Sonntag, 22. August

Draußen läuten die Glocken einer Kirche, die sehr weit weg erscheint, einer Kirche, die möglicherweise kein Teil unseres Viertels ist, nicht einmal ein Teil der Stadt, sondern nur eine vage Vorstellung, die man sich automatisch zum Läuten dazudenken muss, damit alles seine Richtigkeit behält. Das Läuten verstummt irgendwann. Für ein oder zwei Sekunden bleibt ein zitterndes Echo wie die Haut auf einer Schale voll Milch zurück und dieses zitternde Echo verliert sich kurze Zeit später, es zittert davon, flacht ab, fließt stufenlos in den Hintergrund. Die Dinge verschwinden immer in den Hintergrund, sie flüchten niemals nach vorn. Sie streben von uns weg in ein maßloses Zurück, das mittlerweile derart vollgestellt sein muss mit allen möglichen verlorenen Dingen, mit all den vergessenen Bildern, Büchern, Gedanken und Gesprächen, all den verstreuten Gefühlen, Träumen, Absichten, Ankündigungen, Vorsätzen, Erklärungen und Bezichtigungen, den Vorwürfen, Beteuerungen und Klagen, dass es überhaupt keinen Platz mehr geben müsste für das ununterbrochen Hinzukommende. Wie das Läuten der Glocken an diesem Morgen zum Beispiel, für das man dennoch ohne größere Probleme einen Platz in der gigantischen Einrichtung findet. Denn der riesige Hintergrund vergrößert sich ständig, als wäre er ein unendliches Depot. Während sich eine Zelle in diesem labyrinthischen Gebäude füllt, arbeitet man wenige Gänge weiter bereits an neuen Abstellkammern, um das, was unaufhaltsam im Hintergrund verschwindet, aufzufangen. 

Ich laufe ein bisschen im Schlafzimmer herum. Eigentlich braucht es keine Kirche, denke ich dann. Das Läuten allein reichte bereits aus, es brauchte kein Gehäuse. Vielleicht bildet sich erst um das Läuten herum eine Kirche, vielleicht schafft die Glocke das Haus und nicht umgekehrt. Wer kann das schon sagen.

Als ich an das Schlafzimmerfenster trete, um in den Hinterhof zu sehen, haucht eine Motte ihre letzten Züge auf dem Fensterbrett aus. Sie dreht sich ein paar Mal im Kreis, schlägt erschreckt mit den Flügeln, versucht sich wahrscheinlich aufzuraffen zu einem letzten, erschöpften Flug und kann nicht begreifen, weshalb das nicht mehr gelingt. Nach einigen Sekunden gibt sie schließlich auf und bleibt regungslos liegen. Ein Mottenkörper atmet nicht sichtbar, ich kann also nicht erkennen, ob die Motte bereits gestorben ist oder ob sie Kraft sammelt, um sich wieder zu erheben. Erschöpft eine Motte nach einer unruhig verbrachten Nacht? Ist sie am Morgen erschlagen und müde? Diese Insekten sind nachtaktiv, sage ich mir, wer weiß was sie in unseren Zimmern treiben, während wir schlafen. Vielleicht wäre ich nach einer solchen Mottennacht am nächsten Morgen genauso erledigt und würde nicht mehr auf die Beine kommen.

