Besuch bei den Eltern, 9. bis 11. Juli

Vor dem Haus meiner Eltern führt eine schnurgerade Straße den Hügel hinauf. Sie läuft an den Häusern entlang und an einem Waldstück, das diesen Häusern gegenüberliegt und aus hohen Eschen und Buchen besteht. Eine ganze Reihe vielleicht fünfundzwanzig Meter hoher Eschen, die man vom Wohnzimmer aus in ihrer Unbeweglichkeit beobachten kann, denn manchmal scheint es selbst auf Höhe der Kronen keinerlei Bewegung zu geben. Die Blätter stehen still, als wären sie eingefroren, die Äste und Zweige schaukeln nicht, alles Grün ist an einen einzigen, festgeschriebenen Fleck gebunden, der erst dann zerfällt, wenn sich eine schwarze Krähe in die Unbeweglichkeit setzt und damit alles Gleichgewicht zerstört, ein zerbrechliches Gleichgewicht, das sich unter der geringsten Berührung verliert. Die Eschen sind schlank, ihre Stämme leuchten aus der Entfernung weniger hell als die der Buchen und da die Bäume eng an eng stehen, bilden sie erst sehr weit oben eine Krone aus, was ihre Schlankheit noch betont. Die Spitzen der Bäume greifen ineinander über, sie erzeugen eine dichte Ebene, durch die sich der Regen erst aufwändig arbeiten muss und falls man während eines Schauers durch das Waldstück läuft, kann es sein, dass der Boden völlig trocken bleibt, als hätte es den Regen nicht gegeben, als existierte der Regen in einem anderen Bereich der Stadt, des Tages, der Wirklichkeit.

Ich bin gestern, ziemlich spät am Abend, mit dem Zug angekommen, ich habe mich gleich nach der Arbeit auf den Weg gemacht, um die viereinhalb Stunden lange Fahrt hinter mich zu bringen, was sich am Ende weniger zog, als ich anfangs dachte, zumal ich auf der gesamten Strecke nur ein einziges Mal umsteigen musste. Als ich in den Hauptbahnhof einfahre, beginnt es draußen zu regnen. Vor einer halben Stunde habe ich an meine Familie geschrieben, um zu fragen, ob mich jemand abholen könne und jetzt sehe ich dort draußen auf dem Bahnsteig Felix stehen, den Mann meiner Schwester.

Die Tür des Abteils öffnet sich und ich lasse die Leute hinaus, trete dann selbst in den Gang und setze meinen Rucksack auf. Er sieht mittlerweile ziemlich abgewetzt aus, was mich innerlich erleichtert, denn darauf warte ich schon eine ganze Weile. Ein neuer Rucksack wirkt, wie eigentlich alle neu gekauften Gegenstände und Kleidungsstücke, merkwürdig falsch und ich kann die Denkweise des britischen Adels gut nachvollziehen, der neue Hosen und Jacken erst von den eigenen Angestellten einige Tage lang eintragen ließ, damit die Kleidungsstücken ihren aufdringlichen, neuen Charakter verloren. Die weiße Sohle neuer Turnschuhe beispielsweise stößt mich ab, weil in ihnen keinerlei Leben steckt, sie haben keine Geschichte, kein Zeichen eines Gebrauchs. Die Gegenstände in meinem Leben sollen eine für alle sichtbare Geschichte besitzen, das verlangt meine verquere Eigenliebe, ich will, dass andere denken, dieser Rucksack ist schon überall gewesen. Ein solcher Gedanke färbt auch auf seinen Besitzer ab, sage ich mir, und macht ihn dadurch interessanter und obwohl das alles mehr als idiotisch klingt, lege ich auf diese Eitelkeiten doch besonderen Wert. Ich mag das Abgetragene, Ausrangierte, selbst das Kaputte, obwohl ich weiß, wie unsinnig und manieriert diese Gedanken sind, die ich mir hin und wieder zum Vorwurf mache, ohne von ihnen allerdings loszukommen.

Auf dem Bahnsteig umarme ich Felix, der gut einen Kopf größer ist als ich selbst, dafür aber ein paar Jahre jünger, und sage ihm, er sei der erste, der mich seit meinem Studium direkt am Zug und nicht erst auf dem Parkplatz des Bahnhofs empfange. 

Felix schaut mich ungläubig an.

„So einen Service bekommt nicht jeder“, sagt er dann.

Wie nehmen die Treppen nach unten, durchqueren die kleine Bahnhofshalle, die das Muster jeder provinziellen Bahnhofshalle abgeben könnte und steigen schließlich in das Auto, einen weißen Dacia-Pickup mit einer schwarzen Plane über der Transportfläche, den Felix und meine Schwester gerade für den Umbau des Hauses benutzen, das bis vor zwei Jahren mein Elternhaus gewesen ist. Bis zu jenem Zeitpunkt, um genau zu sein, an dem meine Eltern plötzlich erklärten, sie hätten ein neues, lange leerstehendes Haus am Stadtrand gekauft und würden bald umziehen, was meine Schwester und mich ziemlich überraschte, denn natürlich hatten unsere Eltern mit keinem über ihren Plan gesprochen.

