Dienstag, 10. August

Die Morgensonne liegt auf dem Garten, als ich die große Schiebetür nach rechts bewege, ich sehe ein langgestrecktes Dreieck aus Licht, das auf dem frisch geschnittenen Grün liegt, wobei der Gärtner wohl etwas nachlässig war, denn zwei breite, ungemähte Streifen, die eigenartigerweise ebenfalls wie langgezogene Dreiecke wirken, befinden sich mitten auf dem Rasen und stören das Bild. Zwei struppige Flecken, die der Rasenmäher verschonte, auch wenn ich nicht genau erkennen kann weshalb. Die beiden wilden Bereiche machen auf mich nicht den Eindruck, als wären sie einzigartig, es wachsen keine seltenen Pflanzen an dieser Stelle, keine Wildgräser oder Blumen, die vielleicht für Bienen oder andere nützliche und vom Aussterben bedrohte Insekten interessant wären und so wirken diese zwei erhöhten grünen Dreiecke auf der Wiese ganz einfach, als hätte man sie zufällig übersehen. Andererseits, denke ich dann, erschließt sich mir das Kalkül des Gärtners vielleicht nicht. Womöglich steckt hinter den ungemähten Bereichen ein genauer Plan, eine Form von Rasenbewirtschaftung, die ich nicht verstehe.

Ich nehme einen weißen Liegestuhl aus Plastik in Beschlag, auf dem normalerweise Ks Mutter sitzt. Ich habe mein T-Shirt ausgezogen, um auch den flüchtigsten Strahl der immer wieder hinter breiten grauen Wolkenbändern verschwindenden Sonne aufzufangen. Wolken, die an diesem Morgen wie weiches Flechtwerk wirken und mich an Hefezöpfe erinnern, kurz bevor man sie in den Ofen schiebt. Seit drei Tagen passen K und ich auf die Wohnung ihrer Eltern auf, die nach Wien gefahren sind, um Verwandte zu besuchen, und jeden Morgen nach dem Aufstehen schiebe ich die hohe Tür, die das Wohnzimmer mit dem Garten verbindet, beiseite und trete mit nackten Füßen auf die grauen Steinplatten hinaus. Ich fühle die kühle, raue Oberfläche unter meinen Füßen, ich laufe ein paar Schritte und dann setze ich mich auf den weißen Plastikstuhl, nachdem ich die Stoffauflage mit meiner Hand betastet habe, ob sie auch nicht so nass ist wie gestern, als der Tau über Nacht einen unsichtbaren Film auf dem Polster hinterlassen hatte, den ich erst nach einer Minute bemerkte, um dann mit klammen Hintern wieder in die Wohnung zu laufen und meine Hose zu wechseln.

Sobald sich ein Spalt zwischen den Wolken auftut, bricht die Sonne mit unverstellter Kraft hervor und man spürt den Sommer, der in diesem Jahr so merkwürdig ist. Wir hatten den Dauerregen und das Hochwasser, die unglaublichen Überschwemmungen und darüber vergißt man den Sommer mit seiner Hitze fast. Besonders der August ist für Hundstage wie gemacht, Tage, an denen die geringste Bewegung aufgrund der schwülen Hitze zur Last wird und man sich zwei mal überlegt, ob man die Wohnung verlassen soll, um etwas einzukaufen. In den Nächten, wenn die Sonne bereits untergegangen ist und draußen im Hof das Zwielicht mit breiten Händen über die Fassaden streicht, öffnet man die Fenster sperrangelweit, nur um festzustellen, dass es in den aufgeheizten Zimmern unfassbarerweise kühler ist als draußen. Doch man ist zu schwach und lässt die Fenster ganz einfach offen stehen. Insgeheim hofft man auf eine Abkühlung, die erst noch kommen muss, gegen ein oder zwei Uhr nachts, während man im zerwühlten Bett liegt, nackt, schwitzend, mit einem Klopfen hinter der Stirn, das den Kopfschmerz ankündigt oder einen ganz und gar phantastischen Traum.

