Gärten in der Wildnis (2), 13. August

Wir kehren am späten Nachmittag von den Eltern zurück. Auf dem alten Messplatz laufen nackte Kinder durch die Wasserfontänen, die im Vorbeigehen wie durchsichtige Glasstäbe wirken. Das Licht verfängt sich in den Stäben, vibriert intensiv und verlöscht in der nächsten Sekunde. Hätte ich zufällig in eine andere Richtung geblickt, beispielsweise zum Restaurant auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes, wäre mir das fieberhafte Leuchten nicht aufgefallen. Es hätte weder das Licht noch die beweglichen Glassäulen gegeben, die hin und wieder in sich zusammenfallen.

Über dem Messplatz liegt die Hitze und die meisten Bänke sind besetzt. Einige Leute dösen, andere trinken Bier, die Stimmung wirkt gedämpft und alles fühlt sich nach einem trägen Sonntag an, einem dieser schwerfälligen, stumpfen Sonntage, die einfach nicht vergehen wollen. Man wünscht sich den Anfang der nächsten Woche zwar nicht herbei, aber der Sonntag ist dennoch schwer zu ertragen. Die Zeit scheint aus dem Tritt zu kommen, sie stolpert ungeschickt und die eigenen Bewegungen fühlen sich plötzlich an, als arbeitete man sich durch tiefen Sand oder durch die Brandung eines Ozeans hindurch. Auch die Leute auf den Straßen laufen orientierungsloser herum, als hätte plötzlich niemand mehr ein Ziel und sei nur unterwegs, um jene unendliche, auf allem lastende Trägheit abzuschütteln. Diese Sonntagsstimmung hüllt auch jetzt den Messplatz ein, obwohl wir an einem Dienstag zurückkehren und das Wochenende halbvergessen hinter uns liegt. Doch ich sehe die Trägheit, sie verfängt sich in den jungen Bäumen, spült unsichtbar über den Platz, heftet sich an die spielenden Kinder und fächelt den biertrinkenden Alten wie ein heißer Windstoß ums Gesicht. 

K schwingt sich mit dem vollgepackten Trekkingrucksack auf ihr Longboard und rollt davon. Ich will ihr nachrufen, dass sie aufpassen soll, denn überall liegen lose, kantige Steine herum, mit denen man vor einigen Woche die Bereiche zwischen den neu gepflanzten Bäumen geschottert hat. Nach und nach haben wir, und damit meine ich die Bewohner dieses Viertels, die Steine bis zur ebenmäßig gepflasterten Platzmitte getragen und jetzt besteht für jeden, der sich auf einem Longboard bewegt, erhöhte Unfallgefahr. Doch ich halte mich zurück, lasse K ziehen und rufe ihr nicht nach. Stattdessen betrachte ich ihr Davonrollen nervös. Würde sie plötzlich an einem der verstreuten Kiesel hängen bleiben und stürzen, stünde ich da wie gelähmt und wäre zu keiner Regung fähig. Allein die Vorstellung ihres Sturzes löst Übelkeit in mir aus, aber davon erwähne ich später, als wir bereits zu Hause sind und unsere Rucksäcke abgelegt haben, nichts. Schließlich hat sie Spaß und fährt gern auf ihrem rollenden Brett durch die Gegend. Was nützte also meine Angst? Meine Angst würde sie nur verunsichern und das möchte ich auf keinen Fall. Selbst die vorsorgliche Angst macht etwas kaputt, zerstört das unsichere, schwankende Glück.

Unser Briefkasten quillt über, obwohl wir nur fünf Tage unterwegs waren. Ich greife nach einer Büchersendung, die der Postbote trotz heftigem Widerstand in den Kasten gestopft hat und ziehe den verkeilten Umschlag, in dem sich eine Sammlung Kurzgeschichten von Andrey Platonov befindet, unter leisem Fluchen aus dem Schlitz. Auch zwei Paketbenachrichtigungen fische ich heraus. Eines der Pakete muss die Autorenexemplare meines Romans enthalten, denke ich. Glücklicherweise wurde es in eine nahe gelegene Packstation gebracht und nicht auf die Post selbst, denn dort steht man sich die Beine in den Bauch.

„Und?“, fragt K.

„Ich glaube, die Bücher sind angekommen“, sage ich.