Felix steuert den Dacia durch die Stadt. Wir unterhalten uns über den Fortschritt der Arbeiten an seinem neuen Haus, das das Haus meiner Kindheit ist, wir sprechen über meine Großmutter, die sich vor wenigen Wochen in ihrer Wohnung beim Abhängen einer Gardine die Schulter gebrochen hat. Eine fünfundachtzigjährige Frau, die nicht abwarten kann, bis ihr jemand hilft, die sich auch keine Hilfe holt, sondern einfach auf eine Leiter steigt, um Gardinen abzunehmen, die nicht gewaschen werden müssten, weil sie immer blütenrein sind, doch das verneint meine Großmutter selbstverständlich vehement. Die Gardinen mussten gewaschen werden, erklärt sie mir einen Tag nach meiner Ankunft, als ich sie mit dem Auto zum Mittagessen abhole und sie erklärt es so, als könnte dieses Urteil nur derjenige bezweifeln, der von echter Sauberkeit bloß eine ungefähre Vorstellung besitzt und damit die zweifelhafte Einrichtung seines Lebens offenbart.

„Was soll man machen?“, sage ich zu Felix, während wir an einer Ampel halten. „Man kann ihr nicht verbieten, auf eine Leiter zu steigen, wenn sie das unbedingt will.“

„Die Gardinen waren völlig sauber!“

„Das schreckt sie nicht ab. Du kennst sie ja. Sauberkeit geht bei ihr über alles.“

Felix lächelt. Er arbeitet als Krankenpfleger im Uniklinikum und ist dadurch einiges gewohnt. Die gebrochene Schulter meiner Großmutter stellt für ihn so etwas wie eine Nebensächlichkeit dar, weil sie nicht lebensgefährlich ist und damit auch nur geringfügig Aufmerksamkeit verdient. Seine Station ist voller Leuten, die ihre Krankheit liebend gern mit der gebrochenen Schulter meiner Großmutter vertauschen würden.

Etwa fünf Minuten später erreichen wir den Wald und damit den Hügel. Wir folgen der ansteigenden Straße, die hier unten noch weite Kurven beschreibt, folgen ihr mitten durch die hohen, tiefgrünen Bäume hindurch, die breite Schatten auf uns werfen. In regelmäßigen Abständen ist die Fahrbahn von gepflasterten Rinnen durchzogen, um die Geschwindigkeit des Verkehrs zu reduzieren. Wir bringen diese gepflasterten Vertiefungen im Schritttempo hinter uns und schaukeln, sobald wir durch sie fahren, wie in einem Slapstick-Stummfilm von links nach rechts.

„Bleibst du eigentlich nur über das Wochenende?“, fragt Felix.

Ich nicke.

„Ich muss Montag wieder auf Arbeit“, sage ich dann. „Also fahre ich sicher Sonntagnachmittag zurück.“

„Gefällt dir dein neuer Job?“

Ich denke kurz nach.

„Er ist ganz in Ordnung. Die Leuten wirken jedenfalls nett. Aber ich bin ja erst eine Woche dabei.“

„Was genau machst du noch mal?“

„Forschungsdaten“, sage ich.

„Klasse. Und was soll man sich darunter vorstellen?“

„Wir digitalisieren beispielsweise Firmenverzeichnisse und die Wirtschaftswissenschaftler bauen daraus komplizierte Auswertungen. Genau kann ich es auch noch nicht sagen. Es scheint jedenfalls einen Haufen Projekte zu geben.“

„Und das macht dir Spaß?“

„Wie gesagt, ich stecke ja noch nicht richtig drin. Gerade springe ich durch alle Abteilungen und lerne viele Leute kennen. Mal sehen, wann etwas Ruhe einkehrt. Ich bin ja nur halbtags da.“

„Damit Zeit zum Schreiben bleibt?“

„Das war mein Plan.“

„Sehr gut.“

„Und ihr habt gerade Urlaub?“, frage ich nach einer kurzen Pause.

„Genau. Um die Arbeiten am Haus endlich voranzubringen. Wenn du den Leuten nicht pausenlos auf die Nerven gehst, tut sich einfach nichts. Es ist wirklich ganz unglaublich.“

Wir überfahren erneut eine der gepflasterten Schwellen und schaukeln wie abgesprochen von einer Seite auf die andere.