Über mir ziehen Wolken vorüber und ich denke an die Schönheit eines solchen Buchtitels. Wolken ziehen vorüber. Leider gibt es diesen Titel bereits, ein Film von Aki Kaurismäki trägt ihn und damit hat sich das bereits erledigt. Die Sonnenstrahlen treffen auf meine Brust, ich spüre die Wärme, schließe meine Augen und halte mein Gesicht in Richtung des Lichts. Hinter meinen Lidern wird es rot, ein Rot, das anschwillt, um kurz darauf in ein helles Orange überzugehen. In diesem Orange glimmen noch hellere, fast silberne Punkte, die sich im Handumdrehen auflösen wie in einer warmen Flüssigkeit. Ein dunkleres Netz, umbrafarben, würde ich sagen, obwohl ich nur eine ungefähre Vorstellung davon habe, welchen Farbton umbrafarben eigentlich bezeichnet, scheint diesem pulsierenden Orange zu unterliegen, ein phosphoreszierendes Glühen, das mich für wenige Augenblicke ganz umgibt und ausfüllt, als wäre mein Körper nur eine Hülle aus Ton und im Inneren dieser Hülle sammelten sich die Wärme und die Farbe, strichen dort die dunklen Wände aus, pressten sich an die Innenseite meiner Haut, ohne das kleinste Leuchten nach außen abzugeben, so dass ein zufälliger Betrachter nichts weiter entdecken würde, als einen beliebigen, relativ unscheinbaren Mann, der sich mit nacktem Oberkörper sonnt. Dann verliert das Licht an Stärke und das Orange hinter meinen geschlossenen Augen ebbt ab, als nähme man das Licht über einen stufenlosen Schalter zurück. Ich stehe auf, gehe in das Wohnzimmer und stelle verblüfft fest, dass ich alles im Raum in einem seltsamen Blauton wahrnehme, die Komplementärfarbe zum Orange, wie ich mich unsicher erinnere. Alles, die Möbel, der Holzboden, die weiß gestrichenen Wände und der unbenutzte Kamin wirkt wie hinter eine blaue Folie gerückt, als trüge ich eine Brille mit gefärbten Gläsern und das, sage ich mir, schaffen das Licht und die Wärme also auch, obwohl ich sie bereits nicht mehr so intensiv fühle wie noch vor einigen Momenten, mein Blick hat sich durch die Wärme und das Licht verändert und nicht allein mein Blick, denn für einen kurzen Moment taucht sogar der unsinnige Gedanke in mir auf, ich könnte die sich zurückziehende Wärme noch schmecken, ich könnte den Orangeton auf meiner Zunge fühlen und dieses Orange besitze eine einzige, ungebrochene Qualität, eine unwahrscheinliche, konzentrierte Wärme, als hätte jemand die Essenz des Warmen in etwas gepresst, das mir nun auf der Zunge zergeht.

(Noch etwas fällt mir ein, als ich an den Hinterhof und das Zwielicht denke. Manchmal am Abend scheint es so, als stiege die Dunkelheit aus der Erde und dem Hinterhof auf wie ein Dunst, wie Nebel, und als stünde die Dunkelheit nicht mit der Abwesenheit des Lichts in Verbindung, sondern vielmehr mit dem Erwachen und Sicherinnern der Erde. Aus dem Boden wächst dann die Dunkelheit, sie steigt auf wie schwarzer Wasserdampf, strebt in Richtung Himmel, überzieht im sanften Aufstieg alles, Straßen, Häuser, Städte, Wälder, das gesamte, unendlich fremde Land und dann erreicht dieser Dampf den Himmel und überzieht auch ihn, nur nicht ganz so kompakt und ausschließlich wie unten bei uns, denn im Himmel bleiben Risse und Löcher zurück und hinter diesen Rissen tauchen die Sterne auf.) 

