Mittwoch, 4. August

Seit eineinhalb Wochen ist K allein in Schweden unterwegs, denn ich habe in der Bibliothek keinen Urlaub bekommen. Seit sie verschwunden ist, schlafe ich schlecht, wir waren noch nie so lange voneinander getrennt und jetzt wache ich mitten in der Nacht manchmal auf und weiß für einen Augenblick nicht, wo ich bin. Erst kurz danach, in der nächsten oder übernächsten Sekunde, eine winzige Zeitspanne, die noch voller Panik ist, stellt sich die Gewissheit ein, dass sich nichts verändert hat, dass ich mich noch genau an jener Stelle befinde, an der ich eingeschlafen bin, in diesem Bett, in unserer Wohnung, in einem allzu bekannten Zimmer und dass deshalb keinerlei Gefahr besteht. Doch genau danach fühlt es sich an, mein Körper reagiert auf eine Gefahr, für die es keine Veranlassung gibt, zumindest nicht hier im Zustand des Wachseins, ein Zustand, der voller Zwischenbereiche ist, voller Übergänge in Richtung Schlaf und zurück. Ich bin ängstlich und werde besonders am Abend nervös, werde immer nervöser, je später es wird, je näher die übliche Zeit rückt, zu der ich mich zum Schlafen fertig mache, ins Bad gehe, um mir die Zähne zu putzen, mich danach auszuziehen, den rechten Flügel des Fenster zu öffnen und dann im Bett zunächst die Leselampe und anschließend die von K um das Kopfende des Bettgestells gewickelte Lichterkette auszuschalten. 

Unsere Wohnung kommt mir mit einem Mal größer vor, als sie eigentlich ist, sie wirkt plötzlich weitläufig und fremd, fast als hätte sich in den Zimmern unvermittelt Platz aufgetan, der uns bislang entgangen ist und ich frage mich, wie es Leuten geht, die einen Partner, mit dem sie über Jahre zusammenlebten, unerwartet verlieren, ob sie also jemals zurückfinden in die gemeinsame Wohnung oder ob sie diese Zimmer irgendwann aufgeben müssen, verlassen müssen, um wieder zu Sinnen zu kommen, um wieder Schlaf zu finden in einem neuen Raum. Nicht, weil der andere fehlt, sondern weil seine Abwesenheit zum Mitbewohner wird und das ist nicht dasselbe. Man beginnt mit den Lücken zu sprechen, man beginnt sich an die Leere zu wenden, man lehnt plötzlich an Wänden, die es nicht gibt und sagt Dinge, die kein Gegenüber beantwortet, auch wenn da eine Stimme ist, eine vertraute Stimme sogar, doch man ist allein, niemand bewegt seine Lippen und dennoch hält man sich an einer Antwort auf, man buchstabiert wie ein Kind, weil die Worte plötzlich zu kompliziert geworden sind, als erlernte man eine unbekannte, neue Sprache. 

Seitdem K in Schweden unterwegs ist, schlafe ich einen flachen, leichten, vollkommen traumlosen Schlaf, aus dem mich die unbedeutendsten Geräusche wecken. Dann liege ich in der Dunkelheit und schaue in Richtung Fenster und Hinterhof, die Möbel im Schlafzimmer sind in der Finsternis kaum voneinander zu unterscheiden, die Tür zum Flur steht offen, doch dorthin wende ich mich nicht, ich betrachte stattdessen das Fenster, diesen rechteckigen Ausschnitt, hinter dem die Nacht heller wirkt als die Dunkelheit, die mich umgibt, und dann unterscheide ich allmählich das Blattwerk der Bäume, das aus der Nacht wie ein weicherer Schatten tritt und versuche abzuschätzen, ob es draußen regnet oder nicht, ob jemand auf einem Balkon mit einem anderen spricht, vielleicht sogar flüstert, ob überhaupt etwas passiert oder nichts weiter dort draußen wartet als jene unwahrscheinliche Lautlosigkeit, hinter der sich die Schlafenden mitsamt ihren Träumen verstecken, eine schiefergraue Decke, unter der sich die Worte und der Atem verbinden, um die Seiten zu wechseln, bis es nur noch Bilder gibt, Bilder, die ohne Stimmen auskommen, die einzigen Bilder, die wir haben ohne Laut und die vielleicht aus diesem Grund so einschneidend sind, einschneidender als alles, was sich im Wachen sagen lässt.