„Macht ihr mit euren Handwerken keine Termine aus?“

„Na klar machen wir das. Aber das hat überhaupt nichts zu bedeuten. Die kommen und gehen, wann sie wollen. Egal, ob die Arbeit erledigt ist oder nicht.“

Wenig später bremst Felix behutsam ab. Wir halten vor einem Zaun, hinter dem sich der große Garten meiner Eltern befindet. Der Garten beschreibt einen weiteren Hügel, auf dessen Scheitel sich das Haus befindet, von dem man von hier unten nur das oberste Stockwerk sehen kann. In weniger als zwei Jahren haben meine Mutter und mein Vater das Gestrüpp und Brachland des vernachlässigten Vorgartens in einen wirklichen Garten verwandelt, in dem es nun Beete gibt und junge Obstbäume, ein Stück Wildwiese und Rosenstöcke, Sonnenblumen und zwei hohe Kiefern. Es gibt Sträucher, einen kleinen Bereich, auf dem merkwürdigerweise Schilf wächst, sogar einen von Seerosen bedeckten Teich, der allerdings nur ein kleines, dreißig Zentimeter tiefes, rundes Becken ist. Die Seerosen haben in diesem Sommer zum ersten Mal geblüht, was meine Mutter in zahlreichen Fotoserien akribisch festgehalten hat, während sie mir am folgenden Tag bei einem Rundgang durch den Garten erklärt, wo Frauenmantel und Akelei zu finden sind, Lichtnelke, Nachtkerze und Gipskraut. Wieder einmal fällt mir auf, dass sich Unkenntnis und Blindheit ergänzen, sich vielleicht sogar gegenseitig bedingen. Sobald man mir einen Namen für die Pflanze nennt, die ich gerade in den Augen habe, taucht sie tatsächlich erst für mich auf. Davor ist dort nur ein Etwas, ein Hintergrund, der so unbestimmt erscheint, wie das meiste andere auch und ich denke an den einzigen Satz, den ich aus einem sprachphilosophischen Seminar behalten habe, dass die Grenzen meiner Welt eben tatsächlich vor allem die Grenzen meiner Sprache sind. Aber das erwähne ich meiner Mutter gegenüber nicht, die mit einer kleinen Gartenschere herumläuft, um sich am Hibiskus zu schaffen zu machen.

Auch die lange Auffahrt zu den Garagen ist neu. Das helle Kopfsteinpflaster wurde von zwei portugiesischen Arbeitern in einem sich ergänzenden Halbkreismuster verlegt. Auf dem Boden gehen Halbbögen kunstvoll ineinander über. Ich kann mir nicht ansatzweise erklären, wie man ein solches Muster aus nahezu quadratischen Steinoberflächen herstellt, ohne das an den geraden Rändern der Auffahrt Lücken oder Brüche entstehen. Die beiden Arbeiter brauchten nur zwei oder drei Tage für die gut fünfzig Meter lange Strecke, was mein Vater jedes Mal zur Sprache bringt, wenn er stolz über diese fachmännische Arbeit spricht.

„Die gesamte Auffahrt in drei Tagen“, sagt er bewundernd, „das ist doch wirklich nicht zu fassen!“

Als ich mit Felix das Haus betrete, sitzen die anderen bereits am Küchentisch und nach der Begrüßung machen wir uns gemeinsam über die Reste her, die vom Geburtstagsessen meiner Mutter übrig geblieben sind. Da ich erst vor einer Woche meine neue Stelle angetreten habe, gab es keine Möglichkeit, mitten in der Woche frei zu bekommen und deshalb habe ich die eigentliche Feier, die an einem Mittwoch stattfand, verpasst. Jetzt hole ich meinen Besuch nach. Außerdem haben sich einige Verwandte für das Wochenende angekündigt. Nachzügler, sagt meine Mutter. Ich schnappe ihren angespannten Untertun sofort auf.

Meine Mutter wirkt müde und gestresst, als ich mir ein weiteres Rippchen auf meinen Teller ziehe. Sie ist froh, dass ich gekommen bin und jetzt am Küchentisch sitze, aber ich sehe ihr an, dass die Geburtstagsfeier anstrengend für sie war und sie auch jetzt nicht entspannen kann. Sie denkt an die nächsten Gäste, an die kommenden Wochenenden, an die vielen anstehenden Besuche. Ein paar ihrer Tanten und Onkel kommen morgen und sie wäre lieber allein. Genau wie für mich bedeuten auch für meine Mutter Familientreffen in erster Linie Stress, wir gleichen uns in dieser Beziehung bis aufs Haar.

Nachdem wir gegessen und einige Neuigkeiten ausgetauscht haben, ziehen wir in das Wohnzimmer um, von dem aus der Waldrand gut zu sehen ist. Mein Vater bietet mir einen Cognac an, danach einen Whiskey. Ich sage zuerst ja zum Cognac, den ich bereits kenne, entscheide mich dann aber in letzter Sekunde doch noch für den Whiskey. Den restlichen Abend über nippe ich an meinem Glas, trinke es allerdings schließlich nicht aus. Wieder einmal fällt mir auf, dass ich für Whiskey absolut nichts übrig habe, doch aus irgendeinem Grund, vielleicht, weil mir insgeheim der Gedanke gefällt, ich hätte Ahnung davon und würde mich in dieser Beziehung ein wenig auskennen, versuche ich immer wieder, mich daran zu gewöhnen. Dabei weiß ich sehr genau, wie gleichgültig mir alle Genussdinge sind. Meine Zunge ist für sie nicht fein genug, außerdem halte ich ausgesuchte Getränke und besonders aufwändiges Essen für Zeitverschwendung und unterstelle denjenigen, die sich dafür interessieren, einen Hang zur Übertreibung, da sie das, was man schnell und praktisch erledigen kann, mit einem unverhältnismäßigen Aufwand zelebrieren.