„Das ist doch klasse!“

„Am besten hole ich das Paket gleich ab.“

„Mach das.“

Wir gehen nach oben und ich schließe unsere Wohnung auf, lege meinen Rucksack im Flur ab und mache mich wieder auf den Weg. Die Benachrichtigungskarte halte ich in meiner Hand, während ich über den Parkplatz des Supermarkts laufe, an dessen Ende sich die Packstation befindet. Ich horche aufmerksam in mich hinein, fast wie ein Arzt oder Seismologe, der nach zarten Erschütterung Ausschau hält. Aber ich höre nichts. Weder bin ich aufgeregt noch gespannt. Ich sollte es nicht erwarten können, endlich das Buch in meinen Händen zu halten, den fertigen, abgeschlossenen Roman, meinen ersten Roman, den ein Verlag herausgebracht hat, aber in mir bleibt alles vollkommen still. An der Stille, die in mir herrscht, kann ich die Bedeutung der Ereignisse bemessen. Zumindest versuche ich mir das an diesem Nachmittag einzureden. In den für meine Umgebung bedeutsamsten Momenten, jenen Momenten, denen andere mit großen Augen entgegensehen, bleibt in mir alles ruhig und ich fühle nichts als eine alles Maß sprengende Enttäuschung.

Ich versuche zu lachen und diesen idiotischen Gedanken abzuschütteln, bekomme aber nicht einmal ein Lächeln zustande. Ich laufe über einen Parkplatz, ich beobachte Menschen, die mit vollgepackten Einkaufskörben ihre Autos ansteuern, ich bewege mich auf ein Paket zu, in dem sich mein erster Roman befindet und in mir sieht es aus, als hätte man mich rechtmäßig zu zehn Jahren Straflager verurteilt. 

An der Packstation scanne ich den Strichcode auf der Karte und höre ein metallisches Klicken. Direkt über mir hat sich ein Fach geöffnet und aus diesem Fach ziehe ein ein ziemlich schweres Paket, dessen Gewicht mich anfangs irritiert. Wie viele Exemplare hat der Verlag eigentlich geschickt? Es fühlt sich an, als wären es zwanzig.

K empfängt mich mit großen Augen in unserer Wohnung.

„Das ist ja ein Riesenpaket!“, ruft sie begeistert.

Ich laufe in die Küche, hole eine Schere aus der Schublade und zerschneide das braune Klebeband. Dann ziehe ich einen dicken und in Luftpolsterfolie gehüllten Stapel aus dem Karton, reiße die Folie auf und halte das Buch in meinen Händen. Das ist es, denke ich, hier ist dein erster Roman. Dieser Augenblick sollte dein Triumph sein, sich zumindest nach einem Erfolg anfühlen. Und wenn nicht nach einem Erfolg, dann doch nach einer gewissen Erleichterung. Als hättest du einen langen Weg hinter dich gebracht und würdest jetzt endlich das Ziel deiner Wanderung erreichen. Doch aus irgendeinem Grund zieht nicht das Buch in meinen Händen die Aufmerksamkeit auf sich, sondern der Raum, in dem ich mich in diesem Augenblick befinde. Ich stehe in unserem Flur, der vollgestopft ist mit leeren Kartons, die ich längst in den Müll hätte bringen müssen, Schuhpaare liegen verstreut herum, ein wenig Dreck auf den weißen Fließen. Unser Flur ist eng, dunkel und unordentlich und ich stehe inmitten dieser chaotischen Landschaft und halte meinen Roman ins Licht, um seinen Titel besser lesen zu können. Gärten in der Wildnis. Ein Titel, der mir vor drei Jahren eingefallen ist, einfach so. Ich kann nicht mehr sagen, wo ich mich damals befand und was ich gerade machte, aber plötzlich war dieser Titel da. Ein Garten mitten in der Wildnis, mitten in dieser unbeschreiblichen Unordnung, die uns überall umgibt und der wir letztlich nie entkommen. Und mit einem Mal fällt mir auf, dass sich der Titel des Buches auch sehr religiös interpretieren lässt, als ein Paradies nämlich, eingehegt und geschützt vor der unberechenbaren Außenwelt. Ein Paradies wiederum, das kein Gott erschaffen kann, denn dafür reicht selbst die göttliche Kraft nicht ganz aus. Zumindest nicht nach meinem Verständnis, was natürlich nichts heißen soll.