Die Motte auf dem Fensterbrett erinnert mich an das Foto einer anderen Motte in W.G. Sebalds Ringen des Saturn. Dort sitzt das Insekt auf der Hand eines Mannes, die auf einem Tisch liegt oder vor eine helle Wand gehalten wird. Jedenfalls bleibt der Raum oder das Zimmer, in dem sich die Motte und die Hand befinden, eher undeutlich. Am Handgelenk des Mannes befindet sich eine Uhr. Das Armband ist aus dunklem Leder, die Uhr selbst wirkt ziemlich altmodisch. Das ist die Uhr eines Mannes über Fünfzig, dachte ich damals beim ersten Lesen des Romans. Der Nachtfalter selbst ist auffallend groß und wenn ich mich richtig erinnere, leitet Sebald über diesen Falter, der sicher eine Motte ist, zum Schmetterling über, den die Antike mit der Seele eines Menschen in Zusammenhang brachte. Während meines Studiums habe ich über ein Gemälde Dosso Dossis geschrieben, in dem Jupiter als Maler in Erscheinung tritt. Er sitzt ganz in seine Tätigkeit versunken vor einer Leinwand und malt Schmetterlinge auf die scheinbar plane Fläche, die allerdings in ihrer Farbgebung auffallend dem Himmel im Hintergrund gleicht. Jupiter malt also nicht einfach nur mit verzücktem Gesichtsausdruck einige Schmetterlinge, die für alle Ewigkeit dazu verdammt sind, Kunst und Malerei zu bleiben, sondern er erzeugt das Leben selbst, er malt, was Wirklichkeit werden wird, den leibhaftigen, lebendigen Schmetterling. Wobei der Schmetterling wiederum auch mit dem Tod in Verbindung steht, dem er als davonflatternde Seele eines Menschen entkommt, während dessen Körper zurückbleiben muss und sich in Erde, Asche und Staub verwandelt.

Kurz bevor ich gestern Abend einschlafe, weckt mich das Summen einer Mücke, die ganz in meiner Nähe nach einer Angriffsfläche sucht und ich frage mich, wie hoch die Wahrscheinlichkeit eines gewaltsamen Todes für eine Mücke im Allgemeinen wohl ist. Für eine Mücke kommt ein natürlicher Tod, ein Tod aus Erschöpfung oder Altersschwäche, ja eigentlich kaum in Frage. Menschen schlagen nach Mücken, die meisten Tiere schlagen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln nach Mücken, Vögel und Fledermäuse machen Jagd auf sie. Sicher sind gut fünfundzwanzig Prozent aller Mückentodesfälle auf das Zusammenschlagen zweier Hände zurückzuführen. Ich frage mich, ob irgendjemand solche statistischen Auffälligkeiten sammelt und für die Nachwelt bewahrt. Dass eine Mückenexistenz mit hoher Wahrscheinlichkeit zwischen zwei Handflächen endet, dass die Bandbreite aller vorstellbaren Mückentode somit eher eingeschränkt ist, scheint mir jedenfalls bemerkenswert, obwohl ich nicht genau weiß, was sich mit diesem Fakt weiter anstellen lässt.

Anfang der Woche fuhr ich mit meinen Rad über die Brücke in Richtung Arbeit. Unter mir glitzerte der Fluss im Licht, ein träger, scheinbar unbeweglicher Fluss, der schwerfällig die Stadt in zwei Teile trennt. Und mitten in diesem Fluss schwamm ein nackter, sicher noch junger Mann. Vielleicht war er sogar in meinem Alter, aber das war aus der Entfernung und bei voller Fahrt schlecht zu erkennen. Ich habe im Fluss noch nie einen Menschen schwimmen gesehen. Das Wasser ist nicht auffallend verschmutzt, aber es ist auch nicht glasklar und rein, nicht wie in Basel beispielsweise, wo die Leute oberflächlich nur wenig davon abhält, direkt aus dem Rhein zu trinken. An unserem Fluss gibt es überall Industrie, große Dieselschiffe fahren im Halbstundentakt auf und ab und die Leute werfen ihren Dreck überall hin. Steht man lange genug am Ufer, taucht irgendwann stets eine einsame Plastiktüte auf und dreht schöne, manchmal auch sehr melancholische Pirouetten.