Auf den Kommoden im Wohnzimmer stehen zahllose Blumenbuketts mit Glückwunschkarten, die restliche freie Fläche ist von Büchern und anderen Geschenken bedeckt. Meine Mutter ist sechzig geworden und deshalb fiel die Feier entsprechend groß und die Geschenke ebenso reichlich aus. Das meiste davon hat sie noch nicht angerührt, bislang blieb dafür keine Zeit. Im Laufe des Abends allerdings sieht sie sich hin und wieder eine Grußkarte an und greift schließlich nach einem Fotobuch.

Ihre beste Freundin aus Schulzeiten hat ihr dieses Buch geschenkt, eine Frau, an die ich mich nur undeutlich erinnern kann, deren Gesicht mir aber sofort etwas sagt, als meine Mutter es mir auf einem der während der Feier entstandenen Gruppenfotos zeigt. Ich erinnere mich auch an ihren Mann, einen stillen Physiker, der mir vor etwa fünfundzwanzig Jahren in seiner Wohnung zeigte, wie man ein leichtes, aus Holz gefertigtes Miniaturschiff in einer Glasflasche unterbringen kann. Die Segel und Masten liegen heruntergeklappt auf dem Holzkörper des Schiffes, dann schiebt man es vorsichtig durch den Flaschenhals und kann anschließend mithilfe eines Fadens die Mastkonstruktion vorsichtig aufrichten. Im Zimmer des Physikers standen Dutzende solcher Schiffe herum. In der Wohnung selbst herrschte eine eigenartige Stille.

Meine Mutter schlägt das Fotobuch auf. Die ersten Seiten zeigen viele Aufnahmen der Freundinnen, alle stammen aus der gemeinsam verbrachten Kindheit in Staßfurt. Meine Mutter sitzt an einem Tisch, ist etwa sieben Jahre alt, ich nehme an, dass man einen Geburtstag feiert, denn das Wohnzimmer, in dem diese Fotos aufgenommen worden sind, wirkt wie für ein Fest dekoriert. Viele Kinder laufen durch das Zimmer, manche sitzen am Tisch, andere sind auf den Fotos angeschnitten zu erkennen und verdecken einander, hier ist ein Gesicht, dort nur ein Rücken, es herrscht ein ausgelassenes Durcheinander. 

Meine Mutter scheint mit etwas beschäftigt, vielleicht mit der Vorbereitung eines gemeinsamen Spiels oder einer Bastelarbeit, die ich nicht genau erkennen kann. Sie wirkt sehr konzentriert, lächelt aber breit, weil sie weiß, dass sie im Fokus des Fotografen steht. Es muss ihre Geburtstagsfeier sein, denke ich, eine Geburtstagsfeier am Ende der Neunzehnsechzigerjahre in einem anderen Land, einer anderen Stadt. 

Als Kind hatte meine Mutter ein rundliches Gesicht. Sie trägt eine Art Pagenschnitt, den meine Großmutter Bubikopf nennt, ihre Wangen sind ausgeprägt und ihr Mund und damit ihr waches, ganz und gar ausgelassenes Lächeln ist groß und strahlt jenes Maß an Begeisterung und Lebensfreude aus, das den meisten Kindern instinktiv eigen ist und das sich erst mit den Jahren verliert. 

Ich betrachte die Züge dieses Kindes und obwohl sich das Gesicht im Laufe der Jahre verändert hat und zum Gesicht meiner Mutter geworden ist, erkenne ich doch die Ähnlichkeit zwischen diesen beiden Menschen, zwischen dem Kind und der Erwachsenen, die meine Mutter ist, ich erkenne diese Ähnlichkeit und ich erkenne sie auch nicht, es ist ganz eigenartig, als versuchte ich, zwei Bilder übereinzubringen, die auf den ersten Blick verschieden sind, sich bei näherer Betrachtung allerdings als ähnlicher erweisen, als man anfangs dachte. Irgendetwas Verbindendes gibt es da und diese Verbindung hängt einerseits natürlich mit den Zügen zusammen, mit den Augen meiner Mutter, ihrem Mund und dem Lächeln, das heute noch genauso ist wie damals, andererseits aber liegt diese Verbindung hinter allen Details der Gestalt, der Haut, der Oberfläche, es ist eine Art innerer Ausdruck, den das Kind schon besessen hat und den meine Mutter heute noch in manchen Augenblicken ungehinderter Freude besitzt. Dann ist dieses Kind dort auf dem Foto plötzlich wieder da, als wäre es durch die Jahrzehnte hindurch gelaufen und stünde mit einem Mal im Raum, noch immer mit dem gleichen Lächeln von damals, dem niemand etwas anhaben kann, nicht die Menschen und nicht die Zeit, die unablässig vergeht, gegen die man sich auch nicht zur Wehr setzen kann, weil man ihr unterliegt, weil sie vielleicht auch kein Feind ist und während ich das Foto betrachte, wird mir klar, das ich am Ende weder meine Mutter noch das Kind, das sie gewesen ist, vollständig erkenne, sondern etwas, das hinter ihnen liegt und sie aneinander knüpft, dieser Mensch wahrscheinlich, der sich in keinem Alter fassen lässt und doch immer hinter den veränderlichen Oberflächen wartet, der sich zum Beispiel in diesem Lächeln zeigt, das alle Jahre überdauert.