„Kannst du vielleicht mal ein bisschen glücklicher aussehen?“, sagt K und starrt mich an. 

„Ich bin doch glücklich“, antworte ich.

„Dein glücklich sieht deinem deprimiert aber ziemlich ähnlich.“

Sie lächelt. Ich versuche es ebenfalls mit einem Lächeln und ringe mir einen gequälten Ausdruck ab, der mich wahnsinnig macht. Es reicht!

Ich stehe auf, laufe mit dem Buch in meiner Hand ins Schlafzimmer und trete ans Fenster. Ich drehe meinen Roman auf den Rücken und lese die kurze Passage, die Jana bei der Gestaltung des Covers an dieser Stelle platziert hat. 

Das Pflaster unter meinen Füßen fühlte sich an wie Glas und die Straße wirkte wie ein kaum beschriebenes Blatt, auf dem ein Unbekannter wenige kryptische Zeilen hinterlassen hatte. Alles, sagte ich mir, ließ sich ohne größere Schwierigkeiten überwinden. Die Worte konnten umgestellt und zu neuen Sätzen arrangiert werden, aus dem Profanen konnte etwas Wahrhaftiges entstehen. Ich fühlte, dass wir nicht mehr unendlich jung waren, aber immer noch jung genug, um weiterzumachen und an das Große zu glauben, an das perfekt beschriebene Blatt sozusagen, das sich den Zufällen der Geschichte entzog.

Noch immer mag ich diese Passage, denn sie hält ein Gefühl fest, das mich manchmal willkürlich überfällt. Ein Gefühl des Aufbruchs, dem ein leiser Zweifel unterliegt, ein schwankender Aufbruch sozusagen. Ich mag vor allem den letzten Abschnitt, der vom Gefühl spricht, nicht mehr vollständig jung zu sein und damit vom Verständnis für das Jungsein selbst, für diese kurze Phase mit Anfang und Mitte zwanzig, in der man nicht im Ansatz ahnt, was das Jungsein eigentlich bedeutet, in der man das alles noch nicht ansatzweise realisiert. Das, was an Möglichkeit in diesen kurzen Jahren steckt, diese riesige, wahrscheinlich uferlose Chance, die keine Grenzen kennen muss und nur den eigenen, blinden Wünsche unterstellt bleibt. Erst im Nachgang habe ich begriffen, was es heißt, zwanzig zu sein, was in dieser Zahl und in diesem Abschnitt schläft, träumt, sich sehnt, flüchten will. Doch für all diese Träume braucht es in gewisser Weise auch eine Kraft, die nur die wenigsten in diesem Alter besitzen. Manchmal fallen Sturheit und Selbstüberschätzung zusammen und daraus entsteht eine Form von Kraft, die Widerstände ignoriert, sich unüberlegt auf ein Ziel zubewegt und auf diesen Impuls kommt es letztlich an. Auf ein unüberlegtes Losgehen, dem alle Gründe fehlen, ein Gehen, das durch und durch unvernünftig ist. Ein Aufbruch aus Trotz und Übermut und Sturheit, der sich an eine Ahnung klammert, an ein unbestimmtes Gefühl, eine nicht in Worte zu fassende Sehnsucht. In diesem Moment verwandelt sich das Pflaster unter unseren Füßen in Glas, der Boden wird durchsichtig, wir sind allein und wissen davon, doch was für eine Freiheit liegt in diesen ersten Schritten, die Freiheit ist unglaublich, sie fängt alles ein, umschließt uns wie eine warme Jacke, wir laufen, aber wir wissen nicht in welche Richtung wir gehen und welches Ziel wir im Auge haben, wir laufen einfach gedankenlos und lassen uns von der Unruhe leiten, die mit zwanzig immer in uns ist, die nicht zur zweiten, sondern zur ersten Haut wird und in der sich das Leben versteckt, das bissig gegen die Wände schlägt, sich wie ein gefangenes Tier von einer Seite des Käfigs auf die andere wirft, immer in der Hoffnung, das Gitter zu durchstoßen und damit hinauszugelangen in das ungehinderte, maßlose Leben.