Den vierten Tag sitze ich jetzt im unentschiedenen Licht und behalte meine Uhr genau im Auge, denn ich will mich nicht in der Sonne verbrennen. Der Garten ist, besonders gegen neun Uhr morgens, voller Vögel, die sich in den dichten Sträuchern und den Baumkronen verstecken. Ein Strauch ganz in der Nähe wird von einer Meisengruppe bevölkert, die mich argwöhnisch mit den ruckartigen Bewegungen ihrer kleinen Köpfe betrachten, sich aber offensichtlich nicht darauf einigen können, ob es sich bei mir um eine waschechte Bedrohung oder einfach nur um einen etwas phlegmatischen Riesen handelt, der auf irgendetwas wartet, der vielleicht sogar schläft. Einige Augenblicke später höre ich mehrere sehr schnelle Flügelschläge, die nach einem größeren Vogel klingen und entdecke einen Buntspecht am Stamm des Pflaumenbaums. In diesem Jahr seien die Früchte der Zwetschge miserabel, hat uns Ks Stiefvater Freitagnachmittag nach unserer Ankunft erklärt, sie seien voller Würmer und deshalb ungenießbar, was wahrscheinlich an der Feuchtigkeit liege. Selbst die Vögel gingen da nicht mehr ran, was mich überraschte, allerdings konnte ich es ihnen auch nicht verdenken. Ich mag den Namen Zwetschge nicht besonders, aber das verschweige ich Ks Stiefvater gegenüber selbstverständlich. Ich sage also nicht, entschuldige, aber ich würde mich wohler dabei fühlen, wenn du Pflaumenbaum sagst. Etwas an diesem Wort klingt für mich zu hart, besonders der Anlaut auf den das heftige tsch folgt, während sich Pflaume gemütlich aussprechen lässt, überhaupt nicht bedrohlich und aggressiv wirkt. Mich würde es nicht wundern, wenn die Nazis einen kleinen Kampfpanzer als Zwetschge II ins Feld geführt hätten. Pflaume II hingegen ist für die moderne Kriegsführung ja komplett ungeeignet.

Der Buntspecht jedenfalls scheint unbeeindruckt von der Güte der Pflaumen und testet das Holz. Er läuft geschickt an der Vertikalen des Baums entlang, umkreist zwei mal den nicht sehr hohen Stamm und klopft hin und wieder mit seinem starken Schnabel an die Rinde. Dabei muss ihm doch klar sein, denke ich verwirrt, wie unbrauchbar dieser gedrungene Baum als Unterschlupf ist. Jede halbwegs bewegliche Katze würde die Spechtbehausung mit einem Sprung erreichen, aber das scheint den Vogel merkwürdigerweise nicht zu interessieren. Er läuft unverdrossen hinauf und hinab und prüft das Holz auf seine Eignung. Und mir wird klar, dass uns die Tiere mit demselben Unverständnis betrachten müssen, wie ich in diesem Augenblick den Specht. Die Beweggründe der anderen bleiben fast immer im Dunkeln, egal ob es sich um Menschen oder um Tiere, um diesen Specht zum Beispiel, handelt. Wir gehen von Annahmen aus, die viel eher etwas mit uns, als mit den anderen zu tun haben, und damit ordnen wir die Welt, sortieren sie, um uns in ihr zurechtzufinden. Wir kategorisieren alles nach Begriffen, die zu einem überwiegenden Teil aus unserem unsicheren, wenig eindeutigen Selbst stammen, Begriffe, die nicht einmal sonderlich durchdacht sind oder auf ihre Tragfähigkeit überprüft, sondern die wir im Laufe unseres Lebens ganz zufällig auflesen, um sie dann zu unseren eigenen zu machen und auf alles und jeden anzuwenden. Deshalb verstehen wir die anderen häufig ebenso wenig, wie wir uns selbst verstehen. Wir glauben, unser Gegenüber zu verstehen, aber wir verstehen es nur auf eine undeutliche Weise. Hakt man nach, stellt man schnell fest, wie groß das Missverständnis eigentlich ist, wie unfassbar groß sogar. Andererseits gibt es natürlich auch ein Verständnis, das ohne Worte und damit ohne Begriffe auskommen kann. Das wiederum ist womöglich aber noch seltener.