Auf die Kindheitsfotos folgen Aufnahmen kurz nach dem Abitur. Meine Mutter ist zwanzig und unternimmt mit ihrer Freundin eine Reise auf dem Fahrrad durch den Thüringer Wald, ein Unternehmen, wie sie mir jetzt erklärt, das beide damals völlig unterschätzten. Sie fahren eine ganze Woche durch das Land, schlafen im Zelt, die Leute reagieren überall freundlich auf die beiden jungen Frauen. Es gibt Aufnahmen mit einem älteren Mann, der in die Kamera lächelt und mit dem meine Mutter und ihre Freundin zufällig ins Gespräch gekommen sind.

Wir betrachten die Aufnahmen und verstummen irgendwann. Die vergangene Zeit holt uns schließlich ein. Ich weiß, wie meine Mutter auf diese Fotos blickt, sie sieht die Zeit genauso wie ich selbst, wir beide sind Melancholiker, für uns steckt in der Erinnerung stets auch die Bitternis und je länger man sicher erinnert, umso stärker scheint sie zu werden. 

Die Ähnlichkeiten zwischen den Eltern und ihren Kindern sind manchmal verblüffend, es nicht nur die äußere Ähnlichkeit, sondern auch die Entsprechung der Gesten, der Sprache, die auf die vielen gemeinsam verbrachten Jahre deuten. Im meinem Elternhaus stand in einem der Bücherregale, irgendwo dort, wo ich später Juan Rulfo fand, das einzige Foto meiner Mutter, eine Aufnahme in winzigem Hochformat. Das gerahmte Bild zeigt das Porträt einer Frau Anfang zwanzig im Halbprofil, sie studiert Geologie in Freiberg, vielleicht ist dieses Foto sogar in Freiberg entstanden, dort, wo auch Novalis Bergbau studierte. Der Fotograf, der womöglich mein Vater ist, hat meine Mutter in einer weiteren, für sie so typischen Geste festgehalten. Sie schaut nachdenklich, vielleicht sogar ein wenig ängstlich oder überrascht aus dem Bild, blickt dabei nicht direkt in das Objektiv, sondern knapp an diesem vorbei. Ihre rechte Hand hält sie zu einer schwachen Faust geballt vor ihrem Mund, der Zeigefinger ruht auf der Oberlippe, der Daumen auf dem Kinn. Es ist diese Geste, bei der ich mich selbst bis heute ertappe, wenn ich unaufmerksam bin und abschweife, irgendwelchen Gedanken nachhänge, es ist, als hätte sich diese Geste auf mich vererbt, als hätte ich sie mir nicht von meiner Mutter abschauen müssen, als wäre sie immer schon für uns beide verfügbar gewesen als einzig brauchbarer Ausdruck für diese nachdenkliche Stimmung und wenn ich mir die Geste doch abgeschaut haben sollte, dann nur, weil ich in ihr die Brauchbarkeit des Ausdrucks erkannte, eine Geste, mit der sich genau das bezeichnen lässt, was man bezeichnen muss in Momenten, in denen man sich selbst vergisst, um nach draußen zu schauen, direkt in die Wipfel der Eschen hinein, durch das Glas der Fensterscheiben hindurch, das man nicht mehr wahrnimmt, genauso wenig wie die Eschen selbst oder den Wald, versunken in sich selbst, weit weg.

Samstag, 3. Juli

Es ist Juli und damit ist die Hälfte des Jahres erreicht. Wir werden heute in den Park fahren, um Ks Geburtstag mit einigen Freunden zu feiern, das Wetter ist glücklicherweise gut und die Sonne scheint, schon morgen aber soll es wieder gewittern. K hat den gestrigen Abend in der Küche mit einigen Vorbereitungen für das Essen verbracht und auch jetzt steht sie am Herd und rührt irgendetwas an. Ich höre das Klappern des Geschirrs, die rumpelnde Spülmaschine, unseren Wasserkocher und kurze Zeit später steht sie plötzlich im Schlafzimmer neben dem Bett.

„Ich habe mich geschnitten“, flüstert sie.

„Ist es schlimm?“, frage ich.

Sie nickt.