* * *

Ich stehe am Ende der Uferwiese und betrachte den Fluss. Hinter mir befindet sich eine Schleuse, die Neckar und Rhein über den Industriehafen verbindet und während der letzten Wochen aufgrund des Hochwassers außer Betrieb gewesen ist. Ich ziehe mein T-Shirt aus und setze mich in die pralle Sonne, direkt auf die abfallende Böschung des Damms. Bis zur Schleuse zieht es nur wenige Spaziergänger und jetzt ist weit und breit niemand zu erkennen, vor dem ich mich mit meinem nackten Oberkörper schämen müsste. 

Die Sonne brennt auf meiner Haut. Ich höre ein dumpfes Stampfen und entdecke im Hintergrund ein sich langsam den Neckar hinaufarbeitendes Schiff. Das Lastschiff kommt näher, das Stampfen des Dieselmotors wird immer lauter und ich sitze in der Mittagshitze und lasse das Schiff nicht aus den Augen. Als es an mir vorbeifährt, lese ich den ziemlich unpoetischen Namen Wolfgang Hegele, der in schwarzen Großbuchstaben am Bug angebracht ist und bemerke, wie tief das Schiff aufgrund seiner Ladung im Wasser liegt. Die vom Bug geteilten Wellen laufen weich in Richtung Heck. Es fehlten nur wenige Zentimeter, nicht mehr als eine Hand, denke ich, und das Wasser würde über die Reling in die Ladefläche schwappen. Doch den Kapitän scheint das nicht zu interessieren, er weiß über das Gewicht der Ladung und die Tieflage seines Schiffs Bescheid. Uns trennen nicht mehr als zwanzig Meter und ich sehe ihn hinter dem Steuerrad stehen, auch er ist mit nacktem Oberkörper unterwegs und schaut kurz zu mir herüber. Für eine Sekunde überlege ich, ob ich ihm winken soll, lasse das dann aber bleiben. Sicher würde er mich für einen Idioten halten. Das Lastschiff stampft währenddessen weiter den Neckar hinauf.

Und dann kommen die Wellen. Sie rollen heran, laufen klatschend über die gepflasterte Böschung, wischen den Staub von den Steinen und färben sie dunkel. Überall gluckst es, die Wellen brechen, schlagen übereinander, fallen sich gegenseitig an, doch das geschieht in einem genau bestimmten Rhythmus, einer spürbaren Regelmäßigkeit. Das Schlagen des Wassers schwillt an, ich will instinktiv meine ausgestreckten Beine zurückziehen, lasse das dann aber bleiben und schon werden die Geräusche leiser, der künstliche Wellengang ebbt ab und der Fluss hat sich wieder beruhigt.

Am anderen Ufer ragen Industriegebäude in den blassen Hintergrund. Weitläufige Lagerhallen, verfallene Ruinen, ein Schrottplatz, auf dem Hügel aus Schutt und Metall wie etwas Kostbares in der Sonne glitzern. Ein grüner Kran, auf dem Heidelberger Sand und Kies in weißen Buchstaben steht, was ich selbst aus der Entfernung problemlos lesen kann. Ich weiß, dass mich immer nur die unberührten, fremden Ufer interessierten. Ufer ohne Flüsse, Landschaften, die sich vor mir verschließen und in denen das Leben, weil es unerreichbar ist, ein ganz anderes werden müsste, ein besseres, authentischeres, intensiveres Leben. Dorthin bin ich unterwegs und es gibt zahllose Vehikel, die sich stets entziehenden, anderen Ufer zu erreichen. Mein Buch, dieser Roman, der jetzt in Luftpolsterfolie in unserer Wohnung liegt, ist auch ein solches Schiff, mit dem ich über den Fluss zu setzen versuche. Nur darum geht es am Ende – wie kommst du über den Fluss? Wie kommst du über den Tag, die Woche, das Jahr? Wie erreichst du diese Landschaft, in der du zur Ruhe zu kommen glaubst, in der alles in Ordnung ist, in der du eins bist mit dem, was du irgendwann erträumt hast, eine Vorstellung vom Leben, genau genommen nicht einmal eine fest umrissene Vorstellung vom Leben, wie es sein und sich anfühlen soll, sondern nichts anderes als eine kaum umrissene Ahnung, die nicht konkreter werden kann, weil sie ortlos ist und ohne Worte auskommen muss.