Der Mann schwamm ganz offensichtlich von einer Flussseite zur anderen und zog damit alle Blicke oberhalb der Brücke auf sich. Natürlich ist das Schwimmen im Fluss nicht ausdrücklich verboten, es gibt, zumindest so weit ich das weiß, keine Verbotsschilder, die darauf hinweisen würden, aber es existiert doch ein unausgesprochenes Gesetz, das vom Schwimmen abrät. Vielleicht macht er Frühsport, dachte ich im Vorbeifahren. Dann fragte ich mich, wo er seine Klamotten gelassen hatte. Am zurückliegenden Ufer? Würde er also, sobald er am anderen Ufer zwischen den Schwänen und Wildgänsen angelangt war, einfach kehrt machen, um zurück zu schwimmen, als brächte er zwei Bahnen im Schwimmbad hinter sich? Um die Blicke der Leute am Ufer, dort wo die Gehwege direkt am Wasser verlaufen, schien er sich nicht zu kümmern. Aber sein Gesicht, das sah ich von oben, wirkte auch nicht entspannt. Es wirkte nicht wie das Gesicht eines Menschen, den die Blicke der anderen kalt lassen, der sie nicht einmal wahrnimmt, ein Mensch, der vollständig für sich existieren kann und der für das Urteil der anderen nur ein müdes Lächeln besitzt. Der Mann wirkte eher, als versuchte er die Blicke der anderen zu ignorieren, als versuchte er, sie nicht zuzulassen. Er warf die Arme nach vorn, strampelte mit den Beinen, prustete das schmutzige Wasser aus. Seine Haare glänzten schwarz und klatschnass und er querte einen Fluss, den wahrscheinlich seit Jahrzehnten niemand mehr freiwillig durchquert hatte. Doch aus irgendeinem Grund kam es mir so vor, als würde er nicht von sich aus dort unten schwimmen, als würde er nicht schwimmen, um sich Bewegung zu verschaffen oder ein wenig Abkühlung, sondern als sei er aus Trotz in das Wasser gestiegen, in das niemand sonst steigt. Ganz als versuchte er zu sagen, ihr traut es euch nicht, ich aber traue es mir, ich denke nicht einmal darüber nach. Ich steige nur in meiner Unterhose in dieses schmutzige Wasser und schwimme hinüber. Und ich mache das nicht an einem abgelegenen Flussabschnitt, sondern direkt hier unter der Brücke, dort wo die Innenstadt auf ihre Satelliten trifft.

Das Ganze glich einer absurden und deshalb vielleicht sehr verständlichen Unternehmung. Doch was mich weiter den Mann im Blick behalten ließ, so lang, bis es nicht mehr ging und ich das Ende der Brücke auf meinem Fahrrad erreichte, war die Unsicherheit auf seinem Gesicht. Man sah ihm an, dass er das Auffällige seiner Situation zur Normalität erklären wollte, als sei überhaupt nichts dabei, durch diesen Fluss zu schwimmen, als wäre das eine ganz alltägliche Geschichte, und dass ihm dieser Versuch nicht vollständig gelang. Er schwamm, aber er schwamm nicht triumphierend und gleichgültig ans andere Ufer. Er schwamm nervös, wie einer, der sich verlaufen hat. Wie jemand, der in der Mitte eines Flusses plötzlich nicht mehr zwischen Mut und Dummheit unterscheiden kann und der zu stolz ist, seinen Beobachtern den eigenen Zweifel einzugestehen. Ihre Genugtuung lässt er nicht zu, er will sie nicht gewinnen lassen und deshalb beißt er die Zähne zusammen und hält schwankend an seiner Flussdurchquerung fest, um allen etwas zu beweisen, das er selbst nicht ganz begreift, das er vielleicht sogar schon unter all der Anstrengung vergessen hat. Denn der Fluss ist breit und die Strömung nicht zu unterschätzen und sobald man auch nur für einen Augenblick das Tempo verlangsamt, trägt einen das Wasser für vier oder fünf Meter davon und aus fünf Metern kann schnell das Doppelte werden. Außerdem ist das Wasser kalt, selbst jetzt im Sommer. Zumindest die Kälte aber scheint ihn nicht zu stören. Er wirft sich weiter mit seinen unsicheren Zügen gegen das Wasser und hat das andere Ufer fast erreicht. Noch eine Minute, sage ich mir auf meinem Rad und verliere ihn schließlich vollends aus den Augen, noch eine Minute und der erste Abschnitt liegt hinter ihm. Dann muss er nur noch zurück. Und er trägt die Gewissheit im Gepäck, bereits einmal geschafft zu haben, was er ein weiteres Mal beginnt. Als hätte sich das Blatt plötzlich und unverhofft zu seinen Gunsten gewendet.