Ich sage ihr, sie solle mit mir ins Bad kommen und sage das wie immer ein wenig unwirsch und kurz angebunden, was mich sofort an meinen Vater erinnert. Ich schäme mich gleich für diese Grobheit, die meine Fürsorge kaschiert. Ich weiß nicht, warum ich nicht einfach mit nervösem Mitleid reagieren kann, warum ich nicht sage, tut es weh?, kein Problem, wir machen das schnell, es ist nicht der Rede wert. Stattdessen sage ich mit ernstem, kühlen Gesicht und einem mir ansonsten völlig unbekannten Befehlston, ab ins Bad, als hätte sie etwas falsch gemacht und würde mich darüber hinaus noch aus irgendeinem Grund stören. 

Während ich in unserem chaotischen Arzneischränkchen, das eigentlich nur ein kleiner, überfüllter Korb voll abgelaufener Medikamente ist, nach einer Wundkompresse und einem Verband suche, steht K wortlos neben mir und betrachtet das Geschehen. Sie hat sich Küchenrolle um den linken Zeigefinger gewickelt und wartet ab. Wie ein kleines Kind muss ich sie anhalten, die Wunde unter dem Wasserhahn zu waschen, was sie auch sofort macht. Unter dem durchsichtigen Strahl ist der Schnitt kaum zu erkennen, das Wasser spült das Blut augenblicklich fort, doch sobald sie ihren Finger aus dem Wasserstrahl zieht, wird der Schnitt an der Kuppe ihres Fingers erkennbar. Das Blut tritt an die Oberfläche, taucht aus dem Inneren des Körpers auf, es bildet zunächst noch einen Hintergrund oder einen Rahmen, der um den Schnitt herum verläuft und dann bilden sich tropfen und diese Tropfen sammeln sich und fließen schließlich an der Haut in feinen Adern entlang, um in das weiße Waschbecken zu fallen.

K hält ihren Finger noch einmal unter das Wasser, danach sprühe ich Desinfektionsmittel auf die Wunde. Ich lege die Kompresse um ihren Finger, schneide mit einer Schere die überstehenden Enden auf und fixiere das Ganze mit einer langen Mullbinde, die ich einige Male um ihren kompletten Finger wickele, wobei ich mir sofort wie ein Krankenpfleger in einem Feldlazarett vorkomme, dabei weiß ich nicht einmal, ob ich diesen Verband richtig anlege oder ob man heutzutage überhaupt noch von Lazaretten spricht. 

Wahrscheinlich schon, denke ich dann. Das Militär hält ja stets am längsten an einmal eingespielten Begriffen fest.

Als ich fertig bin, suche ich vergeblich nach unserem Heftpflaster, um meine Mullbindenkonstruktion, die den Umfang von Ks Zeigefinger verdreifacht hat, zu fixieren. Aber natürlich ist das Pflaster nirgends zu finden. Deshalb laufe ich den Flur, greife mir das gelbe Malerband von unserem Schränkchen, auf dem sich stapelweise ungeöffnete Post mit Keramikschalen voller Münzen, Batteriepackungen, Sonnencremetuben und Ks Schminkutensilien vermischen, und verklebe damit den Verband.

Ich frage K, ob sie ihren Finger noch bewegen und anwinkeln kann. Sie wackelt ein wenig mit dem weißen Mumienfinger und wir beschließen gemeinsam, dass dieses Ergebnis fürs Erste ausreichen muss.

Kurz vor zwei klingelt es an unserer Wohnungstür und Augenblicke später steht Ks Schwester in unserem Flur. Tanja hat sich bereit erklärt, uns beim Transport der vielen Dinge helfen, die K gestern und heute zusammengestellt hat und ist deshalb mit ihrem Auto gekommen. Es gibt eine graue Kühltausche voller Bier, eine IKEA-Tüte mit selbst gebackenem Foccacia, verschiedene Tupperdosen, darunter auch eine größere Schüssel mit einem Nudelsalat nach dem Rezept meiner Mutter, was mein einziger Beitrag zum Picknick bleibt. K hat auch eine neue Campingdecke über Amazon gekauft, dazu Geschirr aus Maisstärke, das natürlich besser ist als Plastik. Wir haben eine Flasche Sekt und einige Flaschen Wasser dabei und unsere Wohnung befindet sich aufgrund der Vorbereitungen in heillosem Durcheinander, was mich wahnsinnig macht, doch ich weiß, dass eine Bemerkung, die auf das Chaos hinweisen würde, nur zu Streit führte und deshalb lasse ich es bleiben und greife stattdessen nach der Kühltasche, die sicher fünfzehn Kilo wiegt.

Wir laden alles in das Auto und ich setze mich auf den Beifahrersitz, um Tanja den Weg in Richtung Park zu zeigen. Als sie den Motor startet, springt das Radio in ohrenbetäubender Lautstärke an. Wie immer läuft bei Tanja jene Sorte Metal, die ich hasse, Dudelsäcke zwischen Gitarren, Falsettstimmen, es ist nicht zum Aushalten und da ich mich lautstark beschwere, beginnt sich Tanja zu verteidigen.