Doch draußen im Hof höre ich nichts. Die Leute werden schlafen, sage ich mir und versuche die Zeit abzuschätzen, es muss zwei, drei, vier Uhr nachts sein, bald beginnt ein neuer Tag mit neuen Aufgaben, von denen vieles unerledigt bleiben muss und aufgeschoben wird, ein neuer Tag mit Gesprächen, mit Einkäufen, dem Abwasch, ein Tag voll zweifelhafter Verbindlichkeiten, kleiner Enttäuschungen und vielleicht auch abrupter Momente eines unvermittelten, überraschenden Glücks. Und immer läuft die Frage neben dir, weshalb so vieles so unsinnig ist und weshalb sich das Unsinnige unglaublich schwer umgehen lässt, weshalb es so widerspenstig bleibt und auch widerstandsfähig, weshalb sich also gerade das Unsinnige hält, weshalb es aushält, auf den Beinen bleibt, neben dir auf der Straße, im Park, in der Schlange vor der Kasse. 

Am nächsten Nachmittag gehe ich völlig übermüdet hinaus. Ich weiß nicht, was ich auf Arbeit erledigt habe, ich weiß nicht, ob ich vorangekommen bin. Ich laufe müde am Ufer entlang, nachdem ich versucht habe, mit K zu telefonieren. In ihrem Zimmer in Malmö ist das Internet schlecht und deshalb schreiben wir uns einige Zeilen und wünschen dem anderen einen schönen Abend. Morgen kommt sie mit dem Zug zurück, die ganze Strecke von Malmö über Hamburg bis nach Mannheim, knapp elf Stunden wird sie unterwegs sein. Ich nehme mir vor, einen Tisch im Café Rost zu reservieren und die Wohnung aufzuräumen. Ich möchte das Bad in Ordnung bringen, den Flur, ich möchte die vielen leeren Pakete in die Altpapiertonne stopfen. Dann fällt mir ein, dass ich den letzten Abend ohne K mit einem Film verbringen könnte. Das hatte ich mir kurz vor ihrer Abreise vorgenommen, jeden Abend ein Film auf MUBI. Aber diesen Plan habe ich schon am zweiten oder dritten Tag aus den Augen verloren, nachdem ich Kelly Reichhardts Old Joy gesehen habe, den ich schrecklich fand, obwohl er nicht ganz so schrecklich war wie First Cow. Ich habe wieder angefangen Pessoas Buch der Unruhe zu lesen, allerdings nur häppchenweise, hin und wieder einen Eintrag und nicht wie vor vierzehn Jahren alles am Stück. Gleich auf der ersten Seite der wunderbare, ein ganzes Buch überbrückende Satz, wenn das Herz denken könnte, stünde es still. Ich bin mir sicher, dass Tomas Espedal diesen Satz irgendwo zitiert, weiß aber nicht mehr genau an welcher Stelle, doch ich erinnere mich noch ziemlich gut an meine Überraschung, als ich auf dieses Zitat damals bei ihm stieß und dachte, unglaublich, Espedal liest also auch Pessoa!, als würde darin etwas ganz Unglaubliches liegen, das sich vernünftigerweise kaum begreifen lässt. Heute morgen habe ich den Großen Gatsby aus dem Regal gezogen, um ihn zum zweiten oder dritten Mal zu lesen. Noch viel stärker als beim ersten Mal mit siebzehn oder achtzehn habe ich schon nach wenigen Seiten das bestimmende Gefühl, einen perfekten Roman in den Händen zu halten, einen Roman, in dem alles auf eine fast schon zu präzise, formelhafte Weise funktioniert. Die Sprache, die Ironie, die Figuren, die Handlung, die Verknüpfung zwischen allem. Auf dem Buchrücken wird Hemingway zitiert, Fitzgerald sei der Größte ihrer Generation gewesen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Hemingway Fitzgerald gegenüber niemals etwas in diese Richtung angedeutet hat. Ein klassischer Satz für einen Toten, vor dem man keine Angst mehr besitzt.