In den vier Nächten, die wir in der Wohnung von Ks Eltern verbringen, schlafe ich, zumindest anfangs, unruhig und wache mehrmals in der Nacht auf. Ich denke an den Roman, der nun erschienen ist und finde mit einem Mal alles mittelmäßig und schlecht. Was werden meine Freunde von diesem Buch halten, das ich jetzt verwirrt betrachte, das mir manchmal sogar völlig fremd erscheint? Darf jemand, der ein Buch geschrieben hat, überhaupt an seinem Buch zweifeln? Muss er nicht herausschreien, wie gut alles ist, wie unglaublich gut sogar, dass es das Beste ist, was er je zustande gebracht hat, obwohl er insgeheim vielleicht ganz anders denkt, obwohl er innerlich voller Zweifel ist, weil die Zweifel der Antrieb für das Schreiben sind, weil sie das sind, was ihn weitermachen lässt, obwohl die Widerstände manchmal überwältigend wirkend, lähmend sogar? Ich möchte ja schreien, wie wunderbar alles ist, was für ein Roman, unfassbar!, das habe ich gemacht, seht alle her! Aber ich kann es aus irgendeinem Grund nicht und konnte es nie. Monatelang wirkten die Zweifel weit weg und jetzt, mit dem Erscheinen des Buches, tauchen sie wieder missmutig vor mir auf und ich frage mich, ob ich mir nicht etwas vormache, ganz grundsätzlich etwas vormache, ob ich am Ende nicht zu jenen belächelnswerten Leuten gehöre, die sich ein Leben lang belügen. Alle anderen erkennen die Täuschung, nur derjenige, auf den es ankommt, hat für die Lüge keinen Blick. 

Das wäre ein Mangel an Selbsterkenntnis, denke ich undeutlich und übermüdet, während ich mich auf dem ausgeklappten Sofa von einer Seite auf die andere wälze. K schläft neben mir, ihre Lippen sind halbgeöffnet. Sie schläft auf dem Rücken, die Arme und Beine ausgestreckt wie ein Seestern und sie sieht aus, als schliefe sie einen unendlich tiefen, bewusstlosen Schlaf, einen richtigen Mariannengrabenschlaf, aus dem sie nichts und niemand aufwecken kann. Dein Buch ist gut, sage ich mir. Es ist okay, es ist nicht weiter schlimm. Stück für Stück schabe ich an diesem Stachel, bis am Ende nur noch ein dünnes Stöckchen übrig bleibt, das ich im Halbschlaf wie einen Bleistift zerbreche.

Am Samstagabend macht Ks Schwester einige Fotos von mir in der Stadt, denn ich brauche ein vorzeigbares Autorenfoto. Wir stehen vor dem 60/40 in Wiesbaden, einem alternativen Club oder so etwas, und Tanja hat mein iPhone in der Hand und macht von mir unendlich viele Fotos. Früher wäre mir das sehr peinlich gewesen, mitten in der Öffentlichkeit fotografiert zu werden, so als wäre ich etwas Besonderes, als wäre ich jemand, von dem man viele Fotos machen müsste, jetzt aber spüre ich, wie wenig mir die neugierigen Blicke der Spaziergänger bedeuten. Ich versuche meine Gleichgültigkeit als geglückte Abkehr vom Urteil der anderen zu werten, denn nicht einmal die amüsierten Blicke der jungen Mädchen, die auf einer großen Wiese in unmittelbarer Nähe sitzen, machen mir etwas aus.

Als ich mir die ersten Bilder anschaue, wirke ich auf jedem einzelnen arrogant und überheblich. Ich möchte natürlich nicht lächeln, schließlich machen wir ja kein Bewerbungsfoto, aber ich möchte auch nicht herablassend in die Kamera schauen. Doch das will mir einfach nicht gelingen. Tanja lässt sich von meiner Verstimmung nicht beeindrucken und arrangiert ungerührt weiter, sie gibt mir Anweisungen, sagt, ich solle aus dem Bildausschnitt nach rechts und dann wieder nach links blicken, ich solle meine Arme verschränken, damit man die Tätowierungen sieht, was ich peinlich finde, aber was soll’s, mir fällt auf Anhieb kein Autorenfoto ein, das nicht peinlich wäre, wobei die immerhin nicht im Ansatz so schlimm sind wie Porträtaufnahmen von Solomusikern, Pianisten beispielsweise, die sich auf ihrem Flügel räkeln und dabei noch möglichst professionell auszusehen versuchen. Am Ende haben wir dutzende Aufnahmen, die wir bei einem Bier bewerten. Wir essen Burger mit Pommes, Tanjas Kinder bekommen eine kleine Schinkenpizza und Handkäs‘ mit Musik, was ein hessisches Nationalgericht ist, dem ich skeptisch gegenüber stehe. K findet eines von Tanjas Fotos ziemlich gut, für das ich mich am Ende auch entscheide, um es in das Pressematerial zum Buch einzureihen und auf meine Homepage zu stellen. Ich sehe für meinen Geschmack immer noch viel zu arrogant aus, habe zum Zeitpunkt der Aufnahme aber längst aufgegeben an ein perfektes Foto zu glauben. Am Ende bleibt es eben nur ein Foto, sage ich mir und lasse mir von den anderen gut zureden. Doch der Vorwurf, auch hier hätte ich eigentlich nicht das erreicht, was mir anfangs vorschwebte, nagt den gesamten Abend über an mir.