„Das ist ein neues Album mit Weltmusikeinflüssen“, ruft sie über ein nervtötendes Gitarrensolo hinweg. „Das ist totale Klasse!“

„Das ist der absolute Müll!“, sage ich genervt, drehe das Radio leiser und der Schmerz lässt augenblicklich nach.

Zehn Minuten später halten wir vor einem der Parkeingänge. Während Tanja nach einem besseren Parkplatz sucht, tragen K und ich die tonnenschweren Beutel zur vereinbarten Stelle im Ruhebereich. K feiert mit Tim, der heute Geburtstag hat und wir haben uns über GoogleMaps eine gut zu erreichende Stelle im Luisenpark ausgesucht und sie an alle Freunde geschickt. 

Als wir ankommen, steht die Sonne hoch und es ist heiß. Viele Familien sitzen im Schatten der Bäume, was sicher auch am Spielplatz liegt, der sich in unmittelbarer Nähe befindet. Wir breiten die mitgebrachten Decken aus und ich spüre, wie ich allmählich ruhiger werde. Den ganzen Vormittag über habe ich versucht, mir meine Anspannung nicht anmerken zu lassen, denn normalerweise meide ich jede Party, ich mag es nicht unter vielen Leuten zu sein, auch wenn das dumm ist, wie ich weiß, und niemals annähernd so schlimm wird, wie ich es mir im Vorfeld ausmale.

Ich ziehe meine Crocs aus, laufe durch das warme Gras und schaue mir einen Baum mit merkwürdigen Früchten an, in dessen Schatten wir uns ausgebreitet haben. Ein schmales Messingschild macht darauf aufmerksam, dass es sich hier um einen Taschentuchbaum handelt, was wahrscheinlich der unpoetischste Name für eine Pflanze ist. Esche, Ulme und Eiche klingen nach Jahrhunderten, vielleicht sogar nach Jahrtausenden, die Zeit hat sich in diese Bezeichnungen eingegraben, die nicht einmal richtig deutsch klingen, sondern weitaus älter und mich an indogermanische Wurzeln denken lassen und diese ganze Geschichte einer im Fluss befindlichen Sprache, die immer auch Elemente in sich trägt, die sich der Veränderung störrisch widersetzen. Im Vergleich mit diesen abgründigen Namen ist der Taschentuchbaum zu bemitleiden und ich denke an einen Botaniker, der sich da einen kleinen Scherz erlaubt hat, der am Ende einfach haften geblieben ist. So etwas gibt es ja immer wieder.

Die Freunde kommen nach und nach. Sie alle bringen eigene Decken mit und wir stellen schnell fest, dass wir das gleiche Modell über Amazon gekauft haben. Nur die Muster auf der Oberseite variieren. Anna braucht eine Dreiviertelstunde, bis sie unseren Standort findet, den wir ihr zugeschickt haben und erklärt, verträumt und in sich gekehrt wie stets, sie habe noch einen Spaziergang gemacht und sich den Park angesehen, der wirklich klasse sei.

Vögel fliegen über uns, darunter ein großer Reiher, der hinter den Bäumen verschwindet, die Krähen allerdings warten in gehörigem Abstand, während wir uns über das Essen hermachen. Wir sprechen über die Arbeit, über anstehende Hochzeiten, über Filme und unsere Impfungen. Ulrike und Sarah fragen mich, ob ich noch schreibe, was ich zurückhaltend bejahe, um dabei zu hoffen, die anderen bekämen es nicht mit, denn mir fällt es weiterhin schwer, über mein Buch zu sprechen. Ich komme mir jedesmal vor, als würde ich etwas behaupten, statt auf eine Realität hinzuweisen, obwohl ich insgeheim weiß, dass es sich hier um eine Realität handelt. Ich behaupte nichts mehr, ich male mir nichts mehr aus, das alles passiert ja wirklich, aber diese Rolle anzunehmen, fühlt sich noch immer falsch und wenn nicht falsch, dann doch zumindest fremd und eigenartig an, als machte ich mir etwas vor.

Ich erzähle vom Roman, den beide spannend finden, was ich insgeheim für eine freundschaftliche Lüge halte, denn was ich erzähle, ist völlig konfus und trifft nicht im Ansatz den Kern des Buches. Aber Ulrike und Sarah erklären sofort, sie würden den Roman vorbestellen und ich antworte, dass ich ihnen einen Link schicken werde, obwohl ich mir in diesem Augenblick nicht sicher bin, das auch wirklich zu tun. Was will ich damit erreichen? Die Freunde mit Links bombardieren, damit sie etwas bestellen, das sie doch eigentlich auch so erhalten müssten? Als Autorenexemplar zum Beispiel?

