut und damit wäre Schluss, aber die Wärme reicht viel tiefer. Ich kann sie bis in meine Muskeln und Nervenbahnen hinein fühlen und denke an Burroughs, der seine Heroinsucht in Junky ganz ähnlich beschrieb. Erst neulich habe ich K gefragt, warum sich nicht viel mehr Sterbenskranke mit einer Überdosis Heroin das Leben nehmen. Eine maßlose Wärme, die den Körper ergreift, dann die Bewusstlosigkeit und das Aussetzen des Herzens und der Atmung. Aber das bekommt man schon nicht mehr mit. Noch immer stehe ich fassungslos vor dem Kraftakt Herrndorfs, der es geschafft hat, sich selbst in den Kopf zu schießen, während so viele Sterbenskranke einfach eingehen. Man transportiert sie in eine Klinik, teilt ihnen ein Zimmer und ein Bett zu und dann verschwinden sie, ein Verschwinden, das sich über Wochen und Monate erstreckt. Oder manchmal auch ganz plötzlich kommt, von einem auf den anderen Tag. Ließe sich die Qual nicht durch eine Überdosis abkürzen? Weder K noch ich finden darauf eine Antwort und lassen das Thema schnell fallen. Wir suchen wie zwei Fische in einem Teich das Weite, der von einem Steinwurf durcheinander gewirbelt wird. 

Als ich meinen Kaffeebecher wieder abstellen will, wischt eine Eidechse erschreckt über das graue Pflaster und verschwindet in einer Spalte zwischen den Treppenstufen. Eidechsen wirken immer so aufgeregt und nervös, sobald sie davonlaufen, für sie existieren scheinbar nur zwei Zustände: Müßiggang im Licht und eine halsbrecherische, nervöse Flucht. Ein oder zwei Minuten lang warte ich vergeblich auf das erneute Auftauchen des Reptils und denke darüber nach, wie falsch wir seinen Namen verwenden. Ganz offensichtlich handelt es sich hier um eine Echse und damit müsste man sie eigentliche Eid-Echse nennen und nicht Ei-dechse. Schließlich gibt es keine Dechsen. Und mit Eiern hat das kleine Tier am Ende sicher genauso wenig zu tun. Jedenfalls taucht die Echse nicht mehr auf, sondern bleibt in ihrem Versteck, beobachtet mich womöglich sogar aus der Dunkelheit. Ein Riese, der auf ein Buch starrt, das auf seinen Knien liegt. Hände so groß wie sechs oder sieben eng aneinander geschmiegte Echsen, die sich vor Schreck nicht rühren und nur darauf warten, ihre Schwänze abzuwerfen.

Ich schließe meine Augen, will mich ganz in der Nachmittagshitze verlieren. Mir tritt Schweiß auf die Stirn, meine Brust unter dem T-Shirt ist klatschnass. Doch ich habe mich für diesen Platz in der prallen Sonne entschieden und will nicht in den Schatten hinüberwechseln. Auch wenn mich das grelle Licht, das von den hellen Buchseiten reflektiert, in der Zwischenzeit ziemlich stört und meine Augen müde macht. 

Währenddessen gleiten Vögel an mir hinab in Richtung Uferwiese. Es sieht so aus, als ließen sie sich von den Bäumen oben auf dem Damm im Sturzflug fallen, um dann so dicht wie möglich an mir vorbei in Richtung Wiese zu segeln. Nach einigen Minuten kommt es mir sogar so vor, als tauchten die Vögel immer dichter neben mir auf, als legten sie es regelrecht auf eine Kollision mit mir an. Natürlich habe ich die Krähe in Verdacht, die hinter allem steckt. Ich versuche mich gerade in Richtung des Gebüsches umzudrehen, in dem ich sie vor einer halben Stunde entdeckt habe, als ein junger Typ meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Er läuft auf dem Uferweg entlang und lässt mich nicht aus den Augen.

„Sorry bro!“, ruft er.

Ich sehe ihn an.

Er trägt eine schwarze Jogginghose und ein schwarzes T-Shirt. Außerdem hat er einen viel zu kleinen Rucksack auf dem Rücken, die es früher einmal bei Decathlon zu kaufen gab. Sein sorry, bro klingt etwas osteuropäisch.

Vor der ersten Treppenstufe hält er an.

„Do you have any idea, where I can buy some good cannabis?“

Ich mache eine nachdenkliches, hilfsbereites Gesicht, als könnte mir tatsächlich eine Antwort auf seine Frage einfallen. Dann bringe ich eine Art Pfeifgeräusch hervor, das meine Ratlosigkeit ausdrücken soll und sage, I have no idea.

Der Typ wirkt mit einem Mal erschrocken, als sei er sich plötzlich nicht mehr sicher, ob er einen verdeckten Ermittler oder so was vor sich habe und winkt mir hektisch zu, während er das Weite sucht.

„Sorry!“, ruft er und dreht sich noch einmal zu mir um. „Have a good day!“

Ich verfolge sein Verschwinden und greife dann erneut nach meinem Thermosbecher. Aus dem Augenwinkel nehme ich eine Bewegung wahr, ein schnelles, überrumpeltes Zucken. Das nervöse Davonhuschen der Eidechse, die wie der Typ mit dem Rucksack aufgeregt das Weite sucht.