Nun ist es Dienstag, der 10. August. Es ist elf Uhr sechsundvierzig und ich schreibe am runden Esstisch im Wohnzimmer von Ks Eltern. Alle Zweifel sind wie weggewischt. Nicht am Roman, wohl aber am Schreiben. Sobald ich zu schreiben beginne, ist alles gut, als hätte ich mich nach langem Schwimmen auf einen Felsvorsprung gerettet, um wieder zu Atem und zu Kräften zu kommen. Ich schreibe, die Worte gehen in Sätze und dann in Seiten über, ich könnte ewig so sitzen und schreiben, das wäre kein Problem.

Als ich in den Garten trete, sitzt K im Liegestuhl in der Sonne.

„Pass auf, dass du dir keinen Sonnenbrand holst“, sage ich und habe die mahnende Stimme meiner Mutter im Ohr.

„Ich sitze ja erst seit zehn Minuten hier.“

„Pass trotzdem auf.“

Ich halte mein Gesicht ins Licht und spüre erneut die Wärme, die von diesem unendlich weit entfernten Stern ausgeht. Eine Wärme, die ebenso rätselhaft bleibt, wie sie wunderbar und überwältigend ist.

Zwei Schritte brauche ich, bis ich vor dem Liegestuhl zum Stehen komme.

„Spring auf“, sage ich zu K.

Sie sieht mich für eine kurze Sekunde prüfend an, steht dann aber auf und ich gehe in die Hocke. Dann klettert sie auf meinen Rücken.

„Musst du immer so die Schenkel zusammenpressen?“, frage ich, während ich ihre um meinen Hals geschlungenen Arme spüre und die feste Klammer ihrer Oberschenkel an meiner Hüfte.

„Ich versuche mich nur oben zu halten“, erklärt sie. Sie klingt glücklich, mein Vorwurf hat sie überhaupt nicht erreicht.

Mit K im Huckepack trete ich auf die Wiese. Das Gras ist noch nass und fühlt sich kühl unter meinen Schritten an. Wir laufen hinüber zum Pflaumenbaum und biegen dann um eine Mauer. Dahinter steht das Trampolin. Ich setze K vorsichtig ab und wir klettern über die dreisprossige Leiter ins Innere. Die Sonne liegt klar und heiß auf der elastischen, schwarzen Fläche. Wir hüpfen vorsichtig auf und ab und sofort fließt Wasser von den Rändern der Bespannung in Richtung Zentrum. Hält das Trampolin überhaupt unser Gewicht?, rufe ich. K bejaht mit breitem Grinsen. Wir springen abwechselnd auf und ab, dann finden wir allmählich einen Rhythmus und springen gleichzeitig, springen immer höher, unsere Sprünge gewinnen an Geschwindigkeit und Kraft, doch es fühlt sich nicht so an, als würde mein Körper ruckartig in die Höhe katapultiert, alles bleibt fließend und weich. Ich kann bereits über die Hecken in die Nachbargärten schauen und höre Ks begeistertes Lachen, wir springen, fliegen für einen Augenblick, ich bin sechsunddreißig, denke ich, und fliege über einem Kindertrampolin, ich fliege durch das Licht eines unendlich fernen Sterns, eines gigantischen Zufalls, und ich fliege mit K an meiner Seite, wir schweben, haben unser Gewicht abgelegt und alles für die Dauer eines winzigen, unendlichen Augenblicks vergessen, denn wir sind schwerelos, stehen ganz einfach still.