Nachdem ich mir ein weiteres Bier geholt habe, setze ich mich wieder auf die Decke und betrachte den Park. Am Spielplatz herrscht ein wildes Durcheinander, die aufgeregten Stimmen der Kinder und die mahnenden Stimmen der Erwachsenen dringen von dort bis zu uns hinüber. Im übrigen Park dösen die Leute auf blauen Liegestühlen aus Metall, einige lesen, andere scheinen zu schlafen oder beobachten die Gänse, die in kleinen, ziemlich bedrohlich wirkenden Gruppen über die Wiese patrouillieren und dabei so tun, als würden sie sich durch niemanden einschüchtern lassen. Meine Freunde unterhalten sich miteinander und ich kann nicht glauben, was wir alles tun, dass wir verschiedene Salate und Dips, Kuchen und Cupcakes für einen gemeinsamen Nachmittag bereits zwei Tage im Voraus zubereiten, während wir uns vor zehn Jahren völlig unvorbereitet trafen, jeder mit einigen Flaschen Bier im Rucksack und natürlich ohne jede Decke und dann saßen wir bis in die Nacht beinander und sprachen über alles mögliche, über die Bücher, über die Filme, über die unmögliche Zukunft und während wir über das alles redeten, zog die Dunkelheit auf, die Nacht brach herein, die Sonne verschwand und mit der Sonne das Licht, so weit, bis die Laternen im Volkspark plötzlich mit einem leisen Knistern aufleuchteten und die am Tag wie eine Steppe wirkende, ausgezehrte Wiese im Zwielicht verschwand. 

Sobald das Bier ausgetrunken war, standen wir auf, griffen nach unseren Fahrrädern und liefen gemeinsam zu einem Kiosk, um aus den großen Kühlschränken mit Glasfront weitere Bierflaschen zu ziehen und in einer solchen Nacht schien in gewisser Weise alles möglich zu sein und damit meine ich alles, nicht nur ein Teil, nicht eine Handlung, eine Form von Beweis, sondern wirklich alles. Doch das fiel mir damals nur selten auf. Meist fiel es mir auf, nachdem ich längst zu Hause angekommen war und allein in meinem Bett lag. Dann dachte ich an diese riesige, alles unsichtbar überziehende Möglichkeit, deren Existenz ich somit erst im Nachgang verstand, eine Möglichkeit, die bereits hinter mir lag, die ich überlebt hatte und diese Möglichkeit ging in einer ungewissen, schwer zu beschreibenden Nähe auf, die sich heute, zehn Jahre später, nicht mehr einstellen will, vielleicht, weil man für eine solche Nähe einen jüngeren Kopf braucht, jüngere Sinne, jüngere Gefühle. 

In jenen Nächten damals, kurz bevor das Warten auf das Unvorstellbare (denn es brauchte ja gerade die Nacht für ein unvorstellbares Ereignis, für das unerwartete Auftauchen eines anderen, eines Mädchens zum Beispiel, deren plötzlichem Erscheinen ich regelrecht entgegen fieberte, als läge darin eine Rettung), kurz bevor das Warten auf das Unvorstellbare endlich in Enttäuschung umschlug, steigerte sich die Sehnsucht bis zum Schmerz und das Leben wirkte mit einem Mal unfassbar nah, als ließe es sich mit Händen berühren, als genügte ein simples, vielleicht sogar alltägliches Wort, um alles zu verwandeln, jeden Zentimeter des Gewohnten neu, aufregend und unbeschreiblich tief pulsieren zu lassen und ich näherte mich diesem Punkt, an dem das Neue begann, das neue Leben, ich näherte mich ihm in meinen Nächten und dachte später über das Näherrücken nach, dann, als alles längst vergangen war und ich nur noch die Erschöpfung und Müdigkeit spürte, die der Tag und die Nacht übrig gelassen hatten.

Kurz nach acht sind die meisten Freunde verschwunden und wir sammeln die Reste ein, schütteln die Decken aus, transportieren die leeren Bierflaschen zu einem der Müllkörbe, um sie auf dem Boden in einem Halbkreis abzustellen. Wir packen unsere Rucksäcke und Taschen, die Kühlaggregate strahlen noch ein wenig Kälte ab, nur die Hälfte der vorbereiteten Salate und gebackenen Brote wurden gegessen, aber das macht nichts. Wir laufen gemeinsam los, unterhalten uns weiter. Das sind Gespräche, die Erwachsene führen, denke ich, Gespräche, die in Tagen denken und in Urlauben rechnen, genau eingeteilte Leben mit einem bestimmten Horizont, der nicht unbedingt eng ist, aber ganz sicher auch nicht weit, und wir laufen nebeneinander her und während wir so laufen, frage ich mich, wie ich diese Gruppe damals, vor zehn Jahren, betrachtet haben würde. Was wäre mir durch den Kopf gegangen, damals, als ich vierundzwanzig, fünfundzwanzig, sechsundzwanzig Jahre alt war und ich drehe mich mit dieser Frage im Kopf zu jener Stelle auf der Parkwiese um, auf der eben noch unsere neuen Picknickdecken lagen und entdecke drei Krähen im Landeanflug, die sich im nächsten Augenblick auf dem plattgedrückten Gras niederlassen und dann sofort damit beginnen, unsere Hinterlassenschaften begeistert zu plündern, aber ich, ich sehe in diesem Moment nur das Gras und nicht das, was die Krähen dort voller Euphorie entdecken.